HEFT 03/2004 | Editorial | SEITE 81

 

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

es ist nun wohl schon zwei Jahre her, daß mir Karl-Adolf Zech von seinem höchst arbeitsaufwendigen Vorhaben erzählte, anhand von Akten und Zeitzeugenberichten die Geschichte der Hallenser ABF II, deren Absolvent er war, aufzuarbeiten. Und zwar weniger als Bildungsgeschichte im engeren Sinne, als Geschichte von Lerninhalten, Lehrmethoden und Schulstrukturen, sondern vor allem als Geschichte von politischen Auseinandersetzungen, von disziplinierenden Repressionen und insbesondere von Eingriffen des MfS. Für unsere Redaktion war das ein Anlaß, sich des Themas "Konflikte im und mit dem DDR-Schulwesen" anzunehmen. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht die Konflikte zwischen Staat und Schülern – hierzu liegen bereits etliche Publikationen vor. Vielmehr folgen dem einleitenden Text Gerd Geißlers, der das DDR-Schulsystem in den Zusammenhang der deutschen Schul­geschichte seit dem Ende des 19. Jahrhunderts stellt, Berichte von Lehrern und über Lehrer, die in den 50er und 60er Jahren mit staatlichen Vorgaben in Konflikt geraten sind. Oft, wenn auch nicht immer, verband sich bei ihnen die Abwendung vom politisch Konformen mit einer Kritik an der herkömmlichen, autoritären pädagogischen Praxis. In besonderem Maße gilt das für die in Frank Wernick-Ottos Beitrag vorgestellten Basisinitiativen, die sich in den 80er Jahren kritisch mit der hiesigen Schulpraxis beschäftigt haben. Eine der einhellig und immer wieder kritisierten Tendenzen, die Militarisierung des DDR-Schulwesens, wird im Aufsatz Christian Sachses analysiert.

Daß in einem politischen System, das wie kaum ein zweites auf Volkserziehung im weitesten Sinne des Wortes setzte, die Erzieher selbst penibler Kontrolle durch die Machthaber unterlagen und Abweichungen von den politischen Normen streng geahndet wurden, kann nicht verwundern und kommt in vielen der hier versammelten Texte zum Ausdruck. Welche Rolle das MfS bei der Überwachung des DDR-Schulwesens spielte, wird auf allgemeinere Weise in Ulrich Wiegmanns Beitrag deutlich, konkret, am Beispiel der ABF II, in dem Karl-Adolf Zechs. Die Herrschaftspraxis des Ministeriums für Volksbildung zu untersuchen, des Hauptverantwortlichen für die Diszipli­nierungen in diesem Bereich, war uns allein schon aus Platzgründen nicht möglich. Einen Einblick in diese Praxis bietet die von Gerd Geißler und anderen herausgegebene umfängliche Dokumentensammlung "Schule: Streng vertraulich".

Auf das Hauptthema des vorigen Heftes, "Bausoldaten / Wehrdienstverweigerung", kommen wir mit der Pro­sa­­arbeit Mathias Tietkes zurück; für die kommende Nummer ist zudem ein Aufsatz Christian Halbrocks über Total­verweigerer in der DDR vorgesehen. Der Autor spricht hierüber auch auf einer Veranstaltung des Bürgerkomi­tees "15. Januar" e.V. (siehe Veranstaltungshinweise S. 69). Wie einer redaktionellen Stellungnahme im letzten Heft zu entnehmen war, sind zu einigen der Texte über den antikommunistischen bewaffneten Widerstand in Osteu­ropa, die wir in der Nummer 45 veröffentlicht haben, kritische Stellungnahmen eingegangen. Drei davon sind zusammen mit den Antworten kritisierter AutorInnen hier nachzulesen. Im gleichen Heft war erstmals die Rubrik "Neuerscheinungen" zu finden, eine Bibliographie von Veröffentlichungen zu jenen Themenbereichen, denen wir uns in dieser Zeitschrift widmen. Sie soll zur ständigen Einrichtung werden.

Im Namen der Redaktion
Erhard Weinholz


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