Heft 45/2004 | Feuilleton | Seite 22 - 27

Teet Kallas

Zwei Mann am Tisch

Seit einiger Zeit hatten Scharen von Waldbrüdern die Gegend, in der in jenem weit zurückliegenden Sommer Leutnant Pettai seinen Dienst versah, unsicher gemacht. In der Amtssprache wurden die Waldbrüder Banditen genannt, der Kampf gegen sie aber meistens als Klassenkampf bezeichnet. Darüber, ob Banditen eine Klasse sind, zerbrach sich Pettai seinen Krauskopf nicht, das waren Bücherweis­heiten, für die ihm Zeit und Interesse fehlten. Diese Jahre bedeuteten für ihn vor allem Dienst; anfangs hatte er ja hierüber noch seine eigenen Ansichten gehabt, später aber betrachtete er die Sache nur so. Nur so! Dessen war sich Pettai bewußt, daß er eine richtige und wichtige Arbeit machte. Arbeit bedeutete für ihn alles. Manche meinten, er hätte eine Ader für diesen Beruf, andere hingegen, daß er eigentlich mehr Glück als Verstand habe. Wie dem auch sei, die Waldbrüder nahmen Pettai jedenfalls ernst. Dreimal erwischte es ihn, aber jedesmal war er schon nach einer Woche völlig wiederhergestellt und konnte erneut seinen Dienst aufnehmen.

Der hochaufgeschossene Bauernbursche mit dem schwerfälligen Gang hatte seine Offiziersschulterstüc­ke aus dem Krieg mitgebracht. Als er, zwei Medaillen an der Brust und ebenso viele Sterne auf den Schulterstücken, sein Heimatdorf erreichte, führte ihn die Nachbarin zu den Gräbern im Nußgehölz zwischen den Hügeln. Sie berichtete ausführlich, was im Herbst 1941 mit der Neubauernfamilie geschehen war.

Genaugenommen war das eine südestnische Tragödie, wie sie sich häufig ereigneten.Was mochte Pettai damals im Innern durchlebt haben? Niemand vermag das zu sagen. Als er so zwischen den Hügeln stand, ließ er keine Silbe verlauten, zog nur die Offiziersmütze tiefer ins Gesicht, fuhr, ohne den eigenen Hof betreten zu haben, stracks in die Kreisstadt und meldete sich bei der Dienststelle des NKVD.

[...] Wie gesagt, man nahm ihn ernst. Die eigenen Leute und auch die Gegner sprachen irgendwie bedeutungsvoll, ja ein bißchen abergläubisch über ihn. Man erzählte sich von ihm Geschichten, die zum Teil Legenden wurden. Und obwohl man ihn fürchtete, gab es viele, die unter ihm dienen wollten. Selten kam jemand von seinen Leuten ums Leben. Es dauerte nicht lange, und Pettai wurde zum Oberleutnant befördert.

Freunde hatte er keine. Er war kräftig gebaut, finster und in sich gekehrt. Nicht einmal ein Zimmer mietete er sich im Städtchen, sondern übernachtete lieber im vollgequalmten Amtszimmer. Als Decke diente ihm der Uniformmantel, die Kartentasche oder ein Stoß alter Schnellhefter legte er sich unter den Kopf. In gelehrte Bücher vertiefte er sich nicht und strebte auch keinen hohen Posten an. Zeitungen las er allerdings, wobei sich zwischen den Brauen zwei senkrechte Falten bildeten und er die Lippen bewegte. Anstatt Papiros oder Zigaretten rauchte er gewöhnlich Selbstgedrehte. Für diesen Mann war der Krieg noch nicht zu Ende.

Ab und an zeigte er sich bei den anderen. Dann erstarb alles Lachen, und aller Mienen wurden sachlich. Sorglosigkeit war hier nicht am Platz, der Klassenkrieg war ernst zu nehmen. Wohl setzte sich Pettai auch mal an den Tisch, spielte ein paar Partien Dame, verlor meist, ohne sich darüber zu ärgern; war Schnaps vorhanden, kippte er sich etliche hinter die Binde, keinesfalls weniger als andere. Viel schien ihm das nicht auszumachen, bloß das Gesicht lief rötlich an; den Blick gesenkt, die gefalteten Hände zwischen den Knien, saß er eine Weile da, um dann jäh aufzustehen und in seinen Schlafraum zu gehen.

In einer Augustnacht neunzehnhundertachtundvierzig um­­zingelte Pettais Gruppe eine Bande, die arglos in einer Scheune am Waldrand schlief. Die Waldbrüder hatten vorher in der Sauna des Waldhüters ein Bad genommen, sich dort ausgetobt und danach den Kopf mit Fusel benebelt. Es war die Bande des Kokkota, eine der berüchtigsten der Gegend, die schwer zu fassen war.

Obwohl die schlaftrunkenen und verkaterten Waldbrüder zu den Waffen griffen, gab es keinen einzigen Knall. Die Gewehre hatten keine Schlösser! Die ganze Geschichte war eher kläglich und sinnlos. Die Männer traten einzeln, mit erhobenen Händen aus der Scheune in den hellen Mondschein. Dort stapften sie auf der Stelle, ratlos und in ihr Schicksal ergeben, ein Dutzend einfacher estnischer Männer in Lumpen, doch nach dem Bad sauber und frisch rasiert, sogar die Haare noch feucht und zerzaust.

"Du, Ants, kannst nun wieder zu deinen Leuten gehn. Es genügt."
Als einer der Waldbrüder zu den Tschekisten trat, tasteten ein paar andere unwillkürlich nach der nicht vorhandenen Waffe.
"Hände hoch", sagte der Oberleutnant gleichmütig. "Ich bin Pettai, vielleicht habt ihr schon von mir gehört. Ants, ist der ganze Haufen beisammen?"

Der Student-Korporant, Kommunistenhasser und Schürzenjäger, ein gebildeter junger Mann mit herrenhaften Manieren, Schöner Hans genannt, schon seit dem Frühjahr im Walde, hatte vor der Umzingelung über den ruhigen Schlaf der Saunagäste gewacht und antwortete nun in heiterem Ton:"

Alle Mann hoch, nur Kokkotas Knappe, oder auch Adjutant, fehlt. Aber dieser Endel ist ein kleiner Fisch, hat nicht mal ‘ne richtige Waffe, einfach eine Büchse zum Entenschießen. Ist Fusel holen gegangen."

Diesen Ants hatte man Pettai zur Verstärkung aus Tallinn geschickt. Er war in der Tat ein ehemaliger Student und Korporationsmitglied, nichts war hier gefälscht. Den Krieg hatte er im Estnischen Korps mitgemacht. Jetzt arbeitete er bei der Staatssicherheit. Das war eine ganz gewöhnliche Sache.

Pettai nickte zustimmend, erteilte, ohne die Stimme zu heben, seine Anweisungen, ein paar Soldaten sammelten in der Scheune die Waffen ein, die übrigen ließen die Gefangenen in Reih und Glied antreten und führten sie ab."
Du, Ants, begleitest die Kameraden", sagte Pet­tai. "Kokkota bleibt hier."

Das war für Pettai eine schon recht lange Rede. Mag sein, daß seine letzten Worte ein kurzes Zaudern hervorriefen, irgend etwas war vielleicht nicht ganz verständlich, doch niemandem merkte man etwas an. Keiner der Abgeführten drehte sich um. Auch Ants nicht. Über Ants noch soviel, daß er im nächsten Winter auf einer Bahnstation bei Tallinn tot aufgefunden wurde. Jetzt aber verfolgte Pettai schweigend und mit unbeweglicher Miene, wie die Kolonne aus dem bläulichen Mondlicht ins Walddunkel tauchte. Kokkota würdigte er keines Blickes. Der stand, ebenfalls sehr groß und stämmig, mit hellem, leicht gewelltem Haar, würdevoll schweigend, an der Scheunenwand. Mondschein fiel auf sein ebenmäßiges Gesicht, das ausdruckslos und völlig ruhig war. Erst nach einer Weile sagte er:
"So haben wir uns nun wieder getroffen, Sohn des Altsauna‑Kätners."
"Ja, wir haben uns getroffen, Sohn des Hofbauern. Ich habe dich lange gesucht."
Erst jetzt richtete Pettai den Blick auf den anderen.
"Ich dich auch", erwiderte Kokkota. "Im April meinte ich schon, ich hätte dir tüchtig eins verpaßt. Dort, bei der alten Kalkbrennerei.
"Kein Muskel zuckte in Pettais Gesicht, nur seine Hand machte eine wegwerfende Gebärde. Es war wie eine Geste des Verzeihens. Was im Kriege nicht alles passiert!
"Ja, das ist nicht mehr unser heimatlicher Fichtenwald, wo wir mal mit den Zapfen Krieg gespielt haben", meinte Kokkota. "Willst du eine rauchen?"
"Ich habe selber welche." Beide steckten sich ihre Glimmstengel an, Kokkota eine Papiros, Pettai seine Selbstgedrehte. Sie standen sich im Abstand von etwa zehn Schritten gegenüber.
"Wer ist eigentlich dein Endel?" fragte Pettai.
"Ah, den kennst du nicht? Er kam im Krieg aus einem weit abgelegenen Dorf. Wohl im Sommer dreiundvierzig. War Knecht bei uns. Tüchtig. Schade nur, daß er ein wenig verdreht ist. Uninteressant für dich. In den Wald kam er auf mein Geheiß. Was heißt hier, Geheiß [...] Wohin sollte er auch [...] "Soso [...]"

Die Männer unterhielten sich still und ruhig wie zwei alte Bekannte, die sich nach langer Zeit getroffen hatten." Und den Waldhüter zu zwiebeln hat auch keinen Zweck", fügte Kokkota nach einer Pause hinzu, in der sich die beiden mit scheinbar abwesendem Blick musterten. Offenbar wollte sich Kokkota von seiner edlen Seite zeigen, denn was er dann sagte, klang nachdrücklich: "Wir waren erst das zweite Mal bei dem Mann. Und der Alte sträubte sich, soweit es ging. Du verstehst [...]"
"Ich weiß", sagte Pettai wie beiläufig. "Der Waldhüter ist unser Mann, Kokkota. Und der Fusel, den ihr gesoffen habt, ist ebenfalls eine Bewirtung unsererseits, Kokkota."
"Oh, du Deibel!" In Kokkotas Stimme klang Wut und Verwirrung, auch ehrliche Bewunderung mit. "Also, das hätte ich doch wissen müssen... Du bist von klein auf still und hinterlistig gewesen... Nun, die Trümpfe sind in deiner Hand, du hast das Spiel gewonnen."

Nun haftete Pettais Blick fest auf dem anderen. Lange und seltsam.
"Sprich, sprich", sagte er.
Kokkota biß sich auf die Lippen und änderte den Ton. Achselzuckend fuhr er fort, als hätte er sich in sein Los gefügt.
"Ja, so ist das [...] Ich werde eurem Untersuchungsrichter alles sagen. Oder wem noch? Dem Staatsanwalt oder dem Richter [...] Ich werde aussagen, wenn mir das paßt. Und wenn ich nicht will, dann eben nicht. Ich bin kein Dummkopf, Pettai. Du müßtest es doch wissen, ganz dumm bin ich nie gewesen. Ich weiß, was mir blüht. Für mich kommt’s aufs gleiche heraus, ob ich rede oder nicht. Meine blauen Bohnen bekomme ich in jedem Fall. Natürlich kann ich diese Sache ein wenig aufschieben [...] Solln sich eure Untersuchungsrichter erst ein bißchen bemühn, sich im Lesen und Schreiben üben, das würde ihnen nur nützen, bei ihrer schwachen Bildung [...] Ja, sollen sie sich üben."

Das war wohl als Scherz gemeint. Der Vollmond hing über der Waldheide, es ging um Leben und Tod, alles wirkte schrecklich theatralisch. Pettai aber sagte: "Den Untersuchungsrichter bekommst du nicht zu Gesicht." Kokkota machte eine Bewegung und drückte den Papi­rosstummel an der Zündholzschachtel aus.

"Hör mal, Pettai, du wirst doch nicht etwa einen Wehrlosen erschießen? Oder tust du’s doch, roter Ideenmensch? Dazu also hast du mich hierbehalten? Feiner Junge, wirklich fein [...] Und ich dachte, du willst dich mit einem alten Bekannten über Gott und die Welt unterhalten [...] Vielleicht soll ich reden? Weißt du, die Russen und deine eignen Kommus-Kommandeure werden dich dafür bestimmt nicht loben. Die bräuchten mich lebendig. Ich weiß viel. Sehr viel. Hörst du mich, Pettai?"

"Loben werden die mich nicht." Pettai nickte bedächtig mit dem Kopf. "Ganz sicher wird’s mir mies gehn. Aber wozu das alles erörtern, Kokkota? Hatten die vierzig Leute, die Hälfte Frauen und Kinder, Waffen? Sprich, Sohn des Hofbauern!"

"Einige wohl", entgegnete Kokkota gelassen, vorsichtig die Worte wählend. "Andere wieder keine. Und mit den Frauen sind unsre Jungs zuweilen wirklich zu weit gegangen. Im Wald kann man zum Tier werden. Kinder haben wir nicht auf dem Gewissen, das kannst du nicht behaupten. Und Vorlesungen brauchst du mir auch nicht zu halten. Ich lese die ›Rahva Hääl‹1. Andere Post kriegen wir hier im Wald nicht. Was glaubst du, weshalb ich hergekommen bin? Du wirst mir nicht glauben, wenn ich dir sage: In den Wald bin ich gegangen, um das Vaterland aus den Händen solcher wie dich zu erretten. Ich begreife nicht, was in solche wie dich gefahren ist, daß ihr von Estland nichts mehr wissen wollt. Drum existiert es auch nicht mehr, unser Estland. Verschachert, verschenkt, ehe man sich’s versah. Aber was streiten wir darüber. Ist ja alles Klassenkampf, wie die ›Rahva Hääl‹ schreibt."

"Klassenkampf [...] Gut, daß du Zeitungen liest, Kokkota." Ohne Übergang nahm Pettais tiefe Stimme einen rauhen Klang an. "Wehrlos, sagst du mir jetzt? Mag sein, Kokkota. Aber besaß mein alter Vater ein Gewehr, sei es auch nur eine elende Schrotflinte? Hast du je in seiner Hand ein Gewehr gesehn? Hatte meine Schwester Mai eine Waffe? Oder meine Mutter? Sprich, war meine Mutter bewaffnet? Sag, wie hätten die sich dort im Nußgeholz wehren können?"

Kokkotas Gesicht hatte sich bei Pettais Worten verfärbt und war nun grau wie die Scheunenbretter. Er hatte sich von Pettai abgewendet. Nun wußte er es. Die TT knackte trocken.

"Geh!" Pettai wies mit dem Kopf zum Gebüsch. Kokkota preßte die Hände an die Scheunenwand und schüttelte den Kopf. "Geh!"

Aber Kokkota ging nicht. Vielleicht glimmte in ihm noch ein Hoffnungsfünkchen, vielleicht war es auch der Mut der Verzweiflung, offenbar aber doch nur ein Sich-Fügen ins Unvermeidliche, aus dem es sowieso kein Entrinnen gab. Jetzt, wo er wußte, daß auch Pettai alles wußte. Vielleicht war er schon jahrelang auf dieses Treffen gefaßt gewesen. Das alles kann niemand mehr genau feststellen. Pettai feuerte ihm sieben Kugeln in die Brust. Kokkota kippte langsam und unnatürlich um. Mißtrauisch beobachtete Pettai, wie er nie­der­sackte, das matte Zucken seiner Hände. Schließlich lag Kokkota regungslos da, endgültig tot. Pfeifend ging Pettais Atem. Im tiefsten Innern war er mit sich unzufrieden. Das ganze Geschehen erschien ihm nun ein wenig falsch und jämmerlich. Der Mond warf einen bläulichen Schein auf die Scheunenwand. Pettai schob die TT in die Tasche und stieß einen leichten Seufzer aus. Im gleichen Augenblick brauste eine Ladung groben Schrotes an seinem Kopf vorbei und prasselte an die Scheunenwand. Aus war das abgeschmackte Spektakel, wieder begann das echte Leben, die tägliche Arbeit. Pettai warf sich hin, kroch robbend weiter, sprang wieder auf und hastete quer über das Gelände in die Richtung, aus der der Schuß gefallen war. Eine weitere schlechtgezielte Ladung ging hoch über ihn hinweg, gleichzeitig gewahrte Pettai den Heckenschützen, der kauerte neben einem Erlenbusch, einer mit rundlichem Babygesicht. Mondschein und Schatten malten auf sein böses und zugleich ängstliches Antlitz komische Streifen. Trotz allem schien der Schütze harmlos wie ein grauer Kater zu sein. Der Kerl war aufgesprungen und rannte, zwischen den einzeln stehenden Bäumen Deckung suchend, auf das Dickicht zu. Er war klein, hatte kurze Beine und lief wie ein Weib. Das klobige Jagdgewehr baumelte ihm am langen Riemen um die Fersen.

"Halt, du Lump! Oder ich schieße!"
Die TT aber war leer. Ehe Pettai geladen hatte, war der Mann schon im Wald verschwunden.

Von der anderen Seite stürmten drei oder vier Soldaten herbei, allen voran natürlich Sergeant Ustus. Den Ustus hätte Pettai am wenigsten hierhergewünscht. Die MPis waren im Anschlag, die Männer in Spannung wie vor einem Gefecht.

"Zurück!" stieß Pettai hervor und spürte einen faden Geschmack im Mund. Über Kokkota ließ er trocken und einsilbig fallen: "Wollte türmen. Der andre knallte los. Wahrscheinlich Endel? Ist davongekommen.

"Ustus, ein zu wachsamer junger Mann, untersuchte inzwischen die Vorderseite vom Pullover des Toten, die vom Blut schwärzlich und gleichsam wie von einem Dolch zerfetzt war. Gedankenvoll wiegte Ustus den Kopf. Im Erlengestrüpp entdeckten die Männer das halbvolle Milchgefäß mit Fusel.

In der ersten Zornaufwallung wollte Major Kotelnikow Pettai vor Gericht stellen. Nachdem er sich eine halbe Stunde lang die Stimme heisergebrüllt hatte, begann er zu japsen, sank auf den Stuhl und ächzte: "Verdammte Scheiße! Wieder müssen wir melden, auf der Flucht erschossen oder hat Widerstand geleistet! Überleg doch mal, was wir von diesem Schweinehund nicht alles hätten auspressen können! Und überhaupt, so viele Fluchtversuche... Findest du nicht auch? Zum Donnerwetter, wie Bergräuber oder so! Nein, nicht so, oder doch, habt ihr denn nicht auch hier Berge, jeder Hügel ein Berg, wie ihr sie nennt – Munamägi, Linnamägi, Hobusemägi2 [...] Als ich bei euch in Tallinn war, sah ich auch wieder lauter Berge: Olevimägi, Tônismägi, Rahumägi [...] Was ich noch sagen wollte: Hör mal, ein Dummerjan bist du nicht, bist im Gegenteil ein richtiger Schlaumichel, wie kannst du denn da nicht kapieren, daß du ein sowjetischer Offizier bist, im Dienste des Staates, für dessen Sicherheit da, und nicht irgendeiner [...] irgendein [...] zum Teufel, leuchtet dir das endlich ein oder nicht? Mann, wenn du so weitermachst, weißt du, womit das für dich endet? Und nun scher dich zum Schinder, ich kann deine Visage nicht sehen, kann sie einfach nicht mehr ertragen! Ich will dich nicht mehr sehn! Und um drei Uhr hast du hier zu sein, verstanden?" In den folgenden Nächten träumte Pettai von einem Mann mit rundem, faltigem Babygesicht, der ihn anfauchte wie ein böser Kater.Ehe es noch richtig Herbst geworden war, glückten Pettai zwei schwierige Operationen, und er wurde zum Hauptmann befördert.  

Sonderbarerweise verspürte er nicht mehr die ständige glühende Wut, die ihn nahezu vier Jahre lang angetrieben hatte. Es kamen die ersten Abende, an denen er ermattet, das Gehirn ausgehöhlt, auf die Couch sank. Solche Augenblicke der Schwäche, die zeitweilig auftretende Müdigkeit konnte er in keiner Weise mit Kokkota in Zusammenhang bringen. Das wäre gar zu einfach, geradezu einfältig gewesen. Er hatte doch nicht nur mit seinen eigenen Angelegenheiten zu schaffen, mit der Blutrache für seine Angehörigen – er war der Hauptmann Pettai. Und er arbeitete weiter. Er kam seinen Pflichten pünktlich nach, wohldurchdacht, mit bäuerlicher Findigkeit. Aber sein Grimm war verflogen. Die anderen bemerkten diese Veränderung nicht, lange ahnte sie keiner.

Der Winter kam, es wurde stiller. Zuweilen gab es wochenlang keine rechte Männerarbeit, und jetzt ertappte sich Pettai öfter dabei, daß er an Endel dachte. Er konnte und konnte es nicht fassen, daß ein Knecht, ein Vertreter der ärmsten Bevölkerungsschicht, seines Ausbeuters, des Groß­bauernsohnes wegen, auf ihn, den Kätnersohn bei ebendiesem Großbauern, hatte schießen können! Die Tatsache, daß Pettai selbst einmal ein Jugendfreund des künftigen Großbauern und blutbesudelten Banditen gewesen war, zählte hier nicht mit, die Kindheit lag außerhalb von Zeit und Bewußtsein, sie duftete nach Fichtenzapfen, damals war alles anders. Ja, aber wen oder was glaubte denn dieser Endel zu verteidigen? Nein, der vertrackte Endel paßte nicht in das Bild, das er sich in seiner eigenen Vorstellung gemalt und auch nicht zu dem, was er am eigenen Leibe erfahren hatte; auf den wollte ebenso nicht zutreffen, was, mit geübter und zorniger Feder zu Papier gebracht, in den Zeitungen und Broschüren stand – außer dienstlichen Dokumenten Pettais einzige Lektüre.

Er hatte zuletzt doch ein Zimmer im Städtchen gemietet. Zuweilen fand er keinen Schlaf, die Nacht drückte dann auf seine Seele, als senke sich die Zimmerdecke auf ihn herab. Da nahm er sich stoßweise die Zeitungen der letzten Wochen vor und ging sie langsam durch, die Brauen zusammengezogen, die Lippen bewegend. Er las von der neuen Getreideernte, von Steinkohle – dem schwarzen Gold unseres Landes –, vom Wolga-Don-Kanal, von bürgerlichen Nationalisten, die sich sorgfältig als ehrbare sowjetische Literaten getarnt hatten, er las von Stalin, der immer und überall..., bis der Schlaf, bis das Vergessen kam.

Die Wälder verödeten, die Kriminellen wurden liquidiert oder wanderten etappenweise nach Sibirien, doch der Volksfeind wühlte unermüdlich weiter. Er sabotierte, verursachte Mankos, stahl Mangelwaren aus den Läden, erfüllte nicht das Soll, verbreitete unerlaubte Bücher, hörte verbotene Rund­funksendungen. Vor Pettai häufte sich ungewohnte Arbeit. Ehrlich gesagt fühlte er sich seinen neuen Obliegenheiten nicht ganz gewachsen, jeder Fall mußte aber bearbeitet werden. Und erledigt wurde alles. Und niemand hatte ihm etwas vorzuwerfen.

Einiges befremdete ihn allerdings, das war nicht abzustreiten. So machte er sich, der Bauer, während der massenhaften Verschickungen seine Gedanken. Er zweifelte, ob der Besitzer einer Klitsche von zehn Hektar oder etwas darüber und einer dürren Kuh ein Kulak sei, selbst dann, wenn seine Kornkästen leer und er halb verhungert war. Pettais Vater, der Kleinbauer, hatte seinerzeit sogar ein Pferd besessen. Da mag nun einer dieses Knäuel entwirren! Aber das Leben war neu, es hatte eben seine neuen Gesetzmäßigkeiten, zudem fiel ihm immer wieder die Sache mit dem Knecht Endel ein, und die Zweifel verflüchtigten sich. Dialektik – so schrieben die Zeitungen, so erklärten es die Lektoren aus Tallinn oder aus Tartu. Es kamen viele, sie vermochten ihn in Dingen zu überzeugen, die ohnehin klar waren, seine geheimen Fragen konnten sie aber nicht beantworten. Und er stellte keine Fragen.

Die Zeit verrann, die Arbeit beschränkte sich immer mehr auf den Dienstraum. Oft mußte sich der Hauptmann mit Klagen befassen, die keine Unterschrift trugen. So besehen, mußte dieser kleine Landstrich von Volksfeinden nur so wimmeln. Da hörte zum Beispiel ein Mann die "Stimme Amerikas", und das mit der ganzen Familie. Ein anderer hatte in der Gaststätte beim Bier einen beleidigenden Witz über den größten und hochheiligsten Menschen der Welt zum besten gegeben. Pettai löste solche Fälle, so gut er es verstand und wie man sie eben in jenen Zeiten löste. Er wurde fahrig und verspürte zunehmende Müdigkeit. Er merkte nicht einmal, daß man ihn fürchtete, genauso fürchtete, wie ihn vor kurzem noch die Waldbrüder gefürchtet hatten.

Nur zweimal gab es in einigen Jahren Aufregung für Pettai: als er die Tochter der Hauswirtin heiratete und dann als er erfuhr, daß ein Waldmensch auf einer Moorinsel beerensammelnde Frauen erschreckt hätte. Die Weiber behaupteten, dieses Monstrum hätte ein rohes Haselhuhn gefressen, sich aber bei ihrem Anblick unter grausigem Gelächter ins Gestrüpp verzogen.

Pattai suchte die Beerensammlerinnen auf, verhörte sie, ließ sich die Lage der Moorinsel genau beschreiben. Am Sonntag früh putzte er die schon lange nicht mehr benutzte TT, ließ sein "M" mit Beiwagen an und ratterte in den Wald. Stundenlang streifte er herum, lauschte angestrengt, spähte in die Runde, schreckte einen Wildschweinwurf auf, watete bis an die Hüften durch tückische Sumpflöcher, bis er schließlich zur gesuchten Moorinsel gelangte. Hier stieß er auf die Überbleibsel etlicher Vögel und auf ein paar alte Frauenstiefel. Über dem herbstlichen Moor lag ein betäubender Duft, die Bülten waren rot von Moosbeeren, kein Lufthauch regte sich, und rundum herrschte wundersame Stille. Pettai wischte sich den Schweiß der Erschöpfung von der Stirn, die Sonne schien heiß wie im Hochsommer, er hob die Hände an den Mund und rief: "Endel!" Nur das dumpfe, verwässerte Echo antwortete ihm."Endel!" Widerhall. Auch ein paar Vöglein zwitscherten und flogen davon."Endel, hörst du mich? Komm raus! Die Sowjetmacht hat dir verziehen! Sie ist stark, deswegen! Komm raus! Ich tu dir nichts! Dir wird verziehen! Du bekommst Brot und Arbeit!"Der Sumpfboden schwankte unter seinen Füßen, der Wald verströmte stickigen Dunst, der Kopf tat ihm weh – das machten die Porststauden, was denn sonst?
Als er verstummte, um Atem zu schöpfen, hatte er plötzlich das Ge­fühl, als wäre er nicht allein."Endel, komm raus, hörst du mich?" brüllte er noch einmal wütend, schon ohne jede Hoffnung.

Und gerade da ließ sich ganz nahe von den verkümmerten Sumpffichten her ein seltsames Quieksen vernehmen. Nicht gleich begriff Pettai, daß das ein Lachen war. Rasch wandte er sich in diese Richtung. Doch schon kam das Lachen von der anderen Seite."Endel, du hörst mich doch, Endel!" schrie Pettai.
"Ich komme nicht, nie und nimmer, du schießt mich ab, wie du Kokkota erschossen hast, siebenmal in die Brust, ich weiß es ja, hi-hi-hi-i!" schallte es von anderswo. Und in diesem Augenblick erspähte Pettai ein rundliches Katzengesicht. Es huschte wie ein Gespenst durch das hohe lichte Riedgras. Das Gesicht schmutzig, mit spärlichen Bartstoppeln, verblödet.

Ohne zu überlegen, schickte Pettai dem Gespenst eine, zwei, noch eine dritte Kugel hinterher. Nach einer kurzen Weile hallte das gequälte, unnatürliche Meckern schon aus der Ferne. Pettai fühlte so etwas wie Erleichterung. Danach war es wieder still. Es gab nur noch das Moor, die sommerlich warme Sonne, den atemberaubenden Geruch des Porstes. Pettai ließ sich auf die Erde nieder. Der Kopf wollte ihm vor Schmerzen platzen. Warum hatte er nur gefeuert? Er hatte das doch gar nicht gewollt. Es war ganz unwillkürlich geschehen.

Weiß der Teufel, was in mich gefahren ist, dachte er träge. Womöglich verliere ich allmählich den Verstand. Es war das erste Mal, daß er sich darüber Gedanken machte.

Erst spät am Abend kam er nach Hause, ließ das Essen unberührt, legte sich wortlos auf der Veranda schlafen, wie immer, wenn er allein sein wollte, seine Frau hatte sich daran gewöhnt und schenkte dem keine Beachtung.

Ein paar Tage später sollte Pettai wieder einen der üblichen Rechenschaftsberichte abfassen. Er schrieb mit großen eckigen Buchstaben: "Das Banditentum ist im Umkreis hundertprozentig liquidiert, außer [...]" Er überlegte kurz, seufzte und strich "außer" durch. Dann brachte er den Rechenschaftsbericht zur Stenotypistin.

Die nächste Erschütterung erlebte er vierundfünfzig. Eigentlich betraf diese Erschütterung nicht seine Person. Aber dennoch, wer hätte gedacht, daß Berija ein Feind wäre? Seit diesem Tag wurde der ohnehin wortkarge Pettai noch einsilbiger. Recht bald begann sich manches zu klären: Einige als Kulaken Deportierte waren gar keine Kulaken, zahlreiche Geheimanzeigun­gen erwiesen sich als gemeine Verleumdungen [...] Pet­tais Gemüt verdüsterte sich mehr und mehr. Die sich überstürzenden Ereignisse überstiegen sein Fassungsvermögen. Im Grunde war er ein anständiger Mensch, hatte sich redlich bemüht, jetzt aber war etwas in ihm zerbrochen. Er war außerstande, das alles zu begreifen, er wollte es einfach nicht wahrnehmen. Als ihm der Vorschlag gemacht wurde, an einem Fortbildungslehr­gang teilzunehmen, sagte er nicht nein. Recht bald aber brach er den Lehrgang ab. "Zum Schulbuben bin ich zu alt, jetzt sind gebildete Leute an der Reihe", sagte er und reichte seinen Abschied ein. Dem Grund wurde ohne Schwierigkeiten stattgegeben. Pettai fühlte sich nicht gekränkt. Ihm war alles gleich. Er wurde als Kolon­nenleiter des Kraftwagenparks eingesetzt. Fortan hüllte er sich in beinahe vollständiges Schweigen und begann stark zu trinken.

Das Jahr sechsundfünfzig versetzte ihm den letzten Schlag. Pettai nahm im Klub des Kraftwagenparks eigenhändig Stalins Porträt ab, wickelte es ein und brachte es nach Hause. Am nächsten Tag war es von der Zimmerwand verschwunden. Pettai verlor seiner Frau gegenüber kein einziges Wort. Auf der Straße dünkte ihn bisweilen, daß man hinter seinem Rücken mit dem Finger auf ihn zeige. Immer häufiger bekam er Kopfschmerzen, und die Anfälle dauerten immer länger. Er verkroch sich in seine vier Wände, saß stundenlang auf der Veranda, vor sich schales Bier, in Reichweite die Papirosschachtel. Zeitungen las er kaum noch. Hin und wieder stieg Pettai auf sein Krad und fuhr in die Wälder der Umgegend. Spät kam er zurück, sah finster drein und war mit Matsch bespritzt. In seinen Augen flackerte dann sonderbarer Glanz.

Irgendwann wurde er ohne viel Aufhebens auch von seinem Posten im Kraftwagenpark entbunden. Seine Frau begann von Scheidung zu reden.
Der neue Sicherheitschef war ziemlich überrascht, als der ehemalige Hauptmann Pettai eines Tages in seinem Arbeitszimmer vorsprach, das Gesicht rosarot, mit aufgeregtem Blick. Der neue Chef kannte Pettai nicht persönlich, hatte aber natürlich von ihm gehört. Auch von Pettais geradezu legendärer Schweigsamkeit wußte er. Jetzt hörte er sich, höflich und teilnahmsvoll lächelnd, das Wortgesprudel des früh gealterten Mannes an, aus dem er nicht recht klug wurde. Von seinerzeit begangenen Fehlern war da die Rede, von übertriebener Strenge, von dem Wunsch, etwas wiedergutzumachen. Hinterher noch die wirre Geschichte von einem Bauernknecht, der, ins heimtückische Netz feindlicher Ideologie geraten, ins vollwertige sowjetische Leben zurückgeführt werden müsse, sofort, unverzüglich, weg aus den Sümpfen und Wäldern, daß er warme Suppe und Arbeit erhalten müsse [...]

Nachdem Pettai ausgeredet und sich aus der Karaffe ein Glas Wasser eingeschenkt hatte, erhob sich der Chef, bedankte sich herzlich bei seinem Besucher, faßte ihn unterm Arm und komplimentierte ihn zur Tür. Pettai roch nach Branntwein. Offensichtlich war der Mann ziemlich am Ende. Ja, das waren die Männer der alten Schule, heimgekehrt aus dem Krieg, ohne entsprechende Vorbildung, bloß purer Enthusiasmus und Klassenhaß, leicht haben die es ja nicht gehabt, haben Schlachten schlagen müssen, ich aber bin ein Amtsschimmel, dachte er später. Auf alle Fälle leitete er Nachforschungen über diese Knechtgeschichte ein. Es war aber inzwischen viel Zeit vergangen, und von Endel wußte niemand etwas.

Pettai war nun in einem Laden angestellt, mal als Lastträger, dann wieder als Nachtwächter. Dann kam die Zeit, wo er nirgendswo mehr arbeitete. Er hockte in seinem Verandawinkel, groß, ernst, rasiert, düster wie ein Monument, und schwieg. Draußen säuselten die Birken, fiel Schnee, sangen die Stare, die Zeit verging im Fluge.

Anfangs geriet seine Frau in Verzweiflung und sprach sogar nicht mehr von Scheidung. Dann schickte sie ihren Mann zum Arzt. Pettai weigerte sich nicht. Er wußte ja selbst, daß seine Nerven kaputt waren. Ihm war alles egal. Auch als man ihn in Tartu in die Klinik einwies, widersetzte er sich nicht.

Als ihn die Frau ein paar Monate später nach Hause holte und ihm nach einer schonenden Einleitung die Scheidungsklage zeigte, reagierte Pettai nur mit Achselzucken darauf. Noch ein paar Mal war er in Tartu zur Behandlung. Eines Tages aber forderte der Arzt ihn auf, seine Sachen zu packen und sich ins Krankenauto zu setzen. Auf dem weichen Rücksitz zusammengesunken, sauste er durch die leuchtend grüne südestnische Frühlingslandschaft, wo er seine besten Man­nesjahre verlebt hatte; es ging über Hügelrücken und Flußbrücken, vorbei an dichten Wäldern und blauen Seen, bis aus der feuchten Senke vor ihnen trist ein schmuckloses Gebäude aufragte – es war das Landkrankenhaus.

Der dortige freundliche Chefarzt fand für ihn Platz im gemütlichsten Krankenzimmer, mit nur drei Betten, für jeden ein Schemel und ein Nachtschränkchen, sogar ein Tisch für drei Mann. Anfangs suchten die anderen Patienten mit ihm Bekanntschaft zu schließen, ihn in ihren Kreis aufzunehmen; sie erzählten ihm von der Geschichte des Krankenhauses, daß es mal für Aussätzige, während der deutschen Besatzung aber als Arbeitslager für Nutten gedient hätte – Pettai hatte für das alles nicht einmal ein Kopfnicken übrig. Er wollte schweigen und allein sein. Jetzt endgültig.

Mit der Zeit lebte sich Pettai in seine neue Umwelt ein, er verrichtete Feldarbeit, pflügte und eggte, häufelte die Kartoffeln und mähte Heu, fällte Bäume und heizte die Sauna. Er war ein Bauer durch und durch. Die Verpflegung war in dieser abgelegenen Heilanstalt nicht schlechter als zu Hause, wenn auch ein wenig einseitig. Die anderen Kranken störten ihn nicht, einige waren schon lange hier, andere wurden nach ihm eingeliefert, ein Teil kam und ging, aber das alles berührte ihn nicht, er hatte sich mit seinem Schicksal abgefunden, allem entsagt. Das Kopfweh plagte ihn schon lange nicht mehr. Manchmal spielte er eine Partie Dame (meistens verlor er), auch setzte er sich dann und wann vor den Fernseher; ob er sich wirklich etwas anschaute oder etwas davon behielt, wußte niemand mit Bestimmtheit zu sagen.
Freizeit und Ruhetage verbrachte er meistens liegend auf dem Bett. In einem unterschied er sich freilich von den anderen: Morgens turnte er mindestens zehn Minuten. Daran hatten sich alle längst gewöhnt.

So vergingen die Jahre.In einem unfreundlichen, regnerischen Herbst wurde ein sonderbares Wesen im Krankenhaus eingeliefert, das recht wenig Ähnlichkeit mit einem Menschen hatte. Die Radikulitis oder auch ein anderes Leiden hatte ihn fast rechtwinklig gebeugt. Die Kleiderfetzen hielten nur durch die dicke Dreckschicht zusammen. Er war barfuß.

Niemand wußte Näheres über diesen Menschen. Sprechen konnte er nicht, er stieß nur unartikulierte Laute aus und lächelte unterwürfig. Man hatte ihn im Wald aufgelesen. Es war klar, daß er sich dort lange aufgehalten und den Verstand verloren hatte. Wovon er sich ernährt und vor der Kälte geschützt hatte, blieb allen ein Rätsel. Nachdem man den Mann gebadet, ihm Bart und Haare geschoren, ihn in eine Krankenhausjacke gesteckt und ihm Trainingshosen angezogen hatte, überprüften ihn die Pfleger; zwei Männer schafften ihn in den Speisesaal, setzten ihn auf einen Schemel neben der Tür und nannten ihn Juss. Gott weiß, unter welchem Namen er in die Papiere der Anstalt eingetragen wurde, aber nun war er für alle Juss. Jeder, auch ein Irrer und im Walde Gefundener, muß einen Namen haben. Gewaschen und auf seine Art glücklich, saß der Mann aus dem Wald auf dem blauen Schemel und ließ sein wer weiß wo aufgetriebenes Spielzeug hüpfen: auf eine Schnur gereihte Garnrollen. Als Pettai aus der Küche kam und ihn für einen kurzen Moment ins Auge faßte, lächelte ihm das Männlein mit treuherzigem Gesichtsausdruck zu wie ein kleines Kind. "Pettai, an deinem Tisch ist ein Platz frei, nimm mal diesen Juss unter deine Obhut", sagte der Pfleger Ulrich, ein gutmütiger Mann, der oft und tief ins Gläschen schaute.

Und wieder waren Jahre vergangen – Herbst und Winter. Das Leben verlief nun in ungestörtem Dämmer und schien endlos zu sein. Alles war unveränderlich. Ewig war wohl auch der Pfleger Ulrich. Sein fröhlicher, etwas verschnupfter Tenor verkündete wie immer die Mittagszeit. "Jungs, Suppe essen! Suppe essen, Jungs!"
Pettai wartete geduldig ab, bis das Füßetrappeln aufhörte. Ihm behagte das Gedränge nicht. Erst nach einigen Minuten betrat er den Speisesaal. Inmitten des Raumes dampfe das Suppengeschirr. Ulrich schöpfte Pettai eine Kelle voll dicker Suppe ein.
"Du hast dich heute beim Kesselhaus gehörig abgerackert, nimm dir nachher noch eine Portion." Pettai ging an seinen Tisch. Die beiden Trunksüchtigen aus Valga, die hier eine Entziehungskur machten, waren noch im Städtchen, verluden Ziegelsteine. Das Männlein aus dem Walde schlürfte, über den Teller gebeugt, seine Suppe. Das Gesicht drückte Wohlbehagen aus wie das eines verhätschelten Katers. Mag man den da nur ruhig Juss nennen, Pettai war alles schon längst schnuppe.

"Kick, kick", sagte Endel. Das bedeutete, daß er mit dem Leben und der Mahlzeit zufrieden war.Pettai kostete von der Suppe. Ja, die war nicht übel. Eine kräftige, wohlschmeckende Erbsenbrühe mit Schinkenstückchen drin. Zwei Mann am Tisch verzehrten mit gutem Appetit ihr Mittagessen.

[Aus dem Estnischen von Aivo Kaidja.]

Teet Kallas, geboren 1943, Schriftsteller. 1969-1970 angeklagt wegen antisowjetischer Aktivitäten – er wird verhaftet, interniert, ist dann einige Zeit in einem psychiatrischen Asyl. Ab den siebziger Jahren veröffentlicht er hauptsächlich Romane und Erzählungen. Er ist ebenfalls Autor von Stücken für das Theater und den Hörfunk, von Drehbüchern, Liedtexten und Gedichten.
Die Erzählung "Zwei Mann am Tisch" (Originaltitel: Kaks meest lauas) erschien in der deutschsprachigen Ausgabe der Zeitschrift "Sowjetliteratur" (1/1989, S. 35ff.).

 

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