Heft 52/2005 | feuilleton | Seite 43 - 44
Erik Esau
Coriolan
Der folgende Text ist ein Auszug aus einem bislang unveröffentlichten Romanmanuskript, dessen Handlung Mitte der achtziger Jahre spielt. André, einer der Hauptprotagonisten des Geschehens, arbeitet in einer kleinen Ludwigsfelder oppositionellen Gruppe mit und hat es übernommen, einen ihrer Aufrufe zu vervielfältigen. Zugleich hat er vor, im Prenzlauer Berg eine Wohnung aufzubrechen und zu besetzen.
23
Die Fahrt am Morgen von Ludwigsfelde ins Handelskontor dauerte zweieinhalb Stunden. André mußte mit dem Fahrrad zur Bushaltestelle fahren – in Berlin mußte er viermal umsteigen. Das letzte Stück fuhr der Bus an der Mauer entlang, mit der sich der Staat von der Außenwelt abschottete. An den Warnschildern und Wachtürmen vorbei sah André die Wohn- und Geschäftshäuser auf der anderen Seite. Er konnte bis in die Zimmer blicken, sah die Deckenlampen, die Schrankwände – eine Frau mit Lockenwicklern putzte ein Fenster.
Unter seinen Kollegen waren einige, die als Handelsreisende dort hinüber durften. Andrés Zimmergenosse, Rüdiger war sein Name, besaß eine solche Sondergenehmigung – erst am Abend zuvor war vom persischen Golf heimgekehrt. Er war im Iran gewesen, danach im Irak. Die beiden Länder lagen im Krieg miteinander – und beide Armeen brauchten Truppentransporter. Rüdiger hatte LKW aus Ludwigsfelde verkauft.
Der Kaufmann war bereits im Büro, als André eintrat. Braun gebrannt, die Hemdsärmel aufgekrempelt, im Mundwinkel eine amerikanische Zigarette, saß er an seiner Schreibmaschine und tippte den Reisebericht.
»Sechs Millionen – wie findest du das?« sagte er statt einer Begrüßung.
Hinter ihm, noch mit Mütze und Mantel bekleidet, stand der Gruppenleiter und lachte. Er hatte sich auf Rüdigers Lehne gestützt, die Arme durchgedrückt, den Kopf zur Seite gebogen. Jawohl, und dieses sei nicht die einzige herrliche Neuigkeit, setzte er fröhlich hinzu. Dann, wie ein Preisverleiher, riß er die Arme empor und schrie:
»Meine Herrn – der Kopierer ist da!«
Das Kopiergerät, das aus Japan stammte, war wegen des westlichen Technologieembargos auf einem Umweg über Sri Lanka und Jugoslawien ins Land gekommen. Der Staat unterhielt ein Netz kleinerer Firmen in Westeuropa, die unter anderen auch solche Geschäfte abwickelten. In einem Dienstwagen fuhren Rüdiger, André und der Gruppenleiter nach Pankow, um das Gerät abzuholen. Die beiden Kaufleute fuhren als Vertragsunterzeichner – André, so sagten sie ihm, habe die Ehre die Kiste zu tragen. Am nördlichen Ende der Stadt in einer Eigenheimsiedlung hielten sie vor einem zweistöckigen Neubau, der von einer mannshohen Mauer umgeben war. Der Zweck des Gebäudes war nicht zu erkennen – weder am Eingang noch am Klingelbrett war ein Name zu sehen.
Sie warteten vor einem grau gestrichenen Blechtor. Ein runder glatzköpfiger Mann mit seinem Begleiter erschien – die beiden trugen den gleichen hellbraunen Zweireiher, das gleiche hellblaue Hemd. Sie umarmten den Gruppenleiter, duzten Rüdiger, und gingen voran, über den Parkplatz hinter der Mauer, an einigen Blumenkübeln vorbei, an die Rückseite des Hauses, wo sich ein separater Kellereingang befand. Der Begleiter der Glatze, mit einem heftigen Ruck, schloß die Tür auf. Er führte die Männer in einen länglichen hohen Raum, dessen Wände bis an die Decke mit Regalen und Schränken verbaut waren. Auf dem Boden beim Kellerfenster stand zwischen Paketen und einigen Kisten der Kopierer in einem unbeschrifteten Pappkarton.
»Herzlichen Glückwunsch!« sagte die Glatze.
Und in gönnerhafter Pose stellte er den Fuß auf den Kasten.
Die Kaufleute wollten allein miteinander sprechen – sie schickten André hinauf ins Büro, er solle den Lieferschein holen. Über die Haustreppe, um einige Ecken an der Garderobe vorbei, gelangte der Blonde durch ein taghelles weites Zimmer in einen zweiten, ebenso großen Raum. Hinter dem Eingang, nach wenigen Schritten, war er stehengeblieben.
Er fragte sich, wo er sei. Ein exotisches Wirrwarr aus Einrichtungsgegenständen und Nippes erschwerte die Orientierung. Dennoch schien dies kein Lager zu sein – das Zimmer, so wie es dalag, war offenbar in Gebrauch. Die Tische, Stehlampen, Sekretäre ließen kleinere Gänge frei, ein chinesischer Schrank stand exakt in der Mitte des Raumes. An den Wänden nebeneinander befanden sich Klubsessel, Rohrstuhle, ein Diwan, gegenüber, zwischen wuchtigen alten Bücherregalen und Schränken aus Bambus, stand ein Tresor, am Boden Tonkrüge, Samoware, bemalte Vasen, Amphoren auf Messingständern, daneben Löwen und Tiger aus Porzellan, und überall hingen Teppiche, Tierfelle, und, aufgereiht wie Trophäen, gerahmte Farbfotos von der Glatze vor Tempelruinen, Palmwäldern und Wolkenkratzern. Erst jetzt, beim Fenster, bemerkte André den Schreibtisch und dahinter an einem Computer ein dunkelhäutiges lächelndes Mädchen, schmal wie ein Grashalm und ebenso jung wie er selbst.
Es scheint das Büro zu sein, dachte André.
»Kann ich irgendwas für Sie tun?« fragte die Sekretärin.
André, noch verwirrt und rot im Gesicht nach dem kurzen Gespräch mit ihr, kam, den Lieferschein in der Hand, in den Keller zurück. In dem dunklen verrauchten Raum sah er die Männer wie Ganoven im Kreis um den Pappkarton stehen – sie kicherten, neckten und schubsten sich, machten Witze und Wortspiele, die nur sie selber verstanden. Als sie André auf der Treppe bemerkten, forderten sie ihn auf, den Karton hinaus ins Auto zu tragen. Dort solle er vorerst sitzenbleiben.
Zwei Stunden wartete er, dann fuhren sie ins Kontor zurück. Sie brachten die Kiste, an einem Spalier neugieriger Augen vorbei, in die Besenkammer, wo man einen Tisch aufgestellt hatte, nachdem der Raum entrümpelt und gewischt worden war.
»Ab heute ist dies: Das Kopierzimmer!« sagte in gewichtigem Tonfall der Gruppenleiter. Sehr langsam, denn jeder sollte es mitbekommen, schloß er die Kammertür ab. Er steckte den Schlüssel in seine Hosentasche und erklärte, daß das Kopiergerät nur mit seiner Genehmigung benutzt werden dürfe.
(...)
25
Der Kopierlehrgang dauerte dreieinhalb Stunden. Es wurden Regeln benannt, wofür das Gerät zu benutzen, wie die Genehmigung zu erlangen, der Antrag auszufüllen, der Zimmerschlüssel zu erhalten, wieder abzuliefern, die Benutzung nachträglich zu protokollieren sei. Dann erfolgte die technische Einweisung, die wiederholt werden mußte, da die älteren Sachbearbeiter Probleme hatten, das Gerät zu begreifen. Der Gruppenleiter hatte eine praktische Vorführung wegen Papiermangels verboten. Als André das Gruppenleiterzimmer verließ, war es dunkel und er mußte seinen Einbruch verschieben. Das Einbruchswerkzeug legte er hinter die Heizung zurück.
Am nächsten Morgen war er im Kopierzimmer beschäftigt. Er sollte Geschäftsbriefe und Verträge vervielfältigen, danach Rüdigers Reisebericht. Zudem mußte einiges nachgeholt werden, der Gruppenleiter kam mit einer Mappe älterer Dokumente. Die schmierigen Blaupausen gefielen ihm jetzt nicht mehr.
André stand eingeklemmt zwischen einem Regal und dem Podest, auf dem der Kopierer festgeschraubt war – eine Steckdose in Brusthöhe drückte ihm von hinten gegen die Wirbelsäule. Er dachte an seine Flugblätter. Zu keiner Zeit aber war er ungestört in dem Raum – Kaufleute standen im Türrahmen, starrten ihm auf die Finger, die Sachbearbeiter ließen sich die Maschine noch mal erklären, und jedesmal, wenn er den Schlüssel zurückbrachte, blickte der Gruppenleiter ungeduldig auf seine Uhr. Die Kammer war derart stickig, daß jeder, der darin zu tun hatte, die Tür offenließ – er würde Verdacht erregen, wenn er sich einschlösse, dachte André. Und ihm wurde klar, daß sein Vorhaben tagsüber nicht durchführbar sei.
Er würde Überstunden vortäuschen müssen, um eine Nacht lang allein im Kontor zu sein. Außerdem brauchte er einen Kopierzimmerschlüssel. André kannte nur einen, der ihm diesen Schlüssel herstellen konnte.
Er wollte Markus am Wochenende besuchen, damit niemand Zeuge ihres Gespräches sei.
(...)
26
Im Büro des Gruppenleiters in einer Schrankwand lag ein Bund mit den Zweitschlüsseln von allen Kontorzimmern. Der Gruppenleiter benutzte es nur, wenn er Überstunden machte und Akten aus anderen Räumen brauchte. André ging davon aus, daß das Fehlen des Kopierzimmerschlüssels an diesem Bund für kürzere Zeit nicht auffallen würde. Er wartete auf einen günstigen Augenblick, um sich in das Zimmer zu schleichen.
Der Gruppenleiter aber machte weder Frühstück noch Mittagspause. Am Abend blieb er gewöhnlich länger. So selten und unregelmäßig verließ er den Raum, daß André sich selbst während seiner Abwesenheit nicht hineinwagte. Er begann im Flur auf und ab zu schleichen und sich Notizen zu machen.
Ein Protokoll entstand. Es kam heraus, daß der Gruppenleiter sich täglich nachmittags zum Kaffee mit einem Kollegen traf. Dann, für wenigstens zehn Minuten, war sein Büro offen und leer. André beschloß, noch eine Woche zu warten, um wirklich sicher zu sein – unterdessen hielt er einen seiner Geschäftsbriefe zurück.
Unter dem augenscheinlichen Vorwand, diesen Brief zur Unterschrift vorzulegen, wollte er in den Raum treten und sich das Schlüsselbund nehmen. Dann, in irgendeinem Winkel, würde er den Kammerschlüssel entfernen und gleich darauf, mit seiner Mappe im Arm, das Bund zurück in das Zimmer bringen. Mit der fertigen Schlüsselkopie in der Tasche würde er den Originalschlüssel zwei oder drei Tage später auf dieselbe Art am Bund wieder festmachen, dachte er – und beruhigt von der schlichten Dramaturgie seines Planes erwartete er den anderen Morgen.
Die Tat aber mußte verschoben werden. Der Raum war besetzt – der Gruppenleiter hielt eine Sitzung ab, die den ganzen Nachmittag dauerte. Es ging um die Umstrukturierung zweier Abteilungen. Sämtliche Kaufleute waren im Leiterzimmer versammelt.
Tags darauf sollte André Botengänge erledigen. »Es eilt!« sagte Rüdiger und zeigte ihm auf dem Stadtplan die Adressaten. »Diesmal mußt du nach Wilhelmshagen – wenn die Briefe abgeliefert sind, kannst du nach Hause fahren!«
Auch am nächsten Tag kam etwas dazwischen – André wurde durch die Reinigungskräfte behindert. Danach kam das Wochenende – dann, am Montag, verreiste der Pausengenosse des Gruppenleiters und das Kaffeetrinken fiel aus. Eine ganze Woche war der Mann unterwegs.
André wurde ungeduldig. Die vielen Hindernisse folgten eins auf das andere, wie von höherer Hand inszeniert. Vertragsverhandlungen blockierten den Raum – dann kamen Handwerker, um Telefonleitungen zu verlegen. Am nächsten Nachmittag gab eine neue Mitarbeiterin ihren Einstand und baute ihr Buffet direkt neben dem Eingang auf.
Als André am Morgen darauf das Kontor betrat, war die Bürotür des Gruppenleiters geöffnet. Stühle und Schreibmaschinen waren im Gang aufgestellt – die Sachbearbeiter trugen Tische und Pappkartons von Zimmer zu Zimmer und tauschten an den Eingängen die Namensschilder.
»Was ist denn los?« fragte André einen Kollegen.
»Wir ziehen um.«
»Seh ich selber, ich meine weshalb.«
»Du kriegst wohl überhaupt nichts mit?«
Die Umstrukturierung, erklärte der Mann. Seit drei Wochen werde geredet darüber – Skandinavien und Mittelamerika würden zusammengelegt, Afrika in drei Sektoren zerteilt, und damit niemand den Durchblick verliere, müßten einige Kaufleute die Plätze tauschen.
»Und was hat der Gruppenleiter damit zu tun?«
Der brauche ein größeres Zimmer, wegen der Sekretärin.
André verstand ihn nicht.
»Die neue Sekretärin, auf die der Gruppenleiter seit zwei Jahren wartet – er hat sie genehmigt bekommen, und mit ihr das große Eckzimmer. Und wir müssen uns zu dritt in die Bude hier quetschen...«
André warf einen flüchtigen Blick ins Büro. Er sah die Schrankwand ausgeräumt, das Fach mit den Schlüsseln war leer. Am Nachmittag wurde er angewiesen, sich an die neue Sekretärin zu wenden, falls er für seine Briefe oder Verträge Kopien brauche. Das Kopiergerät befinde sich von nun an in ihrer Obhut im neuen Gruppenleiterbüro.
André, der mit einem solchen Ausgang inzwischen schon fast gerechnet hatte, saß an seinem Schreibtisch, als er diese Mitteilung erhielt. Er sah aus dem Fenster über die Hausdächer und stellte sich vor, wie er nachts mit seinem Stemmeisen in das Büro des Gruppenleiters einbrechen würde. Er dachte an die leer stehende Wohnung im Prenzlauer Berg. Tag für Tag hatte er seinen Einbruch dort weiter hinausgeschoben – eine plötzliche Unsicherheit hatte ihn vor dem Einsatz der schweren Werkzeuge zurückschrecken lassen.
Er beugte sich hinter die Heizung und holte die Tasche mit der Brechstange hervor. Nach Büroschluß fuhr er nach Prenzlauer Berg. Das mit Ranken bewachsene Haus hatte er ohne Probleme wiedergefunden. Den Aktenkoffer mit den Werkzeugen im Arm, stieg er die Stufen hinauf. An der Wohnungstür, durch deren Schlüsselloch er geblickt hatte, befand sich ein Namensschild.
Zwei Paar Schuhe standen neben der Schwelle. Dort wo das Schloß gewesen war, sah er Holzsplitter, die Farbe ringsum war abgeblättert. Vor die Bruchstelle war ein Brettchen genagelt. Er hörte Musik aus der Wohnung und direkt neben ihm, hinter der Tür, das Mitsingen des Einbrechers, der ihm zuvorgekommen war.
Erik Esau, geb. 1968 in Zossen, 1980 bis 1990 Schauspieler am Arbeitertheater Ludwigsfelde, 1984 bis 1986 Teilnahme am Förderkurs der Theaterhochschule »Hans Otto« in Leipzig, 1985 bis 1988 Werkzeugmacherlehre in Ludwigsfelde, 1992 bis 1995 Studium der Bildenden Kunst an der Hochschule der Künste Berlin, 1995 bis 1998 Studium Geschichte und Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin, 1998 bis 2000 Aufenthalt in den USA, seit 2001 Mitglied des Autorenforums Berlin, 2001 bis 2004 Arbeit am Coriolan.
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