Heft 49/2004 | 15 Jahre Herbstrevolution | Seite 22 - 27
Barbara Timm
Loyalität und Arroganz
Sonderausschuß
28. Juni 1990: Unser Bürgerkomitee Berlin (BK) zur Kontrolle der Auflösung des MfS löst sich auf. Letzte Vollversammlung an Mielkes verstaubtem Konferenztisch. Umringt von Fernsehkameras. BK-Koordinator Gill: "Ein Teil wird in der Parlamentarischen Kommission weiterarbeiten, ein anderer Teil im Archiv sowie in der Forschungs- und Gedenkstätte." Von ehemals über hundert Leuten sind ganze dreißig übrig geblieben. Einige wollen in ihre Betriebe zurück, soweit noch möglich. Die meisten reihen sich in die Schlangen der Arbeitslosen ein. Acht Leute werden nach erbittertem Kampf in den Sonderausschuß der Volkskammer der DDR zur Kontrolle der Auflösung des MfS/AfNS übernommen. Davon erhalten sechs Leute einen Arbeitsvertrag, befristet bis zum Ende der Volkskammer. Eine weitere Frau und ich selbst bekommen eine Legitimation, für den Sonderausschuß tätig zu sein. Eine Bezahlung unserer Arbeit entfällt.
Wir Bürgerkomitee-Mitglieder des Sonderausschusses sind vorrangig mit der Überprüfung der Abgeordneten der Volkskammerfraktionen auf Stasi- Mitarbeit beschäftigt. "Nebenbei" stellen wir Listen der Liegenschaften des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) zusammen: konspirative Wohnungen, Dienstgebäude, Garagen, Wirtschaftskomplexe. Fertigen Inventarlisten dieser Einrichtungen an, schreiben Übernahme- und Übergabeprotokolle über Gegenstände und Technik. Reden mit Betroffenen, versuchen zu helfen. Können meistens nur vertrösten. Hoffnung machen, auf baldige Fertigstellung eines Gesetzes, in dem das Recht auf Akteneinsicht und Wiedergutmachung geregelt sein wird.
Überprüfung von Abgeordneten im Scheinwerferlicht
Einige von uns besetzen im September die Archivräume des Zentralarchivs. Ich stehe Mahnwache vor dem Tor der ehemaligen MfS-Zentrale, male Transparente. Wir demonstrieren für den Verbleib der Akten auf dem Gebiet der DDR. Wir haben zwei Armeezelte aufgestellt und übernachten auf dem Pflaster vor der Haupteinfahrt. Liebevoll verpflegt von den Bewohnern der anliegenden Häuser.
Zeitgleich übernehmen wir als BK die ehemalige Bezirksverwaltung (BV) Cottbus in unseren Verantwortungsbereich, um die dort ansässigen Abgeordneten zu überprüfen. Vom Cottbuser Bürgerkomitee wollte keiner seinen Arbeitsplatz gegen die Unsicherheit eines Sonderausschusses eintauschen. Sämtliches Aktenmaterial, wie auch leere Aktenordner, Formulare, alte Telefonbücher etc., wurde mit Hilfe eines Fließbandes in mehrere Bunker, die sich auf dem Gelände der BV befinden, bis unter die Decken verfrachtet. Dann mauerte man die Bunkereingänge zur Sicherung der Materialien mit Ziegelsteinen und Mörtel zu. Wochenlang pendeln A. und ich zwischen Cottbus und Berlin. Wir machen die Bunker wieder zugänglich und graben uns einen Weg in den hinteren Teil, der uns dann als Arbeits- und Aufenthaltsraum dient. Es ist stockdunkel, hundekalt, Staub liegt zentimeterdick. Als Beleuchtung der Szenerie dient ein alter Theaterscheinwerfer. Die mit Schriftgut voll gestopften Kisten funktionieren wir zu Tisch und Stuhl um. Kein Fenster, kein Wasser, kein Klo. Von der ehemaligen BV Cottbus des MfS ist der Leiter Lorenz übrig geblieben, mit dem wir im ständigen Clinch liegen. Er ist hier immer noch der Chef.
Ohne Befugnis
Der Oktober 1990 bricht an und mit ihm das Ende der DDR. Und wieder eine Auflösung: Diesmal die des Sonderausschusses der Volkskammer. Eine neue Einrichtung für die MfS- Unterlagen soll geschaffen werden. Die Bürgerbewegung hatte sich einen Parlamentarischen Kontrollausschuß vorgestellt… Wir vom Bürgerkomitee Berlin (BK) wollen uns mit einbringen. Vorstellungen für unsere zukünftige Arbeit: Bearbeitung von Anträgen zur Akteneinsichtsnahme von Betroffenen, persönliche Gespräche mit Antragstellern, Rehabilitierung/Strafverfolgung, Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte im Haus 1 der ehemaligen MfS-Zentrale, eine Benutzerordnung für das Schriftgut ausarbeiten, Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit und des begangenen Unrechts, Kontrolle des Datenschutzes, Öffentlichkeitsarbeit sowie beantragte Überprüfungen auf MfS-Tätigkeit vornehmen. Kein Zugang für andere Geheimdienste!
Doch dann hocken wir wegen der Wiedervereinigung tagelang vor der Tür. Die freundlichen Volkspolizisten und Bundesbeamten haben Hand in Hand die ehemalige MfS-Zentrale abgeriegelt. Ab 8. Oktober 1990 erhalten wir endlich wieder Zugang zum Archiv. Mit einer ständigen Wache in Person eines Volkspolizisten vor unserer Tür. Am 10. Oktober wird das Archiv offiziell an uns übergeben. Was für ein Hohn!
Zermürbendes Warten und Nichtstun. Frage: Wie soll diese Behörde aussehen? Wann gibt es Arbeitsverträge? Wann können wir anfangen zu arbeiten? Kartei und Magazin sind noch immer verschlossen. Wir kommen an keine Schlüssel, haben keine Siegel-Gewalt. Von der Besetzung der Archivräume im Haus 7 holen wir einige Säcke mit zerrissenem Schriftgut zu uns rüber ins Haus 8. Etwas Sinnvolles: Wir puzzeln.
Eine Sonderbehörde...
Als Zeichen, daß man sich an uns erinnert, flattert uns am 24. Oktober 90 ein Kopfbogen "Der Sonderbeauftragte der Bundesregierung für die personenbezogenen Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes" auf den Tisch. Beigelegt ein ausführlicher Personalbogen. Die Zusatzerklärung beinhaltet die Treuepflicht gegenüber dem Grundgesetz der BRD. Das haben wir doch gerade hinter uns. Unsere Archiv-Ausweise stammen vom Bundesministerium des Innern (BMI). Die Strukturen sind bereits woanders geplant worden. Dr. Geiger, von Herrn Gauck, dem Leiter der Sonderbehörde, am 15. November als "Direktor der Sonderbehörde" vorgestellt:
- Behörde erfüllt einen gesetzlichen Auftrag, laut Anlage Einigungsvertrag ist ihr Arbeitsgebiet vorläufig noch eng begrenzt (merken wir);
- Benutzerordnung liegt im Entwurf vor, muß weiteren Stellen vorgelegt werden (BMI, Präsident Bundesarchiv);
- Archivleiter sollen Aufgaben jedes einzelnen Mitarbeiters benennen, dies muß jedoch von ihm (Geiger) bestätigt werden;
- strikte Geheimhaltung nach außen, keine Presseerklärungen außer vom Pressesprecher der Behörde; Äußerungen der Presse gegenüber nur, wenn eigene Person angegriffen wurde, nach vorheriger Rücksprache mit Behördenleitung;
- Arbeitsverträge gibt’s, wenn Hauptpersonalrat (HPR) des BMI zugestimmt hat: "Alles reine Formsache." (Der HPR setzt sich aus Vertretern des alten Bundesgebietes zusammen. Eine Interessenvertretung der Arbeitnehmer ohne Vertreter unsererseits.)
- "Einen Termin für Gehaltszahlungen können wir ihnen leider noch nicht mitteilen. Es kommt bestimmt noch, die Behörde ist im Aufbau... Sie haben doch sicherlich noch ein kleines Sparkonto." (Kleiner Scherz am Rande)
Am 19. November 90 erhalten wir wieder Zutritt zu allen Räumen. Die Behörde schickt die Anfragen, die sie vom Öffentlichen Dienst erhalten hat, zu uns ins Archiv. Wir haben eine gut funktionierende Auskunftsstruktur aufgebaut: Die Anfrage zu einer bestimmten Person wird in den Computer eingegeben, dann in der Kartei gesucht, ob die zu überprüfende Person erfaßt ist. Existieren Akten oder nicht? Sind die Akten bereits archiviert, kein Problem, sie im Magazin zu finden, es sei denn, sie sind vernichtet. Ansonsten heißt das für uns, den gesamten ungeordneten Bestand, der bei der Auflösung hier eingelagert wurde, zu durchforsten. Aktenbündel für Aktenbündel aufzuknüpfen, bis eventuell der gesuchte Name auftaucht.
Wir lesen die Akten und fertigen auf dieser Grundlage Auskunftsberichte, welche an die Behördenverwaltung zurückgehen. Letztere formuliert ein entsprechendes Antwortschreiben. Unsere Auskunftsberichte sollen die Grundlage für ein Gespräch mit den betroffenen Leuten im Öffentlichen Dienst bilden.
Das Suchen nach bestimmten Akten im Magazin ist wie das nach der berühmte Stecknadel im Heuhaufen. Mistige Klamotten, kalte klamme Hände. Ohne Tageslicht. Tausende von Akten.
Ein Staatssekretär des BMI, Gauck und Geiger inspizieren Mitte Januar 91 unsere Arbeits- und Archivräume sowie Kartei und Magazin. Bei uns im Magazin angekommen, ein Staunen, wie wir Akten suchen.
Gauck: "…wenn wir jetzt noch einen Prämientopf hätten…"
Der Staatssekretär: "Und was haben Sie vorher gemacht?"
"Hausfrau." – "Fotolaborantin." – "Lehrer."
"Lehrer? Da werden Sie doch jetzt gebraucht mit der Gesinnung!"
Wir erfahren täglich, wie man uns braucht. Viele dieser Behörde würden uns am liebsten draußen sehen. Ständig setzt man uns neue Leute vor die Nase. Der Wasserkopf wächst, die Lawine der Bürokratie ist nicht aufzuhalten. Was zu BK- Zeiten auf einem formlosen Blatt festgehalten wurde, dafür dürfen wir jetzt drei Vordrucke mit Durchschlag ausfüllen. Ein Teil des BMI sitzt jetzt in der Mauerstraße. So langsam füllt sich das Viereck des ehemaligen Ministeriums des Innern (MdI) der DDR wieder.
...und ihre Personalpolitik,
Die Leute an der Wache unten am Eingang des Archivs sind dem Bundeskriminalamt (BKA)/BMI unterstellt. Größtenteils ehemalige Angehörige des MdI der DDR, viele vom Personenschutz des MfS, alles Fachleute. Sie dürfen Personen (also auch uns) und Behältnisse kontrollieren.
Ins Haus 1 ist der sogenannte Aufbaustab eingezogen. Ausschließlich Beamte aus den alten Bundesländern, dort von verschiedenen Behörden abgezogen. Einer wurde nach Berlin beordert, weil er mit Familiennamen Berlin heißt. All diese Mitarbeiter, wie auch in der Behördenleitung, bekleiden die höheren Posten. Der Aufbaustab soll die Behörde aufbauen, das Organisatorische regeln. Was im Westen gut ist, wird hier erst recht funktionieren. Von der Existenz dieses Stabes merken wir in Bezug auf Arbeitserleichterungen nichts. Wenn wir nicht Computer und Kopierer aus Auflösungszeiten ins Archiv mitgebracht hätten, wäre ans Arbeiten nicht zu denken.
Mit der Zeit ersticken wir fast in einer Flut von Anfragen. Monatelanges Reden, daß wir mehr Leute brauchen. Erste Neueinstellungen werden getätigt, erreichen das Archiv jedoch nicht. Dann folgt eine Vielzahl von neuen Mitarbeitern vom aufgelösten MdI bzw. von anderen Behörden der DDR. Sie sind loyal und pflegeleicht. Bewerbungen von Leuten aus der ehemaligen Opposition bzw. von Mitgliedern des BK werden ignoriert oder abschlägig beantwortet. Der neue Chef der Kartei ist ein Archivar aus dem Ministerium für Verkehrswesen. Komisch, daß wir die ganze Zeit ohne ausgekommen sind. Da wir nicht studiert haben, können wir uns auch nicht für diesen Posten bewerben. Verschiedene Mitarbeiter sind vom Bundesarchiv Koblenz. Im Januar 1991 ziehen Leute vom BKA ins Archiv ein: "…sind als Mitarbeiter der Behörde anzusehen". Am 18. März desselben Jahres treten fünfzig Bundesgrenzschützer an, das Archiv aufzuräumen. Sie sortieren die Säcke mit dem zerrissenen Schriftgut unter Anleitung von zehn Archivaren aus den alten Bundesländern. Hinzu kommen Leute vom Statistischen Bundesamt, ab Juli 91 sind Mitarbeiter des Gesamtdeutschen Instituts (wird aufgelöst) als Aktenleser tätig, später auch ein früherer Volkspolizist.
Wir erfahren, daß der HPR der Behörde an Personalratsentscheidungen nur beteiligt wird, letztlich entscheidet die Dienststelle. Keine rechtlichen Möglichkeiten einzugreifen. Einstellungen erfolgen auf Grundlage der Arbeitsplatzbeschreibung, welche gerade von einer Prüfgruppe des BMI vorgenommen wird. Die Sonderbehörde hat im Nachtragshaushalt für 1991 den Vermerk "KW (kann wegfallen)" erhalten. Der soll aufgehoben werden. Danach ist der Abschluß von Dauerarbeitsverträgen möglich. Im Moment können wir (da befristete Arbeitsverträge) noch keinen eigenen Personalrat wählen.
...ihre "Kadergespräche",
Am 9. November 90 noch immer kein Geld, obwohl wir seit Anfang Oktober für die Sonderbehörde tätig sind. Keine Arbeitsverträge, keine Angaben über Urlaub, Freistellungen, Krankenversicherung. "Normaler Arbeitsanfang voraussichtlich ab 15. November" (O-Ton Behördenverwaltung). In einem Protestbrief vom 29. November 90 an Gauck, Geiger, den Aufbaustab bringen wir unsere Situation sowie die Zustände in der Behörde zum Ausdruck, da auf normalen Wege nichts zu erreichen ist: "Wir dürfen unsere Arbeitskraft zur Verfügung stellen ohne rechtliche Grundlagen, ohne Entlohnung, ohne Aufklärung über unsere Rechte und Pflichten, ohne Interessenvertretung. Das Ganze mit der Aussicht auf einen befristeten Arbeitsvertrag, ohne Auskunft über die Möglichkeiten bzw. die Gewißheit der Weiterbeschäftigung." Die Antwort auf unseren Protestbrief folgt Anfang Dezember: Eine "Aussprache" im Stil eines Strafverfahrens:
- es wird uns mit Entlassung gedroht;
- Gauck beschwert sich über den Stil des Briefes, empfand ihn als Schlag gegen ihn persönlich, appelliert an unsere Arbeitsmoral (!);
- Geiger referierte über den Sinn und die Einhaltung des Dienstweges für solche Probleme;
- am 15. November hat der HPR die Zustimmung zu unserer Einstellung erteilt; bei einem faktischen Arbeitsverhältnis, so wie jetzt bei uns, wird immer nachher bezahlt;
- Gauck äußert sich in der Richtung, daß keine Leute übernommen werden, die Unfrieden stiften, zeigt in sachlicher Diskussion Verständnis für unsere Lage.
Es folgen weitere Proteste bzw. Versuche, mit der Behördenleitung ins Gespräch zu kommen, Veränderungen zu erwirken, doch wir stoßen auf taube Ohren bzw. Unverständnis.
Die erste Abschlagszahlung erfolgt am 14. Dezember. Am 20. Dezember 1990 gibt es endlich Arbeitsverträge, befristet bis April 1991. Regelmäßige Gehaltszahlungen dann ab Januar. Die neuen Magazinarbeiter haben sechs Monate Probezeit und unbefristete Arbeitsverträge. Es ist halt die Weiterentwicklung. Wir "Vorläufer" bilden den Sonderfall. Die erwarteten "Kadergespräche" mit uns am 10. April 1991: fünf Minuten Gesprächszeit für jeden. "…in zwei, drei Jahren haben wir mehr Zeit zum Reden, aber da haben sie sich ja schon eingearbeitet… Also, wir können Ihnen ab 1.5. Arbeit in der Kartei anbieten." Ich stutze: "Ich habe Akten gelesen und Fotolaborarbeiten gemacht." Entscheidung innerhalb einer Minute, ob nun Ja oder Nein. Bezeichnung: individuelle Gespräche. Wir müßten doch froh sein, daß überhaupt noch was frei ist. In den alten Bundesländern braucht man für diese Tätigkeiten Abitur. Fast jeder von uns wird ab Mai eine andere Aufgabe als bisher übernehmen. Unsere aufgebaute Struktur fällt damit zusammen. Zitat aus unserer letzten Besprechung mit Geiger: "In (individuellen) Gesprächen muß Einigung über das angemessene Arbeitsgebiet gefunden werden." Wir sind Schachfiguren.
Ein Herr Kuhnke führt mit uns Ende April 1991 Gespräche zwecks Übergabe der neuen Arbeitsverträge. Als erstes erzählt er mir, daß ich einen Aktenvermerk erhalten habe. Am 15.4. hätte ich mich laut Wachpersonal geweigert, meinen Ausweis zu zeigen. Keine Ahnung, wer so etwas behauptet. So finde ich in meinem Arbeitsvertrag eine Verlängerung der Probezeit um weitere sechs Monate vor (unsere befristeten Arbeitsverträge galten bereits als Probezeit). Ich unterschreibe nicht, verlange eine Gegenüberstellung mit dem Wachpersonal. Auch A. und S., die den gleichen Aktenvermerk sowie Probezeitverlängerung in ihren Personalunterlagen zu stehen haben, bestehen auf einer Gegenüberstellung.
Herr Kuhnke legt uns einen Tag später, nachdem wir eine geschlagene Stunde auf ihn gewartet haben, dieselben Arbeitsverträge vor. Mit Probezeitverlängerung. Kuhnke: "Es hat alles seine Ordnung. Sie können sich´s jetzt noch kurz überlegen, ob sie unterschreiben. Ein drittes Mal gibt es nicht." "Sie müssen endlich mal von ihrem hohen Roß runterkommen. Sie sind nichts besseres, nur weil Sie schon am 15. Januar hier waren." "Frau Timm, wenn Sie sich nicht unterordnen, können Sie nicht in dieser Behörde arbeiten."
Eine Super-Schweigeverpflichtung ist vorher zu unterschreiben als auch ("…Dienstobliegenheiten gewissenhaft erfüllen und das Grundgesetz der BRD sowie die Gesetze zu wahren.") ein Treue-Gelöbnis mit Handschlag zu bekräftigen. Mir ist übel.
Rückfrage Anfang Mai 91 unsererseits, ob der Gesprächstermin mit Herrn Geiger am Freitag bestehen bleibt. Antwort seiner Sekretärin: "Er sieht keinen Grund mit uns darüber zu sprechen, da wir ja schon die Arbeitsverträge unterzeichnet hätten." Der HPR versucht, eine Rücknahme der Probezeit zu erreichen und eine Klärung herbeizuführen, ob es rechtens sei, unter Zeitdruck einen Arbeitsvertrag unterschreiben zu lassen, "sonst Verbot, das Archiv zu betreten". Ohne Erfolg.
...Loyalität und Arroganz.
Der Aufbaustab, der ins Haus 1 der ehemaligen MfS- Zentrale, ein paar Etagen über der Gedenkstätte eingezogen ist, beansprucht die Eingangshalle. Die Besucher sollen den Hintereingang benutzen.
Die Westdeutschen in der Behörde haben eigene Vorstellungen von der Besetzung der Stellen, vom Ablauf unserer Arbeit. Den Stellenbesetzungsplan kennt außerdem keiner. Wir müssen eine Statistik aufstellen, wie viele Anfragen von uns bearbeitet werden (Unterscheidung nach öffentlichem Dienst, Gerichtsakten, Überprüfung Abgeordneter), wie viele Akten aus geordnetem bzw. ungeordnetem Bestand gezogen wurden, aus der BV Berlin kommen, gelesen bzw. auf Mikrofilm sind, keine Karteikarte besitzen etc. Am 10. April 1991 schlendert zum dritten Mal eine "Prüfungsgruppe" durchs Archiv, um zu prüfen, wo sich die ganzen Anfragen stauen. Diese "Prüfgruppen"-Herren sind nie die gleichen. Wer was wie erledigt, muß also immer wieder neu erklärt werden. Es läßt sich unschwer vorstellen, warum sich hier etwas staut. Außerdem erreichen uns zwischendurch ständig Anforderungen mit dem Vermerk "EILT", bestimmte Abgeordnete zu überprüfen.
Geiger auf einer Personalversammlung Ende Juni 91:
- Sonderbehörde kein Abklatsch einer Bundesbehörde;
- trotz äußerer Schwierigkeiten – Dank der Behördenleitung;
- gemeinsam eine bedeutende Strecke zurückgelegt, es wird und muß weitergehen: "Wir sind die effizienteste Behörde im Beitrittsgebiet";
- es werden ab 1.7. mit uns Gespräche über die neue Eingruppierung geführt: "Die mich kennen wissen, ich bin immer sehr zurückhaltend in Versprechungen." "Keiner wird weniger verdienen als vorher."
Ab November werden die Mitarbeiter der Behörde – ausgeschlossen der Aufbaustab – auf frühere IM- Tätigkeit überprüft. Entdeckung einiger ehemaliger IM des MfS in der Behördenverwaltung, doch sie dürfen vorerst weiterarbeiten. Von dreien sind die Akten nicht vorhanden, obwohl welche existieren müßten. Einer davon leitet zur Zeit die Außenstelle der Sonderbehörde, die ehemalige BV Berlin, und führt selbst Überprüfungen durch. In den oberen Etagen sieht man dies Thema nicht so eng wie wir. Zu einer Veranstaltung zur "Stürmung" der MfS- Zentrale vor einem Jahr sind auch Vertreter der Sonderbehörde geladen. Die Frage nach IM wird verneint. Und wir müssen die Klappe halten, sonst können wir uns das Archiv von außen ansehen. Aus einer Aktennotiz zur Beratung der Archivleiter: "Aus gegebenem Anlaß wurde nochmals an die Loyalität der Mitarbeiter gegenüber der Behörde appelliert. Wenn einzelne Mitarbeiter dabei Probleme haben, so sollten sie das Gespräch mit der Behördenleitung nutzen oder sich von der Behörde trennen."
Unsere Archivleiterin wird mit Presse (hierfür ist eigentlich der Pressesprecher zuständig) und organisatorischen Dingen zugeschüttet, daß sie kaum Zeit für unsere Belange hat.
Anfang März 91 geht um die Kündigung des im Archiv arbeitenden Historikers Wolle. Es wird uns ein weiteres Mal begreiflich gemacht, warum ihm gekündigt worden ist. Er hat seine Schweigeverpflichtung gebrochen, indem er die Wahrheit über die Recherchen zu de Maizière öffentlich machte. Wir diskutieren. Gauck: "Wer das Recht achtet, den schützt es."
Am 13. November 1990 Bekanntgabe der vorläufigen Betretensordnung des Archivs. Unter Punkt 1): Die Häuser 8 und 9 (Zentralarchiv) sind grundsätzlich nur von Mitarbeitern des Hauses zu betreten. 8): Angemeldete Personen, die nicht Mitarbeiter der Behörde bzw. in ihrem Auftrag tätig sind, haben zu den Karteien und Magazinräumen keinen Zutritt.
Später präzisiert in der "Vorläufigen Benutzerordnung" für das MfS- Schriftgut, S.13, "Sicherung der Unterlagen:
1) Zugang zu den Archiven und den Unterlagen des Sonderbeauftragten erhalten nur die bei ihm beschäftigten Personen. (…)
3) Publikumsverkehr findet in erster Linie in der Berliner Dienststelle des Sonderbeauftragten statt. Im Zentralarchiv (…) findet ein Publikumsverkehr nur in den Büroräumen statt, die von den Räumen abgeschottet sind, in denen die Unterlagen gelagert sind."
Oben zitiertes hält die Behördenleitung nicht davon ab, fast jeden zweiten Tag Führungen durchs Archiv zu veranstalten. Es gehört schon zum guten Ton, einmal im Stasi- Archiv gewesen zu sein. Wie damals die Besichtigung der Berliner Mauer. Den Anfang macht der Aufbaustab, der seinen Kollegen, die zurück in ihre westdeutschen Behörden gehen, zum Schluß mal zeigen wollte, wofür sie gearbeitet haben. Es folgen andere Bonner Beamte, Beamte des Innenministeriums, BKA-Leute, die später selbständig Führungen durchführen, das japanische Fernsehen, der Innenausschuß des deutschen Bundestages, Neueinstellungen, der BGS, Bundesarchivare, Deutsches Fernsehen, unzählige Pressevertreter: Großaufnahme David Gill in der Kartei, Großaufnahme Herr Gauck mit Akten, Mitarbeiter der Telekom etc. Leute vom BK müssen sich erst anmelden, wenn sie sich das Archiv ansehen möchten.
Der 25. September
Die Entdeckung am 25. September 1991 bildet dann den Höhepunkt: "Im Archiv sind ungefähr 20 Kisten mit Schriftgut auf mysteriöse Weise eingegangen. Enthalten Material der HA XXII (Terrorabwehr), Hauptverwaltung Aufklärung, HA II (Spionageabwehr), Schlüssel zu Kerblochkarteien und Datenbanken des MfS. Eine Liste der HA II ist dabei, auf der alle Unterlagen verzeichnet sind, die beim Sturm auf die Zentrale am 15. Januar 90 geklaut wurden. Dazwischen ein Schreiben des Bayrischen Landesamtes für Verfassungsschutz von 1984: "Betreff: Erkenntnisse aus der DDR / Angaben von Umsiedlern." Die Unterlagen stammen zum größten Teil aus den Archiven Leipzig, Rostock und Berlin und wurden mit Wissen Diestels und an den BKs vorbei abgeholt, wie ein beiliegendes Schreiben belegt. Auf einigen Schriftstücken befinden sich Vermerke: "Ausgewertet für AfV (Amt für Verfassungsschutz), BND". Es sind alles nur Kopien. Wer hat die Originale?" Darüber spricht keiner in der Behörde.
Das ist der letzte Eintrag in meinem Tagebuch über die Sonderbehörde, bevor ich es der Wochenzeitung "DIE ANDERE", übergebe. In der Ausgabe vom 16. Oktober wird es veröffentlicht. Es folgt der 21. Oktober 1991, ein Montag. An der Wache: "Frau Timm, Sie haben Hausverbot." – "Warum?" – "Warten Sie bitte einen Augenblick, Herr Prusse telefoniert gerade mit der Behörde." Aus dem Augenblick wird eine dreiviertel Stunde. Ein Wachmann hat den Artikel gelesen und findet Menschen anerkennenswert, die den Mut haben, zu ihrer Sache zu stehen.
Herr Prusse teilt bündig mit: "Sie sollen sofort in die Mauerstraße, zum Herrn Kuhnke kommen." Meinen Hausausweis abgeben. Kuhnke schiebt mir ein Briefkuvert über den Tisch. "Sie sind mit sofortiger Wirkung vom Dienst suspendiert." Steht auf und widmet sich wieder seinen Papieren. Ein "Wiedersehen" spare auch ich mir, denn das wünschen wir uns wohl beide nicht. Auszug aus dem Schreiben: "…aufgrund der illoyalen Aussagen in dem Artikel in der vorgenannten Zeitung werden Sie mit sofortiger Wirkung vom Dienst suspendiert."
Am 31. Oktober 91 kann ich mein Zeug holen und meine Arbeitspapiere. Nur mit Wachposten. Der Wachdienst: "Nein, ich traue Ihnen nicht." Also alles mit Begleitschutz. Aber der ist zum Glück ein alter Bekannter aus Haus 1. Dadurch das Ganze etwas leichter zu ertragen. Klaube ein paar Sachen aus meinem Schreibtisch zusammen. Noch mal in die Kartei. Trage die Pflanzen aus dem Fotolabor in unser Büro, damit sie auch diese Veränderung überleben (habe gerade einen durch die Auflösung total vertrockneten Hibiskus wieder zum Leben erweckt). Ein letzter Blick in unsere Räume. Gebe Hecht, unserem Abteilungsleiter, noch ein Schreiben vom Fotolabor, welches ja mal angedacht war. Er: "Na, Frau Timm, da haben Sie uns ja ein Ei ins Nest gelegt!" Nutzlose Diskussion über den Nutzen des Artikels für die Behörde und die Unterordnung unter dieselbige. Man könne doch auf dem Behördenwege alles bereden.
An der Wache begutachten lassen, was ich mitnehmen darf. Der Hausverteilungsplan, wo welche Hauptabteilung des MfS gesessen hat (hatte jedes BK-Mitglied): "Bleibt hier!" Auszüge, abgeschrieben aus den blauen "Fakten"-Heften des MfS (offizielles Material im MfS und dann natürlich zu BK-Zeiten): "Bleibt hier!" Meine Fotos von der Auflösung mit denen ich mir mein Büro verschönert hatte: "Zeigen Sie mal her!" – "Das sind meine Fotos, die hab ich selbst gemacht." – "Ich bestimme, was hier rausgeht!"- "Ist doch albern, die Negative hab ich zu hause. Meinetwegen behalten Sie die Fotos." Aber ich darf sie mitnehmen. Der Rest ist genehmigt.
Frische Luft!
Barbara Timm, geboren 1968 in Berlin. Engagiert im Umweltkreis Karlshorst. Ausbildung und Arbeit als Filmkopierfacharbeiterin, Fotolaborantin und Fotografin. Aktive Mitarbeit im Bürgerkomitee Berlin zur Kontrolle der Auflösung des MfS, Arbeitsgruppe Akten. Danach tätig im Sonderausschuß der Volkskammer zur Auflösung des MfS der DDR und anschließend in der Sonderbehörde für die Unterlagen des MfS der ehem. DDR bis zur ihrer Suspendierung. Gründungsmitglied der ASTAK e.V. sowie der Forschungs- und Gedenkstätte Normannenstraße und engagiert in deren Vorstand. Mitarbeit im "Bürgerkomitee 15. Januar e.V.", Arbeit als freie Fotografin in Berlin. Themenschwerpunkte sind Architektur, Reportagen, Portrait, Natur- und Landschaftsaufnahmen. Veröffentlichungen und Ausstellungen u.a. über die Auflösung des MfS und die Tätigkeit des Bürgerkomitees, die Mahnwache zum Verbleib der Akten, die Haftanstalten Hohenschönhausen und Rummelsburg, über Flüchtlinge in einem ehemaligen russischen Sperrgebiet in Berlin. Der vorstehende Text ist ein Auszug aus dem unveröffentlichten Manuskript "Die Geschichten hinter der Geschichte".
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