Heft 46/2004 | Rezensionen | Seite 90 - 91

Katharina Gajdukowa

Die Partei, die kleine Kinder groß macht

Die Journalistin Barbara Felsmann legt mit diesem Buch eine von der Hans Böckler Stiftung finanzierte Zeit­­­ge­schichtsdokumentation vor, mit der die bisher kaum beachteten Erfahrungen der Pionier-Zeit für die politische Kindheitssozialisation dokumentiert werden sollen. Neben um­fangreichen Bild- und Textdokumen­ten wie Zigarettenbildern, dem Statut und einem Pioniergruppentagebuch findet sich im Anhang eine Chronologie der Pionierorganisation der DDR. Letztere ist allerdings dem Handbuch für Freundschaftspionierleiter entnommen und weist damit auf das ge­schichtspolitische Manko dieses Buches hin. Keines der siebzehn von Felsmann geführten Interviews wird historisch kontextualisiert, ebenso we­nig wie es Hinweise auf die Inter­pretationskriterien für die abgedruckten Interviews gibt. Sowohl die Auswahl der Interviewpartner, die Interviewführung, die Interviewsituation und last but not least die Transkription sind Interpretationen, d.h. subjektive Lesarten eines Themas. Gewinnen könnten die Interviews durch eine Reportageform, durch das Beschreiben der Beobachtungen, die Barbara Felsmann bei den Interviews gemacht hat, das Nachvollziehen der Interviewsituation. So bleiben die Texte als Materialsammlung zu sehr im leeren Raum stehen, denn trotz der beigefügten Dokumente wünscht man sich als Leser doch ein paar Hinweise, die die Bedeutung der Interview-Äußerungen erklären.

Der unkommentierte Abdruck von durchaus interessanten Interviews war für die klar eingegrenzte Milieustudie Prenzlauer Berg1 angebracht und bezog daraus seine Spannung. Bei einem Herrschaftsinstrument jedoch wie der politischen Kinder- und Jugendarbeit stolpert man sofort über die fehlende analytische Einbindung der Zeit­zeu­gendokumentation sowie die Vermeidung der Darstellung der Positionierung der Autorin. Einen Hinweis auf die Positionierung gibt im Geleittext Klaus-Dieter Felsmann: "Das Gute meinend wurde so das Böse an der Macht gehalten." (S. 15) Dies kommt praktisch einer Verharmlosung des Charakters der Organisation gleich, und findet sich so allerdings nur in wenigen der Interviews wieder. Barbara Felsmanns Anliegen ist es, ein breites Spektrum der Erfahrungen mit den Jungen Pionieren abzubilden, und die Prägungen aus dieser Zeit für das spätere Leben festzuhalten. Das ist ihr auch gelungen – allerdings mit den vorher genannten methodischen Abstrichen. Be­sonders im Gedächtnis bleiben die zahlreichen Brüche in den Erfahrungsberichten, die auf die mitunter ausweglos erscheinende Konflikthaftigkeit von kindlicher politischer Sozialisation hinweisen.

Die biografische Kontextualisierungen der Berichte zeigen, dass das Pioniersein ein fester Bestandteil von Kindheit in der DDR gewesen ist. Das Buch macht die breite Palette möglicher Erfahrungen mit den Pionieren nachvollziehbar. Felsmann befragt Funktionäre und Pio­nierleiterinnen, sowie ehemalige Pioniere und auch Personen, die sich dem Gruppenzwang zu entziehen versuchten. Es gibt einige  Berichte von Pionieren, die in den frühen Jahren der DDR heimlich und gegen den Willen ihrer Eltern Pioniere wurden.

Ein begeistertes Mitglied des Pionier-Kabaretts Blaue Blitze war Carmen Maja-Antoni. Das Interview mit ihr wird begleitet von Originaltexten dieses politischen Kinder-Kabaretts. Katja Lange-Müller gehört zu den wenigen Pionieren, die die Herkunft des Lieds vom Kleinen Trompeters als SA Lied kennen – von ihrer Oma. " [...] beim ›Kleinen Trompeter‹ habe ich nicht geweint, ich wusste einfach zu viel darüber." (S. 127). Der Originaltext geht auf ein Soldatenlied des 1. Weltkriegs zurück und lautete im Liederbuch der SA (S.322): "Von all unsern Kameraden / war keiner so lieb und so gut / wie unser Sturmführer Wessel / ein lustiges Hakenkreuzlerblut..." Die Interviews mit dem ehemaligen Funktionären Wilfried Poßner, dem letzten Pionier-Chef der DDR, und dem westdeutschen Pionierarbeiter und guten Freund Margot Honeckers, Manf­red Kapluck, zeigen dagegen ein pausbäckiges Verhältnis zur eigenen Vergangenheit, das sich durch zahlreiche Dankesbriefe von Pionieren zu legitimieren versucht.

Die Erlebnisgeschichten im Buch sind immer wieder von Disziplinierungsgeschichten durchzogen: Die Teilnahme an den Pionierlagern schildern die Interviewten in der Regel als erlebnisreich, aber auch als militärisch straff organisiert. Die Kinder wurden in den organisatorischen Ablauf des Pionierlebens eingebunden, in den Lagern wie an der Schule. Diese Elemente der Kinderarbeit trugen dazu bei, dass sich die Kinder als kleine Erwachsene fühlen konnten, sie wurden wichtig genommen, allerdings auch dann, wenn sie sich verweigerten. "Dass man eine Verantwortung hat. Also dass man als jemand zählt. Und auch, dass man als Pionier den Kommunismus unterstützt." (S. 24) Resümiert wird zum jährlichen Manöver Schneeflocke: "Es lief vielleicht unter einem falschen Namen, aber die Sache an sich hat Spaß gemacht." (S. 188) Deutlich wird, dass über die Erlebnispädagogik die Kinder in die Regeln der Hierarchie eingeübt und spielerisch an das Ziel Leistung herangeführt werden sollten. Das vermittelten auch die Patenbrigaden und die Lernpaten­schaften: "...dass man manchmal die Leute ein bisschen schubsen und zu ihrem Glück zwingen muss." (83) Das "Immer bereit" war die Umschreibung für ein Immer-Beschäftigt-Sein: neben der alltäglichen gegenseitigen Indoktrinierung zählten dazu die Arbeitsgemeinschaften und Altstoffsammlungen. Die geordnete Hierarchie begann mit dem 13. Dezember jedes Jahr für jede erste Klasse neu: Mit der Pionieraufnahme begann die Zeit ständiger Kontrolle, die mit Lob und Tadel arbeitete. Die Pionier-Appelle mussten auch von Nicht-Pioniere mitgemacht werden (S. 96), so wie die Parteilehrjahre auch von parteilosen Lehren besucht werden mussten (S. 43, 159).

Zugespitzt könnte man formulieren, dass Diktaturen nicht funktionieren, wenn sie keine Kinder- und Jugendarbeit aufbauen und instrumentalisieren und über diesen Weg die Elternhäuser beeinflussen. Das Private – die Kindheit – wird politisch. Die Hierarchie dient dem Heranziehen und Üben von Eliten ebenso wie dem Üben von Disziplin und williger Leistungserfüllung. Die Unifor­mierung bringt ein Zugehörigkeitsgefühl und eine persönliche Aufwertung mit sich. Im Unterschied zur Hitlerjugend war die Pionierorganisation strukturell und personell in die Schule eingebunden.3 Die Aneignung von Wissen konzentrierte sich allerdings auf die Naturwissenschaften. Diese wurden ebenso wie der Sport leistungsorientiert betrieben.

Felsmann bestätigt das bereits von Leonore Ansorg4 vermutete individuelle Ausbrechen aus den vorgegebenen Erziehungsaufträgen. Ihre Berichte zeigen, welche Konsequenzen dies auf der lebensweltlichen Ebene hatte, während Ansorg die Ziele und Funktionen der politischen Organisation Junge Pioniere untersucht. Eine analytische Studie, die die engen Grenzen der Makro- wie der Mikroebene überschreitet, d.h. eine Beschreibung der Mesoebene – die Analyse der  Wechselwirkungen von Individuum und Institutionen – steht noch aus. Interessant ist die Differenz der beiden Autorinnen in Bezug auf die politische Bewertung der Jungen Pioniere: Während Ansorg die Erfolglosigkeit des Pioniermodells gerade mit dem Zusammenbruch des Systems begründet, kann man bei Felsmann herauslesen, dass das System gerade wegen der politischen Kindheitssozialisation gestürzt worden sei. Die Sozialisation zu kritischen und politischen Menschen bekam eine Eigendynamik, wenn die DDR an ihren eigenen Maßstäben gemessen und damit abgeschafft wurde.  

1    Felsmann, Barbara/ Gröschner, Annett: Durchgangszimmer Prenz­lauer Berg. Eine Berliner Künstlersozialgeschichte in Selbstauskünften, Berlin, 1999.
2    Zitiert aus: Zigarren. Programmheft des Berliner Ensembles, Nr. 21, Berlin, 2001
3    Vgl. Ansorg, Leonore: Kinder im Klassenkampf. Die Geschichte der Pionierorganisation von 1948 bis Ende der fünziger Jahre, Akademie Verlag, Berlin, 1997, S. 207
4    Ebd.

Barbara Felsmann: »Beim Kleinen Trompeter habe ich immer geweint. Kindheit in der DDR – Erinnerungen an die Jungen Pioniere«, Lukas Verlag, Berlin 2003, ISBN 393183 655X, 375 Seiten, 19,80 €.

Alle Artikel können auch als PDF runtergeladen werden. Es handelt sich um Auszüge aus dem jeweiligen Heft. Die Fotos werden aus urheberrechtlichen Gründen nicht abgebildet.

Diesen Artikel als PDF runterladen          Acrobat Reader 8.1 runterladen