Heft 50/2005 | Themen | Seite 56 - 61

Olaf Klenke

Arbeiterprotest im Berliner Glühlampenwerk "Rosa Luxemburg"

Einleitung
Der vorliegende Beitrag befasst sich mit dem Arbeiterprotest in einem Berliner Glühlampenwerk zu Zeiten der DDR. Eigentlich sollte nur der Fall einer Arbeitsniederlegung am Ende der 80er Jahre geschildert werden. Die Frage, warum es zu DDR-Zeiten so selten zu solchen Konflikten kam, führte dann zu diesem einen größeren Zeitraum untersuchenden Beitrag.

Bei dem Streik handelte es sich um die Arbeiterniederlegung in einer Abteilung des VEB NARVA "Rosa Luxemburg" Berliner Glühlampenwerk, dem Stammbe­trieb des gleichnamigen Kombinates. Das Kombinat NARVA fertigte nahezu 100 Prozent aller Glühbirnen in der DDR und war einer der größten Lichtquellenpro­duzenten der Welt. Der Stammbetrieb konnte auf eine lange Werksgeschichte zurückblicken, die Anfang des 20. Jahrhunderts begann. Vormals gehörte der Betrieb zur Firma OSRAM.1

Streiks waren in der späten DDR ein seltenes "Vorkommnis", wie die SED solche nicht systemkonformen Konflikte bezeichnete. Wie Renate Hürtgen gezeigt hat, verlor der Streik als Form des kollektiven Protestes über den Zeitraum der Existenz der DDR mehr und mehr an Bedeutung. In den 1980er Jahren wurden vom FDGB nur noch einige wenige Arbeitsniederlegungen pro Jahr registriert.2

Diese Entwicklung war keineswegs ein Zeichen dafür, dass die Identifikation der Arbeiter mit der DDR als "ihrem" Staat zunahm, auch wenn dies die Staats- und Parteiführung so interpretieren mochte. Einer Stellungnahme des Präsidiums der IG-Metall der DDR zum westdeutschen Metallerstreik 1978 zufolge hatten die Arbeiter in der DDR solche Kämpfe nicht nötig: "Uns, den Metallern der sozialistischen Deutschen Demokratischen Republik, sind Streik und Aussperrung wesensfremd."3

Tatsächlich nahm seit Mitte der 1970er Jahre die Entfremdung zwischen der Arbeiterklasse und dem SED-Regime immer mehr zu. Wenn die SED am 1. Mai zur "Kampfdemonstration der Arbeiterklasse" aufrief, marschierten im BGW nicht die Industriearbeiter auf, sondern die Angestellten.4 Dass es in der DDR bis 1989 nicht zu einer Zunahme der sozialen Auseinandersetzungen kam, etwa wie im Nachbarstaat Polen in Form einer Streikbewegung, war in den traumatischen Erfahrungen der Niederschlagung des Arbeiteraufstandes vom Juni 1953 und dem Ereignis des Mauerbaus 1961 begründet. Das galt auch für das Berliner Glühlampenwerk (BGW).

Arbeiteraufstand 1953 und Mauerbau 1961
Die Belegschaft des BGW "Rosa Luxemburg", vormals Osram, war tief in den Aufstand  von 1953 verwickelt gewesen. Nach Berichten von Augenzeugen und der Volks­polizei gehörten größere Teile der Arbeiterinnen und Arbeiter des BGW zu denen, die dem Aufruf der Bauarbeiter der Stalinallee vom 16. Juni folgten und sich am Vormittag des 17. Juni am Strausberger Platz versammelten.5 Über die Beteiligung existieren verschiedene Angaben. Einer Zusammenstellung des Zentralvorstandes der IG Metall ist zu entnehmen, dass am 17. Juni 1953 alle der gut 3000 Beschäftigten des BGW die Arbeit niederlegten.6 Eine Statistik der Volkspolizei weist dagegen eine Streikbeteiligung von "nur" zwei Dritteln der Belegschaft aus. Möglicherweise ist damit der Anteil der Beschäftigten gemeint, der den Betrieb am 17. Juni verließ, denn nach einem Bericht des Berliner Bezirksvorstandes der IGM verblieb ein Teil der Beschäftigten (1000 Mann) im Betrieb. Aber auch diese arbeiteten nicht.7

Die sowjetischen Panzer schlugen den Aufstand nieder, und in den nächsten Wochen und Monaten wurden alle noch bestehenden kollektiven Zusammenhänge einer eigenständigen Arbeiterbewegung in der DDR beseitigt. Am BGW, in dem es am 18. Juni immer noch zu Unruhe gekommen war,8 ging diese Entwicklung nicht vorbei. Zumindest im Umfeld der Beschäftigten war ein Toter zu beklagen9, und das BGW gehörte zu den Schwer­punktbetrieben, in denen die SED in den folgenden Monaten den "Kampf zur Entlarvung der Provokateure" führte.10 Die Erfahrung, dass jegliches Aufbegehren gegen das SED-Regime durch die Panzer des "großen Bruders" Sowjetunion niedergewalzt werden würde, fraß sich im Bewusstsein der Arbeiter fest. Der euphorischen Aufbruch von unten machte der Resignation Platz.

Die SED verband mit dem 17. Juni 1953 nicht weniger eine negative Erfahrung. In den Folgejahren kam es zu einigen sozialen Verbesserungen.11 Das BGW gehörte 1957 zu den ersten Berliner Betrieben, die die 45-Stunden-Arbeitswoche einführten. Als Großbetrieb besaß das BGW zudem eine umfangreiche soziale Infrastruktur (Essensversorgung, Einkaufsmöglichkeiten, Poliklinik, Kinderkrippen etc.) – auch weil dort mehrheitlich Frauen arbeiteten.12

Der Mauerbau ist das zweite entscheidende Ereignis, das dazu beitrug, die Lage im BGW wie in den anderen Betrieben der DDR mit der Zeit zu "normalisieren". Mit der Grenzschließung am 13. August 1961 wurde den Arbeitern der letzte individuelle Ausweg verbaut, bei zu großer Unzufriedenheit mit der Lage "rüber zu machen". Die überwältigende Mehrheit der DDR-Bevölkerung lehnte den Mauerbau ab.13 Das BGW befand sich aufgrund seiner Lage unmittelbar an der Grenze zu Westberlin in einer ganz besonderen Situation. Der Mauerbau wurde für die Beschäftigten zu einem anschaulichen Ereignis. Einige Viaduktgewölbe des nahegelegenen, aufgrund der Grenz­schließung stillgelegten U-Bahnhofs Warschauer Brücke (jetzt: Warschauer Straße) wurden in den folgenden Jahren vom BGW als Lagerhalle genutzt.14 Größere Widerstandaktionen im Zusammenhang mit dem Mauerbau sind aus dem BGW nicht bekannt geworden.15 Die Polizei registrierte allerdings am Tag nach der Grenzschließung in einem Lagerkeller des BGW vorsätzliche Brandstiftung.16 Eine solche isolierte Aktion war in gewisser Weise typisch für die Resignation und das Gefühl der Perspektivlosigkeit, die in der Arbeiterschaft eingekehrt waren und mit der Abriegelung verstärkt wurden. Mit dem Stopp der Fluchtbewegung Richtung Westdeutschland bzw. Westberlin veränderte die SED das Kräfteverhältnis zwischen sich und der Arbeiterklasse zu ihren Gunsten – wenngleich, wie sich langfristig zeigte, nicht im beabsichtigten Ausmaß. Aber so, wie der Mauerbau der Arbeiterklasse Selbstbewusstsein raubte, stärkte er das der SED. Für das BGW bemerkte rückblickend ein ehemaliger Beschäftigter, dass "für das Jahr 1962 zum Teil unrealistische Steigerungen in der Warenproduktion gegenüber dem Jahr 1961 vorgegeben"17 wurden. DDR-weit gelang es der SED im Jahr nach dem Mauerbau, eine reale Lohnkürzung durchzusetzen.18

Von der relativen Stabilität der 60er zur Krise der 80er Jahre
Der Mauerbau schrieb die deutsche Teilung auf Jahrzehnte fest. Dennoch werden die 60er und frühen 70er Jahren in den verschiedenen Autobiographien meist positiv gewertet. Dass liegt nicht nur daran, dass sie fast ausschließlich von Angehörigen der Intelligenz verfasst wurden, die lange Zeit dem System eng verbunden waren. Das Gefühl, dass es trotz der ungeliebten politischen Verhältnisse zumindest wirtschaftlich und sozial aufwärts ging, scheint allgemein verbreitet gewesen zu sein.19 Die Fluktuationsrate ging im BGW von 38 Prozent im Jahr 1960 auf 16 Prozent im Jahre 1968 zurück.20 Zu dieser Zeit wurde dort der Begriff "Zweites Zuhause" geprägt.

Ganz anders entwickelte sich die Situation seit den späten 1970er Jahren, als die wirtschaftlichen Probleme zunahmen. NARVA gehörte 1977 zu den Kombinaten, in denen die Einführung einer neuen Lohnform, der sogenannten Grundlöhne, mit einigen Konflikten verbunden war und sich über ein Jahr hinzog.21 Westlichen Medien zufolge fand in dem Berliner NARVA-Werk in diesem Jahr sogar eine Arbeitsniederlegung statt. Arbeiterinnen forderten, dass "ein Teil ihres Lohns in Devisen auszuzahlen sei – schließlich produzierten sie Exportprodukte."22

Nach den Erinnerungen von Horst Liewald, damals wissenschaftlicher Mitarbeiter des BGW, war in jenen Jahren noch "die Welt im BGW relativ heil, obwohl sich in der DDR wiederum Krisenerscheinungen andeuteten. Der wirtschaftliche Fortschritt begann zwischen 1977 und 1979 zu stagnieren."23Die Ethnologin Deanna Poos, die 2002/2003 über 40 Beschäftigte des BGW im Rahmen ihrer Untersuchung der Kultur und des Alltages in der DDR interviewte, kommt zu dem Schluß, dass sich damals ein Stimmungswechsel vollzog und dass "die gute Stimmung, die lange beim BGW beherrscht hat, sich im letzten Jahrzehnt der DDR geändert hätte. Als Materialien knapper geworden sind, gab es schneller Reibereien am Arbeitsplatz. Leute, die nur in dieser Zeit bei NARVA gearbeitet haben, sind weniger begeistert von dem Arbeitsplatz als die, die 20 oder 30 Jahre lang dort tätig waren. Sie haben weniger Freundschaften, die über die Jahre fest geblieben sind als die, die früher den Betrieb aufgebaut haben."24

So wie in der gesamten DDR hatte sich auch im BGW im Laufe der 80er Jahre die wirtschaftliche Situation verschlechtert. Die Erfüllung der staatlichen Plankennzahlen gestaltete sich schwieriger, und die fehlende Modernisierung einzelner Produktionsbereiche schlug sich zunehmend in Produktionsunterbrechungen nieder. Diese Krise wurde vor allem auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen. Im BGW nahmen die Überstunden seit 1983 deutlich zu, so dass 1987 89 Prozent aller Produktionsarbeiter davon betroffen waren.25 1987 war zugleich das Jahr, in dem es im BGW größere Probleme gab, das 13. Monatsgehalt der DDR, die sogenannte "Jahresendprämie", in der Höhe des Vorjahres zu sichern.26 Und genau in diesem Jahr kam es nach den Erinnerungen einer ehemaligen BGW-Beschäftigten an einer modernen Fließreihe des Betriebes zu einer Arbeitsniederlegung.

Bevor dieser Streikfall behandelt wird, noch eine Bemerkung zu den Machtverhältnissen im DDR-Betrieb: Entgegen der Staatsdoktrin des "Arbeiterstaates" waren in der DDR die Arbeiter politisch entrechtet. Das war eine wesentliche Voraussetzung der Stabilität der SED-Herrschaft. Allerdings gab es in der DDR einen Tatbestand, der die Stellung der Arbeiter im System stärkte: den Arbeitskräftemangel. Die permanente Nachfrage nach Arbeitskräften versetzte die Arbeiter ökonomisch in eine vergleichsweise starke Position, die der Stellung der Arbeiter im Westen zu Zeiten der Vollbeschäftigung ähnelte.

Die Folgen des Arbeitskräftemangels wurden auch im BGW deutlich. Das Werk gehörte zu den Betrieben, in denen allein für das Erscheinen zu Sonderschichten "Handgeld" gezahlt wurde.27 Eine Beschäftigten erinnert sich: "Ohne das hätten die erst gar nicht ankommen brauchen".28 Auch im Produktionsprozess selbst besaß eine Glühlampenfertigerin erhebliche Freiheiten. Der Frei­raum fand allerdings dort ein Ende, wo die Partei- und Staatsführung verunglimpft wurde.29 Zudem konnten die Arbeiterinnen und Arbeiter die Normen keinesfalls beliebig manipulieren, wie auch der folgende Konflikt zeigt.

Ein Streikfall im BGW
Dass es das BGW war, in dem in der zweiten Hälfte der 80er Jahre zu einer der wenigen Arbeitsniederlegung in der DDR kam, war nicht ganz zufällig. Ein Grund dürfte die Zusammensetzung der Arbeitskräfte gewesen sein, die vom BGW für die Glühlampenfertigung angeworben wur­den. Die folgenden Schilderungen beruhen, soweit nicht anders vermerkt, auf dem Gespräch mit einer ehemaligen Glühlampenfertigerin (Katja L.), die an der Arbeitsniederlegung maßgeblich beteiligt war.30 Es gab unter den Beschäftigten, so erinnert sie sich, einerseits einen hohen Anteil ehemaliger Strafgefangener. Andererseits sammelten sich an diesem Arbeitsplatz auch politisch unbequeme Leute, etwa Antragsteller auf Ausreise aus der DDR. Zu dieser letzten Personengruppe gehörte auch Katja L. Nachdem sie sich politisch mißliebig verhalten hatte, wurde ihr an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK, wo sie in der Bibliothek arbeitete, ein Wechsel des Arbeitsplatzes nahe gelegt, andernfalls würde eine Kündigung folgen.

Daraufhin beschloss Katja L., sich einen Arbeitsplatz in der Produktion zu suchen. Sie wußte bereits damals, dass sie irgendwann einmal Soziologie studieren würde, und war der Ansicht, dass sie dafür einen Betrieb von innen kennen lernen müsse. Den Arbeitsplatz im BGW fand sie leicht, da dort wie in zahlreichen anderen Berliner Betrieben ein permanenter Arbeitskräftemangel bestand, insbesondere bei den Arbeitsplätzen am Fließband. Nach ihren Erinnerungen wurde sie im Jahr 1987 (vielleicht auch bereits 1986) bei NARVA eingestellt – insgesamt blieb sie anderthalb Jahre dort und wechselte später in die EDV-Abteilung.

Im BGW arbeitete Katja L. zunächst in der Nachtschicht an einer Fließbandreihe für Glühbirnen. Sie verdiente 50 Mark in einer Nachtschicht, pro Monat mehr als das Doppelte ihres vorherigen Verdienstes. Die Arbeitsbedingungen waren allerdings sehr schlecht. Es wurde bei permanenter Hitze von 50 Grad Celsius gearbeitet, im Winter bei kalter Zugluft. Auch Horst Liewald, damals wissenschaftlicher Mitarbeiter, beurteilt die Arbeitsverhältnisse am Fließband  ähnlich: "Mit Fug und Recht kann festgestellt werden, dass der Arbeitsalltag in einer taktgebundenen Produktion mit kurzen Takt­zeiten wie z.B. im Berliner Glühlampenwerk äußerst hart war."31

Im Arbeitsbereich von Katja L. herrschten nach ihrer Erinnerung Frustration und eine hohe Fluktuation. Zur damaligen Zeit war sie der Ansicht, dass es für die DDR nur zwei Ent­wicklungswege geben würde: Öffnung nach sowjetischem Vorbild oder stärkere Repression. Da sie ebenso wenig wie Millionen andere DDR-Bürger damit gerechnet hatte, dass in den nächsten Jahren die Grenze geöffnet werden würde, versuchte sie, sich im System "einzurichten".

Katja L. arbeitete an einer neu installierten westlichen Anlage. Anfang der 80er Jahre wurden vom BGW fünf moderne Maschinenfließreihen der Firma Toshiba importiert. Mit diesen gelang es, die Produktion von Allgebrauchslampen zu verdoppeln. An den neuen Anlagen arbeiten etwa 300 der insgesamt 5000 Beschäftigten des BGW.32 Im Unterschied zu den anderen Anlagen war diese Fließreihe halbautoma­tisch. Die Leitung und Kontrolle der Fertigung sowie die Überwachung von Fehlern und Qua­litätsmängeln erfolgten rechnergestützt.

Wirtschaftlich gesehen gestaltete sich der Einsatz der neuen Technik positiv. Für die Beschäftigten war damit allerdings kein sozialer Fortschritt verbunden. An den Rahmenbedingungen wie den Raumtempera­turen ändert sich nichts. Doch anders als zuvor wurde der Produktionsprozess nun nicht mehr teilweise durch Handarbeitsprozesse unterbrochen, sondern das Ar­beitstempo vollständig von der Maschine bestimmt, wie sich Katja L. erinnert. Diese Verschlechterung der Arbeitssitu­ation wird auch aus der Perspektive des Managements bestätigt. Horst Liewald beschreibt die "positive" Wirkung der neuen Anlagen rückblickend so: "Die für die Kontrolle [der Produktion] benötigten Informationen wurden größtenteils automatisch während des Pro­duktionsprozesses gewonnen und rechentechnisch verarbeitet. Die Ergebnisse waren für weitere Leis­tungsentscheidungen, insbesondere des Meisters, und zur Leistungssti­mu­lierung im Wettbewerb zwischen den Maschi­nen­grup­pen nutz­bar."33

Der neue Charakter der Technik ändert nichts daran, dass es im Betrieb - wie Katja L. sagt – weiterhin einen totalen "Top-Down"-Prozess gab: Alle Anweisungen gingen von oben, von der Pro­duk­tions­leitung, nach unten. Unmittelbar am Arbeitsplatz entschied der Meister, ob bei auftretenden Produktions­pro­blemen die Fließreihe abgeschaltet und neujustiert oder die Fließreihe im laufenden Betrieb nachjustiert wurde.

Dieser Konstellation wohnte ein gehöriges Konfliktpotential inne, aus dem schließlich auch die Arbeitsnieder­legung erwuchs. Denn die japanische Fließreihe war zwar deutlich produktiver als die alten DDR-Anlagen, aber von Toshiba wegen ihrer Störanfälligkeit ausrangiert worden. Dieser Mangel zeigte sich auch im BGW. Störungen, d.h. Ausfälle oder Abweichungen von Toleranzwerten, stellten ein permanentes Problem im Arbeitsalltag dar.

Die Einrichter hätten sich manchmal gewünscht, dass die Fließreihe abgestellt wird.34 Aber auf der Betriebsleitung lastete der Druck, die ehrgeizigen Produktionsziele zu erfüllen, die von der Staats- und Parteispitze aufgestellt wurden. Deshalb sprach sich der Meister, um Produk­tionsausfall zu vermeiden, meist dagegen aus - nicht selten mit der Folge, dass die Fließreihe bald vollständig ausfiel und damit noch größerer Schaden entstand.

Am Arbeitplatz gab es eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung. Während Frauen vor allem am Fließband standen, waren die Installateure (Einrichter) bis auf eine Ausnahme Männer.

Diese Konflikte zwischen Einrichtern und Glühlam­penfertigerinnen auf der einen und dem Meister auf der anderen Seite wurde mit der Einführung einer neuen Lohnform, der sogenannten Produktivlöhne, noch einmal verschärft. Nach der Erinnerung von Katja L. geschah das 1987. Ein Hauptunterschied zur vorherigen Lohnform bestand darin, dass ein Teil des Lohnes in Abhängigkeit von der "produktiven Maschinenlaufzeit" und der Pro­dukt­qualität gezahlt wurde. Der Lohn für Stillstandzeiten, also "nichtproduktive Stunden", betrug teilweise fast nur die Hälfte dessen.35 Darüber hinaus war die Lohnhöhe auch abhängig davon, wie der Meister das Verhalten des einzelnen Beschäftigten einschätzte. Katja L. zufolge waren das "vielleicht 2 Prozent des Lohns". Für die Beurteilung gab es keine klaren Kriterien.

Die neuen Produktivlöhne verschärften einen alten Widerspruch im Arbeitsprozess. Die Entlohnung sollte stärker "leistungsorientiert" erfolgen, aber die Entscheidung, ob das Fließband bei Leistungsmängeln nach- oder neujustiert wurde, oblag nach wie vor dem Meister und nicht den Beschäftigten bzw. Einrichtern. Die Nichtbehe­bung von Mängeln schlug sich letztlich auf dem Gehaltzettel nieder. Hier nahm der Streik seinen Ausgang. Als einmal wieder "Müll produziert" wurde, tauchte unter den acht Kolleginnen und Kollegen an der Fließreihe, an der Katja L. arbeitete, der Gedanke auf, die Arbeit niederzulegen. Der Meister hatte nach ihrer Erinnerung wiederum ein Abschalten abgelehnt.

Sie kann sich nicht mehr genau erinnern, wie es zum illegalen Streik kam, aber "irgendwie wurde das Fließband gestoppt". Zwei Forderungen, so Katja L., hatte die Gruppe:

  • Sie wollte mit der Produktionsleitung reden, die dem Meister übergeordnet war und die die Beschäftigten sonst nie zu Gesicht bekamen.
  • Sie forderte, es müsse, wenn nach Leistung bezahlt wird, für die Arbeiter auch Möglichkeiten geben, den Produktionsprozeß zu beeinflussen.

Nach Meinung von Katja L. ging es bei der Arbeitsniederlegung also vor allem darum, wie die Arbeiter ihre Interessen artikulieren konnten. Sie selbst hatte, so erinnert sie sich, die anderen darin bestärkt, die Arbeit niederzulegen und die Interessen der Gruppe zum Ausdruck gebracht. Dies sei das erste und einzige Mal gewesen, dass sie von den anderen Kollegen akzeptiert wurde. Im Gegensatz zu ihnen legte sie nicht so großen Wert auf den Verdienst, da sie zuvor wesentlich weniger verdient hatte ("und damit ausgekommen war") und andere Motive für die Arbeit im BGW besaß. Für die meisten Kollegen ging dagegen zunächst darum, dass das Geld stimmt.

Die Reaktion des Meisters bestand darin zu drohen: "Sie sollen wieder zu arbeiten anfangen sonst, ...", (an die genaue(n) Drohung(en) kann sie sich nicht erinnern). Er versuchte auch, den Vorfall zu vertuschen und zu verhindern, dass etwas davon nach oben dringt. Die Arbeiterinnen und Arbeiter blieben aber bei ihrer Haltung. Nachdem sie zu Beginn der Frühschicht die Arbeit niedergelegt hatten, kam es um die Mittagsstunde oder am frühen Nachmittag zu einem Treffen mit der Produktionsleitung, das etwa eine Stunde dauerte. Damit hatte die Gruppe eine ihrer Forderungen durchgesetzt. Von den sonstigen Ergebnissen ist Katja L. noch bekannt, dass es zu einer Neujustierung kam, da das Band bereits stand – ein zweiter Erfolg.

Innerhalb des Betriebs erlangte nach Katja L.’s Erinnerung der Vorfall eine gewisse Bekanntheit.36 Zumindest habe es noch eine weitere Fließreihe gegeben, die gedroht hatte, die Arbeit niederzulegen oder es tatsächlich getan hat. In der Fließreihe selbst "hat sich danach die Sache verlaufen". Insgesamt sei es schwierig gewesen, in der Produktionshalle die Belegschaft als ganze hinter sich zu bekommen, auch weil die vielen vietnamesischen Arbeitskräfte einen gesonderten Bereich darstellten. Von nachfolgenden Auseinandersetzungen zwischen Meisterbereich und Produktionsleitung hatte Katja L. nichts gehört.

An eine nachfolgende Disziplinierung kann sie sich nicht erinnern; sie habe auch keine Angst vor Sanktionen gehabt. Aber die 2% des Lohns, die verhaltensabhängig gezahlt wurden, bekam sie anschließend nicht mehr, und ihr wurde eine Prämie als "Qualitätsarbeiterin" verweigert.

Die "Wende" im BGW
Von den Revolutionsereignissen zwei Jahre später blieb das BGW nicht unberührt. Die politische Veränderung, die der Flüchtlingsstrom des Sommers 1989 auslöste, reichte im Glühlampenwerk – wie auch in anderen Betrieben – bis in die breite Mitgliedschaft der SED hinein. Der Ingenieur Matthias Pfau beschrieb die damalige Stimmung so: "Unsere Pausen in der Kantine wurden länger und länger, die Diskussionen deutlicher und heftiger. Alle hatten das Gefühl, hier passiert jetzt was. Das ging ja so schnell. Erst die Flüchtlinge über Ungarn, dann über Prag. Ganze Familien, die in den Botschaften saßen. Auch bei Narva fehlten plötzlich Leute, die täglichen Mitteilungen der Betriebsleitung klangen sehr nach Durchhalten. Es war Endzeitstimmung im Bauch, ohne dass man im Kopf schon begriffen hatte, was da passierte."37

Das Glühlampenwerk gehörte zu den wenigen Betriebe, in denen parallel zu den wachsenden Straßendemon­strationen im Herbst 1989 Streiks stattfanden. "Am 18. Oktober kam es in der Frühschicht im Bereich Halogenlampe des VEB Narva in Berlin zu einer kurzfristigen Arbeitsniederlegung, bei der es aber herbeigeeilten Be­triebsfunktionären gelang, die Arbeiter wieder zur Aufnahme ihrer Arbeit zu bewegen."38 Am 10. November, dem Tag nach der Maueröffnung, war das Glühlampenwerk, das nur einige Hundert Meter von der Grenze entfernt lag, so gut wie leer.39 Im Dezember 1989 wurde im BGW ein "Gesellschaftlicher Rat" gebildet, der "Beratungs- und Kontrollorgan" der betrieblichen Leitungen sein soll.40 Allerdings scheint dieser, wie auch die alte Betriebsgewerkschaftsleitung (BGL), noch weitgehend von alten Kräften besetzt worden zu sein. Der Vorsitzende des Rates war SED-PDS-Mitglied und Meister. Die alte BGL drohte der Belegschaft im Falle einer anscheinend beabsichtigten Neuwahl mit einer Streichung der Urlaubsreisen.41 Bereits in dieser Zeit dreht sich die Diskussion außer um politische Fragen auch um die Sicherung der Zukunft des Werkes.

Die ersten Monate des neuen Jahres verliefen im Werk nicht weniger turbulent. Angesichts der Diskreditierung der Staatsgewerkschaft FDGB entstand eine Initiative zur Gründung eines Betriebsrates, der im "Zug der Wirt­schafts­reformen" und damit verbundener "Strukturverän­derungen" eine Interessenvertretung aller Werktätigen sein sollte. Ziel war es, "sich gegen alle Maßnahmen der betrieblichen/staatlichen Leitung" zu wehren, "die gegen die Rechte und die Ehre jedes Werktätigen gerichtet sind."42

Wie so viele Betriebe  war das BGW nach der Währungsunion der plötzlichen Konfrontation mit den freien Märkten nicht gewachsen. Das Interesse westlicher Investoren  beschränkte sich auf die japanischen Anlagen, die zu erwerben OSRAM letztlich auch gelang.43 Bevor die Mas­sen­entlassungen einsetzten, begann OSRAM auch mit der Abwerbung von Arbeitskräften. Bei vormals 5.000 Beschäftigten blieben von den nach einem Treuhandkonzept von 1992 zugesicherten 1.080 Arbeitsplätzen 1993 nur 250 übrig.44

Wie im Jahr 1953 wich auch 1989/90 die Euphorie des Aufbruchs bald Enttäuschung und Ernüchterung. Trotz vieler nicht eingelöster Versprechen gab es diesmal jedoch einen zentralen Unterschied: die Erfahrung, dass die Gesellschaft verändert werden kann. Matthias Pfaus formulierte es so: "Das haben wir doch voraus: Was gottgegeben schien, zerbrach in Wochen. Manchmal kommt mir der Gedanke, vielleicht erlebe ich noch ´ne Wende...".45


Olaf Klenke, geb. 1974, Politikwissenschaftler an der FU Berlin, zur Zeit Stipendiat der Hans-Böckler-Stiftung des DGB und Promotion zum Thema "Das Mikroelektronikprogramm in der DDR".

1    Siehe dazu die DDR-Betriebsgeschichte: "Arbeiter machen Geschichte. Geschichte des VEB NARVA "Rosa Luxemburg" Berliner Glühlampenwerk, Berlin 1980.
2    Vgl. Renate Hürtgen: Der Streik in der DDR. Wie viel Widerstand gab es in den DDR-Betrieben? In: Horch und Guck. Heft 43 (3/2003) und dies.: "Keiner hatte Ahnung von Demokratie, im Betrieb sowieso nicht". Vom kollektiven Widerstand zur Eingabe oder Warum die Belegschaften 1989 am Anfang eines Neubeginns standen. In: Gehrke, B./dies. (Hrsg.): Der betriebliche Aufbruch im Herbst 1989. Berlin 2001.
3    SAPMO-BArch, DY 46/5702, Zentralvorstand IG Metall, Bericht des Präsidiums an die 4. Tagung des Zentralvorstandes der Industriegewerkschaft Metall am 29. März 1978, Berlin den 19.3.1978, Bl. 37.
4    Nach einem Gespräch mit Horst Liewald am 17.3.05.
5    Vgl. Volker Koop: Der Aufstand vom 17. Juni 1953, Berlin 2003, S.36 und "17. Juni 1953 - Arbeiteraufstand oder Konterrevolution?", Kapitel V. 1, Die Ereignisse, unter: www.geocities.com/revolutiontimes/ddr10.htm (Zugriff: 23.3.05).
6    Wolfgang Eckelmann u.a. (Hrsg.): FDGB intern. Innenansichten einer Massenorganisation der SED. Berlin 1990, S.155.
7    Vgl. Jürgen Hofmann und Annette Neumann (Hrsg.): Die Klasse in Aufruhr. Der 17. Juni 1953 in Berliner Betrieben, Berlin 2003, S.39/40 und 84.
8    Vgl. Hofmann/Neumann, S. 43.
9    Hans-Joachim Rybarz: Kein normaler Lehrtag. In: Unterdrückte Hoffnung. Erinnerung an den 17. Juni 1953, www.berlin.de/imperia/md/content/bapankow/pdf-dateien/21.pdf (Zugriff: 23.3.05).
10    Vgl. Hofmann/Neumann, S. 118/119.
11    Thomas Flemming, Kein Tag der deutschen Einheit. 17. Juni 1953, Berlin 2003, S. 130f.
12    Vgl. Horst Liewald, Das BGW. Zur Betriebsgeschichte von NARVA – Berliner Glühlampemwerk. Berlin 2004, S. 72f.
13    Kowalcuk, Ilko-Sascha: Das bewegte Jahrzehnt. Geschichte der DDR von 1949 bis 1961, S.153-154.
14    Heide Schlebeck: Disco hinter Klinkermauern. U-Bahn-Bögen an der Warschauer Straße bekommen ein neues Innenleben. In: Berliner Zeitung, 04.09.96, S.30.
15    Zumindest gehörte das BGW nicht zu den Betrieben, in denen der FDGB im III. Quartal 1961 Arbeitsniederlegungen registrierte, vgl. Gehrke/Hürtgen, Dokument 1, und Eckelmann u.a., S.53-64, 182-193.
16   Stab PdVP Berlin - Journal der Handlung (14.8.1961), www.chronik-der-mauer.de/index.php/textpopup/318367/ (Zugriff: 23.3.03).
17    Vgl. Liewald, S. 81f.
18    Zwischen Mauerbau und August 1962 sank das Realeinkommen in der DDR um 2,5%, vgl. André Steiner: Die DDR-Wirtschaftsreform der sechziger Jahre. Konflikt zwischen Effizienz- und Machtkalkül. Berlin 1999, S. 281.
19    Das dürfte trotz der Tatsache gelten, dass die Mehrzahl der gedruckten Erinnerungen von Mitarbeitern der mittleren und unteren Leitungsebene stammt. Für das BGW vgl. das Buch von Horst Liewald.
20    Nach Renate Schwärzel: Der Einfluß der Entwicklung der Fluktuationsrate auf die Steigerung der Arbeitsproduktivität und der Effektivität der Produktion im VEB Berliner Glühlampenwerk von 1958 bis 1968. In: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 3. Berlin 1980, S.181-187; zitiert aus: Holle Grünert: Beschäftigungssystem und Arbeitsmarkt in der DDR, Opladen 1997, S.79.
21    SAPMO BArch DY 30/2939, Information über einen Erfahrungsaustausch zur leistungsorientierten Lohnpolitik im Bereich des Ministeriums für Elektrotechnik und Elektronik, S.2 [fol. 532] (Mai 1977).
22    Nach Axel Bust-Bartels: Herrschaft und Widerstand in den DDR-Betrieben. Leistungsentlohnung, Arbeitsbedingungen, innerbetriebliche Konflikte und technologische Entwicklung. Frankfurt/Main 1980, S.134.
23    Vgl. Liewald, S. 110.
24    Deanna Poos: Ethnologin auf Spurensuche. In: Kulturstral. Das Stralauer Web Magazin, Nr.13, Mai 2003, www.kultstral.de/leben/archiv/13_leben.html (Zugriff: 23.3.05).
25    Vgl. Lutz Kirschner: Gewerkschaftsarbeit im sozialistischen Industriebetrieb. Berlin (Ost) 1990, S. 19-20.
26    SAPMO BArch DY 46/ 4472 (alt 7304) Bezirksvorstand Berlin des FDGB / IG Metall, 11. März 1987, Informationsbericht über den Inhalt und Verlauf der gewerkschaftlichen Mitgliederversammlungen im Monat Februar 1987, S.12.
27    SAPMO BArch DY 34/27019, FDGB, Information über die Inanspruchnahme des Lohnfonds und des Durchschnittslohnes per 30.9. 1987 im Bereich der Industrieministerien und über Maßnahmen zur Festigung der Lohndisziplin, S.6.
28    So Katja L. im Gespräch, vgl. Endnote 31.
29    Vgl. Liewald, S. 75.
30    Die Gesprächsnotiz vom 21.12.2004 befindet sich im Bestand des Autors. Der wirkliche Name wurde durch das Pseudonym Katja L. ersetzt.
31    Vgl. Liewald, S.243.
32    Vgl. ebenda S. 195/196.
33    Vgl. ebenda, S.138.
34    Katja L. benutzte dafür das Wort "Installateure".
35    Dazu auch Olaf Klenke: Zwischen Rationalisierung und sozialem Konflikt. Das Mikroelektronik-Programm und die "dritte industrielle Revolution in der DDR (1977-1989) (noch unveröffentlicht), dort: Kapitel. 7.4. Die Produktivlöhne.
36    Horst Liewald als wissenschaftlicher Mitarbeiter erfuhr allerdings davon nichts, vgl. Endnote 3.
37    Aus: Burga Kalinowski, Sie störten die Raubvögel nicht. Sommer ´89 bei NARVA in Berlin. In: Freitag 09.07.2004, www.freitag.de/2004/29/04290501.php (Zugriff: 23.3.05).
38    Bernd Gehrke: Demokratiebewegung und Betriebe in der "Wende" 1989. Plädoyer für eine längst fälligen Perspektivwechsel. In: ders./ Hürtgen, Renate (Hrsg.), S. 252.
39    Vgl. Kalinowski, a.a.O..
40    "Gesellschaftlicher Rat wurde gebildet" VEB Berliner Glühlampenwerk (Dezember 1989), DDR 1989/90 Dokumente unter: www.ddr89.de/ddr89/betriebe/BGW1.html (Zugriff: 23.3.05).
41    Ebenda und Gehrke/Hürtgen, S. 203.
42    Betriebsrat – Übergangsgewerkschaft? VEB Berliner Glühlampenwerk (Februar 1990), DDR 1989/90 Dokumente unter: www.ddr89.de/ddr89/betriebe/BGW1.html (Zugriff: 23.3.05).
43    Vgl. Liewald, S.189-197.
44    Vgl. Liewald, S. 203, 215.
45    Aus: Kalinowski, a.a.O.

 

 

 

 

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