Heft 53/2006 | die ddr und der osten | Seite 31 - 37

Carlo Jordan

Greenway

Das osteuropäische Grüne Netzwerk 1985 - 1990

Greenway wurde nicht in der DDR gegründet, sondern in Ungarn, der »lustigsten Baracke des sozialistischen Lagers«, wo bereits im Jahre 1985 mehr als in den anderen realsozialistisch genannten Staaten möglich zu sein schien und manchmal auch war.
Die Gründer kamen aus Polen, der CSSR, dem damaligen Jugoslawien und natürlich aus Ungarn. Bis zum Herbst 1989 kamen Gruppen aus weiteren dieser Staaten dazu. Nur Albanien und Rumänien waren zu jener Zeit noch nicht im Greenway-Netzwerk vertreten.
Internationale Abkommen geboten den Schutz unserer gemeinsame Umwelt durch die Zusammenarbeit über Länder- und Blockgrenzen hinweg. Mit dem KSZE-Abkommen von Helsinki erklärten die unterzeichnenden Staaten, die fragile Sicherheit des Kalten Krieges durch Projekte der Zusammenarbeit stabilisieren zu wollen. Eine wesentliche Voraussetzung der Zusammenarbeit war die Informations- und Reisefreiheit. Auch die Staaten des sozialistischen Lagers waren dazu verpflichtet. Hier setzte Greenway an!
Nach der Gründung der Berliner Umwelt-Bibliothek (UB) im September 1986 besuchten uns auch bald Umweltschützer aus Mittelosteuropa, aus Polen und Ungarn. Sie kannten nicht die für die DDR-Opposition üblichen, »normalen« Reisebeschränkungen und reisten nach West- und Nordeuropa, wobei ihre Wege oft über Berlin führten. Die Gründer der UB an der Ost-Berliner Zionskirche hingegen erhielten noch im Gründungsjahr vom MfS als administrative Strafe »Reisesperre eingelegt«. Wir durften über Jahre hin nicht mehr aus der DDR nach Osteuropa  ausreisen, ich selbst bis Sommer 1989. Westreisen in »dringenden familiären Angelegenheiten« konnten aber einige der UB-Mitarbeiter merkwürdigerweise antreten, obwohl die Ostreisesperre weiterhin bestand. Gleiche Beschränkungen galten für viele Umweltakteure des 1988 gegründeten Grünen Netzwerks ARCHE.
Die Reisebeschränkungen für DDR-Bürger und Akteure der Friedens- und Umweltbewegung gehörten im Zeitalter von Glasnost und Perestroika zu den Anachronismen und waren, wie die Greenway-Netzwerkarbeit ergab, nur mit den Reisebeschränkungen für Bürger aus Rumänien und Albanien vergleichbar. Für die Initiative »Frieden und Menschenrechte« hatte Wolfgang Templin die DDR-Menschenrechtsverletzungen durch Reisesperren als Landesarrest bezeichnet. Für die UB und auch die Netzwerkarbeit prägte ich die konkretisierenden Begriffe »DDR-Arrest« und »DDR-Arrestierte«. Sowohl in der UB als auch im Netzwerk ARCHE erfaßten wir solche arrestierten Umweltschützer namentlich, um international Druck zu machen. In Zusammenarbeit mit der europäischen Menschenrechtsorganisation »Helsinki Watch« übergaben wir auf der KSZE-Nachfolgekonferenz in Wien mit einem offenen Brief vom Juli 1988 eine entsprechende Liste an die nationalen Delegationen der Konferenz. Diese Aktion blieb nicht erfolglos. Anfang 1989 konnten viele ehemals DDR-Arrestierte wieder in den Osten reisen.

Greenway-Akteure und -Aktionen

Einen der ersten und zugleich markantesten Greenway-Reisenden lernte ich noch 1987, im ersten Jahr nach der Gründung der UB kennen: Dr. Zygmund Fura aus Krakau vom »Polnischen ökologischen Klub« (PKE), der etwa zeitgleich und im Zusammenhang mit der Solidarnosc entstanden und gewachsen war. Am  PKE, einem landesweiten Zusammenschluß von Umweltgruppen, die u.a. zu den ökologischen Krisengebieten in Oberschlesien und gegen ein Atomkraftwerksprojekt westlich von Danzig arbeiteten, waren auch Wissenschaftlern aus dem Bereich der Universitäten und der Akademie beteiligt. Dieses offene Engagement von Wissenschaftlern in Umweltfragen überrascht, waren WissenschaftlerInnen und Studenten in DDR-Oppositionsgruppen doch eher die Ausnahme. DDR-Wissenschaftler saßen gewöhnlich warm und wohlversorgt in Akademien und Universitäten, bestrebt, ihre kleinen Freiheiten nicht einzubüßen, und ironisch oder zynisch Weisheiten über ihre Umwelt von sich gebend. Aber es war auch klar: Wurden sie wirkliche Kritiker und Oppositionelle, so blieben sie, wie das Beispiel Robert Havemanns zeigt, nicht im Amt. 
Dr. Fura, Chemiker an der Krakauer Universität, brachte erste Informationen über das osteuropäische Netzwerk Greenway nach Ost-Berlin. Dazu gehörten die Adresse des Greenway-Büros in Budapest, dem Gründungsort des Netzwerks, und die ersten Greenway-Newsletter, ein etwa vierteljährlich erscheinendes Info-Heftchen mit Terminen von Umweltaktionen, Konferenzen, Seminaren, Öko-Camps in den anderen Ländern des sozialistischen Lagers, einschließlich der westlichen Peripherie der Sowjetunion.
Dr. Fura lud uns auch gleich zu einem Greenway-Treffen an der Krakauer Universität ein. In Polen, Ungarn und sogar in Sowjet-Lettland mit dem »Ökologischen Club der Rigaer Universität« hatten Umweltschützer, für uns überraschend, offiziell Räume in Universitäten. Vergleichbare Bedingungen an der Humboldt-Universität zu Berlin waren undenkbar, und selbst der Öko-Kreis der Evangelischen Studentengemeinde in Ost-Berlin war offener und geheimdienstlicher Verfolgung ausgesetzt.1 In der DDR waren Daten zur Lage der Umwelt seit 1982 Staatsgeheimnis. Ökologische Aufklärung über die reale Lebenssituation in der DDR konnte mit Gefängnis bestraft werden, was noch 1986 Umweltschützer aus Karl-Marx-Stadt traf, die Tonbandmitschnitte zu Tschernobyl und den Folgen für die DDR verbreiteten.
Schließlich fragte uns Dr. Fura noch, ob die Berliner UB nicht die Greenway-Koordination für East-Germany übernehmen könne? Die Greenway-Sprache für die osteuropäische Koordination war Englisch, was die Partizipation Ostdeutscher einschränkte, da nur wenige Akteure in Umweltgruppen und der DDR-Opposition sich englisch verständigen konnten. Russisch hatten zwar alle Osteuropäer in den Schulen zu lernen, aber auch im Russischen brachten es nur wenige zur Kommunikationsfähigkeit. Russisch war deshalb bei Greenway nicht besonders gefragt und wurde erst später zwischen den Grünen der ehemaligen Sowjetunion allgemeine Kommunikationssprache. Deutsch, das in Nord- und Osteuropa bis weit in das 20. Jahrhundert hinein diese Funktion hatte, existierte für die Greenway-Koordination nicht.
Bei einem Treffen in der UB stellte ich Greenway vor. Nachdem die Befürchtungen, es könnte sich um eine »zentralistische Organisation mit Zentralkomitee« in Budapest handeln, zerstreut waren, erklärte sich die UB bereit, als Greenway-Anlaufstelle für East-Germany zu fungieren, und schickte einige UmweltschützerInnen, die noch reisen konnten, nach Krakau zum Greenway Annual Meeting (Jahrestreffen) 1987. Weitere Jahrestreffen fanden 1988 im slowakischen Kralovany (Mala Fatra), 1989 in Ost-Berlin in den Räumen der Evangelischen Gemeinde Friedrichsfelde, 1990 in Sowjet-Lettland, in Riga und einem Gutshaus nahebei, und 1991 im ungarischen Mosonmagyarovar statt.
Zu den Jahrestreffen reisten meist zwei Vertreter pro Land an, vorwiegend, nachdem sich eine entsprechende Struktur herausgebildet hatte, die Nationalen Koordinatoren. Ich selbst war nur 1989, 1990 und 1991 dabei.
Auf den Konferenzen ging es vor allem um gemeinsame Projekte. So wurde z.B. 1988 in der Mala Fatra beschlossen, die zehn größten Luftverschmutzer jedes Landes zu erfassen und mit Aktionen für die Luftreinhaltung einzutreten. Diese »Air-plan« benannte Aktion führte in der DDR zu einem von der ARCHE im September 1989 in Erfurt organisierten Seminar, zu dem u.a. erstmals bulgarische Umweltfreunde von Ökoglasnost mit Peter Slabakow aus Sofia anreisten.
Die Auflistung der zehn größten Luftverschmutzer, in der DDR gehörten dazu Schwarze Pumpe, Leuna und Buna, sollte dazu dienen, den Schwefeldioxid-Ausstoß um 30% zu reduzieren. Diese Zielmarke war in internationalen Abkommen gesetzt worden. Durch Greenway angeregt, fanden 1988 im Dreiländereck CSSR/Polen/DDR gemeinsame Exkursionen zum Thema Luftverschmutzung und Waldsterben statt, entsprechende Aktionen wurden initiiert. Zu den größten Umwelt-Aktionen des Jahres 1988 zählte die Massen-Bürgerbewegung gegen die Donau-Betonierung zum Bau von Bös-Nagymaros, an der auch Greenway beteiligt war.
Für das Jahr 1989 orientierte Greenway auf den »Baltic-Action Day«. Mit kleinen phantasievollen Aktionen wurde vor allem auf einen effektiven Schutz der Ostsee durch Reinigung der Zuflüsse aus Industrie und Landwirtschaft (insbesondere die Überdüngung war ein Problem) hingewirkt. Im Juni 1989 sollte schließlich in Kottka (Finnland) die erste Ostseekonferenz stattfinden. Tatsächlich wurde dort über Block- und Staatsgrenzen hinweg die Zusammenarbeit zum Schutz des gemeinsamen Meeresbeckens diskutiert. Im Mittelpunkt standen Fragen der Sammlung und legalen Veröffentlichung von Informationen zum Zustand der Ostsee und Ost-West-Projekte zur Verbesserung der Wasserqualität in die Ostsee mündender Flüsse durch subventionierte Großkläranlagen.
Die Informationen über die Jahrestreffen von Greenway und sonstige Neuigkeiten aus dem Newsletter verbreiteten die Nationalen Koordinatoren in den Umweltmedien. Die Möglichkeiten dazu waren von Land zu Land sehr unterschiedlich. In der DDR war bis 1989 in den staatlichen Medien sogar die Nennung des Begriffs »Ökologie« unterdrückt bzw. vermieden worden. Es blieben für entsprechende Meldungen nur die Samisdatzeitschriften wie Umwelt-Blätter und ARCHE NOVA. Hier finden sich einzelne Berichte und Aufrufe. Einige Länder hatten damals schon auflagenstarke Zeitungen, die sich solchen Problemen widmeten – in Sowjet-Litauen zum Beispiel »Grünes Litauen«. 
Aufgabe des Budapester Greenway-Büros war es vor allem, eingehende Informationen zu sammeln und die Newsletter herauszugeben.  Dieses Büro hatte sogar eine richtige Adresse nahe dem Nationalmuseum am Museums-Ring: Greenway – ELTE Nature Conservation Club, H-1053 Budapest, Egyetem ter 1-3 und wurde unter Leitung der Biologen Erszebet Pasztor und Gabor Hrasko betrieben. Die direkte Verbindung zwischen dem ARCHE-Netzwerk und dem Budapester Greenway-Büro stellte die Ungarin Andrea Dunai her, die häufig zwischen Berlin und Budapest pendelte und auch am Newsletter mitarbeitete.
Eine wichtige Rubrik der Newsletter waren Berichte von Aktionen der Grünen Bewegung. In Litauen etwa wurde vom 16. bis 18. September 1988 am Atomkraftwerk Ignalina, Block III, unter anderem mit einer Menschenkette für einen Baustop demonstriert, insgesamt beteiligten sich etwa 100.000 Menschen.
Ab 1989 waren Überblicksdarstellungen der Umweltprobleme einzelner Länder, der Ziele und Probleme der ökologischen Umgestaltung zentrales Thema.

Auf der Berliner Greenway-Konferenz im September 1989 stand neben einer Bestandsaufnahme des Gründungsprozesses Grüner Parteien in Osteuropa die sich abzeichnende revolutionäre Umwälzung unter ökologischem Aspekt auf der Tagesordnung. Im Abschlußdokument forderten wir, alle Umweltprobleme zukünftig im Hinblick auf eine dauerhafte Entwicklung (sustainable development) zu betrachten. Greenway, so waren wir überzeugt, kann für eine solche Entwicklung in Osteuropa eine bedeutsame Rolle spielen. Deshalb kamen wir zu der Einschätzung: Unsere Länder können nicht den Weg des traditionellen Sozialismus weiterverfolgen, aber sie sollten auch nicht in die Schlingen westlicher Entwicklung geraten, der Wegwerf- und Ellenbogen-Gesellschaften. Wir haben einen dauerhaft begehbaren Weg zu skizzieren, eben den Greenway.2
Als Greenway im Herbst 1990 in Lettland zusammenkamen, hatte sich die Situation grundlegend geändert: Jetzt saßen bereits Grüne in Parlamenten und Regierungen. Zugleich stellten der beginnende Ausverkauf Osteuropas und die Umwandlung ökologischer in soziale Krisengebiete durch Stillegung großindustrieller Dreckschleudern und damit einhergehende Massenentlassungen die Grünen vor neue Probleme. Ihre Aktionen fanden nun nicht mehr die ungeteilte Zustimmung der Bevölkerung.

Die Bedeutung des Greenway-Netzwerks hatte sich uns im übrigen bereits wenige Monate nach dem ersten Treffen mit Dr. Fura gezeigt. Nach dem Überfall der Stasi auf die UB und der Verhaftung von sieben UB-MitarbeiterInnen im November 1987 beteiligten sich auch osteuropäische Greenway-Reisende an den Mahnwachen an und in der Zionskirche. Dr. Fura sprach auf einem der allabendlichen Mahngottesdienste und forderte für Greenway und den Polnischen ökologischen Klub die Freilassung der Umweltaktivisten der UB. Diese Solidarität aus dem Osten war ebenso wichtig wie die westliche Medienresonanz und Solidarität. Noch Monate nach der Zions-UB-Affäre erreichten die UB über Greenway vermittelte Solidaritätsadressen aus Osteuropa.

Reisen zu internationalen Umweltaktionen
Um die uns über den Greenway-Newsletter bekanntgewordenen Veranstaltungen in den anderen Ländern des sozialistischen Lagers besuchen zu können, mußte man zuvor aus der DDR ausreisen. Trotz Reisesperre fanden sich ab 1987 immer wieder Umwelt-Akteure, denen dies möglich war: Dorit Krusche, Sarah Jasinczak, Astrid Roebke etwa für die UB oder Matthias Voigt, Heike Roth und Silke Fechner für die ARCHE. Nicht zu vergessen sind die inoffiziellen (Reise-) Mitarbeiter im Auslandseinsatz wie Mario Hamel (IM »Max«), Falk Zimmermann (IM »Reinhard Schumann«) und auch Rebecca Münz (IM »Marcus Hirsch«). Durch Denunziation dieser Spitzel, vor allem Zimmermanns, bekamen auch bald Freunde, die noch reisen durften, wie beispielsweise Astrid Roebke, Reisesperre.
Falk Zimmermann koordinierte für Greenway und ARCHE den Reiseservice für individuelle Umweltreisende in Ostdeutschland mit dem Netzwerkanschluß nach Osteuropa. In der DDR nutzten wir den Reiseservice insbesondere für Exkursionen zu ökologischen Krisengebieten. Umweltschützer aus Osteuropa besuchten häufig Bitterfeld, die schmutzigste Stadt Europas, und das umliegende Chemiedreieck Bitterfeld-Halle-Leipzig. Der Reiseservice stellte den Kontakt zu örtlichen Umweltschützern her, um die Unterbringung und Führungen zu ermöglichen.
Unsere Reisekontakte nach Osteuropa standen oft im Zusammenhang mit Veranstaltungen, denen dann ein Reiseprogramm mit Vorträgen in Umweltgruppen und Kirchengemeinden folgte.3 Die Zahl der Reisenden, die diesen Service in Anspruch nahmen, ist leider nicht mehr zu ermitteln.
Zu Reisefragen gab es zudem in der ARCHE NOVA die Rubrik »Anders reisen«. In Zusammenarbeit mit dem Reiseservice wurde hier u.a. über osteuropäische Entwicklungen in der Reisefrage berichtet.4
Ansonsten kamen Grüne aus Osteuropa vor allem zu den Berliner Ökologieseminaren, die alljährlich bis 1989 im November in Räumen der Evangelischen Kirche in Ostberlin stattfanden. Bei den Berliner Öko-Seminaren trafen so Grüne aus Ost und West zusammen, aus letzterer Richtung vor allem aus Westdeutschland, Österreich, Holland und Belgien. Ab 1988 waren auch Grüne aus dem sowjetischen Baltikum vertreten.
Durch Kontakte, die vor allem zu und auf den Berliner Ökologieseminaren gepflegt wurden, aber auch postalisch erhielten wir für die ARCHE NOVA Berichte, Zeitungen und Dokumente, die von der dank Glasnost und Perestroika wachsenden Umwelt- und Bürgerbewegung im Nordwesten der Sowjetunion zeugten. 5 Die ARCHE NOVA-Redaktion wertete vor allem russischsprachige Periodika aus dem Baltikum aus, die nach dem »Sputnik«-Verbot in der DDR nicht zugänglich waren, etwa »Sowjetskaja Estonia«, »Sowjetskaja Latvija« und auch die »Komsomolskaja Prawda«. Dr. Edgar Wallisch übersetzte einzelne Texte für die ARCHE NOVA ins Deutsche. Die Berichte zeigten eine schnell wachsende Bürgerbewegung und größere Freiheiten bei den Wahlen zu den Sowjets –  während in der DDR im Sommer 1988 noch nicht allzuviel in Bewegung geraten war.
Eine der ersten größeren Aktionen im Baltikum war 1988 der Ökologische Marsch durch Sowjet-Litauen, auf dem es erstmals zu Öko-Camps von litauischen Grünen bei sowjetischen Militärstützpunkten kam. Über die Greenway-Newsletter eingeladen, beteiligten sich nun auch immer mehr Freunde aus der DDR an solchen Aktionen.
1989 – ich konnte selbst wieder ausreisen und bekam auch eine Einreise-Transit-Genehmigung für die Sowjetunion –, nahm ich am litauischen Friedensmarsch teil. Eine Woche reisten, ruderten und wanderten 300 bis 400 Umwelt- und Friedensfreunde zu den ökologischen und militärischen Krisenregionen Litauens. Dazu gehörte die symbolische Besetzung eines sowjetischen Militärflughafens mit Sitzstreik vor der Kommandantura...! Ein Camp mit Rockkonzerten beim Chemiekombinat Jonava, der Besuch heiliger Stätten wie des Kreuzberges und die abschließende Bootsfahrt auf der Memel nach Klaipeda mit einem kurzen Trip auf die Kurische Nehrung gehörten ebenso zum Programm.
Die Zeit breitester Bürgerbewegungen reifte heran. Noch im Sommer 1989 kam es zu einer Menschenkette von Litauen bis Estland für Freiheit, Demokratie und nationale Selbstbestimmung. Die baltischen Parlamente erklärten die Unabhängigkeit von der Sowjetunion. 

Grüne Parteien in Osteuropa. Greenway 1988 – 1990
Das im Januar 1988 in Ost-Berlin gegründete Grüne Netzwerk ARCHE traf der harsche Vorwurf einiger Umweltfreunde aus der UB, eine Parteigründung zu sein. Tatsächlich bedeutete die ARCHE-Gründung bestenfalls einen ersten Schritt hin zur Schaffung verbindlicher Grüner Strukturen in Ostdeutschland. Am Netzwerk-Modell von Greenway orientiert, war ARCHE ein regional und umweltwissenschaftlich orientiertes Netzwerk mit Anlaufstellen in den Regionen, die die Länderneubildung nach der Wende vorbereiteten und sich zunächst an den Kirchenprovinzen orientierten. Es blieb innerhalb des Greenway-Netzwerks Polen überlassen, als Pionierleistung die erste Grüne Partei im sozialistischen Lager zu gründen. Im Sommer 1988 berichtete Dr. Fura, der bereits zu diesem Zeitpunkt dank polnischer Reisefreiheit an den Konferenzen zur Koordinierung der westeuropäischen Grünen Parteien als Gast teilnehmen konnte, bei einem seiner Zwischenstops in Berlin von entsprechenden Plänen. Aus dem Polnischen ökologischen Club heraus sollte die erste Grüne Partei Mittelosteuropas entstehen, die dann auch am 14. September 1988 in Krakau gegründet wurde. Politisches Nahziel der polnischen Grünen war die Teilnahme am Zentralen Runden Tisch Polens, über den bereits 1988 die alte kommunistische Regierung und die Solidarnosc-Opposition verhandelten.
Auf  dem Friedensmarsch durch Litauen im Sommer 1989 lernte ich Saulius Gricius kennen, der von der Gründung der zweiten Grünen Partei, und dies sogar in der Sowjetunion, berichten konnte und später Bürgermeister von Kaunuas wurde.6
In Vorbereitung der Ost-Berliner  Greenway-Jahreskonferenz 1989 reiste ich im August 1989 durch Ungarn und Rumänien und traf, vermittelt durch Erszebet Pasztor, die Budapester Gründungsinitiative für eine »Grüne Partei Ungarns« mit Andras Szekfü. Die ungarischen Grünen sollten sich als dritte Partei Osteuropas im November 1989 noch kurz vor den DDR-Grünen gründen. Auf der Ost-Berliner Greenway-Konferenz fiel schließlich nach Umfrage unter den DDR-Teilnehmern die Entscheidung, nach dem Vorbild der polnischen, litauischen und ungarischen Grünen auch in der DDR im Zusammenwirken mit den Bürgerbewegungen auf die Gründung einer ostdeutschen Grünen Partei hinzuwirken. Anfang Oktober 1989 konstituierte sich die »Gründungsinitiative für eine Grüne Partei in der DDR«, um zunächst alle relevanten ökologischen Kräfte in den Gründungsprozeß einzubeziehen. Schon zwei Wochen nach der Gründung der Grünen Partei und der projektorientierten Grünen Liga verhandelten vier Vertreter der Grünen mit am Zentralen Runden Tisch.
Der über Greenway informell vermittelte Gründungsprozeß erfaßte 1989/90 ganz Osteuropa. Grüne Parteien entstanden in der ÈSSR, in Rumänien, Bulgarien, Slowenien, Kroatien  und selbst in Albanien. In der Sowjetunion entstanden die Grüne Partei Rußlands um Ivan Blokow in Leningrad (St. Petersburg), die Grünen Estlands, Lettlands und der Ukraine. Auch im sowjetischen Kaukasus, wohin es keine Greenway-Kontakte gegeben hatte, entstanden Grüne Parteien: in Aserbaidshan, Armenien und Georgien. Die georgischen Grünen waren in den 90er Jahren im Parlament vertreten und stellten die Umweltministerin. Surab Swania, Sprecher der georgischen Grünen bei der Europäischen Föderation Grüner Parteien, fungierte u.a. nach der Rosenrevolution unter Präsident Sakaschwili als Ministerpräsident und starb 2005 in Tiflis bei einem mysteriösen Gasunfall.

Greenway nach der osteuropäischen Revolution
Die bis Ende 1990 in Osteuropa entstandenen  Grünen Parteien trugen an den Runden Tischen zu einer friedlichen revolutionären Umwälzung und dem Beginn der Loslösung von der Sowjetunion oder wie im Falle Sloweniens von Jugoslawien bei. Erst in einer späteren Phase lösten Partikularinteressen kriegerische Auseinandersetzungen in einigen Ländern aus. Die übergreifenden Ideen der Bürger- und der Grünen Bewegung hatten sich erschöpft. Die Grünen Parteien stellten, wenn auch nicht dauerhaft, Umweltminister und Parlamentarier in vielen Ländern Osteuropas. Die osteuropäische Koordination ging nun auf die Föderation Grüner Parteien Europas über.
Für Greenway stand mit der Ausdifferenzierung des politischen Flügels der Grünen Bewegung nun wieder die Arbeit als nichtstaatliche Organisation (NGO) im Mittelpunkt. In Ostdeutschland übernahmen Thomas Brückmann und Anette Baumann von der Grünen Liga Anfang 1990 von Matthias Voigt und dem Autor die Verantwortung als nationale Koordinatoren. Matthias Voigt ging zu Greenpeace und kämpfte in den frühen 90er Jahren gegen illegale Müllströme nach Osteuropa. 1991 fuhr ich mit Anette Baumann letztmalig zu einem Annual Greenway Meeting nach Mosonmagyarovar (Ungarn) – danach führte sie die internationale Greenway-Netzwerkarbeit selbständig weiter.
Das Greenway »head office« war bereits 1990 nach Bratislava in die auch bald unabhängige Slowakische Republik verlegt worden. Der Greenway Newsletter erschien nachweislich bis 1999, bis zur Nummer 40, und vernetzte in  dieser Zeit ca. 30 osteuropäische Umweltorganisationen mit NGO-Status.
Im Mittelpunkt der Umweltarbeit stand nun die Herausforderung durch die ökonomische Transformation Osteuropas, beispielsweise die Kontrolle westlichen Investments und seiner Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft. Der  Informationsaustausch verlor an Bedeutung – die Revolutionen von 1989 bis 1991 in Osteuropa hatten Informations- und Reisefreiheit gebracht. – Nur stand jetzt die Frage: Wie kann überhaupt die Netzwerkarbeit finanziert werden? Nur mit Fundraising? Die Bedingungen in den einzelnen Ländern entwickelten sich sehr unterschiedlich. Vieles wurde möglich – aber auch diffuser im Agieren des Netzwerks.
Die Grüne Liga steht immerhin auch 2006 für eine alte Greenway-Idee, den alternativen Reiseservice zur europäischen Vernetzung von Umweltschützern und Aktionen. In diesem Sommer findet wieder das Camp Ökotopia statt, zu dem alljährlich seit Ende der 80er Jahre hunderte Aktivisten aus vielen Ländern zusammenkommen, oft per Rad-Anreise über mehrere Ländern – diesmal in Italien. Zugleich gibt es kleinere Camps auf Bauernhöfen in Mittelosteuropa, auch mit national bunter Beteiligung.
Im Mittelpunkt steht für die Grüne Liga aber ein Öko-Entwicklungsprojekt im russischen Kaukasus. Im Autonomen Gebiet um Maikop gilt es zunächst einmal, dem Holzeinschlag in privatisierten Naturschutzgebieten Einhalt zu gebieten, die bereits in der Zarenzeit entstanden. Zugleich fließt Entwicklungshilfe in sanften Tourismus, um den Nordkaukasiern einen friedlichen und umweltfreundlicheren Erwerb zu eröffnen.

Rückfragen bitte an Anette Baumann, Grüne Liga Berlin, Internationale Arbeit – Greenway, Prenzlauer Allee 230, 10405 Berlin, 030 4433910; Reisen mit der Grünen Liga (NATOUR): 030 44339150.

Carlo Jordan, geb. 1951 in Berlin, Bauingenieur, Dr. phil., in den 70er Jahren Mitorganisator kulturoppositioneller Veranstaltungen in Berliner Klubs, in den 80er Jahren der Berliner Ökoseminare, Mitarbeit in verschiedenen Öko-Kreisen, 1986 Mitbegründer der Berliner Umwelt-Bibliothek, 1988 des Netzwerks Arche und der Zeitschrift »Arche Nova«, 1989 der Grünen Partei der DDR, 1989/90 Vertreter der Grünen Partei am Zentralen Runden Tisch, 1991 Mitorganisator der Gedenk- und Forschungsstätte für die Opfer des Stalinismus (ASTAK) in der Berliner Normannenstraße, Vorstandsmitglied der ASTAK, lebt in Berlin.

1    Siehe hierzu: Carlo Jordan, Kaderschmiede Humboldt-Universität zu Berlin, Berlin 2001, S. 190-197.
2    Siehe hierzu: Carlo Jordan, Hans Michael Kloth, Arche Nova. Opposition in der DDR. Das »Grün-ökologische Netzwerk Arche«. Mit den Texten der ARCHE NOVA, Berlin 1995, S. 466.
3    Siehe ebenda, S. 71-79.
4    Siehe ebenda, S. 234.
5    Siehe ebenda, S. 345-346.
6    Siehe ebenda, S. 473-474.

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