Heft 48/2004 | Rezensionen | Seite 73 - 74

Elena Demke

Ausreisen oder Hierbleiben?

Rückblicke auf einen Dauerkonflikt der späten DDR

Das schmale Bändchen dokumentiert eine Podiumsdiskussion, die das Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V. gemeinsam mit der Sächsischen Landeszentrale für Politische Bildung am 6. Juni 2002 im Polnischen Kulturinstitut in Leipzig veranstaltete. Die Diskussion wird auf 60 Seiten wiedergegeben und durch eine Auswahlbiblio­grafie zum Thema Opposition und Widerstand in der DDR, Abschriften bzw. Faksimiles von 15 Dokumenten sowie biografische Angaben ergänzt.

Diskussionsteilnehmer waren sowohl Männer und Frauen, die in der DDR geblieben (Reinhart Schult und Katrin Hattenhauer) als auch solche, die ausgereist bzw. mit direkter Gewaltanwendung in den Westen gebracht worden waren (Günter Jeschonnek, Fred Kowasch, Wolfgang Templin, Roland Jahn). Zugleich trafen damit Vertreter Berliner (Jeschonnek, Schult, Templin), Leipziger (Hattenhauer, Kowasch) und Jenaer (Jahn) Oppositions- bzw. Ausreiserkreise aufeinander. Darüber hinaus diskutierten unterschiedliche politische Generationen, erlebten doch Hattenhauer und Kowasch ihre politische Sozialisation in den achtziger Jahren, die anderen Teilnehmer dagegen in den Jahren um 1968. Diese Runde von Insidern wurde von dem mit Personen und Verhältnissen vertrauten Karl-Heinz Baum moderiert, der als Korrespondent der Frankfurter Rundschau seit Ende der siebziger Jahre die Entwicklung der Bürgerrechtsbewegung in der DDR journalistisch begleitet hatte.

Die zugespitzte Frage "Oppositionelle oder Verräter" wirft weitere Fragen auf. Wen sollten Ausreiser verraten haben? Bildeten sie mit den in der DDR kritisch Engagierten eine Gemeinschaft, die sie hätten verraten können? Was sollten sie verraten haben? Gab es eine gemeinsame Sache der SED-Gegner? Ein emotionsgeladener Vorwurf (Verräter!) wird einem historischen Analysebegriff (Opposition) gegenübergestellt. Perspektiven der Vergangenheit (in der DDR Bleibende hielten zuweilen Ausreisern vor, sie und ihr politisches Anliegen im Stich zu lassen, zu "verraten") und der Gegenwart (im nachhinein erscheint der jeweilige Beitrag zum Sturz des Regimes als entscheidendes Kriterium für die Bewertung kritischen Engagements) begegnen sich. Nein, es liegt nicht an den Diskutanten, wenn Ebenen vermischt werden – dies ist schon in der Frage implizit. Sie ringen um historisches Urteil, aber eben auch um Ehre. Dabei werden immer neue Schlaglichter auf das Verhältnis von Ausreise- zu Oppositionsbewegung geworfen und zugleich auf den Selbstentwurf der Diskutanten im Spannungsfeld zwischen biografischer Betroffenheit und historischem bzw. geschichtspo­litischem Diskurs.

Günter Jeschonnek, der auch eine Einführung bietet, betont dort ebenso wie in weiteren Statements, dass Ausreise als (bewusste) politische Gegnerschaft entscheidend zum Zusammenbruch des SED-Regimes beitrug. So zeige etwa das Engagement Ausgereister, vom Westen aus mit Hilfe der Medien widerständiges Verhalten in der DDR zu unterstützen, deren politische Motivation. Dabei bezieht Jeschonnek sich vor allem auf die eigene Erfahrung und Beobachtungen im persönlichen Umfeld. Reinhart Schult dagegen erinnert sich an das Gros der Ausreiser als "Unpolitische", insofern sie die persönliche Karriere in den Vordergrund stellten, die Lähmung von Aktivitäten der Friedens- und Bürgerrechtsbewegung in der DDR in Kauf nahmen und zu dieser nach ihrer Ausreise keine Kontakte pflegten. Im Interesse kontinuierlicher oppositioneller Aktivitäten in der DDR wurde deshalb enge Zusammenarbeit mit den als "Stone­wash-Fraktion" bezeichneten Ausreisern vermieden. Der auf die melierten Jeans anspielende Begriff dokumentiert zugleich, dass die Distanz nicht nur eine Frage der Ziele, sondern auch des Habitus war. Das ihm zugeschriebene Wort vom Ausreiser als Verräter lehnt Schult als generelles Verdikt allerdings ab und verweist es in den Kontext seiner Biografie: er war verhaftet worden, nach­dem er einen Fluchtversuch unterstützt hatte und von dem gescheiterten Flüchtling verraten worden war. Dass Schults Skepsis gegenüber denen, die die DDR verließen, nicht nur der "Stonewash-Fraktion" galt, illustriert sein Beitrag im "Friedrichsfelder Feuermelder" vom April 1988 (Dokument 12 im Anhang). Darin kritisiert er die Einwilligung bekannter Oppositioneller wie Stephan Kraw­czyk, Freya Klier, Wolfgang Templin u.a., nach wenigen Wochen der Haft in die Bundesrepublik auszureisen, scharf und bezeichnet diesen Schritt als "politische und moralische Bankrotterklärung" (101). Katrin Hattenhauer schildert ebenfalls Frustration der in der DDR kritisch Engagierten angesichts der Ausreisebewegung. Sie setzt den Akzent allerdings stärker auf die Erfahrung, in der Minderheit zu sein und darüber hinaus durch Ausreise Freunde zu verlieren. Sich darin der Position Jeschonneks nähernd, betrachtet sie die Bereitschaft zu öffentlichem Engagement – auch nach der Ausreise – als wichtiges Kriterium für die Qualität des politische Anliegens von Ausreisern, ist jedoch zurückhaltend mit Verallgemeinerungen. Zu­gleich werfen ihre Ausführungen Licht auf regionale Unterschiede. Sie beschreibt Formen der Kooperation zwischen Ausreisern und Oppositionellen in Leipzig, die sich grundlegend von der von Schult geschilderten Berliner Situation unterscheiden. Fred Kowasch bestätigt dies und erläutert diese Leipziger "Symbiose" (32) genauer. Immer wieder zeigt die Diskussion dabei den Nachhall emotionaler Involviertheit der Beteiligten, etwa im Bekenntnis Templins zu innerer Distanz denen gegenüber, die nur den privaten Freiheitsanspruch hatten. Als Besonderheit erscheint da Roland Jahns strikt rationale Herangehensweise: Erfreulich klar konstatiert er, dass jedes Ausreisebegehren insofern politisch war, als es stets die Einforderung von Grundrechten bedeutete. Darüber hinaus hätte die Ausreisebewegung machtpolitisch gewirkt und als permanenter Generator von Unzufriedenheit in der DDR das Regime destabilisiert. Seine Verfolgung und gewaltsame Abschiebung aus der DDR betrachtet er, abstrahierend, lediglich als Zuspitzung der DDR-typischen Freiheitseinschränkungen, welche zu Ausreisebe­gehren führten.

Schließlich widmet sich die Diskussion der Rolle west­licher Medien für die Wahrnehmung der Ausreise- und Oppositionsbewegung in der DDR, wobei persönliche Erfahrungen mit Problemen bei der Informationsbeschaf­fung einerseits und ihrer Platzierung in der westlichen Medienwelt andererseits im Vordergrund stehen (Baum, Jahn, Jeschonnek, Kowasch).

Das die Diskussion durchziehende Spannungsfeld zwischen Geschichte und Biografie verlieh der Podiumsdiskussion sicherlich eigenen Reiz. Für die vorliegende Publikation erweist es sich jedoch, je nach Interessenlage der Leser, als potentiell problematisch. Befriedigende, verallgemeinerbare Antworten auf die Frage nach der historischen Rolle der Ausreisebewegung im Verhältnis zur Opposition bedürften im Detail empirischer Belege. Für einen groben Umriss hingegen genügen knappe Ausführungen wie die des Mitherausgebers Rainer Eckert im Vorwort auf vier Seiten: Das Fehlen der Ausgereisten hätte zwar im Einzelnen widerständiges Engagement vor Ort geschwächt, insgesamt jedoch hätte die Ausreisebewegung das SED-Regime massiv destabilisiert. Wer sich hingegen für persönliche Haltungen der historischen Akteure damals und heute interessiert, findet hier eine spannende Dokumentation. Deshalb ist es bedauerlich, dass die Publikation nicht konsequenter aufbereitet wurde. Eine editorische Notiz vermisst man; der Dokumen­tenanhang scheint eher flüchtig zusammengestellt und entbehrt der Annotation. Manch Faksimile ist kaum lesbar, andere dokumentieren Aspekte, die in der Diskussion bestenfalls eine untergeordnete Rolle spielen, ein Notizzettel schließlich scheint eher des "Aura"-Charakters des Dokuments oder des Wiedererkennungs-Effekts für Eingeweihte wegen reproduziert worden zu sein als mit Blick auf seinen Informationsgehalt für eine breitere Leserschaft. Da wünschte man sich mehr Beispiele wie das Dokument 12 (s.o., bedingt auch Dokument 1 mit einer Erklärung der Gruppe Staatsbürgerschaftsrecht von 1987): Ausführlich, unmittelbar auf das Thema bezogen und dem Leser einen aussagekräftigen Eindruck von Diskussionen in der späten DDR gebend. Auch die im Einzelnen zwar genauen Fußnoten zu der Diskussion reichen – je nach Zielpublikum – kaum aus. So stellt sich überhaupt die Frage nach den Adressaten der Publikation. Wer mit dem Thema halbwegs vertraut ist, wird letztlich wenig Neues erfahren; wer einen Einstieg sucht, für den wird vieles eher kryptisch bleiben wie die nur aus Kenntnis des Kontextes deutbare Aussage Templins (S. 26): "Jetzt sage ich es einmal konkret: Der Weggang von Jürgen Fuchs und Roland Jahn, das Nicht-Mehr-Dasein, hat die Opposition entscheidend gestärkt und vorangebracht."

Uwe Schwabe, Rainer Eckert (Hgg.): "Von Deutschland Ost nach Deutschland West: Oppositionelle oder Verräter?", Forum Verlag, Leipzig 2003, 128 Seiten, ISBN 3-931801-1,  8,60 €.

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