Heft 52/2005 | themen | Seite 29 - 33
Gert Geißler
Landfriedensbrecher
Eine zeitweilige Festnahme am 31. Oktober 1965 in Leipzig
Wegen der Festlichkeiten zum achthundertsten Stadtjubiläum war manches repariert, geputzt und angestrahlt worden. So war die blanke Giebeluhr des Leipziger Neuen Rathauses gut zu sehen auch hochoben durch ein nordseitiges Fenster des großräumigen Polizei- und Justizgebäudekomplexes in der Dimitroffstraße. Während der Staatsanwalt hinter Schreibtisch und dazugehöriger Lampe noch etwas hantierte, zeigte sie einem müden jungen Mann 2.40 Uhr an.
Der zur Vernehmung Gebrachte rechnete wenigstens zu solcher Stunde mit seiner Entlassung. Er musste doch, drängte das soziale Gewissen des gerade Siebzehnjährigen, nach Hause und zur Arbeit! Schon drei Stunden zuvor, als ihm nach einem langen Tag ohne alle Versorgung gleich allen polizeilich Zugeführten eine dünn bestrichene »Bemme«, dazu Tee, ausgeschenkt in hausübliche blaue Plastebecher, ausgereicht worden war, hatte er gehofft, endlich entlassen zu werden.
»Gegen Sie ist ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden«, erklärte der Staatsanwalt, »wegen Landfriedensbruchs«.
Der aus seinen heimwärts gewandten Betrachtungen aufgeschreckte junge Mann, Maurerlehrling und angehender Abiturient, war fassungslos. Es mochte dieser Zustand sein, der es ihm für einen Augenblick sogar gestattete, sich geschmeichelt zu sehen. Noch nie war er so ernstgenommen worden wie hier durch die Staatsorgane, trauten diese ihm, dem bislang Namenlosen mit immerhin mittelmäßiger Betragensnote, offenbar tatsächlich die Kraft zu, den Frieden des Landes zu brechen. Und da der schon ergrauten Ermittlungsführer wissen ließ, ja, es habe Alarm gegeben, er käme extra aus Delitzsch, war klar, dass der Frieden bis in die Landkreise des Bezirkes Leipzig erschüttert war.
Für einen Moment bedauerte der junge Mann, seinen Gegenüber um die Sonntags- und Nachtruhe gebracht zu haben. Aber nötig wäre das nicht gewesen, besann er sich. Das Ganze sei ein Irrtum. Er habe nichts gemacht, wirklich nicht.
»Das werden wir ja sehen!«, kam es ungerührt zurück.
Zu beantworten zwischen Nacht und Morgen hatte der halbwüchsige Ruhestörer nun eine Reihe polizeilich zwar verständlicher, ihm aber gefährlicher Fragen. Weshalb sei er der über Polizeilautsprecher mehrmals erteilten Aufforderung, den Platz zu verlassen, nicht nachgekommen? Wie könne es sein, dass er die Ansage aus dem Lautsprecherwagen der Volkspolizei nicht vernommen habe? Und was überhaupt habe er herrgottsfrüh am Sonntagvormittag in der Innenstadt zu suchen gehabt?
Im inzwischen errichteten Lichtkegel hellwach geworden, versuchte der Befragte zunächst wortreich zu erklären, bereits »im Weggehen«, also beim geforderten Verlassen des eher zufällig gequerten Marktplatzes, mithin also ungerechtfertigt ergriffen worden zu sein. Es sei die dichte Menschenmenge und dann die Festnahme selbst gewesen, die ihn daran gehindert habe, eingedenk der Lautsprecherdurchsage seinen selbstverständlichen Beitrag zur Gewährleistung der gesetzlichen Ordnung zu leisten. Und am Sonntagvormittag habe ihn allein der Wunsch in die Stadt geführt, im Vorverkauf eine Kinokarte für die Filmbühne »Capitol« erwerben zu wollen. Das sei ja nicht verboten, wagte er hinzuzusetzen. Und das durch die Ereignisse des Tages unbenutzt gebliebene Billett – in Wirklichkeit schon tags zuvor erstanden – habe er, hier, bitte sehr, bei sich. Es im Vorverkauf zu erstehen, sei bei dem Andrang unumgänglich gewesen, denn gezeigt werde ja der Westfilm »Moral 63« mit Nadja Tiller. Dafür, dass er noch nicht ganz das Alter erreicht habe, ab dem der Streifen zugelassen sei, könne man ja vielleicht doch ein gewisses Verständnis aufbringen.
Wie es aussah, nahm der Vernehmer die unschuldige Darstellung zu Protokoll, aber mit seinem Fragekatalog war er noch keineswegs zu Ende.
»Wer war da noch dabei?!«
Der Wahrheit die Ehre zu geben, war dem Landfriedensbrecher jetzt nicht mehr möglich. So wurde die Staatsperson immer unzufriedener. Es sei wohl ein Gespräch an anderer Stelle vonnöten, hieß es schließlich.
Immer mehr war der milchgesichtige Landfriedensbrecher im Spiel der Widerworte auf seinem Stuhl zusammengesunken. Alle schönen Zukunftsräume verflüchtigten sich ihm im Wechsel von Wut, Verzweiflung und Apathie. Zwar hatte er seinem Tagebuch nicht wenige kritische Gedanken über das Land anvertraut, aber dessen Frieden doch nicht brechen, es eben nur verbessert wissen wollen. Welche Strafe ihn erwartete, wollte er schon schicksalsergeben geworden noch wissen. So erfuhr er endlich, dass sein Vergehen – sonst, so kombinierte der Vernehmer, wäre er ja nicht hier – mit bis zu drei Monaten Gefängnis geahndet werde, zumindest aber mit Geldstrafe. Auch das Letztere war dem trotz seiner Sparsamkeit gänzlich mittellosen Jüngling kein Trost.
Man ließ den jungen Kinofreund sodann abführen, mit dem Fahrstuhl wieder hinauf in den schummrigen »Kultursaal« des Volkspolizeikreisamtes. Hier nun waren in den verschraubten Klappstuhlreihen die meisten der tagsüber im Innenstadtbereich gefassten 267 Jugendlichen zur weiteren Verfügung in aller Enge festgesetzt. An Schlaf war noch immer kaum zu denken. Die Vernehmungen liefen fort. Immer neue Namen wurden aufgerufen. Klapptische rasteten aus. Müde Gestalten stemmten sich nach oben. Es war ein Gehen und Kommen die ganze Nacht. Noch immer stand zur Längswand des Saales in Zwangsstellung jener jugendliche Renitente, der »Nazischweine« gerufen, dafür von den gemeinten Volkspolizisten Knüppelschläge auf die ausgestreckten Arme erhalten hatte. Ein dumpfes Geräusch! Bei alledem grüßte von der Stirnseite des Saales das freundlich-väterliche Porträt des Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht, auf gut gestrafftem rotem Tuch daneben die Kampflosung, dass man schütze, was des Volkes Hände schufen.
Der zukunftsbange junge Mann konnte sich durchaus noch glimpflich behandelt fühlen. Zwar hatte er nach seiner Zuführung gemeinsam mit vielen anderen zunächst etwa eine Stunden mit gespreizten Armen und Beinen, diese ab und an durch Polizeistiefel kräftig auseinandergeschlagen, an einer Hofmauer gestanden. Auf einem langen Korridor, dabei Glied in einer weiteren Kette von Landfriedensbrechern, Gesicht zur Wand, waren ihm dann die vier folgenden Stunden dahingegangen, unterbrochen nur von Leibesvisitation und Registrierung. Aber man hatte ihn, vielleicht wegen seines relativ harmlosen Aussehens, weder mit dem Kopf gegen das Mauerwerk gestoßen noch mit dem Polizeiknüppel traktiert. Messer, Schlagringe, Ketten und anderes Gerät trug er nicht bei sich. Auch war er nicht durch milieutypische Glockenjeans, Anhänger, Aufnäher, angesteckte Injektionskanülen, noch weniger durch Tätowierungen aufgefallen. Selbst am Haar war er beim Einlauf in die Dimitroffstraße, eine von griffbereiten Volkspolizisten gebildete Gasse hindurch, nicht zu fassen gewesen, dank seiner Eltern, die einen ordentlichen Haarschnitts gerade noch hatten durchsetzen können.
Günstig gestaltet hatte sich – wie sich später herausstellte – auch die durch zwei Mitarbeiter der Staatssicherheitsorgane gegen Mitternacht vorgenommene Revision seiner häuslichen Verhältnisse. Hinweise auf die Vorbereitung seiner Tat, etwa fehlende Arbeitsplatzbindung oder ein landfriedensbrecherisch ausgestaltetes Jugendzimmer, waren nicht zu erbringen gewesen. Vielmehr hatte der Vater die Stasimänner vor den Bücherschrank mit den gesammelten Werken von Marx, Engels und Lenin Platz nehmen lassen. Weder er noch der Bücherbesitzer, der älterer Bruder, stolz-naiver Offiziersanwärter, später wegen Dienstverweigerung in Unehren entlassen, hatte die Editionen je lesend angerührt. Und auch der junge Mann hatte nicht ahnen können, welchen Nutzen das Aufstellen der inhaltlichen Fremdkörper im Bücherschrank noch bringen würde, nämlich dann, wenn die Staatsmacht nach den Massen greift.
Vergeblich suchte der junge Mann nach Schlaf. Bilder stiegen ihm auf: Erst die Leipziger Herbstmesse, dann die sich über drei Wochen bis in den Oktober hinziehende 800-Jahrfeier der Stadt, Beatgruppen überall freitags, sonnabends, sonntags in den Tanzsälen, auf Freilichtbühnen – Jugend im Taumel der neuesten, von ihren Gruppen umgehend nachgespielten Hitparaden auswärtiger Sender. Und am 10. Oktober, dem Tag der »Volkswahl«, nach 18 Uhr und dem Schluss der Wahllokale dann wildeste Begeisterungsschreie auf dem um den Mendebrunnen drängend voller, von den Fahnen der Arbeiterklasse gesäumten Karl-Marx-Platz. Die für das Wahlfest engagierten »Butlers« hatten oben auf der Bühne einfach »Satisfaction« angeschlagen. Freiheiten lagen in der lauen Abendluft, auch etwas »Waldbühne«, eben »Action in der Zone«, wie hier und da fröhlich-provokant die Fans skandierten, während wohl auch Bänke kippten, Mülltonnen stürzten und Gebrauchsglas zerbrach. Die Stadttauben flogen auf.
Manches hatte sich in letzter Zeit recht locker entwickelt beim Beat. Im stets übervollen »Volkshaus Wiederitzsch« etwa drohte Saalschlacht allemal beim Jugendtanz. Noch bevor in der Gartengegend die Sonne ganz geschwunden war, flogen die Gute Luise, Clapps Liebling und der Rote Boskoop hierhin und dorthin in die Tiefe der schummrigen Stätte, selbst die Gitarristen auf der Bühne in die Hocke zwingend. Ein letzter Höhepunkt dann die nächtliche Heimfahrt mit der letzten Bahn der Linie 16: In den von der übermütigen Jugendschar okkupierten Wagen keiner, der den Leipziger Verkehrsbetrieben die maximal 20 Pfennige Beförderungsentgelt entrichtete, aber einige, die vor begeistertem Publikum die Fahrscheinbänder in ganzer Länge aus den Zahlboxen zogen. Das Auftauchen eskortierender Funkstreifenwagen mit grimmigen Genossen vermochte die Lebensfreude der staatsfernen und nicht nüchternen jugendlichen Gemeinde, deren Mitglieder hinter angelaufenen Scheiben höhnisch nach draußen grüßten, nur noch zu steigern. Ähnlich auch anderswo in der Stadt, im »Sack«, dem Sächsichen Hof, im »Anker«, dem »Jugendklubhaus Nord« oder in der »Einheit«, dem »Klubhaus der Eisenbahner«, noch auffälliger hier und da in Landgemeinden der Leipziger Tieflandsbucht, in denen an den Wochenenden kaum noch jemand zur gewohnten Ruhe fand.
Das Zentrum der Messestadt war auch wochentags voll des neuen Jugendlebens. Allabendlich setzten hier staatlich nicht anerkannte, subkulturelle Jugendführer wie der unübertroffen langhaarige, hochaufgewachsene »Socke« – selten gesehener, dann aber von Mitschülern respektvoll bestaunter Maurerlehrling an der Betriebsberufsschule des jungen Mannes – mit ihrem Anhang, mit plärrenden Kofferradios, knatternden Mopeds und manchen Freveleien ungewohnte Akzente dem biederen Bürger. »Dass die noch so frei rumloofen derfen, friejer hät´s sowas nisch gegehm«, schimpfte vor sich hin ab und an ein kopfschüttelnd ausweichender Passant.
Insbesondere vor dem »Capitol« konnte man die frechen, bevorzugt »Karo« rauchenden Haufen erleben. Sofern kein Streifen aus sozialistischer Produktion lief, sah man die nach ihrer Identität und eigenen Ausdrucksformen suchenden Jugendlichen auch im großen Kinosaal. Schon während der Dia-Werbeschau und dem Spiel von Erich Neumann auf der Hammond-Orgel, mehr noch aber während des volkserzieherischen Vorprogramms mit Kulturfilm und dem DEFA-Augenzeugen erfuhr das Leinwandgeschehen durch lautes Rülpsen klare Kommentierung. Auf Kosten mancher Rentnerbank und der öffentlichen Ordnung im Umkreis gastronomischer Einrichtungen trieben es die Rohlinge auch im Clara-Zetkin-Park, ebenso auf der »Kleinmesse« im September, wo die jugendliche Nonkonformität im flackernden Licht zwischen Karussellen und Buden neben fliegenden Fäusten auch fliegende Flaschen zur Schau stellte. Bis sich dann am nächsten Wochenende die Jugendszene, längst weit über den harten Kern erster Beat- und »Gammler«aktivisten hinausgewachsen, wieder der Tanzsäle bemächtigte.
Zu Beginn der letzten Oktoberdekade – der offizielle Teil der Gesellschaft stand mitten in der Vorbereitung zu den »Feierlichkeiten anlässlich des 48. Jahrestages der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution«, Genossenschaftsbauern brachten dem zu Ehren die Hackfruchternte ein, Produktionsbrigaden steckten sich neue Wettbewerbsziele, Künstler schufen neue Werke – traf die Beat-Bands, die aus staatlicher Sicht ein »gesundes Lebensgefühl« nun doch nicht hatten fördern können, endlich das Auftrittsverbot, und zwar, was die bekanntesten von ihnen anbelangte, »auf Lebenszeit«. Diese »Kapellen« hätten, wie kulturamtlich befunden wurde, der sozialistischen Laienkunstbewegung geschadet. Und tatsächlich ließen sich die Beat-Gruppen nicht wirklich in die Tradition revolutionärer Arbeitermusikbewegung einordnen.
Die Empörung des beatbegeisterten Teils der Leipziger Jugend war allgemein und tief. Bald lief ein an die »Beat-Freunde« gerichtetes Flugblatt um, das für Sonntag, dem 31. Oktober 65, für 10.00 Uhr am Wilhelm-Leuschner-Platz zu einem »Protestmarsch« aufrief. Ein Marschziel war nicht angegeben. Da aber die zumeist männlichen Beat-Freunde auch als ausgesprochen fußballbegeistert bekannt waren, drohte den Sicherheitsorganen – der staatsgefährdenden Ungeheuerlichkeiten nicht genug –, die »Zusammenrottung« werde sich hin zum Zentralstadion mit seinen hunderttausend Plätzen genau vor jene Kameras verschieben, die ab 13.55 Uhr das Spiel der DDR-Nationalelf gegen Österreich übertragen würden. Und während sich die zuständigen staatlichen Stellen für alle Eventualitäten rüsteten, warnten in den Schulen und Berufsschulen der Stadt, auch auf der Baustelle des jungen Mannes, Lehrer und Lehrmeister eindringlich davor, zu besagter Zeit und am angegebenen Ort auf dem Leuschner-Platz zu erschienen.
Der junge Mann nahm die Warnung als Einladung. Mit seinen schaulustigen Freunden erschien er reichlich vor der Zeit am bezeigten Ort des Protestes. Der Platz war menschenleer. Enttäuscht zog die kleine Freundesgruppe vorbei am ausgebrannten Gemäuer der Universität hin zum Karl-Marx-Platz. Vielleicht suchte dort der Protestzug seinen Ursprung? Aber auch hier herrschte nur Sonntagsruhe. Fast wäre man heimgekehrt. Doch dann zog ein erster Volkspolizist den Jungen entgegen die Straße hinauf. Ein schönes Tier mit hängender Zunge führte er an der Seite. Auf gleicher Höhe machten die Jungen etwas Platz. Blicke wurden ausgetauscht, der eine wachsam, die anderen verstohlen. Also war doch nicht alles wie sonst an diesem strahlend blauen, wenn auch kalten Reformationstag. Die Jungen lenkten ihre Schritte – Kirchenglocken begannen zu läuten – in weiter Runde durch die Innenstadt zurück zum Leuschner-Platz.
Gegen zehn Uhr bot sich ihnen dort ein überraschend verändertes Bild. Rings um das weite Kreuzungsareal standen – einfach so – Menschengruppen. Soweit sich Platz bot, saßen die Protestanten auch auf den platzumgreifenden Kreuzungsgeländern, ließ die Beine baumeln, freute sich über zahlreiches Erscheinen und gemeinsames führungs- und tatenloses Hiersein. Noch immer strömten neue Beatfreunde herbei. Auch mancher Wehrpflichtige war in der Menge, um hier den letzten Tag vor der Einberufung in Zivilkleidung zu erleben und, sofern man welche hatte, sich noch einmal in Glockenjeans zu zeigen.
Ein Protestzug der anfangs kaum mehr als fünfhundert, schließlich mehr als zweitausend Herumstehenden formierte sich nicht. Anders die motorisierte Einheit der kasernierten, zur Bekämpfung innerer Unruhen sorgfältig ausgerüsteten Bereitschaftspolizei. Aus der Perspektive des jungen Mannes zog sie vom ehemaligen Reichsgericht her breit die leicht ansteigende Straße herauf, Wasserwerfer und Lautsprecherwagen zuvorderst, dann offene Mannschaftswagen, Funkstreifenwagen und schließlich – er traute seinen Augen nicht – kleine Militärfahrzeuge mit leichten Maschinengewehren.
»Bürger, Ihr Verhalten ist gesetzwidrig. Verlassen Sie den Platz!«, schallte es dem Zug mehrmals voran. Die Menge quittierte mit Pfiffen und Unwillkommensrufen. Kaum einer zeigte Beunruhigung, obwohl jeder wissen konnte, dass erst vor einer Woche beim Manöver »Oktobersturm« der »Aggressor Blau« unter den wuchtige Schlägen der verbündeten Volksarmeen plangemäß zusammengebrochen war. Ein Vorkriegsmodell der Straßenbahnlinie 11 mit sich ungläubig erhebenden Fahrgästen kam stadtauswärts im Menschenauflauf zum Stehen.
Während der junge Mann noch staunte, brach hinter ihm, vom traurigen Schiller-Denkmal her, plötzlich eine Uniformiertenkette aus dem laubschütteren, aber dichten Gesträuch der als »Grüne Lunge« gelobten städtischen Promenadenanlage. Der junge Mann spritzte davon, die Freunde nach anderen Richtungen ebenso. Einige andere, die trotzig nicht gewichen waren, wurden ergriffen. Ein Ruf nach Hilfe war zu hören. Ein Mensch, ergriffen von vier Staatshütern, wand sich unter unroutinierten Griffen auf dem Pflaster, wurde weggeschleppt. So etwas hatte er nur im DEFA-Augenzeugen oder im Westfernsehen gesehen, schwarze Bürgerrechtler in Amerika etwa, Straßenschlachten in Algerien und sonst wo in der ihm unbekannten Welt. Der junge Mann zitterte am ganzen Leibe. Das war kein Spaß mehr! Der Staat, in den er doch auch mit einigen Zukunftshoffnungen hineinwuchs, denn die Zeit schlimmer Repressionen schien ihm vorbei, schlug also auch zu.
»Wie bei den Nazis!«, lauteten die empörten Kommentare von Umstehenden.
Von einer Polizeikette wurde die Menge durch die Petersstraße an der Filmbühne »Capitol« vorbei langsam abgedrängt, immer dabei der Lautsprecherwagen. Unter dem Vorbau des neuen Messehauses geriet der junge Mann, der zuvor in Seitenstraßen eher auf Normalität gestoßen war, erneut in eine Ansammlung. Diese vergrößerte sich zusehends, denn die Polizisten des Volkes rückten mit dem Gummiknüppel nach. Dann tauchte auch der Wasserwerfer auf und begann, eine Runde um den Marktplatz zu drehen. Schön zu sehen, wie er beim Wegspritzen behänder junger Protestanten erfolglos blieb. Hämische Kommentare. Als das wasserspeiende Ungetüm auf der Höhe des Untergrundmessehauses endlich einen Passanten, dieser ein Kind an der Hand, zu Fall brachte, gellten Pfiffe von allen Seiten.
Zum Pfeifkonzert konnte der junge Mann nichts beitragen, leider! Alles Üben, den Ton zu erzeugen, war stets vergebens gewesen, obgleich Klassenkameraden das mühelos gelang. Trotzdem wurde er gleich einem Nachbarn hart von einer Zivilperson am offenen Kragen genommen. Er befreite sich, sprang zur Seite. Nun langten aus der umstehenden Menge gleich mehrere Hände nach ihm, bekamen ihn in dem Getümmel aber doch nicht recht zu fassen. Wieso ihn hier wildfremde, zumal ganz harmlos scheinende, nur wenig ältere Passanten einfach angriffen, konnte er, ganz auf Uniformierte eingestellt, nicht begreifen.
»Na los, komm, komm!« Jetzt endlich hatte man ihn gepackt. Mit aller Kraft riss er sich los. Eine Naht krachte. Egal, nur weg! Ihm nach ein diensteifriger Volkspolizist, noch jung, auch gut auf den Beinen und dazu den flinken Schäferhund an der Leine. Die Umstehenden wichen zur Seite, gaben dem gehetzten jungen Mann eine Gasse frei.
»Los, renne!«, hörte er eine helle Frauenstimme.
Und wie er rannte! Er sprintete quer über den Markt, dann unter dem langen Arkadengang des Alten Rathauses entlang, noch rechts um die Ecke des ehrwürdigen Gebäudes, nahm noch wahr, wie sich der Abstand zu seinen beiden Verfolgern erheblich vergrößerte hatte. Schon im Auslaufen passierte er die Giebelseite des Bauwerkes, schwenkte nochmals ein, erreichte auf dem Naschmarkt schon das Denkmal des jungen Goethes und wähnte sich entkommen.
Doch mit der Ausdauer eines Gespanns von Volkspolizist und Hund hatte er nicht gerechnet. Wenn auch in einiger Entfernung, so doch in Rufweite erschien dieses nur Augenblicke später wieder hinter ihm.
»Bleiben Sie stehen, oder ich mache von der Schusswaffe Gebrauch!« Es war nicht diese ihm kaum glaubhafte Androhung, die den Angerufenen erstarren ließ. Es war der Diensthund, der von der Leine sprang. Schrecksekunden vergingen. Jetzt nur nicht zucken!
»Den Ausweis!«, verlangte der seinem vierbeinigen Gefährte nachgeeilte Ordnungshüter, nahm das Dokument entgegen, blätterte es durch und zog es ein.
»Mitkommen!«
Ruhig und kontrolliert stupste das Tier seine spitze, im Beißkorb verwahrte Schnauze in die Kniekehlen des Gestellten. So wurde der junge Mann die kurze Strecke bis vor den Eingang der Mädlerpassage geführt, wo mit einer Plane überspannt ein Transportmittel der Volkspolizei wartete, oben auf den Holzbänken schon voll beladen mit Delinquenten. Etwas Gedränge, die Ladeklappe hochgestellt, Abfahrt in die Dimitroffstraße!
Entlassen wurde der zeitweilig Festgenommene, dem unschwer auch Widerstand gegen die Staatsgewalt hätte vorgeworfen werden können, gemeinsam mit vielen anderen am nächsten Tag gegen 8 Uhr. Ein früherer Klassenkamerad, quirliger Sohn eines erzieherisch erfolglosen Polizisten, fast immer ohne Hausaufgaben, aber als Dreizehnjähriger bei einer der üblichen Sammlungen für den Weltfrieden immerhin bereit, dem Klassenlehrer einen Pfennig neben die Sammelbüchse zu klicken, gelangte nicht mehr durch das Tor, vor dem der Morgennebel wallte. Zu beharrlich hatte er seine von einem aufmerksamen Volkspolizisten erst jetzt entdeckte schwarz-rot-goldene Miniflagge ohne DDR-Staatsemblem, aufgenäht am Jackenärmel, verteidigt. Genaueres über das Erleben einiger jener, die wie dieser zurückblieben, die für vierzehn Tage oder noch länger in ein Arbeitslager im Leipziger Braunkohlerevier gebracht wurden, erfuhr der Entlassene von Freunden
Um 9 Uhr auf seiner Baustelle zur Arbeit erschienen, schreckte nur der Lehrmeister den gerade Entkommenen mit der offenbar scherzhaft gemeinten Bemerkung, es sei angerufen worden, er solle doch noch abgeholt werden. Später in der Betriebsberufsschule nahm kein Lehrer sichtbar Notiz von dem Vorfall – keine Versammlung, keine Aussprache, keine Stellungnahme, nur bei einem zufälligen Zusammentreffen auf der Treppe ein ermahnendes Wort des Klassenleiters, von dem es hieß, dass er Schulparteisekretär sei. Diese Lehrer waren es, denen der junge Mann weit über diesen Tag hinaus besonders dankbar war.
Eine abschließende erzieherische Einwirkung erfolgte durch das zuständige Volkspolizeirevier in der Gottschedstraße. Auf dieses wurde der junge Mann am nachfolgenden Sonntag vorgeladen, begleitet von seinem Vater, volkspolizeilich nicht bekannter Teilnehmer der Ereignisse am 17. Juni 1953 in Leipzig. Freundlich von seinem Platz am vergitterten Fenster aus erläuterte der Wachtmeister den Geladenen die Machenschaften des an seiner Unterlegenheit leidenden »Klassenfeindes«, der diesmal mit der Jugend versucht habe, was ihm am 17. Juni nicht gelungen sei. Die Rädelsführer der zeitgleich auch in anderen Städten versuchten Ordnungsstörungen, allesamt mit »Westverbindung«, seien gestern und vorgestern festgestellt worden. Was nun den jungen Mann angehe, so solle er sich künftig von den »Radaubrüdern« fernhalten; junge, zumal bildungswillige Menschen hätten im Arbeiter-und-Bauern-Staat eine Perspektive wie niemals zuvor. Sein polizeilicher Akteneintrag werde nach zwei Monaten gelöscht.
Tatsächlich nahm der junge Mann die gebotene Perspektive etwas fester in den Blick. Niemand kam später auf die Geschichte zurück, die sich mit schon wenig veränderten Koordinaten auch ganz anders hätte entwickeln können. Und erst vierzig Jahre später sollte er im früheren Kinosaal der früheren Bezirksbehörde der Staatssicherheit erfahren, wer eigentlich die mit dem Stempelkasten gefertigten, entlang der Nord-Süd-Achse in der Straßenbahn ausgestreuten Flugblätter in Umlauf gebracht hatte: drei noch minderjährige Brüder, verurteilt dann zu mehrmonatigen Bewährungsstrafen.
Gert Geißler, geb. 1948 in Leipzig; seit 1992 Wiss. Mitarbeiter am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung Frankfurt am Main; zuvor von 1980 bis 1990 Wiss. Mitarbeiter an der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR, anschließend in der Warteschleife; Promotion 1981 zu den pädagogischen Beziehungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion 1925 bis 1933; Habilitation 1988 zum Werk von F.A.W. Diesterweg; 1994 Privatdozent; 2002 außerplanmäßiger Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin; zahlreiche Veröffentlichungen zur deutschen Schulgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert.1 einige Wochen später. Über die Verhaftung einiger in der Jugendszene stadtbekannter, als »Rädelsführer« ausgemachter »Gammler« berichtete der werktätigen Bevölkerung am 5. November die »Leipziger Volkszeitung«.
1 Siehe Wede, Jürgen: Erinnerungen eines Betroffenen. In: Rauhut, Michael: Beat in der Grauzone. DDR-Rock 1964 bis 1972 – Politik und Alltag. BasisDruck. Berlin 1993, S. 151-155L; Überblicksdarstellung auch bei Ohse, Marc-Dietrich: Jugend nach dem Mauerbau: Anpassung, Protest und Eigensinn (DDR 1961 - 1974). Links Verlag. Berlin 2003; Liebig, Yvonne: All you need is beat. Jugendsubkultur in Leipzig 1957-1968. Leipzig 2005.
Alle Artikel können auch als PDF runtergeladen werden. Es handelt sich um Auszüge aus dem jeweiligen Heft. Die Fotos werden aus urheberrechtlichen Gründen nicht abgebildet.
Diesen Artikel als PDF runterladen
Acrobat Reader 8.1 runterladen


