Heft 46/2004 | bausoldaten in der ddr | Seite 1 - 8

Bernd Eisenfeld

Bausoldaten in der DDR - ein Überblick

Am 7. September 1964 trat in der DDR eine Anordnung in Kraft,1 die ein einmaliges militärisches Kuriosum in die Welt setzte: einen Soldaten ohne Waffe und ohne Eid. Unter dem Namen "Bausoldat" sollte er in "Bauein­heiten" tätig werden und ein Gelöbnis sprechen, das ihm zwar nicht – wie der Fahneneid – den Einsatz seines Lebens, jedoch "unbedingten Gehorsam" gegenüber militärischen Vorgesetzten abverlangte. Es forderte zudem, seine Kraft zur "Erhöhung der Verteidigungsbereitschaft" einzusetzen und "dazu beizutragen, den sozialistischen Staat gegen alle Feinde zu verteidigen."2 In einer normalen steingrauen Uniform wurde er lediglich auf den Schulterklappen mit einem goldfarbenen Spatensymbol besonders gekennzeichnet. Der Weg zum "Bausoldaten" schien nicht schwer zu sein. Die Bausoldatenverord­nung ließ neben religiösen Gründen auch "ähnliche" gelten und sah keine Gewissensprüfung vor. Charakterisiert als "Wehrersatzdienst" wurde der Dienst als Bausoldat formaljuristisch u.a. dem in den Wacheinheiten des MfS gleichgestellt.3

Diese Zwittergestalt kam wie aus heiterem Himmel. Es hatte keine öffentlichen Anzeichen dafür gegeben, dass der SED-Staat gegenüber Wehrdienstverweigerern zu Zugeständnissen bereit war. Nachdem im August 1961 das letzte Fluchtloch in Berlin geschlossen worden war und die Bürger dem System mehr denn je ausgeliefert waren, ging das SED-Regime zu einer rigorosen Wehroffensive über. Innerhalb von fünf Monaten wurden der Bevölkerung ohne Diskussion ein Verteidigungsge­setz mit Not­standsbeschlüssen4 und eine jegliche Gewis­sensbedrän­gung missachtende Wehrpflicht5 zugemutet. Noch am Tag der Verkündung der Wehrpflicht erklärte der militärische Berater und stellvertretende Chefredakteur des "Neuen Deutschland", Oberst Herbell, dass die "Waffenführung" die "ehrenvollste Beschäftigung" sei, "von der nur Kör­per­ge­brechlichkeit, Blödsinn oder das Verbrechen ausschließen können."6 Und ganz im Sinne der leninistischen Lehre vom Krieg und vom Frieden stellte die "Berliner Zeitung" apodiktisch klar: "Wir unterstützen alle Jugendlichen in Westdeutschland, die den Dienst mit der Waffe verweigern, denn sie schwächen die imperialistische NATO-Armee. In der DDR kann und wird es keine Wehr­dienstverweigerung geben, da wir den Frieden und den Sozialismus schützen."7

Stießen die von der Evangelischen Kirche gegenüber dem SED-Staat schon in den Jahren vor dem Mauerbau vorgebrachten Bitten, Wehrdienstverweigerern gesetzlichen Schutz und alternative Möglichkeiten einzuräumen, auf taube Ohren, so schien die neue Lage nichts zu verändern. In einem ersten Gespräch zwischen Staat und Kirche im Frühjahr 1962 wies der damalige 1. stellvertretende Vorsitzende des Ministerrates, Armeegeneral Willi Stoph, ausdrücklich darauf hin, dass das Gesetz keine Bestimmungen enthalte, "die es christlichen Bürgern unmöglich machen würde, ihre Heimat mit der Waffe zu schützen oder die solche Bürger vom Recht auf die Teilnahme am bewaffneten Schutz ihrer Heimat ausschließen."8 Die Straf­­bestimmungen taten das übrige: Das Wehrpflichtgesetz drohte Wehrdienstverweigerern Gefängnisstrafen bis zu fünf Jahren an.9

Zu den Hintergründen der Einführung des waffenlosen Wehrdienstes
Die bisher vorliegenden Forschungsergebnisse lassen auf mehrere Gründe schließen, die zum waffenlosen Wehrdienst in der DDR führten. Einigkeit besteht in der Auffassung, dass es letztlich die Wehrdienstverweigerer selbst waren, die die Machthaber veranlassten, den Bausoldatendienst ins Leben zu rufen.10 Für die SED-Führung ergab sich nach dem Mauerbau eine ambivalente Situation. Einerseits brauchte sie weniger Rücksicht auf die Fluchtambitionen der Bürger zu nehmen. Andererseits konnte sie für die Defizite des Systems nicht mehr einfach den westlichen Klassenfeind haftbar machen. Damit standen die Machthaber unter besonderem Erfolgsdruck. Sie waren mehr denn je auf die Leistungsbereitschaft der Bürger angewiesen. Das dürfte der entscheidende Grund gewesen sein, warum das Ulbrichtregime nach einer offenkundigen repressiven Phase dazu überging, die "sozialistische Menschengemeinschaft" zu pro­­klamieren und zunächst stärker auf Reformen als auf "Klassenkampf" zu setzen.11 Mit dem Wehrpflichtgesetz und der rigorosen Zurückweisung alternativer Möglichkeiten brach jedoch ein latenter Konflikt im Staat-Kirche-Verhältnis auf. Die Evangelischen Kirchenlei­tungen der DDR bekannten sich im Jahre 1963 nochmals ausdrücklich in einer Erklärung zum Schutz der Wehrdienstverweigerer.12 Ohne den beachtlichen Widerstand aus den Reihen der religiösen Wehrpflichtigen hätte der Staat durch Frei- oder Rückstellungen, wie sie zwischen 1962 und 1964 zumeist erfolgten, das Problem relativ lautlos aus der Welt schaffen können. Die Betroffenen spielten jedoch nicht mit. Bis zum Frühjahr 1964 lehnten trotz drohender Gefängnisstrafen immerhin 1550 Wehrpflichtige den Wehrdienst ab.13 Die Militärs beunruhigte vor allem die Erkenntnis, dass der nachsichtige Umgang mit den Wehrdienstverweigerern ihre Zahl nach oben trieb.14 So standen die Machthaber vor der Alternative, entweder hart durchzugreifen und damit die neue Parteilinie zu konterkarieren oder nach Auswegen zu suchen.

Der "Bausoldat" war also eine Notgeburt. Er musste dem SED-Regime insofern verträglich erscheinen, als er die ideologischen Grundpositionen und den daraus abgeleiteten offiziellen Friedens- und Wehrauftrag unangetastet ließ, einem neuen Staat-Kirche-Konflikt vorbeugte und als "Beispiel sozialistischer Demokratie" vorgezeigt werden konnte. Zudem kam er den militär-ökonomischen Interessen entgegen: Unter den "Bedingungen der Revolution im Militärwesen" standen damals "umfangreiche Baumaßnahmen" der NVA auf der Tagesordnung,15 die die Zuführung zusätzlicher, möglichst billiger Arbeitskräfte notwendig machten.

Konfliktbeladen und ernüchternd – die Entwicklung von 1964 bis 1973
Die Anordnung über den waffenlosen Wehrdienst war nur die eine Seite der Medaille. Ihre praktische Umsetzung und das Aufeinanderstoßen von Menschen, die von ganz unterschiedlichen, überwiegend gegensätzlichen Interes­sen­lagen ausgingen, war die andere und für die weitere Entwicklung bestimmende Seite. Dass der SED-Staat und seine Militärs von Anfang an nicht an einen gleichberechtigten Soldaten, sondern an einen zweiter Klasse dachten, lassen schon die Wortschöpfungen erkennen, die bei der Entstehung des Gesetzestextes auftauchten. Da war von – an die Strafkompanien der Wehrmacht erinnernden "Arbeitskompanien" und "Arbeitsbataillonen" sowie von Wehrpflichtigen, die "nicht würdig sind, während ihres Wehrdienstes mit der Waffe ausgebildet zu werden", die Rede.16 Wenngleich nicht belegbar, so erscheint vor diesem Hintergrund durchaus der Gedanke plausibel, dass die Kennzeichnung der Bausoldaten mit einem Spatensymbol darauf zielte, sie schon rein äußerlich von den "Ehrenpflichtigen" diskreditierend abzugrenzen. Auch die Anordnung selbst enthielt insofern eine diskrete Diskriminierung, als eine Beförderung der Bausoldaten nicht vorgesehen war.17 Zudem war der SED-Staat von Anfang an darauf bedacht, den "Bausoldaten" zu tabuisieren und militärisch voll und ganz zu vereinnahmen.

Während beispielsweise der Antritt der Armeezeit der "normalen" Wehrpflichtigen öffentlich und feierlich gewürdigt wurde, begleitete die Bausoldaten beredtes Schwei­gen. Lediglich im Jahr des Inkrafttretens der Bausoldatenanordnung erfuhr die Öffentlichkeit beiläufig in Form von Antworten auf Leseranfragen etwas über die Bausoldaten.18 Danach schwiegen sich die DDR-Medien aus. Wenn später öffentlich auf sie eingegangen wurde, dann vornehmlich mit dem drohenden Unterton, dass sie "das einzig mögliche, vor dem werktätigen Volk gerade noch vertretbare Zugeständnis der Regierung der DDR" seien.19 Diesen Unterton konnten die Bausoldaten auch immer wieder direkt hören.20 Indirekt klang er durch, wenn der Pazifismus attackiert wurde.

Die Bausoldaten hatten ihrerseits genügend Gründe, der Anordnung nur widerwillig zu folgen. Sie hofften eigentlich auf die Einführung eines Zivildienstes analog zu dem in der Bundesrepublik. Besonders konfliktbeladen erschien ihnen die direkte Einbindung in die militärischen Strukturen und das Ablegen des Gelöbnisses. So bedeutete die Entscheidung für den Bausoldatendienst nur eine Wahl zwischen einem kleineren und einem größeren Übel. Das größere war die Totalverweigerung.21 Zudem sahen sich die Bausoldaten im ersten Jahrzehnt fast ausschließlich einem militärischen Alltag ausgesetzt. Das begann mit der Einkleidung sowie der "Ausrüstung" mit Sturmgepäck, Stahlhelm und Gasmaske und setzte sich fort in einer vierwöchigen militärischen Grundausbildung, die auch vor einer "Sturmbahn" und einem 30-km-Marsch, verbunden mit Laufschritt und Gasmaskentraining, nicht Halt machte und erfuhr schließlich seinen Höhepunkt bei den Arbeitseinsätzen. Obwohl die Anordnung den Einsatz an zivilen Objekten zuließ,22 wurden die meisten Bausoldaten ausschließlich zum Bau militärischer Anlagen, vor allem von Militärflugplätzen und Schießanlagen, herangezogen.

Dabei hatten sie sich hauptsächlich "mit der Schippe" zu bewähren. Die nötige Technik wurde Baupionieren23 anvertraut, was wiederum als Ausdruck der Diskriminierung der Bausoldaten empfunden werden musste. Hinzu kam der permanente Verdacht, die Bausoldaten legten es darauf an, den Bau militärischer Anlagen zu sabotieren. Die Diskriminierung schlug sich zudem offenkundig im Bildungs- und Ausbildungssystem der DDR nieder. Die Auswahlkriterien etwa für die Aufnahme eines Studiums schlossen Bausoldaten zwar nicht ausdrücklich aus, aber sie hatten schon allein deshalb wenig Chancen, weil neben den fachlichen auch politische Auswahlkriterien galten.24 So brachte die Synode des Bundes der Evangelischen Kirche im Jahre 1971 ihre Sorge darüber zum Ausdruck, dass die "Zulassung zum Studium, ja schon die Möglichkeit der Berufsausbildung überhaupt von der Bereitschaft zum Dienst mit der Waffe bzw. zur vormilitärischen Ausbildung abhängig gemacht wird."25 Die Diskriminierung der Bausolda­ten reichte bis zu Berufsverboten.26

Vor diesem Hintergrund sahen sich die in den Standorten Prenzlau, Garz, Bärenstein und Saßnitz konzentrierten Bausol­daten von Anfang an in einer grundsätzlichen und punktuellen Konfliktsituation. In mehreren hundert "Eingaben" wandten sie sich vor allem gegen das Ablegen des Gelöbnisses und die ausschließliche militärische Vereinnahmung. Trotz Strafandrohungen kam es immer wieder zu entsprechenden Befehlsverweigerungen. Je geschlossener die Bausoldaten auftraten, umso verträglicher waren in der Regel die Konsequenzen und Kompromisse, während Ein­zelhandlungen häufig zu Haftstrafen zwischen drei und sieben Monaten führten.27 Staat und Kirche, die hofften, dass mit der Einführung des waffenlosen Wehrdienstes Ruhe einzieht, sahen sich einem erheblichen Druck ausgesetzt, zumal die Bausoldaten nicht nur im "Nein-Sagen" verharrten. Sie unterbreiteten fortlaufend Vorschläge für Einsätze im zivilen Bereich.28 Dem Gelöbnis versuchten sie durch Textvorschläge die "giftigsten Zähne" ("unbedingter Gehorsam" und Feindbild) zu ziehen.29 Eine Reihe von Erklärungen und Aktionen der Bausoldaten gingen jedoch weit über diese beiden neuralgischen Punkte hinaus und führten zu einer direkten Gesellschaftskritik.

Ende der sechziger Jahre zeichnete sich eine gewisse Beruhigung der Lage ab: Die Bausoldaten wichen der direkten Konfrontation immer stärker aus. Alle Versuche, die militärische Vereinnahmung zu durchbrechen, schienen erfolglos und mussten im Einzelfall mit Arrest- und Haftstrafen teuer bezahlt werden. Auch die evangelischen Kirchen, die mit der Handreichung aus dem Jahre 196530 den Bausoldaten noch den Rücken gestärkt hatten, zogen sich auf eine defensive Linie zurück.31 Befehlsverweigerungen traten nur noch selten und zumeist in Einzelfällen in Verbindung mit dem Gelöbnis auf.

Der unveränderte Wille, den militärischen Dienst in einen Zivildienst umzuwandeln, wurde in dieser Zeit durch eine neue Variante des guten Willens der Bausoldaten demonstrativ unterstrichen. Im Jahre 1969/70 starteten sie die Aktion "19. Monat": Sie erklärten sich bereit, auf freiwilliger Basis an die 18-monatige Wehrpflichtzeit einen zusätzlichen 19. Monat anzuhängen, sofern der Einsatz im zivilen Bereich erfolgen darf. Aber auch dieser konstruktive Vorstoß lief ins Leere, was einige Bausoldaten allerdings 1970 und auch späterhin nicht davon abhielt, solche Arbeitseinsätze selbst zu organisieren und mit Forderungen nach einem Zivildienst zu verbinden.32

Entspannungsphase 1973 bis 1981
Erst 1973 begann sich die Situation für die Bausoldaten zu entspannen. Das ging in erster Linie auf den Tatbestand zurück, dass der als vordringlich bewertete Neu- und Ausbau von Militärflugplätzen weithin abgeschlossen war. Die Arbeitsaufgaben der Bausoldaten verlagerten sich so mehr und mehr in den Bereich der Rückwärtigen Dienste der NVA, was sich schließlich im Jahre 1975 in einer Anordnung und Durchführungsbestimmung niederschlug.33

Auf dieser Grundlage wurden die Bausoldaten im Herbst 1975 aus den Baupio­nierbataillonen ausgegliedert und in "Sicher­stellungsgruppen" mit einer Größenordnung von zehn bis zwölf Bausoldaten auf Offizierseinrichtungen der NVA verteilt. Der "Gruppenführer" sollte aus dem jeweiligen Bestand der Bausoldaten kommen. Das Ausbil­dungs- und Ar­beitspensum der Bausoldaten wurde stark eingeschränkt. Die Grundausbildung reduzierte sich auf zehn Tage und die frühere harte 10-12stündige Arbeitszeit auf sieben Stunden.34 Mit der Festlegung 1980/81, die Zahl der Einberufungen von Bausoldaten zu erhöhen, wurde deren Verteilung ausgeweitet. Im Früh­jahr 1981 wurden rund 650 Bausoldaten in 52 Dienststellen, darunter in 15 Erholungsheimen und Lazaretten sowie in neun Lehr­einrichtungen für Offiziere, in einer Grup­penstärke zwischen drei und dreißig Mann eingesetzt.35

Wenngleich die Diskriminierung der Bau­­­sol­daten in Ausbildung und Beruf anhielt und auch die neue Anordnung – formal betrachtet – davon nicht frei blieb,36 so erwartete die Bausoldaten nunmehr ein All­tagsleben in der Armee, auf das der "normale" Wehrpflichtige nur mit Neid blicken konnte.

Für den SED-Staat und die NVA brachte das sowohl Vor- als auch Nachteile. Die Vorteile bestanden darin, dass es um die Bausoldaten, die ebenso wie die Kirche die Veränderungen als Fortschritt bewerteten und mit der Hoffnung auf einen künftigen Zivildienst verknüpften, zunehmend ruhig wurde. Zwar meldeten sich noch immer Bausol­daten zu Wort und forderten einen zivilen Ersatzdienst, nahmen Anläufe, das Gelöbnis zu verweigern, warfen den Kirchenlei­tungen der DDR vor, ihr Anliegen "nicht offiziell" mit­zutragen37 und machten im Jahr 1980 in Diskussionen keinen Hehl aus ihrer Sympathie für die Gewerkschaftsbewegung Soli­dar­ność in Polen; die Breite, Intensität und Hartnäckigkeit des Widerspruchs früherer Jahre blieb jedoch aus. Das war allerdings auch dem Umstand zuzuschreiben, dass die Dezentralisierung seit 1975 der NVA die Chance bot, auf der Grundlage der bis dahin gewonnenen Erfahrungen schon bei der Ein­berufung der Bausoldaten das Konflikt­po­tenzial zu kanalisieren.38 Die Lehre aus den vergangenen Jahren lautete: Je größer und weltanschaulich "bunter" die Gruppe, desto mehr sahen sich SED-Staat und Vertreter der NVA Diskussionen und darauf beruhenden Aktionen der Bausoldaten ausgesetzt.

Auf der anderen Seite trugen trotz zunehmender Militarisierung der Gesellschaft, die mit der Einführung des obligatorischen Wehrunterrichtes an den Schulen im September 1978 einen Höhepunkt erreichte, die  Erleichterungen für die Bausoldaten dazu bei, dass die Anzahl der Wehrpflichtigen, die sich für den waffenlosen Wehrdienst entschieden, zunahm. Die Hauptabteilung I des MfS39 bewertete Anfang 1981 diese "Vorzüge und Bequemlichkeiten" als "eine nicht zu unterschätzende Rolle" für den Entschluss von Jugendlichen, "die Ableistung des Wehrdienstes mit der Waffe zu verweigern."40 Betrug der Anteil der Bausoldaten an den gemusterten Jahrgängen bis Mitte der siebziger Jahre 0,7 bis 0,8 Prozent, so danach bis 1981, bei ständigem Zuwachs der absoluten Zahlen von 977 auf 1331, rund 0,8 bis 1,1 Prozent.41

Kehrtwende und Umlenkung in die Wirtschaft – Die Entwicklung 1982 bis 1989
Für die in der DDR erstmals im Herbst 1980 durchgeführte Friedensdekade der evangelischen Kirche schlug ein ehemaliger Bausoldat, der sächsische Landesjugendpfarrer Harald Bretschneider, das Motto "Schwerter zu Pflugscharen" vor.42 Das war die Geburtsstunde eines Symbols, das im Kern das Anliegen der Aktivisten unter den Bausoldaten, in der DDR eine zweite Friedensfront aufzubauen, widerspiegelte. In diese Zeit fiel auch eine Aktion, die ebenfalls langjährige, wenn auch vergebliche Bemühungen der Bausoldaten aufgriff: In Dresden wurde eine Gesetzesinitiative zur Schaffung eines sozialen Friedensdienst (SoFD) ins Leben gerufen.43 Im Jahre 1981 gelangten beide Aktionen in die Öffentlichkeit und bildeten den Auftakt einer Entwicklung, die als staatlich unabhängige Friedensbewegung in die DDR-Geschichte einging. Die SED-Machthaber reagierten mit besonderer Härte, denn diese Aktionen drohten nicht nur, ihren Wehr- und Frie­densanspruch zu unterminieren, sie standen auch der angestrebten Einheitsfront mit der westlichen Friedensbewegung im Wege. Im Frühjahr 1982 wurden eine Reihe von Festlegungen getroffen, die Situation für potenzielle und aktive Bausoldaten erheblich zu erschweren. So sahen ein Befehl des Ministers für Nationale Verteidigung und die entsprechende Durchführungsbestimmung vor,44 die Bausoldaten aus den bisherigen Arbeitsbereichen herauszuziehen und sie künftig ausdrücklich "zur Erfüllung körperlich schwerer Arbeiten" einzusetzen. In "jedem Fall" abgestimmt mit dem Vertreter der HA I des MfS sollten den Bausoldaten solche Aufgaben übertragen werden wie der Erhalt und Ausbau von Ausbildungsanlagen sowie andere Baumaßnahmen für die Truppe, Transport- und Verladearbeiten, die Aufarbeitung von Sekundärrohstoffen, die Beseitigung von Übungsschäden sowie der Einsatz bei Katastrophen in Schwerpunktbereichen der Volkswirtschaft.45

Zugleich wollte man ein Problem in den Griff bekommen, das zunehmend Sorgen bereitete: Da die Anzahl der als Bausoldat gemusterten Wehrpflichtigen zumeist weit höher lag als die Anzahl der Einberufungen, nahm mit dem sprunghaften Anstieg der Zahl dieser Wehrpflichtigen die Chance zu, nicht einberufen zu werden. Hinzu kam, dass die Einberufung zu den Bausoldaten in der Regel erst im Alter zwischen 24 und 26 Jahren erfolgte. Dadurch wurden die meisten Betroffenen aus ihren jungen Familien und ihren Berufen gerissen. Das geschah bewusst, da die so gebundenen jungen Männer eher zu disziplinieren und in ihrer Aufmüpfigkeit zu dämpfen waren. So kam es zu einem Einberufungsstau, der auch im Sinne der Wehrgerechtigkeit höchst problematisch erscheinen musste. Um dieses Problem zu überwinden, wurden mehrere Maßnahmen beschlossen. Erstens wurde entschieden, die Bausoldaten nicht mehr alle 18 Monate, sondern halbjährlich einzuberufen und härteren Arbeitsbedingungen auszusetzen. Zweitens unternahm der Minister für Nationale Verteidigung, Heinz Hoffmann, abgestimmt mit dem Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke, den Versuch, durch neue Festlegungen die Anerkennung als Bausoldat erheblich zu erschweren.46 Die Wehrpflichtigen sollten nicht nur glaubhaft nachweisen, dass sie einer "anerkannten Kirche oder Religionsgemeinschaft" angehören, sondern dass sie auch aktiv am "kirchlichen bzw. religiösen Leben" teilnehmen. Außerdem wollte man den Gesetzespassus "ähnliche Gründe" nur noch in Verbindung mit religiösen Anschauungen gelten lassen und die Anerkennung als Bausoldat versagen, wenn sie erst nach der Einberufung verlangt wird. Dem versagte jedoch Honecker seine Zustimmung. Er entschied, "so zu verfahren, dass keine Gewissensentscheidung erzwungen wird. Dem Anliegen Bausoldat zu werden sei stattzugeben, wenn aus politischen Überzeugungen keine andere Entscheidung herbeigeführt werden kann."47 Die anderen Festlegungen wurden als Antwort "auf die im Zusammenhang mit den von reaktionären klerikalen Kreisen vorgetragenen Aktivitäten zur Einführung eines Sozialen Friedensdienstes"48 durchgesetzt. Die neue Härte bekamen zuerst die Bausoldaten zu spüren, die auf der Insel Rügen/Prora zentralisiert bis zu einer Größenordnung von 360 Mann in Baupioniereinheiten bei der Vorbereitung und Durchführung des Baus einer Eisenbahnfährverbindung in Mukran eingesetzt wurden. Diese Großinvestition war eine Reaktion auf die Lage in Polen unter Solidarność. Es sollte unter Umgehung polnischer Häfen eine direkte Fährverbindung von der DDR zu sowjetischen Häfen sichergestellt werden.

Zwei Bausoldaten, die anonym im "Stern" über ihre Erfahrungen in Prora berichteten, sprachen aus, was offensichtlich nicht ungewollt war: Sie fühlten sich behandelt wie "der letzte Dreck".49 Neben den verschärften Umgangsformen und härteren Strafandrohungen wurden die Bausoldaten auch wieder regelmäßig und in weit kürzeren Abständen militärischer Ausbildung, die gelegentlich durch Alarmübungen ergänzt wurde, unterworfen. Die Vorgabe, sie schwerer körperlicher Arbeit bzw. "in hohem Maße und durchgängig physischen Belastungen" auszusetzen,50 bestimmte die weitere Entwicklung. Bausoldaten mussten vornehmlich Arbeiten im Braunkohlentagebau und in den Zentren der chemischen Industrie ausführen, die aufgrund der schweren Bedingungen (körperliche Anstrengung und Gesundheitsgefährdung)51 unter stetem Arbeitskräftemangel litten. Zwar gehörten seitdem rein militärische Arbeitsobjekte zur Ausnahme, zufrieden konnten die Bausoldaten über diese Veränderungen jedoch nicht sein. Im Gegenteil: Viele der Betroffenen fühlten sich nicht nur besonders ausgebeutet, sondern auch wieder in stärkerer Gewissensnot, da der Erlös dieser Arbeiten unmittelbar der Armee zufloss. Über die Lage konnte auch ein Treffen der Armeeführung mit einigen ausgewählten Bausoldaten am 12. Juni 1984 nicht hinwegtäuschen, bei dem von einem gleichberechtigten Status die Rede war und in dessen Folge erstmals in den Massenmedien der DDR Bausoldaten wegen ihrer guten Arbeit lobend erwähnt wurden.52 Schon kurz danach interpretierten Bausoldaten aus Prora in einem Brief an die Teilnehmer einer Veranstaltung des Evangelischen Jung­männerwerkes und des Bundes der Evangelischen Kirche die Aussagen der Armeeführung als Beleg dafür, dass sie nun endgültig "zu einem fest einplanbaren Bestandteil (Waffengattung) dieser Armee geworden sind". Der Sinn ihrer Entscheidung sei "völlig auf den Kopf" gestellt.53 Sie verlangten als Alternative einen Dienst an der Gesellschaft, "der einen militärischen Missbrauch von vornherein ausschließt", und verwiesen dabei auch auf die unterdrückte Initiative "Sozialer Friedensdienst". Die härteren Bedingungen schlugen sich in zunehmenden Beschwerden der Bausoldaten nieder. Allein im Ausbildungsjahr 1983/84 wurde das Ministerium für Nationale Verteidigung mit über 400 Eingaben konfrontiert;54 im Jahre 1985 waren es rund 600.55 Machten die Bausoldaten etwa ein Prozent der Wehrpflichtigen aus, so lag ihr Anteil als Schreiber von Beschwerden bei rund 25 Prozent.56 Auch das Gelöbnis wurde weiter infrage gestellt, wenngleich auch nicht in der Dimension der sechziger Jahre. In einem Brief vom 26. Oktober 1984 an die Bischofskonferenz erklärten 65 in Doberlug-Kirchhain stationierte Bausol­daten, dass das Gelöbnis "nicht mehr dem von der Masse der BS vertretenen heutigen Überzeugungsstand entspricht und deshalb revisionsbedürftig sei." und wie sie sich einen "Wehrersatzdienst im zivilen Bereich" vorstellen könnten.57 Da in den achtziger Jahren immer mehr Waffendienstverweigerer einen Teil ihrer Sozialisation in den Friedens-, Ökologie-, Dritte-Welt- und Menschen­rechtsgruppen unter dem Dach der Kirchen erfuhren, korrespondierten die Interessen der Bausoldaten mit diesen Gruppierungen vor allem dann, wenn es um Fragen der Militarisierung der Gesellschaft und der Waffen- bzw. Wehrdienstverweigerung ging. Die Forderungen, in der DDR einen Zivildienst einzuführen, rissen nicht ab und wurden besonders nachdrücklich im Jahre 1988 verfolgt. Neu war der Versuch einer "Initiativgruppe" der in Merseburg stationierten Bausoldaten, Volkskammerabgeord­nete dazu zu bewegen, den Gesetzentwurf eines sozialen Friedensdienstes in der Volkskammer einzubringen, was jedoch am Willen der Angesprochenen und durch Einschaltung der zuständigen Kompanieleitung und des MfS scheiterte.58 Seit 1988 konnten sich die Vorschläge für einen Zivildienst auch darauf stützen, dass in Polen ab 1. September 1988 eine solche Alternative gesetzlich vorgesehen war.59

Im Sommer 1989 waren die Bausoldaten überwiegend in der Wirtschaft (60 Prozent) und im Militärbauwesen (rund 40 Prozent) eingesetzt. Wenn es den Bausoldaten bis zum Herbst 1989 auch nicht gelang, einen grundsätzlicher Wandel herbeizuführen, so trugen ihre vielen Anläufe letztlich doch Früchte. Die Einrichtung eines Zivildienstes gehörte zum Katalog fast aller Grundsatzerklärungen der im Sommer und Herbst 1989 gegründeten Bürgerrechtsgruppen und neuen Parteien, und sie tauchte als Forderung auf zahlreichen Transparenten der Demonstranten auf. Bereits wenige Monate später, am 1. März 1990, also noch vor der ersten freien Volkskammerwahl, trat in der DDR ein Gesetz über den Zivildienst in Kraft, das wesentliche Elemente der Vorschläge ehemaliger Bausoldaten enthielt.60 Auch die SED konnte sich den Forderungen nach einem Zivildienst nicht mehr verschließen. Im Vorgriff auf das neue Gesetz stellte sie Ende des Jahres 1989 den Bausoldaten frei, aus der NVA entlassen zu werden, was de facto dem Ende der Anordnung über die Baueinheiten in der DDR gleichkam.

Die bemerkenswerteste politische Aktion in der Zeitphase 1982 bis 1989 gab es, wie schon einmal im Jahre 1967, im Zusammenhang mit Wahlen. Bei den Kommunalwahlen 1984 waren es Bausoldaten in Mukran, die erstmals in der DDR Wahlfälschungen aufdeckten und mittels Eingaben die Klärung dieser Manipulationen verlangten.61 Dieser Anlauf von Bausoldaten erschien wie eine Vorlage für die Aufdeckung der Wahlfälschungen im großen Stil im Mai 1989.

Teststrecke für den aufrechten Gang
Nicht ohne Zynismus erklärte 1967 der Polit­chef der Luftstreitkräfte der DDR, Oberst Lorenz, gegenüber Bausoldaten, die den sowjetischen MiGs eine Start- und Landebahn verschafften, "baut ohne Waffen unsere Waffen, dann seid Ihr schon ganz in Ordnung und wir werden Euch am Ende, wie bei den letzten Bausoldaten, unseren Dank aussprechen."62 Diese Aussage, die durch Verteidigungsminister Hoffmann 1984 sinngemäß wiederholt wurde, lässt keinen Zweifel darüber aufkommen, was der SED-Staat und seine militärischen Funktionsträger von den Bausoldaten erwarteten und wie fremd, ja feindlich sie dem Anliegen dieser Wehrpflichtigen gegenüberstanden. Die Lobesworte galten ohnehin nur für den Fall, dass sich die Bausoldaten den politischen und militärischen Vorgaben widerstandslos ein- und unterordneten. Doch so wie die Wehr­pflicht­verweigerer der ersten Stunde nicht wie gewünscht "mitspielten", so traf das auch im Kern auf die Bausoldaten zu, wenngleich nur ein Bruchteil von ihnen aktiv hervortrat und es immer wieder Phasen der Resignation und des Rückzuges ins Private gab. Doch immer dann, wenn sie sich besonders bedrängt fühlten und Einzelne oder Gruppierungen gegen die militärische und politische Vereinnahmung Front machten oder Vorschläge zur Überwindung ihrer schizophrenen Lage unterbreiteten, konnten sich die Initiatoren der Solidarität des Großteils der Bausoldaten sicher sein. Je stärker der Zusammenhalt war, umso weniger repressiv und umso kompromissbereiter reagierte der politische und militärische Apparat. Die wirkungsvollsten Gegenmittel waren die Verteilung der Bausoldaten und Zersetzungsmaßnahmen durch das MfS.63

Trotzdem hatte der SED-Staat mit der Anordnung vom September 1964 Räume geschaffen, in denen auf ganz legale Weise 25 Jahre lang Menschen verschiedener Weltanschauungen zusammengeführt wurden, die dem Regime überwiegend distanziert bis ablehnend gegenüberstanden. Diese Räume wurden ganz gegen die Erwartungen ihrer Erfinder zum Trainingsfeld für Auseinandersetzungen mit Andersdenkenden, zu Brutstätten oppositioneller Gedanken und zur Teststrecke für den aufrechten Gang unter den besonderen Bedingungen von Befehlston und Befehlsgewalt.

Auf der Grundlage vorliegender Daten über den jeweiligen Jahresbestand der Bausoldaten in den Jahren 1964 bis 1989 kann auf eine Gesamtzahl zwischen 15000 und 16000 Wehrpflichtigen geschlossen werden, die den waffenlosen Wehrdienst leisteten. In der ersten Phase zwischen 1964 und 1975 lag der jährliche Bestand zwischen 250 und 500, in der zweiten Phase bis 1982 mit steigender Tendenz vor allem seit 1980 zwischen 600 und 1200 und in der dritten Phase durchschnittlich bei 2100.64 Mit der Zunahme von Erklärungen für den Bausoldatendienst im Rahmen der Musterung65 stieg auch die Anzahl der Bausoldaten. Die übergroße Mehrheit kam aus dem religiösen Milieu. In den achtziger Jahren erhöhte sich der Anteil der nicht religiös motivierten Bausoldaten, was hauptsächlich auf den Zuwachs von Ausreiseantragstellern zurückging. Lag ihr Anteil bis 1988 bei rund zehn Prozent, so stieg er 1988 auf durchschnittlich 15 Prozent; zeitweise waren in einzelnen Baueinheiten ein Drittel aller Bausoldaten Antragsteller.66 Auf den im Jahre 1989 ausgewiesenen Bestand von 2142 Bausoldaten entfielen 261, also rund 13 Prozent, auf Antragsteller. Zur Gesamtzahl der Bausolda­ten ist noch die Anzahl jener Wehrpflichtigen hinzuzurechnen, die bis 1989 nicht einberufen, aber als potenzielle Bausoldaten bei den Wehrkreiskommandos registriert waren. Das traf auf 12120 Wehrpflichtige zu,67 so dass von einer Gesamtzahl von 25000 bis 28000 Wehrpflichtigen ausgegangen werden kann, die sich in der DDR definitiv für den Bausoldatendienst entschieden hatten. Unberücksichtigt bleiben dabei Reservisten, die sich zwar immer wieder zum waffenlosen Wehrdienst bekannten, aber dazu grundsätzlich nicht herangezogen wurden.

Die eigentliche Erfolgsgeschichte der Bausoldaten spielte sich jedoch außerhalb der Kasernentore ab. Dazu verhalf zum einen das Spatensymbol auf den Schulterstücken. Es trug immer wieder dazu bei, die beabsichtigte Tabuisierung der Bausoldaten zu durchbrechen und gab ihnen im Volksmund den Namen "Spatensoldat", der in weiten Kreisen der Bevölkerung einen durchaus guten Ruf genoss. Unabhängig davon, ob die Bürger die Ansichten und Motive der Bausoldaten im einzelnen kannten oder teilten, sie wurden mit einer gewissen Genugtuung als Zeichen von Zivilcourage oder auch von Neinsagern in einem System an- und wahrgenommen, das auf Anpassung und auf Unterwerfung zielte und die persönlichen und gesellschaftlichen Entwicklungschancen von diesen Verhaltensweisen abhängig machte.

Der Befehlsgewalt entronnen, erwiesen sich zum anderen ehemalige Bausoldaten nicht nur als Quelle und Motor einer staatlich unabhängigen Friedensbewegung, sie prägten auch die Oppositionsszene der achtziger Jahre und standen im Herbst 1989 beim gesellschaftlichen Um­bruch an vorderster Front in der Bürgerrechtsbewegung.68 Die Langzeitwirkung der Bausoldaten brachte Hans-Jochen Tschiche auf den Punkt: "Ohne diese Wehrdienst­ver­weigererbewegung", so der Bürgerrechtler, "hätte es nie die Vorbereitungen für die Umbrüche der achtziger Jahre gegeben, und ein Teil derer, die später die unabhängige DDR-Friedensbewegung ausgemacht haben, kam aus diesem Umfeld."69 Schließlich ist der unblutige Sturz des SED-Regimes nicht von einer Lebens- und Strategie-Maxime der meisten Bausoldaten zu trennen, und das war das Prinzip der unbedingten Gewaltlosigkeit.

Bernd Eisenfeld, geboren 1941, Betriebswirt (grad.), Sach­gebietsleiter in der Abteilung Bildung und Forschung der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU). 1966/67 Bausoldat. 1968 verhaftet und verurteilt zu zweieinhalb Jahren Gefängnis, weil er selbstgefertigte Protestflugblätter gegen die Niederschlagung des "Prager Frühlings" verteilt hatte. 1971 bis 1975 tätig als Finanzöko­nom; engagiert in der Bausoldatenbewegung und in einem Friedenskreis in Halle.  1975 Übersiedlung von Halle/Saale nach Westberlin. Bis 1985 freiberuflich publizistisch und in der politischen Erwachsenenbildung tätig. 1986 bis 1991 Mitarbeiter des Gesamtdeutschen Instituts, zuletzt als Referent. Seit 1992 Mitarbeiter der BStU.

Veröffentlichungen u. a.: Kriegsdienstverweigerung in der DDR, ein Friedensdienst? (1978); Die Zentrale Ko­ordi­nie­rungs­gruppe. Bekämpfung von Flucht und Übersiedlung (MfS-­Handbuch, Teil III/17), BStU (1995/1996); [Mithrsg.] Lexikon Opposition und Widerstand in der SED-Diktatur (2000); [mit Roger Engelmann] 13.8.1961: Mauerbau, Fluchtbewe­gung und Machtsicherung (2001); [mit Ehrhart Neubert]: Macht Ohnmacht Gegenmacht. Grundfragen zur politischen Gegnerschaft in der DDR (2001); [mit Ilko-Sascha Kowalczuk und Ehrhart Neubert]: Die verdrängte Revolution. Der Platz des 17. Juni in der deutschen Geschichte (2004). – Zahlreiche Aufsätze über die DDR mit den Themenschwerpunkten Widerstand/Opposition, Militarisierung, MfS.

1    Anordnung über die Aufstellung von Baueinheiten vom 7.9.1964 (GBl. I, S. 129).
2    Vgl. Eisenfeld, Bernd: Kriegsdienstverweigerung in der DDR – ein Friedensdienst? Genesis, Befragung, Analyse, Dokumente, Frankfurt/a.M. 1978, Dokument 12.
3    Vgl. Deutscher Militärverlag: Militärlexikon, Berlin 1971, S. 411.
4    Verteidigungsgesetz vom 20.9.1961 (GBl. I, S. 175).
5    Wehrpflichtgesetz vom 24.1.1962 (GBl. I, S. 4).
6    Neues Deutschland vom 28.1.1962.
7    Berliner Zeitung vom 24.1.1962.
8    Zitiert nach Koch, H.G.: Staat und Kirche. Zur Entwicklung ihrer Beziehungen 1945-1974, Stuttgart 1975, S. 74.
9    § 32 Abs. 3 Wehrpflichtgesetz (siehe Anm. 5).
10    Hierzu Eisenfeld (siehe Anm. 2), S. 64-70 sowie Schicketanz, Peter.: Die Einrichtung von Baueinheiten innerhalb der Nationalen Volksarmee der DDR, in: Kirchliche Zeitgeschichte, 10. Jg., Heft 1/1997.
11    Vgl. Kaiser, Monika: Machtwechsel von Ulbricht zu Honecker. Funktionsmechanismen der SED-Diktatur in Konfliktsituationen 1962 bis 1972. Berlin, 1997.
12    Vgl. Eisenfeld (siehe Anm. 2), S. 58f.
13    Vgl. Schicketanz (siehe Anm. 10) , S. 194 ff.
14    Ebenda, S. 196.
15    Vgl. Eisenfeld (siehe Anm. 2), S. 64 f.
16    Vgl. Schicketanz (siehe Anm. 10), S. 196 ff.
17    Ein Auskunftsbericht der HA I vom September 1966 hebt diese Einschränkung auch ausdrücklich hervor. BStU, MfS, OV "Sekte"/"Zersetzung" 14024/66, Bd. I, S. 161.
18    Erstmals am 1.10.1964 durch das SED-Bezirksblatt "Neuer Tag" (Frankfurt/O.) und später am 16.11.1964 durch das "Neue Deutschland". Dokumentiert in Eisenfeld (siehe Anm. 2), Dokument 13.
19    Vgl. Eisenfeld (siehe Anm. 2), S.116 f.
20    Vgl. Koch, Uwe; Eschler, Stephan: Zähne hoch, Kopf zusammenbeißen. Dokumente zur Wehrdienstverweigerung in der DDR von 1962 bis 1990, Kückenshagen 1994, Dokument 12.
21    Vgl. H. H. Dirksen in diesem Heft.
22    § 2 der Anordnung (siehe Anm. 1) sah auch "die Mitarbeit bei Straßen- und Verkehrsbauten" sowie den "Einsatz bei Katastrophen" vor.
23    Baupioniere gehörten zu "normalen" waffentragenden Wehrpflichtigen. Zusammen mit den Baueinheiten der Bausoldaten bildeten sie Baupionierbataillone.
24    Vgl. Eisenfeld (siehe Anm. 2), S. 119 f.
25    Ebenda, S. 121.
26    Ausführlich zu den beruflichen Diskriminierungen: Eisenfeld (siehe Anm. 2), S. 123 f. sowie ders.: Eine "legale Konzentration feindlich-negativer Kräfte". Zur politischen Wirkung der Bausoldaten in der DDR. In Deutschland Archiv 28 (1995), S. 257.
27    Eisenfeld (siehe Anm. 2), S. 94 ff. sowie Koch; Eschler (siehe Anm. 20), Dokument 6.
28    Vgl. Eisenfeld (siehe Anm. 2), u.a. Dokumente 22, 31 und 32.
29    Als Beispiel, ebenda, Dokument 19.
30    Vgl. Beitrag von Peter Schicketanz in diesem Heft.
31    Vgl. Eisenfeld, Bernd: Mit wechselnder Intensität. Das Eintreten der evangelischen Kirchen in der DDR für den waffenlosen Wehrdienst. In: Kirche im Sozialismus, Heft 1/79, S. 27-37.
32    Der Vorschlag stieß bei der NVA auf Ablehnung. Hierzu Eisenfeld (siehe Anm. 2), Dokumente 35 bis 37.
33    Anordnung Nr. 31/75 des Stellvertreters des Ministers und Chefs des Hauptstabes vom 14.7.1975 sowie Durchführungsverordnung vom 14.10.1975. Privatarchiv B. Eisenfeld.
34    Ebenda. Für das Ausbildungshalbjahr waren 800 Stunden vorgesehen, darunter nur noch 32 für die Schutz-, Exerzier- und physische Ausbildung. Vgl. Anhang 1 und 2 der Anordnung.
35    Information der HA I über Probleme des Einsatzes der Bausoldaten und der politisch-operativen Situation in diesen Personenkreisen vom 5.10.1981. BStU, MfS, HA XX/4 3521, S. 32 und 38ff.
36    Sie legte fest, dass Bausoldaten aus den Belobigungsarten "Fotografieren vor der entfalteten Truppenfahne" und "Veröffentlichung des Fotos" sowie "Eintragung in das Ehrenbuch des Truppenteiles" auszuschließen sind.
37    So in einem Brief von Bausoldaten vom April 1981 an alle Bischöfe, an den Präsidenten des Bundes Freikirchlicher Gemeinschaften, den Verbandsvorsteher der Gemeinschaft der Adventisten und den Sekretär des Gnadauer Gemeinschaftswerkes. BStU, ASt Dresden, AOP 53/85, Bd. I, S. 229.
38    Vgl. in diesem Heft: Eisenfeld: Bausoldaten im Visier des MfS.
39    Ebenda.
40    Vgl. Information der HA I an die HA XX des MfS über Probleme des Einsatzes der Bausoldaten und der politisch-operativen Situation in diesen Personenkreisen vom 20.2.1981. BStU, MfS, HA XX/AKG II-104, S. 7. In einem Bericht zur Arbeitstagung der HA XX/4 des MfS vom 23.-25.11.1981 wird der Anteil an Wehrpflichtigen eines Geburtsjahrganges, die sich 1978 für den waffenlosen Dienst entschieden, auf 0,3 % und für 1981 auf 0,7 % veranschlagt. BStU, MfS, HA XX/4-66, S. 175.
41    Mäder, Heinz: Ausgewählte Orientierungen zur operativen Sicherung des konzentrierten Einsatzes von Bausoldaten auf der Grundlage einer Sicherungskonzeption vom 15.10.1984. BStU, MfS. JHS 20102, S. 90 f.
42    Vgl. Koch; Eschler (siehe Anm. 20), Interview mit Harald Bretschneider, Dokument 19.
43    Hierzu: Neubert, Ehrhart: Geschichte der Opposition in der DDR 1949-1989, Berlin 2000. Zweite erweiterte Auflage, S. 389 ff.
44    Lesenotiz der HA I/AKG zum Entwurf des Befehls …/82 des MfNV über den Einsatz von BS sowie 1. DB zu diesem Befehl vom 3.2.1982. BStU, MfS HA I 13455, S. 226.
45    Ebenda, S. 227.
46    Auszug aus der Auffüllungsordnung über die "Musterung und Einberufung bei Ablehnung des Wehrdienstes mit der Waffe" im Zusammenhang mit der Stellungnahme der Rechtsstelle des MfS vom 31.3.1982. BStU, MfS, AGM 616, S. 99 f.
47    Bericht des Staatssekretärs für Kirchenfragen, Klaus Gysi, vom 27.8.1982 über ein Gespräch mit Honecker. BStU, MfS HA XX/4-320, S. 5.
48    Lesenotiz der HA I vom 3.2.1982. BStU, MfS, HA I 13455, S. 227.
49    Der "Stern" vom 26.5.1983, S. 202 ff.
50    Vgl. Festlegungen zu Schulungsmaßnahmen für Kommandeure und Politvertreter von Baueinheiten vom 6.12.1984. BStU, MfS, HA I 13455, Anlage, S. 211.
51    Hierzu Vesting, Justus: Mit dem Mut zum gesunden Risiko. Die Arbeitsbedingungen von Strafgefangenen und Bausoldaten in den Betrieben der Region Bitterfeld, Buna und Leuna unter besonderer Berücksichtigung des VEB Chemiekombinat Bitterfeld, hrsg. von der Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR in Sachsen Anhalt, Magdeburg 2003, S. 138 ff.
52    Vgl. Koch; Eschler (siehe Anm. 20), Dokument 29.
53    Information 345/84 des MfS vom September 1984. BStU, MfS, HA XX/AKG/II-104, S. 184 ff.
54    Festlegungen zu Schulungsmaßnahmen vom 6.12.1984. BStU, MfS, HA I 13455, Anlage, S. 211.
55    Lesenotiz der HA I über die 2. Beratung der PHV der NVA mit Kommandeuren und Politoffizieren von Baueinheiten. BStU, MfS, HA I 13455, S. 185.
56    Vgl. Jahresbericht des MfNV über Eingaben und Beschwerden im Berichtsjahr 1984/85. BStU, MfS, HA I-13455, S. 321.
57    Dokumentiert in: Reader zur Studientagung "Geschichte der Bausoldaten in der DDR" vom 9.-11.9.1994 in Berlin, S. 11a (Privatarchiv B. Eisenfeld).
58    Einleitungsbericht zur OPK "Sofdy", vom 27.10.1988. BStU, MfS, HA I-14103, S. 164.
59    Gesetzblatt der Volksrepublik Polen Nr. 24 vom 20.7.1988.
60    Vgl. Koch; Eschler (siehe Anm. 20), Dokumente 43 und 44.
61    Vgl. Eisenfeld, Bernd: Wehrdienstverweigerung als Opposition, in: Henke, Klaus-Dietmar; Steinbach, Peter; Tuchel, Johannes: Widerstand und Opposition in der DDR, Köln/Weimar/Wien 1999, S. 252.
62    Der Autor dieses Beitrages war einer der so angesprochenen Bausoldaten.
63    Hierzu in diesem Heft: Bausoldaten im Visier des MfS.
64    Die Zahlen und Spannen ergeben sich aus verschiedenen Dokumenten des MfS (HA I, HA XX, Bestand Neiber, IM-Akten, Diplomarbeiten der JHS und bis 1975 aus Selbstzeugnissen der Bausoldaten), wobei den Bestandszahlen die 18monatige Wehrpflichtzeit zugrunde gelegt wurde. Die Gesamtzahlen decken sich in etwa mit den Angaben, die Werner Patzer, einst Generalmajor und Chef der Verwaltung Personelle Auffüllung im Hauptstab der NVA, am 30. September 1998 im Rahmen eines Werkstattgespräches des Institutes für vergleichende Staat-Kirche-Forschung nannte. Für den Zeitraum 1964 bis 1975 waren hiernach durchschnittlich jeweils 250, von 1976 bis 1983 jeweils  400 und danach zwischen 1.250 und 2.200 Bausoldaten zur Einberufung vorgesehen. Auf dieser Grundlage ergeben sich in der Summe zwischen 15000 bis 16000 Bausoldaten.
65    In einer Diplomarbeit des MfS aus dem Jahre 1984 heißt es dazu: "Während die Anzahl der Erklärungen für einen waffenlosen Dienst von 1964 bis 1976 etwa gleich bleibend war, hat sie in den Jahren 1977 bis 1979 und vor allem ab 1980 eine stark steigende Tendenz." Vgl. Mäder, Heinz: Ausgewählte Orientierungen zur operativen Sicherung des konzentrierten Einsatzes von Bausoldaten auf der Grundlage einer Sicherungskonzeption. BStU, MfS, JHS 20102, S. 8.
66    Einschätzung der aktuellen Lage unter Antragstellern auf Übersiedlung im Bereich der NVA durch die Verwaltung 2000 vom 5.8.1988. BStU, MfS HA I 13456, S. 468.
67    Bericht der ZAIG des MfS vom 18.8.1989. BStU, MfS ZAIG 7889, S. 4. Dieser Stau sollte kurzfristig ab Herbst 1989 durch massive Einberufungen der Bausoldaten abgebaut werden. Gemäß einer zentralen Entscheidung wurde festgelegt, ab Einberufung November 1989 den Personalbestand der Baueinheiten von bisher 2.100 auf 5.400 Bausoldaten zu erhöhen. Im Herbst 1989, Frühjahr 1991 und Herbst 1992 sollten jeweils 4.300 BS, darunter bis zu 10 Prozent Antragsteller, gezogen werden, Information vom 18.8.1989, S. 522.
68    Vgl. Eisenfeld (siehe Anm. 61), S. 256.
69    Aus Interview mit Hans-Joachim Tschiche, dokumentiert in Koch; Eschler (siehe Anm. 20), S. 50.

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