Heft 54/2006 | zeitzeugen und historiker | Seite 5 - 10
Ilko-Sascha Kowalczuk
Historiker als Zeitzeugen. Zeitzeugen als Historiker.
Impressionen
Mitte Mai 2006 übergab eine zehnköpfige Expertenkommission nach über einjähriger Arbeit der Bundesregierung einen Bericht mit Empfehlungen zur »Schaffung eines Geschichtsverbundes ›Aufarbeitung der SED-Diktatur‹«. Dieser Bericht wurde heftig debattiert, eine neue Diskussion über den historischen, gesellschaftspolitischen und wissenschaftlichen Umgang mit der SED-Diktatur und ihren Hinterlassenschaften bahnte sich an. Diesen seither vielfach kontrovers diskutierten Abschlußbericht verfaßten neben DDR-Bürgerrechtlern auch Historiker und Museumsfachleute, letzteres Personen, die wissenschaftlich als einschlägig ausgewiesen angesehen werden können. Die Empfehlungen der Kommission, die hier nicht erneut vorgestellt und kritisch beleuchtet zu werden brauchen, verlangten nach Begründungen, die neben gesellschaftspolitischen Ansprüchen auch wissenschaftlichen, insbesondere geschichtswissenschaftlichen Standards Rechnung zu tragen hatten. Dessen war sich die Kommission bewußt, weshalb sie ihre Voten zur künftigen Aufarbeitungslandschaft zu begründen suchte. Sie schlägt u.a. vor, ein »Forum Aufarbeitung« zu etablieren, das »als Kommunikationsort der zeitgeschichtlichen Auseinandersetzung zu einer zentralen Anlaufstelle für Fragen der DDR-Aufarbeitung entwickelt« werden könnte. Begründet haben nun Wissenschaftler und Bürgerrechtler ein solches Forum folgendermaßen: »Damit könnte ein Diskussionsforum geschaffen werden, das die Bindungskräfte zu erfassen erlaubt, die nach Schließung der DDR-Grenzen zumindest in den sechziger und siebziger Jahren zur relativen Stabilität der diktatorisch verfaßten Gesellschaft beigetragen haben und die von ideologischer Überzeugung über soziale Aufstiegsmöglichkeiten und wirtschaftliche Grundsicherung bis hin zu mißmutiger Loyalität reichten. Eine historische Aufarbeitung, die die Interaktion von Herrschaft und Gesellschaft übergeht und die entstehenden und erodierenden Bindungskräfte der DDR in ihren jeweiligen Entwicklungsstadien (und damit den lebensweltlichen Rang und Identifikationswert des Alltags) ignorierte, wäre verfehlt und nach Überzeugung der Kommission unvollständig. Darüber hinaus würde sie die Selbstwahrnehmung breiter Schichten der früheren DDR-Bevölkerung und ihrer nachwachsenden Generationen nicht angemessen erfassen und den erinnernden Umgang mit dem Leben in der Diktatur den unkritischen Sammlungen zur DDR-Alltagskultur überlassen, deren mediale und museale Konjunktur in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat.«
Unabhängig von der Frage, ob eine solche Zentralisierung der Aufarbeitung sinnvoll sein könne und welche Gefahren sie impliziert, wird an dieser Begründung ein prinzipielles Problem deutlich, das das Spannungsverhältnis von Zeitzeugenschaft und Historiographie spiegelt. Zunächst ist der Feststellung, der Interaktion von Herrschaft und Gesellschaft sei in der historiographischen Auseinandersetzung um die SED-Diktatur Rechnung zu tragen, natürlich zuzustimmen, allerdings mit dem augenzwinkernden Hinweis, daß ja nichts anderes seit Öffnung der Archive geschieht. Selbst die Apologeten des Regimes versuchen immer wieder, wenn zuweilen auch nicht sonderlich einfallsreich, dieses spannungsgeladene Interaktionsverhältnis nachzuzeichnen oder wenigstens aufzuspüren. Anders ließe sich kaum erklären, warum in der DDR vierzig Jahre lang eine kommunistische Diktatur herrschte und warum sie sich trotz all ihrer Krisen eben doch ein paar Jahrzehnte zu behaupten wußte, ohne ihren prinzipiellen Diktaturcharakter einzubüßen. Nun aber formuliert die Kommission eine weitere Begründung, die man den aufgrund ihrer Biographie moralisch legitimierten Kommissionsmitgliedern noch verzeihen mag, die aber aus der Feder von Fachhistorikern mit einigem Renommee zumindest erstaunlich erscheint. Worin liegt denn die Konsequenz ihrer Forderung, »die Selbstwahrnehmung breiter Schichten der früheren DDR-Bevölkerung und ihrer nachwachsenden Generationen ... angemessen« zu erfassen? Die Historiker in der Kommission haben mit dieser Aufgabenzuschreibung das Feld ihrer Profession verlassen, ihr methodisches Handwerkszeug unabhängig von theoretischen Vorannahmen weggeschlossen und sich in den Chor geschichtspolitisch ambitionierter Volkspädagogen eingereiht. Ist es Aufgabe von Historikern und historischer Forschung, die Vergangenheit so zur Geschichte zu konstruieren, daß sich die historischen Subjekte mit ihren »Selbstwahrnehmungen« in den historischen Darstellung wieder finden? Wozu bräuchte eine Gesellschaft überhaupt Geschichte aus der Feder von Historikern, wenn sich darin die historischen Subjekte wiederfinden müssen? Umgekehrt wird ein (seltener) Glücksfall daraus, nämlich wenn ein Historiker eine Arbeit vorlegt, in der sich Zeitzeugen wiederfinden und womöglich ausrufen, »ja, genau, so war es!«.
Der Verweis auf den Kommissionsbericht ist insofern relevant für das Spannungsverhältnis zwischen Historikern und Zeitzeugen, als er plastisch ein weitverbreitetes Mißverständnis zum Ausdruck bringt. Wenn es Aufgabe historischer Forschungen sein würde, »die Selbstwahrnehmung breiter Schichten« der zu erforschenden Gesellschaften ins Zentrum der zur Geschichte konstruierten Vergangenheit zu rücken, dann würde nicht nur die Historiker-Profession ihre methodischen Standards aufgeben, zugleich kämen Geschichtsdarstellungen heraus, die gerade das eigentümliche Spannungsverhältnis zwischen Herrschaft und Gesellschaft nicht zu erfassen in der Lage wären, sondern lediglich darum bemüht sein müßten, einem Zeitgeist, der sich auch noch ständig verändert, hinterher zu eilen. Man stelle sich nur einmal vor, die Forschungen über die NS-Gesellschaft wären einem solchen Ansinnen gefolgt. Ganz zu schweigen von der Tatsache, daß ein solcher Anspruch an Geschichte ja nur die Zeitgeschichte meinen kann, also jene Vergangenheit, die von Zeitgenossen der Gegenwart noch erlebt wurde. Dabei gehört es freilich zu den vornehmen Aufgaben der Historiographie, die »Selbstwahrnehmung breiter Schichten« der Vergangenheit zu erforschen, aber nicht mit Ziel, diese als Geschichtsbild zu reproduzieren, wie es die Expertenkommission nahelegt, sondern um solche Selbstwahrnehmungen als Erklärungsvarianten für das Interaktionsverhältnis von Herrschaft und Gesellschaft zu entwickeln.
Die zentrale Methode historischen Arbeitens besteht in der Verifizierung historischer Ereignisse, Prozesse und Strukturen; der Umgang mit Quellen ist unabhängig von verwendeten Theorien das zentrale Handwerk eines jeden Historikers. Es gibt seit Leopold von Ranke eine fachwissenschaftliche Debatte darüber, was Quellenkritik eigentlich bedeutet, was eine Quelle ist, ob Quellenhierarchien existieren, in welchem Verhältnis die in der Vergangenheit erzeugte Quelle und die in der Gegenwart vorgenommene Kontextualisierung und Interpretation stehen. Die Debatte geht so weit zu fragen, ob es überhaupt einen Unterschied zwischen einer schriftlichen Quelle aus dem 13. Jahrhundert und einer geschichtlichen Darstellung über diese Zeit und diese Quelle aus dem, sagen wir mal, Jahr 1987 geben könne. Diese Beispiele sollen nur andeuten, daß die in propädeutischen Grundlagenkursen vermittelten Einsichten über historische Erkenntnismöglichkeiten zwar einsichtig klingen mögen, aber im Detail dann doch seit langem kontrovers debattiert werden und viele verschiedene, sich gegenseitig ausschließende Perspektiven ermöglichen.
So steht jeder Historiker immer wieder bei seinen Forschungen vor der prinzipiellen Frage der Quellenauswahl. Die Fragestellung, der Fragehorizont und die Frageabsicht bestimmen oft genug die Quellenauswahl ebenso wie manche Historiker aus Quellen erst Fragen, manchmal überraschende, entwickeln. Unabhängig von der Herangehensweise besteht gerade die vornehmste Aufgabe darin, in den Quellen nach Material zu suchen, das die eigene Darlegung, die vorgebrachte These erschüttert oder gar widerlegt, und nicht umgekehrt, wie es vielfach geschieht, nach Beweisen für die These oder Darstellung zu suchen. Quellen zu suchen und zu finden, die eine Vorannahme bestätigen, ist weder originell noch im Kern wissenschaftlich, vor allem aber wenig anstrengend, weil sich im Prinzip für jede, auch noch so absonderliche These Quellen finden lassen, die diese scheinbar »beweisen«. Die historische Konstruktion von Vergangenheitsausschnitten zur Geschichte, mehr ist es niemals, verlangt nach einem komplexen Quellenzugriff, der kaum mit wenigen Worten zu beschreiben ist. Jeder Forscher hat dabei allerdings kenntlich zu machen, warum er sich bei seiner Arbeit auf welche Quellengruppen konzentriert, im Kern verlangt jede historische Arbeit den berühmten »Mut zur Lücke«. Diese inhaltlichen Lücken vor dem Hintergrund der vorliegenden Forschungsliteratur zu erläutern, ist oft genug jener sichtbare Arbeitsanteil, an dem sich nicht zuletzt die Qualität einer historiographischen Arbeit messen lassen muß.
Es ist vor diesem Hintergrund wissenschaftlich legitim, wenn auch nicht immer ratsam, für eine bestimmte Fragestellung scheinbar abwegiges Quellenmaterial zu verwenden. Um ein Beispiel anzubringen: Natürlich könnte man allein mit der Analyse der DDR-Nachrichtensendung »Aktuelle Kamera« die Medienpolitik des SED-Staates untersuchen und darzustellen versuchen. Gleichwohl würde der Stoff wohl komplexer erfaßt werden, wenn man neben der Auswertung der gesendeten Nachrichten auch in die Untersuchung einbeziehen würde, was nicht ausgestrahlt wurde, wie das Fernsehen der DDR in den Herrschaftsapparat der SED eingebunden war, über welche konkreten Steuerungs- und Eingriffsmöglichkeiten das ZK der SED verfügte, ob es Unterschiede zwischen »Aktueller Kamera« und anderen Nachrichten in Hörfunk- und Printmedien gab, ob und wenn ja, welche Konflikte hinter der »Kamera« existierten und schließlich, welche Wirkung und Reichweite die Nachrichten überhaupt hatten. Dieses simple Beispiel soll nur andeuten, daß die legitime Bearbeitung einer Fragestellung noch lange nicht komplexe Antworten zu liefern in der Lage ist, wenn die Quellenauswahl, und damit oft genug der Darstellungsrahmen, einseitig und begrenzt bleibt.
Gerade bei diesem Beispiel würde selbstverständlich auch die Frage eine Rolle spielen müssen, inwiefern der den Stoff bearbeitende Historiker auf die Befragung von Zeitzeugen zurückgreift. So lange Menschen ihre Vergangenheit zur Geschichte konstruieren, so lange stehen Zeitzeugen als wichtige, viele Jahrhunderte lang oft als einzige Quelle im Zentrum dieser Rekonstruktionsversuche. Erst ab dem 19. Jahrhundert erlangte die Schriftgläubigkeit in der Geschichtsschreibung zeitweilig Dominanz. In Leopold Rankes Erstlingswerk »Geschichte der germanischen und romanischen Völker von 1494 bis 1535« von 1824 findet sich jener berühmte Satz, auf den sich viele Historikergenerationen immer wieder beriefen: »will bloß sagen, wie es eigentlich gewesen«. Heute würde kaum noch ein Historiker diesen Satz als Hauptaufgabe seines Tuns unreflektiert aufschreiben können. Und doch hat er das Selbstverständnis der Historischen Wissenschaften tief bis in unsere Gegenwart geprägt, ebenso wie jenes Diktum von Theodor Mommsen, das er 1858 in seiner Antrittsrede als hauptamtlicher Mitarbeiter der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin, um das Corpus Inscriptionum Latinarum zusammenzutragen, aussprach: »Es ist die Grundlegung der historischen Wissenschaft, daß die Archive der Vergangenheit geordnet werden.« Von schriftlicher Quellenüberlieferung in Archiven berichtet bereits das Alte Testament. Neu war aber der Umstand, daß diese gut behüteten – und zumeist ebenso schwer zugänglichen Archive wie es heute die des Vatikans oder aktiver Geheimdienste sind – erst in der jüngeren Vergangenheit einem Demokratisierungsprozeß unterworfen wurden, so daß aus geschlossenen Verwaltungsarchiven nach bestimmten juristischen Regeln zugängliche Historische Archive wurden. Diese neuen Zugangsmöglichkeiten ermöglichten nicht nur eine neue Qualität historischer Forschungen, manche sehen hier die Geburtsstunde der modernen Historiographie, zugleich ging damit eine Abwertung bestimmter Quellengruppen zugunsten anderer einher, insbesondere schriftlicher Hinterlassenschaften. Unabhängig einmal von der Frage, ob es überhaupt prinzipiell signifikante Unterschiede zwischen verschiedenen Quellengruppen geben kann, verlor jedoch in dieser Entwicklung die Zeitzeugenschaft zeitweilig erheblich an »Quellenwert«. Erst später ist wieder diskutiert worden, daß ja auch jede schriftliche Quelle letztlich nichts anderes sei als eine Zeitzeugenquelle. Die Befragung von Zeitzeugen aber verlor in der Historiographie zeitweilig erheblich an Bedeutung und gewann erst mit dem Aufkommen neuer Fragestellungen, etwa nach Identitäten und Mentalitäten, wieder an Reiz und Wirksamkeit.
Durch das Aufkommen der Oral history schließlich, die ja jeweils Erfahrungshorizonte, Identitäts- und Mentalitätsmuster zu ermitteln sucht und dabei am ehesten, wenn auch ebenfalls nur sehr beschränkt, die Selbstwahrnehmung der historischen Subjekte zu spiegeln bereit ist, schien der Platz des Zeitzeugen in den Historischen Wissenschaften bestimmt zu sein. Hier schien er als Erzähler in methodisch unterschiedlichen Interviewsituationen seine Sicht der Dinge am besten vermitteln zu können. Allein auf die Kontextualisierung seiner Erfahrungen und Erlebnisse hatte er freilich so wenig Einfluß wie bei anderen Methoden. Seine Darlegungen dienen als Quellen, die kaum anders zu verarbeiten sind als Bauwerke, Urkunden, Bilder, Fotos, Videos, Protokolle, archäologische Funde, Briefe, Lebensberichte oder was sonst noch das menschliche Leben hervorbringt und an welcher Stelle auch immer wenigstens zeitweilig überdauert.
Der Zeitzeuge ist für den Historiker insofern eine Quelle unter vielen, genauso glaubhaft oder unglaubwürdig wie jede andere Quelle. Wissenschaftliche Fragestellungen und Erkenntnisziele weisen Zeitzeugen ihren Platz im Arbeitsalltag der Historiker zu. Für zeitliche Horizonte, die vor dem 20. Jahrhundert liegen, kommen ohnehin nur noch die Hinterlassenschaften verstorbener Zeitzeugen in Frage. Was die Neueste und Zeitgeschichte anbelangt, also die Vergangenheit seit Ende des Ersten Weltkrieges, so gibt es noch genügend zu befragende Zeitgenossen, auch wenn naturgemäß die der zwanziger und dreißiger Jahre immer weniger werden. Für die Erforschung der SED-Diktatur hingegen können noch viele Jahre lang Historiker auf Zeitzeugen zurückgreifen. Die Frage ist allerdings, ob dies immer sinnvoll ist. Ich komme vor diesem Hintergrund auf persönliche Erfahrungen zu sprechen.
Das grundsätzliche Problem besteht zunächst darin, daß ich selbst als in der DDR sozialisierter Mensch Zeitzeuge für die 1970er und 1980er Jahre bin. Diese Prägung birgt Vor- und vor allem Nachteile. Die Nachteile liegen auf der Hand: Die eigenen Erfahrungen, Erlebnisse, Gefühle und Denkmuster schlagen sich zwangsläufig in meinen Vorannahmen nieder. Ich kann nicht einmal so tun, als würde ich dies ausblenden können. Es bedeutet deshalb einen erheblichen intellektuellen Kraftaufwand, in der Arbeit selbst diese Prägungen auszublenden, jedenfalls einen anderen Kraftaufwand, hätte ich diese Prägungen nicht. Meine Arbeit als Historiker würde aber nicht leichter, würde ich mich anderen Zeitepochen oder anderen Regionen zuwenden. Mein durch die konkrete persönliche Erfahrung geprägter Blick auf Gesellschaften beeinflußt mich auch dann, wenn ich mich mit Gesellschaften beschäftige, die zeitgleich zu meiner eigenen Existenz oder mit solchen, die irgendwann vor meinem irdischen Dasein existierten.
Kein Forscher kann sich seiner Sozialisation und der erfahrenen Prägungen im Forschungsprozeß entziehen. Niemand sucht sich seine Forschungsthemen völlig frei aus. Das mag nach Göttlichem Willen klingen, hat damit aber nichts zu tun. Ich behaupte, und da schließe ich mich lediglich einem Mainstream an: »Erzähle mir von deinen Erkenntnisinteressen und ich sage dir, wer du bist, woher du kommst.« Dabei existiert allerdings kein lineares Muster, nicht einmal ein wirklich durchschaubares. Prinzipiell kann jeder über alles forschen, aber daß jemand über etwas forscht, und sei es noch so abstrakt, geschieht weder zufällig noch wahllos, sondern ist sozialisationsgebunden. Ja, das ist ziemlich banal, bringt aber jene, die sich zum Beispiel wissenschaftlich, historisch mit jener Gesellschaft beschäftigen, der sie entkommen sind, stets in Legitimationsnöte und seien es nur solche, die sie sich selbst auferlegen. Dem Mediävisten wird niemand entgegenhalten: »ist nicht langsam genug?«. Auch dem im Brasilien sozialisierten Historiker wird niemand ernstlich entgegenhalten: »Wie lange willst du dich eigentlich noch mit der Geschichte Portugals im 20. Jahrhundert beschäftigen?«. Und nicht einmal dem in Freiburg sozialisierten Historiker hält man vor, sich zu lange mit der DDR auseinanderzusetzen. Einem in Magdeburg, Weimar oder Rostock sozialisierten Menschen hingegen wird die wissenschaftliche Beschäftigung mit den historischen 108.000 Quadratkilometern stets als Folie für die eigene »Vergangenheitsbewältigung« vorgehalten. »Man« wird im Wissenschaftskontext zumeist nur als »Zeitzeuge« wahrgenommen, »komme da was da wolle«. Das mag bitter für jene sein, die glauben, etwas anderes zu sein. Die Realität aber spricht diese harte, fast unversöhnliche Sprache. Da kann ich mich als Historiker mühen, wie ich will, wenn ich in Fachkreise gerate, die von westdeutschen Sozialisationsmustern dominiert werden, und das sind außerhalb apologetischer Diskurskreise alle, werde ich nicht als Wissenschaftler, sondern als Betroffenheitskünstler wahrgenommen – unabhängig von rationalen Argumenten oder der Verifizierbarkeit vorgetragener Thesen. Ich bin »nur« Zeitzeuge, selbst für die Jahre, die meine Eltern als Kinder oder Jugendliche erlebten. Diese Rolle ist absurd, aber offenbar nicht zu ändern. Und ganz ehrlich: Würde ich mich mit den Kolonialdiktaturen oder der Frühen Neuzeit in Europa beschäftigen, meine Perspektive auf Gesellschaft, auf das Interaktionsverhältnis von Herrschaft und Gesellschaft würde ja vom Ansatz her nicht anders ausfallen. Meine Diskurspartner aber, die mich dann vielleicht sogar als gleichwertig akzeptieren könnten, würden nicht nach meiner Herkunft fragen. Sie hätten jedoch andere »wissenschaftliche Mittel« zur Verfügung, mit denen sie, aus meiner »emotional verständlichen Zeitzeugensicht«, die sie ja so oder so gar nicht zu kennen glauben, eine nicht-wissenschaftliche, eine politisierte, eine emotionale, jedenfalls in der »objektiven Wissenschaft« inakzeptable Position ableiten können.
Wer auch nur einmal ansatzweise mit jenen Institutionen (und den entsprechenden Personen) zu tun hatte, die in Deutschland im Wissenschaftsbetrieb maßgeblich über Stellen, Projekte und Stipendien entscheiden, der weiß, wovon die Rede ist.
Derjenige, der über eine Gesellschaft historisch forscht, der er selbst entstammt, ist allerdings auch in zweierlei Hinsicht im Vorteil. Er hat sozialisiertes und erlebtes Wissen, das er selbst kaum beschreiben könnte, das ihn aber in die Lage versetzt, Decodierungen historischen Materials selbstverständlich vorzunehmen, die Zeitzeugen anderer Gesellschaften sich erst hart erarbeiten müssen. Freilich, dieser »Vorsprung« ist minimal, im wissenschaftlichen Kontext geradezu unerheblich , aber doch erkennbar, wenn man etwa Arbeiten zur bundesrepublikanischen Geschichte der 1950er und 1960er Jahre nach der Herkunft der Autoren vergleicht. Die besten und überzeugendsten Arbeiten stammen eben von in der alten Bundesrepublik sozialisierten Forschern. Für die Geschichte der DDR gilt dies so übrigens nicht, was nur zeigt, daß Zeitzeugenschaft im wissenschaftlichen Prozeß nur dann etwas taugt, wenn auch die rationalen Kriterien moderner Historiographiemethoden angeeignet sind und subjektiv anwendbar zur Verfügung stehen. Der zweite auf der Hand liegende Vorteil erscheint lächerlich, wird aber zumindest in mündlichen Debatten, zuweilen auch in schriftlichen, was aber weitaus gefährlicher ist, immer wieder gern und erfolgreich in Anspruch genommen. Es wird einfach etwas behauptet, und als Quelle wird die eigene Erfahrung, das eigene Erleben angegeben. Dagegen ist schwer etwas zu sagen, schon aus Gründen der Höflichkeit. Und da oft genug dem Sprechenden selbst bewußt ist, daß die eigene Erfahrung im wissenschaftlichen Diskurs nur begrenzt Wirkung zeigt, wird das individuelle Erleben kurzerhand zum Typischen erhoben. Das hört sich ziemlich verschroben an, aber Wissenschaft und Stammtisch sind nun einmal nur durch eine haarfeine Linie voneinander getrennt.
Darüber ist wenig zu lesen, weil die Fürsten ihre Lakaien nun einmal fest in der Hand haben und schert doch einmal ein Lakai aus, bekommt er die Macht der Gralshüter von »Wissenschaftlichkeit« und »Objektivität« (und wie all die anderen schlagenden, längst sinnentleerten Begriffe noch so heißen mögen) unverblümt zu spüren. Die Gralshüter arbeiten nicht mit den von ihnen apostrophierten Werten und den daraus abgeleiteten Diskursformen, sondern mit ihrer Macht über Geld, Stellen, Kommissionen, Zitierkartellen und Stiftungen. Es ist ein Kampf zwischen Zeitzeugen, der freilich in Offenen Gesellschaften weder existentiell bedrohlich ist noch zum Stillstand historischer Erkenntnis führt. Aber er schiebt die Probleme vor sich her und führt sie erst einer Lösung zu, wenn sie ihre Brisanz entweder längst verloren haben oder aber einer, warum auch immer, dringenden Sofort-Lösung bedürfen.
Der Umgang mit der DDR-Gesellschaft und der SED-Diktatur ist dafür ein ganz gutes Beispiel. Vor allem in den 1990er Jahren kreuzten fünf Gruppen in diesem historiographischen Diskurs miteinander die Klingen. Zwei kamen aus dem Osten, drei aus dem Westen, allesamt natürlich Zeitzeugen, die zuweilen ihre Gruppenzugehörigkeit zeitweilig oder dauerhaft zugunsten einer anderen Gruppe aufgaben. Die aus dem Osten gruppierten sich einerseits in die Apologeten des Systems, die nach dem Untergang des Systems wenigstens ihre Utopie zu retten suchten und dabei versuchten, den angeblich emanzipatorischen Charakter ihres untergegangenen Systems zu betonen. Sie bildeten alsbald eigene Milieus, die nur ab und zu in geschlossener Formation aus ihren fast unsichtbaren Zirkeln ins Licht einer breiteren Öffentlichkeit marschierten, dabei aber immer wieder ganz geschickt hysterische Reaktionen zu provozieren wußten (und wissen). Sie sind ebenso dem Untergang geweiht wie ihre schärfsten Widersacher, jene also, die Revolutionsgeschichte im doppelten Wortsinne schrieben. Erst machten sie eine, dann verteidigten sie diese vehement mit wissenschaftlichen Mitteln, ohne immer zu wissen, wie solche Mittel eigentlich charakterisiert sind. Beide Gruppen hatten Anfang/Mitte der 1990er Jahre noch erheblichen Deutungseinfluß, der sich immer mehr abschliff, bis nur noch zuweilen die Apologeten es verstanden, ihre Schilder und Schwerter in Stellung zu bringen. Die »Ankläger« verschwanden, nicht weil sie im wissenschaftlichen Diskurs unterlegen gewesen wären, sondern weil sie auch die »Weichspüler« aus dem Westen »anklagten« und so ziemlich schnell zu »Angeklagten« mutierten. Aus dem Westen gesellten sich drei Gruppen diesem Zirkus hinzu. Die erste nannte sich »Wir haben alles schon immer gewußt«, die zweite »Wir haben doch schon immer gewußt, daß wir alles gewußt haben«, und die dritte trat etwas bescheidener in den Ring mit dem Slogan »Wir wissen gar nichts, aber bald wissen wir alles besser«. Gruppe Eins wußte wirklich viel, wollte aber auch nicht mehr erkennen. Ihr Erkenntnisinteresse an der kommunistischen Geschichte beschränkte sich darauf zu zeigen, daß die düsteren Einsichten von vor 1989 mit den neuen Einsichten von nach 1989 noch düsterer wurden. Hier fanden sich immerhin manche, die sich tatsächlich vor 1989 mit dem Kommunismus als historischem oder gegenwärtigem Problem beschäftigt hatten. In Gruppe Zwei stellten jene, die sich überhaupt wissenschaftlich mit dem Kommunismus auseinandergesetzt hatten, eine kaum sichtbare Minderheit. Sie schwoll aber schnell zu einer Großgruppe, weil es ein paar Jahre lang so aussah, als könnte mit »DDR« irgend etwas zu machen sein, und sei es nur die arkadische Utopie zu retten, die die Revolutionäre geschichtsvergessen zertrümmert hatten. In dieser Gruppe tummelten sich die meisten jener Zeitzeugen, die im Westen der DDR mit vielen Worten und wenigen Argumenten zu Stabilität und Modernität verhalfen und so eine emanzipatorische Gesellschaft kreierten, die nicht durch Revolution, sondern durch Reform »noch« emanzipatorischer werden müsse. Nach 1989 hatte diese Gruppe ein Legitimationsproblem. Sie löste es ziemlich originell, freilich wenig einfallsreich, indem sie einfach beharrlich immer wieder aufs Neue versuchte, neue Erkenntnisse als Beweis für ihre vor 1989 beschworenen Erkenntnisse auszugeben. Das war zwar langweilig, ärgerlich, änderte aber nichts daran, daß diese von Arkadien träumende Truppe karrieretechnisch kräftig im Osten abräumte. Nachwachsende Forscher-Generationen stellen sie vor das Problem, wie das eigentlich zusammenging, daß die von Revolutionsneid Zerfressenen zu den im Wissenschaftsbetrieb eigentlichen Nutznießern der ersten geglückten Revolution in Deutschland werden konnten. Diese Zeitzeugengruppe zog schließlich eine dritte in ihren Bann, die sich zwar ähnlich wie die anderen als »Objektivierer« und »Historisierer« begreifen, aber anders als Gruppe Eins und Zwei von einer geringeren Zeitzeugenbelastung geplagt wird. Sie sind die eigentlichen Pathologen der DDR-Gesellschaft, interessieren sich dabei aber wenig für Herz, Rückgrat und Hirn – das ist ja alles bereits erforscht – sondern konzentrieren sich auf Fingernägel, Fußsohlen oder Schulterblätter. Manch Mutiger dieser Gruppe wagt sich an den Blinddarm, die Mandeln oder gar ans rechte Auge und das linke Ohr. Unter Medizinern, so hört man, gibt es einen uralten Witz, der diese drei Gruppen ganz gut erfaßt: Der Allgemeinmediziner (Gruppe Eins) weiß alles, aber kann nichts. Der Chirurg (Gruppe Zwei) weiß nichts, kann aber alles. Der Pathologe schließlich weiß alles, kann alles, kommt aber immer zu spät. Die zwei Zonengruppen sind wahrscheinlich beide chirurgisch gebildete Allgemeinmediziner, die in der Pathologie gelandet sind.
Fazit: Jeder Historiker ist Zeitzeuge. Aber nicht jeder Zeitzeuge ist Historiker.
Ilko-Sascha Kowalczuk, Dr. phil., geb. 1967, Baufacharbeiter, Historiker, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Robert-Havemann-Gesellschaft und Fachbereichsleiter bei der BStU, Abt. Bildung und Forschung, Publikationen und Vorträge zur DDR-Geschichte und zu Opposition und Widerstand in der DDR.
Alle Artikel können auch als PDF runtergeladen werden. Es handelt sich um Auszüge aus dem jeweiligen Heft. Die Fotos werden aus urheberrechtlichen Gründen nicht abgebildet.
Diesen Artikel als PDF runterladen
Acrobat Reader 8.1 runterladen


