Heft 45/2004 | Rezensionen | Seite 82 - 83

Christoph Kuhn

Die Tagebücher von Brigitte Reimann

Skandal in Magdeburg

2003 wäre die Schriftstellerin Brigitte Reimann 70 Jahre alt geworden – und in dieses Jahr fiel auch ihr 30. Todestag. Bekannt ist sie vor allem durch den Roman Franziska Linkerhand, und die vor fünf Jahren erschienenen Tagebücher krönen ihr Werk. Schonungslos dokumentiert Brigitte Reimann ihr Leben, hin- und hergerissen zwischen Hoffnung und Verzweiflung, Boheme und Bürgerlichkeit, Opposition und Opportunismus. So arbeitete sie u.a. in der Jugendkommission beim Politbüro des ZK der SED mit und wurde doch zunehmend enttäuscht von Partei und Staat – war am Ende ihres Lebens politisch desillusioniert. Die Tagebücher schildern auch Machenschaften des Staats-sicherheitsdienstes und die eigne Stasiverstrickung – authentisch wie sonst kaum Bücher der Nach-DDR-Literatur.
 
Ende September 1957 beginnt es. Brigitte Reimann notiert: »Der SSD war bei mir...« Sie erwartete ihn schon: »Ich habe kein sauberes Gewissen, kann den Mund nicht halten...«; für Wolfgang Harich plädierte sie, verteidigte Walter Janka. Bislang furchtlos, rutscht ihr doch das Herz »eine Etage tiefer« als »der Herr Kettner vor der Tür stand und seinen Ausweis zeigte.« – »Wir unterhielten uns vier Stunden lang; ich war – aus Trotz wahrscheinlich und aus Oppositionslust – überaus aufrichtig; es liegt mir eh nicht, aus meinem Herzen eine Mördergrube zu machen.« Sie nennt den Stasi-Leutnant einen vernünftigen Mann, mit dem sich diskutieren lässt. Er sei nicht gekommen, sie für »kleine Sünden« zu verhaften, sondern »um eine Art Meinungsforschung zu treiben«. Als »guter Psychologe« habe er sie »wunderschön eingewickelt«, was ihr all die Zeit bewusst gewesen sei. »Außerdem reizte mich das Abenteuer; ich mußte immerfort lachen über diese Indianerspielerei – Decknamen, Geheimwohnungen und dergl.« Andererseits glaubt sie, so ein bisschen zu helfen, »die gute, saubere Sache des Sozialismus von all dem Dreck zu befreien, der ihr anhängt.«
Sie unterschreibt eine Erklärung, in der sie sich zu strengstem Stillschweigen verpflichtet, den Decknamen Caterine annimmt und sich bereiterklärt, »berechtigte Klagen über Fehler und Unzulänglichkeiten an den SSD weiterzuleiten;« Namen wolle sie nie nennen, und »persönliche Vorteile habe ich von der ganzen Sache nicht...« Doch könne sie mal ein Buch über die Arbeit des SSD verfassen, legt Kettner ihr nahe – Material würde ihr zur Verfügung gestellt (!). Mehrere Tage grübelt sie, warum sie sich auf »diese Geschichte« einließ und erklärt es vor allem mit »rosaroten Idealen«; fragt sich, ob Freunde ihr noch die Hand gäben, wüssten sie, was zu tun sie im Begriff sei. Doch: »sie arbeiten auch für unsere Sache, auf ihre Art.« Sie werde nicht lange darüber nachdenken müssen, absagen könne sie dem SSD immer noch, »den Kopf wird’s nicht kosten.« Dennoch lässt sie sich ein paar Tage später von Kettner »eine Flasche Schnaps eintrichtern« und vertraut zu Weihnachten 1957 dem Tagebuch an, das MfS »zur Hilfe gerufen« und dadurch »einiges erreicht« zu haben. Was das ist, erfährt der Leser nicht.
»Mit der Stasi muß ich Schluß machen«, heißt es nach Monatsfrist. »Sie haben versucht, mich zu erpressen (...) Großer Gott, was sind das für Schweine!« Jetzt vertraut sie sich Kollegen an, erfährt, dass sie nicht die einzige im Schriftstellerverband ist, die angeworben wurde – und ringt gleichzeitig mit sich, ob sie »nicht doch mitarbeiten soll.« So wird sie ein halbes Jahr später immer noch erpresst, »Kollegen zu beobachten und Berichte zu geben« und fühlt sich selbst »systematisch bespitzelt«.
Am 20.Mai 1958 beschreibt sie in einem Brief an den Schriftstellerverband ihre Situation. Ende Juni 1958 glaubt sie, die Stasi losgeworden zu sein, »vorerst jedenfalls.« Sie habe dem »Betreuer« ein »langes Referat« gehalten, und er sei »blutenden Herzens« abgezogen.
 Laut Anmerkungen der Herausgeberin (auch in Bezug auf Wolfgang Schreyer, Brigitte Reimann in Magdeburg und Withold Bonner, Brigitte Reimann in den Akten des Ministeriums für Staatssicherheitsdienstes) zeigte sich die Schriftstellerin gegenüber dem MfS unkooperativ. »Am Anfang des Treffs (...) brachte sie Bedenken bezüglich der gemeinsamen Zusammenarbeit mit uns zum Ausdruck und bedauerte ihre Verpflichtung,« steht im MfS-Protokoll. Später sagt sie Termine ab, erscheint nicht zu Treffs, liefert keine Berichte. Nach ihrer Absage weiterer Gespräche bedrängt sie ein zweiter Stasi-Offizier, Leutnant Niepel, der aber am 20.6.1958 für die Akten »keinen operativen Erfolg« verzeichnen kann. »Der GI ist äußerst geschickt und versteht es, das MfS zu umgehen und Ausreden zu gebrauchen. Bewußt gibt der GI an, daß es sich bei ihm um politische Unklarheiten handelt. (...) Eine weitere Zusammenarbeit erscheint als unzweckmäßig.«
Ein halbes Jahr später schildert sie den »Alptraum«, eine »furchtbare Aussprache« mit dem Staatssicherheitsdienst im Autorenverband, wo sie von einem Oberst Knobbe – einem »groben, brutalen, brüllenden Landsknecht«, einem »Nilpferd« – als Westagentin beschimpft wird, die absichtlich das MfS in Verruf bringe und aus dem Verband entfernt werden müsse, um sie »ohne Aufsehen« verhaften zu können. Wolfgang Schreyer habe ihr zur Seite gestanden, sich diesen Ton verbeten, sich »wacker geschlagen.« – »Ich habe jeden Tag auf meine Verhaftung gewartet; jedes Auto macht mich nervös.« 
Sie wird nicht verhaftet, aber die Geschichte ihrer eigenen Bespitzelung setzt sich fort (seit Mai 1961 beobachten sie mehrere IM und ihr Telefon wird abgehört) und dieses für sie oft unerträgliche Klima im Staat, das »Gefühl von Ohnmacht« gegenüber Ungerechtigkeiten hält an. »Und wann wird man uns fragen – wie wir unsere Eltern gefragt haben: warum habt ihr nichts getan? Und wir können nicht sagen, dass wir es nicht gewußt hätten.« Diese Gedanken teilt sie am 9.Mai 1965 jemandem »mit einem unbehaglichen Gefühl ‚unvorsichtig’ zu sein« mit, weil sie ihm nicht völlig vertraut. »Soweit sind wir schon wieder, so hat das Misstrauen, die Feigheit in uns Platz.«
»Schrieb ich schon, daß sich die Staatssicherheit über uns informiert hat?« notiert sie am 6.Juli 1966. »Wir gelten als das Haupt einer ‚Untergrundbewegung’ bei den Künstlern. Das ist so absurd, man sollte darüber lachen, mein Gott, aber ich finde es schrecklich. (...) Es gibt Augenblicke, in denen ich das Gefühl habe, der Hals werde mir zugedrückt.«
Dem MfS den Rücken gekehrt, doch gegenüber der SED noch recht loyal geblieben – das gehört wohl zu ihrer Zwiespältigkeit. Am 1.November 1968 reflektiert sie ihren Sinneswandel weiter: »Seit der ÈSSR-Affäre hat sich mein Verhältnis zu diesem Land, zu seiner Regierung, sehr geändert. Verzweiflung, manchmal Anfälle von Haß. (...) Jedenfalls habe ich diesen Bezirk hier (Bezirk Cottbus, C.K.) satt bis obenhin. Zu den – von oben gelenkten – Verleumdungen (...) kommen jetzt politische Diffamierungen.«
Das hat sie dann bestimmt nicht mehr gewundert. Die Biographin Dorothea von Törne weist auf den »einmaligen Vorgang«, in der DDR-Geschichte hin, dass es in Magdeburg zur Auseinandersetzung, »zu einem Schlagabtausch« zwischen Schriftstellerverband und MfS kam, nachdem Brigitte Reimann ihre Kontakte abgebrochen und offiziell gemacht hatte. Der Autoren-Bezirksvorstand akzeptierte in einem Grundsatzpapier das MfS zwar als »notwendigen Bestandteil des Staatsapparates«, verbat sich aber Einmischungen in »ideologische Diskussionen« des Verbands, erklärte Versuche, Autoren als Berichterstatter zu gewinnen, für »unzweckmäßig« und äußerte »Bedenken gegen die intellektuellen und charakterlichen Qualitäten der Berichterstatter.« Die Stasi sah in dem Papier ein staatsfeindliches »Memorandum«, vermied aber einen politischen Prozess gegen die Schriftsteller.

Brigitte Reimann: »Ich bedaure nichts. Tagebücher 1955 – 1963«. – »Alles schmeckt nach Abschied. Tagebücher 1964 – 1970«. Herausgeberin: Angela Drescher. Aufbau-Verlag 1997, 1998. 428 und 463 Seiten. ISBN 3-351-02835-0 / 3-351-02836-9.
Brigitte Reimann: »Einfach wirklich leben«. Biographie von Dorothea von Törne. Aufbau Verlag 2001.

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