HEFT 03/2005 | Editorial | SEITE 81

 

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

wenn überhaupt, dann war der DDR-Bürger stolz auf seine Sportler. Da konnten Wartburg von Volkswagen, Robo­tron von IBM, Leuna von der BASF und EKO von Salzgitter übertrumpht werden, im Sport galten andere Maßstäbe. Weltniveau, das Ziel aller Bemühungen – hier hatte das Wort seine Berechtigung.

Politisch war der Sport eines der wichtigsten Mittel, der DDR zur Anerkennung als leistungsfähige Gesellschaft und führende (Industrie-)Nation zu verhelfen. Bis heute ist der Sport deshalb auch elementarer Bestandteil der "Ostal­gie": Was wären die gesamtdeutschen Rodler, Kanuten, Eisschnell­läufer und Leicht­athleten (mal abgesehen vom Hackl­­schorsch und Anni Friesinger) ohne die DDR-Schule?

An dieser entzündet sich im Hauptteil unseres Heft auch die Kontroverse. Was waren die entscheidenden Gründe für diese sportlichen Erfolge? Waren es in erster Linie die frühzeitigen, zentral gelenkten Sich­tungs- und Fördermaßnahmen, angeordnet durch die Sportführung, oder waren es vorrangig die in einem abgeschotteten System möglichen Gaben von "Unterstützenden Mitteln", vulgo Doping, die das Sportwun­derland DDR ermöglichten? Was bezeugt am ehesten die Qualität der damaligen Sportför­derung: die unter permanentem, aber nicht mehr erhärtbarem Verdacht stehenden Vorwende-Höchstleistungen von Marita Koch, Kristin Otto, Marlies Göhr und Gerd Bonk oder die unter "Westbedingungen" erzielten Erfolge von Birgit Fischer, Claudia Pechstein oder auch der in der DDR selten besonders erfolgreichen Fußballer wie Michael Ballack und Bernd Schneider? Daß bei dieser Art Förderung weniger medaillenträchtige Sportarten för­dertech­nisch den Bach heruntergingen, wird in den Texten ebenfalls deutlich und ist, so ziemlich als Einziges, un­strittig.

In den Rubriken "Themen" und "Schauplätze" geht es vor allem um das Engagement der DDR-Bürgerbewegungen in der "Wende" (Stichwort "Run­de Tische") und das verschiedener heutiger Initiativen, die in der Tradition des Herbstes ´89 stehen. Deutlich wird: Auch wenn der Kampf um Bürgerrechte im klassischen Sinne ein zentrales Anliegen der damals entstandenen Organisationen war, auf eine Bürgerrechtsbewegung lassen sie sich nicht reduzieren – es ging um mehr. Gerade hier knüpfen heute tätige Gruppierungen an. Wenn wir uns mit der Geschichte oppositioneller Kreise in der DDR und der der späteren Bürgerbewegungen beschäftigen, nach der Tragfähigkeit einstiger Denk­ansätze fragen, sollten wir also immer auch die sozialen Konflikte insbesondere des letzten Jahrfünfts im Blick haben.

Im Auftrag der Redaktion
Uwe Boche und Erhard Weinholz


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