Heft 48/2004 | Feuilleton | Seite 25 - 33

Karin Wieckhorst

Berliner Wiederholung

Ein Projekt der Leipziger Fotografin Karin Wieckhorst

"In Berlin erlebte ich in der Zeit des Fotogra­fierens sehr stark die Tragik unserer Zeit: Spaltung mitten durchs Herz. Überall stieß ich auf Eingrenzung, auf Agonie und Monotonie, und verzweifelt näherte ich mich der Wunde dieser Stadt..."
Unter normalen Umständen wären diese Fotos wohl gar nicht entstanden. Karin Wieck­­horst begleitete Anfang der 80er Jahre mit ihrer Kamera eine junge körperbehin­derte Frau. Doch der Blick hinter die Mauern der Schule für Körperbehinderte in Berlin-Lichtenberg wurde ihr nur sehr eingeschränkt gewährt. Sie brauchte für ihre Fotos eine Genehmigung vom Rat des Stadt­bezirkes, Abteilung Volksbildung. Diese wurde wider Erwarten nicht erteilt. Die Fotografin reiste dennoch von Leipzig an, durfte aber nicht arbeiten. Ihr blieben Spaziergänge. Während der Arbeitszeit ihrer Pro­ta­gonistin in der Schule lief oder fuhr Karin Wieckhorst mit ihrer Kamera durch Berlin. In den Jahren 1983 bis 1986 entstand so eine größere Fotoserie, der die hier gezeigten Fotos entnommen wurden. Von ihren Berliner Freunden erhielt sie ein nachdenkliches Lob: "Du zeigst uns das, was wir immer verdrängen."
Dennoch kam es sogar 1987, im Jahr der 750-Jahr-Feier Berlins, zu einer ersten Ausstellung der Bilder im Kulturhaus Berlin-Treptow. Nach weiteren Ausstellungen entstand im Jahr 1991 ein kleiner Bildband unter dem Titel "Ostberlin 1983-1986".

Der Entschluss zur Wiederholung war vom Erleben der Jahre nach 1989 geprägt: "Die Berlin-Fotos spiegeln mein DDR-Gefühl," sagt Karin Wieckhorst heute. "Und etliche Jahre nach der deutschen Einheit waren wir ja auch nicht am Ziel unserer eigentlichen Sehnsucht angelangt." Vielleicht ließe sich das durch die Gegenüberstellung auch kenntlich machen. Mit den alten Abzügen in der Hand durchwanderte sie erneut den Berliner Osten. Die Wiederholung folgte nun nicht mehr dem fotografischem Impuls. Sie war vielmehr harte Vergleichsarbeit: "Manche Bilder hätte ich jetzt ganz anders fotografiert. Doch jetzt stand ich da und suchte mühsam nach der früheren Perspektive.
[Johannes Beleites]

Karin Wieckhorst
, geboren 1942 in Holzhausen bei Leipzig, studierte von 1969 bis 1973 Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig und arbeitet seit 1965 am Leipziger Museum für Völkerkunde als Fotografin.
Einzelausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen, Preis der 3. Porträtfotoschau der DDR 1986 und andere Auszeichnungen, Stipendien. In freier fotografischer Arbeit Projekte wie körperbehindert (1980/85) oder Städteportrait Ostberlin 1983-1986. Ab 1984 intensive Auseinandersetzung mit inoffiziellen Kunstereignissen (Leipziger Herbstsalon 1984, Intermedia Coswig 1985, Aktionen der Galerie Eigen+Art), Dokumentation von Atelierbesuchen bei unliebsamen Künstlern des DDR-Kunstbetriebes, seit 1985 der Redaktion der inoffiziellen Zeitschrift "Anschlag" angehörig. Begleitet nach 1989 Ethnologen auf Reisen zu anderen Kulturen. 2000 Arbeit zu Paul Celan Ein Tag in Czernowitz.

Zum Lebensumfeld ihrer Stadt: Frauenporträts (1991/92), Fremde. Asyl in Sachsen (1992/93), Ausländische Jugendliche in Leipzig (1996/97), wohnungslos (obdachlose Frauen 1996/97), Wir waren die Letzten, Begegnung mit ehemaligen jüdischen Leipziger Bürgern (1997/98).

 

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