Heft 51/2005 | Sportwunderland ddr | Seite 10 - 13

Hans Joachim Teichler

Tumulte in Planitz

Dass die DDR-Machthaber bei der Zerschlagung des Vereinswesens und beim Aufbau herrschaftskonformer Basisstrukturen des Sports besondere Schwierigkeiten mit Traditionsmannschaften des Fußballs hatten, kann in­zwischen als bekannt vorausgesetzt werden. Paradebeispiel ist die Mannschaft des letzten Deutschen Fußballmeisters aus dem Jahr 1944: Der Dresdner SC musste als kommunale Sportgemeinschaft Dresden-Friedrichstadt an­­treten und unterlag im Endspiele der ersten DDR-Meisterschaft der neu gebildeten BSG Horch Zwickau – nach Meinung vieler Anhänger aufgrund einer einseitigen Schiedsrichterleistung.  Wenig bekannt ist dagegen, dass die Anhänger der Zwickauer Mannschaft, die aus der aufgelösten SG Planitz zusammengestellt worden war, ein Jahr zuvor ebenfalls gegen die Funktionäre des Deutschen Sportausschusses tumultartig protestiert hatten, nachdem ihre "Vereins"-Mannschaft gegen eine neugebildete BSG verloren hatten. An diesem Fußballbeispiel sollen die Widerstände gegen die Neustrukturierung des Basissports dargestellt und analysiert werden.

Das Schicksal der SG Dresden-Friedrichstadt ist jedem fußballhistorisch Interessierten bekannt. Die Mannschaft um Helmut Schön unterliegt am 16. April 1950 im Spiel der beiden besten Mannschaften der ersten DDR-Oberliga im Sachsenderby der neu formierten BSG Horch Zwickau im heimischen Ostra-Gehege – inzwischen in Hans-Steyer-Stadion umgetauft – mit 1:5. Nachdem ein Dresdner Spieler frühzeitig nach einem Foul verletzt wird und das Feld verlassen muss, spielen die Dresdner in Unterzahl weiter. Zu diesem Zeitpunkt steht es 1:1. Ein Foul am Dresdner Schlussmann Birkner lässt der schwache Schiedsrichter durchgehen, was die Zwickauer zur Führung nutzen. Das Spiel endet 5:1 für Zwickau, erzürnte Dresdner Anhänger stürmen den Platz. Der anwesende stellvertretende Ministerpräsident Walter Ulbricht und später auch Manfred Ewald – in einer Mitteilung des Deutschen Sportausschusses (DSA) - würdigten die Leistung der Betriebssportmannschaft als Sieg des sozialistischen Sports:
"Besonders aber begrüßen wir es, dass die Sportler der großen Betriebssportgemeinschaft eines volkseigenen Betriebes diesen Sieg errungen haben. Sie sind es, die durch unermüdliche Arbeit mitgeholfen haben und ständig weiter mithelfen, die Lebenslage unseres Volkes zu verbessern. Ihr Sieg in dieser Meisterschaft bewies, dass die Demokratische Sportbewegung auf dem richtige Wege ist, wenn sie ihre besondere Aufmerksamkeit und Förderung dem Betriebssport in denn Betrieben des Volkes zuwendet. Und darum werden die provokatorischen Ausschreitungen nach dem Spiel der Anlass dazu sein, nun erst recht die Arbeit in den Betriebssportgemeinschaften zu stärken" (Baingo & Horn, 2003, S. 18).

Das Verhalten von Zuschauern und Mannschaft wurde mit einer Heimsperre von sechs Monaten bestraft. Helmut Schön, immerhin persönliches Mitglied im Deutschen Sportausschuss, floh mit den meisten Spielern nach West­berlin, wo sie bald für Hertha BSC antraten.

Obwohl dieser Spielausgang beim Endspiel der ersten DDR-Oberligasaison 1949/1950 der politischen und sport­lichen Führung in der DDR "gefallen" haben dürfte, existiert bis heute kein einziger Beleg für eine angeordnete "Verschiebung" des Spiels zu Gunsten der BSG Horch Zwickau. Angesichts der schwachen Schiedsrichterleis­tung und der politischen Aufladung des Spiels – der Dresdner SC verkörperte die Vergangenheit und das alte Ver­einsprinzip, die Betriebssportgemeinschaft Horch Zwickau dagegen das neue "sozialistische" Organisati­ons­prinzip des Basissports – wurde dies aber von einer großen Zahl Dresdner Fußballanhänger so interpretiert.

In den inzwischen zahlreichen Publikationen zum DDR-Fußball (vgl. Baingo & Hohlfeld, 2000; Baingo & Horn, 2003; Friedemann, 1991; Luther & Willmann, 2003; Pleil, 2001) wird aber übersehen, dass sich ein Jahr zuvor ein ähnlicher Vorfall abgespielt hatte. Auch hier waren die Spieler der BSG Horch Zwickau beteiligt, jedoch noch unter anderem Namen und mit genau umgekehrter Rollenverteilung. Sie spielten in der Sportge­meinschaft Planitz, die quasi mit dem alten Fußballverein der Industriestadt, die südwestlich von Zwickau liegt, und damals rund 25.000 Einwohnern hatte, identisch war. Die SG wehrte sich hartnäckig gegen alle Versuche, die erfolgreichen Kicker der BSG Horch Zwickau zu überlassen. Bei einem Fußballspiel am 1. Mai 1949 kam es gegen eine Mannschaft der "Zentral-Betriebssportgemeinschaft Industrie Leipzig", einer neugebildeten Retorten-Mannschaft unter einem BSG-Etikett, zum Eklat. Nach eben­falls "unglücklichen" Schiedsrichter-Entschei­dungen gewannen die Leip­ziger, und diesmal stürmten die Planitzer Zuschauer den Platz. Sie belagerten die Funktionäre des jungen DSA im Vereinshaus, die erst nach massiven Polizeieinsatz befreit werden konnten. Über den dramatischen Vorfall berichtet ein Schreiben des Deutschen Sport­ausschusses an den Landesvorstand der SED Sachsen vom 4. Mai 1949, von dem sich ein Durchschlag in den Sportakten der FDJ befindet, die ja bekanntlich neben dem FDGB einer der beiden Träger1 des Deutschen Sportausschusses war:"
Vertreter des Deutschen Sportausschusses hatten Ge­­­legenheit, am 1. Mai dem Fussballspiel der Zentral-Be­triebs­sportgemeinschaft "Industrie Leipzig" gegen die Sportgemeinschaft Planitz beizuwohnen. Dieses Spiel wurde von dem Dresdener Schiedsrichter Schulz geleitet. Bei diesem Spiel ergaben sich Vorkommnisse, deren politische Aus­wirkungen weit über den Rahmen der demokratischen Sportbewegung gehen und dem Landesvorstand Sachsen auf keinen Fall unbekannt bleiben dürfen. Bevor wir auf die Vorkommnisse eingehen, einige Bemerkungen zu dem Stand der Sportarbeit in Planitz.  

Ausgehend von der grundsätzlichen Einstellung unserer Partei, dass der Sportbetrieb der demokratischen Sportbewegung sein festes Fundament in den Betrieben haben muss, wurde vom Landessportausschuss Sachsen der Versuch unternommen, in Planitz die Sportgemein­schaft in Verbindung mit den Horch-Werken zu einer Betriebssportgemeinschaft umzuwandeln. Es ist uns bekannt, dass die gesamte Sportarbeit in dieser Sportge­meinschaft sich von alten Grundsätzen des bürgerlichen Sports leiten lässt und dass der neuen Aufgabenstellung von seiten der dort verantwortlichen Funktionäre nur äusserliche Beachtung geschenkt wird. Alle Bemühungen, selbst mit Hilfe der örtlichen Parteiorgane, die von Heidler und Jahns­müller eingeleitet wurden, sind gescheitert. Obwohl jeder Genosse erkennen muss, dass eine Strukturveränderung im Sport notwendig ist, haben sich in Planitz die verantwortlichen Funktionäre, die Mitglieder unserer Partei sind, und be­sonders der Bürgermeister, gegen diese neue Entwicklung gestemmt. Wie feindlich sie dieser Entwicklung gegenüber stehen, zeigen die Vorfälle am 1. Mai.

Ungefähr 20.000 Zuschauer beobachteten den Einmarsch der beiden Mannschaften und gaben beifällig zum Ausdruck, dass der Schiedsrichter Schulz anwesend war. Es ergab sich, dass Schulz 2 Tore für Planitz für ungültig erklärte. Von der sporttechnischen Seite ergeben sich da­rüber Diskussionen, die aber nicht dahin führen, dass man von einer Böswilligkeit von seiten des Schiedsrichters sprechen kann, sondern dass die­ser in wirklich sehr komplizierten Situationen Entscheidungen fällen musste, die nicht zu seiner Popularität beitragen konnten. Die Stimmung bei den Zuschauern, unter denen ja die meisten aus Planitz und Zwickau waren, war also sehr gespannt, und da die Disziplin der Zuschauer stets zu wünschen übrig lässt, musste alles vermieden werden um nicht noch mehr Wasser auf die Mühlen zu gießen. In diesem Augenblick hatten die verantwortlichen Funktionäre die Pflicht, für Beruhigung zu sorgen. Das Gegenteil geschah.

Der Stadtverordnetenvorsteher aus Planitz sprach in der Halbzeit zum Publikum und wandte sich so scharf persönlich gegen den Schiedsrichter, so dass für diesen eine unmittelbare Bedrohung 1. durch den Sprecher und 2. durch die aufgestachelten Zuschauermassen entstand. In dem Moment wurden verantwortliche Funktionäre des Landessportausschusses, des Deutschen Sportausschusses und die gesamte demokratische Sportbewegung beschimpft. Er erklärte, dass der Schiedsrichter zugunsten der Betriebssportge-meinschaft gekauft worden sei. Wie ein politischer Provokateur trat dabei besonders der Bürgermeister Götze in Erscheinung. Dieser stellte sich vor die Zuschauertribüne und sagte, dass das Spiel verkauft sei und dass "die da oben" diese Situation vorbereitet hätten. Darauf setzte ein wildes Heulen von seiten der Tribüne ein und weitere Schmähungen auf die demokratische Sport­bewegung wurde laut.

Diese Situation war so, dass Vertreter des DS dem Stadtverordneten das Mikrofon aus der Hand nehmen musste und der Org.-Leiter Spraf­ke einige Worte an die versammelten Zuschauer richtete. Die Auswirkungen waren so, dass nach Spielschluss die Leipziger Mannschaft, die eine sehr ordentliche und saubere Haltung zeigte, und bei der der Genosse Fritz Gödicke einen grossen Einfluss auf sämtliche Spieler ausübt, von dem Planitzer Publikum schwer bedroht wurde. Sämtliche Polizei musste aufgeboten werden, um die Spieler und den Schiedsrichter zuschützen. Ca. 400 Personen belagerten das Haus, in dem sich der Schiedsrichter aufhielt, und es war notwendig, das Polizeikommando zu verstärken, um nach einer Stunde die Massen zerstreuen zu können.

Diese Vorgänge beobachtete der Leiter des DS, Ernst Horn, und die Sekretariatsmitglieder Ewald und Sprafke. Es war ein unwürdiges Bild für die demokratische Sportbewegung, das nur dadurch entstand, weil die verantwortlichen Funktionäre der Sportgemeinschaft Planitz völlig undiszipliniert und entgegen den grundsätzlichen Auffassungen der Partei dort eine egoistische traditionsgebun­dene Sportpolitik verfolgen, die in den alten bürgerlichen Ideologien bekannt ist.

Die Vertreter des DS sind der Auffassung, dass die Haltung des Bürgermeisters Götze eines Parteigenossen unwürdig ist. Zu bemerken ist noch dass der DS seit seinem Bestehen ständig Schwierigkeiten mit der Leitung der Sportgemeinschaft Planitz hat.

Wir geben diesen Bericht von unserer Seite, weil wir wissen, dass auch von seiten des Landessportausschusses zu dieser Frage die Partei angesprochen wird.Wir bitten das Sekretariat, nach Rücksprache mit dem LSA zu dieser Angelegenheit Stellung zu nehmen und eine Veränderung der politischen Führung für die Sportarbeit in Planitz sicherzustellen."2

Eine Durchschrift des Schreibens erhielten: das Ju­gend­sekretariat des Zentralsekretariats der SED, der Lan­desausschuss der SED Sachsen und der Zentralrat der FDJ.

Der Vorfall vom 1. Mai 1949 hatte für die SG Planitz ernstere Folgen als für die SG Dresden-Friedrichsstadt im Frühjahr 1950. Die 1. Fußballmannschaft der Sportge­meinschaft Planitz wurde aufgelöst, und die Spieler wurden der BSG Horch-Zwickau eingegliedert. Der sportliche Zufall brachte es mit sich, dass nur ein Jahr später, wie oben geschildert, die gleichen Spieler nunmehr als Repräsentanten des sozialistischen Sports angesehen wurden.

Dieser Fall ist in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich:
1.    Er ist beispielhaft für die Schwierigkeiten der Durch­­­setzung des neuen, betriebsgestützten Organisati­ons­prinzips im Basissport. Dort sympathisierten selbst örtliche SED-Funktionäre – wie der Fall Planitz zeigt – noch immer mit dem "alten" Vereinsprinzip, und vielfach war der fußballerische Lokalpatriotismus noch stärker als die Parteiräson. Die Auflösung der 1. Mannschaft der SG Planitz und ihre Eingliederung in die Betriebsmann­schaft der Horch-Werke belegt den Rigorismus, mit dem gewachsene Strukturen zerschlagen wurden ,und demonstriert gleichzeitig die Strategie, die ungeliebte neue Orga­ni­sationsform BSG durch prominente Zugänge zu popularisieren.
2.    Mit der Auflösung der 1. Mannschaft der SG-Planitz bzw. ihrem Zwangstransfer zur BSG nach Zwickau im Jahr 1949 und der Sperre der SG-Dresden-Friedrichstadt nach der Saison 1949/1950 wurde – wie auch in anderen Ostblockstaaten – ein symbolisches Exempel gegen die alte bürgerliche Vereinstradition statuiert. Während es in der DDR den alten Fußballmeister Dresden noch moderat und nur auf der sportlichen Ebene traf, sahen sich im nahen Prag die Eishockeyspieler des LTC-Prag sogar dem Vorwurf der Spionage und des Hochverrats ausgesetzt. Sie hatten nach dem sportpoliti­schem Verbot, als Sokol-Mannschaft ihren  Weltmeistertitel in London zu verteidigen, im März 1950 insgeheim ihre Ausreise erwogen und wurden verhaftet und zu hohen Strafen verurteilt (vgl. Libal, 2004, S. 83-97). Die Flucht der Dresdener Fußballer nach Westberlin gelang dagegen unbemerkt.
3.    Die über ein Jahrhundert alte Vereinstradition des deutschen Sports erwies sich als überaus zählebig. Noch 1954 musste sich die junge Sportbewegung der DDR, seit 1952 fest am Gängelband des Staates, von einer Unter­suchungskommission des Zentralkomitees der SED den Vorwurf gefallen lassen, bürgerliche Vereinstraditi­onen zu dulden:
"Alte bürgerliche Vereinstraditionen, Lokalpatriotismus ... werden geduldet. So feierten ehemalige Mitglieder des VfB Leipzig (erster deutscher Fußballmeister; der Verf.) Ende 1953 das 50-jährige Bestehen dieses ehemaligen bürgerlichen Vereins. Diese Feier wurde von einem nach USA ausgewandertem ehemaligen VfB-Mitglied mit ca. 1000 Dollar finanziert."3

Fußballrückstand in der frühen DDR
Während sich die SED mit bürgerlichen Vereinstradi­tionen auseinander setzte und nach sowjetischen Vorbild den Sport umorganisierte, stellten Abgesandte der Fuß­ballsektion des Deutschen Sportausschusses nach einer Reise nach Westdeutschland im Frühjahr 1949 mehrmals fest, dass dort schon ein höherer Entwicklungsstand im Fußballsport erreicht worden sei:
"Für den gesamten Fußballsport in der sowjetisch besetzten Zone ist es unbedingt erforderlich, dass er sich qualifiziert. .... Auf der Rückfahrt nahmen wir Gelegenheit, einem Fußballspiel in Duisburg beizuwohnen, an dem 40.000 Zuschauer teilnahmen und wo es sich zeigte, dass der westdeutsche Fußball außerordentlich gut entwickelt ist und es aller Anstrengungen bedarf von unserer Seite, ihm gleichwertig zu sein."4

Abgesehen von den in diesem Bericht aufgeführten Gründen dürfte dieser besonders im Fußball auffällige Rückstand der sportlichen Nachkriegsentwicklung in der SBZ/DDR in den frühen fünfziger Jahren auf folgenden Ursachen beruhen:

Die Zerschlagung des politisch belasteten (Nationalsozialistischer Reichsbund für Leibesübungen) Vereinssports war in der SBZ zweifelsohne gründlicher als in den westlichen Zonen durchgeführt worden. In der SBZ dauerte die Dominanz der kommunalen Sportgrup­pen länger an, und offensichtlich wurden auch die in der Kontrollratsdirektive 23 im Dezember 1945 verkündeten Reise- und Wettkampfbeschränkungen von 1945-1948 rigider gehandhabt als in den westlichen Besatzungszonen. Trotzdem ist es noch zu früh, eine eindeutige Antwort zu geben und diese Befunde auf die gesamte SBZ zu übertragen. Wir wissen immer noch zu wenig über die Frühphase des Sports in der SBZ. Als Beispiel für das sportorganisatorische Durcheinander in der "Sowjetzo­ne" sei an dieser Stelle nur der Bericht der Organisationsabteilung der SED über eine Konferenz zum Thema "Sport und Körperkultur in der Sowjetzone" am 27. Januar 1947 angeführt:
"Aufbau und Lenkung des Sports in den Ländern der sowjetischen Zone sind sehr unterschiedlich. (...) Die bürgerlichen Kräfte stoßen in allen Ländern mit der Absicht vor, die Führung des Sports in ihre Hände zu bekommen. Die Kräfte aus der früheren Arbeitersportbewegung fühlen sich zurückgesetzt und eine zunehmende Unzufriedenheit greift um sich. (...) Dieser Tatbestand führt zur Bildung von irregulären Sportorganisationen, wie Werksport-Organisationen, antifaschistischen Wandergruppen usw. Es gibt auch Gebiete, in denen der Sport in die Hände des Demokratischen Kulturbundes gelegt wurde. Es ist auch nicht zu verkennen, das militaristische und faschistische Kräfte sich in die Sportbewegung einschleichen."5

Wenn auch manche Entwicklungen in diesem Bericht aus politischen Gründen aufgebauscht und dramatisiert dargestellt sein mögen, wird doch deutlich, dass die Entwicklung des Sports in der SBZ bei weitem nicht so einheitlich und schematisch verlaufen ist, wie es die frühere DDR-Sportgeschichtsschreibung suggeriert. Auch die heute noch genutzten grafischen und inhaltlichen Darstellungen von Wonneberger bilden die Realität nicht ab und sind überholt, obwohl sie noch in Buss und Becker (2001) reproduziert werden. Ohne die regionalen Besonderheiten, die in dem SED-Bericht von 1947 angesprochen worden sind, im Einzelnen untersucht zu haben, spricht doch vieles dafür, dass die Zerschlagung der Traditionsmannschaften und die verordnete Neuordnung des Basissports eine große Rolle bei der verspäteten Entwicklung des DDR-Fußballs und des Sports allgemein spielten.

Hinweise auf die Vereinstreue und die Sehnsucht nach den alten Namen und vereinsähnlichen Organisationsformen finden sich bei jedem der frühen Reorganisations- und Transformationsprozesse des DDR-Sports. Das beginnt bei der Neuorganisation des Basissports 1948 und lässt sich erneut beobachten bei der scheindemokratischen Diskussionsserie im Vorfeld der DTSB-Gründung im Februar und März 1957.

Fazit
Die Zerstörung der alten Vereinsstrukturen und die zahlreichen politisch motivierten Eingriffe in die überregionale Organisationsweise des Sports (Kommunaler Sport, parallel dazu FDJ-Sportgruppen bis 1948; kurzfristiges FDJ-Sportmonopol im Frühjahr 1948; Sport in Trägerschaft von FDJ und FDGB ab 1.10.1948, der Aufbau gewerkschaftlich organisierter Industriesportvereinigun­gen 1949/1950) verzögerten die politisch gewollte sportliche Entwicklung – auch im Fußballsport – stärker als beabsichtigt. Auch der Rückgriff auf die Organisationspotentiale des Staates nutzte wenig. Mit dem 1952 gegründeten Staatlichen Komitee für Körperkultur und Sport und seinen regionalen Untergliederungen in den Bezirken, Kreisen und Städten war ein neuer und zusätzlicher Be­fehlsstrang entstanden, der die Verhältnisse im Sport der DDR eher verkomplizierte als vereinfachte. Dies war jedenfalls die Einschätzung einer Kommission des ZK der SED, welche die Arbeit der "Demokratischen Sportbewe­gung" im Jahr 1954 überprüfte:
"In der Anleitung der BSG herrscht ein regelrechtes Durcheinander. Sie erhalten vom Staatlichen Komitee, vom FDGB-Bundesvorstand, den Zentralvorständen der IG (Industriegewerkschaften; d.V.), den zentralen Leitungen der SV (Sportvereinigungen der IG; d.V.), den Präsidien und Fachausschüssen der Sektionen und den Fachkommissionen der SV auf verschiedensten Gebieten Beschlüsse und Anweisungen. Das Durcheinander ist be­sonders deshalb so groß, weil die Aufgaben und Zuständigkeiten dieser Organe nicht klar abgegrenzt sind und jeder seine Auffassung, ohne Koordinierung und Absprache, durchzusetzen versucht (SV Chemie = Wahlen; Bei­tragsregelung). Dieses Durcheinander öffnet der Anarchie und feindlichen Kräften Tür und Tor."6

Erst mit der Gründung des DTSB im Jahr 1957 knüpfte die SED wieder an alte und bewährte Strukturen des Sports mit Sportgemeinschaften (anstelle der Vereine) und Sportverbänden an. Trotz zentraler Lenkung ("Demokratischer Zentralismus") und personalpolitischer Steuerung ("Nomenklatura") entwickelten sich eine sportliche Infrastruktur, die eine fachliche Weiterentwicklung ermöglichte und begünstigte.

Eine akten- und zeitzeugengestützte Frühgeschichte des Sports in der SBZ, die regional- und alltagsgeschicht­lich angelegt ist, bleibt trotz einiger Vorarbeiten (Gallinat, 1997) ein Desiderat der Sportgeschichte. Ein SBZ-Projekt sollte den beiden DSB-Bänden über die "Wege aus der Not zur Einheit"(vgl. DSB, 1990) aus dem Jahr 1990  zur Seite gestellt werden, damit wir mehr über den Sportalltag der frühen DDR und damit auch über den Fußballsport in der frühen DDR wissen.Zu Prof. Dr. Hans Joachim Teichler siehe die biographischen Anmerkungen auf Seite 43.

1     Über die "Beauftragung" der FDJ mit der Organisation des Sports im Jahr 1948 informieren: Mählert (1995) und Teichler (2003).
2     BA SAPMO DY 24/3405, Teil III.
3     Bericht der Kommission zur Überprüfung der Arbeit der Demokratischen Sportbewegung, Berlin 12.3.1954. BA SAPMO DY 30/J IV 2/2 A 347. Vgl. auch Teichler (2003, S. 258 ff).
4     Bericht über die 2. Fußballberatung des Deutschen Fußball-Ausschusses am 7. und 8.5.1949 in Assmannshausen. Berlin, 16. Mai 1949. BA SAPMO DY 24/3405. Teil III.
5     BA SAPMO DY 30/IV2/18/3. Vgl. auch Teichler (2002, S. 29).
6     Vgl. Teichler (2002, S. 280).


Literatur

Baingo A. & Hohlfeld, M. (2000). Fußballauswahlspieler der DDR: Das Lexikon. Berlin: Sportverlag.

Baingo, A. & Horn, M. (2003). Die Geschichte der DDR-Oberliga. Göttingen: Verlag Die Werkstatt.

Buss, W. & Becker, Ch. (Hrsg.). (2001). Der Sport in der SBZ und frühen DDR. Genese – Strukturen – Bedingungen. Schorndorf: Hofmann.

Deutscher Sportbund. (Hrsg.). (1990). Die Gründerjahre des Deutschen Sportbundes. Schorndorf: Hofmann.

Friedemann, H. (Hrsg.). (1991). Sparwasser und Mauerblümchen: Die Geschichte des Fußballs in der DDR 1949-1991 Essen: Klartext

Gallinat, K. (1997). Der Aufbau und die Entwicklung von Körperkultur und Sport in der SBZ/DDR am Beispiel regionaler Entwicklungen im Land Brandenburg (Mai 1945 bis Juli 1952). Dissertation Universität Potsdam. Frankfurt/M.: Lang

Libal, M. (2004). La liquidation de l’equipe nationale tchécoslovaque de hockey sur glace par le regime communiste – Mars 1950. In J.-F. Luodcher, C. Vivier, P. Dietschy & J.-N. Renaud (Hrsg.), Sport et Ideologie (VIIe Congrès International du Comité Européen de l’ Histoire du Sport, Tome II, S. 83-97). Besancon : Dépôt légal-3e trimestre 2004.

Luther, J. & Willmann, F. (2003). BFC Dynamo – Der Meisterclub. Berlin: Das Neue Berlin

Mählert U. (1995). Die Freie Deutsche Jugend 1945-1949. Paderborn: Schöningh.

Pleil, I. (2001). Mielke, Macht und Meisterschaft. Berlin: Links

Teichler, H. J. (2002). Die Sportbeschlüsse des Politbüros. Köln: Sport und Buch Strauß.

Wonneberger, G. (2001). Studie zur Struktur und Leitung der Sportbewegung in der SBZ/DDR (1945-1961). In W. Buss & C. Becker (Hrsg.), Der Sport in der SBZ und frühen DDR. Genese – Strukturen – Bedingungen (S. 167-248). Schorndorf: Hofmann.

 

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