Heft 53/2006 | die ddr und der osten | Seite 45 - 49

Georg Herbstritt

Fernsehmord

Vor 35 Jahren starb der tschechische Schriftsteller Jan Procházka

»Jan Procházka war ein tschechischer Schriftsteller, ein Vierzigjähriger mit der Vitalität eines Stiers, der schon vor 1968 angefangen hatte, die öffentlichen Verhältnisse laut zu kritisieren. Er war einer der beliebtesten Männer des Prager Frühlings, jener Schwindel erregenden Liberalisierung des Kommunismus, die mit der russischen Invasion endete. Kurz nach dem Einmarsch fingen alle Zeitungen an, gegen ihn zu hetzen; je mehr sie aber hetzten, desto lieber hatten ihn die Leute. Aus diesem Grund begann der Rundfunk (im Jahre 1970), in Fortsetzungen die privaten Gespräche zu senden, die Procházka zwei Jahre zuvor (im Frühjahr 1968) mit einem Universitätsprofessor geführt hatte. Keiner der beiden hatte damals geahnt, dass in der Wohnung des Professors eine Abhöranlage installiert war und sie längst auf Schritt und Tritt überwacht wurden! Procházka hatte seine Freunde immer mit Übertreibungen und Absurditäten amüsiert. Dann aber waren diese Absurditäten in Fortsetzung im Radio zu hören. Die Geheimpolizei, die das Programm redigiert hatte, hob absichtlich die Stellen hervor, wo der Schriftsteller sich über seine Freunde lustig machte, zum Beispiel über Dubcek. Obwohl alle Welt bei jeder Gelegenheit über Freunde herzieht, waren die Leute über ihren geliebten Procházka entrüsteter als über die verhasste Geheimpolizei.
Tomas stellte das Radio ab und sagte: ›Eine Geheimpolizei gibt es überall auf der Welt. Dass sie aber ihre Tonbänder öffentlich im Radio sendet, das gibt es nur bei uns! Das schreit doch zum Himmel!‹
›Ach, woher denn‹, sagte Teresa, ›als ich vierzehn war, habe ich heimlich Tagebuch geführt. Ich zitterte beim Gedanken, jemand könnte es lesen und versteckte es auf dem Dachboden. Die Mutter hat es trotzdem aufgestöbert. Einmal, beim Mittagessen, als alle den Kopf über dem Suppenteller hatten, zog sie es aus der Tasche und sagte: Nun hört mal alle gut zu! Sie las daraus vor und krümmte sich nach jedem Satz vor Lachen. Alle anderen lachten mit und konnten gar nicht mehr essen.‹«1

Vor einiger Zeit zeigte mir ein Freund diesen kurzen Abschnitt aus Milan Kunderas bekanntem Roman »Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins« und fragte mich: »Stimmt das? Hat es das wirklich gegeben, dass der tschechoslowakische Geheimdienst abgehörte Gespräche im Rundfunk sendete?« Als Mitarbeiter in der Berliner Gauck-Behörde hätte mir dieser Vorgang, oder zumindest etwas Vergleichbares, theoretisch bekannt sein können. Ich wusste davon aber nichts. Schlimmer noch: Auch den Namen Jan Procházka kannte ich nicht. Die Art und Weise, wie Kundera die Geschichte mit den öffentlich gesendeten Tonbändern hier erzählt, lässt sie unwirklich erscheinen. Der Abschnitt endet zwar mit der Geschichte einer weiteren empörenden Indiskretion, aber die findet im Familienkreis statt. Die politische Brisanz des zuvor Beschriebenen verliert sich dadurch. Und eigentlich widerspricht die genannte Methode den Arbeitsweisen der Geheimdienste, die auf Konspiration doch so großen Wert legen.
Aber mein Interesse war geweckt, ich wollte mehr wissen. Also schrieb ich an einen slowakischen Kollegen, der in Bratislava (Preßburg) im »Institut für Volksgedenken« (Ústav pamati národa, UPN) arbeitete, dem slowakischen Pendant zur Gauck-Behörde. Er antwortete mir umgehend: »Nachdem mir etwa zwanzig Kollegen wiederholt hatten, sie hätten von der Abhörung schon gehört, wüßten aber nicht mehr, hat mir am Ende eine Kollegin bestätigt, dass die Abhörung sowie die Rundfunksendung stattgefunden haben und dass die Tochter von Jan Procházka, Lenka Procházková, selber Schriftstellerin, derzeit als Kulturattaché der tschechischen Botschaft in Bratislava tätig sei und erreichbar sein sollte.«
Im vergangenen Dezember traf ich Lenka Procházková schließlich in Bratislava. Ich glaube, sie hätte sehr viel über sich selbst und andere tschechoslowakische Dissidenten der siebziger und achtziger Jahre erzählen können. Aber sie beschränkte sich darauf, mir über ihren Vater zu berichten, und sie machte mich auf deutsche Übersetzungen seiner Texte aufmerksam. Am Ende war mir klar, dass Kundera an der zitierten Stelle ein tatsächliches Ereignis angesprochen hat, das in Wirklichkeit viel schlimmer war als die Romangeschichte.
Jan Procházka, 1929 geboren, stammte aus einer mährischen Bauernfamilie, studierte unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg an der Landwirtschaftshochschule in Olomouc (Olmütz) und arbeitete anschließend als Leiter eines »Jugendgutes« in der Landwirtschaft. Wenn man rein formal die Stationen seiner Karriere betrachtet, könnte man ihn für einen typischen Funktionär halten. Obwohl sein Vater als »Kulake« einige Zeit inhaftiert war, wollte er seine Eltern davon überzeugen, in die Kolchose einzutreten. Anfang der fünfziger Jahre arbeitete er bereits in der Führung des tschechoslowakischen Jugendverbandes ÈSM, 1962 wurde er zum Kandidaten des Zentralkomitees (ZK) der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KPTsch) gewählt und im Jahr darauf auch in das ZK des tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes. Tatsächlich war Jan Procházka seit Ende der fünfziger Jahre vor allem als erfolgreicher Drehbuchautor, Filmdramaturg und Schriftsteller tätig. Er hatte eine besondere Begabung, mit Jugendlichen umzugehen, und war bei ihnen außerordentlich beliebt. In Gesprächen mit dem tschechoslowakischen Präsidenten und Ersten Sekretär des ZK der KPTsch Antonín Novotný setzte er sich seit 1963 dafür ein, den jungen Filmemachern und Regisseuren mehr Freiräume zu lassen und prophezeite ihm, die tschechoslowakischen Filme könnten sich zu einem ebenso erfolgreichen Exportartikel entwickeln wie das tschechische Bier. Seit 1965 schrieb Jan Procházka in der tschechischen Jugendzeitschrift »My« (»Wir«) die Serie »Und was denken Sie darüber?«, in der er Leserfragen ausführlich beantwortete. Im März 1967 veröffentlichte »My« die Frage eines Lesers zum Wahlsystem:
»Mehrfach habe ich in unserem Werk an verschiedenen Wahlen teilgenommen, die mir ungewöhnlich formal und überflüssig erschienen. Die, die gewählt werden sollten, waren schon vorher ausgewählt, vorgeschlagen wurden sie von denen, die dazu bestimmt waren, dass sie sie vorschlugen, ohne Interesse haben wir für die gestimmt, damit wir eher nach Hause kamen. Glauben Sie, dass das richtig ist?«
Jan Procházka antwortete darauf unter anderem: »Ich habe gehört, dass in einigen Ländern, die erst gestern einen Wettbewerb für ein Alphabet ausgeschrieben haben, Wahlen sehr einfach sind: wer dafür ist, erhält einen Korb Lebensmittel, wer dagegen ist, wird hingerichtet. Wenn ich solche traurigen Meldungen lese, atme ich auf, bin ich froh, dass ich das Licht der Welt in einem Land mit einer alten demokratischen Tradition erblickt habe. Verglichen mit diesem geschmacklosen Extremismus, ist unser Wahlgeschehen ein Übermaß an Liberalität.«
Wolf Oschlies, der diese Zeilen 1971 in einer Gedenkbroschüre für Jan Procházka veröffentlichte, merkt dazu an: »Diese Sätze verdeutlichen, warum Procházkas Serie mit anhaltendem Erfolg über Jahre hinweg geschrieben werden konnte: sie enthielt offene Worte, geschrieben in jugendlichem Tonfall und dargeboten als Katz-und-Maus-Spiel mit offiziellen Institutionen und ihren Leitsätzen.«2 An anderer Stelle schreibt Oschlies: »Als Mensch wie auch als Künstler war Procházka nur schwer einzuordnen; ihm fehlten die weltweite Popularität eines Pavel Kohout, die herostratische Entschlossenheit eines Ludvík Vaculík und Ladislav Mòaèko, literarische Würfe wie Kunderas ›Scherz‹ oder Škvoreckýs ›Feiglinge‹ brachte er nie zustande ... Procházka wirkte mit kleineren Formen, er war vor manchem anderen da, und seine Wirkung war nachhaltiger, wenn auch unauffälliger. Es klingt paradox, aber Procházka war 1968 ein unbekannter Prominenter; jedermann empfand es als ganz natürlich, dass er einen führenden Rang unter den reformerischen und kritischen Intellektuellen einnahm ...«3
Als im Juni 1967 der Tschechoslowakische Schriftstellerverband seinen IV. Kongress abhielt, gehörte Procházka zu denen, die sich für mehr Demokratie und Meinungsfreiheit einsetzten, woraufhin er aus dem ZK der KPTsch entfernt wurde. Mit der Wahl Alexander Dubèeks zum Ersten Sekretär des ZK der KPTsch am 5. Januar 1968 setzte der Reformprozess ein, der als »Prager Frühling« bekannt geworden ist. Jan Procházka wurde nun stellvertretender Vorsitzender des Schriftstellerverbandes und engagierte sich an vielen Stellen für die politische und gesellschaftliche Erneuerung. Das Ende ist bekannt: In der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 marschierten Truppen des Warschauer Pakts in der Tschechoslowakei ein, rund einhundert tschechoslowakische Bürger wurden in den folgenden Wochen getötet, und auf sowjetischen Druck hin setzte eine mehrjährige Phase der »Normalisierung« ein. Bereits am 10. Mai 1968 hatten KGB-Agenten versucht, Jan Procházka und Václav Èerný unter einem Vorwand in die DDR zu locken, was aber in beiden Fällen misslang.4 Alexander Dubèek hielt sich bis zum 17. April 1969 an der Spitze der KPTsch und wurde dann von Gustáv Husák abgelöst. Aus Protest gegen die Niederschlagung des »Prager Frühlings« übergoss sich der Student Jan Palach am 16. Januar 1969 auf dem Prager Wenzelsplatz mit Benzin und verbrannte sich, drei Tage später starb er. Jan Procházka sprach aus diesem Anlass vor den Prager Studenten, zu denen er nach wie vor einen guten Draht hatte.
Die »Normalisierungsbeamten« in der tschechoslowakischen Partei- und Sicherheitsbürokratie strebten danach, die Vertreter des »Prager Frühlings« aus dem öffentlichen Leben herauszudrängen und auszuschalten. Jan Procházka und andere verloren im Laufe des Jahres 1969 ihre Funktionen in der Partei und im Schriftstellerverband; Zeitschriften mussten ihr Erscheinen einstellen oder ihre Auflage reduzieren, und Bücher wurden verboten, so dass die Schriftsteller ihre Publikations- und Verdienstmöglichkeiten verloren. Der russische Schriftsteller und Dissident Alexander Solschenizyn ließ ihm auf Umwegen eine Nachricht zukommen und riet ihm, öffentlich gegen Gerüchte zu protestieren, die der KGB gegen ihn, Procházka, in Umlauf setzte, und ergänzte: »Und auch das, Jan, pass auf Deine Kinder auf.« Ebenfalls 1969 konnte Procházka noch seinen letzten Film fertig stellen, der den Titel »Das Ohr« (»Ucho«) trug. Darin thematisiert er das allgegenwärtige Abhören; als sich der Belauschte in dem Film nicht mehr einschüchtern lässt, wird er allerdings nicht verhaftet, sondern zum Minister ernannt. Dieser Film konnte erst 1990 aufgeführt werden. Weitere Drehbücher, die Jan Procházka 1969/70 noch schrieb, durften nicht mehr verfilmt  werden.
Der tschechoslowakische Geheimdienst StB (Státní bezpecnost = Staatssicherheit) bereitete ab 1969/70 gegen Jan Procházka und andere politische Prozesse vor, die mit Haftstrafen von rund zehn Jahren enden sollten.5 Doch bevor es dazu kam, führte die StB eine hinterhältige Aktion gegen ihn durch, um seine andauernde Popularität zu zerstören. Am 20. oder 21. April 1970 strahlte das tschechische Fernsehen zur besten abendlichen Sendezeit eine Dokumentation mit dem Titel »Zeugnis (Zeugenaussage) von der Seine« (»Svédectví od Seiny«) aus, in der es um seine Person gehen sollte. Lenka Procházková erinnert sich daran, wie sehr sich ihr Vater auf diese Sendung freute, weil er nach monatelangem Verbot nun endlich wieder einmal in der Öffentlichkeit zu sehen sein würde. Er unterstellte den Machern dieser Dokumentation durchaus unlautere Absichten, aber er wunderte sich nicht allzu sehr, dass er an den Vorbereitungen dieses Fernsehbeitrags nicht beteiligt worden war. Statt dessen telefonierte er mit vielen Freunden, machte sie auf den Sendetermin aufmerksam, legte eine Flasche Champagner in den Kühlschrank, und seine Frau bereitete kleine Häppchen zu.
Die »Dokumentation« begann mit der Frage: »Wie waren unsere Helden eigentlich?« Die Zuschauer bekamen dann ein Flugzeug der Air France und ein Ortsschild von Paris zu sehen, und eine Stimme aus dem Hintergrund erläuterte: »Aber nicht alle fahren dorthin, um die Stadt zu bewundern.« In der nächsten Szene sah man zwei weiße Hände am Steuer eines Daimlers, der offenkundig vom Pariser Flughafen in die Innenstadt chauffiert wurde. Dann begann der Fahrer, von dem man außer seinen Händen nichts zu sehen bekam, zu sprechen. Es war Jan Procházkas Stimme, und er zog über Alexander Dubèek und andere politische Weggefährten und Freunde her. Der Beifahrer sprach wenig, aber seine Stimme ließ sich dem Literaturprofessor Václav Èerný zuzuordnen. Am Ende meldete sich wieder die Stimme aus dem Hintergrund: »Warum haben wir euch das gezeigt? Damit ihr euch eine eigene Meinung bildet, wie diejenigen im demokratischen Geist sprechen, denen ihr glaubt.«
Die Geheimpolizei hatte Gespräche zwischen Procházka und Èerný aus den Jahren 1967/68 heimlich aufgezeichnet und nun für diese Sendung, zum Teil sinnentstellend, aufbereitet. In den folgenden zwei Wochen sendete der Rundfunk jeden zweiten Tag weitere Mitschnitte abgehörter Gespräche, die jeweils am Folgetag auch in der Zeitung nachzulesen waren. »Zeugnis von der Seine« verfehlten ihr Ziel nicht. Gleich nach der Sendung wurde Jan Procházka angerufen und als Snob beschimpft, die Leute kündigten ihm an, seine Bücher zu zerreißen und wegzuwerfen. Später erhielt er Briefe mit ähnlichem Inhalt.
Lenka Procházková, die diesen Abend im Familienkreis erlebte, beschreibt, wie hilflos ihr Vater war. Immer wieder sagte er: »Das war meine Stimme... meine eigene Stimme... aber es waren doch nicht meine Sätze...« Ihr Vater war sich unsicher, ob er vielleicht doch dergleichen gesagt haben könnte, und er wollte lange nicht glauben, dass derart manipuliert wurde. Im Grunde genommen sei er immer der naive Bauernjunge geblieben. Sie selbst hatte damals gerade mit dem Journalistikstudium begonnen und versuchte ihrem Vater fachkundig zu erläutern, in welchen Dialogen die Schnitte deutlich zu bemerken waren. In der Nacht nach der Fernsehausstrahlung stürzte in ihrer Wohnung der schwere Kronleuchter im Korridor von der Decke und zerbarst – für Lenka Procházková damals ein Symbol für die nicht mehr auszuhaltende Spannung, die dieser Film ausgelöst hatte. Eine Woche später kam ein reuevoller Fernsehtechniker und beichtete ihrem Vater, wie die Sendung gemacht worden war. Doch da war es schon zu spät: »Die erstarrte Seele sandte an den Körper ein nicht rückholbares Signal, und der Prozess, Krebs genannt, formierte die Zellen zu einer zerstörerischen Kette«, so Lenka Procházková.
Nachdem ihr Vater zwei Wochen fassungslos zuhause geblieben war, versuchte er sich zu wehren und verschickte an das Fernsehen und alle Tageszeitungen einen entsprechenden Brief. Doch nur die Landwirte-Zeitung Zemìdìlské noviny veröffentlichte ihn auszugsweise und mit Kommentaren versehen. So konnte immerhin Procházkas Vater, der noch als Landwirt arbeitete, in seinem Dorf beweisen, dass es sich hier um eine Hetzkampagne gehandelt hatte. Lenka Procházková ist dem verantwortlichen Redakteur dieser Zeitung bis heute dankbar für den Mut, den er damals bewiesen hat.
Ludvík Vaculík gehörte ebenfalls zu den wenigen, die damals offen für Jan Procházka eintraten – eine »einsame tröstende Nachricht«, wie Lenka Procházková sagt. Darüber berichtete am 12. Mai 1970 sogar die Süddeutsche Zeitung auf Seite 6:
»[...] In scharfen Worten hat sich der tschechoslowakische Schriftsteller Ludvik Vaculik bei der Generalstaatsanwaltschaft seines Landes über das Eindringen des Staates in die Privatsphäre der Bürger beschwert. Wie aus einem Kommentar der Nachrichtenagentur CTK mit einer Verurteilung Vaculiks hervorgeht, kritisierte der Schriftsteller, dass in einer vor kurzem ausgestrahlten Fernsehsendung die Stimme seines Schriftstellerkollegen Jan Prochaska in einer privaten Unterhaltung zu hören gewesen sei. Vaculik ... vertrat die Ansicht, dass das private Gespräch von der Polizei abgehört und auf Band aufgenommen worden sein müsse. Wenn eine derartige Maßnahme unbestraft bliebe, schrieb Vaculik laut CTK an die Generalstaatsanwaltschaft, müsse er feststellen, dass er in ›einer Umgebung von Gangstern‹ lebe, in der alle Gesetze und Rechte außer Kraft gesetzt seien ...«
Jan Procházka überlebte den unheimlichen Angriff auf seine Person nur um zehn Monate, er starb am 20. Februar 1971 in Prag. Lenka Procházková erzählt mit großer Traurigkeit vom Sterben ihres Vaters, aber sie erinnert sich zugleich und in besonderem Maße auch an die vielen Zeichen von Zivilcourage, die sie damals erleben durften.
Anfang Juni 1970 wurde Jan Procházka zu einem Verhör in das Untersuchungsgefängnis des Innenministeriums in Prag-Ruzynì vorgeladen, aber schon nach wenigen Stunden wieder nach Hause geschickt. Er bezeichnete die Vernehmung als »Kleinigkeit« und war darüber erleichtert. Tatsächlich ging es dem Geheimdienst aber darum, sein Aussageverhalten und seine Widerstandsbereitschaft zu testen, und im Hintergrund wurde bereits die Anklageschrift gegen ihn vorbereitet, die sich auf die Paragrafen 98 (»Wühlarbeit gegen die Republik«) und 106 (»Gefährdung des Staatsgeheimnisses«) des Strafgesetzbuches bezog. Doch wenige Wochen später erkrankte Jan Procházka, seine Kräfte schwanden, er magerte ab.
Die Ärzte diagnostizierten Darmkrebs, der rasch Metastasen bildete. Obwohl die Situation schon hoffnungslos war, versuchten sie mit allen Möglichkeiten, ihn zu retten; sie gaben Infusionen, Injektionen und Bestrahlungen, sie studierten fast täglich die neuesten medizinischen Entdeckungen in den USA und in Japan in der Hoffnung auf neue, bahnbrechende Methoden; Menschen kamen, um Blut zu spenden. Die Ärzte widersetzten sich erfolgreich dem Drängen der Geheimpolizei, Jan Procházka ins Gefängniskrankenhaus nach Ruzynì zu verlegen. Als während der letzten Operation der Strom im OP-Saal ausfiel und auch der Notstromaggregator nicht funktionierte, nähten die Ärzte den Patienten im Schein der Taschenlampe, die Procházka selbst ins Krankenhaus mitgebracht hatte. »Die Ärzte waren auf unserer Seite«, erinnert sich Lenka Procházková.
Auch nach seinem Tod gab die Geheimpolizei keine Ruhe. Die StB instruierte alle Prager Friedhofsverwaltungen, den Verstorbenen nicht zu beerdigen. Nur einen kleinen Friedhof am Stadtrand in Prag-Košíre hatte sie übersehen; der dortige Friedhofsverwalter gab den für ihn selbst schon reservierten Grabplatz frei, da kein anderer verfügbar war. Lenka Procházková und ihre Mutter arbeiteten damals bei der Post, und ihre Kollegen halfen dabei, Telegramme an Freunde und Angehörige zu verschicken, während die Geheimpolizei versuchte, die Nachricht von der Beisetzung zurückzuhalten. Trotz, oder gerade wegen dieser Schikanen wurde die Beerdigung am 24. Februar 1971, wo der Schriftsteller Pavel Kohout die Grabrede hielt, zu einer Demonstration für die Ideen des »Prager Frühlings«.6
Lenka Procházková und ihre Mutter waren selbst den verschiedensten Schikanen ausgesetzt; sofort nach der berüchtigten Fernsehsendung verlor Lenka Procházková ihren Studienplatz; ihre Mutter erlitt wenige Wochen später einen Autounfall, weil die Bremsen ihres Wagens beschädigt worden waren. Im März 2001 konnten sie gemeinsam die Akten der StB einsehen, und Lenka Procházková veröffentlichte darüber einen längeren Artikel in der tschechischen Tageszeitung Právo.7  Darin zitiert sie ausführlich aus den vielen Abhörprotokollen. Der StB hatte in der damaligen Dreizimmerwohnung der Familie Procházka dreizehn Wanzen installiert, so dass Lenka Procházková mit einer gewissen Ironie von einer »technisch ausgestatteten Wohnung« schreibt. Schon damals hatte sie sich und den Ärzten die Frage gestellt, ob ihr Vater gezielt krank gemacht wurde, beispielsweise durch radioaktives Trinkwasser. Immerhin war ihr Vater ein Jahr zuvor anlässlich einer Gallenoperation gründlich untersucht und für kerngesund befunden worden. Eine abschließende Antwort konnten ihr die Ärzte nicht geben. Aus den Geheimdienstakten kann sie aber ersehen, dass dier StB den Krankenhausaufenthalt ihres Vaters zunächst als Flucht deutete; der Geheimdienst mutmaßte, Jan Procházka begebe sich mit einer harmlosen Krankheit ins Krankenhaus, um auf diese Weise einer befürchteten Untersuchungshaft oder dem erwarteten politischen Prozess zu entgehen. Die StB wollte Jan Procházka als Hauptangeklagten vor Gericht stellen, seine Erkrankung war nicht vorgesehen. Deshalb schließt Lenka Procházková eine radioaktive Verstrahlung oder ähnliche Ursachen aus.
Lenka Procházková war 1968 siebzehn Jahre alt und in dieser Zeit viermal verliebt. Drei der vier Jungs waren vom StB auf sie angesetzt worden. Doch sie ist ihnen heute nicht wirklich böse deswegen, sondern bedauert sie eher. Obwohl sie bis 1989 selbst über fünfzig Mal von der (Geheim-)Polizei verhört wurde, ohne dem Druck nachzugeben, wendet sie sich gegen die rigorosen Moralisten, die alle verurteilen, die dem Druck nicht standhalten konnten und sich als Zuträger und Spitzel betätigten.
In ihrem Právo-Artikel resümiert Lenka Procházková, noch unter dem Eindruck der Akteneinsicht: »Die Erinnerung an die Knechte der Operative ist jedoch nicht die Hauptsache, die mir den Schlaf raubt. Im Kopf geht mir immer wieder die vom Ohr abgehörte Einschätzung herum: ›Alle schauten auf die Tschechoslowakei wie auf ein Kind. Sie warteten, was sie tut. Aber niemand rührte dafür auch nur einen Finger.‹« Diesen Ausspruch hatte die StB in einem Abhörprotokoll vom Frühjahr 1969 festgehalten.
Und Lenka Procházková endet mit einem Plädoyer für die Ideen des Prager Frühlings: »›Es gibt keinen dritten Weg!‹ stellen heute die prognostizierenden Politiker fest. Sie wollen nichts hören von zerstörten Hoffnungen des Prager Erneuerungsprozesses. Als wäre er ein entzündeter Blinddarm, den die Operateure eilig und ohne Narkose aus dem Körper Europas entfernt haben.«
Vor dem Hintergrund dieser Lebensgeschichte lesen sich auch andere Abschnitte in Kunderas Roman auf andere Weise, so auch der folgende:
»In den fünf Jahren, die vergangen waren, seit die russische Armee in Tomas’ Heimat eingedrungen war, hatte Prag sich sehr verändert. Die Menschen, die Tomas in den Straßen traf, waren nicht mehr die gleichen wie früher. Die Hälfte seiner Bekannten war emigriert, und von der zurückgebliebenen Hälfte war die Hälfte gestorben. Das ist eine Tatsache, die von keinem Historiker erwähnt wird: Die Jahre nach der Invasion waren eine Periode der Begräbnisse; die Sterbequote lag viel höher als sonst. Ich spreche dabei nicht von den (eher) seltenen Fällen, wo jemand zu Tode gehetzt wurde wie Jan Procházka... Aber es starben auch Menschen, die nicht direkt verfolgt worden waren. Die Hoffnungslosigkeit, die das Land ergriffen hatte, drang durch die Seele in den Körper ein und zermürbte ihn.«8
Ein anderer prominenter Schriftsteller und Weggefährte Jan Procházkas, Pavel Kohout, erzählt in seinem 1987 erstmals erschienenen Roman »Wo der Hund begraben liegt« gleich zu Beginn ausführlich vom Schicksal Jan Procházkas und bezeichnet die Aktion der StB vom April 1970 als »Fernsehmord«.9
Es ist bemerkenswert, dass Zeitzeugen wie Milan Kundera und Pavel Kohout die Romanform wählen, um historische Ereignisse zu dokumentieren. Vielleicht ist das tatsächlich die angemessenere Form, um Abläufe zu beschreiben, für die eine nüchterne Geisteswissenschaft  keine Wahrnehmung hat. Ein siebenbürgischer Schriftsteller schrieb mir vor einiger Zeit, nachdem er Geheimdienstakten über seine Person eingesehen hatte: »Die Wirklichkeit ist absurder als jede Phantasie«, und sarkastisch fügte er hinzu, »und das muss sie auch, um die Phantasie immer wieder beflügeln zu können«. Damit brachte er gewiss nicht seine Sympathie für irgendwelche Schändlichkeiten zum Ausdruck. Aber seine Bemerkung mag vielleicht erklären, warum Schriftsteller die Wirklichkeit gern in Form von Romanen beschreiben.

Ich danke Lenka Procházková, Stephan Konopatzky, Josef Mainka und Peter Matijek sehr herzlich für ihre Unterstützung.

Georg Herbstritt, geb. 1965, Historiker, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Behörde der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR in Berlin.

1    Milan Kundera: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, IV. Teil, 2. Kapitel.
2    Wolf Oschlies: »Der Mensch – Visitenkarte seines Systems«. Zum Tode des tschechischen Schriftstellers Jan Procházka. Köln 1971 (= Berichte des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien), S. 5f. Die vollständige Antwort Procházkas ist veröffentlicht in: Jan Procházka: Solange uns Zeit bleibt. Recklinghausen 1971, S. 114-119; in diesem Band auch viele andere seiner Texte.
3    Oschlies (wie Anm. 2), S. 1.
4    Siehe hierzu Christopher Andrew und Wassili Mitrochin: Das Schwarzbuch des KGB. Moskaus Kampf gegen den Westen. Berlin 1999, S. 355f.
5    Tatsächlich wurden in dem Strafprozess, der auch Jan Procházka erfassen sollte, im Juli 1971 sechs aktive Vertreter des »Prager Frühlings« zu Haftstrafen zwischen einem Jahr und zwölf Jahren verurteilt; vgl. Der Tagesspiegel, 11.7.1971: Sechs Personen in Prag wegen Subversion und Spionage verurteilt. Als der StB den Prozess unter der Bezeichnung »Aktion Miluše« vorbereitete, wandte er sich am 30.7.1970 an das DDR-Ministerium für Staatsicherheit und bat um Übersendung aller Angaben, die zu den Betreffenden beim MfS vorlagen; BStU, MfS, AP 6404/80, Bl. 4f.
6    Kohouts Grabrede ist abgedruckt in: Procházka: Solange uns Zeit bleibt (wie Anm. 2), S. 225-227.
7    Lenka Procházková: Odtajnìný pøíbìh (Offengelegte Geschichte), in: Právo, 31. Mai 2001. Das tschechische Fernsehen drehte, auch auf der Grundlage der StB-Akten, für den Zyklus »Vorzeitiger Tod« eine Dokumentation über Jan Procházka. In der polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza veröffentlichte Mariusz Szczygie³ am 22. August 2002 unter der Überschrift »Kochaneczek« (»Der Liebling«) einen sechsseitigen, informativen Artikel über Jan Procházka.
8    Kundera (wie Anm. 1), V. Teil, 19. Kapitel.
9    Pavel Kohout: Wo der Hund begraben liegt. München 1997, S. 23.

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