HEFT 02/2005 | Editorial | SEITE 81

 

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

die Frage, welches Bild von der DDR zu vermitteln ist, welche Methoden dabei zu nutzen, welche Ziele zu verfolgen sind, bleibt aktuell – die jüngsten Bemühungen um einen "Geschichtsverbund zur Aufarbeitung der SED-Diktatur" und die Reaktionen darauf haben es noch einmal verdeutlicht.

"Vermittlung von DDR-Geschichte", das ist ein in mehrerlei Hinsicht weites Feld, auf dem man es mit mehr oder minder mächtigen Akteuren, mit gravierenden Unterschieden zwischen den Problemlagen in Ost und West sowie mit einander widersprechenden Erfahrungen und Interessen, folglich mit einer Vielfalt der Sichtweisen zu tun hat. Doch nicht als zu überwindendes Hemmnis, sondern als zu nutzende Chance, so Andreas Ludwig in seinem einleitenden Text, sollte diese Vielfalt begriffen werden. Um ihr gerecht zu werden, haben wir uns in diesem Heft nicht auf die Vermittlung von Oppositions- und Repressionsge­schichte beschränkt. Zugleich konzentrieren wir uns auf die Vermittlungsarbeit von Museen und Gedenkstätten einer­seits, der Schule andererseits, zweier Bereiche, die eng miteinander verzahnt sind (oder sein sollten). Rainer Eckert und Ulrich Arnswald analysieren die Angebote beider Bereiche in Überblicksdarstellungen, Erfahrungsberichte aus der Praxis schließen sich an.

Wenn von Schule die Rede ist, kommen die Eltern ins Spiel. Was sie im Osten – nicht selten wird es beklagt –  ihren Kindern zum Thema berichten, paßt oft nicht in jenes Bild, das in der Schule und mehr noch in den fast ausschließlich auf den Aspekt der Repression konzentrierten Museen und Gedenkstätten zu zeichnen versucht wird. Die DDR war jedoch kein anders gewandetes 3. Reich, die Unterschiede zwischen 1945 und 1989 machen es augenfällig. Die Ostdeutschen dürfen daher anders mit ihrer Geschichte umgehen, als es die Reichsdeutschen einst durften. In ihrer Ostalgie – insbesondere Thomas Ahbe geht auf das Phänomen ein – schwingt auch ein ironisches Element mit, das seine Vorläufer in den DDR-Konkret-Partys der 80er Jahre hat. Ausdrücklich nehmen sie aber nur selten auf ihr Handeln im Herbst ’89 Bezug. Den Eigen-Sinn ihres Alltags in die Darstellung des Gesamtsystems der DDR einzubeziehen, wie es Elena Demke in ihrem Schlußbeitrag zum Hauptthema fordert, sollte vor allem heißen, diesen Alltag, Klaus Wolfram wies hier unlängst darauf hin, als Erwerb von Kompetenzen zu verstehen, die dieses Handeln ermöglicht haben. Doch durch Vermitt­lungs­bemühungen allein ist an der im Osten vorherrschenden Sicht auf die jüngste Geschichte wenig zu ändern. Das Gefühl, trotz des 89er Sieges nicht zu den Siegern zu gehören, hat vor allem praktische Gründe, ist also letztlich nur praktisch zu überwinden.

Traditionell erinnern wir in Heft 2 an den 17. Juni 1953. Diesmal ist dem Thema ein fundierter Aufsatz Gerd Geißlers zur damaligen Schulpolitik gewidmet. Auch Olaf Klen­kes Text über einen Streik in der Spätzeit der DDR bezieht das Datum ein.

Zuletzt sei auf ein Jubiläum verwiesen: Fünfzig Hefte "Horch und Guck" – für uns Anlaß zu einem chronikalischen Rückblick auf eine streckenweise klippenreiche Geschichte. Eigens für die Jubiläumsnummer hat uns zudem Christian Huth, der Comicgruppe "RENATE" zugehörig (siehe dazu S. 81), ein Titelblatt entworfen.

Im Namen der Redaktion
Erhard Weinholz


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