Heft 48/2004 | Themen | Seite 60 - 63

Lenore Lobeck

Die Schwarzenberg-Utopie

Seit Stefan Heyms 1984 erschienenem Buch "Schwarzenberg" werden die Ereignisse der Nachkriegszeit in Schwar­zenberg mehr und mehr idealisiert. Heym projizierte seine Utopie von der Existenz eines alternativen Sozialismus in das während der sechs Wochen nach dem Krieg 1945 von den Alliierten be­satzungslos gebliebene Schwarzenberg. Volker Braun beschreibt in seinem kürzlich erschienenen Buch "Das unbesetzte Gebiet" diese Utopie als Wirklichkeit.

Das Geschehen 1945 in dem sogenannten Niemandsland um Schwarzenberg dien­te über die Jahre hinweg  Spekulationen und interessengebundener Le­genden­bildung.
Was aber war damals  wirklich geschehen? Waren  die Tatsachen über­haupt jemals bekannt?

Die jüngst erschienene wissenschaftliche Untersuchung "Die Schwarzenberg-Utopie – Geschichte und Legende im ›Niemandsland‹" belegt erstmals anhand von Dokumenten aus verschiedenen Archiven und der BStU die Geschehnisse der Nachkriegszeit in Schwarzenberg. Es wurde erforscht, was sich in den sechs Wochen im Mai/Juni 1945 abspielte, wer die Akteure und neuen Machthaber wirklich waren. Die lokalen Ereignisse wurden eingebettet in das allgemeine politische Geschehen, speziell in der SBZ. Die sechs Wochen wurden nicht, wie bisher, isoliert betrachtet, sondern in ihre geschichtlichen Zusammenhänge gestellt, ohne die sie nicht zu beurteilen sind. So spannt sich der Untersuchungszeitraum von 1920 bis 1950. Besondere Beachtung  findet das Schicksal des Dr. Ernst Rietzsch, der von 1921 bis 1945 als Bürgermeister in Schwarzenberg tätig war.

Gleichzeitig enthält das Buch eine Geschichtsbildforschung. Untersucht wurde, wie es möglich war, daß ein lokales Ereignis durch Kolportage eine Bedeutung auf überregionaler politischer Ebene erlangen konnte, welche Dynamik die Legende erhielt, so daß sie sich als die historische Wahrheit festschrieb.

(Lenore Lobeck, Die Schwarzenberg-Utopie – Geschichte und Legende im "Niemandsland", Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 2004. – Hg. vom Sächsischen Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, gefördert von der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Berlin und vom Bürgerkomitee "15. Januar" e.V., Berlin, ISBN 3374022316)

Die Legende heute
Schwarzenberg, eine Kleinstadt im westlichen Erzgebirge weckt immer wieder die Neugierde von Journalisten und Schriftstellern. Was aber lenkt das Interesse der Medien und Autoren wiederholt auf diesen Ort?

Der Landkreis Schwarzenberg wurde nach der Kapitulation Deutschlands im Mai 1945 von den Alliierten aus bisher ungeklärten Gründen nicht besetzt. Die Amerikaner waren in Zwic­kau stationiert. Die Sowjetische Kommandantur befand sich in An­naberg. Etwa sechs Wochen währte der besatzungslose Zustand. Diese Tatsache, daß ein kleiner Landstrich am Ende des Krieges in einer schwie­rigen Situation für ein paar Wochen aus eigener Kraft verwaltet werden mußte, war der Ursprung für Legendenbildungen. Auch heute gilt das Interesse der Journalisten und Autoren nicht den Tatsachen, sondern der Kolportage, daß das politische Geschehen in Schwarzenberg während dieser sechs Wochen in der Geschichte einzigartig gewesen sei. Die Medien berichten von einer "ganz besonderen Freiheit", von "der ersten Demokratie auf deutschem Boden nach dem 2. Weltkrieg", von "basisdemokratischen Ansätzen". Es werden "beherzte Antifaschisten" beschrieben, die uneigennützig und aufopferungsvoll, fern jeglicher Ideologie, das Ruder in die Hand nahmen und den Landkreis vor dem Chaos bewahrten, indem sie Lebensmittel beschafften, für die Rückführung der Flücht­linge sorgten, die Zwangsarbeiter befreiten, die Nationalsozialisten aus ihren Ämtern entfernten, eine antifaschistische Polizei bildeten und "berüchtigte Nazis" verhafteten sowie gegen die sich in die Wälder des besatzungslosen Gebietes zurückgezogenen marodierenden Wehrmachts- und Werwolfverbände kämpften und Briefmarken und Notgeld in Umlauf brachten. Die heutigen Darstellungen der Schwarzenberger Ereignisse von 1945 suggerieren das tatsächliche Vorhandensein eines politisch-gesellschaftlichen Idealzustandes, einer basisdemokratischen Ordnung, der mit dem Einmarsch der sowjetischen Besatzungstruppen im Juni 1945 ein Ende bereitet worden sei. Für das Geschehen dieser sechs Wochen etablierte sich der Begriff "Freie Republik Schwarzenberg", der von den Medien, von Reiseführen oder Bildungseinrichtungen inzwischen mit Selbstverständlichkeit übernommen wird.

Die Erinnerungen der Bewohner Schwarzenbergs, die diese sechs Wochen 1945 erlebt hatten, sind hingegen andere. Sie erzählen von Hunger, Ängsten, Beschlagnahmen, Verhaftungen und beginnenden Repressalien seitens der neuen Machthaber.

Daß die verbreiteten Geschichtsbilder in einer Diskrepanz zur erlebten Wirklichkeit stehen, ist offensichtlich.
Was aber geschah tatsächlich, wann begann die Legen­denbildung, welchen Lauf nahm die Legende?

Geschichte und Wirklichkeit
Daß der Landstrich um Schwarzenberg nach dem Krieg im Mai 1945 von den Alliierten nicht besetzt wurde, war unvorhersehbar und außergewöhnlich. Dieser Umstand erschwerte die Lösung der am Ende des Krieges anstehenden, ohnehin komplizierten Aufgaben, vergrößerte jedoch nicht deren Dimension, wie die Berichte über diesen Zeitabschnitt suggerieren.

Die Nachkriegssituation im Landkreis Schwar­­zenberg unterschied sich grundsätzlich nicht von der im übrigen Deutschland. Die Infrastruktur war gestört, es herrschte Hungersnot, für Flüchtlinge mußte gesorgt werden, die Industriebetriebe ruhten. Direkte Kriegs­zer­störungen gab es kaum. Die Verwaltungsstruktur im Landkreis war intakt geblieben. Es herrschte kein leitungsloses Chaos, wie es später, die kommunistische Machtübernahme rechtfertigend, im­mer wieder beschrieben wurde.

Der amtierende, parteilose Landrat Fried­rich Hänichen hatte während des besatzungslosen Zu­standes wesentlichen Anteil an der Aufrecht­erhaltung und Organisation des Lebens im Landkreis, was jedoch bis heute keine Erwähnung findet. Noch immer werden die Aktivitäten des Landrates dem Aktionsaus­schuß mit zugute gerechnet, und noch immer wird das DDR-Bild verbreitet, daß Hänichen "hinter dem Rücken des Aktionsausschusses" die Politik "anderer Kreise" vertrat, indem er die Amerikaner um Hilfe anrief.

Wie vielerorts in Deutschland konstituierten sich auch in den Orten des Landkreises autonome, meist kommunistisch dominierte, Aktionsausschüsse.
In der Stadt Schwarzenberg bildetet sich am 11. Mai 1945 ein aus vier Kommunisten (Willy Krause, Willy Irmisch, Paul Korb, Helene Pabst) und zwei Sozialdemokraten bestehender Aktionsausschuß.

Die kommunistischen Ausschußmitglieder sowie die beiden Kommunisten Paul Günter und Ernst Scheffler, die sofort nach ihrer Rückkehr aus dem KZ Sachsenhausen im Mai 1945 deren Tätigkeit unterstützten, waren bereits in den zwanziger Jahren in führenden Positionen an den zum Teil mit terroristischen Methoden geführten kommunistisch-revolutionären Kämp­fen beteiligt. Auf lokaler Ebene unterstützten sie die Umsturzpläne der KPD-Führung. 1923/24 kam es in Schwarzenberg bei Demonstrationen unter ihrer Leitung zu blutigen Auseinandersetzungen. Im Nachhinein verkehrten die Schwarzenberger Kommunisten die Tatsachen und wiesen die Schuld Bürgermeister Rietzsch zu, der seit seinem Amtsantritt 1921 Hauptzielscheibe ihrer Drohungen und Angriffe war. Als Abgeordnete der KPD in den städtischen Gremien mißachteten sie demokratische Regeln. Sie provozierten häufig Störungen und nutzten die Stadtverordnetenversammlungen als Plattform für kommunistische Propaganda.
Die sich in den Biografien der "Aktivisten der ersten Stunde" widerspiegelnde Identifikation mit den bereits vor 1933 radikal verfolgten kommunistischen Ideen zeigt, daß deren ergriffene Eigeninitiative im Mai 1945 von Anfang an auf die Errichtung einer kommunistischen Herrschaft abzielte. Sie sahen am Ende des Krieges 1945 mit einer sowjetischen Besetzung die Verwirklichung ihrer bereits seit 1918 angestrebten revolutionären Ziele in greifbare Nähe gerückt. In Anbetracht der unvorhergesehenen Tatsache, daß der Kreis besatzungslos blieb, handelten sie vorerst, auf Erfahrungen der zwanziger Jahre zurückgreifend, nach eigenem Ermessen.

Unter dem Vorwand der Entnazifizierung richteten sich ihre Angriffe von Anfang an gegen bürgerlichen Kreisen zugerechnete Personen. Sofort gingen sie gegen den langjährig als ihren Feind betrachteten Bürgermeister Ernst Rietzsch vor. Für dessen Absetzung erkannten sie die noch vorhandene Verwaltungshierarchie vor Einmarsch der Roten Armee an und benutzten den amtierenden Landrat Hänichen für ihr Ziel. Auf Verlangen des Aktionsausschusses beurlaubte Hänichen am 12. Mai 1945 den Schwarzenberger Bürgermeister Rietzsch und berief den Kommunisten Willy Irmisch zum kommissarischen Bürgermeister von Schwarzenberg. Bis heute jedoch wird kolportiert, daß die Mitglieder des Aktionsausschusses am 12. Mai 1945 mit etwa 120 bewaffneten Personen ins Rathaus marschiert seien, wo sie Bürgermeister Rietzsch aus seinem Amt verwiesen hätten. Die kontinuierlich verbreitete Begründung, Rietzsch hätte entmachtet werden müssen, weil er eine "faschistische Bürgerwehr" habe aufstellen wollen, um die alte Ordnung aufrecht zu erhalten, steht konträr zu der Forderung, die dieselben Personen am 12. Mai 1945 dem Landrat gegenüber erhoben, nämlich, daß Rietzsch versäumt hätte, eine "schlagkräftige Stadtwacht" aufzustellen, um Plünderungen zu verhindern.

Mit der Besetzung des Bürgermeisteramtes war der Weg für die Einnahme weiterer Schlüsselstellen in der städtischen Verwaltung geebnet und Bürgermeister Ir­misch nahm erste Entlassungen und Neueinstellungen im Sinne der Kommunisten vor. Die Mitglieder des Aktionsausschusses stellten die noch tätigen städtischen Polizeibeamten unter ihre Aufsicht, brachten unter Paul Korbs Leitung das Amtsge­richtsgefängnis unter ihre Kontrolle und führten eigenmächtig Verhaftungen durch. Sie beschlagnahmten Lebensmittel und Gebrauchsgüter in Betrieben und bei Privatpersonen. Die, wie behauptet, ausschließlich gemeinnützige Verwendung der konfiszierten Güter läßt sich nicht bestätigen. Für die wiederholt zitierten Aktivitäten, wie beispielsweise die Rückführung von Flücht­lingen oder die Lebensmittelversorgung, waren sie in den von ihnen besetzten Verwaltungsfunktionen nun von Amts wegen verantwortlich.

Mit der Gründung des Bezirks-Aktionsausschusses und der Einstellung des Kommunisten Paul Günther als Kreispolizeileiter weiteten die Schwarzenberger Kommunisten Anfang Juni 1945 ihren Einfluß auf den gesamten Landkreis aus. Nach Wiedergründung der KPD am 3. Juni 1945, wirkten sie zusätzlich von der Parteiebene aus auf alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens ein.

Eine wirkliche Stabilisierung im Sinne der von den Akteuren begonnenen Veränderungen der politischen Verhältnisse im Landkreis trat jedoch erst Mitte Juni 1945 mit dem Einzug der Roten Armee und der Errichtung sowjetischer Kommandanturen ein. Die Schwarzenberger Kommunisten wurden von der SMAD in ihren Ämtern bestätigt. Die vom sowjetischen Stadtkommandanten am 24. Juni 1945 befohlene Auflösung der Aktionsausschüsse hatte demzufolge in Schwarzenberg nur formalen Charakter. Dieselben Akteure verfolgten ihre Ziele nun als legitimierte Amtspersonen unter dem Schutzschild der SMAD.

Sie erwirkten im Juli 1945 vom sowjetischen Kommandanten die Abberufung des Landrates Hänichen und die Ernennung des Kommunisten Ernst Scheffler zum neuen Landrat. Sich der Rückendeckung der SMAD ge­wiß, waren ihre Maßnahmen fortan direkter auf die Beseitigung des Pluralismus konkurrierender Interessen ausgerichtet. Sie orientierten sich streng an dem wiederholt geäußerten Leitsatz: "Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns." Die rigorose Verfolgung von Kritikern und Andersdenkenden mündete in die Anwendung menschenrechtsver­let­zender Mittel. Verhaftungen folg­ten der undurchschaubaren sowjetischen Praxis und gründeten sich mitunter auf alte Vorurteile, persönliche Feindschaften und Denunziationen. So wurden Ernst Rietzsch und Friedrich Hänichen aufgrund von fadenscheinigen Anschuldigungen, die in die zwanziger Jahre zurückreichten, von den Schwar­zenber­ger Kommunisten verhaftet. Hänichen war ohne Anklage und Urteil bis 1950 in Bautzen interniert. Rietzsch wurde nach vierwöchiger Haftzeit in einer Ar­restzelle des Schwar­zenberger Rathauses der SMAD übergeben und im April 1946 in Dresden erschossen. 1994 wurde er rehabilitiert.

Die Legende verbreitet bis heute das radikale Vorgehen der Akteure als offenbar rechtmäßig. Nach wie vor wird, ohne Ansehen und Prüfung der jeweiligen Personen, polarisiert und anhand verbreiteter Vorurteile eine Wertung getroffen. Den Kommunisten wird, die Realität ignorierend und gemessen an der Utopie, Rechtschaffenheit und Idealismus zugestanden, dem in der NS-Diktatur Tätigen hingegen von vornherein Mittäterschaft unterstellt.

Die Schwarzenberger Kommunisten waren in ihren Positionen in Partei und Verwaltung über viele Jahre hin maßgeblich an der Ausführung von Weisungen und Direktiven des ZK der SED beziehungsweise der SMAD beteiligt. Ihnen oblag im Juni 1946 die Verantwortung für die Durchführung des Volksentscheids, sie forcierten nach den ersten Gemeindewahlen im Herbst 1946 das zeitweilige Verbot und die Gleichschaltung der CDU in Schwar­zenberg, sie betrieben ab 1948 die Entwicklung der SED zur "Partei neuen Typus" und förderten den Aufbau der Nationalen Front.

Sie waren seit Mai 1945 die lokalen Repräsentanten der Macht bei der Errichtung der SED-Diktatur. Einige von ihnen arbeiteten  über viele Jahre hin konspirativ mit dem MfS zusammen.
Die von der PDS und ihren Sympathisanten verbreitete These, mit dem Einmarsch der Roten Armee im Juni 1945 sei freiheitlich-demokratischen Ansätzen ein jähes Ende bereitet worden, ist nicht belegbar. Vielmehr waren die Kommunisten für den von ihnen angestrebten Machterhalt auf die Hilfe der SMAD angewiesen, und sie trugen in dem Prozeß bei der Errichtung der SED-Diktatur, wie viele Beispiele belegen, seit Mai 1945 selbst Verantwortung. Wirklich demokratische Ansätze, wie es sie bei­spiels­weise im besatzungslosen Gebiet in Aue oder nach den Kommunalwahlen 1946 in Schwarzenberg gab, vereitelten die Schwarzen­berger Kommunisten mit der Behauptung, sie seinen "un­demokratisch".

Die Dynamik einer Legende
Die Legendebildung begann bereits in der DDR. Die kommunistischen Akteure des damaligen Aktionsausschusses selbst modulierten die Vorgänge im besatzungslosen Gebiet dem SED-Geschichtsbild entsprechend, indem sie verschwiegen, übertrieben oder ins Gegenteil verkehrten. Die Übernahme der Macht im Mai 1945 wurde als Fortsetzung des kommunistisch-revolutionären Kampfes seit 1918 und als Beginn des Aufbaus des Sozialismus beschrieben. Die sogenannten Aktivisten der ersten Stunde, gingen als Helden der revolutionären Arbeiterbewegung in die Lokalgeschichte ein und wurden als die Wegbereiter des Sozialismus gefeiert. Schulen und Straßen trugen ihre Namen, Denkmale wurden ihnen zu Ehren errichtet.

Die Aussagen und Berichte der Akteure sind widersprüchlich und stehen häufig in Diskrepanz zur Aktenlage. Weder ihre Überlieferungen über die Absetzung des Bürgermeisters noch die anderen Details, den  Landrat, die marodierende Wehrmacht oder die Befreiung der Zwangsarbeiter betreffend, konnten anhand der Akten bestätigt werden.

Erstmals beschrieb der DDR-Historiker Werner Groß die Vorgänge im besatzungslosen Gebiet in seiner 1961 veröffentlichten Diplomarbeit "Die ersten Schritte". Groß legte die von den Akteuren beschriebenen Ereignisse als Beweis für eine eigenständige deutsche sozialistische Re­volution aus. 

Das im geschlossenen System der DDR von den Protagonisten modellierte Geschichtsbild war kaum überprüfbar und hatte demzufolge Bestand. Weder Stefan Heym und die PDS noch die Schöpfer der Freien-Republik-Legende hatten Interesse an einer Überprüfung des Wahrheitsgehalts der Überlieferungen.

Stefan Heym schuf 1984 die Grundlagen für spätere Interpretationen. Er übernahm die von den Protagonisten beschrieben Aktivitäten, koppelte jedoch das Geschehen vom real existierenden Sozialismus ab und stellte die sechs Wochen visionär als Beginn eines freiheitlich-demokratischen Sozialismus dar, dem von der sowjetischen Besatzungsmacht ein Ende bereitet wurde. Diese Idee wurde von der PDS aufgegriffen, die sich so eine neue Identität verleihen möchte, indem sie ihre Herkunft in vermeintlich alternativen Ansätzen sucht.
Die Aktivitäten der Schwarzenberger Kommunisten im Mai/Juni 1945 wurden sowohl von der vorausgegangenen Geschichte in der Weimarer Republik als auch von der nachfolgenden in der SED-Diktatur substanziell isoliert, so erschienen die Vorgänge im be­satzungslosen Gebiet als einzigartiges Ereignis, das in seiner vermeintlichen Unbefangenheit für sich alleine stand. Jene Verkürzung leistete der Entstehung der Legende von der Freien Republik unzweifelhaft Vorschub.

Bedenkenlos wurde der von Heym aus reformsozialis­tisch-idealistischen Motiven erfundene Utopist, mit den, der Heymschen Intension 1945 in Wahrheit entgegengesetzt agierenden Mitgliedern des Schwar­­zenberger Aktionsausschusses gleichgesetzt. Ro­man und Wirklichkeit verschmolzen somit zu einem Phantasiegebilde, welches sich wiederum als scheinbare Realität etablierte. Daß die Utopie aus verfälschten Vorgängen der Vergangenheit erstand, wurde verdrängt. Der kurze Zeitraum erschien nun in positivem Licht, weil das vorübergehende Vorhan­densein eines politisch-gesellschaftlichen Idealzustandes suggeriert wurde. Dergestalt schien der Ge­schichtsabschnitt lokal zum Vermarkten geeignet und für das Image der Stadt nutzbar. Überregional blieb er so für Anhänger der kommunistischen Utopie ein Anziehungspunkt. Die mit einer gewissen Skepsis für das Geschehen bisweilen verwendeten Begriffe Legende und Mythos verleihen den Ereignissen eine Faszination, die diesem Geschichts­abschnitt Schwarzenbergs, in dem, wie in der gesamten SBZ, eine Diktatur die andere ablöste, nicht gerecht werden.

Sämtliche bis heute überlieferten Darstellungen der Ereignisse erweisen sich als nachträgliche, unterschiedlichen Interessen dienende, Interpretationen. Die Aktivitäten waren von Beginn an, seit Mai 1945, auf die Errichtung einer sozialistischen Diktatur ausgerichtet. Eine Abkop­pelung der politischen Ereignisse dieses Zeitabschnittes von ihren geschichtlichen Zusammenhängen, um sie im Sinne irgendeiner Utopie interpretieren zu können, schließt sich unter Berücksichtigung der Kenntnisse des tatsächlichen Geschehens und seiner  Hintergründe aus.

Lenore Lobeck, geboren 1952, lebt in Schwarzenberg.

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