Heft 47/2004 | ddr - schulkonflikte | Seite 7 - 13

Kerstin Wappler

"Es war so eine Art Wunschtraum, der ganz schnell geplatzt ist"

Die Juniereignisse 1953 im lebensgeschichtlichen Kontext zweier christlicher Lehrer

Die bundesrepublikanische Literatur seit den sechziger Jahren charakterisierte den Aufstand des 17. Juni 1953 vor allem als "proletarische Erhebung".1 Die wenigen im Be­wußt­sein der Deutschen bewahrten Bilder protestierender Arbeiter in der Berliner Stalinallee verfestigten diese Auffassung. Neuere Forschungen haben jedoch gezeigt, daß Aufständische aus nahezu allen Bevölkerungsgrup­pen beteiligt waren, so daß nun meist von einem "Volksaufstand" die Rede ist.2 Unter den Akademikern nahm besonders die technische Intelligenz eine führende Rolle ein.3  Während sich, so Hubertus Knabe, Akademiker "insbesondere im Kultur- und Wissenschaftsbereich, von der Erhebung distanzierten und meist sogar bereitwillig für die Propaganda der SED einspannen ließen, beteiligten sich Studenten, Ärzte oder Lehrer an der Basis durchaus aktiv an den Protesten".4 An vielen Orten kam es "zu Unterrichtsausfällen, die manchmal streikähnlichen Charakter trugen"5. Immerhin rund zehn Prozent aller Lehrer seien zwischen dem 17. und 19. Juni nicht zum Unterricht erschienen. Andere hätten sich passiv verhalten und – wie im Nach­hinein von der SED gerügt – ihre Schüler nicht daran gehindert, sich den Protesten anzuschließen. In einigen Städten übernahmen Lehrer auch Verantwortung für weiterführende Maßnahmen. So setzten etwa Görlitzer Lehrer ihren Studiendirektor6 ab und stellten einen Forde­rungskatalog auf, der u. a. die "Einsetzung einer neuen Schulleitung" und die "freie Ausübung des Religionsunterrichts" verlangte. In Bitterfeld gehörte der Lehrer WILHELM FIEBELKORN zum überbetrieblichen Streikkomi­tee.7

Daß sich ein relativ hoher Prozentsatz der Lehrerschaft am Aufstand beteiligte bzw. ihm sympathisierend gegenüberstand, ist eine durchaus neue Erkenntnis. Noch 1993 war davon ausgegangen worden, daß Lehrer sich "nur vereinzelt zu systemkritischen Äußerungen oder gar zu aktiven Solidaritätsbeweisen mit den Streikenden und Demonstranten" hinreißen ließen. Die meisten seien da­mals "offensichtlich weiter unauffällig ihrer Arbeit [nachgegangen]" und hätten sich abseits gehalten.8

KNABE schließt aus der Beteiligung der Lehrerschaft am Volksaufstand sowie dem Umstand, daß nach den Ereignissen des 17. Juni "eine erhebliche Anzahl von Lehrern" aus der SED austrat, daß ein Großteil der Neulehrer zu diesem Zeitpunkt "politisch noch keineswegs so angepaßt [war] wie in späteren Jahren".9 Neueste Forschungen untermauern diese These. So entsprachen nur die wenigsten der Neulehrer-Aspiranten den Zugangskriterien, wonach die Kandidaten vom "neuen Geist" durchdrungen sein und möglichst aus "den Kreisen der Arbeiter, Bauern, Ange­stellte[n]und andere[r] Werktätige[r]"10 stammen sollten, während auf höhere Schulbildung kein Wert gelegt wurde11. Tatsächlich meldeten sich auf die Werbekampagnen zur Neulehrergewinnung überwiegend Angestellte und Oberschüler, die, da der ursprünglich angestrebte Weg zur Universität oder in Angestelltenberufe in der Zusammenbruchgesellschaft oft versperrt schien, im Lehrerdasein die einzige Möglichkeit sahen, sich eine sozialbiographische Kontinuität zu sichern.12

Dank der noch existenten protestantischen Volkskirche befanden sich unter den Neulehrern zahlreiche Christen. In von starker Volksfrömmigkeit geprägten Gebieten – hier­zu zählen das evangelische mittlere und Westerzgebirge sowie das Gebiet der Sorben und das Obereichsfeld als katholische Territorien – war der Anteil christlicher Neulehrer noch erheblich höher. Das Schreiben eines Gemein­depfarrers an einen Amtskollegen gewährt Einblick in die "Mehrheitsverhältnisse" im Erzgebirge:

"Als nicht unwichtige Nachricht teilen wir Ihnen mit, daß am 5. Januar 1948 der derzeitige Schulleiter unserer Volksschule, Neulehrer G.K. von der Landeskirche abgefallen ist. K. ist 1927 geboren. Abgesehen von der Parallelität der Erscheinungen – z. Zt. der NSDAP trat der damalige Schulleiter Rektor B. ‚selbstverständlich’ aus der Kirche aus – bleibt es damals wie heute wieder eine offene Frage, ob es tragbar ist, daß in einer Stadt, deren Einwohner zu über 90% ev.-luth. sind, der Schulleiter der Schule, in der die Kinder dieser Einwohner erzogen und unterrichtet werden sollen, Dissident ist, also einer verschwindenden Minderheit ganz anderen Geistes angehört."13

Wenngleich die christlichen und teilweise aus "bürgerlichen Verhältnissen" stammenden Schulamtsanwär­ter nicht den Aufnahmekriterien für die Neulehrerkurse entsprachen, sahen die Behörden angesichts des gravierenden Lehrer- und Bewerbermangels zunächst über manche der "Unzulänglichkeiten" hinweg. Da die Neulehrer als Erzieher und zugleich als zu Erziehende galten und überdies die Bewerber häufig in jugendlichem Alter waren, hofften die zuständigen Behörden, ihre "Zöglinge" umerziehen zu können. So auch im Fall zweier bekennend christlicher ehemaliger Neulehrer aus dem mittleren Erzgebirge14, deren Schicksal im folgenden aus biographischer Perspektive exemplarisch dargestellt wird.

ERHARD KADEN, Jahrgang 1920, beabsichtigte nach seiner Entlassung aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft, sein vor dem Krieg begonnenes Maschinenbau-Studium fortzuführen. Dies scheiterte daran, daß die betref­fende Technische Hochschule ihren Betrieb noch nicht wieder aufgenommen hatte. Auf dringende Bitte seiner Mutter hin, die ihren Sohn in räumlicher Nähe wissen wollte, bewarb er sich als Neulehrer. Da ihm der Gedanke, Lehrer ohne Studium zu werden, zunächst fernlag, benahm er sich beim Vorstellungsgespräch nach seinen Worten "baubudenrülpsmäßig", um seine Chancen zu verringern. Möglicherweise begünstigte dieses "unbür­ger­liche" Verhalten jedoch gerade seine Einstellung in den Schuldienst.15 Im Sommer 1946 begann er, an einer Berufsschule zu unterrichten, bevor er Anfang 1947 an der Oberschule seiner erzgebirgischen Heimatstadt als Ma­the­matiklehrer eingestellt wurde.

KLAUS JACOB, Jahrgang 1927, hatte nach seiner Entlassung aus der russischen Kriegsgefangenschaft 1949 zwei Examina in Russisch abgelegt. Daraufhin warb ihn der Kreisschulrat als Neulehrer. Da Jacob "schon immer" hatte Lehrer werden wollen, griff er das Angebot dankbar auf. Nach kurzer Ausbildung begann er, an der Oberschule in B. als Kollege von Kaden Russisch zu unterrichten.

ERHARD KADEN begegnete den neuen Machthabern von vornherein mit Skepsis, hegte jedoch, da der Bevölkerung in der SBZ Demokratie versprochen worden war, zum Zeitpunkt des Eintritts in den Schuldienst zugleich eine gewisse Hoffnung auf freiheitliche Verhältnisse:

"Ich habe das auch mit gutem Gewissen getan, in den Schuldienst zu gehen, weil der Beginn nach 1945, na ja, doch einen gewissen demokratischen Anstrich hatte. Das war aber die raffinierte Politik der Kommunisten, die geben sich immer einen demokratischen Anstrich, solange sie die Macht noch nicht haben. Zwar war hier russische Besatzungszone, aber sie hatten nicht die Bevölkerung hinter sich, nur die Besatzungsmacht, und das war noch ein bißchen zu wenig. Auf jeden Fall gaben sie sich demokratisch und das war auch daran bemerkbar, daß ihr Programm demokratischer war als das der SPD damals. Also, wenn man beides verglich, dachte man also, das ist ja noch ziemlich viel Freiheit, was die bieten, die Kommunisten."

KLAUS JACOB erinnerte sich, nach vier Jahren Gefangenschaft glücklich gewesen zu sein, in die vermeintliche "Freiheit" entlassen zu werden; genaue Vorstellungen, welche Verhältnisse ihn erwarteten, hatte er nicht. Eben­sowenig wußte er, "was Demokratie richtig war".16

"Aber zumindest, man kam, also ich dachte, erst mal kommst du nach Haus, die Nazis sind nicht mehr da, und die Russen sind da, es wird also so ein sozialistischer Mix werden, aber das hat zunächst nicht tief bewegt, muß ich ehrlich sagen. Für mich war das Bewegende, daß ich überhaupt wieder zurückkam aus dem Krieg."

Die rigorosen Beschlüsse des II. Parteitages der SED im September 1947 gegen "feindliche Elemente in der demokratischen Schule" – die Einheitspartei definierte sich seit diesem Zeitpunkt als "führende Kraft" – fanden bald vor Ort ihre Umsetzung. 1948 wurde KADEN ein Direktstudium für das Lehramt verweigert; die Teilnahme an einer Prüfung, die zur Lehre an der Oberstufe berechtigte, wurde ihm aufgrund seiner politischen Einstellung verwehrt. Als besonders schmerzhaft nahm KADEN jedoch die Angriffe auf seine Schüler wahr, deren "hervorragende Einstellung" ihm das Unterrichten leicht gemacht [habe]".

Als KLAUS JACOB seinen Schuldienst antrat, stand die Gründung der DDR kurz bevor. Zu diesem Zeitpunkt hatte die SED bereits die Grundlagen für eine fundamentale "konzeptionelle und strukturelle Akzentverschiebung im Erziehungswesen" gelegt.17 Auch JACOB fand an seiner Schule eine Situation vor, die ihn hinsichtlich der Hoffnung auf freiheitliche Verhältnisse schnell desillusionierte. Da er jedoch im Lehrerberuf seine Erfüllung sah, war er bereit, Kompromisse einzugehen.

"Man hat ja mehr oder weniger geschwiegen. Politische Themen waren ja immer angesprochen in Lehrerkonferenzen. Aber solange sie nicht, sagen wir mal, ein klares Votum verlangten, kontra, hat man halt genauso die Hand gehoben, damit war die Sache passé, nicht. Es gab ja nicht immer konträre Beschlüsse. Sondern einfach über dies und dies wurde beschlossen, was nicht als so schwerwiegend war oder in die persönlichen Verhältnisse eingriff, und dann hat man halt die Hand gehoben wie jeder andere auch, und dann war die Sache passé."

Die Zuspitzung der politischen Lage im Lande erlebte er als "ganz sukzessiv". "Die Affäre Hickmann"18, Schauprozesse wie im "Fall Flade"19 und "die Säuberungen an den Universitäten" erinnerte er als Schritte der Einheitspartei, um "die volle Macht in die Hand [zu] bekommen". Der Verkündigung des "Aufbaus des Sozialismus" auf der 2. Parteikonferenz der SED im Juli 1952 folgte im Bil­dungswesen ein Ideologisierungsschub; schrittweise wurde, wie sich nur einige Monate wenig später zeigen sollte, die Umstrukturierung des Schulsystems nach sowjetischem Muster vorangetrieben. Nunmehr war nicht länger von der Erziehung des "neuen Menschen" die Rede, sondern es galt, "allseitig entwickelte Persönlichkeiten [heranzubilden], die fähig und bereit sind, den Sozialismus aufzubauen und die Errungenschaften der Werktätigen bis zum äußersten zu verteidigen"20. Volksbildungsministerin ELSE ZAISSER, die als Nachfolgerin PAUL WANDELS durch eine rigide Amtsführung hervortrat, kündigte an, daß unter Lehrern und Schülern "ideologische Unklarheiten und feindliche Auffassungen" nicht länger geduldet würden. Der bereits seit 1950 schwelende Kampf gegen die evangelische Junge Gemeinde kulminierte im Zeitraum von November 1952 bis März 1953 in Maßnahmen, die der Beseitigung dieser angeblich "von westdeutschen und amerikanischen Kräften dirigierten Tarnor­ganisation für Kriegshetze, Sabotage und Spionage" dienten.21 Der im Januar beschlossene "Maßnahmeplan" "bestimmte die Oberschulen zum Hauptschauplatz der Repression Jugendlicher".22 Hintergrund dessen war, daß die FDJ an den Oberschulen besonders schwer Fuß fassen konnte, weil die bürgerlich-christlich geprägten Abiturienten meist rege Junge-Gemeinde-Teilnehmer waren.23

Da sowohl das Lehrerpersonal als auch die Schüler der Oberschulen als "bürgerlich-reaktionär" eingeschätzt wur­­den, ordnete eine Direktive des Ministeriums für Volksbildung vom 29. April 1953 die Überprüfung "sämtlicher Oberschüler" sowie der Lehrerkader der Oberschulen durch die Bezirks- und Kreisschulinspektoren an. Bis zum 20. Mai hatte über jeden an einer Oberschule arbeitenden Lehrer eine "Kurzcharakteristik" vorzuliegen, welche "klare Vorschläge" darüber enthalten sollte, "ob der Lehrer weiterhin an der Oberschule beschäftigt werden [könne], […], zur Grundschule versetzt werden [solle] oder aus dem Schuldienst ausscheiden [müsse]". Eine Kommission, bestehend u. a. aus dem Leiter der Abteilung Volksbildung beim jeweiligen Rat des Bezirks, den Be­zirksschulinspektoren und Vertretern der Bezirksleitun­gen der SED und FDJ entschied anschließend über Verbleib oder Entlassung der Lehrer.24 Auf die Beurteilungen, die die fachliche Eignung vernachlässigten, religiöse Bindungen und mangelnde ideologische Über­zeugung jedoch als Entlas­sungsgründe heranzogen, folgte eine Welle von Kündigungen. Um Zeit zur Gewinnung neuen Lehrpersonals zu gewinnen, wurde der Hauptteil der Kündigungen fristgemäß zum 1. September 1953 ausgesprochen. Die Begründungen lauteten etwa:

"Aufgrund ihrer unwissenschaftlichen Unterrichtsar­beit, die auf das Fehlen einer pädagogischen Ausbildung zurückzuführen ist, sind wir gezwungen, das mit Ihnen bestehende Arbeitsverhältnis per 31.8.53 aufzulösen."25

"Aufgrund Ihres hohen Alters sind Sie leider nicht mehr in der Lage, den Anforderungen, die wir für die Unterrichts- und Erzie­hungsarbeit an unseren Schulen stellen müssen, gerecht zu werden. Aus diesem Grunde lösen wir mit Wirkung vom 31.8.53 […] das mit Ihnen geschlossene Arbeitsverhältnis."26

"Wegen ungenügender wissenschaftlicher Kenntnisse, unwissenschaftlicher Geschichtsarbeit und Vernachlässigung der eigenen Weiterbildung auf dem Gebiet der Pädagogik sehen wir uns leider gezwungen, das mit Ihnen bestehende Arbeitsverhältnis per 31.8.53 zu lösen."27

"Da Sie den hohen wissenschaftlichen Ansprüchen, die wir an einen Lehrer der Oberschule stellen, nicht Rechnung tragen, sehen wir uns leider gezwungen, das mit Ihnen bestehende Arbeitsverhältnis per 31.8.53 zu lösen."28

Während der repressivsten Phase des SED-Kirchenkampfs im Vorfeld der Ereignisse des 17. Juni 1953 wurden gehäuft fristlose Kündigungen ausgesprochen. Als Instrument zur "Enttarnung" dienten meist Resolutionen. In B. hatte am 29. April 1953 eine Schülervoll­versamm­lung stattgefunden, während der, nach Ansicht der Schulbehörde, keine "kämpferische Diskussion in der Frage der Jungen Gemeinde"29 zustande gekommen sei. Die Behörde machte als Schuldige hierfür die Lehrer KADEN, JACOB und X. aus. Als Beleg führte sie an, daß die drei Pädagogen keine "klare Haltung zum Generalvertrag und zur Jungen Gemeinde"30 eingenommen hätten. In der daraufhin am 4. Mai einberufenen Sitzung des Pädagogischen Rates wurde den Teilnehmern eine Resolution zur Unterzeichnung vorgelegt, welche die Junge Gemeinde als "Tarnorganisation für Kriegshetze, Sabotage und Spionage" diffamierte. Nachdem KADEN, JACOB und X. das Papier ohne ihre Unterschrift und ohne Kommentar wei­tergereicht hatten, initiierte die Schul- und Parteileitung eine "Abstimmung" darüber, wer noch bereit sei, mit "solchen Lehrern" zusammenzuarbeiten. Aus Angst, so­fort fristlos gekündigt zu werden, stimmte keiner der anderen Kollegen für die Diffamierten.31 Unmittelbar im Anschluß an diese Veranstaltung wurden die drei Lehrer vom Schuldienst suspendiert. Zwei Tage später erhielten sie – ohne Begründung – ihre fristlose Kündigung.32 Am 21. Mai "berichtete" das örtliche SED-Organ "Volksstimme" in stalinistischer Ma­nier über die entlassenen Lehrer.

Angesichts solcher Maßnahmen waren noch schlimmere Repressalien denkbar. Durch die Sender RIAS Ber­lin und Deutschlandfunk waren KADEN und JACOB über die in der DDR in den vergan­genen Monaten willkürlich durchgeführten Verhaftungen informiert. Freunde drängten sie zu fliehen, in der Überzeugung, daß auch ihnen eine Verhaftung bevorstehen würde. Aufgrund ihrer familiären Bindungen kam Flucht zunächst jedoch für beide nicht in Frage, so daß sie sich entschlossen, nach neuen Tätigkeiten zu suchen. Besonders ERHARD KADEN stand hierbei unter erheblichem Zeitdruck; hatte er doch bereits eine Familie zu versorgen. Mit dem Vermerk "Staatsfeind" in den Akten der Lehrer waren die Vermittlungschancen frei­lich eingeschränkt. So begann KADEN eine Arbeit als Hilfsarbeiter bei einem christlichen Kleinunter­neh­mer. Bei KLAUS JACOB hingegen "überschlugen sich die Ereignisse". Auf eine Zeitungsannonce hin hatte er sich als Dolmetscher bei einer russischen Firma in Dessau beworben. Dank seiner hervorragenden Russischkennt­nisse und – so die Auffassung JACOBS – der Tatsache, daß sein Vater Fah­rer des sowjetischen Kommandanten in B. gewesen und mit demselben bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war, stellte ihn die Firma wenige Tage später ein. Jacob erinnerte sich, wie erstaunt er angesichts der Ereignisse der Vorwochen über diesen unkomplizierten Vorgang gewesen sei.

"Und dort bei dem Gespräch in Dessau sagte dann der Personalchef: Herr Jacob, Ihre Akte ist da, wir wissen, was gewesen ist. Dennoch, wir brauchen sie, sie bekommen das Arbeitsfeld, sie werden sich einarbeiten. Zu­nächst machen wir einige wirtschaftliche Übersetzungen die nächsten Tage. Und die waren sehr freundlich, muss ich sagen, die haben sich also über die SED hinweggesetzt, das war ganz erstaunlich."33

Den 17. Juni verlebten KADEN und Jacob in ihren neuen Arbeitsfeldern. KADEN berichtete, daß er gerade auf einem Bahngelände im Osterzgebirge zwischen Geising und Altenberg34 gearbeitet hatte, als ein Bahnangestellter aus dem Stellwerkhaus rief: "In Berlin raucht’ s im Karton."

"Wir ließen uns von dem Bahnangestellten ein wenig erzählen. Ein­zelheiten weiß ich nicht mehr. Aber es klang sehr wohl in meinen Oh­ren. Glücklich und beklommen zugleich – das Ganze konnte ja auch schiefgehen – ging ich zusammen mit meinem Chef weiter. […] Nach getaner Arbeit ging ich auf den Hof meines Quartiers, um dort im Freien meine Schuhe zu putzen. Dabei hörte ich laut die Nachrichtensendung des RIAS, die aus dem Fenster des Nachbarhauses kam. Das stimmte mich froh, weil ich daraus schloß: Die Nachbarn haben keine Angst mehr. Jeder darf jetzt Westsender hören. In diese Stimmung mischte sich gleichzeitig die Befürchtung, daß die gemein­same Macht von SED und Sowjets brutal und erfolgreich zurückschlagen könnte."

KLAUS JACOB hatte eine Woche vor dem 17. Juni für eben diesen Tag um Freistellung gebeten, um seine Mutter im Erzgebirge zu besuchen. Im Zuge der Ereignisse wurde ihm dies dann kurzfristig untersagt. Obwohl es KNABE zufolge in Dessau zu Aktivitäten gekommen war35, konnte sich JACOB nicht an solche erinnern:

"Da war nichts. Wir haben alle gar nichts gemerkt. Wahrscheinlich, weil sehr viele Russen da waren. Dessau war ja eine Stadt, die auch so einen gewissen Namen hatte, nicht. […] Am 17. Juni selber, da hat mich viel mehr bewegt, daß ich nicht nach Hause durfte als der Tag selber, weil wir ja kein Fernsehen hatten. Wir hörten das nur vom Hörensagen, und zwar im Werk selber wurde herumgetuschelt. Denn keiner gab ja offen zu, daß er RIAS Berlin hört. So und so, und sei nur still, jeder wartete nur, was kommt nun offiziell. Man hörte also RIAS Berlin, ich auch, dort, wo ich wohnte in meinem kleinen Zimmer und aber auch den Ostfunk, man wollte ja, was ist denn nun eigentlich los, nicht wahr. Und so, wie das also lief, jeder hat sich Hoffnungen gemacht. Aber die waren sehr schnell, bei einem normal denkenden Menschen sehr schnell zerstreut, nachdem die Panzer rollten und der Ausnahmezustand verhängt war."

Erst als er nach Aufhebung des Ausnahmezustands ins Erzgebirge fahren durfte, nahm er während seines Aufenthalts in Leipzig in Form "verkohlter Parteibuden" noch Überreste des Aufstands wahr. Dieser Anblick "bewegte [ihn jedoch] nicht weiter". Auch zu Hause im Erzgebirge hatten seine Ange­hörigen "das Ereignis als weit fort erlebt".

"Da war nichts. In X. [Jacobs Heimatort] auch nicht. Das hat jeder aus den Nachrichten, also aus dem RIAS gehört und war mehr oder weniger enttäuscht, daß eben nicht irgendwas wenigstens geschah von Bedeutung. Wenn schon nicht ein gesamter Umschwung. Die ganz Wagemutigen hatten ja gehofft, daß die Amerikaner kommen, daß die Panzer rollen."

Sowohl in Dessau als auch im Erzgebirge erinnerte Jacob eine kollektive "trübe Stimmung":
"Ich entsinne mich noch. Man sprach sehr wenig, man war irgendwie gedrückt, und es war eben sozusagen vorbei. Es war so eine Art Wunschtraum, der ganz schnell geplatzt ist. Und so verliefen dann die nächsten Tage in der Erwartung, was wird. Es wird so bleiben, na ja."

Die Resignation, die JACOB beschreibt, hatte weite Teile der Bevölkerung erfaßt. Denn obschon die SED den Aufstand nicht unbeschadet überstanden hatte, war doch deutlich geworden, daß sie willens war, ihre Macht notfalls auch mit Gewalt zu sichern. Mit der übermächtigen Sowjetmacht im Rücken war alle Hoffnung auf eine Überwindung des Systems erloschen.36 Wohl dieser kollektiven Resignation mitgeschuldet, nahmen KADEN und JACOB die Aufforderung der Schulbehörde vom 19. Juni 1953, sich zu einer persönlichen Aussprache beim Rat des Kreises einzufinden,37 relativ unbeteiligt auf. ERHARD KADEN erinnerte sich, bei dieser Aussprache gefragt worden zu sein, wie er den 17. Juni erlebt habe. Er erklärte, gehört zu haben, daß es "in Berlin im Karton rauche". Auf die Frage, was er sich dabei gedacht hätte, antwortete er: ›Ich nahm an, daß die sowjetischen Panzer schon eingreifen würden.‹ Mit dieser Auskunft habe sich "der Genosse im Schulamt" zufriedengegeben. KADEN und JACOB wurden aufgefordert, wieder in den Schuldienst einzutreten.

Das zurückhaltende Verhalten gegenüber den kurz zuvor gemaßregelten Lehrern resultierte aus dem "Schock­­zustand", in dem die SED-Führung sich nach dem Aufstand befand. Nach der bitteren Erkenntnis, daß die "Millionen Werktätigen" keineswegs geschlossen hinter dem SED-Staat standen, war die Parteiführung "wochenlang mit sich selbst beschäftigt"38. Neben der Suche nach den vermeintlich Schuldigen für das Versagen und deren "Ablösung" mußten neue Strategien der Machtsicherung entwickelt werden. Die Ausführenden der SED-Politik auf den unteren Ebenen warteten auf Anweisungen. So schilderte KLAUS JACOB, der unmittelbar nach Aufforderung wieder begonnen hatte zu unterrichten, daß seine Vorgesetzten im Vergleich zu der Zeit davor "stiller" gewesen seien:

"Es war zunächst wie eine Flaute. Sie warteten alle, was ist nun, was ist nun neuer Kurs. Diese taktischen Wendungen und so, man kannte sie ja. Und das hielt auch eine ganze Zeit an. Ich glaube, es waren Monate zumindest."

ERHARD KADEN stand seiner Wiedereinstellung skeptisch gegenüber. Zunächst arbeitete er noch einige Wochen weiter als Hilfsarbeiter, "um dem Kleinunter­neh­mer Zeit zu geben, einen Ersatz für [ihn] zu finden". Der Rest Hoffnung, der "Neue Kurs" könne wesentliche Liberali­sierungen brin­gen, wurde ihm im August 1953 auf einer Kreislehrerkonferenz zur Vorbereitung des kommenden Schuljahres genommen. Auf dieser Veranstaltung stellte der Schulrat klar, daß es keinen "Neuen Kurs" gäbe. "Die wissenschaftliche Grundlage [bliebe] dieselbe; deshalb würden sich keine Veränderungen ergeben." In der Tat wurden von den im Zuge des "Neuen Kurses" am 11. Juni verkündeten Maßnahmen nur einige umgesetzt. Vornehm­lich Mißstände, die besonders stark den Volkszorn erregt hatten, sollten beseitigt werden. Im Schulbereich wurden wie im Falle der beiden hier vorgestellten Lehrer DDR-weit die im Frühjahr 1953 vorgenommenen massenhaften Entlassungen von Lehrern und Relegierungen von Oberschülern zu einem großen Teil zurückgenommen. Ins­gesamt jedoch wollte die SED-Spitze "von radikalen Veränderungen bald nichts mehr wissen; Zuckerbrot und Peitsche erschienen als die bessere Konsolidierungsstra­tegie"39.

Wieder im Schuldienst, wurde KADEN von seiner Klasse mit einem "Meer von Blumen" begrüßt. Den Oberschülern erschien die Rückkehr des Lehrers, den sie auf ihrer Seite wußten, als Signal der Hoffnung. KADEN konnte jedoch – wie er bereits befürchtet hatte – keine wesentlichen Verän­derungen im Schulalltag erkennen. Erneut wurde ihm deutlich, daß er mit dem Widerspruch zwischen seinem christlichen und pädagogischen Selbstverständnis einer­seits und den politischen Anforderungen andererseits nur schwer leben konnte. Wie bereits vor seiner Entlassung resultierte aus dieser Erkenntnis aber nicht ein höheres Maß an Anpassung, sondern entschlossenes Handeln, das teilweise "schwejksche" Züge annahm. So schloß er sich etwa, von den bildungspolitisch Verantwortlichen in seinem Umfeld wegen seines mangelnden "gesellschaftlichen Engagements" gerügt – 1950 war er aus der CDU ausgetreten –, der Inneren Mission der evangelischen Kirche an. Er ließ sich vom Superintendenten einen "Mit­glieds­ausweis" ausstellen, den er dem Schul­­­leiter vorlegte:

"Und nun konnte ich sagen: Bitte, ich bin in einer gesellschaftlichen Organisation, ich bin jetzt Mitglied. Ich wußte genau, daß die natürlich etwas anderes von mir wollten, aber für mich war das eine gesellschaftliche Organisation, die tat ja auch was. Aber die haben sich also extra zurückgezogen zu einer Beratung, um zu prüfen, ob das eine gesellschaftliche Organisation ist und sind dann zu dem Ergebnis gekommen, es wäre keine. Aber sich wieder so auf den Arm nehmen zu lassen, das wollten sie nicht, also haben sie dann nicht wieder darauf gedrängt, daß ich irgendwo eintrete. Aber dieser ganze Trend, immer wieder Zustimmungserklärungen geben zu müssen und zu verweigern, das ging so weiter, so daß man also weiter nach einem Ersatz für mich suchte."

Dank der Tatsache, daß sich in den Lehrerkollegien noch überwiegend "Leute vom alten Schlag" befanden, blieb diese Suche jedoch zunächst erfolglos. "Die in Aussicht genommenen Nachfolger [seien], als sie merkten, sie sollten [Kaden] ersetzen, dazu nicht bereit [gewesen]." Als sich im Frühjahr 1954 ein von außen kommender Lehrer, der nach KADENS Worten "keine Ahnung hatte, was da vor sich ging", als Ersatz anbot, wendete sich das Blatt. Die Zuständigen fragten bei KADEN nach, ob er bereit sei, fortan nicht mehr Physik und Mathematik, sondern Deutsch und Geschichte zu unterrichten. Kaden wies das Ansinnen mit dem Hinweis auf seine naturwissenschaftliche Spezialisierung strikt von sich. Zudem wies er darauf hin, daß es ihm nicht möglich sei, dem Erziehungsauftrag, der in anderen Fächern verlangt werde, nachzukommen. Dies nahm die Volksbildungsbehörde zum Anlaß, Kaden seine zweite, nunmehr fristgerechte Kündigung zum August 1954 auszusprechen.40

Auch KLAUS JACOB hatte die Niederschlagung des Aufstands im Juni 1953 zunächst resigniert aufgenommen, dann aber eine gewisse Erwartung auf Mäßigung der SED-Politik gehegt. Vor allem hoffte er darauf, es werde ihm künftig möglich sein, eine Balance zwischen den offiziellen Anforderungen an ihn als Lehrer und seinem christlichem Bekenntnis zu finden. In Erwartung dessen und weil ihm der Lehrerberuf nach wie vor ein Wunschberuf war, gab er die Dolmetscherstelle auf. Doch er mußte rasch feststellen, daß die Angriffe auf die kirchliche (Jugend-)­Arbeit nur "verdeckter" stattfanden. Erneut erlebte er eine starke "Feind­seligkeit" gegenüber allem Christlichen. Als er Ende 1954 eine weitere Kündigung heranziehen sah, ent­schloß er sich zur Flucht nach Westdeutschland. Nach den Gründen befragt, die seiner Meinung nach schließlich zur Entlassung geführt hätten, erklärte er:

"Na, ich war eben zu kirchlich, nicht parteilich, wie man das damals nannte. Zu wenig, viel zu wenig für einen Lehrer, der also Kinder erzieht. Ja, das waren etwa so die Gründe. Man hat das nicht offen ausgesprochen, aber man merkte ja, wie die Zusammenarbeit lief. Verkappter, verdeckter irgendwie. Und meiner Entlassung habe ich dann vorgegriffen. Es war ein harter Entschluß, muß ich ehrlich sagen. Denn wenn man einmal geht, damals war das ja nicht so, daß man nach zwei Jahren plötzlich wiederkommen konnte."

KADENS neuerliche Entlassung und JACOBS Entschluß, den SED-Staat zu verlassen, fielen in einen Zeitraum, der für die evangelische Kirche in der DDR den Wendepunkt von der Volkskirche zur Minderheitskirche markierte.41 Angesichts der anhaltenden Diskriminierung von Christen geriet Kirchenzugehörigkeit "in bestimmten Bereichen der DDR-Gesellschaft, z.B. im Bildungs- und Ausbildungssystem" immer stärker "zu einer Form von ›konspirativer‹ Aktivität"42. Vor allem unter Lehrern wurde die Teilnahme am kirchlichen Leben kaum mehr erwähnt.43 Wer, wie KADEN und JACOB, nicht bereit war, sein Bekenntnis auf den kultischen Bereich zu beschränken – eine für den nach außen gewandten Protestantismus abwegige Vorstellung –, mußte mit "Verhören", unangekündigten Hospitationen und letztlich mit der Entlassung aus dem Schuldienst rechnen. Erhard Kaden erkannte, daß es nach Auffassung der SED "für einen christlichen Lehrer, ganz gleich, ob er Verbindung mit der Jungen Gemeinde [hatte] oder nicht, keine Existenzberechtigung an der Schule mehr [gab]".

Die aufgeheizte "Liquidierungsphase" im Vorfeld des 17. Juni 1953 hatte der SED Gelegenheit geboten, sich von unliebsamem Personal zu trennen und "reinen Tisch zu machen". Loyalitätsbekundungen ("Resolutionen") wurden inszeniert; vornehmlich um die Lehrerkollegien zu disziplinieren und "Abweichler" kenntlich zu machen. Im Falle von KADEN und JACOB war, wie auch bei anderen, aufgrund der verweigerten Unterschrift ein "Entlassungsgrund" gegeben. Zugleich wurde gegenüber den anderen Lehrern eine Einschüchterungswirkung erzielt. Die Wie­der­einstellung der Lehrer im Zuge des "neuen Kurses" ging bekanntlich auf die Vorgaben der KPdSU-Führung in Moskau und die Verunsicherung der SED in jenen Tagen zurück. Sobald die SED sich konsolidiert hatte, ging sie erneut dazu über, die "sozialistische Schule" von "Störfaktoren" zu befreien.

Kirstin Wappler, geb. 1973 in Gera, Studium der Erziehungswissenschaften an der TU Dresden, Dipl.-Päda­gogin, Promotion im Fach Politikwissenschaft bei Prof. Eckhart Jesse an der TU Chemnitz, Stipendium der Hanns-Seidel-Stiftung, wissenschaftliche Referentin der CDU-Bürgerschaftsfraktion Hamburg. – Ausführlicher zum glei­­chen Thema s. Kerstin Wappler, "Es war so eine Art Wunschtraum, der ganz schnell geplatzt ist." Die Juniereignisse 1953 im lebensgeschichtlichen Kontext zweier christlicher Lehrer. In: Häder, Sonja; Wiegmann, Ulrich: "Am Rande des Bankrotts ..." Intellektuelle und Pädagogik in den Gesellschaftskrisen der Jahre 1953, 1956 und 1968 in der DDR, Ungarn und der ČSSR, Schneider-Verlag Hohengehren, Baldmannsweiler 2004.

1    Vgl. Hubertus Knabe: 17. Juni 1953. Ein deutscher Aufstand. München 2003, S. 17. Knabe verweist hier darauf, daß frühe Studien noch den "umfassenden Charakter der Revolte" betont hätten, diese differenzierte Sicht sich mit der Zeit jedoch interessenbedingt verloren habe.
2    Vgl. Knabe: 17. Juni 1953, Ilko-Sascha Kowalczuk: 17.6.1953: Volksaufstand in der DDR. Ursachen – Abläufe – Folgen. Bremen 2003; Ulrich Mählert (Hg.): Der 17. Juni 1953. Ein Aufstand für Einheit, Recht und Freiheit. Bonn 2003, auch Volker Koop: Der 17. Juni 1953. Legende und Wirklichkeit. Berlin 2003.
3    Vgl. Knabe, S. 255f., auch Udo Grashoff: Paul Othma – Ein Streikführer in Bitterfeld. In: Mählert (Hg.): Der 17. Juni 1953, S. 216.
4    Knabe, S. 252.
5    Ebd., S. 254.
6       Damals schon veraltete, aber gelegentlich noch gebrauchte Bezeichnung  für die Direktoren bestimmter höherer Schulen.
7    Ebd., S. 255.
8    Sonja Häder: Von der "demokratischen Schulreform" zur Stalinisie­rung des Bildungswe­sens – der 17. Juni 1953 in Schulen und Schulverwal­tung Ost-Berlins. In: Jürgen Kocka (Hg.): Historische DDR-Forschung. Auf­sätze und Studien. Berlin 1993, S. 212.
9    Knabe, S. 255.
10    Zit. n. Sylvia Mebus: Zur Entwicklung der Lehrerausbildung in der SBZ/DDR 1945 bis 1959 am Beispiel Dresdens. Pädagogik zwischen Selbst- und Fremdbestimmung. Frankfurt/Main 1999, S. 76.
11    Zit. n. Gerd Richter: Zu den Anfängen der sächsischen Neulehrerausbildung 1945/46 un­ter besonderer Berücksichtigung der Chemnitzer Neulehrerschule. Karl-Marx-Stadt 1987, S. 11.
12    Gruner versteht den Neulehrerberuf analog dem des Volksschullehrers im Kaiserreich als "Beruf, in dem das abstiegsbedrohte Kleinbürgertum Sicherheit zu gewinnen suchte". Petra Gruner: "Laien" im Lehrerberuf. In: Jürgen Apel u.a. (Hg.): Professionalisierung pädagogischer Berufe im historischen Prozeß. Bad Heilbronn 1999, S. 27.
13    Schreiben des Pfarrers von Ehrenfriedersdorf vom 13. Januar 1948 an Pfarrer Merz in Tannenberg, Landeskirchenarchiv Dresden, 2/466; Blatt 46² a.
14    Grundlage der Darstellung bilden lebensgeschichtliche Interviews mit den Zeitzeugen. Das Interview mit Erhard Kaden führte die Verfasserin 2000 im Rahmen ihrer Diplomar­beit "Neulehrer – Multiplikatoren des SED-Staates? Konflikte im Berufsalltag evangeli­scher Neulehrer in der SBZ/DDR 1945-1958", jenes mit Klaus Jacob im Rahmen ihres Dissertationsvorhabens. Die Namen der Zeitzeugen wurden geändert. Sofern nicht anders vermerkt, handelt es sich bei den Zitaten jeweils um Interviewaussagen.
15    So jedenfalls Kadens heutige Einschätzung der damaligen Situation: "Aber das war ja genau der richtige Stil! Ja, ich hatte mich da total, und ich wurde auf der Stelle, auf der Stelle genommen, ja. Das waren ja so die Grundzüge des Arbeiter- und Bauernstaates, das war genau der Stil."
16    Ulrich Mählert zufolge hatte die "Mehrheit der Deutschen" noch bis in die fünfziger Jahre hinein Demokratie als Wertvorstellung nicht verinnerlicht. Einleitung: Dimensionen eines Aufstandes. In: Ulrich Mählert (Hg.), S. 10.
17    Häder, S. 191.
18    Hugo Hickmann war von 1945 bis 1950 1. Vorsitzender des CDU-Landesverbandes Sachsen und fungierte von Oktober 1949 bis Januar 1950 als Vizepräsident der Volkskammer. "Nachdem sich Hickmann im November 1949 in Leipzig unter frenetischem Beifall der Delegierten gegen eine zu enge Zusammenarbeit von CDU und Marxisten ausgesprochen hatte, wurde er durch Angriffe seitens der SED zur Niederlegung aller öffentlichen Ämter gezwungen. Unmittelbar darauf schloß ihn auch die CDU aus." Klaus Schroeder: Der SED-Staat. Geschichte und Strukturen der DDR,  hrsg. von der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit. München 1998, S. 101.
19    Vor der "Volkswahl" 1950 hatte der Oberschüler Hermann Flade in Olbernhau Flugblätter verteilt, auf denen er sich u. a. gegen den Wahlbetrug nach sowjetischem Muster wandte. Bei einer seiner Aktionen wurde er von einem Polizisten überwältigt. Flade verteidigte sich, wobei er den Polizisten mit seinem Messer leicht verletzte. Der Schüler wurde verhaftet; in einem Schauprozeß in Olbernhau wurde er zum Tode verurteilt. Nachdem sich die Bundesregierung eingeschaltet hatte, wurde die Strafe später in fünfzehn Jahre Zuchthaus abgemildert. Vgl. Hermann Flade: Deutsche gegen Deutsche. Grünhain/Erzgebirge 1999.
20    Häder, S. 198.
21    Hermann Wentker: "Kirchenkampf" in der DDR. Der Konflikt um die Junge Gemeinde 1950-1953. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Bd. 42 (1994), S. 111.
22    Ellen Ueberschär: Junge Gemeinde im Konflikt. Evangelische Jugendarbeit in SBZ und DDR 1945-1961. Stuttgart 2003, S. 191.
23    Zwar zählten bereits etwa 85 Prozent aller Schüler als FDJ-Mitglieder; ein Großteil der Oberschüler war jedoch "als Vorleistung für gesellschaftlichen Aufstieg" eingetreten, ohne sich in der Organisation zu engagieren. Vgl. Ueberschär, Junge Gemeinde im Konflikt, S. 191.
24    Ministerium für Volksbildung, streng vertrauliche Anleitung für die Schulung der Bezirks- und Kreisschulinspektoren zu Überprüfung der Oberschulen vom 29. April 1953, Staatsarchiv Chemnitz, BT/RdB, Abt. Volksbildung, 30413/438.
25    Einschreiben des Bezirksschulrats an einen Lehrer des Kreises Aue vom 29.Mai. 1953. Ebda. Infamerweise wird hier auf die der SED-Neulehrerpolitik geschuldeten "fehlende Ausbildung" abgestellt.
26    Einschreiben des Bezirksschulrats an einen Lehrer des Kreises Aue vom 29.Mai. 1953, ebda.
27    Einschreiben des Bezirksschulrats an einen Lehrer des Kreises Aue vom 29.Mai. 1953, ebda.
28    Einschreiben des Bezirksschulrats an einen Lehrer des Kreises Aue vom 29.Mai. 1953, ebda.
29    Gedächtnisprotokoll Erhard Kaden vom Mai 1953, Privatarchiv.
30    Ebd.
31    Daß diese Entscheidung von den meisten Kollegen tatsächlich aus Furcht und Existenzangst getroffen worden war, zeigte sich im Nachgang, als sich mehrere Kollegen bei den betroffenen Lehrern entschuldigten. Beide, Jacob und Kaden zeigten Verständnis für das Verhalten ihrer Lehrerkollegen.
32    Schreiben des Rat des Kreises an Kaden und Jacob vom 6. Mai 1953, Privatarchiv.
33    Diese Entscheidung belegt einmal mehr, daß die Geschichte vor Ort die Herr­schaftsverhältnisse keineswegs immer widerspiegelt.
34    Hier im Kreis Dippoldiswalde, Osterzgebirge, war es zu keinen Aktivitäten gekommen. Vgl. Knabe, Karte der Schauplätze des Volksaufstands, Innenseite der hinteren Buchklappe.
35    Vgl. Knabe, S. 156.
36    Vgl. Kowalczuk, S. 267.
37    Schreiben des Abteilungsleiters Volksbildung v. 8. Juli 1953, Privatarchiv.
38    Vgl. Kowalczuk, S. 262.
39    Ebd., S. 421. Dieser Taktik blieb die SED bis zum Niedergang der DDR treu. Für den Bildungsbereich bedeutete dies etwa, daß in der Praxis und entgegen offizieller Verlautbarungen Schülerinnen und Schüler, die nicht an der Jugendweihe teilnahmen, trotz hervorragender Leistungen grundsätzlich nicht zur Oberschule zugelassen wurden, in anderen Fällen "Vorzeigechristen" relativ problemlos Abitur und Studium absolvieren durften. Offiziell existierten keine Regelungen, wie mit Nichtteilnehmern an der Jugendweihe umgegangen werden sollte; hätte dies doch den Widerspruch zur beschworenen "Freiwilligkeit" dieses weltlichen Initiationsritus’ offenbart. Im Ablehnungsfall vermied die SED tunlichst "verfängliche" Begründungen. Vgl. Tenorth u. a., Politisierung im Schulalltag. Durchsetzung und Scheitern einer Erziehungsambition, Weinheim 1996, S. 234.
40    Schreiben des kommissarischen Abteilungsleiters Volksbildung des Rates des Kreises Marienberg an Erhard Kaden vom 22. Mai 1954, Privatarchiv.
41    Vgl. Detlef Pollack: Kirche in der Organisationsgesellschaft. Zum Wandel der gesellschaft­lichen Lage der evangelischen Kirchen in der DDR. Stuttgart – Berlin – Köln 1994, S. 5.
42    Ueberschär, S. 273.
43    Ueberschär, S. 273.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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