Heft 49/2004 | 15 Jahre Herbstrevolution | Seite 1 - 8
Stefan Wolle
Revolution ohne Helden
Die friedliche Herbstrevolution des Jahres 1989 und ihre Protagonisten
Ein Rückblick aus dem Jahr 2089
Beginnen wir mit einen Rückblick aus der Zukunft! Wir schreiben das Jahr 2089 – wie es in jenen unnachahmlichen wissenschaftlich-utopischen Romanen unserer Kindertage immer so schön hieß. Irgendwo – vielleicht in einem Wolkenkratzer hoch über der Stadt Berlin – tagt das Vorbereitungskomitee für die Feierlichkeiten zum hundertsten Jahrestag der friedlichen Herbstrevolution des Jahres 1989. Hinter der Panoramascheibe sieht man wild umhersausenden Flugtaxis oder fliegende Untertassen auf dem Weg ins All. Vielleicht findet die Komiteesitzung auch nur virtuell statt. Jedes Komiteemitglied liegt zu Hause am Swimmingpool, und beamt sich kurz in die Besprechung, während ein diensteifriger Roboter eisgekühlte Getränke serviert. Kurzum, die technischen Möglichkeiten sind inzwischen nahezu unbegrenzt. Auch jegliche historische Szenerie lässt sich dreidimensional, originalgetreu und in Echtzeit simulieren, einschließlich des Wetters, der Tonkulisse und der Gerüche. Kanonendonner, Pulverdampf, entfesselte Menschenmassen – alles kein Problem. Dennoch raufen sich die Mitglieder des Festkomitees verzweifelt die Haare – wenn das altmodische Bild mit Blick auf die Zukunftsmenschen erlaubt ist, die ja wahrscheinlich irgendwelche silbernen Helme mit Antennen tragen. Doch das ändert nichts an dem Problem. Für die Reanimation von 1989 fehlt nahezu alles zum vollplastisch und dreidimensional gebeamten History-Live-Event. Keine Barrikaden, auf denen der letzte Kämpfer die Fahne schwenkend malerisch niedersinken kann; niemand wird aus dem Fenster in die Spieße der Menge geworfen; kein Fallbeil saust nieder und kein abgeschlagener Kopf purzelt in den Korb des Henkers. Ein bisschen wird man die Szenerie hochstylen können. Doch nur allzu deutlich zeichnet sich zum Jahrestag von 1989 ein Flop ab. Kein Schauwert, keine Spannung, keine Dramatik – und vor allem keine Helden.
Vorgekaut und ausgespuckt
Doch wozu in die Ferne schweifen? Zurück in die Gegenwart! Bereits zu Lebzeiten der Protagonisten von 1989 wurde auf die dramaturgischen Mängel des Historienstücks mit grausamer Deutlichkeit hingewiesen. Zum fünfzehnten Jahrestag des Mauerfalls, am 9. November 2004, schrieb der Schriftsteller Rolf Schneider in der "Welt": "Wenn heute der 15. Jahrestag des Falles der Berliner Mauer begangen wird, bietet sich Gelegenheit, das Schicksal der ostdeutschen Protagonisten jener Tage zu bedenken. Diese Menschen boten sich an, so funktionieren Revolutionen, auch die friedlichen, für den überfälligen Wechsel der politischen Eliten. Sie hatten sich organisiert in parteiähnlichen Gruppierungen wie dem Neuen Forum oder in neu gegründeten Parteien wie der SDP und dem Demokratischen Aufbruch. Ihre Leitfiguren beherrschten eine Weile die Bilder im ostdeutschen Fernsehen, sie nahmen Platz am Runden Tisch, sie zogen ein in die erste und letzte frei gewählte Volkskammer der DDR. Was ist aus ihnen geworden? Sucht man die gegenwärtige politische Landschaft ab nach Personen mit DDR-Biographie, verbleiben auf Bundesebene Angelika Merkel, Cornelia Pieper, Katrin Göring-Eckart, Wolfgang Thierse und Manfred Stolpe, auf Länderebene Matthias Platzeck, Dieter Althaus, Harald Ringsdorf und Wolfgang Böhmer, außerdem ein paar Länderminister. Alle Genannten traten erst während des Wendeherbstes 1989 nach vorn, was kein Vorwurf, doch eine Tatsache ist. Jene, die vor dem Mauerfall viel riskierten, unter anderem Freiheit und bürgerliche Existenz, wurden von ihnen mühelos überrundet. Selbst im heutigen Ostdeutschland sind Politiker mit DDR-Vergangenheit eher unterrepräsentiert. Das erfolgreichste der fünf neuen Länder, Sachsen, wurde und wird von West-Importen geprägt. [...] Das vielfache Scheitern der DDR-Dissidenten ist erklärbar. Ein Großteil entstammt dem kirchlichen Milieu, wo man zwar Unabhängigkeit bewahren konnte, doch vorherrschende Stimmung der christliche Moralismus war, der Verzeihung und Nächstenliebe beinhaltet. Dies war es auch, was sie die Genossen von SED/PDS an die Runden Tische rufen ließ, einer insgesamt sinnlosen Veranstaltung, deren einzig bedeutendes Resultat die Rehabilitation eben jener Genossen war. Dann wollte man auch noch, allen Ernstes, die DDR behalten, eine geläuterte zwar, die DDR immerhin. Die Mehrheit des ostdeutschen Wahlvolkes war anderer Meinung. Wie soll man derlei qualifizieren? Den Protagonisten vom Herbst ’89 fehlten das entschiedene Profil, der nötige Machtwille, auch Härte und Biss und Programm. Die friedliche Revolution in der DDR fraß ihre Kinder nicht, sie spie sie aus." Die triumphierende Häme von Rolf Schneider mal beiseite gelassen – das Bild ist unappetitlich, aber nicht schlecht gewählt. Die DDR-Oppositionellen wurden vom Weltgeist nur kurz vorgekaut, dann erwiesen sie sich als ungenießbar und wurden kurzerhand ausgespuckt. Für das große Fressen, für den Kampf um Pfründe und politische Erbhöfe, um Macht und Geld waren die Kinder der Revolution von 1989 weder schmackhaft noch nahrhaft genug. So etwas wird kurzerhand ausgespuckt. Es herrschen nicht die besten Tischsitten beim Weltgeist.
Verlumpte Elemente
Von der Zukunft über die Gegenwart zurück in die Geschichte. Es geht hier um einen fundamentalen Konflikt, der von vielen Beteiligten nur diffus wahrgenommen, selten aber deutlich benannt und niemals ausgefochten wurde. Zwischen Schriftstellern wie Rolf Schneider, die so gerne Oppositionelle gewesen wären und nie den Mut dazu hatten, und den Schmuddelkindern aus den Kellern der Gemeindehäuser gab es niemals eine wirkliche Kommunikation, geschweige denn eine Gemeinsamkeit. Sie lebten auf unterschiedlichen Planeten, und nur selten verirrte sich ein Alien in die Sphäre der anderen Zivilisation.
Die Oppositionellen der achtziger Jahre waren im Schutzraum der Kirche groß geworden oder hatten sich dorthin geflüchtet. Die Kirche erwies sich als das offene Fenster der geschlossenen Gesellschaft. Es pfiff nicht gerade eine Sturmböe durch dieses offene Fenster, aber doch ein sanftes Lüftchen, dass die Stickluft der Diktatur etwas erträglicher machte. Die Kirchen waren der einzige vom Staat nicht total kontrollierte Bereich der Gesellschaft. Diese einfache Tatsache war von nicht zu unterschätzender Bedeutung.
Wenn auch die Kirche als Institution in der DDR an den Rand der Gesellschaft gedrängt war, so standen doch ihre Bauten gut sichtbar im Zentrum der Städte und Dörfer. Insbesondere in den Wohnvierteln der Großstädte fehlte es nicht an großen und soliden Gotteshäusern, die dort bis 1914 zur Hebung der Volksfrömmigkeit hingestellt worden waren. Soweit sie den Bombenkrieg überlebt hatten, zierten sie unbeachtet und wenig genutzt die Stadtlandschaft. Doch mit Beginn der achtziger Jahre erwachten diese architektonischen Relikte der Wilhelminischen Epoche aus ihrem Dornröschenschlaf und bildeten zunehmend eine eigene lebendige Topographie innerhalb der verfallenden Altbauviertel der Städte. So pilgerten in Berlin meist an den Wochenenden viele Leute zur Golgatha-Gemeinde, weil dort ein Liedermacher oder Dichter auftrat, trafen sich an der Zionskirche mitten im Stadtbezirk Prenzlauer Berg, weil im nahe gelegenen Gemeindehaus in der Griebenowstraße eine Diskussion oder eine Filmvorführung stattfand, besuchten die Blues-Messen in der Gethsemane-Kirche nahe der Schönhauser Allee oder in der Samariter-Kirche im Friedrichshain. Beliebt waren auch sonntägliche Feste mit Spielecken für Kinder, Schmalzstullenverkauf, Diskussionsrunden und Punkmusik. Ein solches Friedensfest schildert in seinen Aufzeichnungen ein vom MfS inhaftierter junger Mann. Eine Abschrift von Auszügen aus dem Manuskript ist in den Akten der Staatssicherheit überliefert. Es handelt sich dabei um eines der wenigen atmosphärisch dichten Zeitdokumente über die unabhängige Friedensbewegung der frühen achtziger Jahre. Der Friedensaktivist aus Weimar schrieb im September 1983 in sein Tagebuch: "Seit dem Weltfriedenstag 1983 ist die Konfrontation mit den Ordnungshütern augenscheinlich. [...] Am 1. September hatte der Friedenskreis eine Meditation unter dem zeitgemäßen Motto ›Feind-Bild-Störung‹ auf die Beine gestellt. Zwei Tage davor sahen die Kirchenoffiziellen rot. [...] Trotzdem versammelten sich am 1. September etwa 100 Menschen auf dem Grüngelände der Kirche. Nach ratlosen Worten beschloss man in einen nahe gelegenen Altersheimsaal umzuziehen. Auf dem Weg dorthin wurden Handzettel ›Aufruf zur Besorgnis‹ an Bürger der Stadt verteilt.
Vielen gab das ein neues Gefühl von Identität. Was man für sich durch gemeinsame Aktivitäten nicht erreichte, schafften die Repressionen der Staatssicherheit vorübergehend. Ein Gefühl von Zusammengehörigkeit gegen die Willkür des Staates.
Mittlerweile ist nun wieder die alte Atomisierung eingekehrt. Da gibt es die ehedem desillusionierten ›Punks‹, eine selbstgenügsame Frauengruppe, Umweltreformer, christliche Identitätsstifter, Funktionäre für Eingaben und Gesetze, abgehobene Intellektuelle, In-side-Aktivisten. Alles zusammen im Pott pazifistischer Triebe ergibt dies die bunte Aussteigerlandschaft eines langweiligen Kulturstädtchens. Zwischen Resignation, Aktionsdrang und selbstzufriedenem Friedensschwatz pendeln eine paar Dutzend verlumpte Elemente hin und her. Der eine will mehr eine Renaissance der Gemütlichkeit, ein anderer hält einen gepflanzten Baum für konkreten Widerstand, wieder ein anderer möchte lieber was von Jalta erzählen. Dazwischen flattern Eingaben, Flugblätter, Dada-Bücher, Holzschnitte oder lächelnde Fassaden – A’s, bei denen keiner weiß, wer sie gesprüht hat.
Wie eine solche zersplitterte Aktivität sich geschlossen repräsentiert, zeigte die Werkstatt im November. Es begann mit lauter Musik zum frühen Morgen. Dann präsentierte die Umwelt-Gruppe ihre Therapie, regte die Frauengruppe die mindestens 100 Leute zum Gespräch an, wurde über zivilen Ungehorsam phantasiert. Unterschriftensammlungen gegen Pershing und SS-20 praktiziert und wie nahtlos sich solche Themen mit aggressiven ›Punk‹ verbinden lassen, demonstrierten am Abend drei Weimarer ›Punk‹-Bands."1
Feindlich-negative Kräfte
Wenn Gemeindekirchenrat und Pfarrer ihr Einverständnis erklärten, konnte man kurzfristig Informations-Andachten, Fürbitten oder Mahnwachen ansetzen, denen regelmäßig Zeichen vorausgingen, die Kundige wohl zu deuten wussten. Denn hier trafen Vertreter zweier einander völlig fremder Kulturen aufeinander. Zuerst traten paarweise sportliche und ordentlich frisierte junger Männer in der Umgebung der betroffenen Gebäude auf. Sie standen betont unauffällig in Hausfluren und musterten aufmerksam die Vorübergehenden oder saßen in Personenkraftwagen vom Typ "Wartburg" oder "Lada" und beobachteten das Leben und Treiben auf der Straße. Gelegentlich tauchten Mannschaftswagen mit grün uniformierten Bereitschaftspolizisten und Hunden auf. Um den potentiellen Ort der "öffentlichkeitswirksamen Aktion" - wie es in der Stasi-Sprache hieß - zog sich ein unsichtbarer Ring, der die Aufmerksamkeit all derjenigen erweckte, die von dem geplanten Treffen bisher noch nichts gewusst hatten. Dann näherten sich grüppchenweise oder einzeln die erwarteten "feindlich-negativen Kräfte" und strebten der einladend geöffneten Kirchentür zu. Die Stasi faßte sie als Personen mit "feindlich-dekadentem Äußeren" zusammen. Vielleicht hatten ihre Eckensteher dabei das Lehrmaterial VVS 001-19/79 I der Juristischen Hochschule Potsdam-Eiche im Kopf, das die "Politische Untergrundtätigkeit" folgendermaßen definierte: "[Sie] ist eine der gefährlichsten Erscheinungsformen der subversiven Tätigkeit. Sie ist durch konzentrierten Einsatz der politisch- ideologischen Diversion inspirierte und von den imperialistischen Zentren, Organisationen und Kräften organisierte Suche, Sammlung und Zusammenführung von feindlich negativen Kräften zur Schaffung einer personellen Basis im Innern der DDR, die in Durchsetzung feindlicher politisch-ideologischer Plattformen unter Anwendung konspirativer Mittel und Methoden langfristig orientierend gegen die DDR mit dem Ziel kämpfen, in der sozialistischen Gesellschaft sozialismusfeindliche Positionen zu schaffen, Bürger der DDR gegen den Sozialismus aufzuwiegeln, feindliche Handlungen zu aktivieren, um damit den Prozess konterrevolutionärer Veränderungen zur letztlichen Beseitigung der Arbeiter- und Bauern-Macht in Gang zu setzen."2
Trotz ihres bewusst zur Schau getragenen "Andersseins" konnten die Kirchenbesucher eine gewisse Bravheit kaum verleugnen. Sozial gesehen entstammten sie meist den kleinbürgerlichen Mittelschichten. Ihr Kern war christlich geprägt und zum Teil aus sächsischen, thüringischen oder mecklenburgischen Pfarrhäusern in die Großstadt gekommen. Bei den Frauen dominierten Katechetinnen, Kindergärtnerinnen, Buchhändlerinnen, Krankenpflegerinnen und bei den Männern ebenfalls die nicht-akademischen "Weißkittel-Berufe". Daneben gab es Friedhofsgärtner, Kulissenschieber, Aushilfskellner und ähnliche Übergangsexistenzen, die allerdings oft eine bürgerliche Karriere abgebrochen hatten. Originär proletarische Typen traten selten auf, Akademiker ohne Ausreiseantrag nur vereinzelt. Das Altersspektrum reichte vom Teenager bis zum Rentner, doch insgesamt fiel dem Beobachter eine gewisse Überrepräsentanz der Enddreißiger ins Auge. Weder die Kirchengruppen noch das MfS führten eine Statistik. Die wenigen vorhandenen Schätzungen stimmten allerdings mit dem gewonnenen Eindruck überein, und so berichtete dann auch ein Informant über eine Veranstaltung in der Lichtenberger Erlöserkirche im Februar 1988: "Es waren 600 Personen anwesend ... 40 % unter 30 Jahre, 50 % 30 bis 40 Jahre, 10 % über 50 Jahre."3 Die Stasi hat für die Dreißig- bis Vierzigjährigen in ihren Akten den hübschen, sonst wohl gänzlich unüblichen Begriff "Jungerwachsene" gewählt und damit weniger eine konkrete Altersgruppe als vielmehr den Typus des jung gebliebenen Erwachsenen erfassen wollen. Jedenfalls wäre die Vorstellung falsch, es hätte sich bei der Opposition der achtziger Jahre um eine ausgesprochene Jugendbewegung gehandelt. Gelegentlich bezeichnete man die Wendeereignisse auch als die Revolution der Vierzigjährigen, also derjenigen, die in etwa mit der Republik geboren waren. Während sie die Oberschule besuchten, rebellierten ihre Altersgenossen zwischen Paris und Prag gegen das Establishment und die fremden Besatzer. Auf den damals noch schwarz-weißen Bildschirmen sahen sie die Bilder der brennenden Barrikaden auf den Champs Elyseé, von den Straßenschlachten rund um das Springerhochhaus in West-Berlin und mit den Panzern auf dem Wenzelsplatz. Auch sie wären gern dabei gewesen, als unter so mancher FDJ-Bluse ein aufrührerisches Herz klopfte. Doch das Leben spielte sich immer anderswo ab. . Doch sie hatten sich eine heimliche Sehnsucht nach Unruhe, einen diffusen Rest Utopie, eine romantische Hoffnung auf eine bessere Welt bewahrt. Kurz bevor sie Gefahr liefen, als traurige und lächerliche Figuren zu enden, begann mit 20 Jahren Verspätung endlich ihre Erhebung. Habermas hat die Ereignisse des Jahres 1989 die "nachvollziehende Revolution" genannt und damit die Vollendung der bürgerlichen Revolution von 1789 gemeint. Der Begriff traf aber auch die Seelenlage vieler Vierzigjährigen in der DDR, die in diesen Monaten viel nachholen wollten und mussten.
Auf den alten Fotos fallen der heilige Ernst und die sanfte Entschlossenheit der Kirchenbesucher auf. Niemand randalierte, niemand war "vermummt", kaum jemand trug Schilder, Fahnen oder Symbole vor sich her. Äußerlich wirkten die Aufmärsche wenig bedrohlich. Die sportlich straffen Angehörigen der Sicherheitskräfte sahen das sicherlich anders. Abgerichtet auf struppige Bärte, lange Haare und ungeputzte Schuhe hielten sie einzelne Passanten an und forderten sie mit den unfreiwillig doppelsinnigen Worten "Weisen Sie sich aus!" auf, ihre Personaldokumente vorzuzeigen. Den "PA", wie das kleine blaue Büchlein im Amtsdeutsch hieß, musste jeder DDR-Bürger laut Gesetz stets bei sich führen und auf Verlangen präsentieren. Die Veranstaltungsbesucher begegneten den aggressiven Kontrolleuren nach Möglichkeit betont friedlich, ging es ihnen doch um den Abbau von Feindbildern und die Überwindung von Hass, und schlossen sie in ihre Fürbitte ein. "Gott möge ihren Geist erleuchten", betete die Gemeinde nicht nur ironisch. Auch ansonsten wenig bibelfeste Zeitgenossen führten damals gerne die "Ethik der Bergpredigt" im Munde. Der dort verkündigte moralische Rigorismus erschien ihnen als einzige Alternative zu der Spirale von Gewalt und Gegengewalt, die damals die Menschheit mit der nuklearen Katastrophe bedrohte. Was auf die Weltpolitik zutraf, sollte auch für die DDR gelten. Sie betrachteten die stets gegenwärtigen Stasi-Leute als Brüder und versuchten sogar gelegentlich, ihnen eine Blume ans Revers zu heften. Auf die ostentative Freundlichkeit reagierten die Sicherheitskräfte verunsichert und humorlos. Nur selten richtete ein Volkspolizist ein väterlich mahnendes Wort an die ideologisch fehlgeleiteten jungen und nicht mehr ganz so jungen DDR-Bürger.
Seid klug wie die Schlangen und sanft wie die Tauben
Wen mag es wundern, dass aus diesem Milieu keine Machtmenschen hervorgingen. Sie waren zur Opposition gestoßen, weil sie die Macht verabscheuten, jedenfalls die politische Macht. Das schloß nicht aus, dass einzelnen Oppositionelle, die 1989 durch die Wendeereignisse hochgeschleudert wurden wie die Asche eines Vulkans, sich für Sternschnuppen oder gar für Fixsterne hielten. Im Rückblick mögen die Zersplitterung, die ideologische Diffusion, der mangelnde Machtwille und der geringe Organisationsgrad der DDR-Opposition als Schwäche erscheinen. In Wahrheit war genau dies ihre Stärke. Illegale Organisationen kann man unterwandern, kontrollieren und zerschlagen. Im Grunde hätte die Staatsmacht gar keine andere Wahl gehabt, als gegen Versuche einer wirklich politischen Organisation mit Brachialgewalt vorzugehen. Eine Lebenshaltung aber ist um so schwerer zu verbieten, je schwerer greifbar sie ist. Die Bewegung, die sich vornehmlich ethisch, teilweise theologisch definierte, war nicht zu verbieten. Sie wurde durch jede Verfolgung stärker. Genau dies geschah in den Jahren 1987 und 1988, als jeder Anlauf der Repression die Oppositionsbewegung bekannter machte und ihr über die westlichen Medien eine große Öffentlichkeit verschaffte. In den Veranstaltungen, bei denen die Gruppen ein Podium erhielten, ging es um Feindesliebe, um gewaltfreie Erziehung, um Mitmenschlichkeit und sozialen Friedensdienst. Natürlich ahnte die Staatsmacht das explosive Potential dieser Art von beschränkter Öffentlichkeit, konnte aber schwer gegen kirchliche Veranstaltungen einschreiten. Das weltanschauliche Defizit der Kirchengruppen ist oft beklagt worden, aber gerade das macht die Szene für die Staatsmacht so gefährlich. Damals wurde oft das Wort aus dem Matthäus-Evangelium zitiert: "Seid klug wie die Schlangen und sanft wie die Tauben". Eine andere Form der politischen Emanzipation wäre kaum möglich gewesen.
Eine Differenzierung der Gruppen, Grüppchen und Mini-Grüppchen nach ideologischen Gesichtspunkten wäre zwar möglich, ginge aber am Kern der Sache vorbei. Es war das Sammelsurium, was sie unbesiegbar machte. Die Stärke jeglicher Opposition besteht in der Negation des Bestehenden. Ganz sicher haben sich viele Angehörige der Opposition tage- und nächtelang die Köpfe heiß geredet, sich gegenseitig Marx und Marcuse, Bakunin und Lenin, Mao und die Bibel um die Ohren gehauen. Doch im Grunde war es nur eine Spielwiese. Allerdings eine Spielwiese für die ungezogenen Kinder. Hier sammelten sich die bösen Buben und die noch böseren Mädchen, und man wusste wo man sich traf als die Rebellion begann. Unter den Schutzschild von Kirchenfeiern und Freier Arbeit bildete sich eine eingeschränkte, aber lebendige Öffentlichkeit. Dort wurden demokratische Verfahrensweisen erprobt, eine Diskussionskultur erlernt, eine pluralistische Kultur des Streits entwickelt. Vor allem aber bildeten sich Kristallisationskerne einer politischen Opposition und Ansätze einer Infrastruktur. All dies musste die Staatsmacht fürchten wie der Teufel das Weihwasser, beruhte doch ihre Macht auf der Ausschaltung jeder politischen Öffentlichkeit. Wer in dieser neuen Öffentlichkeit der Friedensfeste und Kirchentage fast gänzlich fehlte, waren die Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller der DDR, obwohl es doch in ihren Kreisen immer kritische Diskussionen über die Zukunft der Gesellschaft gegeben hatte.
Geist und Macht
Dennoch gab es einen kurzen historischen Moment, in dem ein Bündnis zwischen den dissidenten Marxisten und einer kirchlich bestimmten Opposition möglich schien. Oft ist zu lesen, Biermanns Kölner Konzert am 13. November 1976 sei der erste öffentliche Auftritt seit elf – oder weil es sich besser anhört – seit zwölf Jahren gewesen. Das ist nicht richtig. Am 9. September 1976 war der Sänger in der Nikolaikirche in Prenzlau aufgetreten4. Er selbst hat darüber einen Brief an seine Mutter geschrieben, der im "Spiegel" abgedruckt und im SFB am 21. September 1976 verlesen wurde.
Der Auftritt Biermanns in Prenzlau fand drei Wochen nach der Selbstverbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz auf dem Marktplatz von Zeitz statt. Die Stimmung bei jungen Kirchenbesuchern war angesichts der unsäglichen Hetzkampagne des Staates und der schwankenden Haltung der Kirchenleitungen hochgradig aufgeladen. Biermann sprach ausführlich über den Opfertod des Pastor Brüsewitz, den er als eine "Flucht in den Tod" bezeichnete.5 Dann sang er zum ersten Mal öffentlich das Lied mit der bekannten Schlusszeile "Ich möchte am liebsten weg sein/und bleibe am liebsten hier", das wie kein anderes das Lebensgefühl einer ganzen Generation traf.6
Aus der Rückschau kann man sagen, dass der tragische Tod des Landpfarrers Brüsewitz der Anfang jener spezifischen Kirchenopposition war, die dreizehn Jahre später zum Kristallisationspunkt der friedlichen Revolution im Herbst 1989 werden sollte. In den kirchlichen Räumen trafen sich damals zwei Traditionslinien, die einander ideologisch und lebensgeschichtlich gänzlich fremd waren. Auf der einen Seite standen junge Leute, die sich angesichts der globalen Bedrohung auf die Bergpredigt beriefen, deren oberstes Credo die Gewaltlosigkeit war, die sie über jedes politische Ziel stellten. Auf der anderen Seite standen marxistisch geprägte junge Leute, die sich in ihrer Kritik am SED-Staat auf die Klassiker des Marxismus-Leninismus beriefen und denen zumindest in der Theorie Gewaltanwendung keineswegs fremd waren. Gerade Biermann sah sich selbst als Revolutionär, als Marxist und Kommunist.
"Ich sagte, als ich hierher fuhr", schrieb Biermann in dem Brief an seine Mutter in Hamburg. "was kann ein Kommunist diesen DDR-Christen schon erzählen, soll ich von unseren Gemeinsamkeiten reden? Warum habe ich in all den 11 Jahren meines Berufsverbots die vielen Angebote, in der Kirche aufzutreten, abgelehnt? Warum habe ich es jetzt und zum ersten Mal gemacht? [...] Soweit ich es von außen sehe, gibt es in der Kirche der DDR eine Gruppe meist älterer, reaktionärer Menschen, die gegen jede Art von Sozialismus giften. Sie haben zum Glück kaum Einfluss auf das, was in diesem Land los ist. Es gibt eine andere Gruppe von so genannten fortschrittlichen Christen, die um einer ärmlichen Karriere willen der stalinistischen Bürokratie zum Munde reden. Auch diese Leute spielen in unserem Land keine gute oder gar keine Rolle. Wenn die Kirche überhaupt und zum Nutzen der DDR eine Chance hat, dann meiner Meinung nach, nur als eine rote Kirche. Eine Kirche, die sich besinnt und so eine christlich-kommunistische Kritik an unseren Verhältnissen übt und so eine Position einnimmt, die wirklich fortschrittlich ist und aufbauend ist. Ich weiß nicht [...] ob meine Genossen im ZK, Abteilung Kirchenfragen entzückt über eine solche rote Kirche wären."7
Wir wissen heute, dass Biermanns Genossen im ZK nicht entzückt waren. Dass das Konzert in Prenzlau bei der Entscheidung für die Ausbürgerung eine Rolle gespielt hat, kann nur vermutet werden. Doch in dem historische Bündnis, das der Sänger mit leichter Hand skizzierte, erkannte die SED-Führung klarsichtig eine große Gefahr. In den Kirchen sollte sich in den kommenden Jahren aus der Halböffentlichkeit der kulturellen und wissenschaftlichen Debatten eine echte Gegenöffentlichkeit entwickeln. Ein Sänger wie Biermann war das letzte, was sich der Staat in diesem unkontrollierten Raum wünschen konnte.
Die Chance zu einer Kommunikation war also vorhanden. Sowohl die Parteiführung als auch Systemkritiker wie Biermann hatten die Brisanz dieser Sprengladung erkannt. Warum spielten die bekannten Schriftsteller und Intellektuellen der DDR keine Rolle in der Opposition? Gab es doch nach der Biermann-Ausbürgerung im November 1976 eine Fronde, der die bekanntesten Schriftsteller angehörten. Doch es gelang der geistig und politisch bankrotten SED-Führung, die Lage an der ideologischen Front noch einmal zu stabilisieren. Zunächst differenzierte sie zwischen prominenten Protestlern, die sie höflich und vorsichtig ersuchte, von ihrem Standpunkt abzurücken, und den einfachen DDR-Bürgern, die sie wegen des gleichen Vergehens verhaften und für Jahre ins Gefängnis stecken ließ. Dann begann die Welle der Ausreisen, der bis zum Ende zum Ende des Staates nicht mehr abreißen sollte.
Der eigentliche Anlass des Protests war schnell vergessen. Biermann blieb in der Bundesrepublik, die Fronde der Schriftsteller zerfiel, ehe sie politische Wirkung erzielen konnte, und jeder ging jetzt seinen eigenen Weg. Viele führte er außer Landes, andere in die Isolation, dritte in einen wankelmütigen Opportunismus. Das Zerbrechen jeder Gemeinsamkeit konnte der SED-Führung nur recht sein, half es doch, die Geburt von "Märtyrern" zu verhindern. Im Rückblick wertete auch Günter de Bruyn die Vorgänge in diesem Sinne: "Die Protestierer, oder besser: Petitionisten verstanden sich in der Mehrzahl weder als Opposition noch als Gruppe. Sie hatten sich zu diesem einen Zweck zusammengefunden, ohne die Absicht, Auftakt zu einer Bewegung zu sein. Was die Individualisten verband, war die Ablehnung des Ausbürgerungsaktes, nicht die des Regimes. Die Staatsführung hatte es deshalb leicht, die Gruppe, die keine war, aufzulösen. Sie brauchte den Individualisten nur ihre individuellen Interessen vor Augen zu führen, indem sie individuell vorging und kollektive Bestrafungen vermied. Durch differenzierte Behandlung machte sie die sowieso bestehenden Differenzen in Ansichten, Absichten und Bevorzugungen deutlich, so dass keine erneute Gemeinsamkeit durch Strafen oder Benachteiligung entstand. Als die Sanktionen beendet waren, saßen die einen, die Unbekannten, in Gefängnissen, oder sie hatten beruflich und finanziell Nachteile erlitten; die mehr oder weniger Prominenten aber hatten zum größten Teil lediglich ihre Ehrenämter verloren und wurden, soweit sie der Partei angehörten, von dieser für das gleiche Vergehen in unterschiedlicher Weise bestraft. Es gab Rügen, strenge Rügen, Streichungen und Ausschlüsse für die Genossen, aber keine Ausschlüsse aus den Künstlerverbänden. Hier wurden die Bösewichter lediglich aus den Vorständen entfernt."8
Osteuropäische Schriftsteller waren zu verschiedenen Zeiten zur Stimme des unterdrückten Volkes geworden. Doch dies hatten die Protagonisten des Schriftstellerprotestes gar nicht beabsichtigt. Weder stellten sich die prominenten Literaten schützend vor die kleinen Grüppchen, die es wagten, den Staat herauszufordern, noch spielten ihre literarischen Werke oder öffentlichen Stellungnahmen vor dem Oktober 1989 irgendeine Rolle. Stefan Heym schilderte in seinen Tagebüchern sehr ehrlich, dass ihn die Anrufe und Solidaritätsbekundungen aus allen Teilen der Bevölkerung eher belästigten. Er wollte kein Volkstribun sein, sondern sehnte sich an seinen Schreibtisch zurück.9 Wie er war die gesamte etablierte Schriftsteller-Elite nicht bereit oder nicht in der Lage, die Funktion eines öffentlichen Sprachrohrs des Bürgerprotestes zu übernehmen, zumal ihr das Zuckerbrot des Westreise-Privilegs winkte. Viele der aufsässigen Literaten verließen auf Zeit oder für immer die DDR. Andere reisten mit Dauervisum durch die Welt. Die Gemaßregelten wurden durch Reisepass mit oder ohne Rückkehrerlaubnis faktisch zu vom SED-Staat Bevorzugten. Jedenfalls hielt sich das Mitleid der Zurückbleibenden in Grenzen. Die Diskriminierung durch Privilegierung funktionierte ganz im Sinne der Erfinder. Die Ereignisse im Spätherbst 1976 waren kein neuer Anfang, sondern eher ein Endpunkt. Ein Blitz, auf den kein Donnerschlag folgte. Zwischen der seit den späten siebziger Jahren im Schutzraum der Kirche entstehenden Opposition und den kritischen Literaten entstand eine seltsame Kommunikationslosigkeit, die über das Ende der DDR fort dauert.
Erst als die Steinchen des Unwillens die Lawine der Volksrevolution ausgelöst hatten, versuchten die Helden des Novembers 1976 sich an die Spitze der Bewegung zu stellen. Teilweise allerdings geschah dies nur allzu deutlich in der Absicht, zu retten, was nicht mehr zu retten war. So gehörten Christa Wolf, Stefan Heym und Volker Braun am 29. November 1989 zu den Erstunterzeichnern des bekannten Aufrufs "Für unser Land", in dem der Erhalt der DDR als "sozialistische Alternative zur Bundesrepublik" gefordert wurde. Selbst als sich der Generalsekretär der SED, Egon Krenz, eilfertig dem Aufruf anschloss und das Papier zwecks kollektiver Unterzeichnung durch den Partei- und Staatapparat "durchgestellt" wurde wie in alten Zeiten, wurden die sozialistischen Träumer nicht wach. Viele von ihnen sitzen seit den Wendeereignissen in der Schmollecke, trauern ihrer einstigen Bedeutung nach und grollen der Weltgeschichte.
Scheitern ohne Tragik
Seit Beginn der achtziger Jahre vollzog sich eine zunehmende Politisierung der Kirchenveranstaltungen. Trotzdem darf das politische Gewicht, das die Oppositionsgruppen für einen kurzen historischen Moment erhielten, nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie bis in den Spätsommer 1989 hinein über keinen nennenswerten Anhang verfügten. Sie bewegten sich am Rande des normalen Alltags. Die große Mehrheit der Bevölkerung beachtete ihre Aktivitäten kaum und erfuhr von ihnen nur über die sehr zurückhaltende und distanzierte Berichterstattung der westlichen Medien. Teilweise reagierte die Umwelt sogar ausgesprochen feindselig, denn die mutigen Aktionen stellten nicht nur die Staatsmacht in Frage, sondern ungewollt auch das angepasste Spießerdasein des Durchschnittsbürgers. Schnell einigte man sich darauf, dass dies "alles Spinner und Verrückte" seien, die sich im übrigen in penetranter Wichtigtuerei ins Scheinwerferlicht des bundesrepublikanischen Fernsehens drängten. Als einzigen vernünftig nachvollziehbaren Grund für ihre Tätigkeit konnte man sich das Bestreben vorstellen, schnell "nach drüben" zu kommen, um sich dort als "Berufsverfolgter" aufzuspielen. Hinzu kam die Vermutung, die Gruppen seien sowohl vom MfS als auch von westlichen Geheimdiensten unterwandert.
Auch unter den Intellektuellen der DDR, die sich selbst als kritische Geister empfanden, herrschte nahezu übergreifend eine negative Meinung über die Kirchengruppen. Sie vermissten dort den theoretischen Anspruch des politischen Entwurfs, die höheren Weihen dialektischer Welterkenntnis, die akademische Feinheit der Argumentation. Die wackligen Konstruktionen der individuellen Lebenslügen ließen sich am sichersten vor Erschütterungen bewahren, wenn man die Arbeit der anderen ironisch abwertete. Wer mochte schon einen zwar mäßig bezahlten, aber sicheren und bequemen Job in einer wissenschaftlichen Institution riskieren, indem er sich zu den Schmuddelkindern der Gesellschaft gesellte? Die Rituale der Abgrenzung funktionierten freilich beiderseitig. Wenn ein vereinzelter "Normalbürger" den Weg in die Gemeinden fand, fühlte er sich oft deplaciert, denn er wurde sofort mit einem betont antibürgerlichen Ambiente konfrontiert. Die Luft bestand entgegen allen Bekenntnissen zur "Bewahrung der Schöpfung" weitgehend aus Zigarettendunst, aus den Lautsprecherboxen dröhnte Musik neuerer Geschmacksrichtung, und der Geist der Rebellion manifestierte sich vor allem im Unwillen gegen den Abwasch und das Ausleeren der als Aschenbecher dienenden Konservendosen.
"Die Opposition in der DDR war eine kleine Opposition", schrieb Reinhard Schult, einer der Protagonisten der Bewegung, in einer Art Abschiedsbrief aus dem Jahre 1995, und weiter: "Fast kannte jeder jeden. Die Hoffnung, das SED-Regime zu stürzen, hatte niemand von uns. Es ging um etwas mehr Luft in dieser miefigen DDR, um etwas mehr Bewegungsfreiheit in der Zwangsjacke. Wir waren eine verschwindende Minderheit – ohne Rückhalt in der Bevölkerung wie etwa die Solidarność in Polen."10 Ähnlich beurteilte das eine Analyse der zuständigen Abteilung XX der Bezirksverwaltung des MfS, die für 1986, bezogen auf Ost-Berlin, von 18 "Friedens- und Ökologiekreisen mit ca. 350 Mitgliedern" sprach11. Hinzu kam ein Sympathisantenumfeld von vielleicht zehnfacher Größe, also drei- bis sechstausend Personen. Selbst bei großzügigster Rechnung handelte es sich dabei statistisch gesehen um einen zu vernachlässigenden Anteil von weniger als einem halben Promille der hauptstädtischen Gesamtbevölkerung. Zwei oder drei Dutzend Aktivisten trugen die Opposition über Jahre hinweg. Obwohl man sich untereinander kannte, beim Singen einander an den Hände fasste und das brüderliche und schwesterliche Du vorherrschte, blühten hinter der Fassade der Friedfertigkeit – von den Stasi-Spitzeln kräftig geschürt, aber nicht verursacht – doktrinäres Gezänk, Eifersüchteleien und Führungsstreit. Die lange innere Emigration blieb nicht ohne Auswirkungen auf die psycho-soziale Befindlichkeit und führte zu den bekannten Symptomen der isolierten Kleingruppe. Das individuelle Aufbegehren ist inmitten einer Umwelt des alltäglichen Opportunismus der biographische Ausnahmezustand, für den die wenigen Oppositionellen einen ausgesprochen hohen Preis zahlten. Er bestand – jedenfalls für alle außerhalb des kirchlichen Dienstes Beschäftigten – im Verzicht auf bürgerliche Normalität, berufliches Fortkommen, familiäre Unbeschwertheit. Nach der Wende wurden die Folgen dieses Verzichts schmerzhaft deutlich.
Die Geschichte gehört den Verlierern
Im Herbst 1989 wurden die Oppositionsgruppen zu Initialzündern einer demokratischen Volksbewegung. Doch sie wurden von der Bewegung eher getragen, als dass sie diese geführt hätten. Die Forderungen der Revolution wurden von der Straße diktiert, keineswegs von den politischen Gruppen definiert. Ihre Denkansätze waren auch keineswegs repräsentativ für eine potentielle Mehrheitsmeinung in der Gesellschaft gewesen. Das betraf die Frage der deutschen Einheit wie das Problem der Übernahme der freien Marktwirtschaft. Insofern brachte der Zusammenbruch des SED-Systems nicht automatisch deren Kritiker und Widersacher an die Macht. Es war keineswegs ohne innere Logik, dass die ersten demokratischen Wahlen in der DDR am 18. März 1990 die ehemalige Oppositionsbewegung mit leichter Hand beiseite wischten. Wer von den Oppositionellen seiner Rolle treu blieb, verharrte im Abseits. In Wahrheit hatten die "ausgespieenen Kinder der Revolution" niemals wirklich eine Wahl. Überall, wo Posten zu vergeben waren, standen schon die Stasi- und SED-Seilschaften bereit und hatten weit bessere Karten. Das oberste Bestreben des bundesrepublikanischen Establishments war ganz wie nach 1945 die Integration der alten Eliten. Die DDR-Bürgerrechtler hatten im neuen System niemals wirklich einen Platz. Sie eigneten sich in der Regel nicht einmal als Quoten-Ossi. Ihr Scheitern in der Politik nach 1989 ist deshalb nicht wirklich tragisch im Sinne der aristotelischen Poetik. Tragisch wäre ein Verrat an den alten Idealen gewesen. Tragisch und komisch zugleich hätte der Versuch einer äußeren und inneren Anpassung geendet. Frühere Rebellengenerationen waren während des langen Marsches durch die Institutionen ihren früheren Widersachern immer ähnlichen geworden. Sie änderten keineswegs die Institutionen, sondern die Institutionen änderten sie. Auf den Höhen der Macht angekommen, waren sie genau wie jene, die zu bekämpfen sie einst angetreten waren. Dieses Schauspiel ersparten die unheldischen Helden der DDR-Opposition sich selbst und dem ehrenwerten Publikum. Erfolg und Misserfolg sind eine Frage der Sichtweise. Man sagt, die Geschichte wird von den Siegern geschrieben. Das mag kurzfristig so sein. Die römischen Cäsaren ließen über ihre gestürzten Vorgänger die damnatio memoriae verhängen und deren Namen aus den Sockeln der Statuen wetzen. In letzter Konsequenz aber schreiben die Verlierer die Geschichte. Den Siegern gehört die Welt, den Verlierern die Erinnerung. Wer würde heute noch den Provinzbeamten Pontius Pilatus kennen, hätte dieser nicht den galiläischen Wanderprediger ans Kreuz schlagen lassen. Was für eine lächerliche Figur war Don Quichotte: Durch das Bücherlesen ist er verrückt und am Ende ist er durch ein Buch unsterblich geworden. Niemals wird er die bösen Zauberer und Riesen besiegen können, und doch sattelt er im Morgengrauen immer wieder seine Rosinante, greift zu seiner verrosteten Lanze und reitet zusammen mit Sancho Pansa neuen Heldentaten entgegen.
Stefan Wolle, geb. 1950, Historiker, Dr. phil., Mitarbeiter beim Forschungsverbund SED-Staat, Vorstandsmitglied des Bürgerkomitees "15. Januar" e.V.
1 BStU, MfS, HA XX, 2648.
2 BStU, MfS. JHS, VVS 001-19/79 I, Bl. 13.
3 BStU, MfS, BV Berlin, AKG, Information vom 6.2.1988 über Aktivitäten feindlich-negativer Personenkreise am 5.Februar 1988.
4 Siehe hierzu: Christopher Kieck u.a.: "Warte nicht auf bessere Zeiten" – Wolf Biermann und sein Konzert in Prenzlau, in "Horch und Guck" Nr. 32 (4/2000), S. 51 ff.
5 Zitiert nach: Biermann und kein Ende. Eine Dokumentation zur DDR-Kulturpolitik, hrsg. v. Dietmar Keller und Matthias Kirchner, Berlin 1991, S. 80.
6 Biermann, Alle Lieder, Köln 1991, S. 280.
7 Zitiert nach: Biermann und kein Ende, S. 80 f.
8 Günter de Bruyn, Vierzig Jahre. Ein Lebensbericht, Frankfurt a. M. 1996, S. 215 f.
9 Stefan Heym, Der Winter unsers Missvergnügens. Aus den Aufzeichnungen des OV Diversant, München 1996.
10 Reinhard Schult, Von der Bürgerbewegung zur organisierten Verantwortungslosigkeit. Warum ich die Gruppe Neues Forum/Bürgerbewegung verlasse. Persönliche Erklärung vom 7. September 1995, als Pressemitteilung verbreitet; vgl. Neues Deutschland, 13.9. 1995.
11 BStU, MfS, BV Berlin, Abt. XX, Information vom 15.9.1986 über aktuelle Erfahrungen und Erkenntnisse bei der Bekämpfung feindlich-negativer Kräfte und Gruppierungen politischer Untergrundtätigkeit in der Hauptstadt Berlin.
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