HEFT 01/2004 | Editorial | SEITE 81

 

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

als mir vor anderthalb Jahren Hans Bergel nach einem Interview seinen Artikel über den antikommunistischen bewaffneten Widerstand in Rumänien gab, dachte ich zunächst an eine Veröffentlichung unter "Schauplätze". Der Entschluß, dieser Wider­standsform das Schwerpunktthema eines Heftes zu widmen, reifte erst nach einigen Recherchen. Sie ergaben, dass dieses Thema, sowie die Zeit vom Ende des 2. Weltkriegs bis zur Stabilisierung der kommunistischen Regierungen in den osteuropäischen Staaten – in der DDR wurden sie als "Volksdemo­kratien" bezeichnet – in Deutschland nur wenig erforscht und diskutiert wird. Gründe hierfür sind u. a. die unbefriedigende Quellenlage, mangelnde Sprachkenntnisse und das allgemein sehr geringe Interesse für osteuropäische Themen. Zudem ist die Überlieferung oft nicht sonderlich vertrauenswürdig.

Die Schauplätze und Merkmale des bewaffneten Nachkriegswiderstands in Osteuropa können wir im folgenden allenfalls beispielhaft darstellen. Bernhard Chiari konzentriert sich in seinem Beitrag über die Heimatarmee in Polen auf die Zeit der deutschen Okkupation, Ruth Leiserowitz zeichnet ein differenziertes Bild von den Waldbrüdern in Litauen, Petr Blažek schildert zusammenfassend den in der Tschechoslowakei überwiegend friedlich agierenden "3. Widerstand". Roland Hofwiler beleuchtet Hintergründe bewaffneter Widerstandsformen in Jugoslawien und deren Auswirkungen bis in die Gegenwart hinein. Schließlich erinnert Anita Treguboff an das Leben ihres Mannes, Jurij Andrejewitsch Treguboff, der sich seit den 30er Jahren für ein diktaturfreies Rußland eingesetzt hat.

Dabei werden länderübergreifende Gemeinsamkeiten deutlich: in den – oft unterschiedlichen, mitunter sogar gegensätzlichen – Motiven der Widerständigen, in der verzweifelten und schließlich enttäuschten Hoffnung vieler, dass ihnen der Westen zu Hilfe komme, in der unglaublich brutalen Kriegsführung oder in der Verschleierung der Ereignisse nach den Siegen der Regierungstruppen bzw. mitunter auch Verklärung durch ehemalige Widerständler. Dies zusammengenommen berechtigt, trotz aller Unterschiede von einem übergreifenden (ost)europä­ischen Phänomen zu sprechen.

Das Geschehen wird selbst von jenen, die den antikommunistischen Widerstand bejahen, differenziert gesehen und bewertet. Neben Hans Bergels Sicht als Zeitzeuge haben wir die Erkenntnisse William Totoks gestellt, der einer anderen Generation angehört und die Ereignisse sehr viel kritischer betrachtet – ein exemplarischer Fall, der zweifellos auch auf andere Länder zutrifft. Es werden noch erhebliche Anstrengungen nötig sein, um ein angemessenes Bild dieses Widerstandes zu erhalten.

Ein Artikel über den Tschetschenienkonflikt in der sowjetischen Zeit hat uns leider zu spät erreicht. Wir hoffen, ihn in einer der nächsten Ausgaben abdrucken zu können.

Im Feuilleton stellen wir einen literarischen Text von Teet Kallas vor, ein wegen seiner Erstveröffentlichung in der Zeit der Perestroika 1989 interessantes Zeitdokument, das zeigt, wie im damals noch existierenden Sowjet-Estland der Sinn des Krieges nach dem Krieg radikal hinterfragt wurde.

Wir möchten auch auf den Beitrag über die  "Charta 77" von Tomáš Vilímek hinweisen, der eine sehr gute Übersicht über die verschiedenen Strömungen dieser Gruppierung bietet.

Aus aktuellem Anlaß haben wir einen Artikel von Thomas Widera über Wehrdienstverweigerungen in der DDR aufgenommen. Vom 3. – 5. September 2004 findet anlässlich des 40. Jahrestags der Bausoldatenverordnung in Potsdam ein Kongreß statt, zu dem Sie unter www.bausoldatenkongress.de Näheres finden können. Unsere nächste Ausgabe wird sich hauptsächlich diesem Thema widmen. Ebenfalls aus aktuellem An­lass hat Martin Jander den gegenwärtigen Streit zwischen Opfer­verbän­den und politischen Parteien um das Gesetz zur Errichtung der Stiftung Sächsischer Gedenkstätten zusammengefasst.  

Unser Heft kommt wegen der Erkrankung eines Kollegen verspätet, wir bitten dies zu entschuldigen.

Im Namen der Redaktion
Dirk Moldt

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