Heft 50/2005 | vermittlung von ddr-geschichte | Seite 34 - 37
Klaus Haupt
Zur Zukunft gehört die Erinnerung
Die Verharmlosung der DDR
Eine wahre Flut von Ostalgie überschwemmte in den vergangenen Monaten das Publikum. Die DDR wurde quasi auf Trabi, Ampelmännchen und Spreewaldgurken reduziert. Wenigen scheint bewußt zu sein, daß die DDR nicht so war, wie sie heute in dieser vernebelnden und verklärenden Ostalgie, in Fernsehsendungen, Filmen und Veranstaltungen oft erscheint. Die Gefahren der Diktatur bleiben ausgeblendet. Flankiert wird diese Entwicklung von einem Trend hin zu einer Art Jugendkult mit FDJ-Hemden, DDR-Emblemen und Stasiwappen auf Feuerzeugen. Was es bedeutet, in einer Diktatur zu leben, wissen Jugendliche kaum, und werden in Elternhaus und Schule nur mäßig darüber aufgeklärt.
Mich beunruhigen diese Versuche der Verharmlosung, der Beschönigung, der Gewissensberuhigung und des Verdrängens im Umgang mit 40 Jahren SED-Diktatur. Mich beunruhigt die Dreistigkeit, mit der Stasitätigkeit von manchen PDS-Politiker schon wieder fast als virtueller Orden betrachtet wird. Unerträglich und jämmerlich offenbarend war das Auftreten von sieben hochrangigen Stasioffizieren, die im September 2002 in meiner Heimatstadt Hoyerswerda das Buch "Die Sicherheit" vorstellten. Ich hatte es, bis mich die Realität eines Besseren belehrte, schlicht für unmöglich gehalten, daß sich in Hoyerswerda Personen finden, die diese Leute einladen und ihnen ein Podium bieten. Einer der sieben, Gerhard Niebling, der die Untersuchungshaftanstalt Hohenschönhausen geleitet hatte, behauptete, es habe in seiner Zeit weder Folter noch Mißhandlungen, wie etwa Ohrfeigen, gegeben.
Doch wer Hohenschönhausen heute einmal besucht hat, weiß, welche psychologischen Demütigungen und erniedrigenden Behandlungen die Stasi ihren Opfer zumutete. Ich fragte und frage mich: Haben die MfS-Mitarbeiter und IM keinen Grund zur Reue? Die "Wahrheit" der MfS-Mitarbeiter und der IM ist für viele, so scheint mir, wie ein Schlag ins Gesicht – etwa für das Ehepaar Kreher aus Hoyerswerda, das jahrelang in Haft saß, nur weil es einen Ausreiseantrag gestellt und sich in Prag mit Gleichgesinnten getroffen hatte. Oder für Rainer Dellmuth, Jürgen Fuchs und andere, die ihr Leben in der DDR literarisch zu bewältigen suchten. Deshalb war es für mich als Bundestagsabgeordneter immer klar: Der Besuch der Stasi-Haftanstalt Hohenschönhausen gehört auch jedesmal zum Programm meiner Bundestagsbesuchergruppen.
Wie das Projekt entstand
Der Verharmlosung der Geschichte, ja Geschichtsfälschung durch die Stasileute wollte ich etwas entgegensetzen. Doch sollte nicht der Eindruck entstehen, es handele sich dabei um eine parteipolitischen Initiative, und so suchte ich Verbündete. Schließlich habe ich gemeinsam mit dem Bildungswerk für Kommunalpolitik Sachsen e.V. und der regionalen Arbeitsstelle für Ausländerfragen, Jugendarbeit und Schule Sachsen e.V. einen Gesprächsabend zum Thema "Stasi" in Hoyerswerda organisiert. Zu diesem Gesprächsabend unter dem Titel "Zur Zukunft gehört die Erinnerung" luden wir die stellvertretende Vorsitzende der Gedenkstätte Hohenschönhausen, Frau Dr. Mechthild Günther, sowie als Zeitzeugen Herrn Arthur Trüschel aus Lübben ein, der 1982 bis 1984 politischer Häftling war. Moderiert wurde der Abend vom Pressesprecher der BStU, Herrn Christian Booß.
Wir waren sehr gespannt, wie sich dieser Abend entwickeln würde – und wurden überrascht: Wir mußten nicht nur in einen größeren Raum im Hoyerswerdaer Schloß umziehen, sondern auch dort noch etliche Stühle dazuholen – rund 120 Besucher hatten sich eingefunden! Und diese äußerten sich sehr anerkennend, ja bewegt über die Veranstaltung. Einer sagte zu mir: "Herr Haupt, daß Sie das hier in Hoyerswerda gemacht haben, ist mutig!" Das gab mir zu denken.
Der Abend stieß auch und gerade bei den jugendlichen Teilnehmern auf unerwartete Resonanz. Viele sagten: "Das haben wir so nicht gewußt". Das gab uns dann den Anstoß: Wir wollten nicht nur von Zeit zu Zeit einen solchen Gesprächsabend durchführen, sondern auch gezielt an die Schulen gehen, um den Schülerinnen und Schülern die DDR-Realität nahezubringen.
So wurde daraus ein ganzes Projekt, das in Zusammenarbeit mit den örtlichen Gymnasien realisiert wurde. Wir wollten dem Verdrängen, Vergessen und Beschönigen entgegenwirken: Die DDR war nicht nur ein Staat mit etwas geringerem Wohlstand und reduzierter Auswahl an materiellen Konsumgütern, wie es ostalgische Verklärung glauben machen will.
In Hoyerswerda ist das Projekt "Wider das Vergessen", das die nationalsozialistische Vergangenheit thematisiert, im ersten Schulhalbjahr der zehnten Klassen bereits Tradition. Die Zeit von 1945 bis 1990 in der sowjetischen Besatzungszone und der DDR war hingegen ein wenig bearbeiteter, aber aus unserer Sicht außerordentlich wichtiger Themenkomplex, der nun von den Schülern der zehnten Klassen aller Hoyerswerdaer Gymnasien im zweiten Halbjahr auf der Grundlage ihrer bisherigen Geschichtskenntnisse erkundet werden sollte.
"Zur Zukunft gehört die Erinnerung" wurde zum Motto der gesamten so entstandenen Veranstaltungsreihe. Die junge Generation ist für die Vergangenheit, die sie nicht selbst erlebt hat, nicht verantwortlich. Aber sie kann aus dieser jüngsten deutschen Vergangenheit lernen und Schlüsse ziehen für die Bewältigung von Gegenwart und Zukunft.
Wir haben Jugendliche dazu aufgerufen, anhand verschiedener Aspekte der DDR-Geschichte Fragen der Ausgrenzung, der Verfolgung und Inhaftierung politischer Gegner, der Anpassung, des Umgangs mit Autoritäten sowie der Auseinandersetzung mit ihnen zu diskutieren. Dabei wollen wir bei den Jugendlichen das Bewußtsein der Verantwortung für die Gesellschaft stärken. Im Rahmen dieses Projektes sollten Strukturen und Erscheinungsformen der Diktatur in der SBZ und der DDR, die Tätigkeit der Geheimdienste und anderer Repressionsorgane sowie die Menschenrechtsverletzungen von den Schülern aufgearbeitet werden und die Opfer des SED-Regimes zu Wort kommen.
Die Bausteine der Veranstaltungsreihe
Ein halbes Jahr lang konnten die Schülerinnen und Schüler im Schuljahr 2003/2004 authentische Einblicke in die jüngste Vergangenheit gewinnen. Zu den Angeboten der Veranstaltungsreihe gehörten u.a.
- als Auftakt und emotionaler Einstieg das Theaterstück "Beschädigte Seelen" von Interkunst e.V. in Berlin;
- ein Besuch von Schülerinnen und Schü-lern aller drei teilnehmenden Gymnasien in der Gedenkstätte Sonderhaftanstalt II in Bautzen;
- ein Projekttag der Schülerinnen und Schüler der 10. Klassen, zu dem Zeitzeugen zu intensiven Befragungen und Diskussionsrunden zur Verfügung standen;
- eine öffentliche Vortrags- und Diskussionsveranstaltung mit der Leiterin der Bundeszentrale für die Stasi-Unterlagen, Frau Marianne Birthler;
- eine Abschlußveranstaltung mit Gesprächen mit 12 Opfern der DDR-Staatssicherheit.
- Außerdem wurde eine Lehrerfortbildung zu dem Themenkomplex angeboten.
Das Theaterstück "Beschädigte Seelen" basiert auf dem gleichnamigen Buch1. Erzählt wird, wie Jungen und Mädchen im Alter zwischen 13 und 18 Jahren in der DDR vom Staatssicherheitsdienst verführt wurden, als Spitzel zu arbeiten. Sie sollten Informationen über "illegale Aktivitäten" liefern. Diese Informationen stammten aus ihrem unmittelbaren Bekanntenkreis, von Familienmitgliedern, Lehrern, Freunden. Damit hintergingen sie nicht nur diese ihnen nahestehenden Menschen, sondern beschädigten auch ihre eigenen mitmenschlichen Beziehungen und betrogen sich selbst. Die jugendlichen Stasi-Spitzel wurden so zugleich zu Opfern und Tätern des Stasi-Systems. Etwa zehn Prozent der rund 180.000 Stasispitzel der DDR waren 1989 Jugendliche. Abhängigkeiten und Schuldgefühle, emotionaler Streß durch das Eingefangensein in geheime Aktivitäten beschädigten die Seelen dieser jungen Leute und beeinträchtigten ihr Leben schwer. Noch heute leiden die Betroffenen unter den Folgen dieses Vertrauensbruchs.
Das siebzigminütige Theaterstück macht die schwierige Situation jener jugendlichen Täter/Opfer nachvollziehbar und bringt es den Zuschauern nahe. Die Schülerinnen und Schüler konnten sich selbst in die Situation hineinversetzen und waren sehr betroffen: In die Zwangslagen, die die Stasi schuf, hätten auch sie geraten, auch sie hätten verführt werden können. Das wurde in der anschließenden Diskussion sehr deutlich. Damit wurde das Stück zu einem hochemotionalen Auftakt der Veranstaltungsreihe. Die Vergangenheit des DDR-Regimes wurde von einem abstrakten Geschichtsstoff zu einer in ihren Macht- und Mißbrauchstechniken aktuellen, erlebbaren Wirklichkeit.
Beim Besuch in der Gedenkstätte Sonderhaftanstalt II in Bautzen wurde den Jugendlichen die Behandlung von Regimekritikern im real-sozialistischen Staat anschaulich vor Augen geführt. Schulübergreifend zusammengesetzte Arbeitsgruppen erhielten konkrete Aufträge, deren Ergebnisse sie an den teilnehmenden Schulen präsentierten. So wurde eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema möglich. In einer ausgezeichneten Atmosphäre kam es dabei zu konstruktiven Diskussionen. Die Schüler gingen zielstrebig an ihre Aufgabe heran und entwickelten ihre Themen. Dazu gehörten:
- die Auswertung von Fallbeispielen an Hand von Originalakten;
- die Charakteristik der Haftanstalt;
- der Alltag dort;
- der "Tigerkäfig";
- das Spitzelsystem in der Haftanstalt.
Bei einem gemeinsamen Rundgang stellten die Arbeitsgruppen ihre Ergebnisse vor. Schließlich gab es eine Gesprächsrunde zur gemeinsamen Auswertung. Dabei wurde deutlich, wie stark die Schüler von der Konfrontation mit diesem Aspekt der DDR-Geschichte erschüttert, wie sehr sie hier, am authentischen Ort emotional berührt wurden.
Der Schüler Philipp Czapik berichtet von seinen Erfahrungen:
"Im Vorhof des Gefängnisses stehend, wurden wir von den begleitenden Fachlehrern freundlichst instruiert. Mir blieben von Herrn Haupt… noch einige Worte im Gedächtnis: ›…Ich wunderte mich, wie harmlos dieses Gebäude von außen aussieht…‹. In meinem jugendlichen Übermut tat ich dies zunächst ab, verstand es jedoch einige Zeit später und stimmte ihm zu. In dem Gefängnis an sich hörten wir eine kurze Einführung, bevor wir uns in Gruppen zu je vier Schülern ordneten und mit der Verteilung der Projektaufgaben sowie ihrer Bearbeitung begannen. Unsere Gruppe war auf der Suche nach einem möglichst spannenden, aufregenden Thema…›Der Tigerkäfig – Die höchste Strafe‹, Volltreffer. Die Rede war von den Arrestzellen: ca. 6m2 klein, davon 2m2 Vorraum, graue, kalte Wände, metallene, dicke Gitterstangen, ein winziger, einzementierter ›Stuhl‹ (Säule), eine kleine Heizung, die vom Hauptteil der Zelle getrennt ist, genau wie die Vorrichtung zum Befestigen der Liege, ob sie fest hoch- oder heruntergeklappt ist, ein WC, das nach Belieben vor dem Gefangenen verschlossen werden kann, ein kleines Fenster in ca. 2,5m Höhe.
Die ersten Eindrücke schockten schon, mich betraf das aber nicht sonderlich extrem, da ich wußte, daß die Zelle jederzeit verlassen werden konnte. Nach Bearbeiten unserer Aufgaben waren wir um noch mehr erschreckendes Wissen reicher: aus welch kleinlichen Gründen man in den Arrest kommen konnte, wie grausam die Behandlung war, wie groß die Demütigung der Gefangenen, wie sehr die Insassen gequält wurden. Es waren zu viele Dinge, um sie wirklich alle in diesem Moment zu verstehen. Und so müssen oft diese simplen Beschreibungen herhalten, um erahnen zu lassen, was wir erlebt haben. Aber vor und während diesem Projekt stellte ich mir hin und wieder die Frage: ›War es recht annehmlich und schön damals, ist alle Kritik übertrieben oder war es gar noch schlimmer und alles, was wir im TV etc. hören, ist völlig verharmlost?‹ Und für diesen Teil des Systems, den ich kennen lernen durfte, kann ich klipp und klar sagen: ›Ja, es war wirklich so schlimm.‹"
Ein anderer Teilnehmer, Hannes Miersch, schrieb (vgl. Lausitzer Rundschau v. 19.5.2004): "Die Tatsache, daß die Häftlinge vor der Einweisung in den Stasi-Knast ihren Namen gegen eine Nummer eintauschen mußten und so jegliche Individualität verloren, empfinde ich sogar als noch schlimmer, als die menschenunwürdige Behandlung im Arresttrakt, die ständige Schikane durch die Wärter und die totale Isolation."
An den Schulen entstanden im Nachgang unterschiedliche Dokumentationen, von der Schautafel bis zur Powerpoint-Präsentation. Dadurch boten sich dort weitere Möglichkeiten zur thematischen Auseinandersetzung sowie intensiven Diskussion unter den Schülern. Die Teilnehmer der Veranstaltung in Bautzen fungierten so als glaubwürdige Multiplikatoren für die von ihnen erarbeiteten Themen, für die Konfrontation mit der von ihnen selbst unter vielfältigen Aspekten erforschten Thematik "Politische Haft in der DDR".
Beim Projekttag mit Zeitzeugen wurden den Schülerinnen und Schülern die alltäglichen Auswirkungen der Stasi-Verfolgung besonders bedrückend deutlich. Schriftliche Quellen und Dokumente können nur gelesen werden. Doch beim Gespräch mit Zeitzeugen wird den Schülern wirklich bewußt, wie die DDR funktioniert und was der real existierende Sozialismus bedeutet hat. Die Arbeiten der Schüler, die Interviews mit den Zeitzeugen, Bilder und Videos sollen als Unterrichtsmaterialien auch anderen Jugendlichen zur Verfügung gestellt werden.
An der Lehrerfortbildung nahmen Lehrer aus Bautzen, Niesky und Hoyerswerda teil. Lebhafte Diskussionen machten nachdrücklich klar, daß vielen Lehrern nicht bekannt ist, welche Möglichkeiten bestehen, um die DDR-Vergangenheit im Unterricht lebendiger aufzubereiten und unter aktiver Einbeziehung der Schüler zu gestalten. Verschiedene Angebote und ihre unterschiedliche methodische Ausrichtung sowie neue Forschungsergebnisse zur DDR-Geschichte wurden vorgestellt. Dabei standen unter anderem die fragwürdigen rechtlichen Grundlagen für Verfolgung und Verurteilung durch das NKWD/MWD und die frühe DDR-Justiz im Mittelpunkt. Erinnert wurde etwa an die vierzehnjährige Erika Riemann, die für einen harmlosen Schulstreich sieben Jahre ins Gefängnis mußte.
Bei der Abschlußveranstaltung konnten die Projektschüler und -lehrer sozusagen DDR-Geschichte aus erster Hand begegnen. Gemeinsam mit dem Oberbürgermeister empfingen sie in Hoyerswerda zwölf Zeitzeugen, die aktiven Widerstand gegen das DDR-Unrechtsregime geleistet hatten oder die aufgrund ihres Glaubens oder ihrer Nicht-Angepaßtheit im Namen des Sozialismus um ihre Lebenschancen betrogen und unterdrückt worden waren. Jahrelange Haftstrafen für sozialismusfeindliche oder staatsgefährdende Delikte oder gar frei erfundene Anklagepunkte wie Spionage hatte man verhängt, oft aufgrund schlichter Verleumdung eines persönlichen Feindes, wie etwa im FalleArthur Trüschels, der wegen angeblicher Spionage zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde. Die entwürdigende Behandlung und psychische Folter im Stasi-Knast wird er nie vergessen können.
Gleichzeitig ermutigte diese Begegnung mit den Opfern der DDR auch zur Zivilcourage und zum Widerstand gegen Unrecht, denn die Geschichte hat den Opfern der DDR letztlich recht gegeben; an den Opfern wurde der Unrechtscharakter der sozialistischen Diktatur offensichtlich. Angelika Barbe von der Landeszentrale für politische Bildung äußerte sich begeistert, "daß unsere Zeitzeugen hier in Hoyerswerda das erste mal öffentlich gewürdigt wurden, Die Hochachtung vor den Bürgern, die Widerstand geleistet, dafür viel erlitten und einen hohen Preis gezahlt haben, war in jedem Moment spürbar." (Lausitzer Rundschau 17.6.2004).
Gezielt hatten wir den Termin auf den Vorabend des 17. Juni gelegt. Gerade weil viele junge Menschen den 17. Juni als Tag des brutal niedergeschlagenen Widerstandes gegen das DDR-Regime kaum mehr verstehen, wollten wir ihnen den Inhalt dieses Gedenktages nahebringen.
Wie es weitergeht
Die örtliche Presse hatte ausführlich über jede Veranstaltung berichtet. In Hoyerswerda wird das Projekt nun im Schuljahr 2004/05 erneut mit den bewährten, oben beschriebenen Bausteinen durchgeführt. Als Auftakt wurde diesmal ein Film gezeigt, der mit den gängigen Klischees bricht: "Wie Feuer und Flamme", eine authentische Liebesgeschichte aus dem geteilten Berlin der 80er Jahre. Wieder schloß sich eine Zeitzeugendiskussion an, diesmal mit Thomas Luckow.
Wie bisher engagieren sich die Schüler auf freiwilliger Basis. Neu ist, daß sich Schüler der drei teilnehmenden Gymnasien bereiterklärt haben, drei Forschungsaufträge zu übernehmen; die Ergebnisse sollen im Juni in würdiger Form der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Mich beeindrucken diese Bereitschaft und das Engagement der Schüler. Für die beste Präsentation habe ich deshalb als "Haupt"-Preis eine Fahrt ins politische Berlin gestiftet, zu der ein Besuch des Bundestages und der Gedenkstätte Hohenschönhausen gehören. Die von den Jugendlichen selbst in intensiver Diskussion erarbeiteten Themen sind: "Oskar-Brüsewitz – ein Störenfried?", "Rockmusik – Jugend, Emanzipation und Protest in der DDR" sowie "Jugend in der DDR – Leben im Sozialismus".
Im April dieses Jahres soll es eine Exkursion nach Leipzig, zur "Runden Ecke" und zur Nikolaikirche geben. Auch hier ist aktive Projektarbeit vor Ort vorgesehen, um den Jugendlichen geschichtliche Ereignisse und Prozesse anschaulich und lebendig zu verdeutlichen. Die Teilnehmer an der Exkursion werden auch diesmal eine wichtige Multiplikatorenrolle übernehmen. Einige, die schon im Vorjahr mitgemacht haben, beteiligen sich sogar erneut.
Auch in diesem Schuljahr soll die Abschlußveranstaltung mit zwölf Zeitzeugen zum 17. Juni durchgeführt werden. Für das gesamte Projekt zeichnen wieder das Bildungswerk Kommunalpolitik Sachsen e.V. (BKS), die Regionale Arbeitsstelle für Ausländerfragen, Jugendarbeit und Schule Sachsen e.V. (RAA) sowie ich selbst als örtlicher Bundestagsabgeordneter und zudem jugendpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion verantwortlich.
Beratende Partner sind: die Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen; das Regionalschulamt Bautzen; die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung; die Gedenkstätte Sonderhaftanstalt Bautzen II; die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen; das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig sowie Ute Hoffmann vom Léon-Foucault-Gymnasium, Marion Marx vom Lessing-Gymnasium und Matthias Oswald vom Ev. Gymnasium "Johanneum" in Hoyerswerda.
Alle Beteiligten sind sich einig, daß dieses Modell-Projekt in ganz Deutschland Nachahmung finden sollte. Als Ansprechpartner steht das BKS bereit, das entsprechende Unterlagen und methodische Anleitungen vorbereitet hat (Pf. 1155, 02961 Hoyerswerda; Tel. 03571/4072-17 und -18, fax -19; Epost: bks@bks-sachsen.de).
Aufklären statt Verklären ist notwendiger denn je. Ich bin überzeugt, daß der Blick der Jugendlichen für die Anfänge totalitären Denkens geschärft, das Funktionieren der Anpassung in Diktaturen erhellt, Demokratie als schützenswerte Wertordnung deutlicher bewußt gemacht und Zivilcourage gestärkt werden kann, wenn sie sich mit der DDR-Vergangenheit intensiv, offen und ehrlich auseinandersetzen.
Wir alle müssen uns dieser Aufgabe ständig aufs Neue stellen. Das sind wir den Opfern, das sind wir aber auch unserem demokratischen Rechtsstaat schuldig, um Gefahren und Fehlentwicklungen in unserer Gesellschaft rechtzeitig zu erkennen. In diesem Sinne gilt unabweisbar: Zur Zukunft gehört die Erinnerung.
Klaus Haupt, geb. 1943 in Jena, Dipl.-Lehrer, bis 1989 als Lehrer tätig, seit 1985 Mitglied der LDPD/FDP. Seit 1998 Mitglied des Deutschen Bundestages, Mitglied des Ausschusses für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Mitglied des Stiftungsrates der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.
1 Jörn Mothes, Gundula Fienbork, Rudi-Karl Pahnke, Michael Stognienko (Hrsg.): Beschädigte Seelen. DDR-Jugend und Staatssicherheit, Bremen 1996.
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