HEFT 01/2006 | Editorial | 2. UmschlagsSEITE

 

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

daß man sich in der DDR auf vielfältige Weise vom Westen hat anregen, beeinflussen lassen, ist allgemein bekannt. Die Meinung, man habe in diesem Staat vierzig Jahre lang wie hinter einer Chinesischen Mauer gelebt, ist – in der Öffentlichkeit jedenfalls – nur selten noch zu hören. Welche Rolle das Geschehen im Osten für die DDR gespielt hat, ist hingegen weniger bekannt. Zwar weiß man, daß die SED-Führung bei all ihrem Tun – außer nach Bonn – nach Moskau geschaut hat, bis zuletzt: Noch im Spätherbst 1989 fragte Erich Mielke bei seiner Verhaftung, ob die Genossen von der KPdSU informiert seien. Doch der östliche Einfluß auf die DDR, dem wir im Hauptteil dieses Heftes nachspüren, erschöpfte sich darin bei weitem nicht, auch wenn ihm die Breite des West-Einflusses fehlte. Uns hat vor allem interessiert, wie er unterhalb der Königsebene, wie man es einst nannte, zutage trat, als Ergebnis selbstbe­stimmter Begegnung.

Manches Thema haben wir in diesem Zusammenhang nur gestreift: die Nachwirkungen des Pra­ger Frühlings etwa oder die Bedeutung der Ideen russischer Partei­oppositio­neller insbesondere der 1920er Jahre für hiesige Kritiker des politbürokra­tischen Systems – Fritz Mieraus Porträt des Slawisten Ralf Schröder verdeutlicht sie im Einzelfall. Der Schwerpunkt liegt auf dem Verhältnis zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen, dem Einfluß dortiger Entwicklungen auf das Denken und Handeln hierzulande. Diese Entwicklungen waren, wie der polnische Bürgerrechtler Karol Sauerland einmal bemerkte, für die deutsche Geschichte und das deutsche Geistesleben erheblich wich­tiger, als man im allgemeinen anzunehmen bereit ist: als Beispiel des Unerwünschten wie als Vorbild des Frei­heitswillens und des Widerstandes. Thematisiert wird die ambivalente und bis heute problematische Beziehung zum östlichen Nachbarn in den Texten Basil Kerskis, Marion Brandts und Ingolf Kschenkas (einen für Heft 1 geplanten Beitrag zum Thema "Solidarność und die DDR" hoffen wir in Heft 2 nachreichen zu können). Auch einem Jubiläum versuchen wir im Rahmen des Hauptthemas gerecht zu werden; es bietet sich dafür geradezu an: Neben der erwähnten Arbeit Marion Brandts führt ein Aufsatz Stefan Wolles zurück in die kurze Tauwetterperiode der mitt­fünfziger Jahre, die ihren markantesten Ausdruck in Chrust­­schows Geheimrede auf dem 20. Parteitag der KPdSU im Jahre 1956 fand.

Ein Editorial soll und kann keine Nacherzählung des Inhaltsverzeichnisses sein. Das vorliegende Heft hat eine Vielzahl weiterer lesenswerter Texte zu bieten, auf zwei nur sei hier verwiesen: die Beiträge Jochen Schmidts und Detlev Lückes zum Streit um das Neubrandenburger Lite­raturzentrum. Wie da un­ter Ausnutzung des Lokal-inter­esses Vergangenheit verschleiert, Aufklärung lange Zeit verhindert wurde, ist erstaunlich und lehrreich zu­gleich.

Schon jetzt ein Hinweis auf das Hauptthema von Heft 4, in dem es um Rituale in der politischen Kultur der DDR gehen soll. Über entsprechende Anregungen, Angebote usw. würden wir uns freuen.

Im Namen der Redaktion
Erhard Weinholz

Inhaltsverzeichnis Heft 53