Heft 52/2005 | rezensionen | Seite 53-54

Olaf Klenke

Arbeiter im Staatssozialismus

Peter Hübner/ Christoph Kleßmann/Klaus Tenfelde:  Arbeiter im Staatssozialismus. Ideologischer Anspruch und soziale Wirklichkeit, Böhlau-Verlag Köln, Weimar,Wien 2005 ISBN 3-412-18705-4, 57,90 €.

Warum waren die Arbeiter im sogenannten Staatssozialismus 1989 nicht bereit, »ihren« Arbeiterstaat zu verteidigen? Gab es eine anfängliche Loyalität der Arbeiterklasse zur Staatspartei? Woher rührte die Kluft zwischen dem Anspruch, eine Gesellschaft im Namen der Arbeiterklasse aufzubauen, und der gesellschaftlichen Realität, der Diktatur einer Partei, die sich von der Arbeiterklasse zunehmend entfremdete? War diese Entwicklung strukturell angelegt und welche ideologischen Widersprüche brachte sie hervor? Diese übergeordneten Fragen behandelt der umfängliche Sammelband, der auf den Beiträgen zu einem internationalen Kolloquium basiert, zu dem im Jahre 2003 das Zentrum für zeitgeschichtliche Forschung Potsdam und das Institut für soziale Bewegungen an der Ruhr-Universität Bochum eingeladen hatten.

Wer die ersten Seiten des gemeinsamen Einleitungsbeitrages der drei Herausgeber liest, wundert sich allerdings, warum dort dem Gegenstand des Buches eine derart geringe Bedeutung beigemessen wird. Und zwar nicht nur, weil diese Einschätzung im Widerspruch zu dem auf dem Cover konstatierten neuerlichen Interesse an der Geschichte der Arbeit und der Arbeiterexistenz steht. Der Tagungsband geht mit seinen mehr als zwei Dutzend Beiträgen auch einen neuen Weg, in dem er der DDR-Arbeitergeschichtsforschung mit dem osteuropäischen Vergleich einen neuen Zugang eröffnet.

Naturgemäß ist es schwierig, für eine Publikation mit einer solchen Fülle und Bandbreite von Fragen einen »roten Faden« zu finden. Als gemeinsamer, alle Beiträge verbindender Punkt kann vielleicht festgehalten werden: In ganz Osteuropa wurde nach dem 2. Weltkrieg mit der Übertragung des stalinistischen Systems eine Gesellschaft errichtet, in der eine neue herrschende Parteielite behauptete, im Namen der Arbeiterklasse zu regieren, während immer wieder über verschiedene Konflikte das Gegenteil deutlich wurde. Gerade weil diese Konstellation zahlreiche soziale, politische und ideologische Widersprüche hervor brachte, hätte man sich in der Einleitung einen reflektierteren Umgang mit den Begriffen »Arbeiterstaat« und Stalinismus sowie den Namen Marx, Lenin und Stalin gewünscht, als diese in einen Topf zu werfen.

1

Ansonsten bietet das Buch eine Reihe von anregenden Beiträgen. Es gliedert sich der Tagung entsprechend in drei Sektionen, die sich 1. mit dem »Arbeiterstaat« als politische Konstruktion und Inszenierung, 2. den »Arbeitsbeziehungen, Arbeitsverhältnissen, Arbeiterexistenzen« und 3. den Arbeitern in sozialen und politischen Konfliktsituationen befassen.

Die erste Sektion verbindet konzeptionelle Beiträge mit Länderstudien. Dietrich Beyrau (Tübingen) diskutiert das sowjetische Modell und die Ernüchterungen angesichts des in den 1970er Jahren proklamierten »entwickelten Sozialismus«, der mit der Zeit in technokratischen Strukturen erstarrte und eine Partizipation ausschloss. Einer Minderheit von Arbeitern gewährte das System einen sozialen Aufstieg, die Arbeiterklasse insgesamt blieb jedoch ein Objekt der Parteipolitik. Christoph Boyer (Berlin, jetzt Salzburg) weist auf Unterschiede in den Entwicklungspfaden von Staatssozialismen hin. Demnach können zwei Entwicklungstypen unterschieden werden: Während man sich etwa in der DDR und der

In allen Ländern Osteuropas vollzog sich über die Zeit ein Entfremdungsprozess zwischen der Arbeiterklasse und dem Parteiregime, allerdings in unterschiedlicher Form, wie vier Länderstudien zeigen. In der Tschechoslowakei, so Lenka Kalinová (Prag), gelang es der Kommunistischen Partei in den Nachkriegsjahren, eine aus den Betrieben kommende Bewegung zu beenden. Im Zuge des Prager Frühlings 1968 forderten die Arbeiter mit Betriebsräten wieder eigenständige Organe. Der Rückzug ins Private nach der Okkupation vom August 1968 kann auch als eine Absage an das Postulat der »führenden Rolle der Arbeiterklasse« interpretiert werden. Ivo Georgiev (Hamburg) geht Strategien der Arbeiter nach, die Leistungsvorgaben in den Betrieben zu unterlaufen, und fragt, inwiefern die Arbeiter im bulgarischen Realsozialismus als Modernisierungsbremse fungierten. Unter einer völlig anderen Perspektive thematisiert Drago die Rolle der Arbeiterklasse in Rumänien, das erst nach 1945 eine durchgreifende Industrialisierung erlebte. Er unterscheidet »wirkliche« Arbeiter und peasent-worker (»bäuerliche Arbeiter«), die nicht darauf angewiesen waren, ihren Unterhalt vollständig aus der Lohnarbeit zu bestreiten. Lediglich aus der ersten Gruppe kam es in den 1950er und seit den späten 1970er Jahren zu spontanen, manchmal gewaltsamen Protesten. Mit der Zeit begann sich ein Bewusstsein der Differenz zwischen denen »da oben« und »uns hier unten« zu entwickeln. Eine ähnliche, aber nicht so militante Entwicklung zeigte der ungarische »Sozialismus«. Anikó Eszter Bartha (Budapest) konstatiert einen Loyalitätsverlust der Arbeiterklasse und erklärt diesen mit den Folgen wirtschaftlicher Reformversuche der späten 1960er und frühen 1980er Jahre. Lohneinbußen, notwendige Mehrarbeit im informellen Sektor und eine zunehmende soziale Ungleichheit hätten das System delegitimiert.

Das in der DDR-Kunst inszenierte Arbeiter-Bild behandeln Simone Barck und Dietrich Mühlberg (beide Berlin). Im Wandel von einer eher idealisierten Darstellung hin zu einem gesellschaftskritischen Anknüpfen am Arbeitsalltag und seinen Problemen spiegelte sich gesellschaftliche Ernüchterung wieder. Rainer Gries (Wien) untersucht die Ritualisierung der Politik und ihre schwindende gesellschaftliche Bindekraft.

In der zweite Sektion, »Arbeitsbeziehungen, Arbeitsverhältnisse, Arbeiterexistenzen«, finden sich sehr unterschiedlich Beiträge. André Steiner (Potsdam) bereitet in einem sehr informativen Beitrag die bisherigen Erkenntnisse über die Einkommensverhältnisse im Ostblock auf: Die Entwicklung der Einkommen blieb nicht nur gegenüber den westlichen Industriestaaten zurück, die Parteiführungen waren auch mit dem Widerspruch konfrontiert, einen egalitären Anspruch zu vertreten, aber in der Praxis eine Politik der Einkommensungleichheit zu betreiben, die allerdings geringer als im westlichen Kapitalismus war. Peter Hübner (Potsdam) gibt einen Überblick über das Arbeitsrecht und die sozialen Sicherungssysteme der einzelnen osteuropäischen Länder. Er betont ihre beiden Funktionen der Konsensstiftung und der Erziehung und zeigt, welche doch zum Teil national unterschiedlichen Gesichter der versuchte Loyalitätskauf des »Risikopotentials« Arbeiterschaft hatte. Annette Schuhmann (Potsdam) versucht in ihrer Geschichte der FDGB-Kulturarbeit, diese in die frühere Arbeitergeschichte einzuordnen und konstatiert, dass die Erziehungsbestrebungen an der betrieblichen Basis auf wenig Resonanz stießen.

Auf verschiedene Art und Weise stellen Mafür das Polen und Jósef Ö. Kovács (Miskolc) für das Ungarn der späten 1950er Jahre die Ambivalenz der Arbeitsverhältnisse und Arbeiterexistenzen dar und damit den Arbeiteralltag jenseits der großen und bekannten Arbeiteraufstände in diesen Ländern. Mazurek behandelt am Beispiel der »Rosa-Luxemburg-Werke« Warschau die Durchdringung der Betriebe durch die Partei und die Sicherheitsapparate und stellt zugleich anhand von Beispielen wie der Manipulation der Stechuhr oder des Diebstahls plastisch die Strategien der Arbeiter zwischen Widerstand und Anpassung dar. Kovács plädiert in seinem Beitrag dafür, die »menschliche Dimension« der inneren Widersprüchlichkeit des Staatsozialismus zu sehen und zeigt für Ungarn, dass die Betriebe und das Arbeitermilieu zugleich Quelle von Stabilität und von Gegenstrukturen zur Parteiherrschaft waren.

In der dritten und letzten Sektion, »Arbeiter in sozialen und politischen Konfliktkonstellationen«, in die Mary Fulbrook (London) einführt, finden sich zunächst drei Beiträge zur SBZ/DDR. Die Konfliktlagen und Konfliktformen der Arbeiter in der Nachkriegszeit schildert Helke Stadtland (Bochum) und konstatiert, dass die Parteiführung in dieser Zeit weniger mit politischen Forderungen als mit materiellen Ansprüchen konfrontiert war. Der Frage nach dem Ausbleiben größerer betrieblicher Konflikte nach dem Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 widmet sich Renate Hürtgen (Potsdam). Sie benennt als einen Grund die zunehmende Überwachung und Kontrolle der Betriebe durch die Staatssicherheit und Massenorganisationen. Noch zu erforschen seien die konkreten Bedingungen, unter denen kollektive und öffentliche Proteste in Form von Streiks verschwanden und durch eine individualisierte und private Konfliktaustragung etwa in Form von Eingaben ersetzt wurden. An diesem Punkt knüpft Bernd Gehrke (Potsdam) inhaltlich mit einem ganz anderen Blick auf den Arbeiterwiderstand außerhalb der Betriebe an. Demnach kann die jugendliche Sub- und Protestkultur der 1960er und 1970er Jahre, die sich mehrheitlich aus einem proletarischen Milieu rekrutierte, als eine neue Form des Widerstandes einer Arbeiterjugend verstanden werden. Damit verbunden war eine Konfliktverschiebung von einer »traditionellen, sozial-materialistischen zur sozial-kulturellen Konfrontationslinie«. Dieses Oppositionsmilieu wie auch Ansätze einer arbeiterorientierten Opposition wurden jedoch in den 1970er Jahren zerstört.

Mit verändertem Protestverhalten in den osteuropäischen Ländern setzen sich die letzten drei Beiträge auseinander. Jund Krzysztof Ruchniewicz (beide Warschau) behandeln mit Polen einen Fall, in dem die Rolle der Arbeiterschaft beim Sturz des Parteiregimes unbestritten ist. Ähnlich wie Georgiev (Bulgarien) und Petrescu (Rumänien) beschreiben auch sie, wie sich die Arbeiterklasse v.a. aus dem bäuerlichen Milieu und über Migrationsprozesse neu formierte. Bemerkenswert ist neben der Bedeutung der Kirche und Religion, dass die frühen wie späten Arbeiterproteste in Polen im Kern von einem traditionell proletarischen Milieu getragen wurden. So war es kein Zufall, dass die Gewerkschaft Solidarno

Hervor zu heben ist schließlich, daß die Arbeitergeschichte im Ostblock in vielen Beiträgen nicht auf die der verstaatlichten Arbeiterbewegung reduziert, sondern auch als »Arbeiterbewegungsgeschichte« betrachtet wird. Klaus Tenfelde (Bochum) benennt in seinem Eröffnungsbeitrag über »Arbeiter, Arbeiterbewegung und Staat im Europa des ›kurzen 20. Jahrhundert‹« eine Schwäche der bisherigen Sozialgeschichte der Arbeiter und Arbeiterbewegung. Die »strukturgeschichtliche Deutung« der Arbeiterbewegung in Gestalt der Sozialdemokratie habe den Umstand unterschätzt, »dass Menschen Geschichte auch machen«. Dabei »ließe sich vielfältig zeigen, daß Arbeiter-›Bewegung‹ auch im Osten stattfand.«

Als Wermutstropfen bleibt ein Preis von 58,- €, der einer größeren Verbreitung des Buches über die Universitäts- und Institutsbibliotheken hinaus entgegenwirken wird.

 

ÈSSR in den beiden letzten Jahrzehnten Reformen verweigerte, so daß das System auf Grund seiner »Ultrastabilität« implodierte, leitete man in Polen und Ungarn Reformen ein, die bereits »erste Elemente von Zivilgesellschaft und Marktwirtschaft im öffentlichen Raum« entstehen liessen. Dies führte 1989 zu einem eher gleitenden Übergang. Diese Unterschiede zwischen den Ländern, so Boyer, sind auch aus der unterschiedlichen Rolle der Arbeiter in diesen Ländern zu erklären.º Petrescu (Bukarest)³gorzata Mazurek (Warschau) êdrezej Chumiñski œæ überproportional von gut qualifizierten Facharbeitern geprägt wurde. Mark Pittaway (London) erklärt die geringe Rolle, die die Arbeiter in der ungarischen Wendezeit 1989 spielten, dagegen damit, dass es nach der ungarischen Revolution 1956 unter der Regierung Kádár in den 1960er und 1970er Jahren gelang, die Arbeiterklasse in das politische System zu integrieren. Trotz sozialer Missstände und des Unmuts, der mit durch die Wirtschaftsreformen bedingt war, gelang es, ein »Sozialabkommen« zu etablieren, vor allem durch eine Tolerierung der Schattenwirtschaft. Den industriellen Konflikt in der Tschechoslowakei 1945-1968 untersucht schließlich Peter Heumos (Moosburg). Streikwellen, wie sie das Parteiregime in der unmittelbaren Nachkriegzeit und auch noch einmal im Jahr 1953 erlebte, ebbten ab. Die Forderungen der Streikenden waren bereits damals mehr sozialer als politischer Natur, zugleich trat die Parteiobrigkeit den Rückzug aus der betrieblichen Konfliktaustragung an. Diese wurde zunehmend in die Hände der Gewerkschaften gelegt und in den innerbetrieblichen Raum verlagert. Diese Entwicklung führte dazu, dass sich andere Kanäle der Interessensdurchsetzung etablierten und war auch ein Grund für die starke Stellung der Arbeiter auf betrieblicher Ebene.

1<//font> Zu qualitativen und nicht nur graduellen Unterschieden vgl. Weber, Hermann: DDR – Grundriß der Geschichte 1945-1990, Hannover 1991, S.13-15.<//font>

 

Alle Artikel können auch als PDF runtergeladen werden. Es handelt sich um Auszüge aus dem jeweiligen Heft. Die Fotos werden aus urheberrechtlichen Gründen nicht abgebildet.

Diesen Artikel als PDF runterladen          Acrobat Reader 8.1 runterladen