Heft 45/2004 | bewaffneter antikommunistischer widerstand in osteuropa | Seite 31 - 36

Petr Blažek

Dritter Widerstand

Opposition und Widerstand gegen das kommunistische Regime in der Tschechoslowakei 1948 - 1956

Am Anfang der 90er Jahre wurden von den Gerichten ungefähr 260 Tausend Personen rehabilitiert, die in der kommunistischen Tschechoslowakei für Straftaten politischer Natur verurteilt worden waren. Der Historiker Karel Kaplan schätzt ein, daß durch die Folgen von Verfolgung – zu deren Formen gehörten politische Säuberungen, Ausschluß aus dem öffentlichen Leben, Berufsverbot bei bestimmten Berufen sowie Nichtzulassung zu bestimmten Studienrichtungen, die Obser­vierung durch die politische Geheimpolizei, Einbuße des Privateigentums, Rentenrevision oder Zwangsumsied­lung – insgesamt "um die zwei Millionen Bürger oder eine halbe Million Familien betroffen waren".1 Die politische Verfolgung war in den ersten Jahren nach der Machtergreifung durch die KPČ am stärksten, als auch die meisten Todesurteile gefällt worden waren (hingerichtet wurden bis 1960 ca. 240 Personen).2 Im Staat mit 12,6 Millionen Einwohnern gab es Anfang der 50er Jahre 422 Straflager und Gefängnisse, in denen unter erschütternden Bedingungen nicht nur gerichtlich verurteilte Personen, sondern auch ohne eine gerichtliche Verurteilung inhaftierte und in den Lagern nur auf der Grundlage einer eigenmächtigen behördlichen Entscheidung internierte Personen lebten. Über den repressiven Charakter der anfänglichen Periode des kommunistischen Regimes zeugt schon die Tatsache, daß seit 1960, als die überwiegende Mehrheit der damaligen politischen Gefangenen aufgrund der sogenannten Amnestie entlassen wurde, bis zum Zerfall des kommunistischen Regimes die Zahl der politisch Gefangenen nie wieder das vorherige Niveau erreichte.3

Der Begriff Dritter Widerstand
Die angeführten Zahlen der politischen Gefangenen zeugen von der Anwesenheit einer breiteren Opposition gegen das kommunistische Regime. Über ihr wirkliches Volumen, ihre Formen und Bedeutung sagen sie jedoch wenig aus. Ein Teil der rehabilitierten Personen wurde z.B. für die illegale Republikflucht verurteilt, ohne daß sie vorher mit dem kommunistischen Regime in einen sichtbaren Konflikt gekommen waren. Auf der anderen Seite war die Trennlinie insbesondere in den 50er und 60er Jahren zwischen den politischen und den übrigen Gerichtsverfahren nicht eindeutig; viele der politischen Gefangenen wurden von den Gerichten gezielt mit angeblichen Wirtschaftsdelikten kriminalisiert. In den übrigen Prozessen wurden dagegen die tatsächlich begangenen Straftaten behandelt, die wohl auch in jeder demokratischen Gesellschaft bestraft worden wären. Die Urteile der kommunistischen Gerichte waren jedoch unverhältnismäßig hart – zum Beispiel wurde der illegale Übertritt der Staatsgrenze vor 1948 als Ordnungswidrigkeit beurteilt, aber einige Monate später wurden im Zusammenhang mit dieser Tat langjährige Freiheitsstrafen verhängt. Viele der Fälle wurden auch absichtlich provoziert, und bei einigen ist es sogar schwer zu sagen, inwieweit die verurteilten Personen tatsächlich aktive Gegner des Regimes und inwieweit sie "unschuldige Opfer" von konstruierten Prozessen waren.4

Insbesondere die politischen Gefangenen der 50er und 60er Jahre verwenden im Zusammenhang mit der Beschreibung der anfänglichen Formen der Bekämpfung des kommunistischen Regimes den Begriff "Dritter Widerstand". Er wird am häufigsten als Tätigkeit organisierter Gruppen und Einzelpersonen definiert, deren Ziel die Abschaffung des totalitären Systems und die Erneuerung des pluralistischen, demokratischen Systems war. Zu den Akteuren des Dritten Widerstands gehörten vor allem Mitglieder der nichtkommunistischen politischen Parteien und verschiedenen gesellschaftlichen, kulturellen und kirchlichen Organisationen, die persönlich die Zeit der ersten Tschechoslowakischen Republik erlebten und auf deren Traditionen sie sich beriefen. Obwohl der Dritte Widerstand schon mit seiner Bezeichnung auf den Ersten (antiösterreichischen) und den Zweiten (antifaschistischen) Wiederstand direkt verweist, verlief er unter ganz anderen Bedingungen als in den vorherigen Fällen. Seine Akteure kämpften nicht auf der Seite der Großmächte im offenen Kriegskonflikt, und seine Tätigkeit wurde nicht von den Massen der Bevölkerung unterstützt. Er war nämlich nicht gegen eine klar abgegrenzte fremde Besatzungsmacht gerichtet, wie es beim Widerstand gegen den Nationalsozialismus der Fall war – die Gegner waren die einheimischen Repräsentanten und Anhänger des neuen Regimes, dessen Hauptstütze, die kommunistische Partei, bereits einige Monate nach dem Umsturz im Februar 1948 um die zwei Millionen Mitglieder hatte.5

Der Begriff Dritter Widerstand wird jedoch nicht ganz einheitlich wahrgenommen. Seine Kritiker weisen auf seine semantische Unklarheit, die schwierige chronologische Festlegung und die nicht angemessene Vereinfachung hin. Unter dem Begriff Widerstand versteht man meistens einen organisierten politischen und militärischen und Mittel der Gewalt anwendenden Kampf gegen ein repressives System. In den Bedingungen eines totalitären Systems, wo die Gesellschaft mit Hilfe eines umfangreichen repressiven Apparats, einer erzeugten Angstatmosphäre und eines dichten Netzes von zahlreichen inoffiziellen Mitarbeitern beherrscht wird, hat die Ablehnung des aufgezwungenen Regimes unterschiedliche und weniger rasante Formen angenommen, für die der Begriff Opposition angemessener ist.6

Auf der anderen Seite hat es an verschiedenen Wider­standskampfhandlungen in der ersten Zeit des kommunistischen Regimes nicht gefehlt. Versucht wurden sie meist von den nicht zahlreichen Gruppen, deren Mitglieder auf ihre Erfahrungen aus der Zeit der deutschen Besatzung anknüpften. Sie glaubten, daß das kommunistische Regime nicht von langer Dauer sein würde, denn es würde der dritte Weltkrieg ausbrechen, in dem sie gegen die kommunistische Vormacht an der Seite der westlichen Großmächte kämpfen würden. Sie betrieben Sabotage in der Industrie und der Landwirtschaft, gewannen Kund­schafterinformationen, sammelten Waffen für den erwarteten Kriegskonflikt und schüchterten die Angehörigen des Machtapparats ein. Die Tätigkeit dieser Gruppierungen, von denen die Gruppe der Gebrüder Mašín zu den bekanntesten gehörte, war aufgrund einer häufigen Infiltrierung durch die geheime politische Polizei meist nicht von langer Dauer; ihre Mitglieder endeten meist nach einigen Monaten vor Gericht, das in diesen Fällen unbarmherzige Urteile fällte. Hunderte von Personen wurden zum Beispiel in Mähren im Fall der ehemaligen Partisanengruppe Svet­lana verhaftet. Die Erfolge von solchen Aktionen wurden sehr leicht erzielt, weil sich die meisten der Oppositionellen überhaupt nicht vorstellen konnten, was für brutale Methoden der repressive Apparat bereit ist, bei der Bekämpfung der oppositionellen Handlungen anzuwenden.7

Die Machtergreifung
Der Aufstieg der kommunistischen Partei nach dem Krieg wurde neben internationalen Bedingungen auch durch die Tatsache möglich, weil in den Jahren 1945-1948 ein politisches System da war, das mit seinem Charakter die Existenz einer legalen politischen Opposition nicht ermöglicht hatte. Aufgrund einer Vereinbarung der Exilpolitiker haben sich alle zugelassenen politischen Parteien in der "Nationalen Front der Tschechen und Slowaken" vereinigt und gemeinsam eine Regierungskoalition gebildet. Zwischen den politischen Parteien gab es zwar unterschiedliche Vorstellungen über die weitere Ausrichtung der Tschechoslowakei, aber die absolute Mehrheit von ihnen hat sich zu einem sozialistischen Programm bekannt. Die Wahlen im Mai 1946 haben klar gezeigt, wie deutlich sich die Nachkriegsgesellschaft radikalisiert hatte. Obwohl die Kommunisten in der Slowakei verloren hatten, wo die Mehrheit die Demokratische Partei erhielt, wurden sie mit insgesamt 38% der Stimmen Sieger. Dazu verhalf ihnen ihre populistische Politik; sie wiesen auf ihre Nichtbeteiligung an der Münchener Tragödie hin, nutzten die allgemein anerkannte Autorität der Sowjetunion als einer der Sieger über den Nazis aus und hoben ihren Anteil am antifaschistischen Widerstand hervor. Den Wahlkampf hatten sie auf der These eines spezifischen Wegs zum Sozialismus begründet, der nicht die sowjetischen Erfahrungen blind nachahmen sollte. Der KPČ half in ihrem Machtkampf ihre Parteidisziplin, ihre feste Organisationsstruktur, die Besetzung der wichtigsten Machtbereiche im Staat sowie ihre Bereitschaft, alle zugänglichen Mittel, einschließlich ungesetzlicher Provokationen, zu nutzen. Die Repräsentanten der nichtkommunistischen Parteien (der Volkssozialisten, der Volkspartei und der Sozialdemokratie), die auf den Machtkampf nicht ausreichend vorbereitet und unfähig waren wirksam zusammenzuarbeiten, wurden dagegen von den Wahlergebnissen enttäuscht. Sie zeigten deutlich, daß Hoffnungen auf eine wirksame Mitbestimmung der politischen Entwicklung für diese Parteien nicht realistisch waren.

Die KPČ-Führung, die im Jahr darauf aufgrund der sich vertiefenden Wirtschaftsprobleme sowie der Ängste vor der Sowjetisierung die Unterstützung bei einem Teil der Wähler einzubüßen begann, entschloß sich auf Nachdruck von Moskau, nicht auf die nächsten Wahlen zu warten, sondern fing an, sich auf eine umfassende Machtergreifung vorzubereiten. Im Herbst 1947 hatten die Kommunisten mit Hilfe einer Provokation die Positionen der Demokratischen Partei in der Slowakei geschwächt und errangen im Februar 1948 das Machtmonopol, indem Staatspräsident Edvard Beneš unter Druck die Regierung rekonstruiert hatte. Formal wurden zwar die Hauptinstitutionen eines demokratischen Staates beibehalten (Regierung, Parlament und das Präsidialamt), aber nach und nach hat man die Gegner des Staatsputsches aus ihnen beseitigt. Präsident Beneš machte nach dem Versagen im Februar zumindest eine symbolische Geste: er lehnte es ab, die neue Verfassung zu unterschreiben und trat im Mai 1948 zurück. Nach den manipulierten Wahlen im Juni 1948, als die Bürger nur noch ihre Zustimmung oder Nichtzustimmung mit der Einheitsliste der Kandidaten ausdrücken konnten, wurde vom Parlament der Vorsitzende der KPČ Klement Gottwald zum Staatspräsidenten gewählt. Einige Tage später wurde die Sozialdemokratie mit der kommunistischen Partei "zusammengeschlossen", die anderen Parteien wurden entweder aufgelöst oder in Satellitenparteien, aus denen die meisten Mitglieder ausgeschlossen worden waren, umgewandelt. Die politische Opposition wurde bis Herbst 1948 beseitigt. Einige Politiker gingen ins Ausland, eine Reihe tatsächlicher sowie potenzieller politischer Gegner wurde in politischen Prozessen zu hohen Strafen verurteilt und weitere zogen sich ins innere Exil zurück. Obwohl die Staatssicherheit StB bestrebt war, in einem konstruierten Prozeß die Führung des antikommunistischen Widerstands der Gruppe um die ehemalige volks­sozi­alistische Abgeordnete Milada Horáková (die im Jahr 1950 hingerichtet wurde) anzuhängen, gab es in Wirklichkeit ein solches Zentrum gar nicht. Der repressive Machtapparat initiierte dann auch in seiner größten Pro­vokationsaktion die Gründung von Dutzenden "illegalen" politischen Gruppen, die als Bestandteil der mutmaßlich oppositionellen Arbeitspartei wirksam sein sollten. Mit Hilfe des Agenten Vlastislav Chalupa hat die StB ca. 700 Personen ins Gefängnis gebracht, von denen 15 hingerichtet wurden.8

Die Exilopposition
Im Gegensatz zu der Zeit des Ersten und des Zweiten Weltkrieges ist nach dem Februarputsch 1948 keine tschechoslowakische Exilregierung, die die nationalen Interessen vertreten hätte und von den westlichen Großmächten anerkannt worden wäre, entstanden. Eine solche Stellung strebte jedoch der Rat der Freiheitlichen Tschechoslowakei an, der am 25. Februar 1949 in Washington gegründet wurde und Vertretungen auch in Paris und London hatte. Sein erster Vorsitzender wurde der ehemalige stellvertretende Ministerpräsident und Vor­sitzender der Volkssozialisten Petr Zenkl. Zu den Hauptzielen der Tätigkeit des Rates gehörte die Aufrechterhaltung der Kontakte mit der Heimat, die Einflußnahme auf die westlichen Regierungen und die Schaffung sozialer Unterstützung für die tschechoslowakischen Flüchtlinge. Im Jahre 1951 stand der Rat der Gründung des Rundfunksenders "Free Europe" bei, der für zahlreiche Zuhörer hinter dem Eisernen Vorhang, zusammen mit dem "Voice of America" und der BBC zur Hauptinformationsquelle über die Situation in der Welt wurde. Die Tätigkeit des Rates der Freiheitlichen Tschechoslowakei war jedoch insgesamt nicht sehr erfolgreich, denn er wurde häufig von persönlichen wie auch ideologischen Konflikten belastet. Im politisch zersplitterten Exil haben nebeneinander Mitglieder von Parteien gewirkt, die in der kurzen Nachkriegszeit mit der KPČ zusammengearbeitet hatten, und die Anhänger von rechtsorientierten Parteien, deren Tätigkeit dagegen nach 1945 nicht zugelassen worden war. Als Vorwand diente die Kollaboration einiger ihrer Repräsentanten. Ein dauerhaftes Mißtrauen zu jenen tschechischen sowie slowakischen Politikern, die nach Februar 1948 ihre Heimat verließen, haben die slowakischen Nationalisten aufrechterhalten. Sie selbst waren schon seit Ende des Zweiten Weltkriegs als ehemalige Angehörige der politischen Elite des besiegten faschistischen Slowakischen Staates im Exil. Ihr Hauptziel war nicht die Beseitigung des kommunistischen Regimes, sondern die Erneuerung der slowakischen Eigenständigkeit. Eine andere Linie des Konflikts stellten die unterschiedlichen Meinungen zur Berechtigung oder zu den diversen Formen der Aussiedlung der Deutschen aus der Tschechoslowakei nach dem Zweiten Weltkrieg dar.

Ein wichtiger Ausdruck der Widerstandsbewegung der zersplitterten Exilopposition war die Zusammenarbeit ihrer Angehörigen mit den westlichen Geheimdiensten, die anfangs in erster Linie mit der Entsendung der Kuriere in die Heimat umgesetzt wurde. Die tschechischen und slowakischen "Agenten-Fußgänger" (so wurden sie von der StB wegen ihrer Übergänge über die grüne Grenze bezeichnet) sollten bei ihren Aufenthalten in der Tschechoslowakei Kontakte knüpfen, Nachrichten haupt­sächlich militärischen Charakters sammeln und ausgewählte Personen ins Exil bringen. Ihre Anzahl wird heute auf einige Hundert Personen geschätzt. Die meisten von ihnen wurden früher oder später in der Tschechoslowakei verhaftet, einige Dutzend sind bei Schuß­wechseln ums Leben gekommen. Ihre Leben wurden vor allem durch die mangelhafte Konspiration und die Infiltrierung durch kommunistische Agenten bedroht. Da die Archive der westlichen Länder bis dato meist noch nicht zugänglich sind, ist es nicht klar, inwieweit die enthüllten Fälle zu den wichtigen Operationen der westlichen Nachrichtendienste gehörten, oder ob sie nur die Aufmerksamkeit von weit wichtigeren Aktionen ablenken sollten. Nach der Einführung umfangreicher technischer Maßnahmen an der Staatsgrenze, als in der ersten Hälfte der 50er Jahre Zäune mit elektrischem Strom gebaut wurden, ist die Zahl der Kuriere deutlich gesunken. Diese Art der Gewinnung von nachrichtendienstlichen Informationen hat jedoch zur gleichen Zeit im Zusammenhang mit der allmählichen internationalen Entspannung nach Stalins Tod an Bedeutung verloren, als die Gefahr der Entfachung des dritten Weltkriegs abgenommen hat.9

Nach Februar 1948 entstanden sogar einige Exil-Kundschaftergruppen, in deren Reihen zumeist tschechoslowakische Armeeoffiziere tätig waren. Die wahrscheinlich wichtigste wurde 1949 vom Oberst Karel Procházka und dem General Sergej Ingr, dem ehemaligen Verteidigungsminister der Londoner Exilregierung, gegründet. Die Zentrale von CIO (Czechoslovak Intelligence Office) war in London, das Amt arbeitete eng mit dem britischen Nachrichtendienst CIC zusammen und ist später zu seinem Bestandteil geworden. Seine Residenturen waren in Brüssel, Kopenhagen, Zürich, Wien, Hamburg, Düsseldorf, Beirut und Paris, und eine eigenständige Gruppe wirkte in Washington. Neben der anfänglichen Entsendung der Kuriere haben sich die Residenten auf die Errichtung einer nachrichtendienstlichen Agentur konzentriert, die aus tschechoslowakischen Exilanten, ausländischen Staatsbürgern und der legal ins westliche Ausland reisenden tschechoslowakischen Bürgern bestand. Zu den nachrichtendienstlich abgeschöpften aus der letzten Gruppe gehörten vor allem Sportler, Wissenschaftler und Geschäftsleute, die die Informationen hauptsächlich aus ideo­logischen Gründen überbracht hatten. Das Amt wurde im Oktober 1957 von der britischen Zentrale im Zusammenhang mit der Infiltrierung durch die tschechoslowakische Abwehr aufgelöst, die 1956 Informationen vom Angestellten der Londoner Zentrale, Karel Zbytek (Deckname Light) erhalten hatte. Für Geld verriet er Namen von Dutzenden von in der Tschechoslowakei agierenden Mitarbeitern des Britischen Geheimdienstes – auf der Grundlage seiner Berichte wurden zehn Bürger verurteilt, davon zwei im Januar 1957 hingerichtet.10

Obwohl im Gegensatz zum ersten und zum zweiten Widerstand nach 1948 keine tschechoslowakische Armee im Ausland entstanden war, haben einige Hundert Tschechen und Slowaken als Armeeangehörige einiger westlicher Länder im Korea-Krieg und im Vietnam-Krieg gekämpft. 1952 wurde als Kern einer eventuellen Auslandsarmee im westdeutschen Nachbollenbach eine tsche­choslowakische Wachkompanie der US Army (4091st Labor Service Company) aufgestellt. Als Kommandant wurde der Major Karel Černý, ehemaliger Adjutant des Leiters der tschechoslowakischen Militärmission in Moskau während des Zweiten Weltkriegs, des Generals Heliodor Píka (1949 hingerichtet), ernannt. Die Kompanie, zusammengestellt aus ca. zweihundert tschechischen und slowakischen Freiwilligen, bewachte Munitionsdepots. Erst später wurde in Worms eine weitere Kompanie (4058th Labor Service Company) aufgestellt, in der vor allem slowakische Freiwillige dienten. Im Falle eines Ausbruchs eines neuen Kriegskonflikts auf dem europäischen Kontinent sollten die tschechischen und slowakischen Soldaten an der Seite amerikanischer Divisionen als Dolmetscher und Aufklärer kämpfen. Beide Kompanien wurden wegen Mangel nachkommender Freiwilliger aufgelöst – die erste 1958 und die zweite im Herbst 1964.

Der gesellschaftliche Widerstand
Der Widerstand eines Teils der Gesellschaft gegen das kommunistische Regime kam in den ersten Jahren am spontansten zum Ausdruck. Bereits während der Febru­arkrise 1948 veranstalteten die nichtkommunistischen Hochschulstudenten in Prag zwei Straßenkundgebun­gen, mit denen sie dem Staatspräsidenten ihre Unterstützung zum Ausdruck brachten und die kommunistische Druckausübung auf die Aufstellung einer neuen Regierung ablehnten. Als eine antikommunistische Manifestation wirkte auch der Sokolkongreß [Anm. d. Übers.: zentrales Turnfest der damals größten Sportbewegung So­kol/Falk] im Juni 1948 sowie die Beerdigung des Ex-Präsidenten Beneš drei Monate später. Der Widerstand gegen das Regime wurde 1948 auch durch ein erhöhtes Interesse der Gläubigen an Wallfahrten und Kirchenfesten geäußert. Zum Beispiel nahmen 100 000 Mitglieder der Sportvereins "Orel" (Adler) im August an der Wallfahrt im mährischen Hostýn teil, bei der zahlreiche Äußerungen der Unzufriedenheit zum Ausdruck kamen.

Trotz verbreiteter Atmosphäre der Angst und des gegenseitigen Mißtrauens innerhalb einzelner Gesellschaftsschichten haben in den ersten Jahren nach dem Februar 1948 hunderte kleine Gruppen und Einzelpersonen gegen das Regime gewirkt. Sie waren in verschiedenen Formen tätig, am häufigsten im Organisieren von Grenzübertritten, dem Sichern von Verstecken für verfolgte Personen, der Unterstützung von Familienangehörigen von Inhaftierten, der Herstellung und dem Vertrieb von Flugblättern, der Vernichtung propagandistischer Schmuck­­­elemente oder dem Aufmalen von Losungen an die Wände. Seltener, wie bereits oben erwähnt, haben die oppositionellen Gruppen diverse Sabotageaktionen unternommen, und nur einige haben sich um systematisch nachrichtendienstliche Tätigkeit oder einen bewaffneten Kampf bemüht. Einen größeren Umfang hatten verschiedene Formen des gesellschaftlichen Widerstands auf dem Lande, wo die kommunistische Führung mit Gewaltmitteln die Vernichtung des Bauernstandes angestrebt hatte. Der Unwille, eines großen Teils der privat wirtschaftenden Bauern, in die landwirtschaftlichen Genossenschaften einzutreten, wurde erst in der zweiten Hälfte der 50er Jahre durch Anwendung diverser repressiver Methoden in der Tschechoslowakei gebrochen.

Infolge des entfachten Terrors, zu dessen Opfern dann im Dezember 1952 auch elf ehemalige Spitzenrepräsentanten der KPČ (einschließlich des ehemaligen Generalsekretärs des ZK der KPČ Rudolf Slánský) gehörten, und infolge der wachsenden Wirtschaftspro­bleme, hat ein Großteil der Arbeiter, der kreativen Intelligenz und sogar manche Parteifunktionäre ihre Illusionen über die Richtigkeit des angetretenen Wegs verloren. Im Dezember 1951 hat die Unzufriedenheit der Arbeiter mit den sozialen Bedingungen in spontanen Demonstrationen in Brünn ihren Ausdruck gefunden, viel stärker dann noch im Jahre 1953 nach den Berichten über Stalins Tod und besonders nach der Durchführung der Währungsreform, bei der die Mehrheit der Bevölkerung ihre Ersparnisse einbüßte. Ende Mai 1953 wurde in einer Reihe von Fabriken spontan die Arbeit niedergelegt und in vielen Städten kam zu Straßendemonstrationen. In Pilsen haben die Bürger sogar für kurze Zeit die Stadt in ihre Oberhand bekommen, und die Revolte wurde erst mit dem Einsatz von Armee, Grenztruppen und Volksmilizen mit Gewalt niedergeschlagen. Alleine in dieser Stadt wurden in vierzehn politischen Verfahren 331 Personen verurteilt, weitere Menschen wurden aus ihrer Arbeit entlassen und aus ihren Wohnungen zwangsausgewie­sen.11 Aus den angeführten Ereignissen geht hervor, daß eine weitreichende Unzufriedenheit in der Gesellschaft auch in der Zeit vorherrschte, als bereits Tausende von Menschen ins Exil gegangen waren und Abertausende von Menschen in den Gefängnissen und Zwangsarbeitslagern in Sklavenarbeit arbeiten mußten.

Die verlorene Seele der Nation
Gegen Ende der ersten Hälfte der 50er Jahre kam der Dritte Widerstand almählich zum Stillstand, obwohl einige antikommunistische Äußerungen in kleinerem Umfang auch in den Folgejahren da waren. In der veränderten politischen Weltlage haben sich neue Formen der Opposition herausgebildet, zu deren Trägern vor allem die Angehörigen von offiziellen politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Institutionen gehörten, die sich im nachfolgenden Zeitraum um eine Reform des Kommunismus bemühten. Zum wichtigen Scheidepunkt wurde das Jahr 1956, in dem Chruschtschow in der Sowjetunion den "Personenkult" enthüllt hatte. Obwohl infolge des XX. Parteitags der KPdSU kein einziges kommunistisches Regime zusammenbrach, hat sich dieser Parteitag trotzdem in vielen Ländern des sowjetischen Imperiums mit einer starken Erschütterung der Gesellschafts- und politischen Verhältnisse ausgewirkt. Der KPČ-Führung gelang es allerdings erfolgreich, im Gegensatz zur polnischen und ungarischen Situation, die Rehabilitierung der politischen Gefangenen hinauszuschieben, die außerdem von der politischen Repräsentanz fast ausschließlich auf die betroffenen Kommunisten bezogen wurde. Erst im Jahre 1960 wurden im Rahmen der ausgerufenen und sehr umfangreichen Amnestie die meisten politischen Häftlinge aus den Gefängnissen entlassen. Fast alle Entlassenen sind jedoch nach ihrer Rückkehr nicht wieder vollwertige Mitglieder der Gesellschaft geworden und wurden weiterhin in den Karteien der Staatssicherheit als "staatsfeindliche Personen" geführt.

Im Jahre 1968 nutzten die ehemaligen politischen Gefangenen die Lockerung der politischen Verhältnisse und gründeten den Klub 231, der sich für ihre Rehabilitierung einsetzen sollte. Sie benannten die Vereinigung nach dem Gesetz "zum Schutz der volksdemokratischen Republik", Nr. 231/1948 Slg., auf dessen Grundlage die meisten von ihnen verurteilt worden waren. In diesem Klub 231 vereinigten sich 55 000 Mitglieder, die mit der angebotenen langwierigen und häufig nicht umfassenden individuellen Rehabilitierung nicht einverstanden waren. Nach dem sowjetischen Einmarsch im August 1968 wurde die Tätigkeit des Klubs 231 verboten, allmählich wurden auch die Rehabilitierungen eingestellt und die bereits gefällten Revisionen wurden ebenfalls meist zurückgenommen. Die überwiegende Mehrheit der ehemaligen politischen Gefangenen hat sich in den nachfolgenden zwanzig Jahren den neu entstandenen oppositionellen Initiativen nicht angeschlossen. Zu den wichtigsten Gründen gehörte ihre Angst vor öffentlicher Tätigkeit, ihre wiederholte Enttäuschung und auch die Unlust, mit den Angehörigen der erneut marginalisierten Gesellschaftsschichten zusammenzuarbeiten, die bis zu ihrem Ausschluß aus dem öffentlichen Leben Anfang der siebziger Jahre das kommunistische System meist unterstützt hatten. Die absolute Mehrheit der Angehörigen des Dritten Widerstands hat den Zusammenbruch des Kommunismus im Jahre 1989 nicht mehr erlebt. Ihr Verdienst und ihr Leid wurden auch in den 90er Jahren von der Öffentlichkeit nicht voll anerkannt, als auf der einen Seite von der Konföderation der politischen Gefangenen die Flächen­rehabilitierung durchgesetzt wurde, aber auf der anderen Seite ihre Mitglieder keine eindeutige Verurteilung der kommunistischen Verbrechen erfahren haben. Sie haben auch mit ihrer Forderung, die kommunistische Partei zu verbieten, keine mehrheitliche Unterstützung seitens der Öffentlichkeit erhalten.

Das Thema des Dritten Widerstands wurde bislang von den meisten akademischen Geschichtsinstitutionen außer Acht gelassen. Zu den Hauptgründen gehört, neben der widersprüchlichen Vergangenheit eines Teils der His­torikergemeinde, insbesondere das Fehlen, die Unvollkommenheit, die Verzerrtheit oder Unzugänglichkeit der schriftlichen Quellen sowie ein großer Zeitabstand von den zu erforschenden Ereignissen, der häufig nicht einmal das persönliche Zeugnis der Akteure, der Zeitzeugen, ermöglicht. Über den Dritten Widerstand wurden bis dato zumeist Arbeiten von den ehemaligen politischen Gefangenen und ihren Verwandten – in unterschiedlicher Qualität – geschrieben. Ähnlich unausgewogen ist die Publikationstätigkeit des Amtes zur Dokumentation und Ermittlung der Verbrechen des Kommunismus (ÚDV) der Polizei der Tschechischen Republik, wo seit einigen Jahren Sammelbücher und Monographien zur politischen Verfolgung und Tätigkeit der StB erscheinen. Ein Minimum an Informationen gibt es bislang in den Geschichtsbüchern für den Schulunterricht, die ja am stärksten das historische Bewußtsein neuer Generationen prägen. Über verschiedene Vorfälle aus der Geschichte des Dritten Widerstands wurden schon einige Dutzend Filme unterschiedlichen Genres gedreht. Gerade aus dem Fernsehen konnte die breitere Öffentlichkeit über "die verlorene Seele der Nation", wie einer der Dokumentarfilme über den Dritten Widerstand und das Leben politischer Häftlinge in den 50er Jahren hieß, wahrscheinlich das Meiste erfahren.12                                         

[Übersetzt von Gabriela Oeburg]

Petr Blažek, PhDr., geboren 1973 in Hradec Králové, Studium an der Philosophischen Fakultät der Karlsuni­versität Prag, Fachgebiet Geschichte. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte der Akademie der Wissenschaften in Prag. – Die wichtigsten Publikationen: (mit Roman Laube und Filip Pospíšil) Lennons Mauer in Prag [Lennonova zed’ v Praze], 2003; (mit anderen Autoren) Inseln der Freiheit. Kulturelle und zivilgesellschaftliche Aktivitäten der jungen Generation in den 80er Jahren in der Tschechoslowakei [Ostrůvky svobody. Kulturní a občanské aktivity mládeže generace v 80. letech v Československu], 2002.

1    GEBAUER, František – KAPLAN, Karel – KOUDELKA, František – VYHNÁLEK, Rudolf: Gerichtsverfolgung politischer Art in der Tschechoslowakei 1948-1989: Statistische Übersicht. ÚSD AVČR (Institut für Zeitgeschichte der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik), Prag 1993, S. 24.
2    Über den Charakter des kommunistischen Regimes sagt ebenfalls der Umstand aus, daß unter den Hingerichteten auch einige geopferte Agents provocateurs und ehemalige hohe KPČ-Repräsentanten waren, die auf Anordnung sowjetischer Berater bei Parteisäuberungen liquidiert worden waren. Vergl. LIŠKA, Otakar und Kol.: Die vollstreckten Todesurteile, Tschechoslowakei 1918-1989, ÚDV PČR (Amt zur Dokumenation und Ermittlung der Verbrechen des Kommunismus bei der Polizei der Tsch. Republik) Prag 2000.
3    COURTOIS, Stéphane – WERTH, Nicolas – PANNÉ, Jean-Louis – PACZKOWSKI, Andrzej – BARTOŠEK, Karel – MARGOLIN, Jean-Louis: Das Schwarzbuch des Kommunismus: Verbrechen, Terror, Unterdrückung, Teil I. Verlag Paseka, Prag – Litomyšl 1999, S. 370
4    MAYEROVÁ, Francoise: Gefängnis als Vergangenheit, Widerstand als Gedächtnis. In: Soudobé dějiny (Die Zeitgeschichte), Jhrg. 9, Nr. 1 (2002), S. 42-64.
5    Vergl. DVOŘÁKOVÁ, Zora: Charakteristik des Dritten Widerstands. In: BABKA, Lukáš – VEBER, Václav (eds.): Dritter (antikommunistischer) Widerstand. Europäische Bewegung in der Tsch. Republik – Universität in Hradec Králové, Hradec Králové 2002, S. 20-26.
6    Genau wie in anderen europäischen Staaten des sowjetischen Blocks gehörten zu den Grundäußerungen und Formen der Opposition: Streiks, Demonstrationen, Straßenunruhen, und Kundgebungen; Gerüchte, Flüsterpropaganda, politische Witze und das Hören ausländischer Rundfunkstationen; das Malen von Aufschriften an die Wände, Verbreitung von Flugblättern und Plakaten; Widerstand gegen die Kollektivierung auf dem Lande; Flucht aus Gefängnissen und Arbeitslagern, Fahnenflucht sowie Republikflucht; Boykott und Ablehnung der Wahlen ; Vernichtung kommunistischer Symbole und propagandistischer Mittel: Widerstand aus den Reihen der Kirchenanhänger. KAMINSKI, Lukasz, Ruch oporu, opozycja, opór spoleczny. In: RUCHNIEWICZ, Krysztof (ed.): Powstanie czerwcowe v NRD w1953 roku na tle innych wystapien antykommunistycznych w krajach Europy Srodkovo-Wschodniej. Wrocław 2003, S. 16-18.
7    VALIŠ, Zdeněk: Dritte militärische Widerstandsbewegung. In: BABKA, Lukáš – VEBER, Václav (eds.): Dritter (antikommunistischer Widerstand), S. 29-31; POSPÍŠIL, Jaroslav: Hyänen in Aktion. Lípa, Vizovice 2003, S. 269-440; HANZLÍK, František: Militärischer Nachrichtendienst im Kampf um politische Macht. ÚDV PČR, Prag 2003, S. 219-235.
8    MÁLEK, Jiří: JUDr. Vlastislav Chalupa, Agent der StB. In: Securitas Imperii, Nr. 2, ÚDV PČR, Prag 1996, S. 72-116.
9    TOMEK, Prokop: Geheime operative Haftanstalt der Staatssicherheit in der Winter-Straße in Prag in den Jahren 1951-1955. In: Securitas Imperii, Nr. 7, ÚDV PCR, Prag 2001, S. 286-288.
10    TOMEK, Prokop: Der Agent Light: Der inoffizielle Mitarbeiter im Britischen Nachrichtendienst. In: Securitas Imperii, Nr. 8, ÚDV PČR, Prag 2001, S. 149-182 .
11    PERNES, Jiří: Nachwort: Das Jahr 1956 mit den Augen des tschechoslowakischen Historikers. In: BLAIVE, Muriel: Die verlorene Gelegenheit: Die Tschechoslowakei und das Jahr 1956. Verlag Prostor, Prag 2001, S. 463-466; JIRÁSEK, Zdenek – ŠULA, Jaroslav: Der große Geldraub in der Tschechoslowakei 1953 oder 50:1. Verlag Svítání, Prag 1993.
12    MAYEROVÁ, Francoise.: Gefängnis als Vergangenheit, Widerstand als Gedächtnis. In: Soudobé dějiny, Jhrg. 9, Nr. 1 (2002), S. 42-64.

 

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