HEFT 02/2004 | Editorial | SEITE 81

 

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

der vierzigste Jahrestag der DDR-Bausoldatenverordnung war Auslöser für den Themenschwerpunkt dieses Heftes: Bausoldaten und Wehrdienstverweigerung. In der DDR wurde – einzigartig im Ostblock – potentiellen Wehrdienstverweigerern ein gewisses Zugeständnis gemacht. Allerdings wusste wohl jeder Bausoldat schon vor seiner Einberufung, dass es sich dabei allenfalls um einen faulen Kompromiss handelte: Zwar wurden Bausoldaten nicht an Waffen ausgebildet, sie mussten weder schießen noch Wachdienst verrichten, doch trugen sie normale Uniform, versahen "rückwärtige Dienste" der NVA und sorgten so ebenfalls für die Aufrüstung der DDR.

Die Redaktion konnte Gerold Hildebrandt, der wesentlich an der Vorbereitung des im September stattfindenden Bausol­da­tenkongresses beteiligt ist, zur redaktionellen Mitarbeit an diesem Heft gewinnen. Seine Sachkenntnis war ebenso hilfreich wie sein Adressbuch: Ihm verdanken wir vielfältige Kontakte zu Autoren und Fotografen, aber vor allem auch zu ehemaligen Bausoldaten.

Überraschend war für uns, dass die NVA-Totalverwei­gerung ein weißer Fleck in der Zeitgeschichtsforschung geblieben ist. Lediglich die der Zeugen Jehovas ist durch Hans-Hermann Dirksen wissenschaftlich bearbeitet worden. Die Redaktion hofft aber, in einem der nächsten Hefte dem Thema Totalverweigerung nochmals Raum geben zu können.

Bernd Eisenfeld, selbst ehemaliger Bausoldat und einer der profundesten Kenner dieser Thematik, gibt in seinen beiden Aufsätzen einen Überblick über die Entwicklung des Bausol­datendienstes und beschäftigt sich mit dem Verhältnis des MfS zu den Bausoldaten und den spezifischen Schwierigkeiten bei deren Unterwanderung. Rüdiger Wenzke befasst sich mit den internen Anweisungen der NVA zum Umgang mit potentiellen Bausoldaten, die nicht wenigen von ihnen die Musterung zu einem bleibenden Erlebnis von Widerstand und Selbstbehaup­tung werden ließen. Peter Schicketanz schildert als damals Beteiligter einige Umstände, die zur Entstehung der Handreichung der Kirchen zur Seelsorge an Wehrpflichtigen führte – ein ungewöhnlich klares Wort der Evangelischen Landeskirchen im Osten Deutschlands. Ebenfalls aus der Zeitzeugenperspek­tive ist der Artikel von Roland Brauckmann und Heike Möbius über die Dresdner Initiative für einen Sozialen Friedensdienst (SoFd) verfasst worden. Ein spätes Ergebnis dieser Überlegungen schildert Henning Schluß am eigenen Beispiel eines fast im Alleingang organisierten Zivildienstes, den er im November 1988 antrat. Die Aufsätze von Filip Bloem und Patrick Bernhard lenken schließlich den Blick auf die Tschechoslowakei sowie die Bundesrepublik und stellen Bezüge zu den Waffendienst­ver­weigerern der DDR her.

Besonders dankbar sind wir den ehemaligen Bausoldaten, die einige Aspekte ihrer Wehrdienstzeit geschildert haben. Diesem Bild aus allen Phasen des Bausoldatendienstes wollten wir mit dem literarischen Bericht Stephan Krawczyks aus seiner regulären Grundwehrdienstzeit praktisch das NVA-Normalmaß gegenüberstellen. Bemerkenswert und erfreulich ist die Zahl der Fotos aus einer Welt, in der Fotografieren als potentielle Spionage galt und entsprechend streng verboten war. Den fotografierenden Bausoldaten, besser: den schippenden Fotografen, ist auch an dieser Stelle für ihren damaligen Mut und ihre heutige Genehmigung zum kostenlosen Abdruck ihrer Fotos ausdrücklich zu danken!

Das bedeutendste Ereignis der letzten Wochen für die Ver­gangenheits-Aufarbeitung war die Verkündung des zweiten Kohl-Urteils des Bundesverwaltungsgerichts. Die Bundesbe­auftragte für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, erläutert die Auswirkungen dieses Urteils auf die Arbeit ihrer Behörde.

Schwerpunktthema des übernächsten Heftes von Horch und Guck ist das Vergessen als politische, historische, juristische, gesellschaftliche und persönliche Kategorie. Das Thema soll kontrovers und aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet werden – Beiträge dazu sind ausdrücklich erwünscht, Redaktionsschluss für dieses Heft ist der 15. November 2004.

Im Namen der Redaktion
Johannes Beleites

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