Heft 53/2006 | die ddr und der osten | Seite 37 - 41

Ingolf Kschenka

Schleichwege zur Freiheit

Kontaktaufnahmen nach Ungarn und Polen in den siebziger und achtziger Jahren

1. Die Quellen
So lange ich in meine Kindheit zurückdenken kann, habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wie Menschen sich vor Verfolgung und Krieg verbergen könnten. Hatte nicht das jüngste Geißlein auch im Uhrkasten überlebt? Wie ein Rollenspiel habe ich dieses Märchen mit meinen Verwandten immer wieder neu aufgeführt.
Als ich die mehr als zwanzig Jahre anhaltende Trauer meiner Großmutter über den Tod ihres ersten Sohnes, der im Kessel von Halbe im Alter von 17 Jahren umkam, so richtig wahrnahm, wurde ich ein Kriegsgegner und Ausweg-Sucher: »Warum ist er bei Hitler Soldat geworden und nicht einfach weggelaufen?« fragte ich.
»Wo hätte er hinlaufen sollen? Sie hätten ihn überall gefunden und an die Wand gestellt«, war die traurige, kaum kindgerechte Antwort.
Wenige Jahre später hörte ich die Geschichte vom Versteck der Anne Frank in Amsterdam. Mich beeindruckte auch der Mut der holländischen Christin Corrie ten Booms, die bereit war, unter Lebensgefahr verfolgten Juden Zuflucht zu gewähren. Warum waren es so wenige? Warum gab es das bei uns so nicht? »Wir waren so verblendet, und Angst hatten wir auch. Erst Ulis, ›unser Franzose‹, öffnete uns durch seine freundliche und manchmal spöttische Art allmählich die Augen. Aber ich wollte ihm nicht glauben«, sagte meine Mutter.
Ich wollte den Weg ihres im Krieg gefallenen Bruders in die andere Richtung, Richtung Frieden weiter denken und weiter l e b e n. Würde ich über die unsichtbare Grenze, die siebzehn Jahre meines Onkels hinwegkommen? Ich wollte Verstecke vorbereiten und mögliche Gefährten suchen, am besten unter den ehemaligen Feinden im Ausland. Und dazu müsste ich natürlich auch Schleichwege über Grenzen hinweg finden.

2. Polen offen – 10 Jahre auf Probe
1972, kurz vor meinem 15. Geburtstag, führten die DDR und die Volksrepublik Polen den visafreien Grenzverkehr ein. Endlich konnten wir nun allein mit dem Personalausweis ins Ausland! Es war zwar »nur Polen«, es war zwar nur 20 Kilometer entfernt, aber war das nicht der erste Schritt? Auch ich schwamm im Strom der Masse, die zunächst nur den Polenmarkt nach Knallkorkenpistolen, kurzen Windjacken und den quadratischen, buntbedruckten Raubkopien von Westschallplatten absuchten: »My sweet Lord, o my Lord« von George Harrison hallte über die noch von Kriegsruinen umgebenen Marktplätze von Gubin, Slubice, Krosno oder Zgorzelez. Dort Gesprächspartner zu finden, dafür war die Zeit noch nicht reif.
Das heißt, ich fand ohne Vermittler und ohne Sprachkenntnisse noch keinen Zugang. Leere Lebensmittelläden, die ölige, von Steinkohleruß geschwängerte Luft der Bahnhöfe, derbe Gesichter, kümmerliche Händler, schwarz-graue Häuserfassaden aus der alten deutschen und altrosa getünchte Kästen aus der neuen polnischen Zeit unter Edward Gierek – viel mehr konnte ich in diesem Stück Polen zunächst nicht entdecken.
Im DDR-Fernsehen lief noch die Wiederholung der beliebten polnischen Fernsehserie »Vier Panzersoldaten und ein Hund«. Als Kind hatten mich diese Kriegsabenteuerfilme sehr beeindruckt: An der Seite sowjetischer Genossen kämpften die sympathischen Helden Janek, Stanek und Gustlek gegen brutale, aber tölpelhafte Deutsche. Selbst der polnische Hund, paradoxerweise ein deutscher Schäferhund der Rasse nach, konnte diese trottelige Bande von Woche zu Woche neu, zur Not auch allein ins Bockshorn jagen. Mein deutsch-polnisches Menschenbild bekam durch die Konfrontation mit der Normalität deutliche Risse. Und ich fragte mich: Wie mag es den Polen jetzt mit uns gehen?
Nach dem Abschluss der Lehrlingszeit als Maschinist in der Lausitzer Braunkohle trampte ich im Sommer 1977 gemeinsam mit meinem Cousin von Guben nach Poznan und zurück. Die kleinen Polski Fiats hielten zu unserem Erstaunen recht häufig für uns an. Manche polnische Familie gab uns zu essen und ließ uns in ihrer Scheune übernachten. Aber noch immer fehlte mir gewissermaßen der Schlüssel zum Verständnis dieser Nachbarn.

3. »Noch ist Polen nicht verloren«
Die Wende in meiner Sicht auf Polen vollzog sich im Sommer 1979, merkwürdigerweise im gleichen Zeitraum wie die seelisch-moralische Wende innerhalb der polnischen Gesellschaft selbst.
Mein »Dolmetscher«, der mich Polen verstehen lehrte, war der lutherische Pfarrer Christian Schreier aus Leipzig: »Ich suche Studenten für eine Studienfahrt. Kommt mit zum Papstbesuch nach Polen! Etwas Großes ist geschehen, und ihr solltet dabei sein, um es weiterzutragen. Ein polnischer Dichter hat es schon vor über hundert Jahren prophezeit: Wenn einst ein Pole den Stuhl Petri besteigt, bricht eine neue Zeit an.«
Sehr skeptisch, aber doch neugierig bestieg ich gemeinsam mit meinem Studienfreund Christian Mendt den pastoralen Škoda zur Fahrt nach Krakau, Wadowice und Oswiecim (»Ja, das ist Auschwitz.«). Dabei war es eigentlich nicht so sehr die Begegnung mit Johannes Paul II. als vielmehr das Erlebnis der durch ihn inspirierten polnischen Bevölkerung, was mich protestantisch geprägten DDR-Menschen überwältigte: das festliche Straßenbild, die vielen Klöster, die Studenten, die von den Bergen der Tatra herabwandernden Goralen, die Künstler, ja sogar die total verunsichert wirkenden Polizisten – alles hatte sich verändert und hatte mich verändert. 
Der Gesang auf den Straßen, die leichte, fast zärtliche Stimmung auf den hunderttausend Gesichtern am Rande der Prozessionen, das war nicht der von vielen erwartete Massenwahn, sondern das waren Lichterketten stiller Freude von Pilgern des Lebens, aufgebrochen aus verborgenen Oasen mitten in der Nacht, in der Eiszeit.
Plötzlich hatte die fremde Sprache mit ihren unaussprechlichen Zischlauten in meinen Ohren einen Wohlklang erhalten. Plötzlich konnte ich mir polnische Worte merken und hatte große Lust, sie mit dem Spreewälder Wendisch meiner Großeltern Silbe für Silbe zu vergleichen.
Und das Gebet mit dem Papst in Auschwitz-Birkenau zwischen den Stacheldrahtzäunen – das blieb mein Lebensthema, ein Auftrag für Sühnezeichen und Versöhnungszeichen meiner Generation.

4. Die Solidarnosc
Damals, 1979 in Krakau, lernte ich am Rande eines Studentenempfangs auch die junge Kunsthistorikerin Hanka Kózinska kennen. Pfarrer Schreier stellte sie mir vor: Schon als Studentin hätte sie sich mit leidenschaftlichem Einsatz für illegale Seminare und Sommercamps stark gemacht. Ihr Ziel war der freie politische Austausch von jungen Deutschen, Österreichern und Polen. Im Sommer 1980 nahm ich dann gemeinsam mit meinem Freund Christoph Dieckmann, der heute für die ZEIT schreibt, und anderen Studenten aus Berlin, Naumburg, Wien und Kiel an solch einem heimlichen Polnisch-Lager in ihrer Krakauer Wohnung teil.
Hanka Kózinska diskutierte ungewöhnlich provokant und ließ im Gegensatz zu uns Deutschen aus Ost und West kein schwieriges Thema aus. Sie schockte uns, hatte Freude daran, unser Weltbild zu verwirren, und schuf durch ihre schonungslose Ehrlichkeit Vertrauensbande wie lebendige Brücken. Wir brauchten damals keine Dokumente, keine konspirativen Resolutionen nach Hause in die DDR zu schmuggeln, die gefährliche Konterbande war in unseren Köpfen. Ich dachte an Heinrich Heines Rückkehr nach Deutschland vor über hundert Jahren. Die scharfen deutschen Grenzkontrollen gehörten wohl schon immer dazu.
Als General Jaruzelski im Winter 1981/1982 gegen die Solidarnosc das Kriegsrecht in Polen durchsetzte und wir über viele Monate kein Lebenszeichen von unseren polnischen Freunden bekamen, gelang es mir noch einmal, mit einem Trick nach Krakau zu kommen. »Jetzt kann ich Dir ja eingestehen«, sagte Hanka, »dass ich bei allen internationalen Sprachkursen, Studienfahrten und Sommerseminaren immer im Hinterkopf von einem Konzept getrieben wurde: Über Grenzen hinweg sollten wir für solche Zeiten Fluchtwege vorbereiten, Netzwerke mit zuverlässigen Menschen knüpfen, Zufluchtsmöglichkeiten vorbereiten.« Ich war baff, denn die Geschichte ihrer aus Lemberg vertriebenen Familie hatte Hanka genau so motiviert wie mich das Kriegstrauma meiner Leute.
In Krakau hatte ich im Jahr zuvor meinen ersten Studentenstreik miterlebt. Hier begegnete ich Jacek Kuron, hier waren Intellektuelle, die uns von Begegnungen mit Boris Pasternak und zuletzt mit Václav Havel berichteten – es war eine Zeit voller Spannung und Faszination. Auf dem Heimweg von der Uni sprach ein Student aus, was wir damals in Krakau alle fühlten: »Egal, was jetzt auch noch kommen mag. Diese Erfahrung hier nach so langen Jahren der Stagnation, dafür lohnt es sich, gelebt zu haben.«
Das einzige Souvenir, das ich auf meinem Rückweg über die CSSR in die DDR einschmuggelte, war ein rot-weißes T-Shirt mit der Aufschrift »Solidarität mit Solidarnosc«. Ich wagte es nur verdeckt zu tragen. In Berlin angekommen, erfuhr ich, dass unser Kommilitone Eckehard Hübner vom Sprachenkonvikt, der Hochschule der Evangelischen Kirche, verhaftet worden sei, weil er direkt aus der Gdansker Lenin-Werft Samisdat-Schriften über die Grenze schmuggeln wollte. Als Vorsitzende der Studentenvertretung des Konvikts beriefen Christoph Dieckmann und ich die Studentenvollversammlung ein und berieten mit unserem Dozenten Dr. Wolfgang Ullmann, was zu tun sei. Kein kirchlich verbrämtes Alibi-Handeln, sondern Zivilcourage als Staatsbürger sei jetzt gefordert. Die Gerichtsverhandlung fand in Berlin-Lichtenberg unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Aber wir konnten Ecki Hübner kurz vorher noch sehen und grüßen. Er blieb Monate hinter Gittern und ließ sich nicht nach dem Westen abschieben. Der Funke war übergesprungen.
In diesen Wochen, im Herbst 1981, knüpften wir, evangelische Theologiestudenten, intensivere Kontakte zum Friedenskreis Pankow um Ruth Misselwitz, zur Samariterkirche mit Rainer Eppelmann in Friedrichshain und auch zu Martin Gutzeit und Markus Meckel in ihrem »Mecklenburger Exil«.
Auch außerhalb der Theologenkreise war plötzlich »Polen« ein Passwort geworden. So lernte ich in den folgenden Wochen fast folgerichtig den marxistischen Dissidenten Wolfgang Templin, den katholischen Filmemacher (in der DDR eine absolute Ausnahme!) Konrad Weiß und den Polen-Experten Ludwig Mehlhorn in sehr intensiven Gesprächen gut kennen. Diese drei Männer waren für mich, wie für viele junge Leute, Türöffner zum neuen Denken als Oppositionelle. Ihre guten Polnischkenntnisse und ihre persönlichen Erfahrungen bei Begegnungen mit Oppositionellen in Polen verliehen ihnen, so empfand ich es immer, einen starken und kreativen Rückhalt. Es entwickelte sich von 1981 bis 1985 eine Szene aus Friedens- und Umweltgruppen, die bei den Treffen des Netzwerks »Frieden konkret« sichtbare Gestalt annahm. Der Blick auf Polen blieb dabei immer ein Kernpunkt unserer Motivation und Argumentation.
 
5. Studium in Ungarn
Durch Fürsprache des Berliner Landesbischofs Forck und dabei wie durch ein Wunder gelang es mir, 1983 für ein Jahr die Zulassung zu einem postgradualen Studium an der Reformierten Akademie in Budapest zu bekommen. 
Die Situation in Ungarn war mit der Lage in der DDR überhaupt nicht mehr vergleichbar. Ja, sie war in gewisser Weise sogar spiegelverkehrt: An den staatlichen Hochschulen und Universitäten herrschte eine erstaunliche intellektuelle Freiheit. Der größte Teil der Professoren und Studenten hatte bereits Westeuropa oder gar Nordamerika bereist. Alle Bücher und Zeitschriften waren für sie irgendwie zugänglich. Nur innerhalb der Kirchen schien die Zeit seit 1956 fast stehen geblieben zu sein. Die überaus staatstreuen Kirchenfürsten Lékai (Katholische Kirche), Bartha (Reformierte Kirche) und Káldy (Lutherische Kirche) hatten noch mit dem eisernen Griff der Kalten Krieger die Ruder in der Hand. Ehe ich das bemerkte, war es schon fast zu spät. Einige Kirchenfunktionäre waren über meine öffentlichen politischen Diskussionsbeiträge so verärgert, dass sie mich zum Schweigen ermahnten. Der Rauswurf drohte.
Andererseits brachten mir gerade diese Zusammenstöße bei den oppositionell eingestellten Studenten einen unerhörten Vertrauensvorschuss. So bekam ich relativ schnell Zugang zu den interessantesten Gesprächspartnern für unsere unabhängige Friedensbewegung: Das waren zum einen die Gruppe DIALOG, überwiegend von der niederländischen Friedensbewegung faszinierte, den Kirchen ziemlich fernstehende Studenten, des weiteren die religiösen Pazifisten mit Gefängniserfahrung (Károly Kiszely, Pater Bulányi und andere Wehrdienstverweigerer der Basisgemeinden und Freikirchen), dann die Reformkommunisten in der Partei und in den Medien, auf eine Gestalt wie Gorbatschow wartend: »Vielleicht Poszgoi?«, und schließlich die prominenten Vertreter der immer noch illegalen politischen Opposition, ehemalige 56er oder erwachsene Kinder hochrangiger Kommunisten, wenige Theologen.
In den folgenden Monaten gelang es mir, diese Gesprächspartner mit interessierten Besuchern aus der DDR in Kontakt zu bringen. Für Markus Meckel, Richard Schröder, Hans Misselwitz oder Thomas Krüger war ich als Theologiestudent sozusagen von Haus aus der erste Vermittler. Aber auch damals eher noch kirchenfernere Oppositionelle wie Wolfgang Templin, Silvia Müller, Vera Wollenberger und ihr Ehemann Knut (als IM mitgereist, wie sich später herausstellen sollte) tauchten bei mir auf. Über Mittelsmänner führte ich sie u.a. zu István Szent-Iványi (nach der Wende Staatssekretär im Außenministerium Ungarns), Elemér Hankis, Páter Bulányi und Gábor Demszky (damals von Misshandlungen gezeichnet, nach der Wende bis heute Oberbürgermeister von Budapest). Nicht auf der persönlichen, sondern auf intellektueller Ebene erfuhr ich durch die Gedanken von György Konrád, veröffentlich u.a. im Samisdat-Blatt Beszelö (»Sprecher«) einen starken Schub. Konrád bildete mit seinen Gedanken über die «Antipolitics« meine politische Herangehensweise weiter aus. Für mich war es ein neues Denkmodell und zugleich wohltuende Ermutigung gegen eine unendlich erscheinende Übermacht. Ich verstand ihn so, dass es darum gehe, mit Fantasie, Liebe, Humor und Mut die absolute Macht zu düpieren. Nicht um die aufgezwungene Machtfrage im Totalen, sondern um die kleinen konkreten Kraftfelder sollte es gehen, die auf ganz unterschiedlichen Ebenen die Totalität durchlöchern, verwirren und Freiräume schaffen würden. Hier konnten wir »antipolitische« Widerstandformen und die Wahrheitsfragen zur Politik machen, um den großen Machtapparat ins Leere laufen zu lassen und letztlich doch friedlich zu entmachten.
Ermutigt wurde ich dabei auch durch das Beispiel des jungen Pfarrers Zóltán Balogh. Er hatte in der DDR, in Halle, Erfurt und Berlin, u.a. bei Heino Falcke das kirchliche Engagement für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung kennengelernt und versuchte nun als erster Theologe Brücken zur Gruppe DIALOG und auf diesem Wege später zur Oppositionsgruppe FIDESZ um Viktor Orbán und Tamás Deutsch zu schlagen. Dabei spielten Kunst und Pädagogik eine genauso wichtige Rolle wie Vorträge, Gruppengespräche und Ausflüge. Gemeinsame Reigentänze, Straßentheater und Lieder wie János Bródys »Wär‘ ich eine Rose« faszinierten auch die Zaungäste. Ich nahm es mit in die Arbeit der Friedensseminare der DDR.

6. Das Mobile Friedensseminar Mecklenburg
Zurück in der DDR, fand ich neben der Arbeit innerhalb der Kirchengemeinden zwei große Kontaktfelder, um die Gedanken aus Ungarn und Polen ins Spiel zu bringen.
Zunächst lernte ich im Umfeld des ungarischen Kulturzentrums, des Hauses Ungarn in der Berliner Karl-Liebknecht-Straße mit seinen Angeboten, viele alternativ denkende Menschen kennen. Unter ihnen »outeten« sich bald Reinhard »Henne« Weißhuhn und Bernd-Rainer Barth als Sympathisanten der ungarischen Opposition und Kenner ihrer Geschichte. Während Weißhuhn für mich die Brücke zur Berliner Szene schlug, konnte mir Barth durch sein Studium an der Philosophischen Fakultät in Budapest genau die politischen Hintergründe des ungarischen Systems erklären, die mir als Gaststudent der abgeschirmten Kirchen nicht vollständig deutlich geworden waren. Er war besonders gefragt, als 1986 die Diskussionen um den Charakter der 56er- (Konter-) Revolution größere Bedeutung bekam. Die Stasi hatte nämlich den Vorwurf des faschistoiden Einflusses im Antikommunismus ins Spiel gebracht, um die oppositionelle Szene um Gerd und Ulrike Poppe zu diskreditieren.
Hauptsächlich sah ich meine Möglichkeiten aber darin, die »Mobilen Friedensseminare« in Mecklenburg mit ungarischen Gästen und Themen zu »belüften«. Dieses jährlich größer werdende Sommerseminar war zu einem der wichtigsten Kommunikationsforen der oppositionellen Szene in der DDR geworden. Markus Meckel, Martin Gutzeit und ihre Familien hielten es allen inner- und außerkirchlichen Anfeindungen zum Trotz mit fantasievollem Einsatz für alle Anmeldungen und Themen offen. Ludwig Mehlhorn und ich waren die Seminargruppenleiter zum Thema Polen und Ungarn. Mit großem Erstaunen reagierten die Teilnehmerinnen und -teilnehmer, als in den Seminaren deutlich wurde, wie ähnlich die Geschichtssicht dieser beiden Völker ist und in welchem Gegensatz sie zum sozialistischen Menschenbild der DDR steht. Der Hitler-Stalin-Pakt und die Tragweite der Regelungen von Jalta waren in den Diskussionen hierzulande bis dahin nur am Rande berührt worden. In Polen und Ungarn hingegen gehörten diese Themen zur Grundlage des moralischen Aufbegehrens.   
 Noch wusste es niemand, doch ahnten wir schon, dass sich in Ungarn Entwicklungen abspielen, die, im Windschatten von Gorbatschows Perestroika, die Impulse aus Polen ganz überraschend verstärkt zum Ausdruck bringen könnten. Gleichzeitig war es mir wichtig, auf die massiven Menschenrechtsverletzungen im national-kommunistischen Rumänien unter Ceauºescu hinzuweisen. Denn gerade in den Jahren 1988-1989 hatte Honecker die Verbundenheit mit Bukarest (im Unterschied zu der mit Budapest) demonstrativ betont. Zum Abschluss trug ich mit meiner Gitarre immer das Bródy-Lied von der Rose auf Ungarisch und Deutsch (in einer Fassung von Gerhard Schöne) vor:

»Wär’ ich eine Rose, wollte ich mich mühen,
noch einmal im Winter herrlich aufzublühen,
allen, die im Frostwind, meine Blüte sähen,
würde augenblicklich auch ihr Herz aufgehen.
 ...
Wär’ ich eine Straße, ließe ich im Dunkeln
nach der Regenwäsche Lichter auf mir funkeln.
Würden Panzerketten meine Haut zerschrammen,
bräch’ die Erde stöhnend unter mir zusammen.«

In meiner Stasi-Akte, in der ich mich als Operativer Vorgang »Schakal« wiederfand, wurden die Verbindung zu Ungarn, zum Judentum und eben dieses Singen bei Abendveranstaltungen in Mecklenburg für besonders erwähnenswert gehalten.

7. Im Auto mit Meckel und Mehlhorn
Ende 1988 unternahm ich zwei »politische Autoreisen« nach Osteuropa, die die folgenden Monate gewiss stark beeinflusst haben.
Angeregt durch das Friedensseminar in Mecklenburg, entschlossen sich Markus Meckel und Ludwig Mehlhorn, mit mir nach Ungarn und Rumänien zu fahren. Schon von Berlin ab folgte unserem Wartburg »unauffällig« ein Stasi-Lada. Ermutigungen in Ungarn, unsere Diskussionen während der langen Fahrt und die ungewöhnlich bedrückende Atmosphäre Rumäniens motivierten uns alle drei in ganz ungewöhnlicher Intensität für das folgende Jahr 1989. Besonderen Eindruck hinterließen auf uns in Transsylvanien die ungarischen Gesprächspartner Tamas Juhász, István Sógor und Lászlo Tökés, der ja ein Jahr später mit seinem gewaltlosen Widerstand auch zum Auslöser des rumänischen Aufstandes in Timisoara (Temesvár) mit landesweiter Kettenreaktion wurde. Wir hatten sie, um sie nicht zu gefährden, in ihren Wohnungen quasi konspirativ aufgesucht. Jede Begegnung mit ausländischen Besuchern konnte von der staatlichen Geheimpolizei Securitate zum Anlaß von brutaler Gewalt, Erpressungen und hohen Strafen genommen werden. Darum gab es ganz wenige Menschen in Rumänien, die überhaupt bereit waren, über Politik zu sprechen. Die Wahrheit konnte sehr teuer sein, und wir spürten wie nie zuvor in unserem Leben, was »Vertrauen wagen« (vielzitiertes Motto der Kirchentage bei uns) heißen kann, als unsere Gastgeber leise und manchmal fast zitternd zu sprechen begannen.
Ebenfalls im Herbst 1988 war es Ludwig Mehlhorn und mir als ehrenamtlichen Leitungskreismitgliedern von »Aktion Sühnezeichen« (Ost) gelungen, eine Studienfahrt nach Ostpolen anzuführen und somit die immer noch strengen Reisebeschränkungen ins Nachbarland zu durchbrechen.
Offizielle Gastgeber waren die KIK (Clubs der katholischen Intelligenz), in deren Krakauer Zentrale uns Pan Sychowicz als Leiter der Studienfahrt begrüsste. Er berichtete uns, es gebe viele Zeichen der Hoffnung, dass die Repressalien des Kriegsrechts staatlicherseits nicht mehr wirkten. Obwohl die Solidarnosc immer noch verboten sei, gebe es schon wieder überall intelligent getarnte Netzwerke, die wir auf der Reise durch den polnischen Teil Galiziens auch neben unserer historisch orientierten Spurensuche entdecken würden. So trafen wir beispielsweise im Kapuzinerkloster der Kreisstadt Krosno, im Bieszczady-Gebirge, den Arbeitskreis »Frieden und Gerechtigkeit« zur Diskussion über »geschichtliche Fragen Europas«. Nur Ludwig Mehlhorn wurde während des Dolmetschens gleich klar, dass es sich um den harten Kern der Solidarnosc-Aktivisten handelte, die ihren Widerstand inhaltlich-moralisch auch während unserer Begegnung neu konzipierten.
Spürbar für alle war ein spiritueller Prozess mit ganz natürlichen politischen Konsequenzen.
Wieder sprang der Funke der Begeisterung auch auf uns über, und ich lud die sich parallel dazu treffende Jugendgruppe, teilweise die Kinder der Solidarnosc-Leute, zu uns nach Forst ein, wo ich seit 1987 als Pfarrer tätig war.

8. Erste Demos im Herbst 1989
Am 29. August 1989 standen morgens um 5.00 Uhr plötzlich acht polnische Jugendliche aus Krosno vor der Tür. Unsere Junge Gemeinde hatte sie zum Weltfriedenstag, den sie auf ihre Art begehen wollte, eingeladen. Die folgenden Tage veränderten unsere Kleinstadt.
Inzwischen hatte sich in Ungarn und Polen die Lage ja erheblich gewandelt. Mazowiecki führte die Opposition Polens in eine Regierungsbeteiligung, und der ungarische Außenminister Horn hatte den Abbau der Grenzanlagen zu Österreich angeordnet. Aber die DDR-Führung reagierte von oben bis in die Bezirke und Kreise hinein rigide.
In Forst sollte der 50. Jahrestag des Überfalls auf Polen und damit des Beginns des 2. Weltkriegs auf gewohnte, verordnete Kundgebungs-Art vor mehreren hundert zur Teilnahme verpflichteten Menschen begangen werden. Zum Entsetzen der Genossen zogen etwa 20 Leute des oppositionellen Forster Friedenskreises und der Jungen Gemeinde sowie ihre polnischen Freunde mit zwei eigenen Plakaten vor die Tribüne des Panzerdenkmals. Während das Plakat mit der Forderung nach einem Zivilen Friedensdienst sofort von Wachpersonal in FDJ-Uniform weggerissen wurde, war das Plakat »Friedensbrücken statt Friedensgrenzen« von uns zu gut abgeschirmt und sehr rasch vor die Ehrengäste getragen worden. So erfolgte der Angriff auf Träger und Plakat durch die damit beauftragte Kriminalpolizei erst auf dem Rückweg, außerhalb des Sichtfeldes der offiziellen polnischen PVAP-Delegation. Als einer der Angreifer mitbekam, dass Maria Nooke vom Forster Friedenskreis die überfallartige Aktion erfasst und fotografiert hatte, stürzte er sich auf sie und den Fotoapparat. In brutalem, zähen Ringen gelang es ihm doch nicht, sofort der Sache habhaft zu werden. Als erstes gingen die polnischen Jugendlichen dazwischen und bildeten um die Ringenden eine Art Knäuel aus zerrenden Armen und Händen. »Faschista« schrie Luzyna Jarzab dem Schläger ins Gesicht. Schließlich gelang es ihnen, den Griff des Polizisten zu lösen und den Fotoapparat in meine Hände fallen zu lassen. Im selben Augenblick erschien wie vom Himmel geschickt die Mutter eines der Jugendlichen meiner Gemeinde mit Kinderwagen und Einkaufsbeutel neben uns im Gedränge. Die Fotos waren gerettet. Einander mit festen Umklammerungen schützend, überstanden wir auch die Trennversuche der in dieser Hinsicht noch unvorbereiteten Volkspolizisten. Am Abend erwarteten wir ein weiteres Einschreiten und tanzten uns, Deutsche und Polen gemeinsam, fast ekstatisch die Angst aus dem Herzen. Unser Weltfriedenstag endete in der schnell gefüllten Kirche mit dem öffentlichen Bericht von den Ereignissen. Die erste eigenständige Demonstration in Forst seit 1953. Der Bann war gebrochen. Es war ein Vorgeschmack auf die Montagsdemos wenige Wochen später, wo tausend Menschen mit dem Lied von der Rose auf den Lippen von der Kirche aus auf die Straße gingen.
Im Jahr 2000 gab János Brody in Berlin, im Haus Ungarn ein kleines Konzert für die Freunde Ungarns in Berlin, wie ein Liedermacher, sich selbst auf der Gitarre begleitend. Persönlich habe ich ihn dort zum ersten Mal gesehen. Am Ende des Abends sagte er sein Abschlusslied mit folgenden Worten an: »Mit dem folgenden Lied möchte ich mich von dieser Stadt verabschieden. Ha én rozsa vólnék. Denn vielleicht konnte ich damit doch einen ganz kleinen Stein aus der großen Mauer lösen.« 

Wär’ ich eine Pforte, immer stünd ich offen
Jedermann, der anklopft, dürfte auf mich hoffen.
Keinen würd ich fragen, wo sind die Papiere,
nichts gäb’s zu verbergen hinter meiner Türe.

Heute, wo sich das neue Europa erneut als Festung formiert, bekommen diese Zeilen natürlich wieder Aktualität. Und ich frage mich: Welche Rolle kommt den Menschenrechten nun zu?   

Ingolf Kschenka, geb. 1957 in Perleberg (Bez. Schwerin), aufgewachsen in der Niederlausitz, 1977 Abitur, Berufsausbildung als Maschinist im Braunkohlentagebau, 1979 bis 1984 Theologiestudium in Leipzig, Berlin und Budapest, seit 1987 Pfarrer in Forst/Lausitz, 1993/94 Deutschlehrer an der Reformierten Akademie Cluj-Napoca (Rumänien).

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