Heft 50/2005 | vermittlung von ddr-geschichte | Seite 6 - 9

Thomas Ahbe

Sich ein Bild von der DDR machen

Die geschichtliche Darstellung der DDR folgt unterschiedlichen Interessen

Auch in einer in demokratischen Gesellschaften, in der die Freiheit der Medien und die Menschen- und Bürgerrechte gewährleistet sind, entsteht das Bild von der Geschichte nicht in einer Art idealem herrschaftsfreiem Diskurs. Es ist geprägt durch machtpolitische und kommerzielle Interessen, durch die Identifikationsbedürfnisse von einfluß­reichen Milieus und Generationseinheiten und natürlich auch durch das Eigeninteresse geschichtsverwaltender Institutionen und deren Personal. Im folgenden soll kurz skizziert werden, im Spannungsfeld welcher Bedürfnisse und Motive das Bild von der DDR-Geschichte ausgehandelt wurde und wird.

In der diktatorisch verfaßten DDR war die Formierung des gültigen Bildes von der DDR-Geschichte strukturell ver­gleichsweise einfach. Die DDR-Geschichte, die in der DDR geschrieben wurde, orientierte sich an den Interessen und Werten, an den Erfahrungen und politischen Zielvorstellungen jener kleinen Gruppe, die nach der Installation der SED-Diktatur die politische Macht nicht mehr aus den Händen gab – auch nicht an mögliche Nachfolger aus jüngeren Generationen. Die allgemeinen Erfahrungen dieser zwischen den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts und bis zum I. Weltkrieg Geborenen – Kriege, Todesgefahr, Not und Unsicherheit – wurden durch die besonderen Erfahrungen des politischen Kamp­fes und politischer Verfolgung modifiziert und prägten zeitlebens ihre Handlungsweise. Wenn auch die nach 1945 zu den kommunistischen Machthabern neu Hinzugestoßenen nicht deren Erfahrung von Illegalität, Widerstand, KZ, Flucht, Exil und stalinistischer Repression teilten, so waren sie doch durch andere traumatische Erlebnisse der ersten Jahr­hunderthälfte an den Wahrnehmungs- und Re­aktions­stil und an die Ziele der politischen Kämpfer psychisch anschlußfähig: nämlich mit Härte, Rücksichtslosigkeit und Gefahrenbewußtsein neue gesellschaftliche Zustände zu erkämpfen und zu erzwingen. Das war die Mentalität der DDR-Machtelite. Sie kontrollierte, welches Geschichtsbild in den Diskursen in Politik, Medien, Bildung und Wissenschaft gezeichnet wurde. Dementsprechend war das in der DDR produzierte Geschichtsbild inhaltlich ausgerichtet. Seine Aufgabe war es, für die "aktuellen Kämpfe der Zeit" historische Erklärungen und moralische Legitimität zu liefern. In manchen Bereichen wurde die Geschichtswissenschaft der DDR zu einem zunehmend unfruchtbaren, weil wissenschaftlich und mo­ralisch selbstreferentiellen Diskurs. Obwohl diese Geschichtswissenschaft auch heute noch Gültiges hervorgebracht hatte, scheiterte sie als Ganzes daran, daß sie den Lebenserfahrungen der kleinen Gruppe der Machthaber und ihren politischen und volkspädagogischen Kalkülen verhaftet blieb.

Als mit der friedlichen Revolution und mit der Maueröffnung die politische Verfolgung endete und die bisherige Herrschaft über öffentliche Informations- und Diskus­sionsmöglichkeiten gebrochen war und als später, nach dem Beitritt zur Bundesrepublik, die Geschichtsschreibung strukturell und personell reorganisiert wurde, ging es erst einmal um Aufarbeitung: Den Opfern der DDR-Diktatur sollte Gerechtigkeit widerfahren, die Verbrechen mußten bekannt gemacht und gesühnt, die Mechanismen und die Ideologie der Unterdrückung bloßgelegt, die Täter mußten bestraft werden. Die DDR-Geschichte war in den ersten Jahren notwendigerweise Aufarbeitungs-Geschichte, was sich auch bei einigen Institutionen in ihrer Aufgabenstellung oder Namensgebung niederschlug. Die Tendenz zur Aufarbeitung wurde auch dadurch verstärkt, daß im vereinigten Deutschland – wie in anderen postrevolutionären Gesellschaften – das Bild von der gestürzten Macht so gezeichnet wird, daß es die politischen und wirtschaftlichen Härten der Transformation legitimiert.

Der DDR-Diskurs der Politik wurde seit 1990 von westdeutschen und ostdeutschen Berufspolitikern geführt. Für die politische Klasse der Bundesrepublik war die DDR ohnehin ein Gegner, eine politische, ideologische und sozialstaatliche Konkurrenzveranstaltung. Ihre Niederlage war für sie eine Genugtuung, für manche, die einst persönlich schwierige politisch-strategische Entscheidungen zu treffen hatten, sogar eine mehr oder weniger spät gekom­mene Bestätigung. Auch viele ehemalige Kritiker des westlichen  Systems identifizierten sich mit Blick auf die früheren Zustände in der DDR rückwirkend mit der alten Bundesrepublik. Einstige Sympathisanten antikapi­talis­tischer oder alternativer Gesellschaftsprojekte be­zeich­neten die Ostdeutschen nun mit von Zorn und Enttäuschung getrübtem Blick als durch die Diktatur "deformierte, autoritäre und demokratieunfähige" Untertanen, die in ihren Wertvorstellungen den Westdeutschen in den 1950er Jahren glichen. Und je deutlicher sich seit Ende der neun­ziger Jahre abzeichnete, daß der in der historischen Aus­nahmesituation der Nachkriegszeit erzielte Erfolg der sozialen Marktwirtschaft auch nach Überwindung der Startschwierigkeiten in den neuen Bundesländern nicht wieder­holbar sein würde, um so stärker wurde von den Westdeutschen über das Mentalitäts-Erbe der DDR spekuliert, also die (Sozial-)Staatsfixierung und habituelle Initiativlosig­keit der Ex-DDRler, die die Misere im Osten erkläre.

Neben den westdeutschen äußerten sich auch die wenigen ostdeutschen Neuzugänge der politischen Elite zur DDR-Geschichte. Ihr moralisches Prestige und die Legitimität ihrer gegenwärtigen politischen Positionen stehen in einem direkt proportionalen Verhältnis zu dem Maß an Staatsterrorismus und Anormalität, das der DDR zugeschrieben wurde. Das zeigte sich noch im Jahr 2003 sehr deutlich, als die trivialen Ostalgie-Shows der verschiedenen Sender diskutiert wurden. Während westdeutsche Politiker und Medienleute unaufgeregt kritisierten, daß nun die "bunten Seiten" einer "kleinen miesen Diktatur ... hervorgekramt"  würden, sprachen ehemalige Bürgerrechtler von der "Verhöhnung der Opfer" und verglichen die Shows mit Nazi-Shows. Insgesamt akzentuierten die wenigen ostdeutschen Teilnehmer im politischen Diskurs bei der DDR-Darstellung das, worunter sie selbst gelitten hatten und was sie zu Gegnern der DDR-Verhältnisse werden ließ: die staatlichen Gewaltmaßnahmen, die politische und geistige Bevormundung, das als opportunistisch gegeißelte Arrangement vieler Ostdeutscher mit den bestehenden Verhältnissen.

Auch für die mediale Darstellung der DDR-Geschichte war die Konzentration auf das Verbrecherische am paß­fähigsten. Zu den heutigen Präsentations- und Rezeptionsmustern der Massenmedien gehören personalisierte, dramatisierte und emotionalisierte Geschichten, die unmittelbar und ohne komplizierte Kontextualisierung aufnehmbar sind: Verbrechen, Katastrophen, gruselige und bewegende Schicksale. Und so wurde dann auch die politische Unterdrückung in der DDR im gleichen Stile wie Raubmorde, Großbrände und Autobahnunfälle geschildert. Der Stern  titelte beispielsweise im Frühjahr des Jahres 1990 "Wo die Stasi foltern ließ. Was hinter den Mauern der Nervenklinik Waldheim geschah" oder die BILD-Zeitung (Ber­lin) im Sommer 1991: "Charité: SED-Gegnern Herzen rausge­schnitten." Ähnlich war es mit den gehobeneren Formaten im Fernsehen und Radio: Hier wurden griffige und markante Geschichten über böse Täter und ihre Opfer erzählt, vertiefende Darstellungen über die Sinnvorstellungen und Motive der Beteiligten und die Arrangements des größten Teils der Bevölkerung waren viel seltener. Verstärkt wird diese inhaltliche Ausrichtung noch durch die Struktur des Mediensystems: Die überregionalen Medien sind ohnehin westdeutsche Medien, und die für das ostdeutsche Fünftel der Bevölkerung produzierten Regionalmedien gehören westdeutschen Eigentümern und werden westdeutsch geführt.

In der Geschichtswissenschaft kam es in den frühen neun­ziger Jahren zu einem tiefgehenden personellen Austausch. Stärker als durch die direkte politische Positio­nierung von sogenannten Stiftungsprofessuren, die von politischen Parteien finanziert wurden, war die DDR-Geschichtsschreibung dadurch beeinflußt, daß die Professoren, ihre Assistenten und Promovierenden überwiegend aus dem Westen kamen. Sie kamen damit aus einem geschichtswissenschaftlichen Diskurs, dessen Paradigmen, Ergebnisse und Ansätze sich oft in direkter wissenschaftlicher Konkurrenz zu denen der DDR befanden, die nun auf dem Wege der Umstrukturierung der Geschichtswissenschaft eliminiert wurden. Natürlich waren die neuen Historikerinnen und Historiker auch in ihren vorwissen­schaftlichen Überzeugungen, in ihren Erfahrungen, Identifikationen, aber auch in ihren Wahrnehmungsweisen und spontanen Urteilen westdeutsch orientiert. In dere historischen Forschung zur DDR bestand damit auf inhaltlicher und personeller Ebene ein starker Konsens, der unbequeme, mithin aber wissenschaftlich fruchtbare Kontroversen strukturell ausschloß. Diese Konstellation war keine temporäre, die durch den Lauf der Zeit ausgeglichen wurde, sondern schuf eine sich reproduzierende Struktur, die diese Einseitigkeit immer mehr vertiefte. Inzwischen ist in dieser Konstellation eine neue ostdeutsche DDR-Historikergene­ration ausgebildet worden.

Das gültige Bild der DDR-Geschichte, das im Diskurs der Politik, der Medien und der Zeitgeschichte gezeichnet wurde, hatte sich in den neunziger Jahren nur teilweise aus der Aufarbeitungsperspektive gelöst. Die Thematisierung der Verbrechen und Defizite der DDR nahm eine größere Breite ein als die Darstellung der unspektakulären, der apolitischen, alltäglichen und positiv besetzten Momente des Lebens in der DDR wie auch der Ursachen für Identifikation, Loyalität und Arrangement von großen Teilen der DDR-Bevölkerung. Den Produzenten des Bildes von DDR-Geschichte in Politik, Medien und Wissenschaft waren diese Aspekte – aus unterschiedlichen Gründen – weniger wert.

Aufgrund dieser Tendenz wurde der dominante, maß­gebliche und mit Autorität ausgestattete Diskurs zur DDR-Geschichte von jenen, die aus verschiedenen Gründen nicht an diesem Diskurs teilnahmen, als lückenhaft wahrgenommen. Große Teile der ostdeutschen Bevölkerung sahen sich, ihre Erfahrungen, Sinnvorstellungen und ihre (vermeintlichen) Leistungen nicht repräsentiert. Auf diese Thematisierungs-Lücke reagierte seit Anfang der neun­ziger Jahre ein zweiter, zum Teil indirekter Diskursstrang zu DDR-Geschichte. Dieser alternative und marginalisierte Diskurs unterscheidet sich von ersterem dadurch, daß er vom sozialen Status, vom professionellen Niveau und von der ideologischen Ausrichtung her sehr heterogen ist. Er orientiert sich an viel weiter streuenden Identitäts- und Legitimationsbedürfnissen als der dominante und maßgebliche. Die Akteure des marginalisierten DDR-Diskurses sind Ostalgie-Waren-Produzenten, Enthusiasten, marginalisierte Intellektuelle und natürlich ein großer Teil der Ostbevölkerung als Kunden, als Publikum und Disputanten. In wachsendem Maße kann man im Internet auf die Archivierung und Thematisierung des DDR-Alltags – von DDR-Landmaschinen bis zum Ost-Rock-Lexikon – zurückgreifen oder sich in den entsprechenden Foren an Erwägungen über die Stellung der DDR in der deutschen Geschichte beteiligen. In unzähligen kleinen Vereinen und "e.V.-Museen" bemüht man sich um ein anderes DDR-Bild. Schließlich sind noch etliche auflagenschwache Zeitungen, Zeitschriften sowie unterfinanzierte Journale zu nennen, auf deren Seiten engagierte Intellektuelle und Wissenschaftler einen alternativen DDR-Diskurs, einen "parallelen Diskurs auf Sparflamme" entfalten. Nur wenige dieser Autoren sind in etablierten Zeitungen und Zeitschriften präsent.

Dieser alternative und marginalisierte Diskurs versucht auf die Einseitigkeiten des dominanten, maßgeblichen und mit Autorität ausgestatteten Diskurs zu reagieren, ihn zu korrigieren oder zu ergänzen – oder den Thematisierungs-Stau für kommerzielle Zwecke zu nutzen. Am schnellsten war hierbei die Werbung. Sie machte aus den noch verbliebenen DDR-Marken aufmüpfige Wende-Helden. "Hurrah ich lebe noch!" rief die Club Cola 1992 von den Plakaten. Die Karo galt in der DDR als die Zigarette der Unangepaßten, der Intellektuellen und Künstler. Sie prolongierte ihr Image mit dem Slogan "Anschlag auf den Einheitsgeschmack!" Die Ost-Zigarette Cabi­net stellte sich als "unverfälscht und unpar­fümiert" dar, nahm so ostdeutsche Stereotype von den unechten, blenderischen und parfümierten Westdeutschen auf. Und nach der schril­len Test-The-West-Kampagne echote die Juwel: "Ich rauche Juwel, weil ich den Westen schon getestet habe. Juwel eine für uns." Auf diese Weise wurden die Umsätze der sogenannten Ost-Produkte gefördert. Drogerieartikel, Lebens- und Genußmittel, die in der DDR oft nur als Surrogate der West-Originale wahrgenommen wurden, repräsentieren nun eine Art Ost-Identifikation. So ist es auch mit Büchern, Filmen und Tonträgern, deren einziger Gebrauchswert in der Moderation der Erinnerung besteht. Ähnliches gilt für Kult- und Designprodukte, die die Ampelmänn­chen-Industrie ausstößt – und natürlich für die Ostalgie-Partys. Die Symbole, Produkte, Slogans und Rituale aus der DDR-Zeit wurden so zur Semantik eines Laien-Diskurses. Hier werden sowohl die Zeit in der DDR wie auch deren rasante Demontage aufgearbeitet und im Lichte aktueller Erfahrungen neu kommentiert.

Die Ostalgie der 1990er Jahre ist ein Instrument, mit dem ein Teil der ostdeutschen Bevölkerung die Einsei­tigkeiten und Lücken des damaligen professionellen Diskurses zur DDR zu kompensieren sucht. Dieser Ostalgie kann man drei Funktionen zuschreiben: Zum einen diente sie als eine Art Relativierung, mit der man unangenehme Wahrheiten über die Eigengruppe oder das eigene Leben zurückweisen will. Zum anderen stellt sie eine Art Selbsttherapie dar, die die Auswirkungen der in den 1990er Jahren erfolgten geschichtspolitischen Kolonisierung der Ostdeutschen ausgleicht. Und schließlich ist Ostalgie ein kommerzielles Konzept, das einen Markt geschaffen hat und Bedürfnisse wecken will, die auf diesem Markt befriedigt werden sollen. In seiner Eigenschaft als Laien-Diskurs eines Teils der Bevölkerung ist Ostalgie nicht nur für die Zeitgeschichte der 1990er Jahre, sondern auch allgemein interessant. Das gewissermaßen ›von unten‹ erfolgende und ungesteuerte Zustandekommen eines Laien-Diskurses illustriert nämlich, wie wichtig professionelle Diskurse zu Geschichte, Traditionen und Kultur einer Bevölkerung für die Identität einzelner Menschen sind. Diese Identität ist in ihrem Ergebnis zwar ein individuelles und einmaliges Konstrukt, ihre Entstehung, Anpassung und Fortschreibung vollzieht sich aber stets in engem Zusammenhang mit den großen gesellschaftlichen Erzählungen oder Diskursen. Zu diesem universellen Zusammenhang zwischen beiden merkt der amerikanische Psychologe Kenneth J. Gergen pointiert an: "Jeder von uns lebt innerhalb bestimmter historischer Erzählungen, ja, er ist ein Konstrukt derselben – Erzählungen über unser Volk, unsere Kultur, Region, Familie und dergleichen mehr. Mein Vermögen, in der Gegenwart eine moralische Identität zu erlangen, ist aufs engste mit meiner Beziehung zu den Erzählungen der Vergangenheit verknüpft." Ostal­gie kann also als eine Methode betrachtet werden, jene als zurücksetzend oder problematisch empfundenen Urteile und Lücken in der gesellschaftlich gültigen Erzählung über "die Vergangenheit" oder über "unser Volk, unsere Kultur, Region" – also in diesem Falle über "die Ostdeutschen" – zu modifizieren. Dennoch wurde und wird Ostal­gie oft als Demonstration mißverstanden, dass man die DDR "wieder haben", die Vereinigung "rückgängig machen" oder dass man sich nicht integrieren wolle. Diese Wertungen verkennen jedoch, daß Ostalgie vielmehr eine Integrationsstrategie darstellt. Ostalgie weist – mehr oder weniger demonstrativ – darauf hin, dass ein Teil der Ostdeutschen bei ihrer Integration in das vereinigte Deutsch­land auf ihre eigenen, von denen der westdeutschen Mehrheit abweichenden Erfahrungen, Erinnerungen und Werte nicht verzichtet wollen.  

Jüngere ostdeutsche Generationen beschäftigen sich mit der DDR nicht mehr, in dem sie sich an Ostalgie-Partys beteiligen. Sie produzieren sich beispielsweise im Internet – in themenzentrierten Foren und in den eher monologisierenden Homepages. Man findet hier uferlose Debatten und Statements, die beispielsweise den dominanten Diskurs zu Kindergarten und Schule in der DDR kommentieren. Hier erörtern die Absolventen des DDR-Erziehungssystems, ob Christian Pfeiffer mit der Aufsehen erregenden These, dergemäß die DDR-typische Gemeinschaftserziehung in Krippen und Kindergärten späteres gewalttätiges Grup­penverhalten hervorrufe, denn recht habe, oder wie die Erlebnisse mit Fahnenappellen und dem ABV waren. Andere trauern dort den verschwundenen DDR-Schokoladen-Sorten aus ihrer Kindheit nach. Zugleich kommen Erlebnisse wie Schulstreiche oder die Liebe in der Schule zur Sprache, die sich zwar in der DDR-Zeit ereignet haben, aber eben keine DDR-Spezifik aufweisen.

Die "Ostalgie-Shows" vom Spätsommer des Jahres 2003 illustrierten wiederum, wie sich die Positionen des Fernsehens und der Presse zum Gegenstand "DDR" allmählich verändert haben. Die DDR-Gesellschaft erscheint deutlicher als eine andere beziehungsweise fremde Gesellschaft und nun auch mehr als eine normalere und facettenreichere. Die Deutung der Ostdeutschen als einer Bevölkerung, die aus einer der westdeutschen Mehrheitsgesellschaft gegenüber andersartigen und fremden Gesellschaft kam, ist adäquater und der gegenseitigen deutsch-deutschen Anerkennung dienlicher als die Deutung der Ostdeutschen lediglich als defizitäre Westdeutsche. Die Kritiken oder Verrisse der Ostalgie-Shows durch ostdeutsche Regionalzeitungen wie auch das breite und kontroverse Leserbriefecho haben zwei Dinge gezeigt: Die Ansprüche an die mediale Thematisierungen der DDR sind gewachsen, und das Interesse an der DDR-Geschichte ist weiter groß.

Wie alle anderen revolutionären Bewegungen unterliegt auch die demokratische Bewegung, die den Sturz der DDR-Diktatur inspirierte und erreichte, der Spannung von Utopie und Ideologie. Nach der Überwindung der alten Macht bricht die Übereinstimmung der Revolutionäre auf, und die Bewegung spaltet sich. Die einen erklären den aktuellen Zustand zum vollständig erreichten Ziel der Revolution und werden zu dessen politischen Repräsentanten, die anderen sagen: "Das war doch nicht unsere Alternative". Bei der Bewertung der Gegenwart und in der Definition politischer Ziele spielen unterschiedliche Ge­schichts-Bilder eine große Rolle. So ist das auch mit der DDR-Geschichte seit 1990. Besonders deutlich wurde die Gegenwart der DDR-Geschichte erst vor kurzem, als im Sommer 2004 selbst in der Gruppe einstiger DDR-Oppositioneller darüber gestritten wurde, ob die Proteste gegen die Hartz IV-Gesetze als "Montagsdemonstrationen" bezeichnet werden dürften oder nicht.

Thomas Ahbe, Dr. phil., geboren 1958, Sozialwissen­schaftler und Publizist. Letzte Publikationen zum Thema: Die Konstruktion der Ostdeutschen. Diskursive Spannungen, Stereotype und Identitäten seit 1989. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 41-42 / 2004, S. 12-22;
Die DDR im Alltagsbewusstsein ihrer ehemaligen Bevölkerung. Die Ostdeutschen als Produkt der DDR und als Produzent von DDR-Erinnerungen. In: Hüttmann, Jens; Pasternak, Peer; Mählert, Ulrich (Hrsg.): DDR-Geschichte vermitteln. Ansätze und Erfahrungen in Unterricht, Hochschule und politischer Bildung. Berlin: Me­tro­pol Verlag 2004, S. 113-138.
Kommende Buchveröffentlichungen: "Ostalgie. Zum Umgang mit der DDR-Vergangenheit in den 1990er Jahren" Erfurt: Landeszentrale für politische Bildung; "Die DDR aus generationengeschichtlicher Perspektive. Eine Inventur" (Hrsg. zusammen mit Rainer Gries und Anne­gret Schüle) Leipzig: Leipziger Universitätsverlag. Weitere Publikationen und Hinweise zur Forschungstätigkeit unter www.thomas-ahbe.de .

 

 

 

 

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