Heft 49/2004 | Feuilleton | Seite 51 - 52
Jürgen Fuchs
Aus "Magdalena"
FRÜHER ODER SPÄTER wirst du in Konflikt geraten. Am achtzehnten September neunzehnhundertsechsundneunzig zum Beispiel. In einer Sitzung des "Beirates", der die Gauck-Behörde beraten und kontrollieren soll, wirst du als Mitglied sitzen. Auf dem Tisch stehen Cola-Dosen, Gläser, Tassen. Der Landesbeauftragte für die Stasiunterlagen aus Mecklenburg-Vorpommern, Sense, wird seinen Bericht erstatten und bekanntgeben, daß er nicht gern ins Archiv nach Schwerin fährt, weil dort immer noch, Jahre nach neunundachtzig, der ehemalige MfS-Offizier Albrecht sein "Ansprechpartner" ist. Das ginge ganz automatisch, Moment, werde gesagt, Herr Albrecht kommt gleich ... Du wirst zum wiederholten Male die anwesende Macht der ehemaligen Offiziere in ihren ehemaligen Dienstgebäuden kritisieren. Und dann wirst du sagen: Ich kenne das Stasi-Unterlagengesetz, ich kenne den Paragraphen neununddreißig, ich weiß, was ein Mitglied des Beirates darf, soll und muß, ich bin zur Verschwiegenheit verpflichtet über die mir bekanntgewordenen Tatsachen im Verlaufe dieser Tätigkeit, ich gebe hiermit bekannt, daß ich Öffentlichkeit herstellen werde, wenn keine grundlegenden Veränderungen eintreten, ich ertrage diesen Zustand nicht mehr, ich kann bezeugen, daß Bäcker und Hopfer allein im Archiv waren, im Eingangsbuch standen ihre Namen, es sollten immer zwei zusammen gehen, sie waren zu zweit ... Ich habe Fragen, alarmierende Indizien existieren, bisher tat sich nichts ... Da werden das Lächeln und die Zähne von Herrn Direktor Busse zu sehen sein, Herr Direktor Geiger befindet sich in München und leitet inzwischen den Bundesnachrichtendienst, Herr Gauck ist krank, andere Beiratsmitglieder stimmen deinen Bedenken zu. Spätestens in diesem Augenblick wird früher oder später sein.
Es gibt Mitbürger mit leuchtenden Augen, die Forderungen stellen. Ich bin Chef einer Bundesbehörde und muß abwägen, zu Kompromissen fähig sein. Joachim Gauck.
Zitat? Fast, sinngemäß. Hat er "leuchtend" gesagt? Oder stechend ... Einer versteckt sich tags im Wald, in Höhlen, in der Dämmerung kommt er heraus ... der kleine oder der große Fleckenfalter? Flügelspanne vier bis fünf oder sechs bis sieben, Hinterflügel blaugefleckt? Eher der aus der Raubtierfamilie, weltweit verbreitet, klein bis mittelgroß, meist schlank, nicht sehr hochbeinig, mit verlängerter spitzer Schnauze, fast immer großen bis sehr großen zugespitzten Ohren und buschigem Schwanz, Kleintierjäger, der gelegentlich auch Aas und, brav, Pflanzen frißt ... Und die Augen? Tja. An der Autobahn, wenn die Scheinwerfer sie erwischen, leuchten sie gelb, rot ... bleib stehen, Füchschen, warte, bis die Raser vorüber sind, auch die blauen Mercedes-Schlitten halten nicht an, auch die Fahrbereitschaft für Bundesbedienstete fährt weiter, gib dich keinen Illusionen hin, egal wie du guckst am Rande der Böschung ...
Im Handtuchzimmer liegen Kopien der Juristischen Hochschule, die Archivmitarbeiterin Sabrowske begleitete dich ins Magazin, ein Mann mit blauem Kittel bedient die Hebel, du kniest vor vielen Bündeln, zerrst dies heraus und das, erflehst von recht weit oben einen Riecher, etwas Glück, einen Zufall ... Zurück in den Text, lieber Freund, bearbeiten, zersetzen, liquidieren ... der Behördenirrsinn und seine aktuellen Spielarten sind das eine, sie zeigen fast alles. Und das andere, lieber Freund, Rechercheur und "Opponent", das mußt du finden, zeigen und erläutern, pur und gemixt, früher oder später. Es ist später. Dann beeil dich! Ich will nicht hetzen. Dann langsam! Das dauert dann wieder ... Leben wie die Dachdecker, nicht nach unten sehen, die Zukunft ist der nächste Tag, kleine Schritte, Kurs halten, Ironie bewahren, viel lachen ... Von wem? Jenka Sperber, Anruf, abends. Rückfrage: War Manès Sperber vorsichtig? Antwort: Er reiste nie nach Jugoslawien, obwohl Einladungen vorlagen. Er wußte zuviel, hatte "realistische Phantasie" ...
DIE ZERSETZUNG UNTERSTÜTZT in spezifischer Weise die Politik von Partei und Staatsführung. S.68
Aus politischen Gründen ist es oft nicht zweckmäßig und gesellschaftlich nützlich, auf verschiedene Straftaten mit Maßnahmen der strafrechtlichen Verantwortlichkeit zu reagieren. S.68
Feindlich tätige Personen ... sind - zur Untätigkeit gezwungen und in Freiheit befindlich - weit weniger gefährlich als inhaftierte "Märthyrer" (Originalschreibweise). S.68
Es kann besser sein, "lautlos" vorzugehen und konspirativ die Feindtätigkeit zu verhindern. S.69
Wird von feindlichen Kräften erkannt, daß gegen sie Maßnahmen der Zersetzung angewandt werden ... besteht die Gefahr großer politischer Schäden, u. a. in Form der Verleumdung und Diskriminierung des MfS durch westliche Massenmedien. S.69
Deshalb muß vor allem durch die Leiter gesichert werden, daß die Einleitung und Durchführung von Zersetzungsmaßnahmen stets unter strengster Wahrung der Konspiration erfolgt. S.69
Die Zersetzung trägt Prozeßcharakter. S.76
Wie bereits herausgearbeitet, wird die mit der Zersetzung angestrebte Zersplitterung, Lähmung, Desorganisation oder Isolierung feindlich-negativer Kräfte vor allem durch die Einflußnahme auf die inneren Bedingungen von Menschen erreicht. S.76
Zitate, Zitate. Sie wuchern und zersetzen den Text. Telefon: Sie möchten sich bitte am kommenden Dienstag bei BF einfinden zur Mitarbeiterbesprechung, Dr. Knabe läßt grüßen ... Wurde er wieder gerügt? Gibt es neue Anweisungen und Bestimmungen, Vermerke und Formulare, sind behördliche Ereignisse eingetreten und dringend auszuwerten? Telefonate, das Wort Zersetzung ... Dr. Rolle ist im Urlaub, Frau Schüler hat frei oder einen Lehrgang, Klaus Richter fragt nach dem Befinden, der Lektor gegenüber grüßt immer noch freundlich, Herr Borkmann läuft durch die Gänge, ein Wachmann kontrolliert mich zweimal, er ist groß, mürrisch, uniformiert, in blauen Stoff gehüllt, ein helleres Blau als die Eisenbahnerkluft ... Er trägt eine Brille, will in die Aktentasche sehen, findet nichts, zeigt eine gewisse Enttäuschung ... Zersetzung wird geplant und erfolgt unter strengster Wahrung der Konspiration. Tückisch ist das Verabredete, Lauernde, Langfristige, Hartnäckige. Aber gerade dieses Planen und Durchkonstruieren erzeugt oft etwas Steifes, Gewolltes. Man fühlt die Fäden, die Regie im Hintergrund und das Unechte, Nachplappernde bei einigen eingesetzten Helfern, die nach "innen" vordringen wollen. Oft ist es nur ein Gefühl.
Jürgen Fuchs (1950-1999), Bürgerrechtler, Psychologe und Autor, war 1992/1993 wissenschaftlicher Mitarbeiter der BStU. Der abgedruckte Text ist ein Auszug aus seinem 1998 bei Rowohlt Berlin erschienenen Roman "Magdalena".
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