Heft 45/2004 | bewaffneter antikommunistischer widerstand in osteuropa | Seite 28 - 29

Anita Treguboff

Acht Jahre in der Gewalt der Lubjanka

So lautet der Titel eines Berichts meines verstorbenen Mannes, des russischen Schriftstellers  Jurij Andrejewitsch Treguboff, über seine in sowjetischen Gefängnissen und Lagern verbrachte Lebenszeit vom 19. September 1947 bis zum 11. Oktober 1955. Wie kam es dazu?

Geboren wurde Jurij 1913 in St. Petersburg. Seine Mutter entstammte einer baltendeutschen Familie und fuhr 1926 auf Anregung eines Verwandten mit ihm nach Berlin. Ursprünglich wollten sie nach einem Jahr zum Vater zurückkehren, die politische Entwicklung in der Sowjetunion ließ das jedoch nicht ratsam erscheinen. Aufmerksam verfolgte Jurij die Geschehnisse in Russland und suchte Kontakt zu in Berlin lebenden russischen Intellektuellen und ehemaligen Mitgliedern der Weißen Armee. Bereits als Jugendlicher legte er den Grundstein zu einem breiten Wissen über Kultur und Geschichte seines Volkes, mit dem er sich verbunden fühlte. Dem Unglück Russlands wollte er nicht tatenlos gegenüber stehen und trat 1934 in den Nationalen Bund der Schaffenden der Neuen Generation (NTS) ein, eine Widerstandsorgani­sation gegen die stalinistische Diktatur, die das sowjetische System bekämpfte und einen Umsturz herbeiführen wollte.

Geistige Basis des NTS war die als Idealo-Realismus bezeichnete Schule der im Jahr 1922 von den Sowjets ausgewiesenen Philosophen N. O. Losskij, N. A. Berdja­jew, L. P. Karsawin, S. L. Frank, B. P. Wyscheslawzew und I. A. Iljin, von denen einige in ihrer Jugend selbst Marxisten gewesen waren.1 Sie vertraten die Ansicht, dass idealistische philosophische Konstruktionen zur Bekämpfung des Marxismus nicht ausreichten, Idealismus müsse stets realistisch fundiert sein. Dem klassenkämpferischen Marxismus, dessen Hauptkraft der Hass der Ausgebeuteten gegen ihre Ausbeuter war, stellte der NTS die Idee des Solidarismus entgegen. Nach dieser Idee können Unternehmer und Arbeiter durchaus friedlich miteinander auskommen, wenn jede Partei ihren materiellen Forderungen im Interesse der gesamten Nation Vernunftgrenzen setzt und nicht in rücksichtslose Maßlosigkeit abgleitet. Das politische System Russlands nach dem Sturz der kommunistischen Diktatur sollte in freier Wahl durch den freien Willen des Volkes bestimmt werden. Die entschlossensten Mitglieder des Bundes nahmen es unter höchster Gefahr für ihr eigenes Leben auf sich, illegal in die Sowjetunion einzudringen, um die dortige Bevölkerung mit seinen Ideen und Zielen vertraut zu machen. Terror als Methode lehnte der NTS ab, er wollte nicht zum Bürgerkrieg aufrufen. Einen bewaffneten Konflikt mit dem KGB konnte er aus pragmatischen Gründen jedoch nicht ausschließen und hielt dies für ein moralisch vertretbares unvermeidliches Übel, das es jedoch zu minimieren galt. Aus diesem Grunde wurden zum Beispiel Racheakte von vorn herein geächtet.

Im Herbst 1944 wurde Jurij zu einer deutschen Behörde gerufen, sein Fremdenpass mit dem Vermerk "staatenlos" wurde ihm abgenommen, unter Berufung auf den deutschen Mädchennamen seiner Mutter erhielt er deutsche Ausweispapiere mit dem Hinweis, dass er jeden Tag mit seiner Einberufung zur Wehrmacht rechnen müsse. Jurij aber wollte keinen Eid auf die deutsche Fahne ablegen und in deutscher Uniform womöglich gegen Russland eingesetzt werden, und so zog er es vor, in die damals im Aufbau befindliche Russische Befreiungsarmee (ROA) des Generals Wlassow einzutreten, wo er im Stab von General Truchin als Dolmetscher und Übersetzer tätig war.

Bei Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges hatte der NTS sich das Misstrauen der deutschen Regierung zugezogen, weil er die Pläne der Nationalsozialisten über die Zukunft des russischen Reiches nicht billigte und nicht unterstützen wollte. Es gelang jedoch, zahlreiche Mitglieder in die von deutschen Truppen besetzten Gebiete der UdSSR einzuschleusen. Außerdem bemühte sich der NTS, die in den Kriegsgefangenenlagern festgehaltenen sowjetischen Militärangehörigen über seine Ideen und Vorstellungen für ein nichtkommunistisches Russland zu informieren. Zu dieser Zeit wurde die Parole eines "dritten Weges" entwickelt: "Russland ohne kommunistische Diktatur, aber auch ohne deutsche Besatzung!"

Die Einstellung der Reichsregierung, vor allem des Ministeriums für die besetzten Ostgebiete unter Alfred Rosenberg, gegenüber dem NTS wurde immer feindseliger. Im Jahr 1942 wurde ihm die Tätigkeit in den besetzten Gebieten verboten, und dennoch wurde sie fortgesetzt. Verhaftungen begannen, und nach dem Attentat des 20. Juli 1944 durch Graf von Stauffenberg waren die meisten führenden Köpfe des NTS in deutscher Haft. Befreit wurden sie erst kurz vor der Kapitulation Deutschlands, und zwar auf Verlangen des Generals Wlassow.

A. A. Wlassow war sowjetischer Generalleutnant, der von Stalin zum Kommandeur der Zweiten Stoßarmee ernannt wurde und den Auftrag erhielt, von Südosten aus den deutschen Ring um die belagerte Stadt Leningrad aufzubrechen. Dabei geriet er am Wolchow-Fluß in sumpfigem, unübersichtlichem Gelände in die deutsche Umklammerung. Seine Hilferufe an Stalin blieben ohne Resonanz. Seine Armee wurde aufgerieben, er selbst geriet als einer der Letzten im Herbst 1942 in deutsche Gefangenschaft. Er fühlte sich und seine Truppen von Stalin verlassen.

Daher fasste er den Plan, aus russischen Emigranten und in deutsche Kriegsgefangenschaft geratenen Militärs eine Armee zum Kampf gegen Stalin und das von ihm vertretene kommunistische Regime aufzubauen. Unterstützung fand er in Kreisen der deutschen Generäle um Graf von Stauffenberg. Bis zuletzt standen die Reichsregierung und die Führer der nationalsozialistischen Partei der ROA feindlich gegenüber und versuchten, die Aktionen Wlassows zu hintertreiben. Erst Ende des Jahres 1944 gelang es ihm, von den circa 800.000 bereiten ROA-Soldaten einige Formationen von etwa 50.000 bis 70.000 Mann zu bewaffnen. Die politischen Vorstellungen des NTS bildeten den ideologischen Hintergrund der Wlas­sow-Armee.

Bei Kriegsende geriet Jurij in tschechische Gefangenschaft und wurde im September 1946 nach einem Grubenunglück als Invalide nach West-Berlin entlassen, wo seine Mutter lebte. Wieder arbeitete er als Lehrer, Übersetzer und Dolmetscher für russisch, deutsch und englisch und suchte Kontakte zu in der amerikanischen Armee dienenden russischen Emigranten, denen er das geistige Rüstzeug des NTS vermitteln wollte. Dadurch erregte er die Aufmerksamkeit der Sowjets und spürte, dass er ständig verfolgt wurde.

Eine ehemalige Schulkameradin, die befreundet war mit dem englischen Kommandanten des Spandauer Gefängnisses, versprach ihm über diesen Kontakt zwei Karten für den Interzonenzug, mit dem Jurij und seine Mutter Berlin verlassen konnten. Zuvor aber wollte sie mit ihm und einer anderen Dame in ein kleines Theater an der Grenze zu Ost-Berlin gehen, in das Schauspiel "Der Haupt­mann von Köpenick".

Als sie das Theater verließen, liefen die Damen voran, eine warf Jurij ihren Mantel zu, so dass seine Hände wie gebunden waren, er erhielt einen Schlag auf den Kopf, und als er wieder zu sich kam, befand er sich im Keller der sowjetischen Grenzkommandantur in Berlin-Weißensee.

Nach den ersten Verhören wurde er nach Moskau geflogen. Die Untersuchungshaft in der Lubjanka und im Lefortowo-Gefängnis endete nach zwei ein halb Jahren mit der Todesstrafe, die eine Woche später in fünfundzwanzig Jahre Zwangsarbeitslager umgewandelt wurde. Zunächst ging es nach Workuta, am Ural, 111 Kilometer nördlich des Polarkreises, später in die Republik Mordo­wien, in das Lagersystem Dubrawlag bei Potma.

Nach dem Tod Stalins 1953 trotzte Adenauer bei einem Besuch in Moskau Chruschtschow die Freilassung der deutschen Kriegsgefangenen ab. Jurijs Staatsangehörigkeit war deutsch, und sein deutscher Pass verhalf ihm zur Freiheit. Nach über acht Jahren wurde er in die Bundesrepublik Deutschland entlassen und folgte seinen Berliner NTS-Kameraden nach Frankfurt am Main.

Unmittelbar nach seiner Freilassung begann Jurij mit der Niederschrift seines Erlebnisberichts, denn er hatte seinen zurückgebliebenen Leidensgenossen versprochen: "Ich werde eure Stimme sein!" Das Buch erschien 1957 auf russisch im Possev-Verlag, Frankfurt, 1999 auf deutsch im Feuervogel-Verlag und 2001 bei Possev, Moskau. Diesem Bericht folgten neunzehn auf russisch konzipierte und von Jurij selbst übersetzte und auf deutsch veröffentlichte Romane, die sich mit der russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, aber auch mit aktuellen Problemen unserer Zeit befassten.

Am 27. Februar 2000 verstarb Jurij im Alter von fast 87 Jahren, dankbar, das Ende der kommunistischen Diktatur in Russland miterlebt zu haben. Besonderen Wert legte er auf die Feststellung, dass ein brutales Regime ohne inneren oder äußeren Krieg (wie etwa Deutschland im Jahr 1945) abgeschafft wurde, abgesehen von der Entwicklung im Kaukasus, bei der westliche Interessen an den dortigen Ölvorkommen eine Rolle spielten.

Nach 1991 hatten sich mehrmals russische Studenten aus Moskau und St. Petersburg mit Jurij in Verbindung gesetzt, um von ihm als Zeitzeugen Informationen über die Russische Befreiungsarmee zu erhalten. Der "Verräter" Wlassow war zum Patrioten geworden, dessen Versuch, die Völker Russlands von einer übermächtigen und sinnlos grausamen Staatsgewalt zu befreien, gescheitert war.

1 Nikolai O. Losskij (1870-1965), Begründer des Intuitivis­mus und An­-hän­ger des "personalistischen Idealismus"; Nikolai A. Berdjajew (1874-1948) Kultur- und Religionsphilosoph, Ver­­tre­ter einer dem Existentialis-mus nahestehenden christlichen Ge­schichtsphi­losophie; Lew P. Karsawin (1882-1952 Lager Workuta) Mystiker, Mediä­vist; Semjon L. Frank (1877-1950) Religionsphi­lo­soph, Schüler Wladimir Solowjews; Boris P. Wy­scheslawzew (1879-1955) Philosoph, Jurist, Literaturkritiker; Iwan A. Iljin (1882-1954) Vertreter des metaphysischen Transzendentalismus, Neuhegelia­ner, Mo­nar­chist. – Literatur (russ.): M. Glawazki: Filosofski parochod. God 1922. Istoriografitscheskije etjudy. Jekaterinburg 2002. 223 S. [Der Philosophendampfer. Das Jahr 1922. Historiographische Studien]. – [Anmerkung der Redaktion]

 

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