Heft 53/2006 | die ddr und der osten | Seite 56

Siegfried Reiprich

Stasi in der Offensive

Mehr als einmal haben in den letzten Jahren Stasitäter ihre Opfer verhöhnt. Aber die Veranstaltung vom 14. März zur Gedenkstätte Hohenschönhausen war ein »qualitativer Sprung«. Gedenkstättenleiter Hubertus Knabe hatte vorgeschlagen, das ehemalige Sperrgebiet um die einstige Stasi-Haftanstalt mit vier sachlich beschrifteten Tafeln kenntlich zu machen. Die Bezirksvertreter von der PDS waren nicht dagegen. Man habe nur kein Geld. Hubertus Knabe besorgte welches. Später war zu hören, die Einwohnerschaft werde zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Auf dem Podium sollte aber kein Vertreter der Gedenkstätte und auch kein ehemaliger Stasihäftling sitzen. Das konnte Dr. Knabe jedoch erreichen.

Gespannt war ich auf die Einladungskarte des Bezirksamtes und der Senatsverwaltung für Kultur und Wissenschaft: »Sperrgebiet Hohenschönhausen« war sie betitelt. Auf der Rückseite die Konzeption: »Sperrgebiet im Stadtraum, die Situation des ehemaligen Sperrgebiets Berlin-Hohenschönhausen«. Eine öffentliche Diskussion sollte »die Geschichte des ehemaligen Sperrgebiets vergegenwärtigen und Möglichkeiten erörtern, wie das historische Areal wahrnehmbar wird«. »Iss was?«, pflegten Stasis einst im Verhör zu fragen (Typ bad cop). Ja, da war doch noch was: Das Wort »Stasi« oder »MfS« kam im Text nirgendwo vor!

Mir fiel mein alter Freund Andy ein, ein weltläufiger Seeoffizier. Als er einmal das Dörfchen Corleone besuchte, fragte er Leute auf dem Marktplatz nach der »Mafia« und erntete ungläubige Blicke. Nie gehört! Gedenkstättenbesucher hatten in der Vergangenheit ähnliche Erlebnisse, wenn sie nach dem Weg zu uns fragten. Aber nun hatten die in mehrfacher Kompaniestärke angerückten Offiziere nicht nur frühzeitig fast alle guten Plätze besetzt, sie traten auch offensiv auf.

Am Anfang gab es Impulsreferate. Mein Kollege Peter Erler, der zu DDR-Zeiten als Historiker der SED angehörte und nun die Geschichte des Stasi-Sperrgebiets erforscht, war nervös und bemüht, Reizworte zu vermeiden. Er kannte seine Pappenheimer. Trotzdem wurden sie unruhig: »Woher wissen Sie das alles?«, rief einer dazwischen. »Aus Ihren Akten«, rief ich zurück. Dann wagte Frau Professor Endlich von einem Ort des Terrors, der Verfolgung und des Leidens zu sprechen und erntete Geraune und Gejohle. Die Moderatorin mußte zur Ordnung rufen. Die Diskussion verlief dementsprechend. Genosse Skiba stellte sich stolz als letzter Leiter der Hauptabteilung IX (Untersuchungsorgan) vor, bezichtigte die Gedenkstätte, ein »Gruselkabinett« zu betreiben und verwahrte sich gegen Begriffe wie »Zwangsarbeit«, die es nur im Faschismus gegeben habe. Der Wohnungsbau am Rande des Sperrgebiets, in den 50ern von Häftlingen für MfS-gesiebte Kader errichtet, sei etwas ganz anderes gewesen. Ex-Knastchef Rataitzik (Abt. XIV, U-Haft) verwahrte sich dagegen, daß Museumsführer sich als Opfer und sie als Täter darstellten. Ein Genosse von mfs-insider.de gab an, alle Häftlinge der DDR hätten sich für Hohenschönhausen beworben, so gut seien die Bedingungen gewesen. Und so weiter. Auf vier Stasileute kam höchstens einer von unserer Seite zu Wort.

Und Senator Dr. Flierl saß auf dem Podium und schwieg – kein Wort des Mitgefühls für SED- und Stasiopfer, der Solidarität mit ihnen. Stasileute als bekennende Wähler der Linkspartei, die von ihm die Vertretung ihrer Interessen forderten – kein Widerspruch! Auch sie seien Zeitzeugen. Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Neben mir saß Mechthild Günther, die Leiterin unsers Zeitzeugenbüros. Ja, müssen »Zeitzeugen« nicht »Zeugnis ablegen«, einigermaßen wahrhaftig, statt Desinformation zu verbreiten? Warum nimmt einer, der »demokratischer Sozialist« sein will, hin, daß Stasileute darauf pochen, sie seien von der bundesdeutschen Justiz rehabilitiert worden, weil fast keiner von ihnen verurteilt wurde?

Wie weit haben wir es gebracht im wiedervereinigten Deutschland? Gut, daß jetzt eine neue Debatte beginnt. Die deutsche Zivilgesellschaft darf die Opfer der kommunistischen Diktatur nicht immer wieder allein lassen. Um der Opfer, vor allem aber um ihrer selbst willen! 14. März 2006

 

Der Autor ist Referent für politische Bildung in der Gedenkstätte Hohenschönhausen.

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