Heft 46/2004 | bausoldaten in der ddr | Seite 34 - 35

Justus Vesting

Arbeiten müssen, wo keiner mehr arbeiten will

Die Arbeitsbedingungen der Bausoldaten in Bitterfeld

 

Als die Leitungskader der Aluminiumwerke im VEB Chemiekombinat Bitterfeld (CKB) im März 1988 feststellten, dass "50-70% der neu zugeführten Arbeitskräfte nach kurzer Zeit wieder weglaufen, weil die Arbeitsbedingungen unzumutbar sind und bis an die Grenze der menschlichen Psyche gehen"2 griff man im CKB auf eine Möglichkeit zurück, die sich schon seit zwei Jahrzehnten bei Strafgefangenen im selben Kombinat bewährt hatte: Zwangsarbeit.
Seit ihrer Aufstellung 1964 waren Bausoldaten zur Arbeit verpflichtet. Dabei waren sie anfänglich hauptsächlich zu Straßen- und Wegebauarbeiten, Beseitigung von militärischen Übungsschäden sowie zu Bauleistun­gen an Armeegebäuden eingesetzt. Auch wenn sie hier vor allem körperliche Arbeit verrichten mussten, ohne die entsprechenden technischen Geräte dafür verwenden zu dürfen, so war dabei für die Bausoldaten nicht die Bedingungen ihrer Arbeit, sondern vielmehr das Objekt ihrer Arbeit problematisch, da auch die Mithilfe beim Bau militärischer Einrichtungen ihrer pazifistischen Einstellung widersprach. Auch aus den 70er Jahren sind keine Klagen über Arbeitsbedingungen von Bausoldaten bekannt, die in diesem Zeitraum vor allem dezentral zu Reinigungs- und Küchen- sowie technischen Hilfsarbei­ten in NVA-Urlaubs- und Erholungsobjekten, Schulungseinrichtungen und in Militärkrankenhäusern eingesetzt waren. Erst mit Beginn der 80er Jahre wurden die Bausoldaten in Industriebetrieben und auf Großbaustellen eingesetzt, um den Arbeitskräftemangel der DDR zu kompensieren. Vor allem in Braunkohletagebauen (Bezirke Leip­zig und Cottbus), in der chemischen Industrie (Bitterfeld, Leuna, Buna, Schwedt), beim Bau des Containerhafens Mukran (Rügen) und bei Gleisausbesserungsarbeiten in Berlin machte man sich die Arbeitskraft der Bausoldaten in großem Umfang zu nutze.3

Die maroden Anlagen der chemischen Industrie bargen dabei die größten Gefahren für die Gesundheit der darin Beschäftigten. Giftige Chemikalien gelangten ungehindert in die Umwelt, die zulässigen Grenzwerte gefährlicher Stoffe waren um ein Vielfaches überschritten, so dass viele Betriebe nur über sogenannte Ausnahmegeneh­migungen weiter arbeiten durften, obwohl selbst deren Grenzwerte teilweise noch überschritten waren. Bausoldaten und reguläre Soldaten wurden in ca. 30 Betrieben unter gesundheitsgefährdenden Bedingungen bzw. in Ge­fah­renbereichen eingesetzt.4 Hierbei lassen sich zwei Tätigkeitsbereiche zusammenfassen: Arbeit in der Produktion und Bau-, Instandhaltungs- und Wartungsarbeiten.

Selbst der so harmlos klingende zweite Bereich barg seine eigenen Tücken und Gefahren, wenn man beispiels­weise in einem chemischen Großkombinat des "sozialistischen Wirtschaftsgebietes" arbeitete. Aus defekten Rohren und Leitungen konnten giftige oder ätzende Chemikalien austreten und dabei vor allem Werksunkundige gefährden. In Buna mussten Bausoldaten vor dem Chlorbetrieb Gräben durch ein mit Quecksilber kontaminiertes Erdreich schaufeln. Andere mussten Altöl oder Industrieschlamm bewegen, Abwässerkanäle saubermachen oder gar Baugerüste an waghalsigen Stellen anbringen. Diese Arbeiten waren körperlich schwer und mussten oft ohne die erforderlichen Arbeitsschutzmittel verrichtet werden.

Gleiches gilt auch für die Arbeiten in der Produktion. Die Bedingungen in den Aluminiumwerken des Bitterfelder Chemiekombinats stellen hierbei wahrscheinlich einen traurigen Höhepunkt dar. Bereits ab 1986 waren Bausoldaten in der Werkstatt der beiden Werke tätig, doch erst ab Juni 1988 wurden sie auch in die Produktion geschickt. Trotz außerordentlicher Gehälter für die Zivilbeschäftigten in den verschiedenen Chemieanlagen, wollten sich immer weniger zur Arbeit in den besonders belasteten Bereichen werben lassen. Deshalb versuchte man ab 1968 den Arbeitskräftemangel durch arbeitsver­pflichtete Strafgefangene aufzufangen, die vor allem in den hochgradig gesundheitsgefährdeten Chlorelektroly­sen tätig waren. Eigentlich wollte man ähnlich auch mit den Aluminiumwerken verfahren, doch aus sicherheitstechnischen Gründen war dies nicht möglich.

Insgesamt wurden also 220 Armeeangehörige in der Aluminiumproduktion eingesetzt, von denen 140 Bausoldaten waren (darunter "ca. 50 Übersiedlungsersu­chen­de"5, wie das MfS konstatierte). Dass auch die Alumi­ni­umwerke hochgradig belastet war, zeigt der gleiche Bericht des MfS: "Die arbeitshygienische Situation in diesen Produktionsbereichen ist durch Überschreitungen der MAK-Werte teilweise bis zum 5-fachen des zulässigen Höchstwertes bei Fluor/Fluorkohlenwasserstoffen, Kohlenmonoxid, Staub, Lärm und Teilkörpervibrationen gekennzeichnet. Alle bisherigen technischen und organisatorischen Maßnahmen führten nicht zu Arbeitsbedin­gungen, die Gesundheitsschädigungen ausschließen. Die hohe Anzahl der anerkannten Berufserkrankungen, der schlechte Gesundheitszustand sowie der hohe Krankenstand unter der Belegschaft sind Ausdruck der gesund­heitsschädigenden Belastung der Werktätigen."6

Bei der Aluminiumgewinnung mit Hilfe eines Elektro­ly­severfahrens wird u.a. Fluor freigesetzt, was bei zu hohen Mengen zu der gefährlichen Knochen- und Gelenkkrankheit Fluorose führen kann. Die Bausoldaten konnten an ihren teilweise durch Verwachsungen gekennzeichneten Zivilkollegen die Auswirkungen dieser Krankheit mit eigenen Augen sehen. Ferner lag überall in den Hallen, in denen die Elektrolyseöfen standen, feiner Tonerdestaub herum. Die Temperaturen in den Hallen betrugen zwischen 60-70 Grad. Ihre Arbeit mussten die Bausoldaten teilweise an oder sogar auf den Öfen verrichten, so dass sie ständig Gefahr liefen, Spritzer flüssigen Aluminiums abzubekommen oder gar in die Schmelze hineinzufallen. Außerdem mussten die Bausoldaten genau aufpassen, dass sie bei der 30-40.000 Ampere Anlage keinen Stromschlag bekamen.

Die Arbeitsschutzmittel waren dürftig. So gab es z.B. Staubschutzmasken, deren Filter nie gewechselt wurde und die mit einer Nasenklemme versehen war, so dass man acht Stunden unter großer Hitze mit zugeklemmter Nase hätte arbeiten müssen. Gegen die Fluorose sollten die Bausoldaten Apfelsaft trinken. Nach unzähligen Eingaben der Bausoldaten und Interventionen seitens der Kir­chen­leitung der Kirchenprovinz Sachsen wurden die Probleme vor allem finanziell "gelöst": die Bitterfelder Bausoldaten waren die einzigen in der NVA, die Sondervergünstigungen erhielten, in Form von Zuschlägen und vor allem Sonderurlauben.

Dass Bitterfeld kein Einzelfall ist, zeigt auch das Beispiel der Chemiefaserproduktion im Fotochemischen Kombinat Wolfen, wo Bausoldaten noch im November 1989 an den damaligen Ministerratsvorsitzenden Modrow wegen ihrer katastrophalen Arbeitsbedingungen intervenierten.7

Diese neue Form des Einsatzes von Bausoldaten in der Produktion war also eine ideale Möglichkeit, um die Bausoldaten "besser als bisher mit schwerer körperlicher Arbeit an Schwerpunktobjekten auszulasten, so dass insbe­sondere dadurch die bisherige ›Lukrativität‹ des Bausol­datendienstes, resultierend aus den Vorzügen und Bequemlichkeiten gegenüber den Soldaten, die den Wehrdienst mit Waffe leisteten, wegfällt, was eine weitere Möglichkeit darstellt, die Zahl der Verweigerungen zurückzudrängen."8 Neben dem Aspekt der Abschreckung bot dieser Einsatz eine Möglichkeit, die als politische "Gegner" und "Konterrevolutionäre" betrachteten Bausoldaten in die besonders gefährdeten Bereiche der chemischen Produktion zu stecken, um somit ökonomischen Nutzen aus ihnen zu ziehen und die zivilen Betriebsangehörigen, aber auch regulären Wehrdienstleistenden zu schonen. Schließlich konnten sich die Bausoldaten dieser Form von Zwangsarbeit nicht erwehren, da Arbeitspflicht bestand und Arbeitsverweigerung wie Befehlsverweigerung, d.h. im schlimmsten Fall mit einer Gefängnisstrafe, geahndet wurde.

Justus Vesting, geboren 1978 in Halle (Saale), seit 2000 Student der Geschichte, Philosophie und evangelischen  Theologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wit­ten­berg, zur Zeit beteiligt an der Erarbeitung der neuen Dauerausstellung in der Gedenkstätte "Roter Ochse" in Halle (Saale).

1    Dieser Artikel ist eine Zusammenfassung von Justus Vesting: "Mit dem Mut zum gesunden Risiko". Die Arbeitsbedingungen von Strafgefangenen und Bausoldaten in den Betrieben der Region Bitterfeld, Buna und Leuna unter besonderer Berücksichtigung des VEB Chemiekombinat Bitterfeld, Magdeburg 2003. Diese Broschüre kann kostenlos bei der Landesbeauftragten für Stasiunterlagen in Magdeburg unter Tel. 0391-5675051 bestellt werden.
2    Objektdienststelle CKB: Reaktionen von Leitungskadern und Beschäftigten zur Situation in der Aluminiumelektrolyse I (23.3.1988), BStU, ASt Halle, AKG, Sachakte 1883, Bl. 237-238.
3    Vgl. Uwe Koch: Die Baueinheiten der Nationalen Volksarmee der DDR – Einrichtung, Entwicklung und Bedeutung, in: Machtstrukturen und Entscheidungsmechanismen im SED-Staat und die Frage der Verantwortung (Band II/3), Materialien der Enquete-Kommission "Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland" (12. Wahlperiode des Deutschen Bundestages) hrsg. vom Deutschen Bundestag, Baden-Baden 1995, S. 1835-1899.
4    Vgl. Kollegiumsvorlage Nr. 3/89: Bericht über den Einsatz von Kräften und Mitteln der NVA und der Grenztruppen der DDR in der Volkswirtschaft sowie Schlussfolgerungen und Aufgaben (21.02.1989), Bundesarchiv, Militärarchiv Freiburg i.Br., DVW 1/ 55657, Bl. 115.
5    Ministerium für Staatsicherheit, Bezirksverwaltung Halle: Information über die Situation bei der Aluminiumproduktion im VEB Chemiekombinat Bitterfeld (26.7.1988), BStU, ASt Halle, AKG, Sachakte 2096, Bl. 127.
6    Ebd. Bl. 126 (MAK = Maximale Arbeitsplatzkonzentration eines Stoffes am Arbeitsplatz).
7    Vgl. Brief an den Vorsitzenden des Ministerrat der DDR Dr. Hans Modrow (16.11.1989), veröffentlicht auf: www.archiv-buergerbewegung.de/Texte/Baus_projekt_eingabe.htm (Stand: 2.5.2004).
8    BStU, MfS HA I, Nr. 13296, Bl. 27.

 

 

 

 

 

 

 

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