Heft 45/2004 | Themen | Seite 52 - 54
Carl Wilhelm Macke
Rote Nelken für Havemann
Eine Erinnerung an die ›andere westliche Linke‹ zur Zeiten der Mauer
Handle so, dass Deine Aktionen würdig sind,
erinnert zu werden.
Gesualdo Bufalino
"Ein Dialog", so lautet der einfache Titel eines in einer denkbar schlichten Aufmachung Ende 2003 in Italien erschienenen Buches.1 Es unterhalten sich da der Historiker Carlo Ginzburg, der Sohn der berühmten Schriftstellerin Natalia Ginzburg, und Vittorio Foa, ein inzwischen über neunzigjähriger Gewerkschafter und Schriftsteller, über ihr Leben. Zwei kluge Menschen, die sich noch Zeit nehmen zum Gespräch. Die etwas zu sagen haben. Von denen man lernen kann. Keiner der Beiden muß sich zum Beispiel zum Anti-Faschismus bekennen. Leone Ginzburg, der Vater von Carlo, wurde von deutschen Wehrmachtssoldaten 1944 eschossen. Vittorio Foa verbrachte acht Jahre seines Lebens in faschistischer Haft. Beide zählen sich zur politischen Linken Italiens, ohne sich aber heute einer bestimmten Partei zuzuordnen. Dem Historiker wie dem Gewerkschafter sind tabuisierte oder instrumentalisierte Geschichtsbilder zuwider. Ein Kapitel des Buches trägt dann auch den Titel "La Doppiezza", was man mit "Doppelzüngigkeit" oder "Heuchelei" oder "Falschheit" übersetzen könnte. Foa, ein für seine radikale Ehrlichkeit bekannter linker Intellektueller, geht da mit sich selber, vor allem aber mit den italienischen Kommunisten ins Gericht. In den fünfziger, sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts haben die politischen Linken, so klagt Foa, gegenüber dem ›bürgerlichen Recht‹ immer eine "Doppiezza", eine Doppelzüngigkeit gezeigt. Man habe immer nur im eigenen Land den Mangel von Grundrechten eingeklagt, ohne gleichzeitig an die Sowjetunion und deren Satelliten-Staaten die gleichen Massstäbe anzulegen. Foa und Ginzburg sprechen über Italien. Man könnte statt Italien aber auch Deutschland schreiben. Hat es nicht auch in Deutschland jene ›Sinistra Doppiezza‹, jene ›doppelzüngige Linken‹ gegeben, die die Existenz von ›Berufsverboten‹ für Kommunisten beklagten, aber über Berufsverbote für Nicht-Kommunisten in den Ländern des ›realen Sozialismus‹ nicht reden wollten? Die keine 1. Mai-Feier ausliessen, sich zum Anti-Faschismus zu bekennen, aber die sich verleugnen liessen, wenn man sie auf Namen wie Robert Havemann, zu Heinz Brandt, zu Jorge Semprun ansprach? Die die Sonne noch strahlen liessen, als sie längst verfinstert war? Diese linke ›Doppiezza‹, die für sich die ›bürgerlichen Freiheiten‹ einforderte, aber über die ›Schädelstätten des Sozialismus‹ (Oskar Negt) nicht sprechen wollte, hat fast alle Gruppierungen und Individuen, die sich in der Zeit des ›Kalten Kriegs‹ zur politischen Linken zählten, negativ imprägniert. Fast alle, denn es hat immer auch eine ›andere Linke‹ gegeben, die versucht hat, ihren Verstand und ihr Gefühl, ihre Werte und ihr Handeln nicht opportunistisch den Tagesanforderungen einer ›Realpolitik‹ unterzuordnen. Vielleicht war sie immer nur ein Randphänomen der Zeitgeschichte jener Jahre. Aber man muß sich ihrer erinnern, um ein möglichst differenziertes Verständnis der jüngeren deutschen wie europäischen Geschichte zu gewinnen. In der Vergangenheit war der Blick von "West" nach "Ost" oft (zu oft) einseitig und von großer Unkenntnis geprägt. Vielleicht wird es Zeit, auch einmal ›östliche Einseitigkeiten‹ in der Wahrnehmung der politischen Realitäten des ›Westens‹ zu überwinden. Im Hafen der Geschichte liegen noch viele ungelöschte Geschichten vor Anker.
I.
Eine kurze, etwas verallgemeinernde Ausgangsskizze: Innerhalb der intellektuellen und journalistischen Szene Westdeutschlands (oder der ›alten Bundesländer‹) nahm die Generation von 68 jahrzehntelang eine herausragende Rolle ein. In der führenden politischen Klasse der zu Ende gehenden Ära Schroeder waren und sind an exponierter Stelle Repräsentanten jener Zeit stark vertreten (Fischer, Trittin, Wieczorek-Zeul, Rezzo Schlauch usw.). Mit dem Ende der deutschen und europäischen Teilung von freiheitlichem Westen und kommunistischem Osten ist auch diese ›linke Kultur‹ in eine starke Identitätskrise geraten. Innsbesondere durch die Öffnung osteuropäischer Staatssicherheitsarchive wurde (und wird) immer mehr sichtbar, wie zweifelhaft sich oft viele ›linke Intellektuelle‹ gegenüber den Regimen des "realen Sozialismus" verhalten haben (Stichwort Wallraff). Aber nicht alle Intellektuelle und Politiker, die sich in den westdeutschen sechziger bis achtziger Jahren als ›Linke‹ definierten, müssen die Öffnung der Geheim-Akten über das realsozialistische Denunziations- und Spitzelsystem fürchten. Es ist an der Zeit, sich endlich auch differenzierender an diejenigen ›politischen Linke‹ zu erinnern, deren Verhalten eben nicht von der ›Doppiezza‹, dem ›Doppelspiel‹ geprägt war, die Vittorio Foa am Beispiel der italienischen Kommunisten beklagt hat. Das ist man auch denjenigen schuldig, die in dem vergangenen "Wolfsjahrhundert" (Ossip Mandelstam) ihre Ideen einer ›besseren Gesellschaft‹, für die sie auch den Namen ›Sozialismus‹ verwendeten, nicht an die diversen Staatssicherheitsdienste verraten haben.2 Sie können heute – falls sie noch leben oder sich im öffentlichen politischen Getümmel bewegen – die ins Kraut schiessenden Stasi-Verdächtigungen, soweit sie ihre eigene Person betreffen, gelassen verfolgen, weil ihr vielleicht träumerisches Ideal vom Sozialismus mit der Wirklichkeit des osteuropäischen/ostdeutschen Sozialismus nicht vereinbar gewesen ist. Vielleicht waren sie auch zu ängstlich, um sich ohne Herzklopfen den Anweisungen irgendwelcher subalterner Stasi-Angestellten zu unterwerfen. Oder zu wenig ›deutsch‹, um sich diplomatischen Gepflogenheiten ohne Murren und Phantasie unterzuordnen. Aus den aktuellen Erinnerungsdebatten wird diese Linke jedoch weitgehend ausgeblendet.
II.
Nein, nicht schon wieder rosarote Verklärungen der ›tempi passati‹. Auch von roten Veteranen-Plaudereien oder Präsentationen alter Rechnungen haben wir genug. Aber warum soll man nicht daran erinnern, dass sich auch der Bundeskanzler Gerhard Schröder in seiner Zeit als Juso-Funktionär an Diskussionen um einen ›basisdemokratischen Sozialismus‹ beteiligt hat, wie er damals im Umfeld des Offenbacher "Sozialistischen Büros" vertreten wurde. "Der Jungsozialisten-Bezirk Hannover", so schrieb ein gewisser Gerhard Schröder in der Zeitschrift ›Jungsozialisten‹, Ausgabe 2/74, "hat keinen Anlaß, zu leugnen, daß die Diskussionsansätze des Sozialistischen Büros seine Theoriedebatte prägen". Das ist kein Stoff für eine neue Kampagne, vielleicht nur eine Fußnote in der Biographie des Bundeskanzlers. Aber aus aktuellem Anlaß und um der historischen Differenzierung willen sollte man schon an die Aktivitäten jenes "Sozialistischen Büros" erinnern, das sich auch in den Hochzeiten der DDR-Vergötzung durch Teile der westdeutschen Linken nicht instrumentalisieren ließ.3 Die Debatten in den Publikationen des Sozialistischen Büros etwa während der ›bleiernen Jahre des Terrorismus‹ oder um die bürgerlichen Freiheitsrechte in der Zeit der Berufsverbote oder über den Nicht-Sozialismus in den Gesellschaften des ›realen Sozialismus‹ muß heute niemand, der an ihnen teilgenommen hat, aus seiner politischen Biographie streichen. In "links", der Zeitschrift des ›Sozialistischen Büros‹, die auch von kritischen Linken in der DDR gelesen wurde, setzten sich in den Jahren um 1977 u.a. Elmar Altvater, Hansgeorg Conert, Rudi Dutschke und Manfred Scharrer mit dem Charakter des ›Realsozialismus‹ auseinander. Einig war man sich darin, daß diese Gesellschaft nicht die war, die man anstrebte. Aber wie war sie begrifflich zu fassen? Das Marxsche Entwicklungsschema "Feudalismus – Kapitalismus – Sozialismus" half hier nicht weiter. Selbst als ›Übergangsgesellschaften‹, wie Trotzki sie einst hoffnungsvoll bezeichnet hatte, wollte man sie nicht mehr verstehen. Ebenso umstritten war, wie es zu einer ›bürokratischen Herrschaft‹ dieser Art hatte kommen können: Waren Marx‘ Theorien schuld? Oder Lenins Lehre von der ›führenden Rolle der Partei‹? Oder das Weiterbestehen der alten Arbeitsteilung? Klar war: An ein ›sozialistische Bewußtsein‹ der Herrschenden zu appellieren war sinnlos. Auch mit der Rolle der Opposition hat man sich in den Informationsdiensten des ›Sozialistischen Büros‹ seligen Angedenkens ausführlich beschäftigt.4 Keine Kompromisse mit der stalinistischen Nomenklatura auch hier. Übel denunziert und attackiert von der DKP unseligen Angedenkens. Wer erinnert sich noch an Namen wie Renate Damus5 oder Ursula Schmiederer6 (beide an der Universität Osnabrück), die sich als linke Intellektuelle verstanden und trotzdem (?) mit Verve jede Zusammenarbeit auch nur mit dem in der Hierarchie niedrigsten Stasi-Schnüffler ablehnten. Allerdings beschränkten sich die Solidarisierungen mit der Opposition im "realen Sozialismus‹ vornehmlich auf theoretische Debatten oder öffentliche Erklärungen. Das SB hat sich ganz besonders aktiv an der Kampagne für Rudolf Bahro engagiert und seine Ideen auf vielen Seminaren diskutiert. Solidarisiert, wenn auch nicht immer einmütig, hat sich das SB mit der polnischen ›Solidarność‹-Bewegung. Längerfristige praktische Kontakte zu Oppositionsgruppen oder zur intellektuellen Kritik innerhalb des ›Ostblocks‹ gab es aber nur sehr wenige, allenfalls im privaten Rahmen.
III.
Auch innerhalb der Sozialdemokratie und linker Gewerkschaftskreise existierten Gruppierungen wie Einzelpersonen, die ihre linke Konterbande auf allen erdenklichen Wegen von West nach Ost schmuggelten. Der ehemalige Medienbeauftragte der OEZE Freimut Duve soll hier für viele genannt werden; in seiner damaligen Funktion als Rowohlt-Lektor ließ er keine Gelegenheit aus, linke antistalinistische Aktivitäten zu unterstützen. Vielleicht findet man ja noch in irgendwelchen Antiquariaten rororo-Taschenbücher mit dem Titel "Die Sowjetunion, Solschenizyn und die westliche Linke" (Reinbek, 1975) oder "Menschenrechte – ein Jahrbuch zu Osteuropa" (Reinbek, 1977). Joachim Steffen, der langjährige Vorsitzende der SPD Schleswig-Holstein, mag sich vielleicht in seinen letzten Lebensjahren zu sehr mit seinen Kuddel-Schnöf-Döntjes aus der Realpolitik verabschiedet haben. Aber man konnte sich auf ihn im innersozialistischen Grenzverkehr mit den Vertretern osteuropäischer Exilgruppen verlassen. Peter von Oertzen, viele Jahre lang Kultusminister in Niedersachsen und einflußreiche ›graue Eminenz‹ hinter den Kulissen der SPD muß genannt werden, dessen Freundschaften zu trotzkistischen Kreisen immer ein offenes Geheimnis gewesen ist. In der SPD-Bundestagsfraktion hat sich ganz besonders Gert Weisskirchen für Kontakte mit den osteuropäischen Dissidenten eingesetzt, während die große Mehrheit der Fraktion diese Aktivitäten als Störung der offiziellen ›Entspannungspolitik‹ angesehen hat. Oder man muß an Heinz Brandt erinnern, der vielleicht zu träumerisch veranlagt war, um in der Realpolitik, der der Gewerkschaften allemal, eine große Karriere zu machen.7 Der aber uns – damals meist junge – linke Naive immer wieder mit den stalinistischen Verbrechen konfrontierte. Weil er sie selbst am eigenen Leib durchlitten hatte, wußte Brandt wovon er sprach.8 Niemanden haßten die kommunistischen Zirkel innerhalb der Gewerkschaften mehr als diesen undogmatischen linken Aufrechten. "Spinner", "Träumer" oder "Prediger" waren noch die harmloseren Formen des Spotts, der von Teilen des gewerkschaftlichen Funktionärskaders über ihn ausgegossen wurde. Die DGB-Gewerkschaften distanzierten sich zwar offiziell immer von den ›realsozialistischen Gesellschaften‹ und ihren ›Massenorganisationen der Werktätigen‹, aber selten solidarisierten sie sich deutlich mit der nicht-kommunistischen oder anti-kommunistischen Opposition. Das gilt im Falle Heinz Brandts ebenso wie für ihr Verhältnis zu ›Solidarność‹ oder zu den Bergarbeiterstreiks in der ersten Hälfte der siebziger Jahre in Rumänien.
IV.
Im internationalen Kontext ist an Namen zu erinnern, die heute von den meisten vergessen sind: an Lucio Lombardo-Radice9 oder Lidia Menapace aus der italienischen Linken etwa, an Fernando Claudin und den ›katholischen Kommunisten‹ Alfonso Carlos Comin aus Spanien oder die österreichischen Ex-Kommunisten (auch Ex-Stalinisten!) Ernst Fischer10 und Franz Marek,11 die sich alle offen auf Seiten der demokratischen Opposition im ›Realsozialismus‹ gestellt haben. Klar und deutlich und ohne Kompromisse. Comin und Lombardo-Radice (beide damals Mitglieder der Zentralkomitees ihrer kommunistischen Parteien) haben Robert Havemann in seinem Hausarrest mit einem großen Strauß roter Nelken begrüßt. Natürlich auf Schritt und Tritt von der Abteilung Horch&Greif begleitet. Organisiert von der linken italienischen Tageszeitung "Il manifesto" fand im November 1977 in Venedig der internationaler Kongreß "Macht und Opposition in den nachrevolutionären Gesellschaften" statt. In der Teilnehmerliste stößt man auf die ›Creme de la creme‹ der damaligen antistalinistischen europäischen Intelligenz: den Ungarn Andreas Hegedüs, die Italiener Bruno Trentin und Rossana Rossanda (die Gründerin der Zeitung ›Il manifesto‹), den Exil-Russen K. S. Karol, den Tschechen Jiří Pelikan und aus Deutschland Detlev Claussen, Rudi Dutschke, Jürgen Fuchs und Ursel Schmiederer.12 Nach der Lektüre der durchaus kontroversen Debatten auf diesem Kongreß sollte es schwerer fallen, weiterhin undifferenziert von einer Nähe der gesamten europäischen Linken zu den Staaten des ›Realsozialismus‹ zu sprechen. Es gab eine "andere Linke", die in der jüngeren geschichtlichen Entwicklung Europas vielleicht in die politische Bedeutungslosigkeit abgedrängt wurde oder – auch das – sich selber in dieses Abseits begeben hat. Aber sie war nicht von den angeblichen Reizen des ›Realsozialismus‹ zu verführen – zur Denunziation und zum Spitzelwesen im Auftrag der parteikommunitischen Nomenklatura schon mal gar nicht. Sie handelte so, dass man sich ihrer Aktionen heute mit Würde erinnern kann.
Wenn die ›Affäre Wallraff‹ und ähnliche tatsächliche oder vermeintliche Spitzelskandale dazu dienen, sich derer zu erinnern, die aufrechten Ganges, aber realpolitisch vielleicht naiv allen Verführungen eines diktatorischen Sozialismus widerstanden, könnten sie eine politisch wie kulturell reinigende Wirkung haben. Mit ihren moralischen Verbiegungen und intellektuellen Blindheiten in Zeiten der großen ›Ost-West-Konfrontation‹ müssen sich die beschäftigen, die einige der oben angeführten Personen in jenen Jahren bespitzelt, verfolgt und denunziert haben.
Carl Wilhelm Macke, in den siebziger Jahren Mitglied im ›Sozialistischen Büro‹ und Mitarbeiter beim "Wiener Tagebuch". Lebt heute als freier Journalist in München und Ferrara, Geschäftsführer des Vereins "Journalisten helfen Journalisten"/ www.journalistenhelfen.org)
1 Carlo Ginzburg/ Vittorio Foa "Un dialogo", Milano, 2003.
2 Siehe hierzu auch vorbildlich "Horch und Guck", 10.Jg./ H. 34/ 2001.
3 Das "Sozialistische Büro" (SB) wurde im April 1969 von einer Gruppe Intellektueller, Gewerkschafter und Studenten gegründet, die nach einer ›linken Alternative jenseits von der Sozialdemokratie und dem Stalinismus suchten. Der parteipolitische Einfluß des vornehmlich (aber nicht nur) im frankfurter/ offenbacher Raum angesiedelten SB war nie bemerkenswert groß, allerdings fanden die im SB geführten intellektuellen Debatten z.B. über den ›realen Sozialismus‹, die ›bürgerlichen Grundrechte‹ und ganz besonders über den politischen Terrorismus in den siebziger Jahren eine gewisse Resonanz in vielen Medienredaktionen und im Umfeld der SPD-Linke (vor allem im Bezirk Hannover um Gerhard Schröder u.a.) Im SB kreuzten sich verschiedene Traditionen der westdeutschen Oppositionsbewegungen nach Kriegsende (linke Sozialdemokraten, anti-autoritäre Studenteninitiativen, oppositionelle Gewerkschafter, Pazifisten, linkskatholische Kritiker der Adenauer-CDU, Intellektuelle aus dem Umfeld der ›Frankfurter Schule‹ usw.) Einige aus der Gründungsgeneration der ›Grünen‹ waren vor ihrem parteipolitischen Engagement auch im SB organsiert. In seinem eher anti-autoritären Organisationsverständnis unterschied sich das SB deutlich von allen linken ›Kaderzirkeln‹ und ähnelte mehr den besonders in den siebziger Jahren aufblühenden Bürgerinitiativen. Zum SB allgemein s. Sozialistisches Büro (Hrsg.) "Für eine neue sozialistische Linke", Frankfurt am Main, 1973; zum theoretischen Rahmen des SB s. besonders Negt, Oskar "Keine Demokratie ohne Sozialismus Frankfurt am Main, 1976; aktuell und zu den Verbindungen zu den ›Grünen‹ s. die Autobiographie von Willi Hoss "Komm ins Offene, Freund", Münster 2004.
4 Siehe Internationalismus – Rundbrief des Sozialistischen Büros, Heft 4 "Realer Sozialismus"/ Heft 5 "Opposition im ›realen Sozialismus‹", Offenbach, 1978/79.
5 Renate Damus, 1992 verstorben, hatte sich seit den frühen siebziger Jahren ("Entscheidungsstrukturen und Funktionsprobleme der DDR-Wirtschaft", Frankfurt/M, 1975) intensiv mit den Verhältnissen im ›realen Sozialismus‹ befaßt, den sie als Neuauflage vorbürgerlicher Gesellschaften verstand, und dazu u.a. in "Die Internationale", dem Blatt der Gruppe Internationaler Marxisten, und im Bulletin des Sozialistischen Osteuropakomitees publiziert. 1990/91 war sie eine der drei BundessprecherInnen der GRÜNEN. S. a den Nachruf von Hans-Joachim Giegel in "links" 271/272 (Dez. 1992/ Januar 1993).
6 Siehe u.a. Ursula Schmiederer, "Imperial oder imperialistisch? – Zur Außenpolitik der Sowjetunion", in: links, Okt. 1981, S. 11f. Auch an der Sozialismusdebatte in "links" hatte Ursula Schmiederer sich beteiligt.
7 Heinz Brandt (1909 bis 1986), KPD-Mitglied, 1935 – 1945 inhaftiert, nach 1946 SED-Funktionär, floh 1958 nach mehrmaliger Maßregelung in die Bundesrepublik, wurde Mitglied der SPD und Redakteur der Gewerkschaftszeitung "Metall". 1961 vom MfS in die DDR entführt, wurde er zu 13 Jahren Zuchthaus verurteilt, aber 1964 nach internationalen Protesten aus der Haft entlassen. 1968 Austritt aus der SPD, später zeitweise bei den GRÜNEN aktiv.
8 Brandt, Heinz "Ein Traum, der nicht entführbar ist", München, 1967.
9 Lucio Lombardo-Radice "La Germania che amiamo" ("Das Deutschland, das wir lieben") , Rom, 1978. Gewidmet hat er das Buch u.a. Robert Havemann, Rudi Dutschke, Wolf Biermann und Heinz Brandt.
10 Fischer, Ernst "Erinnerungen und Reflektionen", Autobiographie, Frankfurt am Main, 1994 (Bibliothek der Exilliteratur).
11 Um Ernst Fischer, später dann Franz Marek und Leopold Spira sammelte sich eine Gruppe von linken Intellektuellen, die 1968 wegen ihrer Sympathie für den ›Prager Frühling‹ und der Verurteilung des Einmarsches der Truppen des Warschauer Paktes aus der KP ausgeschlossen wurde. Die Redaktion der (monatlich erschienenen) Zeitschrift "Wiener Tagebuch" besaß viele Kontakte zur intellektuellen Dissidenz in Ungarn (Györgi Dalos, Miklós Haraszti, Agnes Heller), Polen (Ryszard Kapuściński, dem Karikaturisten Andrzej Krauze) und der damaligen ČSSR (Zdeněk Mlynář, Eduard Goldstücker, Jiří Lederer, Charta 77). Siehe auch Spira, Leopold "Kommunismus adieu", Wien 1992); Rosenstrauch, Hazel "Beim Sichten der Erbschaft" Mannheim, 1992; Hackl, Erich "Angst vor dem Nacktsein", in: ders. "Anprobieren eines Vaters", Zürich, 2004, S. 47 ff.
12 Nachzulesen ist das alles in dem bei Suhrkamp erschienenen Taschenbuch "Zurückforderung der Zukunft – Macht und Opposition in den nachrevolutionären Gesellschaften" (Ffm. 1979).
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