Heft 46/2004 | bausoldaten in der ddr | Seite 51 - 52

Jürgen Miermeister

Christ und Rebell: Rudi Dutschke

"Schon sehr früh sah ich die Schrecken des Krieges. Ich hörte, dass mein Onkel bei Maikop durch einen Volltreffer in seinem Panzer ums Leben gekommen war. Die Benachrichtigung darüber sagte aus: ›Gefallen für Führer und Reich‹. Was uns dieser Führer und dieses Reich gebracht haben, sehen wir erst heute, da an eine Einheit Deutschlands noch nicht wieder zu denken ist. Es soll nicht noch einmal heißen ›gefallen‹. Meine Mutter hat uns vier Söhne nicht für den Krieg geboren. Wir hassen den Krieg und wollen den Frieden. Wenn ich auch an Gott glaube und nicht zur Volksarmee gehe, so glaube ich dennoch, ein guter Sozialist zu sein."

Dies schrieb Rudi Dutschke im Februar 1958, kurz vor seinem 18. Geburtstag, an den Genossen Direktor der Gerhart-Hauptmann-Oberschule.

Der Schüler Dutschke, rühriges Mitglied der christlichen "Jungen Gemeinde" in Luckenwalde, doch zugleich – "ohne die richtige Überzeugung zu haben" – Mitglied der FDJ, war den SED-Genossen unangenehm aufgefallen durch pazifistische Gedanken, die er auch noch offen und öffentlich formulierte. Gegen die dringende Empfehlung der Freien Deutschen Jugend, nicht an der kirchlichen Konfirmation, sondern nur an der staatlichen Jugendweihe teilzunehmen, hatte er protestiert.
Obschon der Schüler Dutschke bereit war, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist, wollte er im Konfliktfall doch stets Gott geben, was Gottes ist.

Denn die tiefe protestantische Frömmigkeit seiner Mut­ter Elsbeth war auch für das Kind – wie später für den Jugendlichen, den studentischen Berufsrevolutionär und den promovierten marxistischen Sozialforscher bis zu seinem frühen tragischen Tod – etwas ganz Natürliches, ganz Normales, besonders in Not­zeiten. "Mit dem Beten begann ich schon in den vierziger Jahren. Und als die Bomben fielen, hatte ich dazu, wie viele andere, durchaus Gründe."

Aus Rudi Dutschkes christlicher Scham über die Schrecken des Zweiten Weltkrieges und die Hölle der deutschen Konzentrationslager erwuchs eine klare pazifistische Haltung, die von Kriegsende bis in die frühen 50er Jahre auch die Philosophie aller Deutschen war: "Nie wieder Krieg!", "Niemals wieder eine Waffe in eines Deutschen Hand!", "Nie wieder soll eine deutsche Mutter ihren Sohn beweinen müssen!"

Und auch in den ersten Jahren nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der DDR, 1949, beide Staaten hatten ja zunächst keine eigenen Armeen, war die große Mehrheit der Deutschen in Ost und West trotz des beginnenden Kalten Krieges gegen die Gefahren einer neuen Militarisierung, eines möglichen neuen heißen Krieges.

So hatte auch der Schüler Rudi D. im Brandenburgischen Luckenwalde, etwa fünfzig Kilometer von Berlin gelegen, Antikriegs-Gedichte gelernt und zusammen mit pazifistischen Lehrern und Mitschülern kritische Literatur gegen Waffen, Bewaffnung und Kriege allgemein gelesen, ja Kriegsspielzeug und alte Landser-Heftchen auf den Müll geworfen.

Umso empörter ist Rudi Dutschke, wir sind zurück im Jahre 1958, als vor allem der Direktor seiner Schule, eilfertig der neuen Linie der herrschenden SED folgend, hart mit potentiellen Wehrdienstverweigerern ins Gericht geht und von allen Schülern verlangt, nach dem Abitur den freiwilligen Dienst in der Nationalen Volksarmee anzutreten.
Und auf einer Schülervollversammlung der oberen Klassen, die nicht zuletzt des rebellischen jungen Christen Rudi Dutschke wegen einberufen wird, hält er seine erste große Rede.

Gut zwanzig Jahre später wird Rudolf Augstein dem toten Agitator der Revolte von 1968 nachrufen: "Er war ein Redner, wie es außer Strauß und Wehner in Deutschland nach 1945 keinen mehr gegeben hat. Im Gegensatz zu diesen beiden aber kein Pragmatiker."

Seine Premiere als öffentlicher Redner in der Aula der Luckenwalder Oberschule, die inzwischen Lenins Namen trug, erinnert er im April 1968, wenige Tage vor dem Revolverattentat auf ihn, so: "Ich bekannte mich zur Wiedervereinigung, bekannte mich zum Sozialismus, aber nicht zu dem Sozialismus, wie er betrieben wurde, und sprach mich gegen den Eintritt in die Nationale Volksarmee aus. Ich war nicht bereit, in einer Armee zu dienen, die die Pflicht  haben könnte, auf eine andere deutsche Armee zu schießen, in einer Bürgerkriegsarmee, und zwar in zwei deutschen Staaten, ohne wirkliche Selbständigkeit auf beiden Seiten. Das lehnte ich ab."

Rudi Dutschke durfte sich damals über den Beifall von etwa 150 Schülerinnen und Schülern freuen. "Aber meine bewiesene Fähigkeit zur Rhetorik und Argumentation sollte mir schlecht bekommen." Seine Erinnerung an die gemeinsam gelernten pazifistischen Gedichte, an die gemeinsame Ächtung des Militarismus wurde ihm nun als mangelnder Patriotismus, seine Verweigerung des NVA-Dienstes als falschverstandener Pazifismus und unakzeptables inaktives Verhalten in der sozialistischen Gesellschaft vorgeworfen.1

Bestraft wurde der christliche Rebell mit einem Abiturzeugnis, in dem nicht nur die Gesamtnote des fleißigen, guten Schülers schlecht ausfiel, sondern die angebliche "gesellschaftlich inaktive Haltung" angeprangert war.

Der Traum vom Studium an der Hochschule für Sport­journalistik in Leipzig war damit ausgeträumt."Ich konnte es dem ›Marxismus-Leninismus‹ – Repräsentanten nicht vergessen!"Und so wird ihn diese Ungerechtigkeit, diese Demütigung, diese Enttäuschung, dieses Staunen darüber, warum der sogenannte reale Sozialismus so wenig mit dem von Marx und dem von ihm selbst erträumten zu tun hat, sein kurzes Leben lang begleiten.

Überhaupt wird ihn die DDR, die er nur wenige Tage vor dem Bau der Berliner Mauer verlassen wird, um in Westberlin das "Westabitur" abzulegen, das für ein Studium im Westen nötig war, nicht mehr loslassen. Immer von neuem, allen Risiken und der strikten Beobachtung durch die Staatssicherheit zum Trotz, wird es ihn in diese Landschaft ziehen, nicht nur der Freunde und der Familie wegen, die er 1961 zurücklassen musste.

Er wird sich streiten mit dieser DDR, mit diesem Staat wie mit einer Person, wie mit einem Vater, den man liebt und hasst. "Noch im Zorn verlangen sie das Gespräch", notierte Uwe Johnson über diese deutsch-deutsch Verwundeten – er war selbst einer und zerbrach nicht zuletzt daran.Rudi Dutschke wird – trotz gelegentlicher Beteuerungen – die DDR als politisches Phänomen, als gescheiterter Sozialismusversuch nie gleichgültig sein. Sie hockt dem christlichen Sozialisten im Schädel, wennschon wesentlich als Ort von Leiderfahrung. "In der DDR ist alles real, bloß nicht der Sozialismus." Doch sieht er in der Bundesrepublik der 70er Jahre nicht die wirkliche Alternative: dort sei alles real, bloß nicht Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, bloß keine reale Demokratie.

Und so träumt der im Westen lebende Ostler nicht zufällig sehr früh als fast einziger Linksdenker von einer deutschen Wiedervereinigung, stellt radikal bis zu seinem Tod am 24. Dezember 1979, dem Geburtstagsfest seines revolutionären Idols Jesus Christus, die DEUTSCHE FRA­GE, deren wunderbare Beantwortung er auf Erden nicht mehr miterleben und mitgestalten durfte – vielleicht jedoch, so ich der kleinen Tochter eines Freundes vertraue, vom Himmel her die wiedergewonnene Einheit und Freiheit seines Vaterlandes krrritisch-solidarrrisch2 beobachtet. "Ich glaube, da ich ein bisschen fromm bin, dass Gott Rudi hat sterben lassen, weil es ihm auf der Erde zu schlecht ging. Im Himmel hat er bestimmt ein eigenes Büro und die Engel werden ihm immer bei allem helfen."
Wo immer Rudi Dutschke auch sein mag – sein Grab findet sich auf dem St. Annen-Friedhof in Berlin-Dahlem, sehr nahe der Grabstätte unserer gemeinsamen Freunde Brigitte und Helmut Gollwitzer.

Anfang Januar 1980 hatte der berühmte, mutige Theologe und Pfarrer Gollwitzer eine tief berührende Grabrede auf seinen toten Freund gehalten, der mit aller Kraft, Leidenschaft und Phantasie für den Frieden auf Erden gekämpft hat: "Für ihn galt, was Che Guevara im Abschiedsbrief an seine Eltern von sich sagt: er war einer von denen, die ihre Haut hinhalten, um ihre Wahrheiten zu beweisen."

Jürgen Miermeister, Filmemacher, Schriftsteller, Kul­tur­redakteur des ZDF/3sat, wurde 1943 in Radebeul/Dresden geboren, wuchs im oberfränkischen Röslau auf, studierte in Erlangen/Nürnberg und Westberlin u.a. Philosophie, Publizistik, Literatur- und Theaterwissenschaft.
Ver­öffentlichung zahlreicher essayistischer und literarischer Bücher und Artikel in Zeitungen und Zeitschriften , u.a. in: Freibeuter und Neue Zürcher Zeitung.Veröffentlichungen: Rudi Dutschke, Bildmonographie, Rowohlt, Reinbek 1986 (6. Auflage 2003); Ernst Bloch/Rudi Dutschke, Duographie, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 1996 (2. Auflage 1998); Berlin: Anleitungen zum Umgang mit einer Riesin, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2001; Hinweise auf seine filmischen Künst­ler- und Schriftsteller-Portraits sowie weitere Bücher sind auf seiner Website zu finden: www.juergen­miermeister.de

1    Diese Begebenheit habe ich dem Buch von Ulrich Chaussy (Die drei Leben des Rudi Dutschke, Darmstadt 1983) entnommen.
2    Ich hoffe der Leser hört hier den Tonfall von Rudi Dutschke.

 

 

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