Heft 50/2005 | vermittlung von ddr-geschichte | Seite 32 - 33
Katharina Höhne
"Menschen zwischen Aufbau und Abriss"
Alltag einer Hausgemeinschaft in der DDR
Wie war es eigentlich damals in der DDR? Wie haben die Menschen dort gelebt und gearbeitet und wie haben sie ihre Freizeit verbracht? Angestachelt durch unsere Lehrerin, war das Thema DDR für unseren Kurs "Darstellendes Spiel" der 11.Klasse am Fürstenberger Gymnasium Eisenhüttenstadt plötzlich sehr interessant. Wir waren der Meinung, dass man aus diesem Thema etwas machen kann. Über die Schauspielerei haben wir am Anfang recht wenig nachgedacht. Viel schwieriger war das Thema DDR, von dem wir im Großen und Ganzen überhaupt keine Ahnung hatten. Immerhin sind wir alle aus den Jahrgängen 1987/88. Also haben wir höchstens drei Jahre in der DDR gelebt und dieses Land mit seinen Höhen und Tiefen nicht wirklich wahrgenommen. Es blieb uns nichts anderes übrig, als umfangreiche Informationen zur DDR einzuholen. Uns wurde schlagartig bewusst, dass hier ein großes Pensum Arbeit zu bewältigen ist.
Schnell stellten wir fest, dass die besten Zeitzeugen in unseren Haushalten wohnen: unsere Eltern. Plötzlich wurde in unseren Elternhäusern rege diskutiert, und unsere Eltern kamen ins Erzählen. Wir fragten einfach alles, was uns spontan so einfiel: Welche Musik hörte man damals, und welche durfte in Diskotheken gespielt werden? Was war die Stasi? Wie lange musste man auf einen Trabant warten? Wohin konnte man im Urlaub verreisen? Wie teuer war ein Fernseher? Wie verlief das Schulleben? Und, und, und.... Viele, viele Fragen wurden beantwortet und die Antworten von uns weiter erzählt. Jeder hatte irgendetwas zu berichten. Staunen, Schmunzeln und manchmal auch Kopfschütteln waren an der Tagesordnung. Gestaunt haben wir über die langen Wartezeiten, seien es nun zwanzig Jahre auf einen Trabant oder vier Stunden vor dem Kaufhaus für eine Jeans. Geschmunzelt haben wir über Ereignisse unserer Eltern in der Schulzeit, die man heute nicht mehr so erleben würde. Selten spielt man dem Lehrer heutzutage noch Streiche, die man sein ganzes Leben lang im Kopf behält. Den Kopf schüttelte man, als man uns erzählte, dass damals die Kinderwagen reihenweise vor den Kaufhäusern standen, während die Eltern einkaufen waren. Das ist für uns total unvorstellbar. Man hätte viel zu viel Angst um sein Kind.
Mit diesen neuen Erkenntnissen nahmen wir die erste Aufgabe unserer Lehrerin, nämlich einen Monolog für einen DDR-Bewohner zu schreiben, in Angriff. In die Rolle eines Jugendlichen aus der DDR zu schlüpfen, schien uns aufgrund unseres Alters am einfachsten. Einige haben aber die DDR lieber als Erwachsener gesehen und sind in die Rolle ihrer Eltern geschlüpft.
Doch schnell stellten wir fest, dass unsere Materialsammlung von den besten Zeitzeugen nicht ausreichend war, um ein richtiges DDR-Stück zu schreiben. Literatur musste also her, denn wie sagten unsere Eltern schon: "Wissen ist: wissen, wo es steht". Unsere Lehrerin empfahl uns das Buch "Die neuen Leiden des jungen W." von Ulrich Plenzdorf. Die meisten unserer Eltern kannten ihn, und viele hatten auch das Buch schon gelesen. Glücklicherweise wurden die "Leiden des jungen W." auch im Theater aufgeführt. Natürlich besuchten wir die Vorstellung, was uns zu weiteren Einsichten in den Alltag eines DDR-Bürgers verhalf.
Wir waren schon regelrecht DDR-infiziert. Jeder versuchte auf seine Weise, mehr über die DDR in Erfahrung zu bringen. Ich persönlich nahm an einem Fotoprojekt teil, das zufällig zeitgleich in unserer Stadt angeboten wurde. Dieses Projekt hatte zum Inhalt, alle aus der DDR stammenden Gegenstände in unserer Umwelt, die heute, 15 Jahre nach der Wende, immer noch vorhanden sind, zu fotografieren. Jedes Ding hat seine Geschichte, ob es die alte Zuckerdose von Oma ist, der Stopfpilz von Mutti, das Fernglas von Vati oder das Mosaikbild mit DDR-Fahne am Kaufhaus in der Lindenallee. Mit jeder Fotografie hörte ich ein bisschen DDR-Geschichte. Irgendwann war es dann soweit: Genug Erkenntnisse gesammelt, genug Monologe geschrieben, nun soll endlich ein Theaterstück entstehen.
Zunächst durchforsteten wir unsere Monologe, was war gelungen und konnte verwendet werden. Die Idee war, die einzelnen Personen der Monologe zu einer Familie oder als Paar zusammen zu führen.
Auch der Wessi durfte nicht fehlen, denn von den sogenannten "Westpaketen" mit Schokolade und Strümpfen hatten fast alle von uns etwas gehört. Also war es für uns ein Thema, das unbedingt zum Stück, also zur DDR, gehörte.
Als wir alle, von Parteisekretär bis Kindergärtnerin, zu DDR-Familien zusammengestellt hatten, ging es ans Schreiben der Szenen. Wir waren voller Elan, denn wir hatten nun schon Personen, denen wir etwas auf den Leib schreiben konnten. Es waren aber nun keine Monologe mehr, sondern Dialoge, mit denen man etwas vermitteln möchte. Und da war sie, die Frage aller Fragen: Was wollen wir vermitteln? Soll es ein lustiges Stück werden oder sollten wir besser ernst bleiben?
Ist das jetzt historisch korrekt? War das denn wirklich so? Heißt das nun "Cool" oder "toll" oder "dufte" oder wie? Für uns manchmal schier unlösbare Fragen und Probleme. Die Zuschauer, die auch ehemalige Bürger der DDR sein könnten, sollten uns wirklich ernst nehmen. Die Angst, alles falsch zu machen, wurde uns aber schnell von unserer Lehrerin wieder genommen, denn auch sie ist eine Zeitzeugin. Wir waren uns schon darüber im Klaren, dass es immer einige Lücken gibt, denn man kann nicht auf jede Kleinigkeit achten. Wegen dieser Bedenken arbeiteten wir auch weiterhin außerhalb der Schule sehr fleißig. Wir entschlossen uns dazu, eine Mischung aus allem in unser Stück zu bringen. Natürlich wollten wir die DDR nicht auf die Schippe nehmen, aber wir wollten auch nicht zu ernst an die Sache heran gehen. Denn auch wenn man uns erst nehmen sollte, wollten wir an gewisse Dinge erinnern, über die so manch ein DDR- Bürger lachen kann. Zum Beispiel, dass einer von ihnen in unserem Stück den Berliner Fernsehturm mit dem Eiffelturm gleich setzt.
Nun war es an der Zeit für unser geplantes Stück ein Grundkonzept zu entwerfen. Da in unserer Stadt momentan Plattenbauten aus den Jahren 1970-1980 abgerissen werden, versetzten wir uns in die Lage der Familien, die dort jahrelang gelebt haben. Für viele ist es unvorstellbar, dass so ein Wohnblock, in dem sie ihre Kindheit verbracht oder wertvolle Erinnerungen gewonnen haben, abgerissen werden soll.
Genau so ein Abrissobjekt mit seinen Bewohnern wird zum Thema unseres Theaterstücks. Es beginnt damit, dass Bauherren, die damals noch als Aktivist der sozialistischen Arbeit für die Errichtung dieser Plattenbauten geehrt wurden, sich heute mit dem Abrisskonzept für diese Wohngebiete beschäftigen. Dem alten Hausmeister fehlt für diese Sache jegliches Verständnis, und er lädt spontan alle ehemaligen Hausbewohner ein. Mit diesem Treffen kommen Stück für Stück Erinnerungen auf, die der Zuschauer mit Neugierde verfolgen kann. Einerseits zeigt "Menschen zwischen Aufbau und Abriss" den Alltag der Menschen in der DDR, andererseits zeigt es, wie sehr und in welche Richtung sich die Bürger entwickelt haben und wie es ihnen heute ergeht.
Besonders freuten wir uns, dass wir Unterstützung vom Dokumentationszentrum "Alltagskultur der DDR" unserer Stadt bekommen haben. So konnten wir teilweise Original-Kostüme tragen und auch Hinweise zum Wahrheitsgehalt entgegen nehmen.
Wir hatten bereits zwei Auftritte als Probenauszüge dieses Stückes. An der Reaktion des Publikums und am Beifall konnten wir feststellen, dass wir unsere Ideen gut umgesetzt haben und dieses Thema die Menschen interessiert. Um auch unserer Generation die Geschichte der DDR näher zu bringen, werden wir im August im Brenner-Gymnasium in Frankfurt (Oder) auftreten.
Zur Eröffnung der Eisenhüttenstädter Theatertage am 07. Juni 2005 wird/wurde unser Theaterstück in voller Länge gezeigt, und wir sind schon sehr gespannt auf die Reaktionen der Zuschauer.
Katharina Höhne, geb. 1988, besucht die 11. Klasse des Fürstenberger Gymnasiums Eisenhüttenstadt, Berufswunsch: Mathematikerin.
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