Heft 47/2004 | ddr - schulkonflikte | Seite 14 - 28

Karl-Adolf Zech

Lange Arme, junge Köpfe Teil

Vor 50 Jahren wurde die Arbeiter- und Bauern-Fakultät II Halle gegründet


Sie vergessen, sagte er, wir haben
den längeren arm

Dabei ging es
um den kopf1


Die Einrichtung der Arbeiter- und Bauern-Fakultäten (ABF) in der DDR war ein pädagogisches und soziales Großexperiment, Teil einer Bildungsoffensive mit dem Ziel, zuvor benachteiligte Schichten zu erreichen. Doch waren die ABF wirklich Anstalten, die Mut machten, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, die gar einen kritischen Geist prägten und an denen es eher zuviel Demokratie als zuwenig gegeben hat, Einrichtungen le­dig­lich zur sozial gerechten Gegenprivilegierung, die von den westlichen "Siegern" ungerecht beurteilt werden, wie heute verklärend behauptet wird?2

Vor fünfzig Jahren wurde die Sonder-ABF Halle II zur Vorbereitung auf das Auslandsstudium gegründet. Anhand exemplarischer Vorgänge wird im Folgenden die historische Entwicklung dieser Schule beleuchtet und den genannten Fragen nachgegangen. Dem liegen neben den Akten verschiedener Archive und Gesprächen mit Zeitzeugen auch persönliche Erfahrungen des Autors zugrunde.

Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten

Zur Mythologie der DDR-Gründerjahre gehören zweifellos die Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten. 1949 aus den Vorstudienanstalten der Länder entstanden und mit Hermann Kants "Aula" in die DDR-Literatur eingegangen3, symbolisieren sie den Anspruch, das bürgerliche Bil­dungsprivileg zu brechen4 und dabei ein stabiles, parteiergebenes Nachwuchspotential, eine verfügbare Funktions- und Führungselite heranzubilden. Die Vorstudien­anstalten hatten die Aufgabe, bisher bildungsfernen Arbeiter- und Bauernkindern, Spätentwicklern, Kriegsheim­kehrern usw. eine Bildungsmöglichkeit zu bieten. Als ABF wurden sie den Universitäten und Hochschulen angegliedert. Die SED hoffte so, auch ihren Einfluss auf die widerspenstige Studentenschaft zu erhöhen, denn die  nach politischen Kriterien ausgewählten ABF-Schüler erhielten studentische Wahlrechte5. Man richtete acht allgemeine und sieben Sonder-ABFs ein6.  Zu ersteren gehörte auch die ABF Halle, die sich ab Juli 1951 "Walter Ulbricht" nennen durfte7, zu den Sonder-ABFs die Hallenser ABF II. Ca. 35 000 Menschen haben zwischen 1949 und 1963 an den 15 ABFs die Hochschulreife erlangt.8 Miethe bietet eine kritische Würdigung der Erfolgsge­schichte dieser Institution: Gemessen an den von der SED gesetzten übersteigerten Maßstäben müsse man von Misserfolg sprechen. Aus anderer Perspektive seien die ABF in der deutschen Bildungsgeschichte ein einzigartiger Großver­such zur gezielten Förderung bislang bildungsferner Menschen gewesen.9

Mit dem III. SED-Parteitag im Juli 1950 und der 4. ZK-Tagung im Januar 1951 ("sozialistische Umgestaltung des Hochschulwesens") wurde die 2. Hochschulreform eingeleitet. Leitbild der Hochschulpolitik wurde die Sowjetwissenschaft. Zu deren Studium waren nun die Voraussetzungen zu schaffen. Der Marxismus-Leninismus, erst unter Einbeziehung Stalins, später dann ohne ihn, und der Russischunterricht wurden obligatorisch.

Ende 1951 wurde eine erste Delegation von 172 Studenten in die Sowjetunion entsandt. Sie bestand aus ABF-Studenten, vor allem SED-Mitgliedern und Arbeiter- und Bauernkin­dern.10 In den Folgejahren bereiteten Lehrgänge die zu Delegierenden vor allem politisch-ideologisch und sprachlich auf dieses Studium vor. Für die Auswahl der Studenten waren faktisch die ABF-Direktoren verantwortlich.11 Mangelnde Sprach- und Fachkenntnisse der Delegierten ließen bald eine verbesserte Vorbereitung notwendig erscheinen. Nachdem der IV. SED-Parteitag 1954 erneut die Rolle der Sowjet­wissen­schaft hervorgehoben hatte, beschloss das Sekretariat des SED-ZK am 28. April 1954 Regelungen zur Auswahl, Vorbereitung und zum späteren Einsatz der Studenten. Demnach kamen ABF-Studenten, Ober­schüler und Stu­dienanfänger in Betracht, die kader- und gesellschaftspolitisch sowie fachlich als geeignet befunden wurden. Durch Par­tei­präsenz in den Auswahlkommissionen war die Kontrolle zu sichern. Ein mehr­mona­tiger Vorbereitungslehrgang sollte die Studenten politisch-ideologisch erziehen und ihre Sprach­fertig­keiten festigen. Nach Rück­­kehr in die DDR sollte durch das Staatssekretariat für Hochschulwesen ein bevorzugter Einsatz im Partei- und Staatsapparat, in den akademischen Einrichtungen und in wichtigen Betrieben organisiert werden.12 Jährlich sollten 600 Studenten ausgebildet werden.13

Zur Umsetzung dieser Ziele wurde an der Martin-Luther-Universität Halle/Witten­berg eine Einrichtung ge­schaf­fen, die – trotz beträchtlicher Spezifika – aus Tradi­tions­grün­den Arbeiter-und-Bauern-Fakultät "mit verstärktem Russischunterricht", kurz ABF Halle II, genannt wurde. ABF-Studenten nach dem zweiten Studienjahr und Oberschüler nach der elften Klasse sollten hier innerhalb eines Jahres die Hochschulreife erlangen. Es gab einen naturwissenschaftlich-technischen, einen gesellschaftswissen­schaftlichen und einen medizinisch-landwirtschaftlichen Zweig. Die ABF Halle II wurde dem Staatssekretariat für das Hochschulwesen (SfH)14 unterstellt

Erster Direktor wurde Horst Wokittel, gerade 27 Jahre alt. Als Studiendirektor für "Kader und Erziehung" fungierte Otto Irrgang.

Mehrmals änderte sich die Zielstellung der ABF II. So beschleunigte man nach dem Ende der "Tauwetterpe­riode" 1956 den Aufbau "zuverlässigerer Kräfte" im universitären und Wissenschaftsbereich, so dass ab 1958 die ABF II politisch-ideolo­gische "Kernmannschaften" vorwiegend für die Universitäten und Hochschulen in der DDR bereitzustellen hatte15. Mitte der 60er Jahre wurde die ABF II wieder zentrale Vorbereitungsstätte für das Auslandsstudium. 1966 wurde die ABF I Halle als letzte der traditionellen ABFs aufgelöst. Grund dafür waren die Verschlechterung der Leistungen und sinkende Bewer­berzahlen. Die frei werdenden Kapazitäten wurden für die neuen Aufgaben der ABF II genutzt. Ausgebildet wurde bei wachsender Konzentration auf den mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich vor allem in Zweijahreskursen (A-Jahr und B-Jahr), von 1971 bis 1983 in einjährigen.
Ein Dauerproblem war bis zum Ende der ABF II 1991/92 die unzureichende Personalausstattung.16

Wer darf, wer soll? Der Klassencharakter des Auslandsstudiums
Das im Zuge der "antifaschistisch-demokratischen Schulreform" (1945-1949) auf Initiative von KPD und SPD 1946 erlassene "Gesetz zur Demokratisierung der deutschen Schule"  hatte die Zielstellung, jedem "ohne Rücksicht auf Herkunft, Stellung und Vermögen der Eltern" je nach Befähigung eine hohe Bildung zu gewährleisten.17 Dieses Gesetz war formal bis 1959 gültig. Doch schon bevor im August 1949 auf dem IV. Pädagogischen Kongress in Leipzig beschlossen wurde, das Sowjetsystem zu übernehmen, hatte die "Befähigung allein" ihre Schlüs­selfunktion bei der Zulassung zu höheren Bildungsstätten verloren.

Damit war das Prinzip der gleichen Bildungschancen ausgehebelt. Nicht mehr nur die Förderung bildungsferner Schichten war jetzt das Ziel, an die Stelle des alten Bil­dungsprivilegs trat ein neues. Nicht-bürgerliche Herkunft, politische "Zuverlässigkeit" und Einordnung ins Kollektiv wurden nun Zulassungsbedingungen für die höheren und höchsten Bildungsstätten.

Für die ABF II - Bewerber galten besondere Anforderungen an Herkunft, politische Einstellung und Leistung. Neben Arbeiter- und Bauernkindern von politisch "zuverlässigen" Eltern, die "fest zu unserer demokratischen Ordnung stehen", sollten in geringem Umfang auch Kinder anderer werktätiger Schichten (Intelligenz und Angestellte) in die Auswahl kommen, wenn die Eltern "als Patrioten bekannt" sind und "aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnehmen" bzw., so hieß es ab 1958, bewährte Genossen sind und verantwortliche Funktionen in Staat und Wirtschaftsapparat innehaben. Der Lebenslauf hatte ausführlich auch die berufliche und gesellschaftliche Entwicklung der Eltern und Geschwister darzustellen, ab 1958 auch die politische Vergangenheit.18 Interne Ableh­nungsbegründungen konnten durchaus heißen: "Vater nur FDGB"19,20.

Die Bewerber selbst mussten natürlich eine positive Einstellung zum Arbeiter- und Bauernstaat nachgewiesen haben, verteidigungsbereit und für den Frieden sein. 1958 war auch die Haltung zu den "Ereignissen im Herbst 1956" ein Kriterium. Waren zuvor diejenigen ausgeschlossen, deren Eltern im kapitalistischen Ausland wohnen oder arbeiten (außer KP-Mitgliedern), so hatte die Zulassungskommission jetzt alle Westverbindungen abzuklären.21

Erst gegen Ende der DDR wurden die Zulassungsbestimmungen  etwas gelockert.22 Zwar waren nach wie vor Arbeiter- und Bauern-Kinder zu fördern, nach wie vor galten Funktionäre und Militärs als Arbeiter. Auch wurden "religiöse Bindungen" und Westkontakte gleichbehan­delt. Aber angesichts der wachsenden Möglichkeit legaler Westreisen23  waren Kontaktsperren illusorisch geworden. Man begnügte sich nun mit einer Meldepflicht. Die Verantwortlichen wurden geschult, geschickt Westkontaktintensität und Kirchenbindungen auszuloten, ohne sich in Diskussionen einzulassen. Aktive Propagandisten der Kirche oder Schüler mit "labiler politischer Haltung" waren auch jetzt nicht zuzulassen. Seit den 70er Jahren hatte das MfS mit Hilfe seiner "inoffiziellen Basis" an der ABF ihren verdeckten Einfluss auf die Zulassungsarbeit sowohl für die ABF als auch zum Auslandsstudium perfektioniert, so dass die Praxis deutlich von offiziellen Richtlinien abweichen  konnte.

Besorgt musste man allerdings feststellen, dass der Anteil an Arbeiter- und Bauern-Kindern immer geringer wurde24. Selbstverständlich reproduzierte sich auch die "neu geschaffene" Intelligenz aus sich selbst, ABF II - Absolventen schickten ihre Kinder wieder dorthin. Oft waren diese Eltern politisch hoch zuverlässig. Der viel erzählte Witz, dass man seinen Enkeln zuliebe studieren solle, beschrieb das Dilemma25.

Auflehnung und Scheitern des Direktors
Zu ersten größeren politischen Auseinandersetzungen kam es an der ABF II im Zusammenhang mit dem Entsta­linisierungskurs nach dem XX. Parteitag der KPdSU und der nachfolgenden, als "Kampf gegen den Revisionismus" deklarierten Gegenbewegung. Im Mittelpunkt dieser Auseinandersetzung stand der ABF-Direktor Horst Wokittel. Wokittel hatte sich mit reformpädagogischen Versuchen hervor getan26, die studentischer Selbstbestimmung Raum und Begründung geben sollten und autoritären Parteifunktionären gar nicht gefielen. Der Lehrkörper wurde in die Leitungstätigkeit einbezogen.
Wokittel versuchte, seine Leitungskompetenz in dieser turbulenten Zeit auszuschöpfen, auch ohne oder gegen die Parteileitung, deren Mitglied er war. 27 Ohne Absprache mit den Parteigremien stellte er 1957 den parteilosen ehemaligen ABF-Absolventen und gerade diplomierten Sportlehrer Wolfgang Schulz ein, über den hier noch zu reden sein wird.28

Im zwischenmenschlichen Umgang durchaus nicht ein­­fach, hatte Wokittel den Kampf gegen die – wie er es später beschrieb – "Stalinistenclique" aufgenommen, eine Gruppe um die Parteisekretärin Ursula Müller bzw. ihre Nachfolgerin Gerti Schubert, der auch einige Lehrkräften und der hauptamtliche FDJ-Sekretär angehörten. Wokittel warf ihnen mangelhafte pädagogische Qualifikation, zynisches Erpressertum und doktrinäre Beschränktheit vor.  Ab Sommer 1956 war diese Gruppe besonders aktiv.29

Wokittel verhinderte die Kündigung oder die Degradierung von Dozenten, die wegen ihres religiösen Bekenntnisses oder Bemerkungen zum politischen Zeitge­schehen ins Schussfeld der "Stalinisten" gelangt waren. Er verhinderte auch, dass Studenten aus politischen Gründen vom Abitur ausgeschlossen wurden.30

Die Lehrkräfte, auch gläubige SED-Mitglieder wie Karl-Heinz Schiller oder Gerhard Büchner, versuchte er so einzusetzen, dass der Einfluss dieser Stalinisten vermindert oder beseitigt wird. Er streute westliche Rund­funkmeldungen und parteipolitische Bewertungen, Informationen über parteiinterne Be­schlüsse und das Fakultätsgeschehen und verteilte zielgerich­tet Aufgaben.31 Durch eine neue Stundentafel glaubte Wokittel, zwei Lehrkräfte für Gesellschaftswissenschaften loswerden zu können.32

Organisierte Beschwerden von SED-Do­­­­­zen­ten beim Zentralkomitee oder beim Stasi-Residenten der ABF II über die lokale SED-Führung sollten das enge Zusammenwirken der Stalinisten stören. Wokittel selbst schrieb einen Brief an den Vater einer Studentin, der ZK-Mitglied war, und beschwerte sich über die Parteisekretärin Müller. Diese wurde tatsächlich abgelöst. Ihren Platz nahm Gerti Schubert ein, Absolventin der Hallenser Universität. Nicht mehr wirksam werden konnten Wo­kittels Absprachen zur Wahl der neuen Parteileitung im November. Was er nicht wusste: Einige der von ihm strategisch platzierten Dozenten arbeiteten bereits damals für das MfS.33

Anfang Juli 1957 schrieb Wokittel einen Brief an die zuständige Abteilung Wissenschaft und Propaganda des ZK und versuchte, auf der Basis jüngster KPdSU-Beschlüsse Beschwerden gegen die Dogmatiker vorzubringen. Da er keine Antwort bekam, verweigert er dem SfH unter Hinweis auf ausstehende Antworten den jährlichen Rechenschaftsbericht.34

Die Parteileitung teilte ihm Ende August 1957 mit, dass er den Bericht zum letzten Studienjahr nicht halten dürfe.35 ZK und SED-Bezirksleitung hatten in seiner Vergangenheit geforscht und als Wurzeln für seine "parteifeindliche Konzeption der Teilung der Partei in Stalinisten und Nichtstalinisten" früheres partei-kritisches Verhalten ausgemacht.36 Konspirativ forderte die Parteileitung seine Ablösung.37 Für September hatte sich eine Überprü­fungs­kommission38 des ZK und des SfH angesagt. Die Aufdeckung seines Anti-Stalinistenprogrammes konnte nicht mehr aufgehalten werden, auch strafrechtliche Folgen waren einzukalkulieren. So blieb ihm nur noch der Weg, den viele Hochschulangehörige der DDR gingen.39

Nach Wokittels Flucht am 2.9.57 gerieten diejenigen, die ihn unterstützt hatten, unter Druck. Die bisherige Beißhemmung, vielleicht auch die Nachdenklichkeit vieler Genossen Dozenten brandmarkte man als kleinbürgerliches Verhalten, Liberalismus40, ideologische Windstille und Selbstzufriedenheit und führte sie zurück auf Schwächen in der Beherrschung des Marxismus-Leninismus. Das auf Selbständigkeit zielende pädagogische Konzept Wokittels wurde auf politisch zulässiges Maß gestutzt.41 Man erinnerte sich: Bereits im Dezember 1956 hatte Kurt Hager, damals Leiter der ZK-Abteilung Wissenschaft, auf einer SED-Konferenz der Martin-Luther-Universität (MLU) "Schwankungen" an der ABF II ausgemacht.42

Zum großen Schlachten kam es auf der Parteiver­sammlung am 17.10.1957.43 Die junge Parteisekretärin Gerti Schubert, die später im Partei- und Staatsapparat Karriere machte, hielt das Referat, in dem das Verdikt der "Plattformbildung" ausgesprochen wurde. Auch Hardliner wurden wegen ihrer angeblichen Widerstandslosig­keit angegriffen.44 Selbst der Studiendirektor für Kader und Erziehung, Otto Irrgang, der seit 1955 als geheimer Hauptinformator des MfS Dozenten-GI führte45, ein Gegenspieler Wokittels, wurde mit anderen zum einfachen Dozenten zurück gestuft. Verschiedene Fachgruppenlei­ter wie Gerhard Büchner waren kurz darauf wieder einfache Dozenten46. Die Fachgruppen wurden aufgelöst und erst im Folgejahr neu aktiviert.

Interessant ist, dass von den in diesem Tribunal auftretenden "Anklägern" viele entweder selber oder ihre Eltern frühere NSDAP-Mitglieder waren47. Für die vier hauptangeklagten SED-Dozenten trifft das nicht zu, es gab sogar antifaschistische Widerstandskämpfer darunter. Als sich Kurt P. damit verteidigte, dass er im Widerstand gewesen sei, als die anderen noch "Heil Hitler" gerufen hätten, warf man ihm vor, er sei eben in seiner politischen Entwicklung stehen geblieben, wohingegen sie selber sich weiter entwickelt hätten. Die HJ-Generation richtete.48

Karl Kempe, Studiendirektor an der ABF I, wurde als kommissarischer Direktor eingesetzt. Er weigerte sich, die harte Parteilinie gegen die Dozenten durchzusetzen, was  ein Parteiverfahren zur Folge hatte.49 Schließlich übernahm der ABF-I-Direktor Horst Ebschbach die ABF II.50

Im Kampf gegen "opportunistische Strömungen" wurden bis 1958 insgesamt zwölf Dozenten aus der ABF "entfernt".51 Man konnte diese Lücke allerdings lange nicht auffüllen und griff auf Mittelstufenlehrer zurück, im Fach Mathematik sogar auf Hilfsdozenten, die sich erst auf dem Wege dahin befanden.52

Noch im Rechenschaftsbericht über das Studienjahr 1958/59 wurden viele Dozenten hart angegriffen.53 Im Fachunterricht sollten die Sowjetpädagogik und der Marxismus-Leninismus eine größere Rolle spielen. Ganz ne­benbei erfuhren eventuell noch vorhandene reformpäda­gogische Träumereien eine Abfuhr: In der Heimerziehung dürfe Selbständigkeit nicht verwechselt werden mit Selbst­verwaltung, es müssten "klare Forderungen" gestellt werden. Eine Wache sollte nachmittags die Ausnutzung der Studienzeit und die Disziplin kontrollieren54.

Die Auseinandersetzungen dieser Jahre müssen für viele Dozenten enorm prägend gewesen sein. Erst gut zwei Jahrzehnte später kam es wieder zu einem Konflikt ähnlichen Ausmaßes: Nach mehrjährigen Auseinandersetzungen mussten 1984 der zwar linientreue, aber kritische und folglich unbequeme Sport- und Geschichts­dozent Dr. Wolfgang Schulz und mit ihm neun weitere Dozenten die ABF II verlassen. Anlass dieser Diszi­plinierung wurden familiäre Westkontakte. Anders als im Falle Wokittel war die Auseinandersetzung um Schulz im Wesentlichen eine MfS-Operation. Sie wurde wegen "negativer Gruppenbildung" eingeleitet und erfolgte mit maß­­geblicher Unterstützung durch MfS-Mitarbeiter in der ABF.

Die langen Arme55
Sofort nach der Eröffnung der ABF II wurden "offizielle Kontakte" zwischen der Direktion und dem MfS aufgenommen. Offizielle Ansprechpartner seitens der ABF waren der Studiendirektor für Kader und Erziehung, Otto Irrgang56, sowie der kommissarische Parteisekretär Karl-Heinz Schiller57. Federführend war zunächst die Abteilung V/1, schon bald aber das Hochschulreferat V/6, die spätere Abteilung XX/358.

Im März 1955 verpflichtete sich Irrgang ausgerechnet unter dem Namen des Freiheitstheologen Thomas Müntzer als GI, "Geheimer Informator des SfS", die Bekämpfung der Feinde zu unterstützen. Man hatte ihn dafür vorgesehen, später als GHI, "Geheimer Hauptinformator", selbst andere GIs zu führen59. Im gleichen Monat schrieb Schiller seine Verpflichtung, die er mit dem "...Kampf um Erhaltung des Frie­dens und die Wiederherstellung der Einheit unseres Vaterlandes..." begründete, und ließ sich heimlich fortan "Rosental" nennen. Bald darauf, im Juli 1955, wurde Schiller GHI, Irrgang 1956.

Hauptaufgabe der beiden war es – neben ihrer allgemeinen Kontrollfunktion –, unter den Studenten und Dozenten geeignete Kandidaten für eine Werbung auszuspähen und als GHI geheime Mitarbeiter zu führen.

Aufgrund neuer Regelungen beim MfS wurde Irrgang 1960 vom GHI zum GI umgestuft, weil er keine GIs führte, und berichtete fortan dem GHI "Rosental". 1966 arbeitete Irrgang ein Jahr lang im SHF als stellvertretender Sek­torenleiter Ausland II und als GI für die MfS-Hauptabteilung II/6/D60 in Berlin. Nach einer zweijährigen Aspirantur beauftragte ihn das MfS, wieder an der ABF zu arbeiten, und zahlte ihm als Ausgleich für ein höheres Uni-Gehalt 200 Mark monatlich. Diese Ausgaben machten sich für das MfS sehr bezahlt. Irrgang war ein außerordentlich ergiebiger, intelligenter Informant und Einflussagent. Ab 1974 hatten ihm als Führungs-IM (FIM) "Bernstein", "Bernd", "Alex" und "Erich" zu berichten. 1987 löste sich sein FIM-System auf. Irrgang wirkte bis zu seiner Berentung im Juni 1989 als einfacher IM – ohne Gehaltsausgleich. Noch Ende November 1989 erklärte sich das Ehepaar Irrgang unter dem Decknamen IMK "Schneider"61 bereit, das AfNS62 durch Bereitstellung seines Wohn­raumes zu unterstützen.

Die erste große Werbewelle inoffizieller Mitarbeiter unter den Dozenten war in den Jahren zwischen 1957 und 1958 zu verzeichnen, als unter der Antirevisionismus­flagge die Universitäten von bürgerlichen Einflüssen zu befreien waren. In der ABF II arbeitete man nach einer "neuen Methode": Man konzentrierte sich auf die Werbung von Gruppendozenten63. Sie sollten als GHI selbständig "Quellen" aus ihrer Studiengruppe führen.64

Einer der ersten war Deutschlehrer Lutz Müller, der schon seit Anfang 1956 als verpflichtete "Kontaktperson" und ab Juli 1957 als GI die nicht konform diskutierende Fachgruppe Deutsch zu überwachen hatte. Bis 1970 durch die Abt. V bzw. XX/3 geführt, übernahm ihn 1970 die Hauptabteilung (HA) II, als er sich anschickte, Leiter der Studienabteilung in Leningrad zu werden.65

Den Physikdozenten Günther Mainzer hatte der für die ABF zuständige operative MfS-Mitarbeiter im August 1957 unter dem Decknamen "Pfeil" zur Zusammenarbeit vergattert. Mainzer war einer der ersten DDR-Studenten in der Sowjetunion und Absolvent des Leningrader Pädagogischen Herzen-Institutes. Er wurde 1962 – bereits zwei Jahre als Studiendirektor für Unterricht und Erziehung und jetzt für Naturwissenschaften tätig – GHI und führte die GI "Lietzmann", "Bernd" und "Tröger" – und hatte Angst, dass alles heraus kommt66.

Nach der Flucht des Direktors im Oktober 1957 und der begonnenen "Säuberung" der Dozentenschaft verpflichtete sich der Geschichts- und Staatsbürgerkundelehrer Ewald Buchsbaum, den später manche Dozenten "Chefideologe" nennen werden, als GI "Willi Bredel"67. Im Folgejahr stieg er auf zum GHI und führte zwei "Quellen" aus seiner Fachgruppe. 1961 wurde er GI unter "Rosental", bis ab September 1966 das MfS mit ihm als nunmehr hauptamtlichem Parteisekretär nicht mehr inoffiziell zusammenarbeiten durfte.68

Rolf Dröscher69 und Walter Pöhland70 waren die nächsten, die mit GHI-Perspektive angeworben wurden. Auch von Pöhland alias "Tucholski" wusste man, dass er unbeirrbar die Parteilinie vertrat. Nach einer neuen MfS-Richtlinie von 1968 registrierte man ihn 1969 zum GMS der Abt. II um, weil er in "politisch-ideologischer Hinsicht aktiv und offensiv" in Erscheinung trat71, denn das schaffte in der Regel zuviel Distanz zu den Beobachtungsobjekten. Das MfS stellte allerdings 1985 die Zusammenarbeit ein, weil er sich einer "politisch-negativen Gruppierung unter den Dozenten der ABF" angeschlossen und sich seine politische "Grundeinstellung" gewandelt hätte.72 Er war im Zuge des Kesseltreibens gegen "die Gruppe" um Wolfgang Schulz ins Visier von MfS-Hauptmann Juneck, Abt. XX, geraten, der die Abt. II entsprechend informierte.
1960 zog man den Chemiedozenten Otto Scholz als "Braun" in die inoffizielle Absicherung der ABF II ein. Als er 1962 hauptamtlich Parteisekretär der Fakultät wurde, musste er diese Tätigkeit – bis 1972 – unterbrechen.73 Der frühere böhmische Bäckerlehrling und Mecklenbur­ger Neusiedler hatte die Greifswalder ABF absolviert, an der MLU Chemie/Pädagogik studiert und war 1958 Dozent an der ABF II geworden. Nach seiner Promotion am Leningrader Pädagogischen Institut setzte man ihn ab 1972 als hauptamtlich Beauftragten für Sicherheit und Geheimnis­schutz ein.74 Hier schrieb er als IME "Braun"75 monatlich Berichte und war eingebunden "in das System repressiver und zersetzender Maßnahmen gegen politisch missliebige Universitätsangehörige", bis ihn die "Initiativgruppe zur Erneuerung der Universität" Ende 1989 einfach nach Hause schickt.76

Mit dem 1969 verabschiedeten Gesetz zur 3. Hochschulreform  hatten die Bemühungen der SED, sich die akademische Welt umfassend zu unterwerfen, ihr lange erstrebtes strategisches Ziel erreicht. Man hatte inzwischen genügend parteitreues Wissenschaftlerpoten­tial herangebildet, um auf andere verzichten zu können. Hauptziel war der "personelle Kontinuitätsbruch", ein "radikaler Bruch mit der bisherigen Universitätstradi­tion".77 Dieser Sieg war "tschekistisch" abzusichern. Außerdem hatte die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 für Beunruhigungen gesorgt, und die internationale Anerkennung der DDR verlangte eine Anpassung der Sicherheitspolitik. So befahl Stasi-Minister Mielke unter dem Codewort "Nachstoß" die "Verstärkung der politisch-operativen Arbeit auf dem Gebiet des Hoch- und Fachschulwesens und der Volksbildung".78 Alles war "zu verstärken": der MfS-Einfluss an Bildungseinrichtungen, die operative Kontrolle politisch-operativer Schwerpunkte, die vorbeugende Arbeit, die ständige Übersicht. Sofort meldepflichtig wurden "Angriffe gegen die 3. Hochschulreform", "die Entstehung staatsfeindlicher und negativer Gruppierungen von Wissenschaftlern, Angehörigen des Lehrkörpers, Studenten, Ober- und Berufsschülern" sowie feindliche Forderungen, die sich gegen die Hochschulpolitik richteten. Die Folge war auch an der ABF eine Welle neuer Anwerbungen. Allerdings waren Gerüchte, dieser oder jener Dozent stehe in MfS-Diensten, nicht immer zutreffend.79 Die MfS-Linie II/6 war inzwischen zuständig auch für das Auslandsstudium und für die "Absicherung" der Studentendelegationen, so dass die ABF mit dieser und der Linie XX (Kampf gegen politische Untergrundtätigkeit und politisch-ideologische Diversion) durch zwei MfS-Bereiche "gesichert" wurde.80

Als erster kam jetzt Studiendirektor Gerhard Büchner ins Blickfeld der Abteilung XX/3. Den Mathematikdo­zenten warb man im März 1970 mit der Perspektive "FIM". Als "Arnold Hesse" beschaffte er im Unterrichtsgebäude II Informationen "aus dem Bereich Lehrkörper" und über die FDJ-Sekretäre aus den Gruppen. FIM wurde er zunächst jedoch nicht, Krankheit und ein zweijährigen ČSSR-Aufenthalt verhinderten es. Von 1974 bis 1977 kontaktierte man ihn als Bereichsleiter offiziell, bis ihn die Arbeitsgruppe 6 der Abteilung II für sich entdeckte.81 Seine Aufgabe war neben der "Absicherung" wiederum die Unterstützung bei der Suche nach perspektivreichen IM-Kandidaten unter den Studenten und ihre Auswahl.

Neu war in dieser Zeit die Aufgabe, "interessierende Studenten" in Studienorten einzusetzen, die von der HA II/6 "vorgegeben" wurden.82 Diese "Erweiterung der Aufgabenstellung" 83 wurde auch von anderen MfS-Mitarbeiter in ihrer Rolle als Studiendirektoren getragen. Sie führte zu einem neuen "FIM-System" an der ABF, das Büchner ab März 1979 als FIM führte. In seinen Leistungen hoch bewertet, wirkten "Brigitte Klein" und "Lothar" mit. 84 Nachdem Büchner 1981 als stellvertretender ABF-Direktor und Verantwortlicher für die Kaderarbeit die Zeit knapp zu werden begann (zudem hatte er gesundheitliche Probleme), löste er als "gewöhnlicher" IMS Aufgaben wie die Verhinderung der Zulassung von "Studenten mit Unsicherheitsfaktoren" und die inoffizielle Überprüfung der Mitarbeiter der Studienabteilung.

Zu Beginn der siebziger Jahre stellte die Operativgruppe Leningrad der HA II eine Lücke im Überwa­chungssystem fest. Die Hochschulgruppe Süd, vier Stu­den­ten des Pädagogischen Herzen-Institutes und zehn Interflug-Studenten, war inoffiziell noch "nicht abgesichert". Die vier Pädagogik-Studenten sollten später als Dozenten an der ABF arbeiten, so dass die Anwerbung eines der Studenten die Perspektive verfolgte, später dort IM-Kandidaten unter den Studenten aufzuklären. Im April 1971 verpflichtete sich der ABF-Absolvent B. zunächst mündlich als GMS "Bernstein", zwei Jahre später schriftlich als IMS. Mit Aufnahme seiner Mathematiklehrertätigkeit an der ABF 1974 berichtete er "Münt­zer" über Vorkommnisse und interessierende Studenten. Hilfreich war, dass er zeitweise als FDJ-Sekretär "in die Freizeitsphäre der Studenten eindringen" konnte.85 Seine Einsatzmöglichkeiten verbesserten sich, als er 1982 Leiter der Heimerzieher wurde und dort zusammen mit "Erich", später mit "Elsa", die Studenten im Freizeitbereich überwachte. Trotz mancher kritischer Einwände konnte "Münt­­zer" seine revolutionäre Wachsamkeit loben. Sein Engagement bei der Einführung des Informatikunterrich­tes seit 1986 brachte ihm zwar breiten, aber nur sehr losen Kontakt zu Studenten, so dass seine Berichte wenig Nutzen hatten und die Zusammenarbeit 1987 eingestellt wurde.

IM-Einschätzungen hatten dem MfS weitere Dozenten empfohlen, darunter den für Polytechnik, Technisches Zeichnen und GST, der ab 1972 als GMS "Alex" – ab 1976 über "Müntzer" – wachsam und initiativreich den Wissensdurst des MfS stillen half.86

In den Folgejahren verbreiterte das MfS seine inoffizielle Basis an der ABF ständig.87  Die HA II/6 verlegte einen Teil ihrer Aufgaben aus Aufwandsgründen zur Abt. II Halle, ohne die Federführung abzugeben. Dafür erhielten die Hallenser zwei neue Planstellen.88

Seit 1976, nach einer Periode "offizieller Zusammenarbeit", führte das MfS auch den Mathematik-Dozenten Dieter Hetsch als GMS "Mulle", später "Meister", verpflichtet durch Handschlag.89 Nach einer Tätigkeit an der DDR-Botschaft in Moskau hatte er 1973 die Studienabteilung der ABF übernommen. In dieser Funktion hatte er Zugriff auf Unterlagen und steuerte die Dele­gie­rung der Studenten an ihren Studienort, was ihn besonders interessant für das MfS machte. Wie mit "Arnold Hesse" konnte die Hallenser Abt. II/6 mit "Mulles" Hilfe die Vorgaben der Berliner HA II/14 für die Schwer­punkte der IM-Platzierung umsetzen und Studenten – beson­ders Ost­sprachler – an solche Studienplätze schicken, wo sie als IM oder potentielle IM für das MfS interessant waren. Aus Aufnahmegesprächen für die ABF-Zulassung gewann das MfS wertvolle Informationen und war in der Lage, eine Nichtaufnahme bei "Nichteignung" zu erreichen. Unterstützung erwartete das MfS bei der "Beseitigung unzuverlässiger und negativer Studenten von der ABF".90 Die Bedeutung Hetschs für das MfS wird dadurch deutlich, dass der Aufgabenumfang "eine enge fast tägliche Zusammenarbeit mit dem GMS erforderlich" machte. Von "vorn­herein" konnten so "negative Faktoren" "auf ein Minimum reduziert werden". Die durch das MfS "erarbeiteten negativen Hinwei­se" wurden durchgesprochen, die festgelegten Lösungen auch "gegen den Widerstand leitender Mitarbeiter der ABF bzw. von Gruppendozenten durchgesetzt".91 Mulle Hetsch war für das MfS eine Schlüsselfigur. 1981 ging er für einige Jahre zur Stu­dentenbetreuung nach Prag und arbeitete dort mit dem OibE92 "Friedrich" zusammen.

Höchste Aufklärungsergebnisse lieferte auch Her­­bert L. als IMS "Erich". Der Heimerzieher war eben­falls 1976 geworben worden, weil er in dieser Funktion und als "zuverlässigster und beliebtester Genosse" die Studenten im Freizeitbereich überwachen und aufklären konnte.93 Mit seinem Tod erlosch 1984 seine Mitarbeit. "Positive" und "negative" Studenten identifizieren konnte man auch als FDJ-Funk­tionärIn. Daher warb man 1977 eine junge Mathema­tik­dozentin, selber Mathematik-Spezialklassenabgän­gerin der ABF und Absolventin des Leningrader Herzen-Institutes. "Brigitte Klein" erhielt zwar regelmäßig 50,- bis 80,- Mark, konnte aber nicht viel Interessantes berichten, so dass ihre IM-Tätigkeit 1980 eingestellt wurde.94

Mit Beginn der 80er Jahre waren aus MfS-Sicht die Sicherheitserfordernisse weiter gewachsen. Im Schutzraum Kirche sammelten sich sensible Menschen und hinterfragten die unverantwortliche DDR-Umweltpo­litik, aber auch die Sicherheitspolitik. Das spiegelt sich ab 1982/83 in den Aufträgen an die IMs deutlich wider. Für Studenten wurde es riskanter, eine Kirche aufzusuchen oder auch nur Fragen zur verpesteten Luft in Halle und Bitterfeld zu stellen.

1980 wurde der spätere ABF-Direktor für die HA II/14 interessant. "Friedrich" berichtete bevorzugt über die Situation im Lehrkörper.95

Auch dem hohen Anteil weiblicher Studenten an der MLU musste tschekistisch entsprochen werden. Die Abteilung XX/3 entwarf im August 1980 ein "Anforderungs­profil für einen FIM zur Steuerung eines weiblichen FIM-Systems im Bereich der studentischen Jugend an der MLU". Ziel war, selbst "kleinste Anzeichen von Versu­chen der Organisierung politischer Untergrundtätigkeit aufzudecken und zu be­kämp­fen".96 Man wählte eine Chemie/Biologiedo­zen­tin, ab 1982 wissenschaftliche Sekretärin des Direktors. Die HFIM "Cremer"97 und "Rosenthal" sowie die IME "Frank"98 und "Braun"99 hatten ihr Persön­lich­keitsbild aufzuklären100. Sofort nach ihrer Werbung bereitete man einen Qualifizierungsplan für sie als künftigen FIM vor. Ziele u.a.: "Gewährleistung einer ständigen aktuellen Auskunftsbereitschaft über die Lage und Situation unter stu­den­ti­schen Personenkreisen". Als "Gisela" berichtete sie aus Dozentenkreisen, beschaffte Informationen über kirchliche Aktivitäten und MLU-Studenten, die die Studentengemeinde besuchten, forschte nach ökologischen Forderungen und pazifistischen Ansichten. Schon Anfang 1984 stufte man sie zum GMS zurück. Grund: objektive und subjektive Schwierigkeiten. Sie wollte keinem etwas Schlechtes nachsagen, hatte Zeitprobleme und Vorbehalte, genoss nicht das Vertrauen der ABF-Leitung und erfuhr dadurch nichts. Sie wurde FIM "Cremer" übergeben.

Eine ganz andere Karriere machte Artur Birgel, ehemaliger FDJ-Sekretär und Dozent für Geschichte und Sport. 1969 Leutnant bei der Abteilung III der HVA101, arbeitete er zwei Jahre später für die Abt. XI als Aufklärer Nordamerikas102. 1982 leitete er als Oberst­leutnant ein Referat. Aus der DDR-Vertretung in Washing­ton heraus warb er erfolgreich Agenten für die DDR. Am 7. Oktober 1989, zum 40. Jahrestag der DDR, hat ihn sein Minister noch mit der Treuemedaille der Nationalen Volksarmee für 20jährige Zugehörigkeit ausgezeichnet.103

Gegen Ende der 80er Jahre ergab sich durch die erweiterten Reisemöglichkeiten der DDR-Bürger für das MfS neue Arbeit. Die Abt. II der Bezirksverwaltung Halle hatte in Abstimmung mit der HA II alle Aufgaben zur Aufklärung und Absicherung der ABF vorzunehmen. Bisher gehörte dazu: die Aufklärung aller ins Ausland zu dele­­gierenden Studenten und ihre Erfassung als "Sicherungsvorgang", die "Einfluss­nahme" auf Ablehnung aus sicherheitspolitischen Gründen, die Übergabe der Mate­ria­lien an die Hauptabteilung und die Übergabe der für das MfS geworbenen Stu­den­ten an MfS-Mitarbeiter im Studienland.104 Neu war, territoriale Diensteinhei­ten stär­ker bereits in die Bewerberüberprüfung einzubeziehen, um rechtzeitig "Unsi­cher­heits­fak­toren" auszuschließen. Durch die wesentlich angestiegenen Westkon­takte konnte die diesbezügliche Ablehnungspraxis nicht mehr aufrecht­erhal­ten werden; dennoch war die "Auswahlsicherheit" zu gewährleisten. Durch Einflussnahme auf staatli­che Stellen (MHF, ABF) hoffte man, die sicherheitspolitische Lage zu verbessern. Unter den Studenten war die IM-Basis zu erweitern.105

Nach einer MfS-Übersicht führte gegen Ende 1987 allein Hauptmann Lehmann von der Abt. II Halle elf Dozenten und Dozentinnen als IM bzw. GMS, darunter den Direktor, zwei stellvertretende Direktoren und einen Studiendirektor.106 Für die Abt. XX waren im letzten DDR-Jahrzehnt mindestens zwei Studiendirektoren und mehrere Dozenten der ABF im Einsatz. Hinzu kamen etliche Universitätsmitarbeiter, die sich – zeitweise sehr intensiv – um die ABF "kümmerten". Ins­gesamt betrug der IM-Anteil am Lehrkörper der ABF II in den achtziger Jahren etwa 20-25%, er war damit erheblich höher als im übrigen Schulsystem der DDR.

Feindkontakte und Feindsender
In den ABF-Anfangsjahren gab es noch regelmäßig Berichte zur "Westarbeit" der SED. Man schickte Studenten zu Propaganda-Einsätzen in die Bundesrepublik. Später wurden mögliche Begegnungen mit westlichen Bürgern beim Auslandsstudium, beim Arbeitseinsatz oder im familiären Zusammenhang mehr und mehr eingeschränkt, kontrolliert, verboten.
Die panische Furcht der "proletarischen Diktatur" vor dem Einfluss westlicher Informa­tionen und Propaganda belegt das Misstrauen in die Wirksamkeit der eigenen Argu­mentation und Praxis, des eigenen Einflusses. Also wurde eine der Hauptkampfrichtungen bei der Jugend­erzie­hung der Kampf gegen das "Abhö­ren" von Westsendern.107 In den Jahren nach dem Mauerbau sprach man gelegentlich von "Feind-Sen­dern". Dieser Rückgriff auf die NS-Kriegs­­­ter­minolo­gie brachte der SED allerdings man­ches Argu­men­tationsproblem. Im November 1975 hatte die Gruppe 18 "Ab­grenzungsprobleme" in dieser Frage. Ein Stu­dent hatte an seinem Tonband ein einschlä­gi­ges Zitat aus dem 2. Weltkrieg gegen das "Feindsenderhören" angebracht. Direktor Dr. Mül­ler berichtete in einer "Sofortinformation" über diesen Fall. Der Student wurde relegiert.108

Als mehr und mehr gefährlich wurden menschliche Kontakte über Systemgrenzen hinweg betrachtet. Mit gewaltigem Aufwand wurde versucht, Begegnungen zu verhindern.

Mit "Mulles" Hilfe wurde 1979 durchgesetzt, dass eine ABF-Studentin den Westbesuch der Familie unter keinen Um­ständen treffen konnte. Ihr Gruppendozent durfte keine Heimreise genehmigen, man schickte sie mit ihrer Gruppe extra zu einem Arbeitseinsatz. Sie selbst wurde ständig überwacht.109 
Am Ende des Studienjahres 83/84 waren die Studenten des A-Jahres nach Ansicht von "Müntzer" immer noch "zu wenig unter Kontrolle". So passierte es, dass im Lager Güntersberge tatsächlich westdeutsche Gäste auftauchen konnten. Günther Hoffmann (GMS "Alex") musste Maßnahmen ergreifen, um "Kontakte zu vermeiden". Auch bei den Betriebspraktika war die "politische Absicherung" noch "bedeutend" zu verbessern, mussten doch Studenten in Leuna an einem Objekt arbeiten, das gerade von einer Westfirma errichtet wurde, so dass unkontrollierte Begegnungen möglich waren.110

Dass die ironisch-verständnislose Zurückweisung der Behauptung, die DDR habe ihre Bürger total überwacht, damals wie heute fehl am Platze ist, macht das folgende Beispiel deutlich. Eine ältere Frau aus der BRD fragte im Juni 1977 in Halle nach dem Weg. Gemeinsam mit einer Hallenserin stieg sie in die Straßenbahn, man kam ins Gespräch. Die Rentnerin erzählte, dass ihre Enkelin "am Reileck" studiere und sie wegen der West-Oma nicht ins Ausland dürfe. Die Hallenserin konnte aber nicht herausbekommen, welche Studienrichtung für diese Studentin vorgesehen war. – Eine Woche später wurde der Bericht des Sohnes der freundlichen Hallenserin, GMS "Alex", auf Band gesprochen. Die Abt. II/6 fertigte eine Abschrift.111 "Hesse" sollte die Studentin finden.

Keinesfalls zu "bagatellisieren" waren Westgegen­stände im Internatszimmer.112 Selbst ein Abendbrot mit eingeladenem Dozenten und Westmargarine war eines Berichtes wert.113 Überführte schon normale Westkleidung die Träger verbotener Kontakte, so war mit "Symbolen und Reklametexten"  versehene eine glatte Provokation. Der Bericht von "Alex" an "Müntzer" über einen sol­cherart "demonstrativ" bekleideten künftigen SU-Studenten führte dann auch zur sofortigen Speicherung in der VSH-Kartei114, zur Mobilisierung von GMS und IMS im Wohnheim und zu Aussprachen mit den Studenten und den Eltern.115

Besonders hart wurden persönliche Beziehungen zu Ausländern aus nicht-sozialistischen Ländern im späteren Gastland geahndet. Ein eindrückliches Beispiel war IMS "Elsa". Die hochintelligente ABF-Absolventin hatte im Studienland Sowjetunion Kontakt zu einem Ausländer. Zur Rede gestellt, versprach sie Besserung, traf sich aber weiter. Man bestellte sie nach Moskau, um ihr zu eröffnen, dass sie unverzüglich in die DDR zurück müsse. In der DDR fiel sie ins Nichts und beschwerte sich beim "Genossen Mielke" darüber, dass sie 14 Tage vor ihrem Diplomabschluss nach Hause geschickt worden war. Das MfS vermittelte sie dann zur ABF, wo sie als Heimerzieherin das IM-Netz zur Kontrolle der Studenten verstärken sollte. Zur Enttäuschung des MfS  beschaffte sie sich 1985 andernorts eine Arbeitsstelle.116

In Zusammenarbeit mit "Arnold Hesse" hatte das MfS eine direkte Möglichkeit, sich derart infizierter Studenten per Disziplinarverfahren zu entledigen. So berichtete er im November 1985 bei einem "kurzfristig" geplanten Treff über einen Studenten, der eine Karte an seine Westfreundin geschrieben hatte. Ein anderer war nicht gewillt, die Verbindungen zur ausgereisten Schwester abzubrechen. Als Maßnahme wurde "Hesse" auferlegt: "Disziplinarverfahren mit Exmatrikulation". Beim nächsten Treff hatte er über die Ergebnisse zu berichten.117 Wenig später schrieb "Müntzer", die Studenten einer Gruppe hätten "sehr naive Auffassungen von der Härte und den Methoden des Klassenkampfes". Grund war menschliches Verständnis für grenzüberschreitende familiäre Bindungen und Mitgefühl für einen Studenten, der deshalb exmatrikuliert worden war.118

Aber auch Ostkontakte konnten als gefährlich eingestuft werden. 13 Medizinstudenten, die in Szczecin/Stettin studierten, wurden aufgrund der Arbeiterproteste 1980 in die DDR "zurückgeführt" und sollten ihr Studium an der MLU fortsetzen. "Zum Vorbeugen evtl. Gerüchtediskus­sionen unter ABF-Studenten und Lehrkörper" wurde, so "Rosental" im November, festgelegt, dass "keinerlei Foren mit diesen Studenten an der ABF anzustreben sind", solche Bestrebungen bzw. "Diskussionen zur Lage" in Polen sowie Einreisen von Polen zu Studenten an die ABF "umgehend auf dem Parteiweg [...] zu melden sind". — "Rosental" hatte allerdings dafür zu sorgen, dass das MfS diese Informationen zuerst bekommt!119

Unerwünscht und je nach den Zeitumständen geahndet wurden auch kirchliche Aktivitäten aller Art. Schon kleins­te Anzeichen religiöser Interessen oder Ansichten konnten zum Anlass weitergehender Untersuchungen werden. Nur ein Beispiel: Die Heimdozentin Sch. fiel 1983 durch die Lektüre des Romans "Jesus von Nazareth" von Brandstädter auf. Sie zeigte sich "uneinsichtig".120 Verdächtig "kirchlich" war auch ihr Äußeres. "Cremer" setzte u.a. "Gisela" auf sie an. Trotz ihrer Beteuerung, keine Bindung an die Kirche zu haben, wurden im Mai 1984 eine OPK und Maßnahmen zur "Rauslösung" der Dozentin veranlaßt.121

Wachsam bis zuletzt
Die ABF hatten immer als Vorbild zu fungieren. Obwohl sie in den Anfangsjahren eine nicht öffentlich bekannt zu machende Institution war, war auch die ABF II immer vorn, wenn es einen Arbeitseinsatz, eine Großveranstal­tung zu bestücken oder Unterschriften zu sammeln galt.122 Der besonderen Fürsorge und Kontrolle von Partei und Regierung konnte sie sicher sein. Dennoch oder gerade wegen dieser dichten Überwachung kam es immer wieder zur Feststellung von "Vorkommnissen".123

Dem heutigen Leser erscheinen diese "Vorkommnisse" als politisch harmloses Gruppenverhalten Heranwachsender, normales jugendliches Aufbegehren oder nachvollziehbare Meinungsäußerung. Die Aufregung, die solche Ereignisse auslösten, und die Spuren, die sie in den Überwachungsdokumenten hinterließen, zeigen aber, für wie gefährdet die SED ihre Interessen durch kleinste Anzeichen unaufgeforderten oder autonomen Handelns halten musste. Besonders rigoros reagierte man, wenn kollektive Handlungen "öffentlichkeitswirksam" oder wie zum Beispiel Unterschriftensammlungen unter Heimbewohnern für einen gänzlich unpolitischen Zweck Kris­tal­li­­­sationskeim unkontrollierter Solidarisierungen werden konnten, denn: Alles war politisch. So wollte im Mai 1968 die Gruppe B14 spontan ihren letzten Schultag begehen und die Schulzeit symbolisch begraben. Mit schwarzer Kleidung und Armbinde, einem Regenschirm mit der Aufschrift "Endlich Abi" und einem Frühstückskoffer mit der Kreideaufschrift "Wir haben den Kanal voll" wollten sie kurz vor 7 Uhr zur Fakultät ziehen. Doch bald wurden sie von einer VP-Streife gestoppt. Der Umzug sei politisch. Zunächst als "Dummer Jungenstreich" abgetan, begann bald die Auseinandersetzung in der Gruppe. Der Vorfall war ideologisch in der Gruppe zu klären und in der Fakultät auszuwerten. Die Dozentenkonferenzen hatten sich damit zu beschäftigen. Auch der Grup­pendozent und andere Dozenten mussten Stellungnahmen zu ihrer ideologischen Fehleinschätzung als "Dummer Jungenstreich" schreiben. Die für ein Studium in der ČSSR und Polen vorgesehenen Studenten waren genau zu überprüfen.124 Die FDJ-Kreisleitung löste kurzerhand die FDJ-Gruppe B14 auf.125

Anfang der 80er Jahre wurde die katastrophale Umweltsituation in der DDR, besonders im Raum Halle, mehr und mehr Gesprächsthema auch unter ABF-Studenten. Entsprechenden Anfragen von Stu­­denten war als Provokation offensiv zu begegnen. Deshalb erhielt eine Dozentin, die "Cremer" der "negativen" Schulz-Gruppe zurechnete, eine Parteirüge, als sie eindeutige Aussagen den Studenten gegenüber in diesen Fragen forderte.126

Der Direktor für Studienangelegenheiten Schiller, für Studiendirektor Dalchow alias "Zweig" zu weich127, versuchte angeblich, so "Cremer", die "Auftritte" von Studenten der Grup­pen 24-27 zu Umweltschutzproblemen und auch das Tragen "pa­zifistischer Aufnäher" "abzuwerten".128 Als sich aus der Sicht von "Müntzer" der negative Perso­nenkreis in der Gruppe 24 vergrößerte, wurden auch "Inge" und "Friedrich" einge­setzt. Die Personen waren zu überprüfen, und nach Rücksprache war eine Aus­landsdelegierung zu verhindern.129 Doch "Müntzer" konnte nur über zwei Studen­tinnen berichten, von denen eine "erst in längeren Gesprächen überzeugt" werden konnte, aus der Kirche auszutreten, die andere aber schon als Trägerin "mit dem pazifistischen Text" "Liebe geht vor Gewalt" "negativ in Erscheinung getreten" war. 14 Tage später hatte sich die Diskussion "verstärkt" ausgebreitet. Nun waren neben den Gruppen 24, 27 und 32 auch schon die Gruppe 4 im UG I infiziert.130 Die für die Sow­jetunion vorgesehene Gruppe 27 hatte mit ihren 26 künftigen Maschinenbau-Studenten und 13 SED-Mitgliedern die Staatsbürgerkundelehrerin K.W. mit "pro­vo­katorischen Fragen" fast zur Weißglut getrieben, so dass sie sich Hilfe suchend an Parteisekretär Irrgang wandte. Maßnahmen: Parteileitung klärt Ursachen der Provokation; "Müntzer" und "Hesse" "personifizieren" den Vorgang; Abt. XX/8 wird informiert; Studenten-IM sind zu befragen; im Wohnheim wird weiter recherchiert; Vorgang kommt in monatliche Lageeinschätzung.131 Als im November 1984 "Arnold Hesse" "gut vorbereitet" zum Treff kommt und über den Studenten berichtete, der im Wohnheim kritische Flugzettel zur DDR-Umwelt­politik im Bezirk Halle angefertigt hatte, konnte Oberleutnant Lehmann notieren: "Disziplinarverfahren durch den IMS auftragsgemäß durchgeführt". Das Material ging zur Stasi Magdeburg, wo der Student herstammte.132

Das MfS betrachtete Umweltschutzdiskussionen grund­­sätzlich als PID, als "politisch-ideologische Diversion" also. "Negative" Diskussionen musste FIM "Münt­zer" wieder im Januar 1985 im Zusammenhang mit dem Smog-Alarm im Westen melden. Oltn. Lehmann verlangte von ihm genaue Berichterstattung zu dieser "PID unter den Studenten" und die Beschaffung der "betreffenden Namen" durch Einsatz von "Bernd" und "Bernstein".133

Auch die ABF-Studenten wurden im letzten DDR-Jahrzehnt aufsässiger. In der ČSSR-Gruppe A15 stellten am 18.1.87 zwei Studenten Forderungen auf, etwa "Wir wollen nicht in kahlen Einheitszimmern wohnen" oder sogar "Wir fordern echte Beteiligung an allen uns betreffenden Angelegenheiten". Den FDJ-Sekretär wollten sie nicht als Vertretung gelten lassen, sie forderten unabhängige Studentenvertreter. Gefragt werden wollten sie, wenn sie am Sonntag zum Arbeitseinsatz sollten. "Münt­zer" kritisierte das politische Versagen der Studenten. Ihre Forderungen würden die "negativen Kräfte in den Internaten" ansprechen. Was mit den Studenten geschah, ist unbekannt. Der Fall kam in die "Lageeinschätzung" und wurde der Abt. XX/8 übergeben.134

Über drei Themen machten sich "Müntzer" und sein Führungsoffizier Lehmann in der kommenden Zeit Sorgen: die "Prozesse in der UdSSR", das "SED/SPD-Papier" und die schlechte Versorgung. Die AKG, die Auswertungs- und Kontrollgruppe des MfS, erhielt die Information, dass verbotene sowjetischen Presseor­gane an der MLU immer noch auf Russisch verfügbar seien und, da die Russischkenntnisse der ABFler überdurchschnittlich gut waren, in der Originalsprache gelesen und "genau ausgewertet" würden. Das "Neue Denken" Gorbatschows verursachte dem Lehrkörper "Schwierigkeiten". Fragen konnten "nicht geklärt" werden.135

Was war sie und was bleibt von ihr?136
Versuche, die ABF II nach dem Herbst ’89 unter dem Namen "Institut zur Vorbereitung auf das Auslandsstu­dium" als gymnasiale Einrichtung der Hallenser Universität zu erhalten, scheiterten. 1992 schloß der letzte Abi­turjahrgang die Reifeprüfung ab. Die hastige Übernahme des westlichen Bildungssystems, das schon lange heftig kritisiert worden war, erlaubte keine Analyse des in der DDR bestehenden Systems auf leistungs- und übernahmefähige Strukturen und Konzepte. Heute wird das von vielen bedauert. Viele Akteure von 1989/90 verbanden mit dem DDR-Schulsystem aber weniger seine Durch­gängigkeit oder seine teilweise modernen Lehrpläne als vielmehr den Namen Margot Honecker. Noch auf dem letzten Pädagogischen Kongress hatte die Ministerin für Volksbildung Kritiker als "unsere Feinde" bedroht.

Generationen von Studenten, die nach ihrem Studium im Ausland oder in der DDR in Wirtschaft, Wissenschaft und Po­litik Karriere machten, wurden durch die ABF geprägt. Was aber wurde ausgeprägt? Die fachliche Ausbildung an der ABF II war exzellent, auf Selbstständigkeit bei der Erarbeitung fachlicher Inhalte wurde von Anfang an großer Wert gelegt. Wie wir gesehen haben, galt das für die Entwicklung gesellschaftlichen und politischen Urteilsvermögens keinesfalls.
Wichtige Protagonisten gewannen auch durch die "Wende" keine neue Sicht. Für manchen sind USA-Reisen immer noch tabu. "Mulle/Meister" Hetsch, dessen enger Mitarbeit sich das MfS rühmte, in den letzten zwei DDR-Dekaden leitend für die ABF tätig,  hält die "Bürger­recht­ler" für die Schuldigen am Niedergang der DDR.137

Die ABF hat viele gute Lehrer gesehen. Nicht jeder hielt dem Druck stand, viele gin­gen, viele "wurden gegangen". Mancher hervorragende Pädagoge ging auch der DDR-Volksbildung verloren, weil diese nicht als erträgliche Alternative erschien. Die Lehrkräfte investierten mit Begeisterung viel Kraft in den Aufbau und Erhalt dieser Einrichtung, in den Unterricht, in die Konzipierung von Lehrplänen, um den hohen Ausbildungs-Anfor­derungen gerecht zu werden. Die äußeren Randbedingungen erleichterten das nicht immer. Eine heute kaum nachvollziehbare Zusatzbelastung waren auch die poli­tisch-gesellschaftlichen Aktivitäten und Auseinandersetzungen, die sie eigen­ini­tiativ, bewusst oder angepasst betrieben  — oder erduldeten.

Die Mehrheit der Absolventen allerdings erinnert sich gern an die Jugendzeit im Studen­tenheim, im Sommerlager, an Prüfungsvorbereitungen und viele Kollektiverlebnisse. Ein Teil davon mag auch üblicher Verklärung jugendlicher Vergangenheit und "erster Liebe" geschuldet sein. Viele der beschriebenen Belastungen und Ängste fielen gewiss unter Wahrnehmungssperren.138 Ihrer Bestimmung gemäß durch­lie­fen die meisten der über 18 000 Absolventen139 eine attraktive, wenn nicht privi­le­gierte berufliche Karriere. Die Jüngeren sind noch in hochqua­lifi­zierten Positionen anzutreffen. Das begründet die Bedeutung der ABF II als "Kader­schmiede", erschwert aber kritische Rückblicke.140 Wilhelm Liebknecht war hart mit der Schule seiner Zeit ins Gericht gegangen: "Der Staat, wie er ist, d.h., der Klassenstaat, macht die Schule zu einem Mittel der Klassenherrschaft. Er kann freie Männer nicht brauchen, nur gehorsame Untertanen; nicht Charaktere."141 Die ABF sollte und wollte eine der SED "ergebene" Intelligenz heranbilden helfen. Kontrollein­heiten waren auch die FDJ- und die SED-Gruppen. In zunehmendem Maße wurde mit geheimdienstlichen Mitteln Bildungswege, Lebensläufe zu steuern versucht. Wenn auch die ABF keinesfalls nur Duckmäuser produzierte und sich oft individueller Selbst­be­hauptungswille durchsetzte: Das kann an vielen nicht spurlos vorbei gegangen sein.142 Die ABF-Geschichte gehört auch zur Repressionsgeschichte der DDR.

Der DDR-Philosoph Helmut Seidel zitierte in der ABF-Erinnerungsveran­stal­tung Fichte und sagte: "›Wer seine Selbständigkeit verloren hat (...) hat zugleich verloren das Vermögen einzu­greifen in den Zeitfluß und den Inhalt desselben frei zu bestimmen. Er wird abge­wickelt‹ (Originaltext!) ›durch fremde Gewalt.‹ Und an anderer Stelle: ›Noch niemals hat ein Sieger Neigung oder Kunde genug gehabt, um die Überwundenen gerecht zu beurteilen. (...)‹ Geben wir also Kunde, damit eine gerechte Beurteilung auf den Weg gebracht werden kann."143

Der vorliegende Text will anhand der ABF II beitragen zur "gerechten Beurteilung" der Frage, wie die SED-Bildungspolitik auf die "Selbstständigkeit" junger Studenten und ihrer Dozenten, ihre Fähigkeit, in den "Zeitfluss einzugreifen", einzuwirken versuchte. Weil die Gleich­schaltung der Hirne misslang, gab es 1989 Kräfte, die die bisherigen Systemstützen entmachteten und eine Einsicht in ihr Herrschaftswissen ermöglichten, das jede Verklärung dieser Zeit Lüge straft. Wie viele aus der Funktions­elite, die die ABF durchliefen, hielten aber der abgewirtschafteten Partei bis 5 Minuten nach 12 hilf- und fraglos die Treue?144 "Ich habe sehr viel damit zu tun, zu fragen, warum sind wir eigentlich nicht mutiger gewesen?", sagt heute eine ABF-Absolventin.145 Ein Teil der Antwort kann sie in den Dokumenten der politisch-ideologischen Erziehungssteuerung nachlesen.

Die umfassende Geschichte der ABF II ist sicherlich noch zu schreiben. Auf dem hier zur Verfügung stehenden Raum und neben einer fordernden beruflichen Tätigkeit war das jedoch nicht zu leisten.146

Karl-Adolf Zech, Dr. rer. nat., geboren 1947 in Thüringen, Abitur 1965 an der ABF II in Halle, Mathema­tik­studium in Berlin, als Entwicklungsingenieur bei der Siemens AG tätig, seit 1995 Mitglied des Bürgerkomitees 15. Januar. Eine erheblich umfangreichere Arbeit zum Thema  ist unter dem Titel " ... nicht nur ein Förderinstitut" in der von der LStU Sachsen-Anhalt herausgegebenen Reihe "Sachbeiträge" erschienen.

1        Reiner Kunze: "auf einen vertreter der macht"; "zimmerlaut­stärke". Fischer Verlag Frankfurt 1972.
2        Arbeiter-und-Bauern-Fakultät – was war sie und was bleibt von ihr für linke Bildungspolitik? Zeitzeugenkonferenz der PDS-Bun­des­tagsfraktion am 9. Oktober 1999 in Halle/Saale, Berlin 2000.
3        Hermann Kant, Die Aula. Roman. Berlin 1965; hier geht es um die ersten Jahre der ABF Greifswald.
4        Michael C. Schneider, Bildung für neue Eliten. Die Gründung der Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten. Dresden 1998 (Hannah-Ahrendt-Institut für Totalitarismusforschung e.V. an der technischen Universität Dresden, Berichte und Studien Nr. 13).
5        Noch bis zum Wintersemester 1947/48 wurden relativ frei die Wahlen zu den Studentenräten abgehalten, wobei die SED überall schlecht abschnitt. Vgl. (Anm. 4), S. 17.
6        Hans-Joachim Lammel, Dokumente zur Geschichte der Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten der Universitäten und Hochschulen der DDR. Berlin 1987. Ders., Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten der Universitäten und Hochschulen der DDR – Auswahlbiographie. Berlin 1989; zur Periodisierung der ABF-Geschichte aus neuerer Sicht s. Ingrid Miethe, "Die Universität dem Volke!". Entwicklungsphasen der Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten (ABF) der DDR, in: Beiheft zum Report: Erwachsenenbildung und Demokratie, 26. Jg., Nr. 1, 2003, S. 215-224.
7    Vgl. Michael Schreiber, Geschichte der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät "Walter Ulbricht" der Martin-Luther-Universität Halle-Witten­berg 1949 bis 1966. Halle/S., Martin-Luther-Universität, Philosophische Fakultät. Dissertation A, Januar 1987.
8    (Anm. 4) S. 8.
9    Ingrid Miethe, "Wir haben die teilweise unter der Kuh hervorgeholt und haben sie aufgeklärt was ABF und was Abitur ist". Bildungsaufstieg aus biografischer Perspektive, in: Jutta Ecarius, Barbara  Frieberts­häuser (Hg.), Literalität, Bildung und Biographie. Perspektiven erziehungswissenschaftlicher Biographieforschung. Opladen 2004; s.a.: dies., "Die ABF hat ihre Mission in Ehren erfüllt". Erfolgs- und Misserfolgsgeschichte der Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten (ABF) der DDR, in: Gisela Miller-Kipp/Eva Matthes u.a. (Hg.), Urteile und Bilanzen in der Historiographie der Erziehung. Bad Heilbrunn 2004.
10    Georg Hagena, Die Vorbereitung von DDR-Studenten auf ein Studium im sozialistischen Ausland (1951-1969): Die Entwicklung der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät II der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zur Arbeiter-und-Bauern-Fakultät "Walter Ulbricht", Institut zur Vorbereitung auf das Auslandsstudium. Halle/S., Martin-Luther-Universität, Philosophische Fakultät, Dissertation A, April 1988, S. 18ff.
11    Ebd., S. 29.
12    Beschluss über die Auswahl, die Betreuung und den Einsatz der Aspiranten und Studenten, die im befreundeten Ausland studieren. Anlage Nr. 1 zum Protokoll Nr. 3/54, TOP 3, der Sitzung des Sekretariats des ZK der SED v. 28. April 1954. SAPMO Bundesarchiv Berlin (BArchB)  DY 30 / J IV 2/3 / 425.
13    Vgl. Beschlussvorlage für das Präsidium des Ministerrates der DDR, Staatssekretariat für Hochschulwesen, Abt. ABF, o.D. (1954), BArchB DR3 1. Sch. 460; ursprünglich hatte man 1000 Studenten vorgesehen.
14    Später Staatssekretariat für Hoch- und Fachschulwesen (SHF), ab August 1976 Ministerium für Hoch- und Fachschulwesen (MHF).
15    Vgl. SAPMO BarchB DY30 531 und 526.
16    Im Januar 1956 gab es unter den 41 Dozenten nur 12 mit Oberstufen- und 16 mit Mittelstufenausbildung, vgl. Schreiben des Direktors Wokittel an das SfH v. 23.3.56 zum Stand der Qualifikation, BArchB DR3 1.Sch. 508; das SfH konnte per "Sonderattestation" bewährten Lehrern unter bestimmten Bedingungen die Oberstufenbefähigung erteilen, vgl. Schreiben SfH an alle ABF-Direktoren v. 14.12.55, ebd.; von 20 Dozenten wurden schließlich 11 befürwortet, vgl. SfH, Feststellung v. 6.2.56 und 10.2.56, ebd.; noch 1965/66 wurden Kadergespräche mit dem Ziel geführt, dass alle Dozenten bis 1970 die Lehrbefähigung bis zur 12. Klasse erwerben, vgl. Hagena (Anm. 10); vgl. auch (Anm. 52). 1987 hatte die ABF 97 DDR-Lehrkräfte und sieben Heimerzieher (davon 74 SED-Mitglieder) sowie 18 Gastlektoren. 46,4 Prozent waren Frauen, 31 Prozent promoviert, 40 Prozent hatten Auslandserfahrungen, vgl. 1. Entwurf einer Konzeption zur Entwicklung der Arbeiter- und Bauern-Fakultät "Walter Ulbricht", Institut zur Vorbereitung auf das Auslandsstudium, bis zum Jahr 2000, 1987, in Treffbericht (TB) IMS "Zweig" v. 24.10.86, BStU Hle VIII 375/70 T.II/1, Bl. 375 ff.
17    Wortlaut aus Aufruf des ZK der KPD und des Zentralausschusses der SPD zur demokratischen Schulreform v. 18.10.45, verabschiedet als Gesetz ("Einheitsschulgesetz") am 23. Mai 1946, verkündet in Thüringen am 12.06.1946 für die gesamte SBZ.
18    Arbeitsrichtlinien zur Auswahl von ABF-Studenten bzw. Oberschülern v. 29.03.1955 (AR I bezog sich auf ABF-Studenten, AR II auf Oberschüler, jeweils für die Vorauswahl; vgl. BArchB DR3 1.Sch. 460; auch: Auswahl-Arbeitsrichtlinien zum Studienjahr 1958/59, BArchB DR3 1.Sch. 485.
19    Vgl. Nachlass Wokittel. Die Praxis folgte den Richtlinien allerdings nicht "buchstabengetreu", wie Wokittel anmerkt. FDGB: Freier Deutscher Gewerkschaftsbund, Einheitsgewerkschaft der DDR.
20    Hans-Joachim Lammel, Hauptreferent der Abt. ABF im Staatssekretariat, beschwerte sich bei der ZK-Abteilung Wissenschaften 1957 telefonisch bitter darüber, dass Kinder von Handwerkern an eine ABF delegiert werden sollen. Es seien allein 4 Pfarrerkinder für die ABF empfohlen worden, vgl. SAPMO BArchB, DY 30 IV 2/ 9.04 /620.
21    Aus der MHF-Direktive für die Arbeit der Zulassungskommissionen v. 1.7.71: Zulassungskommission "... gewährleistet, dass a) die führende Rolle der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistische Partei durch die politische und soziale Zusammensetzung der vorgesehenen Zulassungen gesichert wird. b) ...", SAPMO-BArchB DY 30 IV B 2/9.04, 124.
22    BStU Halle Abt. II, Sachakten Nr. 117 und 118.
23    Vgl. die Reiseverkehrs-VO vom November 1988.
24    Treffbericht (TB) GMS "Mulle" v. 21.11.79 (Anm. 89) Bl. 120f.
25    Wer studiert, macht seine Kindern zu Arbeitern (weil diese nun keine Arbeiterkinder mehr sind und nicht studieren können), so dass die Enkel wieder studieren können. Bereits in den 70er Jahren beklagten Universitätsangehörige, dass ihre Kinder wegen der "falschen" Klassenzugehörigkeit der Eltern hinsichtlich ihrer Bildungschancen benachteiligt sind, vgl. auch Karl Wockenfuß, Streng Vertraulich. Die Berichte über die politische Lage und Stimmung an der Universität Rostock 1955 bis 1989. 2. erweiterte Aufl., Dannenberg 2002, S. 111. Seit den sechziger Jahren verschlechterten sich die Aufstiegschancen echter Arbeiterkinder allerdings zunehmend, zum Schluss besaßen sie sogar geringere Chancen als in der Bundesrepublik, vgl. Rainer Geißler, Die Sozialstruktur Deutschlands. Ein Studienbuch zur Entwicklung im geteilten und vereinten Deutschland, Opladen 1992, zit.: (Anm. 4).
26    Vgl. z.B. Wokittels Rechenschaftsbericht 1955/56; o.D., BArchB DR3 1.Sch. 461. Ziel war die Erhöhung der Selbständigkeit durch Selbsttätigkeit. Nach dem XX. Parteitag der KPdSU sei eine "Atmosphäre reger Diskussion" entstanden, in der sich "die Mehrzahl der jungen Genossen" von "schematischen und dogmatischen Vorstellungen befreite". Zur Selbständigkeitserziehung gehöre, dass eine Fakultätsordnung den Studenten nicht einfach vorgesetzt werde, sondern diese müsse erwachsen "unter Mitwirkung, Mitdenken und Mitgehen jedes einzelnen Studenten". Lehrkräfte seien nur Repräsentanten der Lebenserfahrung, keine Amtspersonen mit Anordnungsgewalt, vgl. auch: Die Aufgaben der Direktion im I. Tertial des Studienjahres 1956/57 v. 10.10.1956, ebd. Die unterschiedlichen Erziehungskonzeptionen von ABF I und ABF II waren Gegenstand einer Sitzung der Universitätsparteileitung (UPL) am 28.9.1956. Gegenüber Wokittels Zielstellung wurde die Praxis der ABF I - Direktion als Festhalten an alten Methoden, die hemmen, charakterisiert, vgl. Protokoll Nr. 3 der Leitungssitzung, 1.10.1956, SAPMO-BArchB DY 30/IV 2/9.04/526.
27    Über die Parteileitungen setzte die SED die "führende Rolle der Arbeiterklasse und ihrer Partei" durch. So korrigierte z.B. die SED-Organisation der ABF im März 1957 den Lehrplan im Fach Gesellschaftswissenschaften.
28    Dergleichen wird der spätere Direktor Syniawa bei dem Physikdozenten K. auch tun, was die Partei sofort wieder rückgängig macht und zu heftiger Kritik veranlasst: K. sei fachlich gut, politisch "unbrauchbar". Vgl. Parteiorganisation d. SED der MLU, UPL-Sitzung v. 13.9.63, SAPMO-BArchB DY 30/IV A 2/9.04/404.
29    Vgl. Nachlass Wokittel.
30    Vgl. Lage im Lehrkörper der ABF II, Bericht von Otto Irrgang an die SED-Leitung der MLU, v. 27.6.57, LHASA, SED GO MLU Halle, IV/7/501 Nr. 19 Bl. 165ff.; vgl. auch (Anm. 29) sowie: Auszug aus dem Protokoll der Parteileitungssitzung v. 8.7.1957, LHASA, SED GO MLU Halle IV / 4 / 501 / 32, Bl. 143. Hans-Joachim Lammel, ABF-Referent im SfH, berichtete am 6.9.1957, nach der Flucht Wokittels, dass zwischen Wokittel und der gesamten Parteileitung Spannungen und Differenzen bestanden und die Ergebnisse der politisch-ideologischen Erziehungsarbeit vom SfH kritisiert wurden. Im Frühjahr habe man für den Herbst eine Überprüfung "durch eine Brigade" beschlossen. Wokittel habe in den letzten Monaten eine Reihe "politisch-labiler" Dozenten "um sich geschart" und gegen den Willen der Parteileitung Dozenten belassen bzw. neu eingesetzt. Handschriftlicher Zusatz zu einem Gespräch mit Tschersich, ZK-Abteilung Wissenschaft: "die schlechte kadermäßige Zusammensetzung des Lehrkörpers" sei gerügt worden, "baldige Änderung (Auswechslung) ist dringend geboten", vgl. Aktenvermerk v. 6.9.1957, BArchB DR3 1.Sch. 553.
31    Auch konnte er durch seine Sprachkenntnisse polnische Zeitungen lesen und zu den Unruhen in Polen informieren.
32    Vgl. (Anm. 29).
33    Ob und wie sich das MfS in diese Auseinandersetzungen einmischte, ist bisher nicht bekannt. Es wurde nach Wokittels Flucht sehr aktiv. Weil Wokittel durch einen Doppelagenten Briefe in die DDR schleusen wollte, vermutete das MfS Agententätigkeit für einen US-Dienst, vgl. ZOV "Verschwörer", AOP 282/61, Teilvorgang 9, B. 1. Sein Freund Kurt Pelz besuchte ihn Anfang Januar 1959. Er war als GI "Hoffmann von der Abteilung II/1 des MfS zu ihm geschickt worden, um diese Frage zu klären. Pelz zeichnete in seinem Bericht ein außerordentlich positives Bild Wokittels, der nur wegen der ABF-Parteileitung die DDR verlassen habe (Bl. 272-282). Wokittel hatte aber Pelz‘ Besuch richtig eingeschätzt (vgl. Anm. 29).
34    Vgl. Schreiben Wokittels an das Staatssekretariat vom 3. August 1957. BArchB DR3 1. Sch. 461; vgl. auch (Anm. 29).
35    Vgl. (Anm. 29); diese ABF-Parteileitungssitzung fand am 31. 8.1957 im Beisein von UPL-Mitgliedern statt. Für den 4.9. war die Dozentenkonferenz zur Vorbereitung des neuen Studienjahres vorgesehen. Innerhalb der Partei sollte die "Auseinandersetzung mit Wokittel" fortgesetzt werden, vgl. (Anm. 30). Vgl. auch Bericht der Parteileitung (Alfred A.) der ABF II über die Lage an der Fakultät, o.D., LHASA, SED GO MLU Halle IV / 4 / 501 / 32, S. 144ff.
36    Er hatte 1950 versucht, aus der SED auszutreten; während des 17. Juni 1953 verweigerte er einen Streikbrechereinsatz seiner Studenten von der ABF Freiberg (Baustelle Zinkhütte Freiberg, wo 1200 Bauarbeiter des VEB Bauunion Dresden die Arbeit niedergelegt hatten, vgl. (Anm. 29) und BStU, C-XX-309, Bl. 77). Letzteres wußte das MfS – im Gegensatz zu Wokittels Vermutung – wahrscheinlich nicht. Es wußte aber, dass er mit seinen Studenten RIAS gehört hatte, vgl. ZOV "Verschwörer", (Anm. 33), Bl. 50.
37    Vgl. Bericht der Parteileitung, (Anm. 35).
38    Vgl. (Anm. 29 und 30).
39    GI "Pfeil" nennt in einem seiner ersten Berichte drei Interpretationen der Flucht im Lehrkörper: 1) der Agent setzte sich ab; 2) wurde unter Druck gesetzt; 3) Affekthandlung wegen Kritik an ihm. "Pfeil" soll daraufhin genau zuordnen, welcher Dozent welche der Thesen vertritt. Vgl. Bericht v. 12.9.57, (Anm.66) T.II/1 Bl. 8.
40    Der "liberale", der freie, selbstbewusste, mündige Bürger passte weder in die NS-Welt noch in den Kommunismus. Daher konnte man "Liberalismus" als Schimpfwort gebrauchen.
41    Ein Bericht der Parteileitung der ABF II über die Lage an der Fakultät urteilt, dass die Erziehung zur Selbständigkeit teilweise in "Demokratiespielereien" ausgeartet sei. Die Parteileitung habe es nicht verstanden, die "Direktionsarbeit politisch mit Erfolg anzuleiten", vgl. LHASA, SED GO MLU Halle, IV/7/501 Nr. 48, S. 375ff. Beklagt wird auch ein schwach entwickeltes Klassenbewusstsein bei einem großen Teil der Studenten.
42    Vgl. z.B. auch die Leitungsvorlage von Hans-Joachim Lammel "zur Entwicklung und den Aufgaben der Arbeiter- und Bauern-Fakultäten" v. 18.10.1958, wo als Ursache mangelndes Verständnis der Beschlüssen des XX. KPdSU-Parteitages und der 3. SED-Parteikonferenz angegeben wird. BArch DR3 1.Sch. 569.
43    Bericht der Parteileitung über die Lage an der Fakultät, o.D.; Protokoll der Parteiversammlung am 17.10.1957; Referat der Parteisekretärin Gerti Schubert, o.D.; vgl. LHASA, SED GO MLU Halle, IV/B /7/501 Nr. 48, S. 375ff.
44    Verbreiteter Vorwurf gegen SED-Mitglieder im Uni-Bereich: "laue Haltung", "fehlender Klassen­instinkt" usw.; so argumentierend wurde die "Einheit und Geschlossenheit der Partei", die geistige Unterordnung unter die Parteidisziplin, durchgesetzt. Zwischen 1954 und 1961 flüchteten 752 Hochschullehrer nach Westdeutschland, zwei Drittel davon in der Einschüchterungsperiode 1957 bis 1959, vgl. auch Wockenfuß (Anm. 25) S. 66. Seitdem gab es keine "politisch-ideologischen Richtungskämpfe" mehr, ebd. Für den Zeitraum 1952 bis 1961 zählt Jessen 1700 Professoren, Dozenten und Assistenten, die abwanderten, vgl. Ralph Jessen, Akademische Elite und kommunistische Diktatur. Die ostdeutsche Hochschullehrerschaft in der Ulbricht-Ära. Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Göttingen 1999, S. 46, zit: Andreas Malycha, Frost nach dem Tauwetter, DA 2/2002, S. 237ff.
45    GI: Geheimer Informator; GHI: Geheimer Haupt-Informator, später "FIM": ein inoffizieller Mitarbeiter des MfS, der andere inoffizielle Mitarbeiter (GI/IM) führt.
46    Die drei GI "Bernd", "Pfeil" und "Loch" wurden auf Wokittel nahestehende Dozenten angesetzt, u.a. GI "Pfeil" auf Gerhard Büchner, vgl. Maßnahmeplan (Anm. 33, Bl. 64),
47    Vgl. Kaderspiegel der ABF II Halle, BArchB DR3 1.Sch. 543.
48    Vgl. auch Informationsbericht (IB) von UPL-Sekretär Guschl an das ZK v. 8.10.57, SAPMO BarchB DY 30 IV 2/ 9.04 / 529, S. 388ff; IB v. 23.10.57, ebd. S. 395; Protokoll der Parteileitungssitzung v. 16.12.1957, LHASA, SED GO MLU Halle, IV/7/501 Nr. 49, S. 267ff.
49    Auf der UPL-Sitzung am 18.10.57 wurde dem Antrag Kempes auf Entlastung als ABF II – Direktor stattgegeben, am 26.10.57 wurde vorgeschlagen, Kempe in seine Funktion an der ABF I zurückzuversetzen, "da [er] über die Richtigkeit der gegenwärtig durchzusetzenden Parteilinie an der ABF II ernste Beden­ken hat (...)". vgl. LHASA, SED GO MLU Halle, IV / 7 / 501 / 19, Bl. 236-238 und Bl. 216-220. Auf den Leitungssitzungen v. 29.11.57 und 13.12.57 musste Kempe sein Verhalten rechtfertigen und wurde von der Partei mit einer Verwarnung bestraft. Er verlor seine Parteileitungsfunktionen, Bl. 266-270, 243-248. Vgl. auch Schreiben des SfH, Abt. Lehre und Forschung, an den MLU- Rektor Prof. Stern, v. 10.12.1957, BArchB DR3 1. Sch. Nr. 461.
50    Die "Überspitzungen" dieses Dogmatikers an der ABF I bereits 1955 hatten für ihn nur deshalb keine negativen Konsequenzen, weil sonst Reformer bzw. Abweichler ("Sozialdemokratisten") Recht bekommen hätten, vgl. SAPMO BArchB, DY 30/IV 2/9.04/529; auch BArchB DR 3 1.Sch. 518. Ebschbach wird später Prorektor für Studienangelegenheiten der MLU, vgl. SAPMO BArchB DY 30/IV 2/9.04/530.
51    Vgl. auch Bericht Gerti Schubert "Stand der politisch-ideologischen Führungsarbeit an der ABF II", v. 25.6.1958, UAH Rep. 36 Nr. 1365. Schubert bemängelt auch, daß man es ungenügend verstanden habe, den Hass gegen den Imperialismus zum immanenten Bestandteil jedes Unterrichts zu machen. Viele Studenten hätten "die sozialistische Perspektive für ganz Deutschland" nicht erkannt. Studenten wurden zum Kirchenaustritt gedrängt.
52    Vgl. Direktoratsbesprechung v. 24.9.59, SAPMO-BArchB DR3 1. Sch. 524; auch GMS "Mulle" (Anm. 89) Bl. 29, 36.
53    Vgl. BArchB, DR 3 1. Sch. 498; Rechenschaftsbericht ABF II Halle (Horst Eschbach).
54    Vgl. Rechenschaftsbericht (Anm. 26); "Wachen" gab es von Anfang an bis in die 80er Jahre.
55    Das an der ABF eingesetzte MfS-Potential kann hier nur anhand einiger Beispiele untersucht werden. Studenten-IM wurden kaum betrachtet. Sie wurden vor allem nach ihrer ABF-Zeit tätig.
56    Otto Irrgang, Sohn eines NSDAP-Parteigenossen, begann als Neulehrer, legte 1951 das Staats­examen in Geschichte und Erdkunde für die Mittelstufe ab und war bis 1954 Dozent an der ABF Leipzig, Vgl. BStU AIM "Thomas Müntzer" Hle 2183/89; T.I und BArchB DR3 1.Sch. 543.
57    Karl-Heinz Schiller, 1943 zum Fernaufklärer der Luftwaffe ausgebildet, wurde Mitglied des NS-Fliegerkorps und der NSDAP, angeblich "ohne sein Wissen und in Abwesenheit" (dieses Argument spielt gegenwärtig in der öffentlichen Debatte eine große Rolle und ist nicht gänzlich unglaubhaft; allerdings sollen nur solche Personen auf diese Weise "übernommen" worden sein, die aktiv in den verschiedenen NS-Gliederungen tätig waren). Nach 1945 wurde er, vom NS-Vorwurf entlastet, Neulehrer, Schulleiter, Leiter einer Lehrerausbildungsstätte und 1951 ABF-Dozent in Leipzig, 1954 kam er als Fachgruppenleiter für Geschichte an die ABF II; 1954 gehörte er zur ZK-Kaderreserve; vgl. BStU AIM "Rosental" Hle 3004/85 Teil I. Im August 1985 wurde er zum GMS umregistriert, vgl. BStU GMS Hle VIII 1769/85.
58    Ab 1984 XX/8; Aufgabe der Linie XX war u.a. die Aufdeckung und Bekämpfung "politisch-ideolo­gischer Diversion" (PID) und der "politischen Untergrundtätigkeit" (PUT); die Abteilung XX/8 war für das Bildungs- und Hoch- und Fachschulwesen zuständig. Vgl. auch Matthias Braun, Vorbeugende Bear­beitung. Das MfS an den Hochschulen der DDR. Deutschland Archiv (DA) 6/1997 S. 912ff.
59    SfS: Staatsekretariat für Staatssicherheit. Nach dem Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 wurde das MfS zeitweise dem Ministerium des Innern als Staatssekretariat unterstellt.
60    Die Hauptabteilung II/6 (später II/14) war mit der operativen Sicherung der DDR-Studenten­de­le­ga­tion im jeweiligen Gastland beauftragt, mit der Ausschaltung von Personen mit Un­sicher­­heits­faktoren, mit der Überprüfung des Studienabteilungspersonals, vgl. (Anm. 81) T.I/1, Bl 134f.
61    IMK: IM zur Bereitstellung konspirativer Wohnungen usw.
62    AfNS: Amt für Nationale Sicherheit, die neue Bezeichnung, die sich der Hauptteil des MfS während der Revolution 1989 eilig gab.
63    Vgl. BStU Hle GI "Bredel" 2730/66 T.I Bl. 33.
64    Da GHI aber nach den Richtlinien nicht direkt mit Quellen, sondern mehreren GI zu arbeiten hatten, wurde diese Methode 1960 wieder aufgegeben; die meisten arbeiteten von da an als GI unter der Füh­rung eines Dozenten-GHI; vgl. z.B. "Bredel", ebd. Bl. 46.
65    Die Deutschdozentengruppe habe zu den Ungarnereignissen und danach eine "sehr schwankende Haltung" gezeigt. "Bernd" sollte wegen seines guten Kontaktes in die Gruppe "eindringen" und sie "aufklären". Er wurde am 20.1.56 verpflichtet und am 27.7.1957 förmlich als GI registriert, vgl. BStU Hle 1846/69 Bl. 13 und 41; nach Wokittels Flucht sollte er an diesen heran geschleust werden. GI "Ludwig" und "Thomas Müntzer" hielten ihn anfangs für ideologisch noch nicht "fest" genug. "Bernds" Aufgaben waren später vor allem die Studenten. Ab 1969 arbeitete er als GMS. Vgl.  GMS "Bernd" Hle VIII 1554/80. Ab 1966 wurde er durch GHI "Pfeil" und, nach seiner Rückkehr an die ABF 1976, durch "Müntzer" geführt. 1980 wurde er HFIM "Cremer" übergeben
66    Vgl. BStU GI "Pfeil" Halle 2148/72; entschuldigend schreiben die Werber, dass mit ihm ein Genosse angeworben werden musste, weil der Lehrkörper nur aus Genossen bestehe. Werbungslegende war ein Waffenfund im Physiklabor im Mai 1957. Mainzer war mit Wokittel sogar gegen einen Parteileitungsbeschluss aufgetreten, einen Studenten vom Auslandsstudium auszuschließen, vgl. T. I/1 Bl. 51. 1958 wurde Mainzer Parteileitungsmitglied.
67    Vgl. (Anm. 63) T.I; Buchsbaum kam wie Lutz Müller 1954 nach einer Dozententätigkeit an der ABF Jena zur ABF II. 1965 promovierte er zur Links-Entwicklung der USPD.
68    Durch Verhinderung geheimer Tätigkeit ihrer Funktionäre sicherte sich die SED ihre führende Rolle gegenüber dem Geheimdienst. Höhere Funktionäre durften auch nicht "bearbeitet", bespitzelt werden. Einer "offiziellen" Zusammenarbeit stand natürlich nichts im Wege.
69    BStU Hle AIM "Tröger" 841/77, verpflichtet 28.11.57. Dröscher war Chemie-Dozent.
70    BStU Hle GI "Tucholski" 1861/69, verpflichtet 19.12.1957. Pöhland war ABF-Dozent für Geschichte und Geographie in Leipzig, bevor er 1954 nach Halle kam.
71    Ebd. Bl. 69. GMS (Gesellschaftliche Mitarbeiter Sicherheit) waren seit 1968 MfS-Mitarbeiter, die als gute Genossen bekannt waren und daher nicht die Möglichkeiten eines GI bzw. IM hatten. Vgl. GVS MfS 008 Nr. 1001/68 vom Januar 1968, herausgegeben durch den BStU in: Die Inoffiziellen Mitarbeiter. Richtlinien, Befehle, Direktiven. BStU Reihe A 1992; sie stellten eine "wertvolle Ergänzung der operativen Basis" dar, vgl. Das Wörter­buch der Staatssicherheit, GVS-o001 MfS JHS-Nr.: 400/81, Potsdam April 1985, herausgegeben durch den BStU 1993. Vgl. BStU Hle GMS "Tucholski" AGMS 831/85.
72    Vgl. GMS "Tucholski", ebd. Bl. 4f.
73    Vgl. BStU Hle IM "Braun" VIII/870/72, Bl. 9ff.
74    Ebd. Bl. 11 ff.
75    IME: "Experten-IM".
76    Vgl. Steffen Reichert, "Auf der Suche nach dem Feind" – Die Martin-Luther-Universität und die "politisch-operative Absicherung" nach innen durch das Ministerium für Staatssicherheit, in: Hermann-J. Rupieper (Hg.), Beiträge zur Geschichte der Martin-Luther-Universität 1502-2002. Halle 2002. Als Schüler im Chemieunterricht erlebte ich Scholz als braven, freundlichen, völlig unaggressiven Mann. Dozenten wussten ihn jedoch als jemanden einzuschätzen, der "es dick hinter den Ohren" hat.
77    Vgl. 33. Sitzung der Enquête-Kommission des Deutschen Bundestages, 26.3.1993, S. 1 und 3; zit. in Julius Schoenemann, Angela Seifert:Der große Schritt. Die Dritte Hochschulreform in der DDR und ihre Folgen. Rostock 1998, S.13 ff.
78    Vgl. Verstärkung der politisch-operativen Arbeit auf dem Gebiet des Hoch- und Fachschulwesens und der Volksbildung, Vertrauliche Verschlusssache MfS 008 Nr. 765/69 vom 20.12.1969. BStU ZA MfS-BdL/Dok. Nr. 001378. Dem waren auch Jugendkrawalle zum 20. Jahrestag der DDR vorausgegangen, vgl. Schreiben des Ministers für Staatssicherheit v. 02.09.1968. BStU, ZA, BdL, Dok. 001087, Bl. 1 ff. sowie MfS-Befehl Nr. 33/69 vom 17.10.1969. BStU, ZA, BdL, Dok. 001375, Bl. 1 ff., wo eine Personalverstärkung angeordnet wurde; vgl. Reichert (Anm. 76).
79    So berichtete "Brigitte Klein" (Anm. 94) T.II/1 Bl. 43R über solche Verdächtigungen, die aber ihr Führungsoffizier im Protokoll für unzutreffend erklärt.
80    HA II bzw. Abt. II/6, später II/14, zuständig auch für Auslands- und Reisekader; sie war beauftragt, die "operative Sicherung der DDR-Studentendelegation im jeweiligen Gastland zu gewährleisten"; (Anm. 81) T.I/1 Bl. 134.
81    Vgl. BStU Hle AIM "Arnold Hesse" 3050/88 T.I/1 Bl. 75f.
82    Ebd. Bl. 77.
83    "Schaffung einer perspektivvollen IM-Basis unter den vorgesehenen Auslandsstudenten", ebd. Bl. 11.
84    Ebd. Bl. 112f. Hauptmann Enzmann, Führungsoffizier von Büchner, diagnostizierte allerdings Durchsetzungsprobleme beim IM "Klein".
85    Vgl. BStU Hle AIM "Bernstein" 717/89 T. I.
86    Vgl. BStU Hle AGMS "Alex" 748/89.
87    1976 gründete man die erste MfS-Objektdienststelle innerhalb einer Universität an der TU Dresden, ausgestattet mit 28 Planstellen; vgl. Reichert (Anm. 76).
88    Vgl. Führungsordner HSG 14, SA Nr. 118, Abt.II, Bl. 21ff.
89    Vgl. BStU Hle GMS "Mulle" VIII 1553/80. "Mulle" war der bekannte Spitzname von Hetsch. Er war noch als Pädagogikstudent 1959 in die Bresche gesprungen, als die ABF an Dozentenmangel litt, wurde haupt- und nebenamtlicher FDJ-Sekretär der ABF II, Mitglied der FDJ-Kreisleitung der Universität und Mitglied der Parteileitung. Hetsch erwarb sich Verdienste, als er das "maschinelle Rechnen" in den Unterricht einführte.
90    Ebd. Bl. 100.
91    Ebd. Bl. 140.
92    OibE: Offizier im besonderen Einsatz; Stasi-Mitarbeiter, der offiziell eine andere Funktion wahrnimmt.
93    Vgl. BStU Hle IMS "Erich" 3060/84.
94    Vgl. BStU Hle AIM "Brigitte Klein" 2382/80. Sie wurde als GMS weitergeführt.
95    Vgl. BStU Hle GMS "Friedrich" XV 6989/80. Unter diesem Decknamen  führte das MfS den Rus­sischdozenten Georg Hagena. Er war wissenschaftlicher Sekretär an der ABF gewesen, hatte die Funktion des Informationsbeauftragten inne, wurde ABF-Parteileitungsmitglied und 1984 stellver­tre­tender ABF-Direktor. Bis 1985 war er verantwortlich für die Auswahl und Delegierung der Studenten. Im September 1988 wurde Hagena als Nachfolger von Dr. Horst Fiedrich zum letzten ABF-Direktor beru­fen, kurz nachdem er mit einer umfangreichen Dissertation über die ABF II promoviert hatte, vgl. (Anm. 10); er erhielt dafür vom MfS ein wertvolles Bücherpräsent, T. I Bl. 64.
96    Vgl. BStU Hle AIM "Gisela" 778/84 T.I Bl. 16f.
97    Hinter dem hauptamtlichen Führungs-IM (HFIM) "Cremer" verbirgt sich Wolfgang Schröder, MLU-Angestellter mit einem Scheinarbeitsverhältnis (Kader­refe­rent), vgl. BStU Hle HFIM "Cremer" VIII 881/71; vgl. hierzu auch: Steffen Reichert, Bis ins nächste Jahrtausend. Dissertation. In Vorbereitung. Er wurde 1971 als hauptamtlicher IM geworben mit einem zweiten Gehalt vom MfS und führte bis zu 30 IMS/GMS. Über ihn schrieb sein Führungsoffizier Gerhard Juneck, seit 1983 Major, seine Fachabschlussarbeit an der JHS Potsdam: "Analyse der Wirksamkeit des im Verantwortungsbereich der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg tätigen HFIM-Systems "Cremer" (...)." BStU, ZA, JHS 1054/84, 1985. 1987 wurde er Mitarbeiter im MLU-Direktorat für internationale Beziehungen. Das MfS nutzte ihn fortan als IM-Experten in Schlüsselposition. Cremer berichtete sehr denunziatorisch und gehässig auch über völlig angepasste Dozenten wie Dr. Büchner und Dr. Hetsch, z.B. "Cremer" T.II/4 Bl. 183, 256 und II/5, Bl. 31, 60.
98    Auch IM "Frank" war hauptamtlicher IM mit Scheinarbeitsverhält­nis und in der MLU-Per­so­nalabteilung tätig, vgl. BStU Hle, VIII 1265/64; vgl. auch (Anm. 55).
99    Vgl. (Anm. 73).
100    (Anm. 96) Bl. 14 und 83f.
101    Aufgabe dieser Abteilung war die legale Abdeckung von Stasi-Residenturen in "Dritten Ländern".
102    Aufgabe der HVA-Abt. XI: "Aufklärung Nordamerika und US-Einrichtungen BRD"
103    Vgl. BStU Hle AS 280/87; auch: Andreas Förster, Noch nicht enttarnt, Berliner Zeitung vom 10.11.1998, S. 3. Im Internet: www.cicentre.com/Documents/DOC_60Min_Response.htm. Vgl. Befehl Nr. K 3158/89 vom 7.10.1989, BStU HA KuSch Nr. 891, Bl. 38.
104    "Konzeption zur Gestaltung der IM-Arbeit unter den im sozialistischen Ausland studierenden DDR-Bürgern", v. 3.6.82 (Abschrift), HA II/14. Vgl. (Anm. 88) Bl. 13-20; Oberleutnant Lehmann über­arbei­tete 1989 die Liste der interessierenden Fachgebiete, indem er über die Hälfte davon strich.
105    "Neue Anforderungen und Bedingungen der politisch-operativen Abwehrarbeit der Linie II im Zusam­menhang mit Prüfungshandlungen bei der Zulassung von Auslandsstudenten", o.D., vermutl. Okt. 1989; ebd. Bl. 2ff.
106    System Gen. Lehmann Stand Nov.87, Sachakten 118,BStU Hle SA Nr. 118.
107    Vgl. IB "Wie führt die Parteiorganisation den Kampf gegen das Westfernsehen und Hören von Westsendern?" der UPL vom 9.7.66, LHASA, SED GO MLU Halle, IV/7/501 Nr. 256, S. 134f. An den Problemschwerpunkten zeige sich das Westsenderhören in der Benutzung von westlichen Argumenten, z.B. in "der Verherrlichung der Freiheit und Demokratie in Westdeutschland, der Entstellung der Politik der SED". Nicht wenige Genossen würden nicht offensiv dagegen auftreten, die Sache verniedlichen. Noch 1985 wusste "Rosental", jetzt GMS, laut FIM "Cremer" über den Einfluss westlicher Massenmedien zu berichten, dass "negative Erscheinungsformen in der sozialistischen Gesellschaft durch den Gegner hineingetragen werden", was zu "entsprechenden Fragen" im Unterricht führe, vgl. Bericht GMS "Rosental" v. 25.9.86 (Anm. 57) T.I Bl. 59f.
108    Vgl. "Rosental" (Anm. 57) T.II/1 Bl.8f. Sofortinformation an den Informationsbeauftragten der MLU v. 20.11.75. Darin werden vier Studenten und beide Elternteile namentlich angegeben. Mit dieser Gruppe gäbe es schon länger Diskussionen zur Abgrenzungsfrage. Das Zitat lautet: "Denke daran! Das Abhören ausländischer Sender ist ein Verbrechen gegen die nationale Sicherheit unseres Volkes. Es wird auf Befehl des Führers mit hohen Zuchthausstrafen geahndet". Vgl. auch "Bernstein" (Anm. 85) T.II/1 Bl. 128f.
109    TB "Mulle" v. 19.9.79 (Anm. 89) Bl. 116f.
110    Bericht "Müntzer" "Einschätzung der Situation an der ABF ›Walter Ulbricht‹ zum Abschluß des Studienjahres 1983/84" v. 3.7.84 (Anm. 56) T.II/4 Bl. 293ff.
111    TBB "Müntzer" v. 8.6.77, in GMS "Alex" (Anm. 86) T.2 Bl. 39f. Am "Reileck" befand sich das Unterrichtsgebäude II.
112    Zum Beispiel TBB "Müntzer" v. 3.2.78, (Anm. 56) T.II/3 Bl. 261f., aufgrund von "Hinweisen" durch "Bernd". Mit einem Gruppendozenten waren deshalb "Auseinandersetzungen" zu führen.
113    TBB "Bernstein" v.8.1.76, 7.30 Uhr, (Anm. 85) T.II/1 Bl. 130f.
114    VSH = Verdichtungs-, Such- und Hinweiskartei des MfS.
115    TB "Müntzer" v. 12.10.84, (Anm. 56) T.II/4, Bl. 303f.
116    BStU Hle AIM "Elsa" 3368/85 T.I/1. Eine Möglichkeit zur Diplomierung in der DDR wurde organisiert.
117    Als Beispiel: TB "Arnold Hesse" v. 2.11.85 (Anm. 81), T.II/2 o.Pagin.
118    Bericht "Müntzer": "Verhalten der Seminargruppe A7 (Biowissenschaften) der ABF im Zusammenhang mit der Exmatrikulation des Studenten               " v. 17.1.86, Anm. 56 B.II/4 Bl.356ff.
119    Bericht FIM "Rosental" v. 12.11.80 (Anm. 57) T.II/1 Bl. 12.
120    Vgl. TB "Müntzer" mit "Bernstein" v. 9.2.84 (Anm. 109) T. II/2 Bl.12f. Vgl. auch Bericht "Müntzer", Kolln. (...), Heimerzieherin in dem Internat der ABF, v. 16.1.84, T.II/4 Bl.231f. auf Basis IM "Bernstein" und stellv. Direktor Büchner.
121    Vgl. TB "Müntzer" v. 23.5.84, T.II/4 Bl. 282f.; vgl. auch Informationsbericht (IB) HFIM "Cremer" v. 11.10.83, OPK "Fakultät", BStU Hle AOPK "Fakultät I", o. Pag.
122    Vgl. z.B. Hagena (Anm. 10) Anl. 13, Gesprächsprotokoll Büchner.
123    Auf drei Ebenen wurde über Stimmungen und Meinungen, Vorkommnisse und Probleme berichtet: auf der staatlichen Ebene, z.B. Universität – Ministerium, über die SED und über das MfS. Nach oben zu wurden diese regelmäßigen Informationen zwar verdichtet, aber wie wir wissen, konnte die Informationsfülle wenn noch erfasst, so doch zunehmend nicht angemessen in Maßnahmen genutzt werden. So wurde eine ergiebige Quelle zeitgeschichtlicher Daten für die Nachwelt geschaffen.
124    Information von Parteisekretär Buchsbaum an die Bezirksleitung Halle der SED vom 23.05.68. LHASA, SED BL Halle, IV//B-2/9.02 / 667, S. 152f. Den Parteigenossen der ABF wurde als sensibler Punkt das Wort "Abi" vermittelt. ABI war in der DDR die "Arbeiter- und Bauern-Inspektion", die in der Wirtschaft Kontrollfunktionen wahrnahm.
125    Der SED-Bezirksverantwortliche für Wissenschaft Dr. Conrad erfuhr von den FDJ-Chefs des Bezirkes und der Uni, dass sie damit ein Exempel zur Festigung der Kampforganisation statuieren wollten, ebd. S. 169ff.
126    IB "Cremer" v. 9.5.84, BStU Hle AOPK "Fakultät I" 3028/84 o.Pag.
127    Einschätzung Dr. Schiller, Tonbandabschrift 12.06.85, BStU Hle GMS "Rosental" VIII 1769/85, Bl. 43 ff:
128    TB "Cremer" v. 17.4.84 (Anm. 97) T.II/5 Bl. 225f.
129    TB "Müntzer" v. 23.3.84 (Anm. 56) T.II/4 Bl. 251f.
130    Bericht "Müntzer" v. 16.4.84 (Abschrift), ebd. Bl. 257.
131    Mündliche Information FIM "Thomas Müntzer" 16.4.84, ebd. Bl. 288f.
132    TB "Arnold Hesse" v. 20.1.84 (Anm. 81) T.II/2 o.Pag.
133    TB "Müntzer" v. 29.1.85, (Anm. 56) T.II/4 Bl. 314f.
134    TB "Müntzer" v. 19.1.87 (Anm. 56) T.II/4 Bl. 394ff.
135    Ebd. Feb.87 bis Apr.88, Bl. 398f., 402f., 429ff., 448ff.
136    Motto der PDS-Veranstaltung zur ABF (Anm. 2).
137    Dieter Hetsch am 13.12.01 in einem Internetforum: "Nach 12 Jahren zeigen Sie endlich Ansätze zu begreifen, was die weltfremde Politik der Bürgerbewegung angerichtet hat. Sie wollten den Sozialis­mus verbessern und haben Krieg und Menschenverachtung über uns gebracht. (...)"
138    Ein großes Arbeitsgebiet für Psychologen vieler Ausrichtungen nach den zwei deutschen Diktaturen, vgl. u.a. das Buch von Annette Simon, die ursprünglich dem DDR-Kommunismus sehr nahe stand: Versuch, mir und anderen die ostdeutsche Moral zu erklären, Gießen 1995. – Was sagt es aus, wenn mancher heute sagt, nichts von dem Bedrängenden der damaligen Zeit mitbekommen zu haben?
139    Diese Zahl gibt Hagena an, (Anm. 2) S. 33.
140    Dass den ABF-Jahrgängen ein begeisterter Korpsgeist eigen ist, wird an der stark frequentierten ABF-Homepage www.abf-iva.de sehr deutlich. Sie verschwand allerdings Anfang dieses Jahres just in dem Moment, als dort eine Diskussion über die Rolle des MfS an der ABF II in Gang kam.
141    Festrede Liebknechts "Wissen ist Macht, Macht ist Wissen" anlässlich der Stiftung des Dresdner Bildungsvereins 1872. In: Erziehung und Gesellschaft, Berlin DDR 1968, S. 70.
142    Zur Elitenbildung in der DDR sagt Horst Dohle, ehemals Mitarbeiter im Staatssekretariat für Kirchen­fragen der DDR, in dem TV-Film "Christen in der DDR", dass die DDR sich eine neue Elite heran gezogen habe, die zwar "verfügbar" gewesen sei, dass sie sich dadurch aber selber ge­schadet habe. Damit einher sei der Abbruch der europäischen Tradition gegangen, eine Trennung von der europäischen Kultur.
143    (Anm. 2). Diese Veranstaltung galt vorwiegend den 1949 gegründeten allgemeinen ABF. In den Darstellungen ehemaliger ABF-Studenten finden sich durchaus kritische Töne. Zugestanden wird eine "partielle bildungspolitische Beschränkung", zurückgewiesen die Aussage, die ABF seien die "Kaderschmieden der SED" gewesen.
144    Der ABF-Absolvent und Sinologe Peters meint, dass die am besten Angepassten Karriere machten. Allerdings lässt er in seinem Beitrag (Anm. 2) ein deutliches Merkmal von Unterordnungsgeist durchblicken: Die Parteiführung hätte mehr Gedankenfreiheit "gewähren" sollen. Also keine Selbstständigkeit und Mündigkeit des freien Bürgers, sondern einen gnädigen und klugen Diktator, der etwas gewährt: Erich Honecker war’s!
145    Helga Watzin-Heerdegen, ebd. Auch Ernst Laboor sagt: "Wir haben selbst dazu beigetragen, vielfältiges geistiges Leben einzudämmen, eindimensionales Denken zu fördern und so eine der Voraussetzungen zu schaffen, die uns schließlich dem unrühmlichen Ende entgegentrieben", ebd.
146    Ich danke an dieser Stelle Familie Wokittel und Herrn Gerhard Schneider, Herrn Steffen Reichert, Frau Ingrid Miethe, ehemaligen Dozenten und Studenten der ABF für viele Hinweise, Korrekturen und Anregungen. Gedankt sei auch den Mitar­beitern der Archive der BStU (besonders Frau B. Hermann), des Bundes, des Landes Sachsen-Anhalt und der MLU.

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