Heft 46/2004 | bausoldaten in der ddr | Seite 9 - 14

Bernd Eisenfeld

Bausoldaten im Visier des MfS

Bausoldaten stellten aus Sicht des MfS einen "erheblichen Unsicherheitsfaktor" und "damit eine breite Basis für die Wirksamkeit feindlicher Aktivitäten" dar.1 Ihre ständigen Forderungen nach einem Zivildienst wurden "als Absicht feindlicher Kräfte, einen organisierten, zielgerichteten Widerstand gegen die Verteidigungspolitik unseres sozialistischen Staates zu leisten", bewertet.2 Innerhalb der NVA galten sie aus "politisch-operativer Sicht" als "legale Konzentration feindlich-negativer Kräfte"3 bzw. "in gewisser Weise" als eine Form der Zusammenführung "negativen Gedankengutes", das vornehmlich in der kirch­lichen Jugendarbeit vorgeprägt worden sei und dazu geführt habe, "widerwillig" den Bausoldatendienst anzutreten. Bedingt durch die vielseitig empfundenen Belastungen würden sie "untereinander ein Solidaritäts- und Zusammengehörigkeitsgefühl" entwickeln."4 Ihre "Gefährlichkeit" hinge vor allem damit zusammen, dass sie in "massiven Angriffen gegen den rechtlichen Status des Wehrdienstes und im speziellen des Bausoldatendienstes" vorgehen, damit "innerhalb und außerhalb der Baueinhei­ten diese Frage zu einem ständigen Diskussionsgegenstand und Druckpunkt erheben" und auf diese Weise "unsere Verteidigungs- und Sicherheitspolitik und damit einen Eckpfeiler unserer Gesellschaft (untergraben)."5

Diese getroffenen Einschätzungen waren typisch für die Reflexion des MfS auf die besonders aktiven Phasen der Bausoldaten im Zeitraum 1965 bis 1975 und 1982 bis 1989.

Präventive Maßnahmen setzten bereits im Vorfeld der Einberufungen ein. Die Vorgabe von Stasi-Chef Mielke, dass es "letztendlich" von der Entscheidung der Kreisdienststellen des MfS abhängt, "wer in den Bestand der Nationalen Volksarmee zum Grundwehrdienst oder Re­ser­vistenwehrdienst einberufen wird - oder wer im Interesse der Gewährleistung [...] des zuverlässigen Schutzes der DDR [...] nicht bzw. zeitweilig nicht einberufen wird",6 traf daher im besonderen Maße auf die Bausoldaten zu. Die Entscheidungen des MfS für derartige, in der Regel auf zwei Jahre begrenzte Zurückstellungen sollten nur dem Leiter des Wehrkreiskommandos und auch nur münd­lich geltend gemacht werden. Da zur Musterungs- und Einberufungskommissionen auch ein "Abwehroffizier Wehr­kreiskom­mando" der MfS-Kreisdienststelle gehörte, der zudem an den wichtigen Besprechungen des Wehrkreiskommandos teilnahm, konnte diese Aufgabe frühzeitig wahrgenommen werden. Wer als Bausoldat einberufen werden sollte, wurde vom "Abwehroffizier" zunächst auf MfS-Erfassungen geprüft. Im positiven Fall mussten die Gründe geklärt und im Falle der Einberufung vorliegende operative Unterlagen den zuständigen Diensteinheiten der HA I für die Dauer des Wehrdienstes übergeben werden, "sofern dem keine politisch-operativen Gründe" entgegenstanden.7 Bei Fehlmeldungen hatten die zuständigen Diensteinheiten des MfS Auskunftsberichte zu erarbeiten. Neben den Grunddaten zur Person enthielten diese Dossiers die Gründe und Motive der Ablehnung des Waffendienstes, die Charakterisierung der Person einschließlich ihrer politischen und kirchlichen Aktivitäten und Verhaltensweisen sowie ihre Bindungen und Verbindungen in und außerhalb der DDR.8

Bei Einberufungen sollte möglichst dafür Sorge getragen werden, dass künftige Bausoldaten, die die Staatssicherheit als "operativ interessant" einstufte, zielgerichtet und konzentriert Objekten zugeführt werden, die "inoffiziell durchdrungen" waren.9 Dazu gehörte nicht nur die Präsenz von Spitzeln, sondern auch die Auswahl von Unterkunftsräumen, die für den Einbau von Abhörmaß­nahmen geeignet erschienen.

Bausoldaten als Spitzel für das MfS – eine Mangelware
Wie überall, war das MfS auch in der NVA auf seine "Hauptwaffe gegen den Feind", die Spitzel, angewiesen. Als hochgradig sicherheitsempfindlicher Bereich wurde ein besonders dichtes Netz gezogen. Mit über 21000 inoffiziellen Mitarbeitern verfügte die HA I in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre von allen Diensteinheiten des MfS über die weitaus größte IM-Zahl: Fast jeder zehnte Armeeangehörige, einschließlich der Grenztruppen, stand dem MfS konspirativ zu Diensten.10 Gesucht und geworben wurde bereits vor der Einberufung. Ausgehend von der Anzahl der einzuberufenden Wehrpflichtigen sollte ein Absicherungsverhältnis von 1:20 gewährleistet werden.11 Das gelang nicht nur, es wurde in der Regel sogar überboten, wenngleich die damit verbundenen "Hals-über-Kopf-Werbungen" zur Folge hatten, dass die Spitzel häufig den Erwartungen nicht entsprachen und so ihr Wirkungsgrad eingeschränkt blieb.12

Die "Durchdringung" der Bausoldaten mit Spitzeln bereitete jedoch weit mehr Schwierigkeiten. Auf 365 Einberufungen im November 1983 und Mai 1984 kamen lediglich drei IM. Dem verlangten Verhältnis 1:20 stand bei den Bausoldaten also eines von 1:120 gegenüber. Das Anforderungsprofil erschwerte die Suche zusätzlich. Einerseits sollte der zu Werbende einen "christlichen Glauben besitzen" und auch sein Motiv darauf eingestellt sein. Andererseits wurde eine loyale Haltung gegenüber der SED im Allgemeinen und gegenüber der Kirche im Besonderen erwartet.13 Als besonders geeignete Zielgruppe nahm das MfS Wehrpflichtige ins Visier, die ein Studium, vor allem das der Theologie, anstrebten.

Ebenso unbefriedigend erwies sich die Werbung von Bausoldaten aus dem jeweiligen Bestand. Die "Gewinnung von IM aus dem Kreis der Bausoldaten", so hieß es, sei "ein langwieriger und komplizierter Prozess".14 Die Schwierigkeit bestand vor allem darin, dass sich Bausoldaten von Anfang an bespitzelt fühlten. Das stellten auch die Mitarbeiter der HA I fest, die darüber berichteten, dass Bausoldaten beispielsweise die Postüberwachung umgehen, indem sie nur solche Briefe über die Briefkästen in den NVA-Dienststellen weiterleiten, die der Kontrolle standhielten. Andere, offensichtlich weniger harmlose Briefinhalte vertrauten sie hingegen Kontaktpersonen an, die sie in Briefkästen außerhalb des Armeebereiches warfen.15 Eine "komplexe Umleitung" der zu den Bausol­daten eingehenden und abgehenden Post in die Hände des MfS wurde als sehr aufwändig bezeichnet und sollte deshalb nur zeitlich auf einen Monat – und möglichst in der Phase kurz nach der Einberufung – begrenzt werden.16 Das Misstrauen der Bausoldaten untereinander konzentrierte sich vor allem auf solche Kameraden, die undurchsichtig blieben und keiner Kirche bzw. Religionsgemeinschaft angehörten. Sie mussten sich auf direkte Befragungen einstellen.17

Für die HA I war es schon eine Erfolgsmeldung, wenn man, wie 1980/81 berichten konnte, dass es durch "verstärkte Anstrengungen" gelang, neben dem "Einsatz operativ-technischer Mittel und peripheren inoffiziellen Mitarbeitern" die Anzahl "inoffizieller Kräfte unter den Bausoldaten" auf ganze sechs zu erhöhen.18 Das entsprach einem "Ab­sicherungsverhältnis" von 1:110. Vor diesem Hintergrund ging das MfS dazu über, zielgerichtet Bausoldaten "aufzubauen" und sie direkt in die Baueinheiten "einzuschleusen". Erste Fälle lassen sich Mitte der siebziger Jahre ausmachen. Diese Implantate waren nicht einfach. Sie bedurften einer langen "Inkubationszeit", wenn die "Auserwählten" nicht gleich unter Verdacht geraten wollten. So mussten sie rechtzeitig in die kirchliche Szene der Waffen- und Wehrdienstverweigerer eingeführt werden und Ver­­­trauen bzw. Zeugen gewinnen, auf die sie sich im Notfall berufen konnten. Ihre so beauflagte Hinwendung zur Kirche verlangte auch Erklärungsmuster gegenüber Familienangehörigen und Freunden, die bis dahin ein ganz anderes Bild besaßen. In einem diesbezüglichen Treffbericht wies der Füh­rungs­offizier seinen Bausoldaten in spe sogar darauf hin, dass sich "auch in Bezug auf eine perspektivische Entwicklung in seinem jetzigen Arbeitsbereich Probleme ergeben können, die nach der Ableistung des Wehrdienstes einen Arbeitsplatzwechsel verbunden mit einer völlig neuen Tätigkeit zur Folge haben könnte".19  [Vgl. die nebenstehenden Dokumente.]

In den achtziger Jahren wurde diese Variante fortgeführt.20 Als Beispiel kann der Fall des IM "Steffen Schuster" gelten.21 Dieser Spitzel wurde noch nicht einmal 18jährig auf der Basis der "Wiedergutmachung", was zur Einstellung eines gegen ihn gerichteten kriminalpolizeilichen Ermittlungsverfahrens führte, im September 1984 unter Druck angeworben und systematisch für den Einsatz im kirchlichen Bereich aufgebaut. Ausgehend von seiner Bereitschaft, eine Laufbahn als Theologe einzuschlagen und in diesem Zusammenhang einen Wehrdienst ohne Waffe zu leisten, erklärte er im Frühjahr 1985 gegenüber dem Wehrkreiskommando auftragsgemäß, dass er zwar nicht an der Notwendigkeit der Existenz der NVA und der Ableistung einer Wehrpflicht zweifle, er sich aber nicht in der Lage sehe, zu schießen.

Mit dieser Erklärung entsprach er dem Anforderungsprofil des MfS an einen solchen IM. Ganz dem Interesse des MfS folgend, brachte er die Bitte vor, noch im Herbst 1985 einberufen zu werden. Dass das Wehrkreiskommando dieser Bitte entsprach und er völlig unüblich als 19jähriger zu den Bausoldaten einberufen wurde, zeigt, wie reibungslos das Zusammenspiel des MfS und der NVA in diesen Fällen funktionierte. "Steffen Schuster" erwies sich als vielseitiger und äußerst ergiebiger Spitzel, vor dem auch die Vorgesetzten nicht verschont blieben, was ihm regelmäßige Geldprämien und Sachgeschenke sowie als ideologischen Rückhalt die Mitgliedschaft in der SED einbrachte. Nach Ablauf seiner 18monatigen Dienstzeit wurde er für seine Dienste vom MfS gelobt und mit einer Prämie von 500 Mark verabschiedet. Noch bevor er ein Theologiestudium an der Kirchlichen Hochschule Paulinum in Ost-Berlin begann, stieg er beim MfS zum Hauptamtlichen Inoffiziellen Mitarbeiter (HIM)22 auf.

Damals ließ sich das MfS eine weitere Variante einfallen, um das Defizit an Spitzeln unter den Bausoldaten abzubauen. Im Jahre 1983 wies der Leiter der HA I an, in die Baueinheiten der Bausoldaten hauptamtliche Inoffizielle Mitarbeiter (HIME)23 einzuschleusen. Die ersten drei HIME kamen im Mai 1983 in den Standorten Brandenburg, Weißwasser und Torgelow-Drögenheide so­wie ein vierter im November 1983 in Mukran zum Einsatz. Dem sollten im Jahre 1984 weitere 5 HIME folgen.

Die Einweisung für ihren Einsatz stützte sich auf eine Analyse, die das MfS über 200 der 1983 eingezogenen Bausoldaten anfertigte. Hiernach hatten sich die HIME auf Soldaten einzustellen, denen folgende Attribute zugeschrieben wurden: Durchschnittsalter 24 Jahre, fast ausschließlich eine gute Allgemeinbildung, zu 90 Prozent religiös gebunden, "überwiegend" eine "grundsätzlich feindlich-negative" bzw. in Teilbereichen "ablehnende" Einstellung zur "sozialistischen Staats- und Gesellschaftsordnung", "antikommunistisches Gedankengut", schöp­fen aktuelle Informationen aus westlichen Medien, treten militärischen Vor­­­gesetzten offen oder versteckt provokatorisch gegenüber, fühlen sich "bespitzelt" durch das MfS, stehen der "Arbeite-langsam-Bewegung" nahe und empfinden sich trotz unterschiedlicher Konfessionen als Ge­­meinschaft.24 Dieses "Psychogramm" bildete die offensichtliche Grundlage für das Anforderungsprofil der HIME. Es ist bezeichnend, dass das MfS die Bedingungen, unter denen diese Spitzel zu wirken hatten, dem Einsatz im Operationsgebiet, also in der Bundesrepublik und West-Berlin, gleichstellte. Dementsprechend wurde vor "Aufweichungserscheinungen" gewarnt: "Der IME liest im Einsatz nicht die Zeitung, hört Nachrichten nur aus Feindsendern und unterliegt der Beeinflussung von teilweise in der Arbeit mit Menschen erfahrenen Bausoldaten, darunter ausgebildeten Theologen."25 Vor diesem Hintergrund ging dem Einsatz der HIME eine gründliche Auswahl, Überprüfung sowie eine ausgiebige Vorbereitung voraus. Legendiert mit entsprechenden Ausweisen sollten die HIME - abgestimmt mit der territorial zuständigen Kreisdienststelle des MfS - in einen Kreis "verpflanzt" werden, in dem das Wehrkreiskommando mit der Einberufung von Bausol­daten für die vorgesehene Baueinheit beauftragt war. Dazu musste dem HIME auch eine Wohnung und eine geeignete Arbeitsstelle beschafft werden. Letztere sollte die "Einführung" in Personenkreise begünstigten, die zum Kreis potenzieller Bausoldaten gehörten. Als gelungene Beispiele wurde die Platzierung eines HIME als Krankenpfleger in einer Nervenklinik und eines zweiten in einem Theater als Bühnenarbeiter genannt.26 Da ein "positives Elternhaus" als ein Kriterium der Auswahl galt, schloss die Le­gen­denbildung auch ein Überwürfnis mit den Eltern ein. Das wiederum machte erforderlich, die persönliche und postalische Verbindung konspirativ zu behandeln. Das Ver­bin­dungssystem zum MfS sollte aus Gründen der konspirativen Absicherung möglichst vom Dienstort ferngehalten und auf den Wochen­endurlaub des HIME verlagert werden. Als Führungsof­fiziere fungierten sowohl ein Mitarbeiter der auftraggebenden Kreisdienststelle als auch ein "Abwehroffi­zier" der HA I des MfS. Die Treffs mit den HIME sollten möglichst gemeinsam erfolgen.

Die Staatssicherheit war sich darüber im Klaren, dass die vielseitigen Probleme, die der Einsatz hauptamtlicher IME aufwarf, ihre Zahl von vornherein begrenzen wird. Ob neben den vier im Jahre 1984 ausgewiesenen HIME auch die anderen fünf zum Einsatz kamen, ist unklar. Offensichtlich wurde diese Variante der Bespitzelung der Bausoldaten jedoch zurückgefahren, denn eine Übersicht "über die offizielle Durchdringung der Baueinheiten" vom Juli 1989 belegt, dass zu diesem Zeitpunkt nur noch ein HIME im Einsatz war.27

Die Übersicht zeigt zudem, dass sich unter den insgesamt 34 inoffiziellen Mitarbeitern, die auf den Gesamtbestand von 2142 Bausoldaten entfielen, lediglich 11 Bausoldaten befanden, alle anderen IM gehörten offensichtlich zu den waffentragenden Soldaten, einschließlich den Führungskräften in der NVA.

Von den 11 Bausoldaten wurden acht von der HA I angeworben und drei von den Kreisdienststellen bzw. der Abteilungen XX an die HA I übergeben. Der Anteil der Bausoldaten am Spitzelsystem in der Armee war also trotz aller Anstrengungen des MfS weiter rückläufig und folgte nicht dem sprunghaften Anstieg der Zahlen der Bausol­daten in den späteren achtziger Jahren. Das "Absicherungsverhältnis" von 1:110, das 1980/81 bestand, ging bis 1989 auf 1:200 zurück. Und wenn berücksichtigt wird, dass es sich bei den drei von anderen Diensteinheiten des MfS geworbenen Spitzeln offensichtlich um solche handelte, die als Bausoldaten "aufgebaut" und zielgerichtet in den Bestand der Baueinheiten eingeschleust wurden, dann lag dieses Verhältnis gar nur noch bei 1:350. Wehrpflichtige, die sich in der DDR für den Bausoldatendienst entschieden, zeigten also gegenüber dem MfS eine außergewöhnlich hohe Resistenz.

Dislozieren und zersetzen
Neben den üblichen Erkundungen über das allgemeine Stimmungs- und Meinungsbild, über den Empfang von Westmedien, über postalische Verbindungen und Kontakte vor allem zu "gegnerischen Personen und Stellen und Einrichtungen" sowie Ausreiseantragstellern, über Absichten von Flucht und demonstrativen Handlungen sowie über Missstände und Mängel, sollten die Spitzel vor allem solche bausoldatenspezifische Informationen liefern wie das Aufspüren politischer Rädelsführer, besonders im Zusammenhang mit Protestresolutionen, von Initiatoren der "Arbeite-Langsam-Bewegung", "negativ-kirchlicher Literatur, Rund­schreiben u.a. Schriften", von Aktivitäten "bezüglich religiöser Betätigungen", über die Betreuung der Bausoldaten durch "kirch­liche Kräfte" am Standort sowie über die Zielstellungen der "Beschwerde- und Eingabentätigkeit" der Bausoldaten.28

Die Strategie des MfS konzentrierte sich hauptsächlich auf die Bausoldaten, die als Inspiratoren aller dieser Aktivitäten ausgemacht werden konnten. Gegen sie wurden in der Regel zunächst Operative Personenkontrollen (OPK) eingeleitet, die der Frage "wer ist wer?" genauer nachzugehen hatten. Gab es Anzeichen "feindlich-negativer Aktivitäten", so mündete die OPK in einen Operativen Vorgang, der mit dem Ziel eingeleitet wurde, durch entsprechende Maßnahmen, dezidiert festgehalten in Operativplänen, die­sen Gefahrenherd einzudämmen und zu beseitigen. Das konnte sich gegen Einzelne oder gegen Gruppierungen richten.

Als beispielsweise im zweiten Durchgang Bausoldaten im Zusammenhang mit einer Spendensammlung für Vietnam ein "Zeugnis Garzer Bausoldaten" verfassten und es an den Direktor der Charite, Prof. Dr. Serfling, mit der Bitte schickten, dieses Zeug­nis an der Humboldt-Universität bekannt zu machen, bot sich der HA I des MfS die Gelegenheit, einen Gruppenvorgang gegen solche Bausoldaten einzuleiten, die ohnehin schon beim Verbindungsoffizier auf der "schwarzen Liste" standen. In diesem Fall wurden die Betroffenen dem Vorwurf der "staatsgefährdenden Propaganda und Hetze", der "Staatsverleumdung" sowie der "zielgerichteten Organisation von Dienstverweigerungen und Befehlsverweigerungen" ausgesetzt.

Da in diese Zeitphase die vom SED-Staat äußerst kritisch aufgenommene kirchliche Handreichung zur Wehrdienstfrage fiel,29 wurde der Vorgang zugleich genutzt, um nach Hintermännern zu suchen sowie Bausoldaten und kirchliche Amtsträger ge­geneinander auszuspielen. So hatte man her­ausgefunden, dass sich acht Bausoldaten mit dem Gedanken beschäftigten, ihre weitere Mitwirkung am Bau eines Militärflugplatzes abzulehnen. In diesem Zusammenhang kam es auch zu Konsultationen der Bausoldaten mit kirchenleitenden Amtsträgern. Diese wiesen, u.a. namentlich durch den damaligen Konsistorialpräsidenten, Manfred Stolpe, darauf hin, dass eine solche Aktion als Meuterei verstanden und mit einer hohen Gefängnisstrafe geahndet werden könne. Vor diesem Hintergrund brachte dann lediglich ein Beteiligter, der Bausoldat Werner Wed­ler, den Mut auf, diesen Schritt zu tun.

Das Urteil fiel mit dreißig Monaten Gefängnis verhältnismäßig hoch aus und sollte offensichtlich eine Abschrec­kungsfunktion erzielen. Die verbliebenen Aktivisten wurden "auseinandergerissen" und auf verschiedene Einsatzorte verteilt. Auf dieses Prinzip der Zerstreuung von besonders renitenten und engagierten Bausoldaten wurde später immer wieder zurückgegriffen.30 Es galt als "bewährte Methode," die Aktivisten unter den Bausoldaten zu isolieren und ihren Wirkungskreis einzugrenzen.

Während nach dem bisherigen Erkenntnisstand die "operative Bearbeitung" von Bausoldaten in OPK und OV durch die HA I des MfS in den sechziger und siebziger Jahren eher zur Ausnahme gehörte, nahm sie in den achtziger Jahren, hauptsächlich bedingt durch die höhere Zahl der Bausoldaten, zu. Wurden im Herbst 1985 von der HA I des MfS von knapp 1250 Bausoldaten neun durch OPK und sechs durch OV "bearbeitet"31, so im Sommer 1989 von knapp 2150 Bausoldaten 22 durch OPK und drei durch OV.32 Zwischen 1986 und Ende 1988 wurden insgesamt 79 gegen Bausoldaten eingeleitete OPK und OV durch "öffentliche Auswertung bzw. Maßnahmen der Zersetzung", "Anwerbung/Kontaktierung" bzw. "Disziplinarstrafen oder Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaften" abgeschlossen.33

Die MfS-Methode der "Zersetzung", die der Schriftsteller und Bürgerrechtler Jürgen Fuchs als "psychoso­ziales Verbrechen" charakterisierte,34 richtete sich vor allem auch gegen Gruppierungen ehemaliger Bausoldaten , die sich nach ihrer Dienstzeit unter dem Dach der Kirchen zusammenfanden und ihr Anliegen weiter vorantrieben.

Dennoch kam das MfS seit Mitte der achtziger Jahre nicht an der Einschätzung vorbei, dass entgegen vielen resignativen Erscheinungen in anderen kirchlichen Basisgruppierungen die "ehemaligen und angehenden Bausoldaten" zunehmend Sorge bereiten. Sie würden sich "örtlich und zum Teil überörtlich" zum Erfahrungs- und Informationsaustausch "mit dem Ziel der Veränderung des Charakter des Bausoldatendienstes zusammenfinden und damit zugleich versuchen, die Gedanken des Pazifismus zu verbreiten."35 Ende 1987 ist vom "Ansteigen von Treffen zu sog. Wehrdienst- und Bausoldatenfragen in mehreren Bezirken, u.a. in Berlin, Magdeburg, Erfurt, Karl-Marx-Stadt, Suhl, Frankfurt und Rostock" und von der Gefahr die Rede, dass diese Entwicklung nicht nur das Verhältnis von Staat und Kirche belastet, sondern auch "zu ernsthaften Störungen bei der Umsetzung der Parteipolitik" führt.36 In Verbindung mit der Zunahme der Totalverweigerer bildeten sie ein Konfliktpotenzial, das die Staatssicherheit immer weniger in den Griff bekam.

1    Aus Abschlussbericht OV "Geier" vom 4.7.1974. BStU, MfS, 9112/82, Bd. II, S. 365.
2    Eröffnungsbericht des OV "Spaten" vom 18.8.1971. BStU, MfS, 89774/80, Bd. III, S. 8 f.
3    Mäder, Heinz: Ausgewählte Orientierungen zur operativen Sicherung des konzentrierten Einsatzes der Bausoldaten auf der Grundlage einer Sicherungskonzeption. Diplomarbeit, abgeschlossen am 10.10.1984. BStU, MfS JHS 20102, S. 8.
4    Hauptmann Mehner, Roland: Differenzierte Einschätzung der politisch-operativen Lage der Bausoldaten im Verantwortungsbereich der Abteilung MfNV zur Einschätzung des Grades der Ausprägung von Merkmalen der politischen Untergrundarbeit. Fachschularbeit, abgeschlossen am 7.5.1986. BStU, MfS, JHS 20735, S. 17.
5    Ebenda, S. 34 f.
6    Auszug aus Referat Mielke am 5./6.7.1979. BStU, MfS, DSt 102580, S. 16.
7    1. Durchführungsbestimmung zur Dienstanweisung 7/84 des MfS vom 9.10.1984 zur politisch-operativen Sicherung der personellen Auffüllung der NVA, der Grenztruppen der DDR und der kasernierten Einheiten des MdI. BStU, MfS, HA VIII 754, S. 57.
8    Ebenda.
9    Vgl. Lippert, Reinhard: Die Organisierung und Durchführung der Abwehrarbeit im Bestand der Bausoldaten des Ingenieurbaubataillons 40. Fachschularbeit. BStU, MfS, JHS 900/84, S. 9.
10    Vgl. Statistische Übersichten der HA I, Abt. XII 1985-1988. BStU, MfS, HA I Bü. 1926.
11    Erhebungsprogramm Planstellennormative für die Kreisdienststellen des MfS aus dem Jahre 1983. BStU, MfS, ZAIG 13750, S. 156.
12    Hierzu: Eisenfeld, Bernd: Formen widerständigen Verhaltens in der Nationalen Volksarmee und bei den Grenztruppen. In: Neubert, Ehrhart; Eisenfeld, Bernd: Macht Ohnmacht Gegenmacht. Grundfragen zur politischen Gegnerschaft in der DDR, Bremen 2001, S. 231 ff.
13    Fencik, Jan: Probleme der Suche, der Auswahl und Gewinnung von jugendlichen IM zur politisch-operativen Durchdringung der Jungen Gemeinden der evangelischen Kirchen sowie Vorbereitung und Einsatz zur inoffiziellen Zusammenarbeit mit der HA I. Diplomarbeit an der JHS. BStU, MfS, JHS 21496, S. 7.
14    Mäder (siehe Anm. 3), S. 8.
15    Information über den Einsatz von hauptamtlichen IME in Bausoldateneinheiten vom 10.1.1984. BStU, MfS, HA II/6-1519, S. 1.
16    Vgl. Lippert (siehe Anm. 9), S. 23 f.
17    Der Autor war im Jahre 1967 selbst an der Überführung eines Spitzels beteiligt.
18    Information der HA I über Probleme des Einsatzes der Bausoldaten und der politisch-operativen Situation in diesen Personenkreisen vom 20.2.1981. BStU, MfS, HA I-13455, S. 242.
19    Treffbericht vom 8.5.1974 mit IMV "Johannes". BStU, ASt Frankfurt/O., AIM 1791/80, Bd. I, S. 88.
20    Information vom 10.1.1984 (siehe Anm. 15), S. 41.
21    Koch, Uwe: Das Ministerium für Staatssicherheit, die Wehrdienstverweigerer der DDR und die Bausoldaten der Nationalen Volksarmee. Hrsg. von den Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, November 1997, S. 97 ff.
22    Ein HIM zählte zwar nicht zu den hauptamtlichen Mitarbeitern des MfS, war aber zeitweise für das MfS hauptberuflich und für eine monatliche Vergütung von 1100 Mark und weiteren Zulagen und Versorgungsleistungen für das MfS tätig.
23    Information der HA I vom 10.1.1984 (siehe Anm. 15), , S. 41 ff. Ein HIME entsprach einem HIM für einen besonderen Einsatz.
24    Ebenda, S. 42.
25    Ebenda, S. 46.
26    Ebenda, S. 45.
27    Information der HA I über operativ bedeutsame Aspekte der Wehrdienstverweigerung und die politisch-operative Lage in den Baueinheiten vom 18.8.1989. BStU, MfS, ZAIG 7889, Anlage 1, S. 11.
28    Vgl. Gehrmann, Heinz: Die politisch-operative Absicherung der Bausoldaten der Bausoldateneinheit des Eisenbahnpionierausbildungsregiment 2 Doberlug-Kirchhain. BStU, MfS, JHS 1756/84, Anlage 2, S. 37 f.
29    Hierzu Beitrag Peter Schicketanz in diesem Heft.
30    Vgl. auch OV "Geheimbund", in Koch (siehe Anm. 21), S. 73 ff.
31    Ausarbeitung der HA XX: Rechtliche Grundlagen für den Dienst als Bausoldat in der NVA und ausgewählte politisch-operativ bedeutsame Erscheinungen und Aktivitäten feindlich-negativer Kräfte vom 6.9.1985. BStU, MfS, HA XX/AKG II-104, S. 326.
32    Information der HA I/AKG vom 18.8.1989. BStU, MfS, ZAIG 7889, Anlage 1, S. 11.
33    Vgl. Koch (siehe Anm. 21), S. 72.
34    Vgl. Jürgen Fuchs: Über "Zersetzungsstrategien" als eine spezifische Form des DDR-Terrors. Frankfurter Rundschau 23.4.1997, S. 12 ff.
35    Monatliche Lageeinschätzung der HA XX vom 17.9.1986. BStU, MfS, HA XX/AKG 102, S. 212.
36    Monatliche Lageeinschätzung der HA XX vom 19.11. und Rapportberichterstattung vom 27.11.1987. BStU, MfS, HA XX/AKG 103, S. 287 und 305.


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