HEFT 04/2005 | Editorial | SEITE 81

 

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

unsere letzte Ausgabe in diesem Jahr widmet sich vornehmlich dem Thema "Boheme in der DDR". Dabei ging es uns nicht nur um das Leben von Freaks, Künstlern und anderen "Aussteigern". Wir wollten alternative Überlebensstrategien von Menschen vorstellen, die sich einem "normalen" 8-Stunden Arbeitsalltag in der DDR zu entziehen versuchten. Der Arbeitsplatz galt unter anderem wegen des Kollektivdrucks immer auch als ein Ort der sozialistischen Erziehung. Soweit die Planung.

Doch schien bei uns der Wurm drin zu stecken, mehrere Autoren sagten beinahe in letzter Minute ab und konnten nicht ersetzt werden. Obendrein wurden die beiden verantwortlichen Redakteure krank und waren nur beschränkt arbeitsfähig. Daher fällt der Hauptteil etwas schmaler aus als ursprünglich vorgesehen. Wir werden versuchen, Beiträge zum Thema in späteren Ausgaben nachzureichen. Im einführenden Text stellen wir ein Ausstiegsmodell im Ostberlin der 80er Jahre vor. Dass eigenständiges Leben unter den Bedingungen einer Diktatur stets bedroht ist, zeigt Matthias Zeng in einem Beitrag über den "Assi-Paragraphen" 248 StGB, der auch die NS-Zeit einbezieht und Beispiele für die Anwendung des Asozialen-Begriffs sogar in der heutigen Zeit nennt. Besonders freuen wir uns, mit Werner Hampl einen Zeitzeugen gewonnen zu haben, der die Vorgeschichte seiner Flucht im Jahr 1962 durch einen Tunnel unter der Berliner Mauer schildert. Des weiteren stellen wir einige Biografien vor, in denen beispielhaft von Ausstiegsmöglichkeiten aus einem normalen Leben in der DDR berichtet wird. Dass die Durchsetzung eigenständiger Lebensmodelle auch heute noch zu Auseinandersetzungen führt, verdeutlicht Christoph Villinger, der einen  Blick auf den Streit um das Künstlerhauses Bethanien in Berlin-Kreuzberg wirft.

Von den Beiträgen in Themen und Schauplätze wollen wir hier nur zwei erwähnen: Wolfgang Tem­plin entwickelt in Auseinandersetzung mit Publikationen der letzten Jahre seine Sicht auf die alternative DDR-Friedens- und Menschenrechtsbewegung sowie den Charakter der damaligen Verhältnisse hier­zulande und die europäische Bedeutung der Umbrüche im Herbst 1989. Rudi Pahnke stellt ein wichtiges Projekt zur israelisch-palästinensisch-deutschen Ver­­­stän­­digung vor.

Schon jetzt möchten wir auf das Hauptthema von Heft 2/2006 hinweisen, in dem es um Konflikte und Animositäten zwischen Zeitzeugen und Zeithisto­rikern gehen soll. Erstere fühlen sich z. B. oft nicht richtig wiedergegeben, letztere leiden unter Vorwürfen, das Geschehen nicht richtig erfasst zu haben – ein Spannungsfeld, in dem manch eine(r) von Ihnen selbst steht oder stand, vielleicht sogar doppelt: als Historiker und Zeitzeuge zugleich.  Wir würden uns freuen, wenn Sie aus Ihrer jeweiligen Perspektive einen kurzen Beitrag beisteuern könnten. Es darf diskutiert werden!

Wir wünschen allen unseren Lesern ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein gesundes Neues Jahr in Frieden.

Im Namen der Redaktion
Dirk Moldt und Werner Kiontke


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