Heft 52/2005 | schauplätze | Seite 41 - 42
Rudi-Karl Pahnke
Brückenschlag über Abgründe
Verständigungsarbeit im Nahen Osten
Das Institut Neue Impulse ist schon seit einigen Jahren tätig, wann hat es mit der Arbeit begonnen?
Das Institut Neue Impulse gibt es seit dem 1.1.2000, aber bereits seit 1990 arbeiten viele Personen aus unserem Umkreis für die Verständigung zwischen Deutschen, Israelis und Palästinensern.
Ist das eine unabhängige Einrichtung oder Teil einer größeren Organisation?
Bis zum Jahre 2004 war das Institut bei der Evangelischen Akademie Berlin-Brandenburg verortet, seit dem 1.1.2005 sind wir unabhängig als eigenständiger gemeinnütziger Verein, das heißt als Nicht-Regierungsorganisation, nicht abhängig von Parteien, von Kirchen oder anderen Religionsgemeinschaften. Heute arbeiten wir insbesondere mit der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozialwesen zusammen. Zu unserer Initiative gehören 35 Personen, vor allem aus Deutschland, aber auch aus Israel: Christen, Nichtchristen, Juden, Atheisten.
Welches sind die Hauptfelder der Arbeit des Instituts? Und wie sieht es mit der Unterstützung etwa durch die Öffentlichkeit aus ?
Unsere Arbeit kann man in Umrissen erkennen, wenn man auf unsere Website geht: www.institut-neue-impul-se.de. Wir beschäftigen uns aktuell mit den Themen Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Interkulturalität, organisieren Zeitzeugen-Veranstaltungen und arbeiten speziell auch für die Qualifizierung von BegegnungsleiterInnen zwischen Deutschland und Israel, Deutschland und Palästina. Wir erhalten sehr viel moralische Unterstützung aus dem Inland und Ausland, so durch eine Reihe von namhaften Israelis – u.a. Zeitzeugen wie Shlomo Wolkowicz, Elisha Birnbaum, Simcha und Tamar Landau, Jizchak Zuckerkandel und Margalit Rawitz; Schriftsteller wie Roman Frister und Journalisten wie David Witzthum und Ulrich Sahm; pädagogische Experten wie Gad Arnsberg und Betty Kipn. An finanzieller Unterstützung mangelt es. Wir benötigen Sponsoren und Mittel für die Entwicklung unserer Arbeit. Da wir als gemeinnützig anerkannt sind, können wir steuerbegünstigte Spendenbescheinigungen ausstellen.
Das Institut ist offen für beide Seiten: für Israelis und Palästinenser. Wie geht das Institut bei seiner Verständigungsarbeit zwischen Israelis und Palästinensern vor? Gibt es da so etwas wie eine Strategie?
Um das seit über hundert Jahren belastete Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern zu verbessern, gibt es methodisch leider kein Wunderheilmittel, sondern nur die mühsamen kleinen Schritte der Vertrauensbildung, der Anerkenntnis des Leides der jeweils anderen Seite, des Durchschauens der Drohkulissen und der Entwicklung von Hoffnungsperspektiven für nächste Friedensschritte. Ein wichtiger inhaltlicher politischer erster Schritt, das Verhältnis zwischen den Völkern zu verbessern ist, dass jede Seite das Recht hat, ihre Sicht zur Sprache zu bringen – und dass die anderen zunächst zuhören. Das Aussprechen von Ängsten, von Hass und Rachegedanken gehört dazu ebenso wie die Thematisierung der Leiden. Auf diesem Wege kann die Verständigung zwischen den beiden Völkern wachsen. Heute kann man davon ausgehen, dass realistische politische Kräfte und Friedensaktivisten beider Seiten die Existenz der jeweils anderen nicht in Frage stellen, die Existenz des israelischen Staates akzeptieren bzw. die Existenz eines Staates Palästina für dringend erforderlich halten. Extremistische Gruppen in beiden Völkern, besonders allerdings islamistische Gruppen, schotten sich vor jeglichen Veränderungsansprüchen oder Veränderungsabsichten ab. Von daher ist es sehr schwer, mit ihnen in einen Dialog zu kommen, wenn man ihre Sicht nicht hundertprozentig teilt. Sie haben Angst vor Kollaboration und Hass auf Kollaborateure, sie begegnen jeder kritischen Infragestellung mit tiefem Misstrauen. Ihr Weltbild gleicht oftmals der Weltsicht radikaler, in sich geschlossener Sekten. Dennoch kann man deutlich erkennen, dass der Versuch, mit beiden Seiten ins Gespräch zu kommen und Kontakte aufzubauen, hoffnungsvoll ist.
Wir bemühen uns in unserer Arbeit, die Friedensfähigen und Friedenswilligen auf beiden Seiten zu stärken, ohne die Konflikte zu bagatellisieren und das Leiden der einen wie der anderen Seite zu verharmlosen. Wir arbeiten speziell mit Menschen zusammen, die sich um eine moderne Pädagogik bemühen und sie in die Praxis umsetzen – das bedeutet, dass es uns vor allem darauf ankommt, auch die TeilnehmerInnen aus Israel oder Palästina zu Worte kommen zu lassen und alle zu eigenen Initiativen anzuregen. Bei diesem Versuch haben wir schon ganz wichtige und schöne Aktivitäten erlebt bzw. es sind solche Aktivitäten im Zusammenhang unserer Arbeit und in Kooperation mit uns entstanden – der Brückenschlag von Frankfurt/Oder zu Palästina und Israel, der Brückenbau zwischen Bethlehem, Zichron-Jakow und Potsdam, die Kooperation zwischen der Hochschule Beit Berl, dem Oberstufenzentrum Cottbus, jüdischen und arabischen Schulen.
Gab es in letzter Zeit auch Rückschläge bei dieser Arbeit?
Die Zeit der Intifada hat insgesamt das Klima zwischen Juden und Arabern verschlechtert. Beide Seiten betrachten sich jetzt mit starken Vorbehalten und tiefem Misstrauen, und es wird große Bemühungen kosten, ein normales, gewalt- und angstfreies Miteinander möglich zu machen. Dennoch gibt es zu Versöhnung und Friedensinitiativen keine Alternativen.
Unser Ansatzpunkt ist stets, die Friedensfähigen und Friedenswilligen auf beiden Seiten zu bestärken und zu ermutigen. Wir stehen bei allen Kontakten und Begegnungen entschieden ein für eine Friedensoption und scheuen uns daher auch nicht, Konflikte, die wir erleben und wahrnehmen, offen zu benennen und nach ihren Hintergründen zu fragen. Wir selbst verstehen uns ja auch als Brückenbauer – ohne die eigene Rolle und die eigenen Möglichkeiten zu überschätzen, Brückenbauer, die den Dialog zwischen Juden und Arabern anregen und fördern, z.B. indem wir das Wissen über die arabische Minderheit Israels im Bewusstsein deutscher Gruppenleiter zu erweitern suchen und die Konsequenzen und Aufgaben für deutsch-israelische Begegnungen mit ihnen erörtern.
Wie können wir, nicht nur die Regierungen, sondern auch unabhängige Gruppen und interessierte Einzelpersonen, von Europa aus den Verständigungs- und Friedensprozeß im Nahen Osten fördern ?
Europäische und deutsche Gruppen können den Verständigungsprozess verstärken und befördern, wenn sie sich tiefgründig mit der dortigen Situation vertraut machen – die politischen Unterschiede, die religösen und kulturellen Differenzen zu verstehen suchen und beide Seiten in ihre Arbeit und ihre Begegnungen einbeziehen. So wird diese Arbeit eine Brücke über den Abgründen der Vergangenheit in die Zukunft. Der Schatten der deutschen Vergangenheit ist immer präsent. Wir setzen darauf, dass die Begegnungen Zukunft eröffnen und für die nächsten Generationen eine Herausforderung zum Frieden darstellen.
Institut Neue Impulse e.V., Fachhochschule Potsdam, Fachbereich 1, Friedrich-Ebert-Str. 4, 14467 Potsdam, Tel. 03315801155; Berliner Büro: Friedenstr. 52, 10249 Berlin, Tel. 42018198. Der Autor ist Leiter des Instituts Neue Impulse.
Die Fragen stellte Dirk Moldt.
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