HEFT 01/2005 | Editorial | SEITE 81

 

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

das Staatswesen DDR hangelte sich von Jahrestag zu Jahrestag durch die Zeiten: Vom zwanzigsten Geburtstag der DDR ging es vorwärts zum 100. Geburtstag Lenins, von da wiederum zum fünfundzwanzigsten Jahrestag der Befreiung usw. Mit "15 Jahre Herbstrevolution / 15 Jahre Jahre BStU" schließen wir also an Vertrautes an. Zwar kommen wir, was den 89er Herbst betrifft, etwas verspätet, aber auch dieses Nachholende soll ja typisch östlich sein. Zum Ausgleich haben wir in Sachen BStU den Plan vorfristig erfüllt.

Dem Sturz der SED-Politbürokratie und seinen Folgen sind die ersten drei Beiträge gewidmet, in denen das Thema auf für uns neue Weise angegangen oder Umstrittenes erneut analysiert wird. Wir greifen damit eine Anregung der Stiftung Aufarbeitung auf, dieses Geschehen noch einmal zu vergegenwärtigen. Das scheint auch nötig zu sein. Der Herbst ’89 spielt, so Alexander Cammann in der Zeitschrift "Ästhetik und Kommunikation" Nr. 122/123, im öffentlichen Bewußtsein nicht die ihm gebührende Rolle. Eine der möglichen Antworten auf die Frage nach den Gründen dafür findet sich in Hans-Jochen Tschiches "Themen"-Beitrag über die jüngsten Montagsdemonstrationen: Nach wie vor sind offensichtlich viele nicht bereit, das hierzulande gegebene Maß an Existenzgefährdung als Preis der Freiheit anzusehen. Daß der Drache, der östliche zumindest, tot ist, scheint ihnen nicht zu genügen.

Besagter Drache hat viel Papier hinterlassen; ein Teil davon wird von jener umfänglichen Behörde verwaltet, um die es in den weiteren Beiträgen zum Hauptthema geht: der Behörde der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, kurz BStU genannt. Zwei der Texte thematisieren die Frühgeschichte dieser Einrichtung. Insbesondere in Barbara Timms Aufzeichnungen wird deutlich, wie hier ein basisdemokratisches Politikverständnis auf die Normen eines Staates stieß, der seine Angestellten als Staatsdiener im buchstäblichen Sinne des Wortes behandelt. In einer Institution, in der mehr als anderswo diejenigen tätig wurden, die im Herbst 89 für neue Verhältnisse eingetreten waren, mußte ein solch fast schon absolutistisches Konzept in besonderem Maße zu Konflikten führen. Aber wo kämen wir hin, so ließe sich mit Blick auf diesen Text einwenden, wenn Mitarbeiter sich öffentlich über die Arbeit ihrer Vorgesetzten äußern dürfen? Wahrscheinlich zu mehr Öffentlichkeit und Demokratie.

Die übrigen Beiträge zum Thema "BStU" sind aktueller Natur. Sie fallen zumeist kritisch aus. Zu hoffen ist, daß die Verantwortlichen dies nicht als Angriff auf Machtpositionen, sondern als Ausdruck berechtigter sachlicher Interessen verstehen (daß es beim innerbürokratischen Streit um die BStU wohl auch um Macht geht, steht auf einem anderen Blatt). Zwar lassen die Zustände in diesem Bereich, wie der Beitrag Radek Schováneks verdeutlicht, anderswo noch erheblich mehr zu wünschen übrig, doch das ist für die Nutzer der BStU nur ein schwacher Trost.

Neuland betreten wir mit Philip Schmitz‘ Besprechung der Webseite jugendopposition.de. Die Zusammenstellung der Neuerscheinungen hat dankenswerter Weise Henning Pietzsch übernommen. Auf das Hauptthema des nächsten Heftes, "Vermittlung von DDR-Geschichte", verweisen der den Hauptteil abschließende Text Klaus Wolframs und die Gedenkstättenkonzeption von Hubertus Knabe und Man­fred Wilke.

Im Namen der Redaktion
Erhard Weinholz


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