Heft 45/2004 | Schauplätze | Seite 61 - 62
Wolfgang Stadthaus
Christfried Berger – ein Brückenbauer für Frieden und Versöhnung
Erste Begegnung
Als am Morgen des 4. November 1964 auf dem Berliner Ostbahnhof der Theologe Traugott Vogel mir den Kriegsdienstverweigerer Christfried Berger vorstellte, konnte ich noch nicht ahnen, dass damit eine lebenslang andauernde Freundschaft beginnen würde. Das Kennenlernen war bereits symptomatisch für spätere Aktionen. Wir begaben uns in den Zug nach Stralsund, der uns zu unserem Bausoldatenstandort nach Prenzlau und Jörg Hildebrandt, der hinzugekommen war, zu seiner Einsatzkaserne Stralsund bringen sollte. Sofort begannen wir, gemeinsame Strategien zu entwickeln für das Vorgehen an den sechs verschiedenen Bausoldaten-Standorten zu den Fragestellungen:
- wie kann der militärisch orientierte Bausoldatendienst zu zivilen Zielen gewandelt werden?
- wie gelingt es uns, den Kameraden eine möglichst geschlossene Ablehnung des – den unbedingten Gehorsam einschließenden – Gelöbnisses nahezubringen?
Diese beiden Fragen sollten schließlich 26 Jahre lang alle Generationen der Waffendienstverweigerer in der DDR beschäftigen.
Welche Lebensereignisse haben Christfried Berger zum Wehrdienstverweigerer werden lassen?
Die frühen Jahre
Am 7. Januar 1938 in Środa, einer Kleinstadt in der Nähe von Posen geboren, lernte er sehr früh das friedliche Zusammenleben der polnischen, jüdischen und deutschen Bevölkerung kennen. Der Vater wirkte sowohl als Pfarrer der evangelischen Ortsgemeinde sowie als Dozent an der Theologischen Hochschule in Posen. Da der Vater kompromisslos zu seiner Ehefrau mit jüdischen Ahnen hielt, wurde er bald in vorderster Kriegsfront eingesetzt und in den Tod getrieben.
Die Mutter fand 1945 mit ihren drei Kindern Christfried, Friedemann und Elsa-Ulrike sowie den Eltern bei ihrer Schwester in Gotha ein neues Zuhause.
Dort besuchte Christfried die Oberschule. Nach dem Abitur studierte er bis 1961 Theologie an der Humboldt-Universität und schloss mit einer Arbeit über die pazifistischen Ideen bei Leo Tolstoi ab. Seine Absicht, nun die Journalistik an der Freien Universität zu studieren, wurde durch den Mauerbau verhindert. So folgte die Vikariatszeit in Zeuthen bei Berlin.
Vom benachbarten Schmöckwitz war am 18. August 1961 eine Gruppe der Jungen Gemeinde inhaftiert worden, der unterstellt worden war, mit der "Seebad Binz" über die Ostsee entfliehen zu wollen. In einem Schauprozess in Rostock wurden die Jugendlichen als "Söldner der Nato-Kirche" vorgeführt und zu Haftstrafen zwischen drei Monaten und acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Während einer Einwohnerversammlung in der Gaststätte "Palme" setzte sich Christfried Berger für diese Jugendlichen ein.1
Die Vikariatszeit beendete er am Predigerseminar in Brandenburg mit dem II. theologischen Examen und der Arbeit "Krieg, Kriegsdienst und Kriegsdienstverweigerung bei Dietrich Bonhoeffer". Nach der Ordination folgte 1963 eine Tätigkeit als Assistent am Ökumenischen Institut in Berlin bei Dr. Johannes Althausen. Vorgesehen war auch ein Einsatz beim Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf. Doch in die Vorbereitungen hinein platzte im Oktober 1964 die Einberufung zum ersten Durchgang der neu gegründeten Baueinheiten. Seine Verweigerung des Wehrdienstes anlässlich der Musterung 1962 hätte, wie auch bei manchem anderen, die Inhaftierung zur Folge haben können. Aus innenpolitischen Gründen blieb dies jedoch den meisten Berliner Verweigerern zunächst erspart.
18 Monate in der Baueinheit
Vier Wochen nach der Einberufung hieß der Befehl in der "Roten Kaserne" in Prenzlau: "Heraustreten zur Ablegung des Gelöbnisses!"
Mit diesem sollte versprochen werden:
- "meine Kraft zur Erhöhung der Verteidigungsbereitschaft einzusetzen,
- als Angehöriger der Baueinheiten durch gute Arbeitsleistungen aktiv dazu beizutragen, dass die NVA [...] den sozialistischen Staat gegen alle Feinde verteidigen und den Sieg erringen kann,
- den Vorgesetzten unbedingten Gehorsam zu leisten"
Die gute konspirative Vorarbeit zeigte Früchte! Nur wenige Bausoldaten folgten dem Ansinnen des Seelenverkaufes. Diese metaphysische Daumenschraube wurde rundweg abgelehnt. Auch die Parteiführer Götting (CDU), Gerlach (LDPD) sowie die Militärs General Stechbart, Chef des Militärbezirks V, und der aus Strausberg herbeigeeilte Stellvertretende Verteidigungsminister Admiral Verner konnten dieses starke und geschlossene Bekenntnis von ca. 50 Bausoldaten nicht zu Fall bringen. Christfried übte mit seiner starken Persönlichkeit und immer neuen Ideen eine überzeugende Führungsrolle aus. An wechselnden versteckten Orten der Kaserne wurde von den Vertrauenspersonen der Bausoldaten das jeweils nächste Vorgehen vorbesprochen.
Eine Verweigerung von Arbeitsleistungen für den Bau eines Schießplatzes hatte für fünf Kameraden eine sechsmonatige Haftstrafe im Armeestraflager Berndshof bei Ueckermünde zur Folge, ebenso wie ein hungerstreikender Bausoldat zum gleichen Strafmaß verurteilt wurde. Diese Strafzeit musste "nachgedient" werden.
Anlässlich seiner Hochzeit mit der Theologin Almuth Brennecke am 5. Dezember 1964 erhielt er im letzten Moment doch noch einen dreitägigen Sonderurlaub. Beinahe hätte die Braut vergeblich gewartet.
Ein Husarenstück gelang 1965 Bischof Dr. Johannes Jänicke (Magdeburg), als er Christfried zu einer "fachlichen Beratung" über den Dienstweg der militärischen Führung erfolgreich einlud. Beraten und vorbereitet wurde die "Handreichung für Seelsorge an Wehrpflichtigen", die später hasserfüllte Attacken der Regierung an die Kirchenleitung zur Folge hatte. War doch in dieser Handreichung deutlich Stellung bezogen worden: "Vielmehr geben die Verweigerer, die im Straflager für ihren Gehorsam mit persönlichem Freiheitsverlust leidend bezahlen und auch die Bausoldaten, welche die Last nicht abreißender Gewissensfragen und Situationsentscheidungen übernehmen, ein deutlicheres Zeugnis des gegenwärtigen Friedensgebots unseres Herrn."
Maßgeblich hat Christfried den "Aufruf der Prenzlauer Bausoldaten vom März 1966" formuliert, mit dem Eltern, Männer, Frauen und Mädchen, Wehrpflichtige, Schüler und Studenten aufgefordert werden, gegen die wachsende Aufrüstung in der DDR klare Stellung zu beziehen. Auch in den weiteren Jahren widmete er sich immer wieder der Sammlung und Organisierung von Friedensgruppen.
Berufliches Wirken
Im Herbst 1966 bezog das Ehepaar Berger das Pfarrhaus in Berlin-Schmöckwitz. Hier wurden auch die drei Töchter Bettina, Annette und Christina geboren. Über die Gemeindearbeit hinaus baute Christfried zwei bedeutsame neue Brücken: er schuf Kontakte sowohl zu den jüdischen Gemeinden in Berlin und Prag als auch zu polnischen und niederländischen evangelischen Christen. Nahe Zakopane wurde ein Jugendrüstheim ausgebaut und im Schmöckwitzer Pfarrgarten diente ein Bungalow dem Aufenthalt von polnischen Urlaubern.
Während des Lebensabschnittes 1976 bis 1985 wirkte Christfried als Oberkonsistorialrat für Ökumene und Diakonie in der Magdeburger Landeskirche. Auch hier widmete er sich wesentlich der christlich-jüdischen Verständigung. So gab er 1978 zum 40. Jahrestag der Progromnacht eine wertvolle Arbeitshilfe heraus. Ferner baute er die Partnerschaft zur polnisch-orthodoxen Kirche aus und besuchte mit der magdeburgischen Kirchenleitung das ehemalige KZ Auschwitz und in Krakow den katholischen Kardinal Karol Józef Wojtyla.
1985 wurde Christfried zum Direktor des Ökumenisch-Missionarischen Zentrums in Berlin berufen. Gemeinsam mit seiner Frau Almuth, die als Pastorin an der Bartholomäuskirche wirkte, betreute er zusätzlich ausländische DDR-Vertragsarbeiter. Das Café "Cabana" wurde zur Heimstatt vieler Ausländer.
Während der friedlichen Revolution repräsentierte er am Zentralen runden Tisch die kirchliche Ausländerarbeit und wurde Moderator der Arbeitsgruppe Ausländerpolitik. Almuth vertrat darin die Bürgerbewegung "Demokratie jetzt" und wurde zur ersten Ausländerbeauftragten der Regierung Modrow berufen.
Im Unruhestand des Pensionärs
Besonders zwei Aufgaben trieben seit 1997 den "Ruheständler" um:
- Die Betreuung der ausländischen Christen, die sich in Berlin in mehr als 80 Gemeinden sammeln. Unentwegt setzte er sich als Geschäftsführer des Internationalen Konvents Christlicher Gemeinden und als Sprecher des Verbandes fremdsprachiger Kirchen und Missionen in Berlin für die Sorgen ausländischer Mitbürger ein. Stolz präsentierte er mir noch Anfang November 2003 einen "Wegweiser für christliche internationale Gottesdienste in Berlin und Brandenburg", der mit seiner Hilfe entstanden war.
- Seit 2001 die Vorbereitung eines Kongresses ehemaliger Bausoldaten 3.-5. September 2004. Mit diesem Kongress soll das pazifistische Wirken der DDR-Nachkriegsgeneration in friedloser Zeit der heutigen Jugend vermittelt werden.
Dies ist ihm nun nicht mehr möglich. Am 19. November 2003 starb Christfried Berger an den späten Folgen eines Autounfalls.
Sein Ehrgeiz, Benachteiligten in unserer Gesellschaft tatkräftig zu helfen, sein charismatisches und gütiges seelsorgerliches Bemühen, Menschen für Frieden und Versöhnung zu begeistern, das auch immer zugleich politisches Handeln bedeutet, wird allen seinen Freunden in prägender Erinnerung bleiben.
Publikationen:
Herausgeber von "Als die Synagogen brannten". Kristallnacht und Kirche 1938-1978. Berlin 1978.
Genfer Zwischenbilanz – Werkstattberichte von Mitarbeitern des Ökumenischen Rates der Kirchen. Berlin 1981.
Katharina Gaede mit Christfried Berger und Hans-Christian Diedrich: Spuren in der Vergangenheit – Begegnungen in der Gegenwart. Glauben, Lehren und Leben in orthodoxen, altorientalischen und evangelischen Kirchen. Festschrift für Hans-Dieter Döpmann. Berlin 1999.
Christliche internationale Gottesdienste [...] der fremdsprachigen Gemeinden in Berlin und Brandenburg.
Christfried Berger, Siegfried Menthel, Renate Romberg: Lernerfahrungen in der einen Welt. Partnerschaften von Gemeinden in der DDR nach den Niederlanden, Polen und Mozambique. Ernst Lange Institut. Rothenburg März 2000.
Wolfgang Stadthaus, Dipl.-Ing., geboren 1938, Themen- und Abteilungsleiter bei der Akademie der Wissenschaften und später dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt; Entwickler von Raumfahrtprojekten; Dozent; Bausoldat im ersten Durchgang 1964 bis 1966 in Prenzlau; Vorsitzender der Arbeitsgruppe Bausoldatenkongress 2004 bei der Robert-Havemann-Gesellschaft.
1 Henneberg, Hellmuth: Meuterei vor Rügen – was geschah auf der "Seebad Binz"? Der Prozess gegen die Junge Gemeinde 1961 in Rostock. Rostock: Hinstorff Verlag 2002.
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