Heft 50/2005 | vermittlung von ddr-geschichte | Seite 1 - 5

Andreas Ludwig

Zunehmende Distanz

Perspektiven auf ein künftiges Bild von der DDR

Im fünfzehnten Jahr der Vereinigung beider deutscher Staaten zeigt sich ein widersprüchliches öffentliches Bild von der DDR, dessen Pole mit den Schlagworten "Dikta­tur­erfahrung" und "Ostalgie" charakterisiert werden können. Ob diese Polarisierung Folge einer "gespaltenen Erfahrung" oder geschichtspolitischer Auseinandersetzungen ist, soll zunächst offen bleiben. Al­ler­dings stimmt der immer noch geringe öffentliche Stellenwert integrierender Ansätze zum Verständnis der DDR skeptisch, denn sie könnten die Zweiteilung von Diktatur und Alltagswelt im Sinne einer Betrachtung der DDR-Gesellschaft als Ganzes aufheben. Einige Aspekte von DDR-Interpretationen, konkurrierender Geschichtsbilder und medialer Umsetzungen sollen im folgenden skizziert werden; im Hintergrund steht dabei die Frage, welches Bild von der DDR mit welchen Wirkungen langfristig entsteht.1

Zeitgeschichte und Gedächtnis
Jede heutige Analyse der DDR-Geschichte steht im Kontext des Übergangs von Erfahrung zur Geschichte. Aus der Sicht der zeit­geschichtlichen Forschung hat Christoph Kleß­mann die "kritische Historisierung" als ein wesentliches Element wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit der unmittelbaren Vergangenheit hervorgehoben und damit die analytische Distanz zu geschichtspolitischen Strategien wie auch zu individualisierten Erinnerungen eingefordert. Seine Brisanz erhielt dieser Begriff im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen über den Nationalsozialismus Mitte der achtziger Jahre, als es, jenseits der Analyse des Herrschaftssystems einerseits und der Empathie mit seinen Opfern andererseits, um die Frage der inneren Funktionsweise der nationalsozialistischen Diktatur, des Mitmachens und Profitierens, also um die sogenannten kleinen Leute und ihre Verhaltensweisen ging. Mit der an Konrad Jarausch anknüpfenden Forderung, die DDR "ge­wis­sermaßen aus der Mitte heraus mit einem für die Zeitgenossen noch scheinbar offenen Entwicklungspo­tential zu rekonstruieren und zu verstehen", wird zugleich Position für eine alltags- und gesellschaftsgeschichtliche Perspektive ergriffen, die berücksichtigt, daß der Ge­schichtsprozeß  für die Beteiligten offen war. Zeitgeschichte als "Geschichte der Mitlebenden" (Hans Roth­fels) erfordert mithin die Partizipation der Beteiligten, die Einbeziehung der Erfahrungsebene, sowie einen prozessualen Umgang mit Geschichte, ihre ständige Neubefra­gung aus sich wandelnden Problemlagen heraus. 2

In der Tat werden in der Auseinandersetzung mit der DDR die unterschiedlichsten Erfahrungen formuliert, die von erschütternden Berichten politisch Verfolgter bis hin zu naiven Jugenderinnerungen und apologetischer Recht­fertigungsliteratur reichen. An dieser Stelle soll es jedoch nicht um die zahlreichen schriftlichen Äußerungen gehen, sondern um die Dimension des Gedächtnisses: Seit dem Ende der DDR 1989/90 und bis in eine absehbare Zukunft wird das individuelle Gedächtnis der Zeitgenossen ein nicht unwesentliches Korrektiv historischer Forschung und politischer Auseinandersetzung um die deutsche Geschichte der letzten Jahrzehnte bilden. Als Ergebnis generationeller Erfahrung und unmittelbarer Anschauung ist das individuelle Gedächtnis sowohl historische Quelle wie Adressat zeitgeschichtlicher Forschung. Erst in einigen Jahrzehnten wird das individuelle durch ein "kollektives Gedächtnis"3 ersetzt sein, dem es an primärer Erfahrung fehlt und das sich aus Geschichtserzählungen, also den Ergebnissen der Historiographie speist und von institutionellen Akteuren getragen wird. Jede öffentliche Auseinandersetzung mit DDR-Geschichte wird also auf absehbare Zeit mit einer Deutungskonkurrenz rechnen können, und es wäre im Sinne eines pluralen Geschichtsbildes sinnvoll, dies als Chance zur Differenzierung und der detaillierten Analyse auch vorgeblich banaler, in der Tat aber alltäglicher Phänomene zu begreifen.4

Diktaturbegriff
Derzeit ist eine zeitgeschichtliche Fragestellungen und erfahrungsbezogene Reflexion zusammenfassende Betrachtung der DDR noch selten.5 Vorherrschend ist die Analyse der DDR unter der Perspektive der Diktatur als Staatsform, ihrer institutionellen Ausprägungen und ihres Zugriffs auf die von ihr Abhängigen. Auch wenn die spezifische Ausprägung der DDR-Diktatur Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzungen ist und dabei teilweise auch auf ihre integrierende Momente verwiesen wird,6 ist ihr autoritärer Charakter unbestreitbar und flächen­deckend zu spüren gewesen. Es besteht aber zu­gleich die Gefahr eines reduzierten Blicks, sozusagen eines Blicks von oben, der die Betroffenen entweder als Täter oder als Opfer wahrnimmt. So wird der Teil der Bevölkerung, der sich nicht pro oder contra exponiert hat oder sich als nicht betroffen begreift, ebenfalls kategorisiert und durch den Begriff der "Aufarbeitung" der SED-Diktatur die Haltung jedes Einzelnen immanent moralisch bewertet.7 Dies führt zu einem Rückzug größerer Bevöl­kerungsteile aus dem öffentlichen Diskurs und verhindert möglicherweise auch die individuelle Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Demgegenüber wird mit dem Konzept von "Herr­schaft und Eigen-Sinn" eine Beo­bach­tungsperspek­tive vorgeschlagen, die die Wechselbeziehungen zwischen dem Handeln der Herrschenden und dem der Beherrschten auf der Mikroebene des Alltäglichen erfaßt und dieses Handeln im konkreten historischen Rahmen verständlich machen kann. 8 Es geht bei diesem Konzept um die "weichen Faktoren" der Diktatur, um die Frage der Herstellung eines partiellen Konsenses zwischen Herrschenden und Beherrschten und, nicht zu­letzt, auch um die Integration einer Perspektive "von unten".

Ostalgie
Diese Perspektive findet angeblich und schon seit einer Reihe von Jahren in einem als "Ostalgie" bezeichneten Phänomen ihren Niederschlag.9 Da­hinter verbirgt sich jedoch eine ganze Reihe unterschiedlicher kultureller und politischer Äußerungen sowie kommerzieller Strategien, so dass nicht immer klar ist, worum es sich eigentlich handelt. Als Ostalgie werden zunächst Äußerungen verstanden, die das Leben in der DDR mit aktuellen Lebensbedingungen vergleichen. Diese landläufig als "meckern" charakterisierte Erzählhaltung kann sowohl eine Bejahung der DDR bedeuten als auch ein sprachlicher Code für Gesellschaftskritik sein. Ein latentes Gefühl von Unzufriedenheit scheint auf diesem Wege, unabhängig von der  individuellen materiellen Stellung, nach Ausdruck zu suchen. Das Trägerspektrum reicht von misstrauischen Rentnergruppen bis zu "Ost-Ost-Ost-Berlin" skandierenden Eis­hockeyfans. Hier ist jedoch schon die Grenze zur Ostalgie als popular-kultureller Äußerungsform überschritten, indem eine reale oder vermutete Minderheitenposition innerhalb der deutschen Gesamtgesellschaft offensiv verbalisiert wird. Ähnliche kulturelle Äußerungsformen finden sich auf Kleidung ("Ampelmännchen"-T-Shirts, Trai­nings­jacken mit dem Aufdruck "Ost-Berlin") und in der Freizeitkultur (Ost-Parties, die jüngst von Hartz-IV-Parties abgelöst wurden). Ein dritter Aspekt von Ostalgie ist ihre Kommerziali­sierung als Folklore, wie sie in diversen Ostalgie-Shows, Ostalgie-Museen, Devotionalienständen und einschlägigen Publikationen zum Ausdruck kommt. Adressat sind, anders als bei der popkulturellen Variante von Ostalgie, Menschen mit DDR-Erfahrung. Hier trifft der Vorwurf unkritischer Hinwendung zur DDR auf Grundlage beliebiger Versatzstücke – von Witzbüchern bis zum Wiederauftritt ehemaliger Fernsehstars – wohl am ehesten zu. Dennoch muss man sich die Frage stellen, warum solche kommerziellen Strategien Erfolg haben, ob sie einer kritischen Reflexion der DDR-Geschichte entgegenstehen oder lediglich ein post-DDR-Leben neben vielen anderen Handlungs- und Denkmustern begleiten.

Blick von innen
Vieles scheint sich mir aus dem Verhältnis Ostdeutscher zur Bundesrepublik zu erklären, also aus dem deutschen Binnenverhältnis und der ihm innewohnenden Asymmetrie. Schon zu DDR-Zeiten war der ostdeutsche Blick nach Westen gerichtet. Das hatte nicht nur mit der Systemkonkurrenz der Herrschenden zu tun, sondern auch mit  unerfüllten Wünschen auf der Ebene der Konsumkultur.10 Mit dem Ende der DDR verwandelte sich dieses Verhältnis in ein distanziert-kritisches; ein DDR-Bewußtsein entstand, so die These einiger Autoren, überhaupt erst nach ihrem Ende als Staat.11 Auf die Selbstbeobachtung der DDR trifft dies sicherlich zu; es ist erstaunlich, wie wenig, außer in der Belletristik und im Film vielleicht, die DDR-Gesellschaft innerhalb der DDR selbst Gegenstand zeitgenössischer Untersuchungen gewesen ist, trotz ihrer unter Honecker einsetzenden verstärkten Historisierung. Die Zeugnisse dieser Selbstbeobachtung spielen heute beim Verständigungsprozess über das Leben in der DDR-Gesellschaft nur eine marginale Rolle. Der "Blick von innen" ist also in starkem Maße ein westdeutscher und als innerdeutscher damit zugleich einer von außen; er bezeichnet ein Binnenverhältnis deutsch-deutscher Wahrnehmung.

Blick von außen
Wie sehr sich eine solche antipodische Perspektive als verengend erweisen könnte, macht ein Vergleich deutlich. Es fehlt in der heutigen Diskussion der Blick von außen, die Einbeziehung von Beobachtungen, die Ausländer in der DDR gemacht haben, von Besuchern bis hin zu Ver­tragsarbeitern. Da diese Quellen, frei von einem Vergleich mit der Bundesrepublik, die Zustände in der DDR vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen verarbeiten, könnten sich aufschlussreiche Sichtweisen ergeben, die sich dem Schema des deutsch-deutschen Vergleichs wie auch der Fokussierung auf den Dikta­turen­vergleich entziehen. Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang auf die Fotografie, etwa die Arbeiten Willy Ronis, der die DDR in den sechziger Jahren besucht hat und sein Bild der DDR in einer Ausstellung zeigte. Mit anderen Schwerpunkten, Medien und Interessen berichteten Journalisten über ihr Eindrücke und stellten sie in den Kontext ihrer Zeit. Unabhängig von ihrer zeitgenössischen Wirkung sind dies aus heutiger Perspektive Quellen; die Frage, was das Besondere, das Auffällige an der DDR war, wäre durch die Einbeziehung des "fremden Blicks" aufs neue gestellt.

Andere osteuropäische Transformationsgesellschaf­ten verbinden ihr Verhältnis zur Vergangenheit nicht mit einer Wiedervereinigung vormals getrennter Landesteile, sondern subsummieren ihre Geschichte bis 1989/90 unter dem Aspekt der sowjetischen Okkupation. Gerade kürzlich hat ein baltisches Staatsoberhaupt diese Haltung durch die Weigerung zum Ausdruck gebracht, in Moskau an den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag des Kriegsendes teilzunehmen. Museen in vielen osteuropäischen Staaten zeigen ihre jüngere Geschichte unter den Begriffen "Diktatur" und "Okkupation",12 sozial- und alltagsgeschichtliche Fra­ge­stellungen kommen in ihnen (noch?) nicht vor. Vor diesem Hintergrund erweist sich der Stand der Forschung in Deutschland als weit fortgeschritten. Insgesamt macht also der Blick von außen das Bild von der DDR widersprüchlicher und damit produktiv für die heutige Debatte.


Industriegesellschaft und "utopischer Überschuß"
Betrachtungen von außen ermöglichen nicht nur die Erkenntnis neuer Details und einen gewissen Verfremdungs­effekt, sondern können die Entwicklung der DDR in den Zusammenhang anderer Erkenntnisinteressen stellen. So hat Charity Scribner den Zusammenbruch der DDR als plötzliches Ende einer "zweiten Welt", der Welt industrieller Produktion und arbeiterlicher Lebensweise dargestellt und ihre Umgestaltung mit der anderer entwickelter Industriegesellschaften, wie beispielsweise in England, verglichen. Ein solches Sprechen über die DDR bedeutet  weniger die Reflexion über Diktatur als die Verarbeitung des Verschwindens vertrauter Lebens- und Arbeitsmuster und hat damit zugleich analytischen wie kompensatorischen Charakter.13 Die DDR erscheint hier als industrielle Massenproduktionsgesellschaft, die mit den fordistischen Industriegesellschaften Westeuropas und Nordamerikas zu vergleichen ist. Die Gründung der DDR aus der Zielsetzung heraus, eine Gesellschaft der industriellen Produktion ohne kapitalistische Ausbeutung als die bessere Alternative zu entwickeln sowie ihr Zusammenbruch 1989 würden somit in einen Kontext der Entwicklung klassischer Industriegesellschaften gestellt, der eher die langen Ent­wick­lungslinien als die Ereignisgeschichte in den Vordergrund stellt und die Frage nach der Wirkung alternativer Entwicklungswege an Bedeutung gewinnen läßt.  

Damit ist an dieser Stelle weniger das planwirtschaft­liche Modell gemeint als vielmehr die Frage nach der Formierung einer "neuen Gesellschaft" und der Herstellung eines innergesellschaftlichen Konsenses, wenn nicht über Wege, so doch über Ziele der neuen Gesellschaftsordnung. "Arbeiterliche" Verhaltens- und Wertemuster, die argumentative Trennung von real existierendem und "eigentlichem" Sozialismus und ein "utopischer Überschuss" individueller Lebensplanung, der der Hoffnung auf einen positiven gesellschaftlichen Wandel entsprang, gehörten fraglos zur kollektiven Erfahrungsgeschichte der DDR.14 Damit ließen sich auch der Zusammenbruch des Staats DDR über die politische Ebene hinaus als in langfristige Entwicklungen eingebettet analysieren und Fragen nach Parallelen und Alternativen herausfordern.

Archiv
Bei so unterschiedlichen Sichtweisen auf die Geschichte der DDR stellt sich die Frage nach der Verfügbarkeit von Quellen.15 Mit den Beständen des Bundesarchivs steht die staatliche Aktenüberlieferung zur Verfügung, mit denen der SAPMO die der Parteien und Massenorganisationen, vornehmlich der SED, und mit den Unterlagen der Birth­ler-Behörde ist ein Aktenbestand zugänglich, der weit über den Aspekt unmittelbarer staatlicher Repression hinausreicht. Dieser "staatlichen" Perspektive stehen, gleich­sam als "Geschichte von unten", vor allem die aus der Bürgerbewegung hervorgegangenen Archive gegenüber, die jedoch bei weitem nicht über die gleichen materiellen Voraussetzungen verfügen. Ihre besondere Bedeutung erhalten sie, weil sie nicht nur Repression und oppositionelles Handeln dokumentieren und damit der Zivilgesell­schaft verpflichtet sind, sondern weil sie darüber hinaus dem Monopol staatlicher Gedächtnisbildung entgegenwirken. Diese archivalische Voraussetzung kritischer Ge­schichtsschreibung sollte jedoch erweitert werden, indem den Quellen für eine komplexe Betrachtung der Gesellschaft in der DDR insgesamt mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird. Dies gilt besonders für die Museen, die ja Archive der Objektkultur sind und nicht unter dem Schutz eines staatlichen Archivgesetzes stehen, wie auch für die mündliche Geschichte, die Dokumentation des individuellen Gedächtnisses, um einen weiter oben genannten Begriff aufzunehmen. Archive, Sammlungen und Museen sind als Einrichtungen  der Gedächtnisbildung Voraussetzungen für den Übergang von einem individuellen zu einem kollektiven Gedächtnis und prägen dessen Gestalt. Wie notwendig hier eine vorausschauende, langfristig angelegte Sicherungsstrategie ist, zeigen die gravierenden Lücken bei der Dokumentation früherer Epochen, in denen selektive, oftmals an der Hochkultur orientierte Samm­lungsstrategien dominierten. Die Qualität und Vielfalt der "institutionellen Gedächtnisträger", von Sammlungen und Dokumentationen, ist Voraussetzung dafür, dass die Aus­einandersetzung mit Geschichte langfristig "flüssig" bleibt und sowohl nostalgische wie ritualisierte Formen von Erinnerung durchbrochen werden können.

Orte und Medien

Was mit ritualisierten Formen von Gedächtnis gemeint ist und was das Fehlen authentischer Zeugnisse bewirken kann, zeigt der gegenwärtig diskutierte Umgang mit Mahn­­malen und "Gedächtnisorten".16 Gedächtnisorte sind zum einem konkrete Schauplätze von Geschichte, zum anderen Orte, an denen die Erinnerung an Geschichte aktualisiert wird. Sie sind historische "Quellen" und wirken zugleich als Codes für eine historische Erzählung. Allerdings betonen diese Orte eher das Besondere als das Alltägliche in der Geschichte. Wenn, wie im Falle der Berliner Mauer, die authentischen Orte in den vergan­genen Jahren fast restlos beseitigt worden sind, wird das Gedenken, die Einrichtung eines "lieu de mémoire" kompliziert.17 Andererseits wird – ergänzend zum Gedächtnisort – der historischen Aufklärung durch einen "Ort der Information" vermehrt Bedeutung beigemessen. Aller­dings trägt der historische Ort nicht zwangsläufig zur Aufklärung bei, wie der höchst unterschiedliche Infor­mationsgehalt der zahlreichen Grenzgedenkstätten ent­lang der innerdeutschen Grenze zeigt.

Es stellt sich also zugleich auch die Frage nach der medialen Vermittlung von DDR-Geschichte. Hier haben, neben den Gedächtnisorten, die Museen und Gedenkstätten eine besondere Bedeutung, verbinden sie doch das authentische Objekt mit der Information. Mit Bezug auf die DDR besteht eine große Zahl solcher Einrichtungen, wiederum allerdings überwiegend mit Bezug auf die politische Geschichte.18 Es wäre falsch, von ihnen Erklärungen über "die DDR", also eine Art historischer Mastererzählung zu erwarten, wie dies Teile des Publikums tun, denn das Besondere an Museen und Gedenkstätten ist das Detail, ist ihr Umgang mit erhaltenen Sachzeugen der Geschichte und deren differenzierte Ausdeutung mit Bezug auf aktuelle Fragestellungen und Interessenlagen. Dennoch machen Ausstellungen in Museen und Gedenkstätten Interpretationsangebote auf der Grundlage von Forschungsleistungen und bieten dem Besucher damit Anknüpfungspunkte für eine eigenständige Beschäftigung mit Geschichte über die im einzelnen präsentierten Gegenstände hinaus.19 Gerade unter dem Aspekt einer Dichotomie von politischer Geschichte und Ostalgiefor­men können sie vermittelnd auftreten, indem sie an Erfah­rungswissen anknüpfen und die Breite historischer Zugriffe repräsentieren. Museen und Gedenkstätten setzen, so könnte man sagen, die archivierten Gegenstände der Geschichte in einen Kommunikationszusammenhang mit dem Besucher.

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der DDR findet auf  höchst unterschiedliche Weise, mit unterschiedlichen Akteuren und unter sich deutlich unterscheidenden Prämissen statt. Diese Vielfalt bedeutet jedoch nicht, dass sich die Institutionen und Akteure notwendig auch in Interaktion befinden, eher besteht ein Nebeneinander von formalen wie selbstgewählten Zuständigkeiten, wobei viele der Beteiligten und Betroffenen als Zeitzeugen in unmittelbarer Beziehung zum Dargestellten stehen. Angesichts dieser Gemengelage und des biographisch absehbaren Übergangs von "gelebter Geschichte" zu "ver­gangener Geschichte" erscheint es mir sinnvoll, für eine engere Kooperation und Koordination zu plädieren, die die hier vorgestellten Zugänge zur DDR-Geschichte in Beziehung setzt sowie Ungleichgewichte und Lücken verhindern hilft. Zeitgeschichtliche Forschung und Ostal­gie bilden nicht nur ein Oppositionspaar, sondern bein­haltenAspekte einer jeweils spezifischen Kommunikation über Geschichte und Gegenwart. Ebenso sind Archive, Orte des Gedächtnisses, Museen und Gedenkstätten in ihren archivalischen Möglichkeiten und medialen Präsentationen nicht unabhängig von einander zu denken. Das Besondere an der Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte scheint mir deshalb nicht ihre Gegensätzlichkeit, sondern ihre Vielfalt und die Parallelität von gesellschaftlicher Transformation und historischer Reflexion zu sein.20 Es sollte deshalb nicht um die Konkurrenz von Deutungsansprüchen gehen, , sondern um reflexive Differenzierung – und ihre materiellen Voraussetzungen.


Andreas Ludwig
, Dr. phil, Historiker, Studium an der Freien Universität Berlin, in den 80er Jahren in der Berliner Geschichtswerkstatt aktiv. Seit 1993 Leiter des Eisen­hüt­­ten­städter Dokumentationszentrums Alltagskultur der DDR. – Arbeits- und Interessenschwerpunkte: Alltagsgeschichte, Stadtgeschichte, Funktionsweise historischer Museen. Publikationen: Eisenhüttenstadt. Wandel einer industriellen Gründungsstadt in fünfzig Jahren, Potsdam 2000 (= Brandenburgische Historische Hefte, 14); Für das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR Hrsg. (mit Gerd Kuhn): Alltag und soziales Gedächtnis. Die DDR-Objektkultur und ihre Musealisierung, Hamburg 1997; Hrsg.: Fortschritt, Norm und Eigensinn. Erkundungen im Alltag der DDR, Berlin 1999.

1    Der Beitrag steht in Zusammenhang mit konzeptionellen Überlegungen über den Beitrag von Museen zur Zeitgeschichte allgemein und besonders des Eisenhüttenstädter Dokumentationszentrums Alltagskultur der DDR für eine Konturierung der Beschäftigung mit der DDR-Gesellschaft.
2    Christoph Kleßmann: Zeitgeschichte als wissenschaftliche Aufklärung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B  51-52/2002, S. 3-12, S.7, S.9; Konrad Jarausch: Nachdenken über die DDR, in: Berliner Debatte INITIAL, H. 4-5 (1995), S.9-15.
3    Vgl. bes. Aleida Assmann, Ute Frevert: Geschichtsvergessenheit, Geschichtsversessenheit. Vom Umgang mit deutschen Vergangenheiten nach 1945, Stuttgart 1999; Assmann definiert S. 41 ff "kollektives Gedächtnis" als instrumentelles, durch Steuerung, Vereinheitlichung und Reduktion geprägte Erinnerungsform. Der Begriff impliziert kollektive, von vielen getragene Gedächtnisbildung, gemeint ist daher wohl eher ein "institutionelles Gedächtnis".
4    Vgl. Lutz Niethammer: Erfahrungen und Strukturen. Prolegomena zu einer Geschichte der Gesellschaft der DDR, in: Hartmut Kaelble, Jürgen Kocka, Hartmut Zwahr (Hrsg.): Sozialgeschichte der DDR, Stuttgart 1994, S. 95-115. Zu den Möglichkeiten eines solchen Konzepts siehe ders., Alexander von Plato, Dorothee Wierling: Die volkseigene Erfahrung. Eine Archäologie des Lebens in der Industrieprovinz der DDR, Berlin 1991.
5    Einen ersten, übergreifenden Anlauf hat Stefan Wolle: Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft in der DDR 1971-1989, Berlin 1998, unternommen.
6    Vgl. u.a. Konrad Jarausch: Realer Sozialismus als Fürsorgediktatur. Zur begrifflichen Einordnung der DDR, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 20/99, S. 33-46; Martin Sabrow: Der Konkurs der Konsensdiktatur. Überlegungen zum inneren Zerfall der DDR aus kulturgeschichtlicher Perspektive, in: ders., Konrad Jarausch (Hrsg.): Weg in den Untergang. Der innere Zerfall der DDR, Göttingen 1999, S.83-116. Einen "Partialkonsens" konstatiert Lothar Fritze: Die Gegenwart des Vergangenen. Über das Weiterleben der DDR nach ihrem Ende, Weimar/Köln/Wien 1997, S. 16 ff.
7    U.a. im Titel der  Enquete-Kommissione des Deutschen Bundestages "Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland" und in der, in ihrer Tätigkeit deutlich offeneren, "Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Dikatur"; vgl. Mary Fulbrook: Aufarbeitung der DDR. Vergangenheit und "innere Einheit" – ein Widerspruch, in: Christoph Kleßmann, Hans Misselwitz, Günter Wichert (Hrsg.): Deutsche Vergangenheiten – eine gemeinsame Herausforderung.  Der schwierige Umgang mit der doppelten Nachkriegsgeschichte, Berlin 1999, S. 286-298. Die Autorin verweist auf die Gefahren der Anwendung eines"Helden-Schurken-Schemas", in dem sich die Mehrheit der DDR-Bevölkerung nicht angemessen repräsentiert fühle.
8    Thomas Lindenberger: Herrschaft und Eigen-Sinn in der Diktatur. Das Alltagsleben der DDR und sein Platz in der Erinnerungskultur des vereinten Deutschlands, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 40/2000, S. 5-12. Der von Alf Lüdtke geprägte Begriff "Eigen-Sinn" verweist auf die, eigenen Interessen und Regeln folgenden Vorstellungen und Handlungen des Individuums, selbst in stark reglementierten Lebenszusammenhängen.
9     Der Begriff verbindet "Nostalgie" als unkritische, rückwärtsgewandte Betrachtung und "Osten" als umgangssprachliche Bezeichnung für die frühere DDR. Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel hat den Begriff um 1993 populär gemacht, allerdings soll er zuerst in einem Kabarett entstanden sein, vgl. Der Tagesspiegel v. 10.11.2000.
10    Vgl. u.a. die Beiträge von Gerlinde Irmscher, Ina Dietzsch, Katrin Böske und Franka Schneider in: Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (Hrsg.): Wunderwirtschaft. DDR-Konsumkultur in den 60er Jahren, Köln-Weimar-Wien 1996.
11    Wie erst jetzt die DDR entsteht, in: Der Alltag, Nr. 72, Juni 1996; Thomas Ahbe, Monika Gibas: Der Osten im vereinigten Deutschland, in: Wolfgang Thierse, Ilse Spittmann-Rühle, Johannes L. Kuppe (Hrsg.): Zehn Jahre Deutsche Einheit. Eine Bilanz, Opladen 2000, S. 23-38.
12    Vgl. die Berichte auf der ICOM-Tagung "Museumsarbeit in postkommunistischer Zeit", 22.-24.4.2004 in Berlin und Stiftung Ettersberg zur vergleichenden Erforschung europäischer Diktaturen; Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur "Der Kommunismus im Museum", 21.-23.10.2004 in Weimar.
13    Charity Scribner: Requiem for Communism, Cambridge/Mass., London 2003.
14    Franziska Becker, Ina Merkel, Simone Tippach-Schneider im Auftrag des Dokumentationszentrums Alltagskultur der DDR (Hrsg): Das Kollektiv bin ich. Utopie und Alltag in der DDR, Köln-Weimar-Wien 2000.
15    Ulrich Mählert (Hrsg.): Vademecum DDR-Forschung. Ein Leitfaden zu Archiven, Forschungseinrichtungen, Bibliotheken, Einrichtungen der politischen Bildung, Vereinen, Museen und Gedenkstätten, Opladen, 2. Aufl. 1999.
16    "Gedächtnisorte" bezieht sich auf Pierre Noras Begriff der "lieux de mémoire". Nora sieht die Möglichkeit der Entwicklung eines kollektiven Gedächtnisses an Orte gebunden, an denen Erinnerung im Sinne des Gedenkens an vergangene, nicht selbst erlebte historische Ereignisse möglich wird; vgl. Pierre Nora: Zwischen Geschichte und Gedächtnis: die Gedächtnisorte, in ders.: Zwischen Geschichte und Gedächtnis, Berlin 1990, S.11-33.
17    Vgl. das Konzept des Berliner Kultursenators Thomas Flierl: Gedenkkonzept Berliner Mauer. Bestandsaufnahme und Handlungsempfehlungen, vom 18.4.2005, Internetfassung: mauergedenken.pdf unter  www.senwisskult.berlin.de.
18    Siehe hierzu in diesem Heft den Beitrag von Rainer Eckert.
19    Paul Betts: The Twilight of the Idols: East German Memory and Material Culture, in: The Journal of Modern History 72 (September 2000), S.731-765.
20    Das im Herbst/Winter 1989/90 unmittelbar einsetzende historisierende Interesse an der DDR steht in Gegensatz zur Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, die deutlich verzögert einsetzte. Während in der Bundesrepublik nach 1945 zunächst das diktatorische System, dann Opposition und Widerstand und schließlich ab den 70er Jahren die Gesellschaft im Nationalsozialismus debattiert wurden, geschah dies bezüglich der DDR unmittelbar und parallel – ein unverkennbarer Fortschritt und eine nicht zu unterschätzende Chance.

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