Heft 53/2006 | die ddr und der osten | Seite 55 - 59

 Klaus Kühnel

Erinnerungen an Hannelore Becker

Hannelore Becker, geboren am 3. Januar 1951 in Leipzig, in den fünfziger Jahren Umzug der Familie nach Berlin, 1969 Abitur, 1970 bis 1974 Studium der Kulturwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität, 1970 Teilnahme am 1. Zentralen Poetenseminar der FDJ in Schwerin, 1971 vom MfS als IM angeworben, 1973 Mitglied der SED, 1974 Beginn eines Forschungsstudiums an der Sektion Ästhetik und Kunstwissenschaft der Humboldt-Universität, 1975 Abbruch des Studiums und der IM-Tätigkeit, Arbeit als Textilverkäuferin, intensive literarische Produktion, nahm sich am 12. Februar 1976 das Leben.

Zu Lebzeiten vereinzelte Veröffentlichungen, u.a. in der Tageszeitung »Junge Welt« und in der »neuen deutschen literatur«. Der größte Teil des nachgelassenen dichterischen Werkes findet sich in dem von Ines Geipel herausgegebenen Band »Die Welt ist eine Schachtel«, Berlin 1999, dem auch die biographischen Angaben entnommen wurden.

Erinnerung an eine gehorsame Seele

Erinnerungen sind willige Begleiter der Gegenwart. Sie können gerufen, unterdrückt, vor allem aber: angepasst werden, je nach Gebrauch und Bedarf.

Meine Erinnerungen an Eva Brigitte Hannelore Becker beginnen mit einem schüchternen Blick von mir und einem Lächeln, das mich verrückt machte, so kalt war es, schier ein Lachen. Kein Wunder. Die Angestrahlte war schon am Eröffnungsabend des 1. Zentralen Poetenseminars der FDJ (22. bis 28. August 1970) im ehemaligen Thronsaal des Schlosses von Schwerin der Blickfang aller Männer. Katzenartig bewegte sie sich zu ihrem Platz, ein aufgeschossener, blauäugiger Knabentyp, so blond wie selbstbewusst, so sicher ihrer Wirkung, dass ich seinerzeit – vollkommen geblendet von ihrer Erscheinung – gar nicht in Erwägung zog, ihre Lässigkeit könne gespielt sein. Erst später merkte ich, dass sie sich selbst immer wieder in Zweifel zog und in Frage stellte – ein Widerspruch zwischen ihrer geheimen und ihrer gezeigten Welt. Dem konnte sie nicht entfliehen, vorausgesetzt, Hannelore erwog eine solche Möglichkeit überhaupt, was ich bis heute ernsthaft bezweifle.

Nach dem gescheiterten Blickkontakt am ersten Tag merkten wir beide aber sehr rasch, dass uns etwas verbindet: Sie brauchte jemanden zum Reden, ich konnte zuhören und erfuhr, dass sie gerade als Volontärin bei der »BZ am Abend« arbeitet, dort gewissermaßen Hals über Kopf in eine Affäre mit einem mehr als doppelt so alten und selbstverständlich verheirateten Fotografen geraten ist und nun viel zu tief gebunden sei, um ohne Hilfe aus dieser Romanze herauszufinden. An die Gespräche schlossen sich nächtliche Spaziergänge an, und als das Poetenseminar beendet war, hatten wir, was man ein Verhältnis nennt und den Vorsatz, uns nicht aus den Augen zu verlieren. Dann folgten Briefe und Telefonate und Besuche. Ich schloss mein Studium ab und wurde von der »Einsatzkommission« der Pädagogischen Hochschule Dresden in ein Dorf des Bezirkes Schwerin vermittelt, was Hannelore nicht passte, »weil wir uns dann ganz und gar nicht mehr sehen werden.« Sie fand auch den Ausweg aus meiner Pflicht: Eheschließung. Am 5. August 1971 gab sie mir in einem selbst genähten roten Kleid mit modischem Dackelohrkragen auf dem Standesamt Köpenick das Ja-Wort.

Als Ehepaar reisten wir zum 2. Zentralen Poetenseminar (20./26.08.1971), sie als Teilnehmerin aus Berlin, ich wieder als Leiter der Delegation des Bezirkes Dresden. Hier interessierte sie sich besonders für Jürgen Fuchs und versuchte stets, in seine Nähe zu kommen, ohne dass ich ihrem Wunsch damals besondere Aufmerksamkeit schenkte. Er war schließlich ein attraktiver Mann.

In Berlin wohnte ich zunächst bei ihr. Sie hatte sich im Haus ihrer sehr schweigsamen Eltern aus einem leer stehenden Räumchen eine Art Wohnzimmer geschaffen, ohne Toilette, ohne Ofen, aber mit Wasseranschluss. Ich arbeitete als Lehrer, musste mich an die doppelt neuen Anforderungen erst gewöhnen, brauchte Ruhe und Platz, um Aufsätze oder Diktate zu korrigieren. Kurz, der Zustand wurde so unerträglich, dass Hannelore beschloss, »eine neue Wohnung zu besorgen«. Und in der Tat, wenige Wochen später zogen wir in ein so genanntes Berliner Zimmer am Boxhagener Platz, gleich um die Ecke, von ihren Eltern aus gesehen, was sich als sehr günstig erwies, denn die Wohnung hatte zwar ein Innenklo, aber natürlich keine eigene Wanne, so dass wir auch weiterhin das elterliche Bad in Anspruch nehmen mussten.

Hannelore schwärmte von ihrem Studium der Kulturwissenschaften und nahm mich gelegentlich sogar zu Vorlesungen von Professor Heise mit, den sie angeblich sehr verehrte und der sozusagen die Attraktion der Humboldt-Universität war. »Leider«, klagte sie, »weiß er zu viel und ich kann seinen Ausführungen nicht immer folgen.« Es kursierte das Gerücht über ihn, er habe schon als Knabe ohne Schwierigkeiten Kant, Hegel und Fichte gelesen, und wir glaubten das unbesehen.

Eines Tages suchte ich verzweifelt nach einem Dokument, das ich (in meiner Erinnerung jedenfalls) so dringend brauchte, dass ich nicht auf Hannelores Rückkehr warten konnte. Nachdem ich es in meinem Schreibtisch nicht gefunden hatte, sah ich in ihrem Schubfach nach, fand es jedoch auch dort nicht, stieß dabei aber auf handgeschriebene Berichte über die Vorlesungen von Professor Heise, unterzeichnet mit »Clementine«. Am Abend zur Rede gestellt, gab Hannelore ausweichende Antworten, versicherte, alles habe seine Richtigkeit und als ich mich damit nicht zufrieden gab, vertröstete sie mich auf später. Als Aufklärer der Sache erwies sich ein Mitarbeiter der Staatssicherheit, der mich, mir von ihr angekündigt, am 18. November 1971 unter vier Augen sprechen wollte und sich als ihr V-Mann erwies, als ihr Führungsoffizier. Meine Frau spionierte für die Stasi! Angeworben am 17. März 1971 um 16 Uhr im Objektzimmer des Krankenhauses Friedrichshain, wie ich inzwischen aus einem Aktenstudium erfahren habe (Ich hoffe, dass es sich bei diesem Raum nicht um das ehemalige Krankenzimmer des Naziidols Horst Wessel handelte, das alle Friedrichshainer Schüler zwischen 1933 und -45 mindestens einmal im Jahr anlässlich eines organisierten Ehrenbesuchs besichtigen mussten). Danach hat Hannelore mich sogar als operativen Mitarbeiter für die Stasi empfohlen, was ich allerdings erst seit 1999 weiß. Ihr Plan zerschlug sich schon deswegen, weil ich »Westkontakte ersten Grades« besaß und deshalb für die Herren gar nicht brauchbar war. Das MfS hatte nach offenbar monatelangen Recherchen herausgefunden, dass ich bei Besuchen meiner Mutter gelegentlich auch meinen Bruder traf, der als »amnestierter Republikflüchtling« galt und in Essen wohnte.

Irgendwie war nach dieser »Aufklärung« über die Nebentätigkeit Hannelores unser Verhältnis getrübt. Ich war enttäuscht, dass die Ehrgeizige sich mir nicht vor unserer Ehe selbst anvertraut oder mir wenigstens aus freien Stücken ihre willfährige Seele gezeigt hatte. Das zumindest hätte ich erwartet. Außer an dem Abend haben wir beide nie wieder über ihre diesbezüglichen Aktivitäten gesprochen. Hannelore hatte ohnehin Schwierigkeiten, Empfindungen zu offenbaren, obgleich sie endlos über sich referieren konnte.

Anderen gegenüber verschwieg ich, was ich von Hannelore wusste.

Das war besonders schwer, weil wir gemeinsam das Literaturzentrum Berlin des Kulturbundes Friedrichshain leiteten, in dem junge Leute ihre literarischen Versuche vorstellten, die selbstverständlich nicht immer in die »Schachtel« passten, in die sie gehören sollten. Wie ich inzwischen weiß, hat sie ausführlich über die Abende und die dort geführten Diskussionen berichtet. Auch sonst hielt sich Hannelore nicht zurück. Wenn sie bei irgend einer Gelegenheit einen »interessanten« Mann kennen lernte, informierte sie sofort und aus freien Stücken, sozusagen in vorauseilender Willigkeit, ihren V-Mann, der zu allem Übel den Decknamen »Klaus« führte. Auch die von ihr gesuchte Bekanntschaft mit Franz Fühmann war ausschließlich »dienstlich«. Wir hatten »Barlach in Güstrow« gelesen, waren extra in die Stadt gefahren, ins Atelier und in den Dom natürlich, hatten sehr lange den schwebenden Engel betrachtet und waren mit ihm »ins Gespräch gekommen«. Hannelore dichtete danach drei wunderbare Sonette, die sie säuberlich abschrieb und in meiner Gegenwart Franz Fühmann überreichte. Seitdem wuchsen unsere Unstimmigkeiten. Ob sie weiterhin Kontakte zu Fühmann unterhielt, entzieht sich meiner Kenntnis. Allerdings befinden sich ihre Sonette nicht im Nachlass des Dichters. Erhalten ist nur das mittlere, »Der stumme Schrei« genannt.

Der stumme Schrei

Weil nichts so brennt wie die geschlossnen Lider,

auf deren Spalt dein Auge suchend schaut

mit dem Gefühl, sie öffneten sich wieder,

weil nichts so brennt, ist dies Gesicht so laut.

 

Und so, als ging ein Beben durch die Haut,

wie du es kennst aus angsterfüllten Tagen,

ist fest der Mund und ist dir so vertraut

als könnt er aller Fragen Antwort sagen.

 

Dann wirst du in das Schweigen hören,

bis sich die Formen und die Linien zeigen

dem Blick, dem jene Lider brennend zwingen,

 

und kaum zurück kann da dein Auge springen,

das sieht: Kein Wort sagt mehr als dieses Schweigen

unterm Lid – von niemandem zu stören.

Im November 1972 kam Hannelore von einer Reise nach Jena niedergeschlagen, sehr deprimiert, fast verstört nach Hause, beachtete weder mich noch das vorbereitete Abendbrot, setzte sich wortlos auf ihren Stuhl, ließ sich weder in den Arm nehmen noch sonstwie trösten, weinte plötzlich und erklärte aus heiterem Himmel, sie lasse sich scheiden. Am nächsten Morgen zog sie mit nichts als einer Tasche Wäsche zu ihrem Bruder. Das nächste und letzte Mal sah ich sie am 29. Januar 1973, unserem Scheidungstermin.

Klaus Kühnel, geb. 1945 in Löbau/Sachsen, Mittlere Reife, Besuch des Kirchlichen Proseminars Moritzburg, um sich auf ein Theologiestudium vorzubereiten, Abbruch der Ausbildung, Lehre als Betriebsschlosser, Abitur, bis 1971 Studium an der Pädagogischen Hochschule Dresden (Deutsch/Geschichte). Sieben Jahre Arbeit als Lehrer in Berlin, dann als Redakteur für Geschichte beim Schulfunk von Radio DDR II. Mit Auflösung der Redaktion nach der Wende aus dem Rundfunk entlassen, danach (meist auf ABM-Basis) für verschiedene Institutionen als Pressesprecher tätig, seit 1994 freischaffender Publizist ausschließlich auf historischem Gebiet, vor allem für DeutschlandradioKultur und den Bayerischen Rundfunk, Veröffentlichung von biographischen Essays und Biographien.

Klaus Körner

Auf der Suche nach eigener Sprache und Identität

Erinnerungen sind wie unvollständige Botschaften, die im Kopf des Erinnernden abgerufen werden. So ist auch meine Erinnerung an die wenigen Begegnungen mit der Lyrikerin Hannelore Becker gefiltert, subjektiv eingefärbt und punktuell.

Das Poetenseminar in Schwerin 1971 Durch den 2. Preis in einem Lyrikwettbewerb zum Poetenseminar nach Schwerin delegiert, fühlte ich mich als ein Fremdkörper zwischen den sich meist schon kennenden, munteren FDJlern und »Jungpoeten«.

Ich hatte das Glück, bei Helmut Richter im Seminar mit anderen Gleichgesinnten an lyrischen Texten ernsthaft zu arbeiten, was, wie ich in diesen Tagen bemerkte, nicht selbstverständlich war. Ich lernte dort Hannelore Becker und ihren Mann Klaus Kühnel kennen und wurde von ihnen in den Literaturzirkel des Kulturbundes Berlin-Friedrichshain eingeladen.

Während beispielsweise die 17jährige Gabriele Eckert sich als Dichterin inszenierte, gewann Hannelore Becker meine Sympathie durch ihr bescheidenes Auftreten. Bei ihr gab es nicht diese oberflächliche Euphorie, die bei vielen Seminaristen vorherrschte, das »Fässerweise Mut getankt«, wie die »Junge Welt« titelte. Sie wollte nicht mit »Halbfabrikaten« ins Rampenlicht der Veranstaltung treten. Hannelore Becker suchte nach ihrer eigenen lyrischen Sprache.

Der Literaturzirkel des Kulturbundes Berlin-Friedrichshain Auch bei den Zirkelabenden gab es immer wieder Zirkelmitglieder, die nur kamen, um ihre Produktion zum Besten zu geben. Hannelore gehörte nicht dazu. Sie war interessiert an analytischen Interpretationen von DDR-Lyrik. Johannes Bobrowskis und Wulf Kirstens poetische Bilder etwa wurden als Beispiele einer von Landschaftsmetaphorik geprägte Poesie verglichen, deren Aussage und lyrische Sprache ganz verschieden waren. Ein anderes Mal saßen wir mit Adolf Endler zusammen und ließen uns über Probleme der Nachdichtung berichten, die bei der Erarbeitung des damals gerade erschienenen Bandes »Georgische Poesie« aufgetreten waren.

In dieser Zeit schärfte sich Hannelore Beckers lyrische Sprache. Ihre kritische Haltung zum verordneten »sozialistischen Realismus« wurde wacher. Ihr Plan, als Forschungsstudentin der Kulturwissenschaft eine Arbeit über »Kitsch im sozialistischen Realismus« zu schreiben, belegt diese Haltung. Ich sammelte für sie einen Fortsetzungsroman aus der »Armee-Rundschau«, »Gerd und Gerda« von Walter Flegel, ein wahres Kitschprodukt.

Aber Hannelore Becker wurde zu dieser Zeit auch ruheloser. Der Halt, den sie bisher durch das Glaubensbekenntnis ihres SED-Elternhauses gehabt hatte, war im Prozess des Mündig-Werdens verloren gegangen. Ihre Suche nach neuer Bindung durch Liebe und Ehe scheiterte.

Auch der Zirkel ging ein, weil die Verbindlichkeit der Zirkelleiterin Becker, aber auch der Zirkelmitglieder nachließ. Das Interesse richtete sich auf andere Tätigkeitsfelder.

Letzte Begegnung in Berlin-Buch Im Winter 1975/76 besuchte mich Hannelore Becker in Begleitung von Richard Pietraß, den ich vom Poetenseminar her kannte, in meiner Wohnung in Berlin-Buch. Hannelore Becker las voller Eifer und in übersprudelnder Begeisterung ihre Texte vor. Als ich ihr sagen musste, dass die Gedichte keine eigene Sprache hatten und in vielen Passagen nur Karl Mickel imitierten, mit dem sie kurz zusammen gelebt hatte, wurde sie ärgerlich. Sie warf mir vor, ich würde ihr die durchgemachte Entwicklung nicht gönnen. Richard Pietraß gab sich wie immer zurückhaltend, doch überaus freundschaftlich und interessiert. Er setzte sich für einen lyrischen Stil ein, der jedem einzelnen Gedicht seine, und sei es von Text zu Text noch so verschiedene Sprache gebe. Er glaube, ein Dichter brauche keine eigene Sprach- und Bilderwelt, sondern lyrische Sensibilität und Formgefühl. Hannelore verstieg sich zu der Behauptung, ich verschanzte mich hinter meiner Sprache und flüchtete in meine Bilderwelt, ich stellte mich nicht dem wirklichen Leben.

Ich brachte sie noch zum Bus ins Stadtinnere. Wir gingen erregt, aber trotz der Meinungsverschiedenheiten freundlich auseinander. Es war meine letzte Begegnung mit Hannelore Becker vor ihrem Tod.

Klaus Körner, geb. 1946 in Poxdorf/Thür., Schriftsteller und Publizist; Gedichtbände: Augenworte (1986), Gegenlicht, traumgeschwärzt (1989), Stimmbögen (2000); Hrsg. des Lateinamerika-Lesebuchs »Knecht Gottes Lieder« (1992), Aufsätze in Sammelbänden und Zeitschriften, ständiger Mitarbeiter der Zeitschrift »Rotdorn«.

 

 

Richard Pietraß

Unlebbares Leben

 

Die Trauergesellschaft, die am 12. März 1976 in Berlin-Baumschulenweg nach kurzer Gedenkfeier die Urne Hannelore Beckers zu ihrem spatenbreiten Erdloch geleitete, wirkte verloren. Benommen folgte das Häuflein den Schritten des Trägers und ließ die karge Zeremonie über sich ergehen. Ich sehe noch die Eltern, Hannelores Bruder und Klaus Kühnel, ihren Mann aus früh gescheiterter Ehe. Das Gefühl der Verlassenheit, das mich bei diesem ersten Begräbnis meines Lebens erfaßte, entsprach meiner Mühe, mir eine Eselsbrücke zu dem Nummerngrab zu bauen, das ich, so oft ich auch an sie dachte, nicht wieder besuchte. Tief saß der Schrecken über dieses jäh abgebrochne Leben einer jungen Dichterin, die sich gerade erst auf den Weg gemacht zu haben schien.

Fotos aus dem Sommer 1970 in Schwerin zeigen sie stupsnasig und keß, gedankenblaß und kommunikativ: die frischgebackene Studentin der Ästhetik und Kulturtheorie. Und so war sie, rasch erfassend, leidenschaftlich debattierend, voller Freude an geistiger Auseinandersetzung, fähig zum Genuß gelungener Texte: eine junge Bilderbuchfrau, selbstbewußt, unverklemmt, emanzipiert. Ihre Lernbereitschaft verhieß rasches Fortschreiten auf dem Weg der schöpferischen Erkenntnis und Schreibgewandtheit. In Berlin sahen wir uns wieder, kamen uns, kurz, nah. Freundschaft blieb, ein kameradschaftliches Zugetansein. So war es kein Wunder, daß sie mir, als ich sie wenige Tage vor ihrem Freitod am 12. Februar 1976 auf dem Bahnsteig des S-Bahnhofs Marx-Engels-Platz zufällig traf, ihr Herz ausschüttete. Gerade vom Urlaub zurück, stand sie wie unter Schock, hatte Sorgen mit ihrer Arbeit, vor allem aber bedrückende Probleme in ihrer Beziehung zu Karl Mickel, dem eigenwilligen Freund, dem sie vieles verdankte: Lebenslust und Seelenlast, literarische Siebenmeilenstiefel und äußerste Verzweiflung. Sie sah ihre Misere überscharf und wußte trotzdem nicht ein noch aus. Unter Tabletten sprang sie, in seiner Abwesenheit, aus dem Fenster seines im vierten Stock gelegenen Appartements Unter den Linden/ Ecke Friedrichstraße.

Nichts wußte ich von ihren MfS-Verstrickungen, die sie, neunzehnjährig in politischer Einfalt eingegangen, bald belasteten. Es spricht für ihr letztlich geradliniges Wesen, daß sie sich aus ihnen zu befreien suchte. Ob dieser Schuldkomplex ein Jahr später zu ihrem dramatisch-einsamen Ende beitrug, werden wir nicht erfahren.

Der literarische Nachlaß Hannelore Beckers ist der schmale, verstreute einer Fünfundzwanzigjährigen. Es bleibt Verdienst Ines Geipels, ihn in ihrem Buch Die Welt ist eine Schachtel. Vier Autorinnen der frühen DDR im wesentlichen versammelt und kommentiert zu haben. Neben dem knappen, schlagfertigen Kassandra-Stück, welches ihr das Problem ihres tragischen Sonderwissens zu artikulieren erlaubte, besteht er aus zwei Dutzend schönen Gedichten, in denen sich, überwiegend traurig und originell, Glücksringen ausspricht.

Die Lektüre dieser Gedichte lohnt, dem Menschen Hannelore Becker verblüffend unverstellt zu begegnen. Statt eines der Liebesgedichte zu zitieren, lasse ich einem Sonett der Zwanzigjährigen über Barlachs schwebenden Engel den Vortritt, weil es die Summe ihres eigenen Lebens vorwegnimmt:

 

Der stumme Schrei

Weil nichts so brennt wie die geschlossnen Lider,/ auf deren Spalt dein Auge suchend schaut/ mit dem Gefühl, sie öffneten sich wieder,/ weil nicht so brennt, ist dies Gesicht so laut.//

Und so, als ging ein Beben durch die Haut,/ wie du es kennst aus angsterfüllten Tagen,/ ist fest der Mund und ist dir so vertraut/ als könnt er aller Fragen Antwort sagen.//

Dann wirst du in das Schweigen hören,/ bis sich die Formen und die Linien zeigen/ dem Blick, den jene Lider brennend zwingen,//

Und kaum zurück kann da dein Auge springen,das sieht: Kein Wort sagt mehr als dieses Schweigen /unterm Lid – von niemandem zu stören.

(1971)

Richard Pietraß, Jahrgang 1946, lebt als freiberuflicher Schriftsteller in Berlin. – 2002 erschien sein Gedichtband »Schattenwirtschaft«, 1980 »Notausgang«, der das Hannelore Becker gewidmete Gedicht »Die Fledermaus« enthält:

Keiner half dir durchs Fenster./Du nahmst dich am eigenen Schopf.

Keiner stieß den Stein vom Weg./Du nahmst den dröhnenden Kopf.

 

Das Grab, in dem du strebtest/War zu gut ausgemauert.

Der Himmel, dem du hinlebtest/Hat andere überdauert.

 

Aus fremdem Rahmen gefallen/Wuchst du zu Lebensgröße.

Jetzt fallen die dir Kleider/Benagt Gewürm deine Blöße.

 

Die Köche schließen das Buch./Du warst kein harter Brocken.

Wir, gehörnter als du/Bleiben vor der Suppe hocken.

 

(1976)

 

 

 

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