Heft 48/2004 | Themen | Seite 43 - 51
Beate Niemann
Bruno Sattler – mein "unschuldiger" Vater
Ich bin im Juni 1942 geboren, da war mein Vater "im Krieg". Zu meiner Einschulung im Jahr 1948 wurde mein Familienstand mit "Halbwaise" angegeben. "Halbwaisen" waren fast die Hälfte meiner Mitschüler, also nichts, worüber ich nachdachte. Peinlich und peinigend empfand ich es nur, meine nötigen Schulutensilien (Hefte, Stifte, Bücher etc.) vor den Augen der anderen Schüler am Lehrerpult in Empfang nehmen zu müssen. Es handelte sich um eine Spende, die alle "Halbwaisen" an meiner Schule erhielten.
Anfang der 50er Jahre gab es eine große Aufregung in der Familie. Mein Vater lebte – in einem Zuchthaus in der DDR. Meine berufstätige Mutter – sie arbeitete als Geschäftsführerin eines kleinen Polizeibeamtenverbandes, des "Schrader-Verbandes"1, dessen Büroräume sich in unseren jeweiligen Wohnungen befanden – war noch nervöser und noch weniger ansprechbar als gewöhnlich. Die Todeserklärung aus dem Jahr 1949 musste aufgehoben werden, damit natürlich auch die damals erfolgte Entnazifizierung. Meiner Mutter gelang es, das Originalurteil aus den Akten des DDR-Pflichtverteidigers meines Vaters stehlen zu lassen. Es wurde vom Westberliner Senat als "Unrechtsurteil" aufgehoben. Der erste Entnazifizierungsbeschluss wurde jedoch noch einmal bestätigt. Mein Vater wurde rechtlich wie ein Dienst tuender Berliner Polizeibeamter behandelt. Dies hatte zur Folge, dass meine Mutter sein Gehalt bekam, später dann seine Pension und nach seinem Tod die Witwenpension.
1955/56 kamen – aufgrund der Gespräche des damaligen Bundeskanzlers Adenauer in Moskau – deutsche Kriegsgefangene aus der UdSSR zurück. Wir putzten die Wohnung, es wurden Wäsche und Anzüge gekauft, wir standen viele Nächte auf dem Bahnhof "Zoologischer Garten" und warteten auf die Rückkehr meines Vaters.2 Es kamen viele Männer, mein Vater nicht. Jahrzehnte später – bei einem Abendessen in Bombay – stieß ich erneut auf diese Geschichte. Mein Gastgeber, auch Jahrgang 1942, hatte als Kind genau wie ich auf dem Bahnhof "Zoologischer Garten" gestanden und auf die Rückkehr seines Vaters gehofft. Sein Vater war tatsächlich bei den Entlassenen dabei gewesen.
Unschuldig inhaftiert?
1958 – nach meinem vollendeten 16. Lebensjahr – durfte ich (so bestimmte es die DDR-Gesetzgebung) meinen Vater im Zuchthaus Brandenburg-Görden das erste Mal besuchen. Die Fahrt war genau geplant. Am Bahnhof in Brandenburg sollte ein Pfarrer auf mich warten und mich die ganze Zeit über begleiten. Ich sollte ein bestimmtes Taxi nehmen, Kaffee und Schokolade für den Fahrer wurden mir mitgegeben. Der Pfarrer war nicht da, das Taxi stand bereit. Wie ich heute weiß, war der Fahrer ein ehemaliger Untergebener meines Vaters, von der Staatssicherheit beobachtet und verhört.
Es kam zu einer unglaublichen Stempelerfassungsorgie. Im Zuchthaus selber gab es eine Leibesvisitation. Durchgeführt wurde sie von einer uniformierten, mürrischen und groben Frau. Ich wurde in einen Raum gebracht, in dem sich schon drei Offiziere der Staatssicherheit im Majorsrang befanden. Ich erkannte ihre Ränge sofort, denn ich war vor Antritt meiner Fahrt gründlich vorbereitet worden. Ich sollte ganz besonders auf die Rangabzeichen achten. Die Offiziere der Staatssicherheit belehrten mich, was ich sagen durfte. Sollte ich mich nicht an die Regeln halten, hieß es, werde der Besuch – nach DDR-Gesetzgebung standen Familienmitgliedern alle drei Monate 30 Minuten Besuchszeit zu – sofort abgebrochen. Dann öffnete sich die Tür, ein großer, gebeugter Mann – kahl geschoren, in Anstaltskleidung, eine Mütze in der Hand, hinter ihm ein Uniformierter – betrat den Raum.
Der Mann setzte sich mir gegenüber an den großen Tisch. An den Seiten saßen seine Bewacher. Das war nun mein Vater, von dem in unserem Familienkreis täglich gesprochen wurde, dessen Bild, stets mit Blumen geschmückt, auf der Anrichte im Esszimmer stand. Wenn meine Mutter besonders ärgerlich und wütend auf mich war, sagte sie immer: "Du siehst nicht nur aus wie Dein Vater, Du bist auch wie er". Mein Leben lang hat mich dieser Satz unendlich gefreut. Bedeutete er doch: Ich war nicht so wie meine Mutter. Vor ihr hatte ich Angst. Mein Vater war die strahlende Figur in unserer Familie. Er stammte aus dem Bildungsbürgertum, war fröhlich, freundlich, ehrenhaft und setzte sich stets für andere ein, war eben ein "preußischer Beamter" im positiven Sinne. (So jedenfalls wurde von ihm erzählt.) So wie er zu sein, das kam einer Auszeichnung gleich.
Ich arbeitete den DIN-A-4 Bogen ab, auf den meine Mutter Fragen und Berichte geschrieben hatte. Sie sollten mit meinem Vater besprochen werden. Es gab auf diesem Papier sogar Decknamen und verschlüsselte Botschaften, die den Bewachern selbst bei intensivem Lesen nicht aufgefallen wären. Plötzlich eine Stimme: "Noch 5 Minuten!" Mein Vater stand auf, wir gaben uns trotz des Verbotes die Hand, dann schloss sich die Tür hinter ihm. Jetzt musste ich mich beeilen, die Stempelaktion rückwärts musste geleistet werden. Um 15.00 Uhr sollte ich die Staatsgrenze der DDR wieder passiert haben. Zurück in Westberlin wartete die Familie um den Esstisch versammelt auf meinen Bericht. Zum Nachdenken kam ich erst in der Nacht in meinem Zimmer.
Drei oder vier solcher "Besuche" habe ich gehabt. Dazu gehörte auch ein Verschleppungsversuch an meiner Mutter in Leipzig-Meusdorf. Diesen Tag im Sommer 1959 habe ich in besonders schlimmer Erinnerung. Dagegen empfand ich die Erlebnisse, bei denen ich auf meiner Reise zu meinem Vater in irgendwelchen kleinen Orten als einzige aus dem Zug geholt und später in einen anderen Zug in Richtung Westen abgeschoben wurde, nur spannend.
Seit dem Jahr 1960, ich war als Au Pair3 für ein Jahr nach England gegangen – damals war das noch sehr ungewöhnlich, zumal im Kreis der Bundesbrüder meines Vaters England als "Erbfeind" galt ("Ob das der Bruno wohl gutgeheißen hätte?") –, bemühte ich mich selbst um die Freilassung meines Vaters. Zunächst nur als Unterstützung für meine Mutter, in den letzten Lebensjahren meines Vaters führte ich die Verhandlungen – mit dem Westberliner Senat, dem Bundesministerium für Innerdeutsche Angelegenheiten, mit Privatpersonen wie z. B. William Borm, damals Vorsitzender der FDP – allein. Nach dem Tod meines Vaters in der Strafvollzugsanstalt Leipzig-Meusdorf im Oktober 1972, wurde ich sehr krank. 25 Jahre war er in Haft gewesen. Ich war völlig verzweifelt, dass meine Bemühungen um seine Freilassung umsonst gewesen waren. Dazu kam der tief verletzende Vorwurf meiner Mutter: "Du mit Deiner angeblichen Intelligenz hast ihm auch nicht helfen können".
Meine Mutter verbrannte alle Akten, die meinen Vater betrafen. Einige wenige Kopien, die ich bei mir aufgehoben hatte, sind heute noch erhalten. Natürlich wusste ich um die Stellung meines Vaters, des preußischen Kriminalbeamten, der angeblich "zwangsweise" in die Geheime Staatspolizei versetzt worden war, der sich immer "korrekt" verhalten hatte und niemals geschlagen haben will, wie er meiner Mutter einmal versicherte. Er soll auch gesagt haben, dass im Schutzhaftlager Oranienburg "selbstverständlich" nicht geprügelt werde. Sein Dienstgrad am Ende des Krieges war Regierungsrat, eine durchaus zivil anmutende Dienstbezeichnung. Es gab zwar die angeblich "zwangsweise Rangangleichung" – aufgrund eines Himmler-Befehls – als Sturmbannführer, dagegen konnte er – so hieß es – nichts machen. Er habe aber – so meine Mutter und ehemalige Kollegen – niemals SS-Uniform getragen, sein Wehrmachtsdienstgrad sei Major gewesen und diese Uniform hätte er getragen. Freunde und Kollegen meines Vaters aus der "Vorkriegszeit" waren z. T. wieder in der Polizei, (Diels4, Zirpins5, Fähnrich6 – um nur einige zu nennen) andere waren Juristen oder in der Wirtschaft tätig. Nur mein armer Vater saß im Zuchthaus. Ich fand das so ungerecht.
Eltern befragt?
Mit dem Begreifen der Buchstaben begann meine "Lese- und Schreibwut", wie andere mein Interesse am geschriebenen Wort bis heute nennen. Indianergeschichten wurden abgelöst durch osteuropäische Schriftsteller, so ist es bis heute geblieben. Die englischsprachige Literatur interessiert mich nach wie vor wenig. Über Bücher hatte ich auch eine briefliche Auseinandersetzung mit meinem Vater. Als ich mir zu meinem 20. Geburtstag die Gesamtausgabe von Franz Kafka wünschte, schrieb mein Vater, ich solle mich leichterer Literatur zuwenden und nicht so "defätistische" Bücher lesen. Das lastete ich seiner langen Inhaftierung an, seinem Abgeschnittensein vom täglichen Leben.
Lange reiste ich auch, ohne an meinen Vater zu denken, auf den Spuren seiner Verbrechen. Inzwischen ist mir klar, dass ich immer wieder Städte und Länder bereiste und immer noch bereise, in denen mein Vater während des Krieges "eingesetzt" war. 1963 fuhr ich das erste Mal nach Prag, 1967 konnte ich mit meinem damaligen Mann an einer 10.000-km-Reise per Bus durch die Sowjetunion teilnehmen, ein Gemeinschaftsprojekt der Deutschen Industriejugend und der Architekturfakultät der Technischen Universität Berlin. Wir fuhren praktisch auf den Spuren der Deutschen Wehrmacht. Das Wort "Einsatzgruppen" kam mir damals aber nicht in den Sinn. Warschau, Brest-Litowsk, Minsk, Smolensk, Moskau, Ariol (Orel), Charkow, Kiew, Lemberg, Krakov, Berlin. Wir sahen die verwüstete Landschaft, besuchten die Kriegsmuseen in den Städten, erfuhren von den Massenmorden der Deutschen. Heute muss ich sagen, dass ich von diesen Reisen vieles erinnere, es früher aber nie mit meinem Vater in Verbindung brachte. Inzwischen war ich auch in Wien und Budapest. Vor zwei Jahren endlich in Belgrad.
Wenn ich heute immer öfter höre, die 68er Generation habe mit den Vätern "abgerechnet", deren Nazivergangenheit öffentlich gemacht, bin ich sehr verwundert und werde immer wütender. Damals waren wir eine verfemte kleine bürgerliche, also wohlhabende, Minderheit. "Student" wurde fast zu einem Schimpfwort. Studenten waren, in den Augen der Mehrheit in Westdeutschland, diejenigen, die – statt selber arbeiten zu gehen – ihre Zeit mit Protesten gegen die so erfolgreiche Aufbauelterngeneration, die für den Wohlstand gesorgt hatte, verschwendeten. Als Dank, so schimpften sie, für diese Aufbauleistung protestierten wir auch noch gegen sie und klagten sie an.
Ich erinnere mich noch an die ersten Demonstrationen, barfuss und in Sommerkleidung. Dann rüstete die Polizei auf, über die ersten "Ritter" mit ihren riesigen Schilden haben wir noch gelacht. Hochschwanger trug ich die "Enteignet Springer" Plakette. Nur dieser besondere Umstand rettete mich manchmal auch vor der aufgebrachten Menge meiner Mitbürger z.B. in S-und U-Bahn. Ich erinnere mich an keinen aus unserem Freundeskreis, der explizit seine eigenen Eltern befragt hat. Umso fassungsloser war ich über Niklas Frank7 und seine explosive Art mit seinem Vater umzugehen. Ich erinnere mich deutlich wie glücklich ich beim Erscheinen seines Buches war8, dass mir das erspart bleibt, denn ich hatte ja – so dachte ich damals noch – einen unschuldigen Vater.
Damals standen wir als Kleinstgruppe außerhalb der Gesellschaft und wurden als Aussätzige beschimpft, die Schande über Deutschland bringen würden, das Ansehen des Landes im Ausland schädigten. Heute dienen wir als Feigenblatt für 80 Millionen Deutsche. Es heißt immer öfter, die 68er haben die Vergangenheit der Elterngeneration doch aufgedeckt, die Geschichte der Nazizeit aufgearbeitet, nun sei es genug, wir sind doch wieder aufgenommen in die Weltgemeinschaft und müssen endlich einmal einen Schlussstrich ziehen unter das Gewesene. Was für eine unglaubliche Verdrehung der Tatsachen und welch ungeheure Geschichtslüge.
Die Familie
In all den Jahren, der Tod meines Vaters hat daran nichts geändert, las ich über die Geschichte der Nazizeit und erregte mich über die Verjährungsdebatte im Deutschen Bundestag. Aus Tätern wurden damals "Mittäter", deren Straftaten verjährten, also nicht mehr zu verfolgen und zu bestrafen waren. Schon vorbereitete Prozesse z.B. gegen Einsatzgruppenmitglieder wurden eingestellt. Ich beschäftigte mich mit den wenigen Prozessen gegen Nazitäter. Manchmal war das auch mit der Angst verbunden, dass der Name meines Vaters in irgendeinem Zusammenhang auftauchen könnte. Einmal hatte ich es gewagt, meine Mutter danach zu fragen, ob mein Vater in seiner Position nicht doch etwas "gewusst" habe von den Verbrechen. (An "mitschuldig" dachte ich noch nicht.) Ich bekam als Antwort, dass mein Vater, der Ehrenmann, einmal geäußert habe, nach dem Kriege würden sie mit Hitler abrechnen, mehr habe er nicht gesagt – und wie ich es wagen könne, eine solche Frage zu stellen.
Als eine meiner Schwestern erfuhr, dass ich als freiwillige Vollzugshelferin in der Strafanstalt Tegel arbeitete, herrschte sie mich an, ich solle mich doch lieber um meine Kinder kümmern und nicht um Verbrecher. Meine Antwort, ich wünschte, in der DDR gäbe es das auch und unser Vater hätte davon profitieren können, erregte meine Schwester sehr. "Wie kannst Du es wagen, unseren Vater mit Verbrechern gleichzustellen". Meine beiden Schwestern sind älter als ich und haben den Vater, im Gegensatz zu mir, noch zu Hause erlebt.
Als ich meine Schwiegereltern fragte, ob sie nicht beim Ausbau einer Straße in Zehlendorf auch Menschen mit dem gelben Stern gesehen, eventuell sogar Nachbarn erkannt hätten, begann meine Schwiegermutter zu weinen und bat ihren Mann, mir solche Fragen zu verbieten. Das heißt, ich habe damals nicht gefragt und erinnere mich auch nicht daran, dass jemand aus unserem Freundeskreis seine Eltern direkt angegangen hat.
In Österreich wurde Kurt Waldheim Bundespräsident. In seinem früheren Leben war er als Ordonnanzoffizier der deutschen Wehrmacht, Heeresgruppe E, auf dem Balkan eingesetzt, speziell in Griechenland. Ihm wurde vorgeworfen, von den Verbrechen der Wehrmacht an der griechischen Bevölkerung zumindest gewusst zu haben, was er bestritt. Eine Europäische Historikerkonferenz widerlegte diese Schutzbehauptung, Waldheim hat bis heute Einreiseverbot in die USA, die europäischen Länder versuchten ihn zu ignorieren. Das deutsche Mitglied dieser Historikerkonferenz, Manfred Messerschmidt vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg, schrieb mir auf meine Anfrage im Jahr 1988, dass er bei seinen Forschungen über Waldheim in den Unterlagen und Dokumenten der Länder Jugoslawien und Griechenland den Namen meines Vaters nicht gefunden habe. Wenn sich ein William Borm für ihn verwende, könne ich das doch als "deutliches Zeichen dafür nehmen, dass er sich in diesem Zusammenhang sehr ehrenhaft verhalten hat."
Die Stasi-Akten
Die Wende 1989/90 erlebte ich in Bombay, wo mein Mann seit Beginn des Jahres 1986 arbeitete. Meine Tochter schrieb mir ein Jahr später, dass man auf Antrag in die Unterlagen der Staatssicherheit der DDR einsehen könne. Noch 1991 stellte ich aus Bombay den Antrag auf Akteneinsicht bei der "Gauck-Behörde". Ich war mir ganz sicher, dass es Akten zu meinem Vater geben müsse. Denn es hatte in der Familie keinen Zweifel daran gegeben, dass die DDR-Anklage gegen meinen Vater, Kriegsverbrechen in Jugoslawien begangen zu haben – "aufgrund eigener Angaben", hieß es – nicht der wahre Hintergrund seiner langen Inhaftierung gewesen sein konnte. Wir hatten ein Schreiben der Belgrader Botschaft aus dem Jahr 1961, dass mein Vater in Jugoslawien nicht wegen Kriegsverbrechen gesucht werde, man aber einem Bruderstaat nicht vorgeben könne, wer zu entlassen sei. Unserer Meinung nach war die Haft meines Vaters eine rein innerdeutsche Angelegenheit. Der eine Staat war froh, dass er ihn gefangen hatte, der andere, dass er sich nicht kümmern musste.
Nachdem mir William Borm im Sommer 1968 mitgeteilt hatte, dass mein Vater bereits in Bonn von der Freikaufliste gestrichen worden war, gelang es mir erst 1971, die Streichung rückgängig machen zu lassen. Bei meinem letzten Besuch bei Borm im Dezember 1985 hatte er mir gesagt, dass mein Vater aus verschiedenen Gründen nicht freigelassen werde: Er habe Erich Mielke nach dessen Beteiligung an den Morden an zwei Berliner Polizeibeamten 1931 noch vernommen (bevor dieser sich nach Moskau absetzte). Da stellten sich Fragen: warum hat mein Vater Mielke laufen lassen? Was hatten sie miteinander ausgehandelt? Borm hatte weiter gesagt, er werde nach wie vor zum Reichstagsbrand vernommen und sollte aussagen, dass van der Lubbe kein Mitglied der kommunistischen Partei war. Außerdem werde er besonders zu Georgi Dimitroff verhört.
Diese innerdeutsche Geschichte wollte ich herausfinden, mehr nicht, als ich zu Beginn des Jahres 1997 zum ersten Mal in die Akten meiner Eltern bei dem Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen (BStU) einsehen konnte. Ich merkte schnell, wie wenig ich eigentlich von meinem Vater wusste, dass ich so nicht weiterkommen würde. Inzwischen hatte der Sohn meiner Freundin herausgefunden, dass der Name meines Vaters in der Außenstelle des Bundesarchivs in Berlin in vielen Akten zu finden war. Von der BStU erhielt ich die Auskunft, die gesamten Haft- und Krankenakten meines Vaters seien verschwunden. Sie sind es bis heute, einige wenige Blätter haben sich angefunden. Vielleicht lagen diese Unterlagen ja beim Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde.
Ich begann zu suchen. Meine Suche dauert an. Die mir oft gestellte Frage, wann ich endlich damit aufhöre, kann ich nur so beantworten: nie. Nach dem Zerfall der kommunistischen Staaten werden immer mehr Archive zugänglich. Vielleicht schaffen es auch England und Frankreich eines Tages, ihre Geheimarchive zu öffnen. Es gibt unglaublich viel Material, die "gründlichen" Deutschen haben z.B. noch eine halbe Stunde vor endgültiger Räumung eines Dorfes an der Donau das Tagesgeschehen in 5-facher Ausfertigung mit der Schreibmaschine aufgeschrieben und archiviert. Ich habe es gelesen.
Ich zerlegte das Leben meines Vaters in einzelne Jahre und begann, die Daten, die mir bekannt wurden, einzutragen. So sind bis heute, in aller Kürze, 7 Seiten zusammengekommen. Ich wurde dabei immer gründlicher. Ich versuche, für einzelne Aussagen wenigstens noch einen zweiten Beleg zu finden, da ich wiederholt feststellen musste, wie schnell in der Zunft der Historiker unüberprüft Daten übernommen werden, einzelne falsche Darstellungen schleppen sich lange durch die Fachliteratur. Das versuche ich zu vermeiden.
"Serbien ist judenfrei"
Ich habe Bilder meines Vaters in der Uniform des Freikorps "Brigade Ehrhardt"9. Auf der Rückseite hatte mir vor vielen Jahren ein Freund meines Vaters, selbst Angehöriger der Burschenschaft "Germania", die Namen der Abgebildeten aufgeschrieben. Auf der Suche nach einem Buch über die Freikorps ging ich in das Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin. Ich musste warten, bis das bestellte Buch aus dem Archiv geholt wurde und ging dabei durch die Reihen der Bibliothek und las die Titel der Bücher quer. Dabei fand ich das Buch: "Serbien ist judenfrei" von Walter Manoschek.10 Ein Kriegseinsatz meines Vaters war Belgrad gewesen, ich schlug im Index nach. Der Name meines Vaters war aufgeführt, ich las die entsprechenden Seiten. Sie behandeln die Mitschuld meines Vaters an dem Gaswageneinsatz im Frühsommer 1942, durch den ca. 8.500 überwiegend jüdische Menschen, hauptsächlich Frauen und Kinder, ermordet worden waren. Sprachloses Entsetzen erfasste mich.
Dann setzte ich mich mit Manoschek in Verbindung. Er war bis dahin davon ausgegangen, dass mein Vater 1946/47 in Belgrad während der dortigen Kriegsverbrecherprozesse zum Tode verurteilt und hingerichtet worden war. Außerdem glaubte er, nach Unterlagen aus dem Berlin Document Center11, mein Vater habe nur zwei Töchter gehabt. Die Unterlagen des Document Centers gehen bei der Person meines Vaters nur bis 1939, ich bin aber erst 1942 geboren. Das hat immer wieder Verwirrung bei den verschiedensten Historikern hervorgerufen. Ich musste mich oft erst legitimieren (auch das noch).
Und ich schrieb nach Ludwigsburg, an die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen12, fragte nach meinem Vater. Es kam ein sehr freundliches Schreiben zurück, es gäbe zu meinem Vater Akten, ich solle es mir jedoch gut überlegen, ob ich sie wirklich einsehen möchte, es sei doch Vergangenheit, ich solle mein Leben damit nicht belasten. Das genügte. Wenn mir jemand zu verstehen gibt, etwas habe oder sollte mich nicht interessieren, dann erst recht.
Ich fuhr nach Ludwigsburg, die Akten lagen auf einem Schreibtisch in einem kleinen Zimmer für mich allein. Angesetzt waren zwei Tage. Im Laufe der Stunden wurde mir klar, dass ich es nicht schaffen würde den Mut aufzubringen, am zweiten Tag noch einmal wieder zu kommen. Also las ich hintereinander, machte keine Pausen, der freundliche Richter, der für mich zuständig war, machte Überstunden und wartete auf mich. Er begleitete mich ein Stück meines Weges zum Hotel, half mir über mein erstes Entsetzen hinweg. Ich hatte von so schweren Verbrechen gelesen, an denen mein Vater teilgenommen hatte, es war kein Ausweichen und Schönreden mehr möglich. Er hatte bei drei verschiedenen Mordaktionen selbst mit geschossen. Ich erinnere mich nicht, dass ich meine Tochter (wie eigentlich versprochen) angerufen habe.
Am nächsten Morgen fuhr ich nach Berlin zurück und wurde für mehrere Wochen ernsthaft krank. Es war auch klar, dass ich noch einmal nach Ludwigsburg würde fahren müssen, denn die Akten über die Einsatzgruppe B, zu der mein Vater zeitweilig gehört hatte, waren ausgeborgt. Aber bis zu der zweiten Reise vergingen noch mehr als zwei Jahre.
Die nächsten Jahre verbrachte ich entweder in Archiven in Berlin oder am Schreibtisch. Ich arbeitete mich durch die neuere Fachliteratur, stand und stehe mit den verschiedensten Institutionen, Historikern, Zeitzeugen quer durch Europa in Verbindung, außerdem mit Archiven in den USA und Israel.
In der ersten Zeit war es ungeheuer erschreckend, wenn mir Historiker auf meine Frage nach meinem Vater aus dem Steggreif mit dessen Vita antworteten. Michael Mallmann13, der sich intensiv mit der Gestapo beschäftigt, nannte meinen Vater die "graue Eminenz" hinter Heinrich Himmler. Dr. Johannes Tuchel, Geschäftsführer der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin, sagte mir, dass mein Vater mit seinem ausgeklügelten Spitzelsystem, mit seinen V-Leuten, die Arbeit der KPD und SPD in Deutschland praktisch zum Erliegen gebracht hat. Der Gedenkstättenleiter der Strafvollzugsanstalt Brandenburg-Görden erwähnte in unserem ersten Telefonat ganz nebenbei: "Ihr Vater ist doch noch mit Genickschuss hingerichtet worden". Auf meine entsetzte Frage nach Beweisen: Beweise dafür habe man nicht, aber alle würden es wissen. Später bestätigte mir das auch der ehemalige Leiter des Ministeriums für Innerdeutsche Angelegenheiten aus Berlin, Herr Kreutzer. Er fügte hinzu, ich könne mich immer auf ihn beziehen. Für mich hieß das alles zusammen, mein Vater war Täter und Opfer in einer Person. Wenn ich den Vater als Täter nicht mehr aushielt, dachte ich an ihn als Opfer.
Die Öffentlichkeit
Ich bat die Zeitung "Tagesspiegel" aus Berlin, in ihrem Archiv über die Zeit 1945 - 1950 nachlesen zu dürfen. Was hatte in den Westberliner Zeitungen über die Verschleppungen aus dem westlichen Teil Berlins gestanden, von denen es nach Schätzungen Ende der 90er Jahre ca. 600 - 700 gegeben hatte? Mein Vater war 1947 aus West Berlin durch sowjetische Soldaten verschleppt worden. Wie ich heute weiß, war Erich Mielke in die Aktion mit verwickelt. So kam ich an Stefan Lebert14, den meine Geschichte interessierte. Wir sprachen viele Stunden miteinander, er schrieb einen Artikel über mich und meine Spurensuche nach meinem Vater, der am 29. Dezember 2000 veröffentlicht wurde. Er fand eine größere Beachtung als ich es mir vorgestellt hatte, nicht nur im Verwandten-und Freundeskreis, auch bei anderen Medien. Es meldeten sich Verlage, Talkshows, Filmemacher.
Lebert hatte geschrieben, ich würde überlegen, meine Recherche in ein Buch zu fassen. Eine Lektorin eines großen Verlages bat mich um die ersten Seiten. Ich bekam sie postwendend zurück mit der Bemerkung: Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie sollen so schreiben wie Stefan Lebert! Es gab da noch andere Unstimmigkeiten, diese Verbindung kam nicht zustande. Den Filmemachern und Talkshows sagte ich ab. Ein Dokumentarfilmer schrieb mir einen freundlichen Brief und legte schlauerweise die Liste seiner Filme bei. Zwei der aufgeführten Filme hatte ich gesehen. Ich hatte es kaum glauben können, solche Dokumentarfilme im Deutschen Fernsehen zu finden, sie hatten mich nachhaltig beeindruckt. In unserem Telefonat lehnte ich zwar seine Überlegung, mich für einige Zeit mit der Kamera begleiten zu wollen, ab, aber nicht ein persönliches Gespräch. Um es so kurz wie möglich zu fassen: Der dreifache Grimme-Preisträger Yoash Tatari "begleitete" (es fällt uns immer noch kein anderes Wort dafür ein, leider) mich mehr als ein Jahr auf meinen Wegen in Berlin, auf Reisen in die Städte, in denen ich Entscheidendes über meinen Vater erfuhr, nach Leipzig, Ludwigsburg und in die Stadt, die ich am meisten fürchtete, nach Belgrad. Es entstanden daraus für den WDR 2 Filme, 45 und 90 min lang.15 Vor der Erstausstrahlung des 45-minütigen Filmes war ich dann doch Gast in der Talkshow von Alfred Biolek. Beide Filme rufen die unterschiedlichsten Empfindungen bei den Zuschauern, wie auch in meiner Familie sowie im kleinen und großen Freundeskreis, hervor. Die Reaktionen reichen von großer Hochachtung bis zu eisigem Schweigen. Es kommen Anfragen aus den verschiedensten Bildungseinrichtungen, Kreisen und Gruppen. Meistens soll ich einen der Filme zeigen und mich dann der Diskussion stellen.
"Wann war ihr Vater Opfer?"
Die Filme wurden nur möglich durch die lange Zeit der gemeinsamen Arbeit an ihnen. Erst nachdem in monatelangen Gesprächen ein gegenseitiges Vertrauen zwischen Yoash Tatari und mir aufgebaut werden konnte, setzte er das erste Mal die Kamera ein. Meine Angst, sie würde mich einengen, behindern, stören, verflog nach Minuten, ich merkte sie nicht einmal mehr. Im Gegenteil, es gab Momente, in denen sie mir die Hilfe gab, die ich brauchte, um Situationen überhaupt aushalten zu können und nicht vor ihnen zu fliehen. Ich lernte auch langsam Fragen von Herrn Tatari zuzulassen, die ein anderer nie hätte stellen dürfen. Zwei dieser Fragen werde ich nicht vergessen.
September 2001, Belgrad: Am Denkmal für die Ermordeten auf dem Grund des ehemaligen Konzentrationslagers Semlin-Sajmiste, sollte ich die Geschichte dieses Lagers und die Rolle meines Vaters als Chef der Gestapo von 1942 - 44 in Belgrad erzählen. Mein Vater hatte die Einsatzpläne für den Gaswageneinsatz gegen Frauen und Kinder erarbeitet, hatte ausrechnen lassen, ab wann das Gas in das Innere des Wagens geleitet werden sollte, damit die Schreie der Opfer in den Straßen von Belgrad nicht so störend zu hören waren, sie aber tot am Berg von Avala ankamen, wo sie erst vergraben, ein Jahr später "enterdet" und verbrannt wurden. Plötzlich höre ich Y. Tataris leise Stimme: "Es war etwas besonderes in dieser Zeit mit Ihrer Mutter". Ich verstand nicht. "Ihre Mutter war zu der Zeit schwanger." Ich nahm alle meine Kraft zusammen um in die Kamera sprechen zu können, dass meine Mutter in diesen Wochen, in denen mein Vater etwa 8.500 Frauen und Kinder vergasen ließ, mit mir schwanger war und ich kurz nach Ende dieser Mordaktion geboren wurde.
Nachdem ich von der Beteiligung meines Vaters an diesem Massenmord erfahren hatte, dauerte es anderthalb Jahre, bis ich die Zeitgleichheit der Ausführung der Morde und meiner Geburt herstellen konnte. Ich hatte es schon einmal in einem Gespräch gesagt, aber hier, vor der Kamera, in dem Bewusstsein der Öffentlichkeit durch den Film, bekam es noch einmal eine ganz andere Dimension. Einen Monat später, zurück in Berlin, bat mich Y. Tatari Orte in Berlin zu überlegen, die im Leben meines Vaters eine Rolle gespielt hatten. Zwei Tage später gab ich ihm eine Liste mit den Worten, ich hätte es mir leicht gemacht und die Orte unterteilt in Täter- und Opfer-Orte. Wieder kam leise eine Frage: "Frau Niemann, wann war Ihr Vater Opfer?" Schnell verließ ich den Raum. Wie konnte er es wagen, mich das zu fragen. Es hatte sich vorher noch niemand getraut – zumindest nicht in meinem Beisein – anzuzweifeln, dass mein Vater 25 Jahre lang Opfer gewesen war. Endlich begriff ich. Mein Vater war nie Opfer gewesen, er hatte mit seinem Leben für die tausenden Leben anderer Menschen gebüßt, die er genommen hatte. Ich ging in das Zimmer zurück und konnte nur sagen: "Ich habe verstanden". Das war bereits Wochen nach unserem Aufenthalt in Belgrad.
Belgrad: Seit Januar 1942 war mein Vater Leiter der Abteilung IV beim Befehlshaber der Sipo (Sicherheitspolizei) und des SD (Sicherheitsdienst) Dr. Schaefer, d.h. er war Chef der Gestapo. Die Abteilung IV umfasste 4 Referate: Widerstandsbewegungen, Kommunisten, Weißrussen und Juden. Ab November 1943 übernahm mein Vater die gesamte Dienststelle und löste sie erst, gezwungen durch den Vormarsch der sowjetischen Truppen, Anfang Oktober 1944 auf. Ich war die erste Privatperson, die in den Belgrader Archiven arbeiten durfte. In den Akten befinden sich ungezählte Anordnungen für Erschießungsmaßnahmen (genannt "Sühnemaßnahmen"), mit der Unterschrift meines Vaters. Man findet dort auch Befehle zur Verschickung in Konzentrationslager und in verschiedenste Arbeitslager bis nach Norwegen. Mir wurden Originalfotografien von Ermordungen Einheimischer durch deutsche Soldaten vorgelegt, die ich teilweise in der Wehrmachtsausstellung wieder gesehen habe. Ich las in den Todeslisten des Lagers "Banjica camp".16 Auch in diesem Fall war die berühmt-berüchtigte Gründlichkeit der Deutschen zu bemerken: Kind, Kind, Kind, Kind, Bäuerin, Hausfrau und und und. Ich traf die einzige Überlebende des Gaswageneinsatzes. Sie war als 13-jähriges Mädchen mit ihrer christlichen Mutter aus der Schweiz ihrer Ermordung nur deshalb entkommen, weil sie in den letzten Transport nicht mehr hineingepasst hatte. Wir trafen uns mehrere Male. Zum Abschied schenkte sie mir eine rote Rose. Drei weitere Überlebende waren bereit, mit mir zu sprechen, voller Unglauben, dass tatsächlich die Tochter kommt, um die Geschichte des Vaters zu erfahren. Ein Mann, der erst nicht mit mir hatte sprechen wollen, schrieb mir ein Jahr nach unsrem Treffen, er könne es noch immer nicht ausdrücken, was es für ihn und sein Leben bedeute, dass ich nach Belgrad gekommen sei.
Familie Leon
Etwas anderes hatte ich 2001 herausgefunden: die tatsächliche Geschichte meines Geburtshauses in Berlin-Tempelhof. Die Erzählung meiner Mutter war folgende: Mein Vater und sie hätten das Haus 1942 Frau Leon abgekauft, meine Mutter habe sie mit mir im 8. Monat schwanger über die Schweizer Grenze in Sicherheit gebracht. Nach dem Krieg sei uns das Haus unrechtmäßig weggenommen und einem ihrer Enkel in Südafrika zugesprochen worden. Als Kind war ich auf meinem Schulweg täglich an dem Haus vorbeigekommen, hatte oft davor gestanden, traurig, nicht verstehend, warum ich nicht in ihm leben durfte, in dem schönen Garten, den ich drei Häuser weiter von der Terrasse meiner Patentante aus einsehen konnte.
2001 – nach einem Gespräch mit einer Freundin suchte ich mir den Umschlag mit meinen persönlichen Papieren heraus, den meine Mutter für uns drei Schwestern als Urkundenmappe zusammengestellt hatte. Darin befinden sich auch noch einige Geburtsanzeigen, mit einem Band zusammengebunden. Ich blätterte sie durch, eine war auf der Rückseite beschrieben, ich erkannte die Handschrift meiner Mutter. Ich zog die Karte hervor und las den Text vom 9. Juni 1942, also drei Tage nach meiner Geburt, er war an meinen Vater gerichtet. Eine kurze Beschreibung der letzten drei Tage, dann geht es über zu Hausangelegenheiten, Hypothekenzahlungen, auf der vorletzten Zeile steht: "Die Leon kommt am 20. 6. mit Transport nach dem Osten." Es traf mich wie ein Schlag. Ich begann nach Frau Leon zu suchen, auf dem Grundbuchamt Berlin-Tempelhof, in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, im Centrum Judaicum, im Jüdischen Museum, auf dem Jüdischen Friedhof Berlin Weißensee, auf der Grunewald-Rampe – und im Amt für Wiedergutmachung. (Was für ein monströses Wort. Bis heute hat man sich offensichtlich nicht die Mühe gemacht, eine andere Bezeichnung für diese Behörde zu finden. Man spricht und schreibt ja auch nicht mehr von der "Reichskristallnacht".)
Im Amt habe ich die Unterlagen über die Rück-Übertragung des Hauses an vier Nachkommen von Frau Leon gelesen. Mein Vater hatte 1937 in einem Brief an Herrn Leon einen Kauf abgelehnt. 1942, Herr Leon war verstorben, gab mein Vater Frau Leon die Versicherung, dass sie für ein Jahr von der "Evakuierung" zurückgestellt werde. So sind sie zum Notar gegangen, meine Mutter und Frau Leon, hinter ihnen ein SS-Mann in Uniform! Frau Leon unterschrieb den Kaufvertrag, in einer Bank übergab meine Mutter ihr den Anteil des Kaufpreises in bar, den Frau Leon auf ein besonderes Konto einzahlen musste. Frau Leon gratulierte meiner Mutter noch zu meiner Geburt, dann wurde sie von der Gestapo abgeholt und am 7. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert, ermordet worden ist sie Ende 1944 in Auschwitz.
Der Jüdische Friedhof Weißensee leitete einen Brief von mir an die Adresse eines Nachkommen der Familie Leon in London weiter. Nach einem unglaublich schweren ersten Briefwechsel folgten drei weitere. Ich schrieb über den 90 minütigen Film und teilte den Termin der Erstausstrahlung im Deutschen Fernsehen mit. Die Familie sah den Film. Danach luden sie mich ein, zu ihnen nach London, in ihr Haus zu kommen. Im März 2004 flog ich nach London. Ich glaube, die Stunden dort gehören mit zu den intensivsten und bewegendsten meines Lebens. Wir saßen im Kreis der Familie und zweier Freundespaare zusammen, alle hatten den gleichen Hintergrund: ihre Eltern – die Kinder der Ermordeten – hatten mit Hilfe der Kindertransporte 1938/39 nach England entkommen können. Die Kindertransporte dauerten nur wenige Monate, mit ihnen hatten 10.000 jüdische Kinder aus Deutschland und Österreich nach England fliehen können. Es soll der Beginn eines Dialoges zwischen unseren Familien werden, sie möchten auf ihrem nächsten Besuch in Berlin meine Kinder kennen lernen.
Lebenslauf Bruno Sattler
Bruno Sattler wurde 1898 in Berlin geboren und nahm als Schüler 1917/18 am Weltkrieg teil. 1919 machte er Abitur und begann ein Studium der Nationalökonomie und Botanik. 1920 war er Mitglied des Freikorps "Brigade Ehrhardt" und nahm am "Kapp-Putsch" teil. 1922 starb sein Vater, er verliert sein Vermögen und gibt das Studium auf. 1928 tritt er in die Berliner Kriminalpolizei ein, 1931 in die NSDAP. 1933 ist er Leiter des Referats "Sozialdemokratie und sozialdemokratische Gewerkschaften", später umbenannt in Referat IV A 2 des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA), zuständig für Sozialdemokraten und Gewerkschafter im Reich und in der Emigration. 1934 geht er in die Gestapo und übernimmt dort das Dezernat für SPD, SAP, Reichsbanner, Freie Gewerkschaften und Sportverbände. 1937 ist er Leiter der Abt. l a – politische Polizei, zuständig für Sozialdemokratie und sozialdemokratische Gewerkschaften. 1938 bekämpft und beobachtet er die marxistische Bewegung im Reichsmaßstab. 1938 kommt er zur SS-Einheit der Gestapo unter gleichzeitiger Zuteilung zum Sicherheitsdienst des Reichsführers der SS Himmler. 1938 übernimmt er das Sachgebiet II a 2, Marxismus. Mitte 1939 geht er nach Potsdam und ist dort Leiter Abt. IV A 2 – zuständig für den Kampf gegen sozialdemokratische Kräfte in Deutschland und in der Emigration. 1940 ist er einige Wochen mit einem Kommando in Brüssel, um die Akten der 2. Internationale sicher zu stellen. Anschließend geht er nach Paris, dort hält er sich, nachweislich, in den Monaten September bis Oktober 1941 auf. Von Oktober 1941 bis Januar 1942 ist er Ordonnanzoffizier im Vorkommando Moskau (VKM), das der "Einsatzgruppe B" unter Arthur Nebe in Smolensk angeschlossen war. Die Mordzahlen des VKM sind auf den 14tägigen Geheimberichten der Einsatzgruppen an Himmler extra ausgewiesen. Von Januar 1942 bis Oktober 1944 ist er Chef der Gestapo in Belgrad. Zwischen dem 18.12.1944 und dem 9. 5.1945 ist er in Wien, und gehört zum "Sonderstab für ungarische Rückführungsaktion". Ich konnte bisher 7 europäische Historiker, Spezialisten für Österreich/Ungarn, befragen, aber niemand kennt diesen Sonderstab. Aber "Rückführung" ist, wie "Evakuierung" ein Synonym für Ermordung. Mein Vater war mit Sicherheit an der Ermordung der ungarischen Juden bis an das Kriegsende beteiligt. Danach flieht er über Linz nach Deutschland. Er versteckt sich bei seiner Cousine im Harz. Im Frühsommer 1947 kehrt er mit falschem Namen nach Berlin zurück. Am 11.8.1947 wird er aus West-Berlin verschleppt. Es folgen Aufenthalte in NKWD Gefängnissen in Berlin und Moskau, in den verschiedensten Zuchthäusern der DDR. Am 15.10.1972 stirbt er in der Strafvollzugsanstalt Leipzig-Meusdorf, die Umstände seines Todes sind für mich bis heute nicht geklärt.
Mein Vater
Mein Vater war – so wie es sich mir heute, aufgrund von vielen Gesprächen mit älteren Familienmitgliedern (nicht mit meinen Schwestern, wir haben seit 1978 keinen Kontakt mehr miteinander, abgesehen von der Erbauseinandersetzung nach dem Tod meiner Mutter 1984), mit Zeitzeugen, Historikern, Menschen, die ihn und meine Mutter gekannt haben – darstellt, ein überzeugter Nationalsozialist. Er kam aus einem deutschnational gesinnten Elternhaus, die Bibliothek meines Großvaters sah entsprechend aus. Radikalisiert wurde er sicherlich im Freikorps, sein Eintritt jedoch war freiwillig, ebenso sein früher Eintritt in die NSDAP. Schon 1932 verhinderte er zusammen mit einer Gruppe Gleichgesinnter, dass andere als überzeugte Nationalsozialisten in die Berliner Politische Polizei aufgenommen wurden. 1934 war er der verantwortliche und ausführende Beamte des Mordes an John Schehr17 und seinen drei Genossen – dafür hätte die DDR ihn zum Tod verurteilen können, in den DDR-Strafakten wird aber darüber nichts erwähnt. Mein Vater war auch in den letzten Lebenswochen für den Friedensnobelpreisträger Carl v. Ossietzky18 zuständig. Das zeugt – für mich – von dem Vertrauen, das Göring und Himmler in die nationalsozialistische Gesinnung meines Vaters gehabt haben. Er verfolgte KPD- und SPD Mitglieder durch Europa, seine Spitzel hatte er in den höchsten Gremien der Parteien erfolgreich einsetzen können. Seine Kriegseinsätze zeigen, "dass er mitgetan hat, zumindest ist kein Beweis dafür vorhanden, dass er versucht hat zu bremsen."19
Mein Vater wollte Karriere machen und es gelang ihm – bis zum Ende des Nationalsozialismus. Er hätte nicht in die Gestapo einzutreten brauchen, entgegen der landesüblichen Verteidigung wurden die Beamten gefragt, ob sie zur Gestapo oder in die Kriminalpolizei übergehen wollten, hier gab es keinen Zwang. Er hätte dem Befehl zum Töten nicht folgen müssen, bis heute ist in der Geschichte kein einziger Fall bekannt, dass jemand aus SS, SD, aus den Einsatzgruppen und Einsatzkommandos, aus den Polizeibataillonen und anderen Mordeinheiten, der nicht mittöten wollte, diese Weigerung mit seinem Leben bezahlt hat. (Auch das ist ein Märchen, das sich unglaublich hartnäckig hält und in jeder Diskussion inzwischen schon von der Enkelgeneration wiederholt wird.) In all seinen handschriftlichen Hinterlassenschaften, die ich in den Stasiakten gefunden habe, steht nicht ein Wort des Bedauerns seiner Taten, der Trauer um die Opfer, des Nach- und Umdenkens. Er fühlte sich als Opfer, er habe unausweichlichen Befehlen gehorchen müssen. Er ging allerdings nicht so weit zu schreiben, blutenden Herzens.
Oft werde ich gefragt, wie ich das alles aushalte. In diesen Jahren der Suche nach meinem Vater bin ich oft an die Grenzen dessen, was ich glaubte ertragen zu können, gestoßen. Aber hat eigentlich je einer die Opfer gefragt, ob sie es aushalten könnten, was mit ihnen geschah? Das Verständnis meiner beiden Kinder dafür, dass ich die Geschichte meines Vaters, ihres Großvaters wissen will und muss, hilft mir sehr. Es hilft mir sehr, dass sie sich nicht abwenden, sondern mir zur Seite stehen. Meine Tochter hat sich der so schweren Arbeit unterzogen, zusammen mit einem guten Freund mein Manuskript gegenzulesen und zu lektorieren. Und – es geht mir besser. Ein Druck weicht von mir, der durch das Schicksal meines angeblich "unschuldigen" Vaters auf mir gelastet hat. Wie konnte ich mich denn freuen, wenn mein geliebter Vater zur gleichen Zeit unter schlimmen Bedingungen im Zuchthaus saß? Seitdem ich von seinen Verbrechen weiß, brauche ich, wie ich es heute nenne, Verteidigungsstrategien, die ernsthafte Auseinandersetzungen ganz schnell entweder in die falsche Richtung bringen oder beenden, nicht mehr. Ich meine Verteidigungsstrategien wie z.B. "Ich bin doch nicht schuld", "Was gehen mich meine Eltern an", "Endlich muss Schluss sein", "Deutschland hat doch gezahlt", "Was ist eigentlich mit dem Konflikt Israel –Palästinenser?".
Eine zweite Frage, die mir oft gestellt wird, ist die der Schuld. Ob ich mich an den Verbrechen, die meine Eltern begangen haben, schuldig fühle. Nein, ich bin nicht schuld an den Verbrechen meiner Eltern. Aber ich mache mich schuldig, wenn ich das, was ich herausgefunden habe, nicht weitervermittle. Ich habe in der Erziehung meiner Kinder versucht, ihnen ein Geschichtsbewusstsein zu vermitteln. Unsere Eltern haben die Welt in Trümmer gelegt. Die sowjetische Armee hat uns befreit, die Demokratie brachten uns die Westmächte. Es gilt noch heute für jede Generation neu, die Demokratie zu erlernen und im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu handeln, d.h. alle Rechte und Pflichten, die sie uns gibt, wahrzunehmen. Es beginnt mit der Pflicht, sich zu informieren, zu hinterfragen, sich einzumischen, zur Wahl zu gehen, eine eigene Meinung zu haben, sie zu äußern, zu ihr zu stehen und sie zu vertreten, sich gegen Unrecht zur Wehr zu setzen.
1991 habe ich einen Rehabilitierungsantrag für meinen Vater an das zuständige Landgericht Rostock gerichtet. Auf die erste Ablehnung reagierte ich mit Empörung. 1999 kam der endgültige ablehnende Beschluss, den ich immerhin schon akzeptieren konnte. Und da wusste ich schon so vieles. Heute bin ich über die Ablehnung erleichtert, was für ein neues Unrecht wäre sonst geschehen.
Beate Niemann wurde am 6. Juni 1942 in Berlin-Tempelhof geboren, sie besuchte die Schule in Berlin. 1960 brach sie die Schule ab und ging zu einem Au Pair Aufenthalt nach England, 1962 für 6 Monate nach Frankreich. 1962-63 wurde sie zur Auslandskorrespondentin ausgebildet. Sie arbeitete außerdem bei Amnesty International und war 10 Jahre lang als freie Vollzugshelferin in der Strafanstalt Berlin-Tegel tätig. Sie arbeitete später beim Diakonischen Werk und der Evangelischen Kirchengemeinde Schlachtensee. 1997 begann sie mit dem Aktenstudium bei der BStU. 2000 wurde ihre Recherche über ihren Vater durch einen Artikel im Tagesspiegel bekannt. 2002/3 erschienen die Filme des Dokumentarfilmers Yoash Tatari ("Mein Vater, der Mörder – eine Tochter klagt an"; "Der gute Vater – eine Tochter klagt an"). Frau Niemann lebt in Berlin. Das Buch über ihren Vater Bruno Sattler (Arbeitstitel: "Mein Vater") ist fertig. Es ist zu hoffen, dass es 2005 in das Publikationsprogramm eines Verlages übernommen wird.
1 Der Verband wurde 13.12.1915 in Berlin unter dem Namen "Verband der Kameradenvereine" gegründet und hatte damals 6.000 Mitglieder. Ernst Schrader wurde zum 1. Vorsitzenden gewählt, das blieb er auch bei den Zusammenschlüssen von Polizeiverbänden. Als erstes kam der "Verein der Kriminalschutzmänner", gegründet am 17.3.1913, dazu. 1917 erfolgt die Ausdehnung auf ganz Preußen als "Verband der Königlichen Schutzmannschaft Preußens" mit dann insgesamt 15.000 Mitgliedern. Am 6.2.1919 gab es eine Zusammenkunft der Delegierten aller Länderorganisationen in Erfurt. Am 3. und 4. Mai 1919 gründen sie in Berlin den "Reichsverband der Polizeibeamten Deutschland", E. Schrader blieb Vorsitzender. Am 20.21.02.1923 kam es in Berlin zur endgültigen Einheitsorganisation der Polizei in Preußen mit 60.000 Mitgliedern: "Verband Preußischer Polizeibeamten e.V". Am 15.6.1931 erfolgt der Zusammenschluss mit dem "Allgemeinen Preußischen Polizei Verband", jetzt nennt sich der Verband "Reichsgewerkschaft Deutscher Polizeibeamter", Sitz ist Berlin, E. Schrader ist weiter Vorsitzender. Am 2.5.1933 werden die Gewerkschaften zerschlagen, und am 24.6.1933 wurden alle Arbeitnehmerorganisationen in die "Deutsche Arbeitsfront", DAF, unter Führung von Robert Ley überführt. Seit dem 24.8.1933 wird jegliche "Zellenbildung und die Tätigkeit irgendwelcher Fach-und Beamtenausschüsse" verboten. Am 8.9.1933 wird Ernst Schrader in das Konzentrationslager Oranienburg gesperrt. Am 13.9.1933 wird der Sekretär des "Schrader-Verbandes", Emil Winkler, verhaftet und im gleichen Jahr im KZ zu Tode misshandelt. Am 1.12.1933 löst sich auf Druck der "Verband Preußischer Polizeibeamter e.V." in Berlin auf. Am 17.5.1935 Liquidation des Verbandes vor dem Amtsgericht Berlin. Am 13.7.1936 stirbt E. Schrader an den Folgen des KZ-Aufenthaltes. Mein Vater war Mitglied des Verbandes. Wann er austrat, ist nicht bekannt. 1948/49 Neugründung des "Verband der Polizeibeamten e.V. (ehemals Schrader-Verband)." Geschäftsführerin wurde meine Mutter. Sie bleibt es bis zu Auflösung des Verbandes etwa 1964.
2 Mein Vater wurde nach dem alliierten Kontrollratsgesetz 10 (Art.II, Ic u.d, Ziffer a und e) und gemäß der Kontrollratsdirektive 38 (Art. II, Ziff. 1,2,3 und 7) verurteilt. Es hatte also eine Vorverurteilung aus Moskau gegeben. Da das Urteil in West-Berlin als "Unrechtsurteil" aufgehoben wurde, war meine Mutter der festen Überzeugung, mein Vater gehöre zur Gruppe der zu entlassenden deutschen Kriegsgefangenen. Deswegen standen wir auf dem Bahnhof.
3 Der Begriff Au Pair kommt aus dem französischen. Übersetzt bedeutet er ungefähr auf Gegenseitigkeit. Ein Au Pair ist ein Mitglied der Familie auf Zeit. In den meisten Fällen ist es ein junges Mädchen (manchmal auch ein Au Pair Junge), das seine Kenntnisse einer fremden Sprache verbessern und Land und Leute kennen lernen möchte. Gegen freies Essen und Unterkunft sowie ein monatliches Taschengeld hilft ein Au Pair auf die Kinder aufzupassen und bei der Hausarbeit.
4 Rudolf Diels (16.12.1900 – 18.11.1957), Gründer und Chef der Gestapo, war 1900 im Taunus geboren worden und hatte Rechtswissenschaften studiert. Er wurde bald nach der Gründung in einen Machtkampf zwischen Göring und Himmler verwickelt, musste deshalb auf den Posten des stellvertretenden Polizeipräsidenten von Berlin wechseln. Im April 1934 musste er seinen Posten endgültig verlassen und wurde zum Regierungspräsidenten Kölns, später von Hannover. Im Zusammenhang des 20. Juli 1944 war er ins Gestapo-Gefängnis gekommen, von dort aber von seinem Förderer Göring befreit worden. Nach dem Krieg arbeitete er in der Regierung und im Innenministerium Niedersachsens.
5 Walter Zirpins war Sachverständiger im Reichstagsbrandprozess 1933 und sagte zu demselben Komplex sowohl 1948 in Nürnberg als auch 1961 vor einem ordentlichen deutschen Gericht aus. SS-Sturmbannführer und Kriminaldirektor im Amt IV (Gestapo) des Reichssicherheitshauptamtes. Im Zweiten Weltkrieg Einsatz Zirpins’ bei der "Endlösung der Judenfrage" in den Ghettos Warschau und Litzmannstadt. Nach 1945 Oberregierungsrat und Leiter des Landeskriminalamtes Niedersachsen. Dr. Walter Zirpins war Fritz Tobias’ Kronzeuge im Historikerstreit um die These zur Alleinschuld Marinus van der Lubbes. Somit ist er einziger Bürge für die zumindest in der Geschichtsschreibung feststehende These von der Alleinschuld van der Lubbes am Reichstagsbrand in der Nacht vom 27. Februar auf den 28. Februar1933.
6 Kurt Fähnrich machte mit meinem Vater zusammen 1928/29 die Ausbildung zum Kriminalkommissar. Er arbeitete später unter Walter Zirpins, u.a. am Reichstagsbrandprozeß.
7 Niklas Frank, geboren 1939, Sohn des von Hitler als "Generalgouverneur" von Polen eingesetzten Hans Frank, der im Nürnberger Prozess wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode verurteilt und hingerichtet wird, wächst im bayerischen Neuhaus am Schliersee und in Krakau auf. Von seiner Mutter in pietätvollem Gedenken an den musisch und rhetorisch begabten Vater erzogen, erkennt er erst allmählich das ganze Ausmaß der Verbrechen des Vaters, dessen Leben er in jahrelanger Arbeit rekonstruiert. Seine provokante Abrechnung "Der Vater" erregte großes öffentliches Aufsehen. Niklas Frank arbeitete als Reporter und Autor beim "stern". Zeit seines Lebens hat ihn außerdem die Geschichte der deutschen Ritter und Raubritter umgetrieben, für dieses 2. Buch hat er in vielen Jahren in zahlreichen klein- und großstädtischen Archiven Deutschlands geforscht.
8 Das Buch von Niklas Frank "Der Vater" war 1987 erschienen.
9 Vielen der heimkehrenden Soldaten war nach dem 1. Weltkrieg das zivile Leben nach den Kriegsjahren fremd, sie waren vom Zusammenbruch der Monarchie schockiert und sie waren erwerbslos. Angesichts der Unruhen und Aufstände im Reich benötigten aber die neue Reichsregierung unter Friedrich Ebert für den Straßenkampf ausgebildete Soldaten zu ihrem Schutz. Da das zurückkehrende Frontheer dieser Aufgabe nicht gewachsen war, wurde zur Jahreswende 1918/19 die Freiwilligenwerbung eingeleitet. So schlossen sich etwa 400.000 ehemalige Soldaten den Freikorps an, die zur Niederschlagung linker Putschversuche eingesetzt wurden. Eines dieser Freikorps war auch die "Brigade Ehrhard". Beim Berliner Januaraufstand 1919 wurden die prominenten KPD-Gründer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht von Soldaten der "Garde-Kavallerie-Schützen-Division" ermordet.
10 Walter Manoschek, Serbien ist judenfrei, München 1995
11 In der geteilten Stadt Berlin war das Berlin Document Center eine jener geheimnisumwitterten Einrichtungen, über die die deutsche Bevölkerung nur sehr wenig wusste. Es war ein reiner Glücksfall, dass gegen Ende des Zweiten Weltkriegs der nach Süddeutschland vordringenden US-Armee dieser umfangreiche Dokumentenfund in die Hände fiel. Man hatte nichts Geringeres als die gesamten Akten der NSDAP gefunden. Sie bildeten den Grundstock für das im Berlin Document Center zusammengetragenen Archivmaterial. Es fand Verwendung in den Nürnberger Prozessen gegen die wichtigsten Nazi-Größen. Heute ist das Material dem Bundesarchiv zugeordnet.
12 Die Ludwigsburger Zentralstelle klärte seit 1959 systematisch Verbrechen "gegenüber Zivilpersonen außerhalb der eigentlichen Kriegshandlungen, insbesondere bei der Tätigkeit der so genannten Einsatzkommandos" der SS und "in Konzentrationslagern und ähnlichen Lagern" auf und führte die Ermittlungen dazu zusammen. Inzwischen ist das dort angesammelte Material in einer Außenstelle des Bundesarchivs in Ludwigsburg untergebracht.
13 Dr. Klaus-Michael Mallmann ist Privatdozent für Neuere Geschichte an der Universität Essen. Zusammen mit Gerhard Paul hat er über die Gestapo und über NS-Täterbiographien überhaupt publiziert. Er arbeitet seit dem Sommer 2001 in Ludwigsburg an der Erfassung der Bestände.
14 Stephan Lebert, geboren 1961, war Reporter bei der "Süddeutschen Zeitung", seit Sommer 1999 ist er Redakteur beim "Tagesspiegel" in Berlin. 1998 gewann er den Egon-Erwin-Kisch-Preis. 1959 besuchte sein Vater Norbert Lebert die Nazi-Kinder – Edda Göring und Gudrun Himmler, Martin Bormann und Wolf-Rüdiger Heß, Klaus von Schirach und andere –, die damals am Anfang ihres Berufslebens standen. 40 Jahre später nimmt Stephan Lebert erneut Kontakt zu diesem Personenkreis auf und führt nach dem Tod des Vaters dessen Arbeit fort, siehe: Norbert Lebert/Stefan Lebert, Denn Du trägst meinen Namen, Das schwere Erbe der prominenten Nazi-Kinder, München 2000
15 Die 90 minütige Version des Films von Yoash Tatari über Beate Niemann heißt "Der gute Vater – eine Tochter klagt an", sie ist 2003 fertig gestellt worden und kann über den Mittschnittservice des WDR bestellt werden. Die 45 minütige Version des Films von Yoash Tatari über Beate Niemann heißt "Mein Vater, der Mörder – eine Tochter klagt an", sie ist 2002 fertig gestellt worden und kann ebenfalls über den Mitschnittservice des WDR bestellt werden.
16 Zur Geschichte dieses Lagers in Jugoslawien informiert eine permanente Ausstellung. Siehe im Internet: www.mgb.org.yu/eng/pmuz/banjica/banji.htm
17 Der Schlosser John Schehr (1896 – 1934) wurde 1932 KPD-Abgeordneter des Preußischen Landtages und des Reichstags. Nach der Verhaftung Thälmanns im März 1933 leitete Schehr die Partei bis zu seiner eigenen Verhaftung im November 1933. Er wurde von der Gestapo "auf der Flucht" erschossen.
18 Carl von Ossietzky (1889 – 1938), Pazifist, Journalist und Schriftsteller, Redakteur der "Berliner Volkszeitung" 1920, bei der Zeitschrift "Die Weltbühne" 1926, Inhaftierung in Konzentrationslagern 1933-36, Friedensnobelpreis 1935, den O. durch Intervention der Nationalsozialisten nicht entgegennehmen darf; 1936-38 Hausarrest unter Gestapo-Bewachung, stirbt an den Folgen der KZ-Haft.
19 So jedenfalls beurteilt es der bereits erwähnte Spezialist Michael Mallmann, den ich zufällig bei meinem 2. Besuch in Ludwigsburg traf.
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