HEFT 04/2004 | Editorial | SEITE 81

 

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

Hauptthema eines Heftes war bei uns bisher fast immer ein geschichtliches Ereignis, ein Bereich der Gesellschaft, eine historische Periode. Diesmal hingegen eint das Nachdenken über einen psychischen Vorgang, das Vergessen nämlich, und seine unterschiedlichen Aspekte die Beiträge im Hauptteil des Heftes, für den Johannes Beleites redaktionell verantwortlich war. Elena Demke und Ludwig Morenz analysieren in ihrem einleitenden Text jene Art von Geschichtspolitik, die das Vergessen von Personen und Geschehnissen bewußt fördert, eine Geschichtspolitik, deren Tradition, wie sie zeigen, Jahrtausende zurückreicht. Die Psychotherapeutin Sonja Süß thematisiert die Rolle des Vergessen-Könnens aufgrund ihrer Erfahrungen bei der Behandlung traumatisierter Opfer europäischer Bürgerkriege der letzten anderthalb Jahrzehnte. Vom Theologischen her nähert sich Curt Stauss dem Thema. Klaus Oldenhage und Birgit Salomon schließlich gehen der Frage nach, was eine Institution wie die Archive dem Vergessen anheimgeben, von welchen Materialien sie sich trennen dürfen, welche Kriterien hier maßgeblich sind.

In der "Themen"-Rubrik ist unter anderem der im Editorial des letzten Heftes angekündigte Beitrag von Christian Halbrock über die Totalverweigerer in der DDR zu finden. Thomas Speckmann zeichnet mit seiner Darstellung des Lebensweges Hugo Domhofers zugleich ein Bild des zwar erfolglosen, aber dennoch, wie der Autor zeigt, nicht völlig vergeblichen Widerstandes gegen die Gleichschaltung der Ost-CDU in den ersten Nachkriegsjahren (in einem Leserbrief aus Jena war unlängst zu Recht bemängelt worden, daß wir dieser Zeit zu wenig Aufmerksamkeit schenken). Und Beate Niemann, deren Vater als Gestapo-Beamter in leitender Funktion an der Ermordung jüdischer Menschen beteiligt war, verdeutlicht in ihrem Aufsatz beispielhaft, mit welchen inneren, familiären und gesellschaftlichen Schwierigkeiten Kinder von Nazi-Tätern bei der Suche nach der Wahrheit über die Zeit vor 1945 zu kämpfen hatten.

"Selbstorganisiert oder ferngesteuert?" - hierüber wurde vom 3. bis 5. Dezember 2004 in einer vom Bürgerkomitee Leipzig, der Konferenz der Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen und der Stiftung Aufarbeitung veranstalteten Tagung debattiert, deren Gegenstand die Besetzung der Stasi-Zentralen im Herbst/Winter 1989/90 und der Beginn der Stasi-Auflösung war. Aus Leipzig berichtet Caroline Fricke. Zuletzt ein Wort in eigener Sache: Johannes Beleites und Dr. Martin Jander verlassen insbesondere aufgrund von Meinungsverschiedenheiten über den weiteren Weg unserer Zeitschrift zum Jahresende die Redaktion.

Ein erholsames Weihnachtsfest und alles Gute für 2005 wünschen
Uwe Boche, Werner Kiontke, Stephan Konopatzky, Dirk Moldt und Erhard Weinholz als Autor dieses Editorials.



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