Heft 48/2004 | Feuilleton | Seite 34 - 35

Erhard Weinholz

Haltepunkt.Orte in Berlin

1. Planckstraße 
Früher fuhren hier die 22 und die 46, aus denen die 52 und die 53 wurden – oder war es umgekehrt, wurde aus der 22 die 53, aus der 46 die 52? –, dann die 70, die heute als 13 verkehrt, und die 71, die jetzige 1, bogen am Spreeufer, wo die Planckstraße endet, nach links und gleich darauf am Tschechischen Kulturzentrum scharf nach rechts in die Friedrichstraße, um über die Weidendammer Brücke hinauszufahren in die nördlichen oder nordöstlichen Vorstädte. Geblieben sind aus dieser Zeit ein paar Dutzend Meter Gleise und nahe bei den S-Bahn-Bögen ein Wartehäus­chen aus den frühen 90er Jahren. Ganz nutzlos geworden ist es nicht, dient mir und vielleicht anderen noch als Rastplatz – die Möglichkeiten, ungestört Pause zu machen, sind rar geworden in der City Ost. Die BVG verdient nach wie vor Geld mit ihm: Hin und wieder wechseln unterm Plexiglas seiner Seitenwand die Werbeplakate. Vielleicht nur deshalb steht es noch. Über die Mauer hinter ihm hat ein Holunderbusch, Freund der Schuttplätze und Müllhalden, seine Äste getrieben, Laub überwölbt das Plastedach, schwere Dolden schwarzer Beeren hängen im Herbst herab. Der Parkplatz, an dessen Rand er gedeiht, ist meist fast leer, ein zerfahrenes Gelände, das bis zur schäbigen Rückseite der kleinen Läden am Bahnhof Friedrichstraße reicht. Groß erhebt sich dahinter die Dop­pelwölbung der neu gestalteten Bahnhofshalle, Lautspre­cher­stimmen schal­len herüber. Zur Rechten wird der Platz vom Seitenflügel des stillgelegten Metropol-Theaters begrenzt. Seine zerbröckelnde Rückfront zieht sich die Straße entlang, Netze schützen die wenigen Passanten vor herabfallendem Putz.

Bewohnt sind in der Planckstraße nur zwei Häuser auf der anderen Straßenseite: das eine weiter links, zur Spree hin, glatt verputzt und fast völlig schmucklos, das zweite, rechts davon, mit hohen Räumen, prächtiger Muschel­kalkfassade. Seit die Straße ruhig geworden ist, ein Haus, in dem es sich, vermute ich, gut wohnen läßt. Lange Zeit standen hier die Altpapiercontainer noch auf der Straße; vor ein paar Jahren fand ich ein Dutzend Bücher aus den 50ern darin, einst Teil der Gewerkschaftsbibliothek des Wasserstraßenhauptamtes Berlin: Paustowski, Kerndl, Lorbeer, Hempel.  "Der junge, hochbegabte Bruno Hem­pel..." Nie gehört, den Namen.

Die Brandmauer des Prachtbaus, nacktes Ziegelwerk, erstreckt sich bis zur nächsten Parallelstraße. Ein niedrigeres Gebäude mit Flachdach ist davorgesetzt, das von niemandem genutzt zu werden scheint. Die Fenster sind stets geschlossen, nie ist hinter den schmutzigen Scheiben Licht. Kein Schild verweist auf den Eigentümer. Und wer nutzt die weiß gestrichene Baracke ein Stück weiter rechts, direkt gegenüber der einstigen Haltestelle? Vom Textilien-Großhandel, den ein Schild verheißt, keine Spur. Die Eingangstür ist aufgebrochen, dahinter Ballen von Isolierwolle, ein umgekippter Kühlschrank, Propangas­flaschen, eine alte Zeigerwaage. Wem dies alles gehörte, ist nicht zu erkennen.

Auch zwischen der Baracke und den S-Bahn-Bögen hielt einmal die Straßenbahn. Das Gleis ist an dieser Stelle unter Sand und Laub fast völlig verschwunden. Manchmal habe ich hier wartend gestanden. Ist es fünfzehn, zwanzig, fünfundzwanzig Jahre her? Ich kann mich nicht mehr erinnern.

2. Frankfurter Tor
Kommt man an der Landsberger Brücke vorbei auf der Storkower Straße nach Lichtenberg, dann schaut man rechts über die Ringbahn und das abgeräumte Gelände des Zentralviehhofs hinweg nach Friedrichshain. Hinter dem grauen Einerlei der Häuserfronten und Dächer steht in der Ferne ein Zwillingspaar weißer Türme, säulenbestückt, mit grünen Kuppeldächern – die Hochhäuser vom Frankfurter Tor. Wie riesige Kulissen wirken sie, die ein Traum dem Stadtbild eingefügt hat.

Es war  Stalins Traum. Was daraus wurde, hat man zu Recht nach ihm benannt. Der Name hat sich lange gehalten. Noch in den 80ern bekam ich die Auskunft: "Colbe­straße? Da gehen Sie die Stalinallee immer ge­radeaus, und dann ist es die dritte oder vierte rechts." Nur die Despotie konnte in ärmlichen Zeiten ein so großes Werk zustande bringen. Hier zeigt sie sich von ihrer menschenfreundlichen Seite.

Es sitzt sich bequem zu Füßen dieser Hochhäuser: Lange rotgraue Kunststeinbänke ziehen sich bei beiden direkt am Sockel entlang. Genutzt werden sie wenig. Vor der Bank am südlichen Torturm, Warschauer Straße, Ecke Karl-Marx-Allee, eine kleine Rasenfläche, an deren Rand einst Schaukästen standen, eine der vielen "Straßen der Besten". Man konnte die Taten und Gesichter verdienstvoller Werktätiger studieren. Rings um die Kreuzung, eine der belebtesten Berlins, ein Wirrwarr von Masten. Stadtauswärts dahinter, auf der anderen Seite der Allee, die dort schon Frankfurter heißt, von Linden halb verdeckt der Block G Nord. Säulen auch hier, Sandstein-Erker, reliefgeschmückte Kacheln, aber alles frei von den Triumphgesten manch anderer Bauten jener Zeit. Mit diesem prächtigsten ihrer Paläste endet Ecke Proskauer die Allee alten Stils.

Eigentlich aber müßte sie bis zum Horizont reichen. Zwischendurch auch mal achtzehn- oder zwanzigstöckige Bauten. Die Straße ist breit genug dafür. Im Erdgeschoß überall großzügig eingerichtete Läden. Hier wird angeboten, was eine Wirtschaft produziert, die dem Volke gehört. "Wir stehen im Wettbewerb um das goldene Q. HO Stalinallee" liest man da und dort – goldene Schrift auf tiefblauem Grund (vor  Jahren sah ich eine solche Glastafel hinter der Allee auf dem Boden stehen und nahm sie mit). Nirgendwo Hast, verdrießliche Mienen. Man würde sich auf dieser Allee immer ein bißchen wie am 1. Mai fühlen. Fahnen schmücken sie, Blumen und Bilder. Ein Mädchen in blauer Bluse ist auf die Leiter gestiegen, das Porträt eines Erbauers der Straße zu bekränzen. Ein Jugendfreund reicht ihr mit der Linken Lorbeerzweige aus Draht und goldbronzierter Pappe, mit der Rechten langt er unter ihren Rock. Und sie? Droht ihm mit dem Finger und lächelt dabei. Denn die Stalinallee ist die Straße der fröhlichen Menschen.

Ein Radfahrer umkreist die Rasenfläche, schaut in die Papierkörbe und fährt weiter. Grau gekleidet schleicht Arm in Arm ein sehr altes Ehepaar vorbei, den Einkaufsrolli bis zum Rand gefüllt. Ein älterer Mann, zerzauste Haare, bärtig, kommt die Allee entlang; fast geht seine Stimme im Straßenlärm unter: "Die haben mich doch total verschaukelt hier im Osten, ist doch alles Stasi hier... Scheiß Osten... da, da...", er wird lauter, zeigt auf das sehr alte Ehepaar, "Normannenstraße... alles Stasi..." Er wankt die Treppe zur U-Bahn hinab.

3. Ostkreuz
Reger Betrieb auf dem Bahnsteig D: Alle paar Minuten fahren auf der Stadtbahnstrecke Züge nach Warschauer Straße, Westkreuz, Potsdam oder in Richtung Osten, Straus­berg, Marzahn; Obst und Croissants werden verkauft; Gedränge am östlichen Bahnsteigende, der Treppe, die nach oben zu den Ringbahnzügen führt. Am menschenleeren anderen Ende kann man hinaufsteigen zum Bahnsteig A: Insel zwischen den Gleisbögen, die Ring- und Stadtbahn verbinden. Akazien, Eichen, große Linden schirmen vom Rest des Bahnhofs ab. Nach vorn geht der Blick weit: rechts der Fernsehturm, etwas links davon das sechsstöckige Wohnhaus direkt an der Warschauer Brücke, dann neue Bauten, die mir unbekannt sind, da­zwischen das grüne Spitzdach des Märkischen Museums, noch weiter links die Hochhäuser an der Leipziger. Unten rollen Züge vorbei, Rufe sind von fern zu hören, Hammerschläge und metallisches Scheppern.

Kurze Zeit belebt sich der Bahnsteig: Auf dem Gleis linkerhand kommt der Zug aus Schönefeld an, ein paar Leuten steigen aus, niemand, der einsteigt, ohne Laut­sprecheransage fährt der Zug ab. In zwanzig Minuten wird der nächste folgen. Die Züge in Gegenrichtung fahren durch ("Achtung, Reisende, dieser Zug hält nicht in Ostkreuz!"). Das Häuschen der Aufsicht, roter und gelber Backstein, ist seit Jahren schon unbesetzt. Blechplatten sind vor die Fenster geschraubt. Auf dem Gleis zur Rechten hielten in den 80er Jahren noch Bahnen, die von Warschauer Straße nach Buch fuhren. Im Richtungsanzeiger klemmt ein Pappschild: "Ring frei". Das Pflaster ist versandet, Sauerampfer, Goldrute, Schafgarbe und Hunds­kamille wachsen hier. Auf den gußeisernen Abdeckungen der Kabelschächte schwebt die preußische Krone über dem Flügelrad. Den Gullideckel hat die Maschinen- und Armaturenfabrik vorm. E. Breuer & Co. aus Hoechst a/M geliefert. Der Bahnsteig wird zum Ende hin schmaler, eine kleine Ziegeltreppe, sonnengewärmter Sitz­platz, führt zuletzt zum Gleisbett hinab. Das Haus an der Warschauer Brücke war einmal das "Hotel Komet". Der junge Becher hat dort logiert, als er vor bald hundert Jahren das erste Mal in Berlin war. Geschrei spielender Kinder ist jetzt zu hören, noch einmal fernes Rufen. Weit hinten über dem Potsdamer Platz hängt der bunte SAT-1-Ballon. Auf dem Rahmen des Schaukastens am Häuschen der Aufsicht klebt ein Zettel, "Schrott" steht darauf. Irgendwann soll die ganze Bahnhofsanlage rekonstruiert werden, 2006, hatte ich wohl mal gelesen. Oder 2009? Unter den Akazien finde ich zwischen Brennesseln zwei Blechschilder: "Vorsicht beim Ein- u. Aussteigen wegen Lücke zwischen Zug u. Bahnsteig". ("Please, mind the gap!" – die geisterhafte Stimme in der Londoner U-Bahn). Ich steige hinunter zum Bahnsteig D, bin wieder inmitten des Bahnhofstreibens. Ein Kurzzug fährt ein, hält weit vorn. Alles rennt, ich bleibe zurück.Erhard Weinholz, geboren 1949, lebt in Berlin.



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