Heft 46/2004 | bausoldaten in der ddr | Seite 19 - 20

Peter Schicketanz

Seelsorge an Wehrpflichtigen

Es gibt immer wieder im Leben eines Menschen Konstellationen, für die man überhaupt nichts kann. Für mich gehört dazu die Beschäftigung mit der Friedensfrage und konkret mit den Bausoldaten seit 1965. Bischof D. Johannes Jänicke (1900-1979) hatte auf Wunsch der Kirchenleitung und der Synode der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen in Magdeburg einen hauptamtlichen persönlichen Referenten zugeteilt bekommen. Ich war damals Dorfpfarrer in der Magdeburger Börde, wurde gefragt und habe mich auf das Abenteuer dieses neu geschaffenen Amtes eingelassen. Am 4. Januar 1965 begann ich meinen Dienst. Kurz zuvor hatte Bischof Jänicke von der Ostkirchenkonferenz der Evangelischen Kirchen in der DDR im Dezember den Auftrag erhalten, "einen Arbeitskreis zur innerkirchlichen Klärung der im Zusammenhang mit dem Wehrdienst noch offenen Grundsatzfragen zusammenzuführen".1 Der Erlaß der Anordnung über die Aufstellung von Baueinheiten und die Einberufung der ersten Bausoldaten im November 1964 waren der Anlaß. Diese Aufgabe besprach Jänicke mit mir Anfang Januar 1965: Wer soll in diesem Arbeitskreis mitarbeiten? Die Personalvorschläge kamen natürlich von ihm, ich sollte für die Einladungen und Organisation der Sitzungen sorgen. Viel später erst ist mir klar geworden, welch hohen Vertrauensvorschuß Jänicke in der Konferenz genoß. Entgegen der sonst üblichen Praxis, bei strittigen Themen die Kontrahenten zwecks Suche eines Kompromisses in Arbeitskreisen zusammenzufassen, hatte man Jänicke die Zusammensetzung überlassen. Woher kam dieses hohe Vertrauen? Der damalige Staatssekretär für Kirchenfragen Hans Seigewasser hat einmal zu Jänicke gesagt: "Wir wissen ja, daß Sie seit dem Ersten Weltkrieg Pazifist sind."2 Jänicke war mit schlechtem Gewissen von August 1939 bis Sommer 1940 Gefreiter und im September 1943 Sanitätsunteroffizier in Hitlers Wehrmacht.

Seine ablehnende Haltung zum Wehrdienst und der Aufrüstung in Ost und West hat er als Bischof nie verhehlt. Besonders wichtig ist sein Brief an die Pfarrerschaft vom Dezember 1961 unmittelbar bevor die allgemeine Wehrpflicht in der DDR eingeführt wurde. Darin heißt es: "Daß ich mich ab 1943 von der Artillerie zu den Sanitätern versetzen ließ, um nicht mehr schießen zu müssen, befreit mich nicht von der Schuld der positiven Beteiligung an diesem Kriege. [...] Gott hat die Menschheit und mit ihr die Christenheit an einen Punkt geführt, an dem die heilsame Gewalt der Kriegswaffen endgültig ad absurdum geführt ist und von ihnen nur noch unausdenkbare Zerstörung zu erwarten ist. Sollten sich nicht in dieser Situation die Christen fragen lassen, ob die Verheißungen des Herrn nicht ein besserer Garant des Friedens (in ganz irdischem Sinn!) seien als eine Politik der Stärke - von welcher Seite auch immer – und die gegenseitige Abschreckung durch ein sich ständig steigerndes sogenanntes Rüstungsgleich­gewicht: Die Verheißungen des Herrn, nämlich daß die Sanftmütigen das Erdreich – das Erdreich, nicht das Jenseits! – besitzen werden und daß die Friedensstifter Gottes Kinder heißen? Und das, weil Er, Christus selbst unser Friede ist, nicht nur unser Seelenfriede oder unser Friede mit Gott, sondern auch die Versöhnung der Menschen untereinander! Wenn das wahr ist, daß Christus unser Friede ist, dann weiß ich wirklich nicht, wie man noch mit gutem Gewissen die Waffen tragen kann, die ja morgen schon auf den Bruder gerichtet sein können, für den Christus am Kreuz Frieden gestiftet hat."3

Von seiner Biographie und Grundhaltung her unterschied sich Jänicke deutlich von den meisten Mitbi­schöfen, die in Hitlers Armeen als Offiziere gedient hatten. In den Arbeitskreis wurden nun vorwiegend junge Pfarrer berufen, die in der Nachkriegszeit studiert hatten und einer Remilitarisierung Deutschlands weder im Osten noch im Westen zugeneigt waren. Obendrein waren es in der Hauptsache Pfarrer, die mit der Jugend direkten Kontakt hatten. Ich und die meisten anderen Mitarbeiter, wir wußten uns der Haltung Jänickes innerlich verbunden.

Die Arbeit des Ausschusses vollzog sich im laufenden Kontakt mit den Bausoldaten. Ende Februar 1965 fuhr der Bischof mit mir zu Bausoldaten, die für kurze Zeit in Klostermansfeld tätig waren. Eine wesentliche Rolle spielten die Gerichtsurteile gegen Totalverweigerer und acht Bausoldaten, die im Mai 1965 den Befehl verweigert hatten, militärische Anlagen zu bauen.4 Jänicke besaß das besondere Talent, trotz fehlender gesetzlicher Regelung Wehrdienstverweigerer im Gefängnis zu besuchen. Er meldete sich immer erst einen Tag vorher telegraphisch bei der jeweiligen Haftanstalt an und konnte dann mit dem Betreffenden samt Aufsicht führenden Offizieren sprechen.5 Im April 1966, vor der Einberufung des zweiten Durchganges von Bausoldaten, hatte ich einen Totalver­weigerer in meinem Trabant. Das war meine erste Beratung eines jungen Wehrpflichtigen. Es war der Predigerschüler Günter Haß. Ihn besuchte Bischof Jänicke am 29. November 1966 im Lager Volkstedt bei Eisleben. Zusammen mit dem Chauffeur des Bischofs wartete ich vor dem Lagertor. Jänicke kam überaus zufrieden zurück und äußerte sich sehr anerkennend über die klare und mutige Grundhaltung des inhaftierten Verweigerers und die anerkennende Einschätzung von Haß durch die Offiziere.

Auch die anderen Mitglieder des Arbeitskreises pflegten Kontakte zu Bausoldaten. Konsistorialrat Manfred Stolpe brachte den ersten ordinierten Pfarrer unter den Bausoldaten, Christfried Berger, mit zur Sitzung Anfang Mai 1965 in Berlin. Die Anwesenheit des Prenzlauer Bausoldaten habe ich im Protokoll bewußt verschwiegen, um ihn nicht zu gefährden. Durch diese Basisnähe war sehr klar, daß die Bausoldatenanordnung nicht vollmundig bejaht werden konnte, wie dies im Oktober 1964 kirchlicherseits zum Teil geschehen war. Man erkannte, daß die NVA zwar im praktischen Leben der Bausoldaten keine harte Linie durchsetzen wollte oder konnte, das betraf z.B. die Samstagsarbeit der Adventisten, Eßgewohnheiten oder die Gelöbnisfrage. Andererseits aber war die Armeeführung nicht bereit, beim Einsatz der Baueinheiten an eindeutig militärischen Objekten Zugeständnisse zuzulassen. Die Waffendienstverweigerer erhielten weiterhin Befehle, z.B. Schießplätze zu bauen.

Für die Entstehung der Handreichung war die Klausurtagung des Arbeitskreises im märkischen Buckow vom 20. bis 23. Mai 1965 besonders wichtig. Die Inhaftierung der acht Bausoldaten Anfang Mai wurde ausführlich besprochen. Es herrschte eine intensive Arbeitsatmosphäre. Alle hatten ihre Hausaufgaben gemacht. Die Texte wurden teilweise verworfen, neue formuliert. Dabei wurden auch einige Flaschen des ungarischen Rotweins Stierblut verbraucht. Die letzte Sitzung fand am 24. Juni in Halle statt. In der folgenden Nacht habe ich bis halb vier Uhr morgens unter Berücksichtigung der neuerlichen Änderungswünsche den endgültigen Text der Handreichung zusammengestellt, damit er am nächsten Tag mit nach Berlin zu Stolpe gebracht werden konnte, der die Vervielfältigung für die Konferenz der Kirchenleitungen übernommen hatte. Zwei Tage darauf schrieb ich meinen Eltern zusammenfassend, was ich von meiner bisherigen Tätigkeit beim Bischof hielt: "Die schönste Arbeit dieses halben Jahres war die Tätigkeit im Arbeitskreis für Wehrdienstfragen."

An den weiteren Verhandlungen der Konferenz der Kirchenleitungen, des Redaktionsausschusses, der im Ok­to­ber die Änderungswünsche zu bearbeiten hatte, und der Bischofskonferenz war ich nicht mehr unmittelbar beteiligt. Jänicke erzählte von der Ablehnung der Handreichung durch den Thüringer Bischof Moritz Mitzenheim. Alle anderen Landeskirchen hatten ihr zugestimmt. Jä­nicke war sehr froh, daß die Handreichung angenommen wurde und verteilt werden konnte. In den harten Auseinandersetzungen zwischen dem Staatssekretariat für Kirchenfragen und den evangelischen Bischöfen im Frühjahr 1966 blieb die Mehrzahl der Bischöfe bei der eingeschlagenen Richtung, daß es sich in erster Linie um eine Handreichung zur Seelsorge an Wehrpflichtigen handele. Allen voran stritt der Vorsitzende der Ostkirchenkon­ferenz, Bischof Friedrich-Wilhelm Krummacher aus Greifs­wald, in diesem Sinne. Bischof Jänicke hat sich später gewundert, daß er selbst nicht in diese Gespräche hineingezogen wurde. "Wollte man mich damit verschonen, weil man ein Gespräch mit mir darüber doch für zwecklos hielt? Ich weiß es nicht."6

Die Magdeburger Kirchenleitung empfahl den Kreissynoden für 1966 das Jahresthema "Versöhnung als Gabe und Auftrag der Gemeinde". Ich habe dafür eine Arbeitshilfe geschrieben und den Kirchenkreisen als Rundver­fügung zugestellt. Vielfach wurde ich auch gebeten, das Referat direkt zu halten. So habe ich 1966 in den Kreissynoden Stendal, Burg, Wanzleben, Seehausen, reformierter Kirchenkreis und reformierte Gemeinde Halle ein Referat gehalten, das sehr stark an der Handreichung ausgerichtet war. Beim Thema Erziehung zum Haß in der DDR erwähnte ich, daß im April 1965 bei der Polit­schulung der Dänholmer Einheit ein Bausoldat öffentlich vor den mit anwesenden Baupionieren7 erklärt hatte: "Wer Haß sät, will Krieg." Das verursachte so große Aufregung, daß aus Berlin Offiziere anreisten. Diese und andere Vorkommnisse führten dazu, daß der Politunterricht der Bausoldaten getrennt von den Baupionieren durchgeführt wurde, später unterblieb er weitgehend. In meinen Stasiunterlagen fiel mir auf, daß über keines dieser Referate IM‘s Meldung gemacht haben – im Gegensatz zu anderen Themen und Gelegenheiten. Alle Mitarbeiter des Arbeitskreises haben im Sinne der Handreichung junge Menschen ähnlich beraten und begleitet sowie referiert. Die uneinheitliche Haltung der Kirchenleitungen in der DDR zur Handreichung führte jedoch dazu, daß ihre Verbreitung unterschiedlich war. Von einer durchschlagenden Wirkung kann keine Rede sein. Das MfS hat im Sommer 1966 eine umfassende Analyse bei seinen Bezirksverwaltungen durchgeführt. Die aufgefundenen Berichte aus 14 Bezirken zeigen ziemlich klar, daß mit der Handreichung nur vereinzelt konkret gearbeitet wurde.8 Auch wurde die Anzahl der Bausoldaten und Totalverweigerer in den Jahren nach 1966 nicht größer – allerdings auch nicht geringer.

Von der kurzzeitigen, sehr begrenzten Auswirkung der Handreichung ist allerdings ihre Langzeitwirkung zu unterscheiden. Als Ende der 70er Jahre mit der Einführung des Wehrkundeunterrichtes in den Schulen und der Aufrüstung insgesamt die Forderung nach Einrichtung eines echten Sozialen Friedensdienstes erhoben wurde, griff man auf die Handreichung zurück. Sie wurde vom Arbeitskreis Frieden beim Jungmännerwerk und von der Kommission für Jugendarbeit beim Bund der Evangelischen Kirchen überarbeitet und verbreitet. Die Zahl der Bausoldaten stieg in diesen Jahren deutlich an. Vor allem zeigte sich in den 80er Jahren, daß es nicht um die isolierte Fragestellung der Wehrpflichtigen allein geht, sondern um die Fragen der Erziehung zum Frieden in allen Lebensbereichen, vom Kindergarten angefangen bis zu den internationalen Abrüstungsbemühungen. Die Bemühungen vieler Christen, ge­waltfreie politische Strategien zu entwickeln, wie man gesellschaftliche Veränderungen initiieren und verwirklichen kann, ohne bewaffnete Auseinandersetzungen zu provozieren, war eine der wesentlichsten Voraussetzungen für die Revolution der Kerzen im Herbst 1989.9

1    Protokoll der Konferenz vom 2. Dezember 1964.
2    Jänicke, Johannes: Ich konnte dabeisein. Berlin 1984, S. 210.
3    Kirchliches Jahrbuch der EKD 1961 S. 220; auch Jänicke aaO. S. 202 und Eisenfeld, Bernd: Kriegsdienstverweigerung in der DDR – ein Friedensdienst? Frankfurt/Main 1978. Dokument Nr. 6, Bl. 2 und 3.
4    Gottfried Arlt, Otto-Gerhard Büchting, Gunter Fritsch, Hartmut Krienke, Helmut Wolff (Bausoldaten in Prenzlau) sowie Jörg Hildebrandt, Gerhard Mesecke und Horst Müller (Bausoldaten in Stralsund-Dänholm).
5    Jänicke aaO. S. 207 f.
6    Jänicke aaO. S. 210.
7    Baupioniere waren reguläre grundwehrdienstleistende Soldaten.
8    BStU ZA MfS HA XX/4 2777.
9    Der Text ist eine Ergänzung des demnächst im Dresdener Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung erscheinenden Aufsatzes von Dr. Peter Schicketanz über die Handreichung und die staatlichen Reaktionen: "Frieden schaffen ohne Waffen." Die Bausoldaten im Spannungsfeld der SED-Politik 1964-1989.

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