Heft 50/2005 | Themen | Seite 43 - 46

Barbara Timm

"Achtung Sperrgebiet!"

Karlshorst – das Dahlem des Ostens

Die Rote Armee nimmt den Lichtenberger Ortsteil Karls­horst am 23. April 1945 ohne nennenswerten Widerstand ein. In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai unterzeichnet dort Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel im Speisesaal des Offizierskasinos der Festungspionierschule (FPS) der Wehrmacht die Kapitulationsurkunde.

Karlshorst ist von schweren Kriegsschäden verschont geblieben. Die deutschen Einheiten hatten sich vor dem Zu­sammentreffen mit dem weitaus überlegenen Gegner zurückgezogen. Auch der Bereich der FPS wurde praktisch nicht umkämpft und konnte so von den sowjetischen Truppen unzerstört ein­genom­men werden, die Einrichtung war vorher nach Österreich ausgelagert worden. Dieser zwischen 1936 und ´38 am östlichen Rand eines früheren Militärflug­platzes errichtete Komplex, einer "der bedeutendsten Neubauten der Wehrmacht des Dritten Reiches in der Reichshauptstadt" (Karlshorster Lokalanzei­ger v. 13.12.1937)  umfaßt mit Sportplatz, Schwimmhalle, Reithalle, Reitbahn, Kraftfahrzeughallen sowie Offizierskasino rund 20 Gebäude. Ebenso dazugehörig ein noch heute erhaltener Hochbunker vom Typ M 800. Ideal also für den Stab der sowjetischen 5. Stoßarmee unter Oberbefehlshaber Bersarin, der diese Gebäude bezieht und im Offizierkasino als Kommandeur der sowjetischen Garnison in Berlin-Karlshorst kurze Zeit sein Hauptquartier aufschlägt. Die am 9. Juni 1945 gebildete Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD), später umgewandelt in eine Sowjetische Kontrollkommission, nimmt bis zu ihrer Auflösung im Jahre 1954 ihren Hauptsitz im gleichen Gebäude und bestimmt von hier aus die Politik Ostdeutschlands. Am 10. Oktober 1949 übergibt der Chef der SMAD, Armeegeneral W. I. Tschuikow, im Offizierskasino dem Ministerpräsidenten der provisorischen Regierung der DDR, Otto Grotewohl, die administrative Gewalt.

Am 5. Mai 1945 veranlaßt eine offizielle Bekanntmachung die Räumung von Karlshorst nördlich der S-Bahnlinie zu beiden Seiten  der Treskowallee bis zur Ecke Waldowallee. Das Rheinische Viertel nordöstlich der S-Bahn wird fast ausnahmslos zum Sperrgebiet erklärt. Auch im sogenannten Prinzenviertel südlich des S- Bahnhofes Karlshorst betrifft dies ausgewählte Häuser. An die 26 000 Menschen sind betroffen und müssen innerhalb kürzester  Zeit ihre Häuser bzw. Wohnungen verlassen. Desgleichen zwei Krankenhäuser im Ort, die gezwungen sind auszuziehen, so daß die Betten mit den frisch Operierten auf der Straße stehen. Die Bewohner kommen hauptsächlich bei Verwandten in den nichtbesetzten Teilen, in den Kleingartenanlagen von Karlshorst bzw. Biesdorf oder in Neukölln unter. In dieser Zeit ist eine hohe Selbst­mordrate zu verzeichnen. Es können nur sehr wenige Deutsche im Sperrgebiet verbleiben, die fortan für die Besatzer arbeiten. Eine Abzäunung erfolgt nicht sofort. Bis Anfang Juni kehren Bürger in die Häuser zurück, um ein paar Sachen zu retten. Das Inventar ist jedoch größ­tenteils schon entwendet. Erst Mitte bzw. Ende 1946 erfolgt die Errichtung eines Sperrgürtels. Große Gebiete südlich und östlich der Trabrennbahn neben dem Bahnhof werden als Exerzier- und Kasernengelände genutzt, im nahegelegenen Wäldchen wird ein Munitionsdepot angelegt.

Bis Anfang 1950 liegt auch die katholische Kirche innerhalb der Absperrung. Trotz Ehrenwort des sowjetischen Kommandanten von Karlshorst wurde die St. Marien­kirche samt Pfarrhaus besetzt. Die Kirche mußte als Viehstall und Kohlenlager, das Pfarrhaus als Kino, Kasino und Gefängnis herhalten. Die ebenfalls requirierte evangelische Kirche wird erst am 23. Mai 1955 zurückgegeben. Ab September 1946 verkehrt ein Straßenbahnzug, der sogenannte Machorka-Expreß, zwischen den sowjetischen Dienst­stellen in Karlshorst und Köpenick. Nach Wiederaufnahme des regulären Straßenbahnverkehrs zwischen Bahnhof Karlshorst und der Waldowallee errichtet man hohe Zäune aus übereinandergeschweißten ehemaligen Absperrungen der Straßenbahngleise. Im Dezember 1949 werden die Westhälfte und Teile des östlichen Sperrgebietes überraschend freigegeben, einige Bewohner können zurückkehren. Zu Weihnachten wird erstmals wieder der Zugang zum Bahnhof Karlshorst gestattet. Nach Lockerung der Abriegelung können auch Deutsche in den sowjetischen Läden einkaufen.

Die Kosten, die bei Wiederherstellung, Instandhaltung oder Ausbau der besetzten Immobilien entstehen, stellt man den Eigentümern in Rechnung. So legt eine Anordnung der Alliierten Kommandantur im Oktober 1946 fest: "Für alle Gebäude und Immobilien, die von  den Militärbehörden benutzt werden und der Beschlagnahme oder der Kontrolle durch die Alliierten Mächte unterliegt, einschließlich  I. Eigentum der ehemaligen deutschen Regierung, II. Eigentum der ehemaligen NSDAP oder  ihrer angegliederten Organisationen, aktiver Mitglieder der NSDAP und Kriegsverbrecher, III. verlassenes oder herrenloses Eigentum (ausgenommen das als Besitz von Ausländern anerkannte Eigentum), es sei denn, daß etwaiger Anspruch zugunsten des Beanspruchenden entschieden wird, ist keine Miete zu zahlen." "In Fällen, wo dem Magistrat bei der Wiederherstellung, Instandhaltung bzw. dem Ausbau seitens der Militärbehörde besetzter Immobilien Ausgaben verursacht wurden, sind diese von der dem Eigentümer bzw. seinem Vertreter bezahlten Mieten abzuziehen. In keinem Falle sind diese Ausgaben zu Lasten d. Besatzungskosten zu schreiben."

Bis Ende Oktober 1954 bewachen die Russen selbstständig ihr Sperrgebiet, später ist das Wachregiment des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) zuständig. Ein Ausweisbüro in der Waldowallee regelt und kontrolliert den Verkehr der Besucher sowie der im Sperrgebiet Beschäftigten. Nur ausgewählte, ständig überwachte deutsche Angestellte, Handwerker und Firmen mit dem erforderlichen "Propusk" dürfen passieren.

1956/57 wird die Wohnungsverwaltung G (WV G), eine dem MfS unterstellte Einrichtung,  gegründet. Sie ist speziell verantwortlich für die Häuser der sowjetischen "Freunde" und regelt in enger Zusammenarbeit mit der sowjetischen Wohnungsverwaltung Ketsch die Verwaltung, Vergabe und Kontrolle der Häuser im Sperrgebiet. Bei Verkleinerung des Sperrgebietes werden jedes Mal Wohnungen frei. Das MfS übernimmt die leer gezogenen Häuser ohne ausreichende gesetzliche Grundlage.

In einigen Fällen, oft erst nach erbitterten Auseinandersetzungen mit den verschiedensten Behörden, erhalten die ursprünglichen Bewohner bzw. Eigentümer ihre Häuser oder Wohnungen zurück. Nach 1963 erfolgt eine Rückgabe nur noch in wenigen Ausnahmen. Auch nach dem Abbau der Zäune bleiben im ehemaligen Sperrgebiet Häuser und Wohnungen ausgesuchten Kadern vorbehalten. Ganze Straßenzüge werden wieder "besetzt": Geheim­dienststellen, Botschaften, DDR- und UdSSR-Prominenz ziehen vornehmlich in die frei werdenden Gebäude. Der Ministerrat der DDR übernimmt einige für seine Regierungsmitar­beiter. MfS-Größen wie Heinz Fiedler (Generalmajor und Leiter der Hauptabteilung (HA) VI: Paßkontrolle, Tourismus, Interhotels), Alexander Schalck-Golodkowski (MfS-Oberst und Leiter des "Bereiches Kom­merzielle Koordinierung" des Ministeriums für Außenwirtschaft, Chef-Devisen­be­schaffer der DDR) oder Bruno Beater (1. Stellvertreter des Ministers für Staatssicherheit, Generaloberst  des MfS) wohnen in einem Ein- oder Zweifamilienhaus im früheren "Dahlem des Ostens". Im Sperrgebiet selbst leben viele wichtige in der DDR tätige sowjetische Funktionäre. Bis 1963 nutzen Militärattachés, Handelsattachés sowie die meisten der I., II. und III. Sekretäre der Botschaft Häuser als ihr Domizil.

Nach dem Abschluß des Grundlagenvertrages zwischen den beiden deutschen Staaten im Jahre 1972 wird  die DDR auch international anerkannt. Viele Länder nehmen diplomatische Beziehungen auf. Das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR stellt den verschiedenen Staaten Häuser in Berlin-Karlshorst als Botschaften zur Verfügung, u.a. Chile, dem Iran, Japan, Peru und Zaire. Anderen, etwa der Mongolei, Nordkorea und Vietnam, waren dort zuvor schon entsprechende Bauten zugewiesen worden. Hinzu kommen zahlreiche Diplomatenwohnungen, wiederum abgesichert und überwacht durch verschiedene Abteilungen und Einrichtungen des MfS. Seine Mitarbeiter entscheiden, wer hierher ziehen darf, welche Handwerker in bestimmten Häusern arbeiten dürfen, und wohnen selbst nebenan in einer Dienstwohnung. Auf dieses Sperrgebiet, auch "Sondergebiet" genannt, gibt es keine direkten Hinweise. Das MfS scheut sich, es zu kennzeichnen, um nicht noch mehr Aufmerksamkeit zu erregen.

Das nach dem Krieg errichtete und wenig später mit Zäunen und Schlagbäumen versehene Sperrgebiet wird mehrmals verkleinert. Am 26. Mai 1963 kommt überraschend die Freigabe eines weiteren großen Teils des Rheinischen Viertels. Bis 1991/92 existiert jedoch ein letztes "kleines" Sperrgebiet nordöstlich der S-Bahn. Es umfaßt den gesamten Bodenmaiser Weg, einen Teil der Zwieseler Straße mit Ein- und Zweifamilienhäusern und die Gebäude der früheren Festungspionierschule, den sich daran anschließenden Sportplatz sowie einen dahinter gelegenen Schießplatz und zieht sich an der Kleingartenanlage "Biesenhorst II" hin bis zur Straße am Heizhaus. Den Kern bildet ein besonderer Sicherungsbereich, der sogenannte Innere Ring. Umgeben von einer rot-weißen Zie­gelmauer, beherbergt er eine Verwaltung des sowjetischen bzw. russischen Auslandsgeheimdienstes des KGB, die 1953 in das Ensemble der ehemaligen Festungspionierschule gezogen ist. Zwei Gebäude werden von der für militärische Nachrichtenbe­schaffung zuständigen Hauptverwaltung GRU belegt. Es ist das größte Hauptquartier der sowjetischen Auslandsaufklärung außerhalb Moskaus und die am weitesten westlich gelegene. Seit 1956/57 hermetisch abgeriegelt und bewacht durch die sowjetische Berlinskaja Brigada. Dieses Sperrgebiet verfügt über drei Zugänge: zwei in der Zwieseler Straße sowie einen in der Arberstraße, Ecke Bo­denmaiser Weg.

Den 17. Juni 1953 und die darauffolgende Nacht verbringen auf sowjetische Anordnung – zu ihrem eigenen Schutz – Grotewohl, Pieck und Herrnstadt, der Chefredakteur des "Neuen Deutschland", im Karlshorster Sperrgebiet. Im  Juni 1953 werden Panzer, Kettenfahrzeuge etc. aus Manövern nach Karlshorst beordert und fahren von hier aus sowjetische Panzer nach Berlin-Mitte, um die Demonstrationen gegen die Politik der Ulbricht-Regierung zu unterbinden. Verschiedene Zeitzeugen berichten von ihrer Inhaftierung innerhalb dieses Areals in den 50iger Jahren. So Leo Bauer, Chefredakteur des Deutschlandsenders, 1950 wegen angeblicher Verbindungen zum "Klassenfeind" verhaftet:  "Dann war man sich anscheinend darüber klar, das trotz meines Geständnisses an einen Schauprozeß endgültig nicht zu denken war unde ich wurde in das sowjetische Untersuchungsgefängnis, die berüchtigte Hölle von Karlshorst überführt." (Leo Bauer: "Die Partei hat immer recht", Beilage zu "Das Parlament" Nr. 27/1956)

Das frühere Offizierskasino, am 5. November 1967 als sowjetisches Armeemuseum ("Museum der bedingungslosen Kapitulation des faschistischen Deutschlands im Großen Vaterländischen Krieg") eröffnet, gehört nicht zu diesem Sperrgebiet.

In allen Fragen der konspirativen Arbeit werden die Mitarbeiter des MfS vom sowjetischen Geheimdienst, dem großen Vorbild, angeleitet, so auch die Hauptabteilung VIII (Beobachtung, Ermittlung, Durchsuchung, Festnahme) in der Köpenicker Allee in Karlshorst: "Beim Aufbau und der Entwicklung (…) wurden sowjetischen Berater (…) eingesetzt. Helfend und beratend, aber auch durch unmittelbare aktive Teilnahme an politisch-operativen Aktionen und Einsätzen wirkten sie als Vorbild und lehrten die Mitarbeiter, das Schwert der Partei richtig zu führen." (Arbeitsmaterial zur Traditionsarbeit der HA VIII). Von Karlshorst aus leitet der KGB seine bedeutendsten Operationen im "Kalten Krieg". Für die HA II (Spionageabwehr) und die HA VIII des MfS bedeutet der Ort einen der wichtigsten Sicherungsbereiche des Landes, während er für westliche Geheimdienste zum wichtigsten "Opera­tionsziel" geworden ist. Sie sind mit ständiger Aufklärung befaßt. Als Beispiel sei hier an die Operation "Gold" erinnert: Der amerikanische Geheimdienst grub vom West­­berliner Bezirk Rudow unterhalb der Schönefelder Chaussee einen Tunnel, um die dort verlegten Telefonleitungen zum Hauptquartier der sowjetischen Aus­lands­spionage des KGB in Karlshorst anzuzapfen. Noch 1990, bei Auflösung der HA VIII des MfS in der Köpenicker Allee, fliegen täglich Aufklärungsflugzeuge über die Häuser von Karlshorst. Kalter Krieg, oft kurz vor dem Umschwung in die heiße Phase. Doch dringt wenig davon in der DDR an die Öffentlichkeit.

Ab Dezember 1989 deckt das Neue Forum Karlshorst die unrechtmäßige Enteignung und Nutzung von mehr als 250 Häusern durch das MfS. Es bildet sich eine Arbeitsgruppe mit dem Namen "Stille Villen, dubiose Bauten", die einige davon in kommunale Nutzung überführen kann. 1990, nach 45 Jahren, öffnen sich erstmals für englische, amerikanische und französische Offiziere und für die Presse die Tore der Berliner Brigade der GUS-Truppen in Karlshorst. Über 2000 Soldaten sind hier noch stationiert.

Im August 1994 erfolgt mit Übergabe des letzten Militärkomplexes in Deutschland, der Kaserne an der Trabrennbahn, der offizielle Abzug der russischen Streitkräfte. Der Auslandsgeheimdienst ist  schon zwischen 1991 und 92 unbemerkt ausgezogen.


Barbara Timm
, geboren 1968 in Berlin, 1990 im Bürgerkomitee Berlin zur Kontrolle der Aufösung des MfS aktiv, arbeitet als freie Fotografin (siehe auch ihren Text in "Horch und Guck" 1/2005).

 

 

 

 

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