Heft 54/2006 | ZEITZEUGEN UND HISTORIKER | Seite 10 - 15
Barbara Schier
Feldforschung in den neuen Bundesländern - ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang
Die Anwendung qualitativer sozialwissenschaftlicher Methoden bei Forschungen zur sozialistischen Vergangenheit eines thüringischen Dorfes*
Vorbemerkung
»Die Volkskunde / Europäische Ethnologie versteht sich als historisch argumentierende, gegenwartsbezogene Kulturwissenschaft, deren Gegenstandsbereich, die Alltagskultur, das selbstverständliche Handeln, Erleben und Deuten von Subjekten in ihrer Lebenswirklichkeit ist. Gefragt sind damit methodische Verfahren mit besonderer Nähe zu den Forschungssubjekten.«1
In der empirischen Gegenwartsforschung gelten Interviews als besonders geeignete Instrumentarien. Sie kommen in den verschiedensten Forschungen der Volkskunde zur Anwendung, mal als Leitfaden-Interview, mal als narratives oder Gruppengespräch, je nach Forschungskonzept.
Das war nicht immer so. Ein kurzer Rückblick erklärt, warum:
Die Volkskunde hat in den 1970er Jahren aus Gründen der Abkehr vom Assoziationsfeld »Volk« (und belastet durch den Nationalsozialismus) für einige ihrer Institute zahlreiche neue Fachbezeichnungen gefunden, wie Institut für Europäische Ethnologie, empirische Kulturwissenschaft oder Kulturanthropologie. Gegenwartsnahe Forschung wurde zum vordringlichen Anliegen der Institute.2
Die zeitgleich einsetzende Soziologisierung der Volkskunde basierte u.a. auf einer kritischen Auseinandersetzung mit den Fachtraditionen, die sich vorrangig am volkskundlichen Themenkanon orientiert hatten. Des Gewährspersonen-Prinzip sollte durch Sample-Verfahren und Hinwendung zum Leitbild der Repräsentativität ersetzt werden.3 Ende der siebziger Jahre wurde die Methoden-Diskussion durch Forderung nach mehr Lebensnähe und Blick auf die Alltagskultur nochmals gewendet, das »erlebende Individuum im gesellschaftlichen Gefüge«4 sollte in den Vordergrund gestellt werden. Das führte schließlich in den achtziger Jahren zur »Rückgewinnung der ethnographischen Dimension« – wie es Utz Jeggle 1984 beschrieb,5 d.h. Anlehnung an die Ethnologie und ihr Feldforschungskonzept mit der durch Malinowski begründeten »teilnehmenden Beobachtung«.6 In den neunziger Jahren kam es zu einer erneuten Hinwendung zu komplexen multimethodischen Ansätzen und einer Festschreibung auf die Feldforschung als Methode. Qualitative Interviews werden nun zu einem wesentlichen, durch andere Methoden zu ergänzendes Instrumentarium volkskundlicher Forschung.
Projektbeschreibung
Am Universitätsinstitut für Deutsche und vergleichende Volkskunde (heute Institut für Europäische Ethnologie/Volkskunde) der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität wurde im Jahre 1993 ein DFG-gestütztes Forschungsprojekt begonnen, das sich mit der Alltagskultur zweier »sozialistischer« Dörfer befasste, eines DDR-Dorfes und eines bulgarischen Dorfes, die miteinander verglichen werden sollten. Ich war für das DDR-Dorf zuständig und wählte als Untersuchungsort das thüringische Dorf Merxleben aus, das 1952 als erstes Dorf der DDR eine Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) gegründet hatte und damit Vorreiter der beginnenden Kollektivierung wurde.7 Ich erhoffte mir bei der überschaubaren Einwohnerzahl von ca. 500 Personen auskunftsfreudige Dorfbewohner und eine gute Aktenlage aufgrund der politischen Wichtigkeit des Dorfes. Merxleben war allerdings kein »Muster-Dorf«, die LPG war nicht durchgängig eine »Muster-LPG«.
Unserer reformierten Fächerauffassung wegen und aufgrund der zu erwartenden schwierigen Archivbedingungen in Bulgarien wurde das Projekt gleich zu Anfang auf Feldforschung und teilnehmende Beobachtung hin angelegt, mit dem Schwerpunk Oral History. Archivalien – soweit zugänglich – konnten selbstverständlich mit berücksichtigt werden.
Das Studium von Sekundärliteratur zum Rahmenthema beider Länder ging den Forschungen voraus, auch im Hinblick auf die Forschungsanträge bei der DFG. Im thüringischen Untersuchungsdorf wurden außerdem vorbereitend Expertengespräche geführt, die als Mitschriften oder Gedächtnisprotokolle ausgewertet wurden. Gesprächspartner waren: ein Historiker und Oberschullehrer der benachbarten Kreisstadt, der mit historischen Forschungen zur LPG im Parteiauftrag befaßt gewesen war, zwei Pfarrer, die die evangelische Kirchengemeinde im Dorf zeitweilig betreuten und verschiedene ehemalige SED-Landwirtschaftsfunktionäre auf Kreis- und Bezirksebene. Das Dorf Merxleben ist nur zweieinhalb Kilometer von der nächsten Stadt entfernt, d.h. die Stadt-Land-Beziehungen waren relativ eng. In der Stadt erfuhr ich informell, dass es bei der Auflösung der LPG mit der »Wende« Unregelmäßigkeiten gegeben habe. Im Dorf gibt es eine Reihe von Landwirten, die seinerzeit nicht freiwillig der LPG beigetreten waren, ihr Land an die Genossenschaft abgeben und dafür noch, gestaffelt nach Hektarfläche, so genannte Inventarbeiträge zahlen mußten, weil sie relativ spät zur bereits existierenden LPG gekommen waren. Diese Gruppe prozessiert seit Jahren mit der Firmenleitung des LPG-Nachfolgebetriebes (einem Industriebetrieb) um Entschädigungszahlungen. Eine Anzahl von Dorfbewohnern sind Arbeitnehmer der genannten Firma, einige davon sowie mehrere Rentner sind Kommanditisten – eine andere Gruppe schließlich sind die Prozeßgegner. Das bedeutet für die Feldforschung rivalisierende Gruppen im Dorf. Außerdem erfuhr ich, dass der einstige erste Vorsitzende der LPG – in der DDR fast ein Lesebuchheld und Mitglied des Zentralkomitees der SED – schon zu Vorwende-Zeiten als ehemaliger SS-Mann enttarnt worden war und angeblich KZ-Bewacher gewesen sein soll. Als mich schließlich das Gerücht erreichte, in Merxleben seien LPG-Stallungen, moderne freitragende Hallen, in Zusammenarbeit mit der Stasi als Internierungslager für Systemgegner im sogenannten »Ernstfall« vorgesehen gewesen, war mein Forschungsenthusiasmus erheblich gebremst. Der Historiker Clemens Vollnhals riet mir zum sofortigen Wechsel des Untersuchungsdorfes, aber dazu war es zu spät.
Forschungsgegenstand
Merxleben liegt im fruchtbaren Thüringer Becken, unweit von Bad Langensalza, nahe dem Fluß Unstrut. (Auf den Fluren von Merxleben wurde die Schlacht der Hannoveraner gegen die Preußen im Jahre 1866 ausgetragen). Dass Dorf war seit jeher landwirtschaftlich geprägt, Ackerbau rangierte vor der Viehzucht. Vor dem Kriege gab es ein Rittergut mit 124 ha landwirtschaftlicher Nutzfläche und 85 landwirtschaftliche Betriebe, vorwiegend mittel- und großbäuerlich strukturiert. Die Kleinbauernwirtschaften waren durch den Krieg stark dezimiert worden. Mit Kriegsende kamen zahlreiche Flüchtlinge aus Schlesien, dem Sudetenland und Ostpreußen ins Dorf, so dass die Bevölkerungszahl um mehr als 50% anwuchs. Viele zogen weiter, einige Familien blieben im Dorf – Umsiedler hießen sie fortan. Im Zuge der Bodenreform 1945 wurde der Grundbesitz und das landwirtschaftliche Inventar des Gutes und eines NS-Bauernführeres enteignet und an Kleinbauern, Landarme und Flüchtlinge verteilt, in Merxleben waren es 35 anspruchsberechtigte Familien. Die Flüchtlinge bauten sich aus Abbruchmaterial benachbarter Kasernen Neubauernhöfe, deren Bewirtschaftung wegen zu geringem Nutztierbesatzes und unzureichender technischer Ausrüstung schwierig wurde, denn die Betriebe mußten den Lebensunterhalt für die Familien erwirtschaften und waren ablieferungspflichtig. Einer der Umsiedler, ein ehemaliger Molkereifachmann aus dem Sudetenland kam auf die Idee, eine Ablieferungsgenossenschaft der Neubauern zu gründen mit dem Ziel gegenseitiger Hilfe bei den Dekadenablieferungen, denn die Einheimischen verwehrten den Flüchtlingen die erhoffte Integration. Diese Liefergemeinschaft mußte nach Eingreifen sowjetischer Militärbehörden und übergeordneter Partei- und Staatsorgane nur ein Jahr nach ihrer Gründung 1951 wieder aufgelöst werden, obwohl ihre Mitglieder vorwiegend der SED angehörten. Die Zeit sei noch nicht reif für derartige Zusammenschlüsse – hieß es.
Ein weiteres Jahr später erfolgte in Merxleben – diese Mal abgesegnet von höchsten Parteigremien und dem Minister für Landwirtschaft – die Gründung einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft, bestehend aus 23 Mitgliedern, die den Namen »Walter Ulbricht« erhielt. Zeitgleich erfolgten ähnliche Zusammenschlüsse DDR-weit. Sie galten als Meilensteine auf dem Wege zum Sozialismus, dessen Aufbau auf der 2. Parteikonferenz der SED im Juli 1952 beschlossen worden war. Merxleben war als erste Gründung einer der Vorreiter. Trotz staatlicher Unterstützung, Stallneubauten, Großraumbewirtschaftung, Verbesserung bei der Tierzucht blieb die LPG hinter den Erwartungen ihrer Gründer zurück. Ohne ihre private Hauswirtschaft, die den Mitgliedern auf einem halben Hektar Land mit limitiertem Viehbestand zugestanden wurde, hätten die meisten von ihnen nicht überleben können.
Eine zweite LPG-Gründung erfolgte im Ort 1958, als sich vier miteinander verwandte mittel- und großbäuerliche Familien zu einer LPG Typ I zusammenschlossen, deren Charakteristikum private Tierhaltung bei gemeinschaftlicher Bodennutzung war. Als 1960 die Beendigung der Kollektivierungsphase mit dem Schlagwort »Sozialistischer Frühling« verkündet wurde und die letzten noch selbständigen Bauern in die bestehenden LPG gewaltsam hineingedrängt wurden, trat der überwiegende Teil von ihnen in Merxleben der LPG Typ I bei.
1965 trat an die Stelle des bisherigen Vorsitzenden ein »studierter« landwirtschaftlicher »Fachkader«, der durch Rationalisierungsmaßnahmen und Straffung der Arbeitsorganisation den Weg zur industrialisierten Landwirtschaft bahnte. Er legte beide LPG im Ort zusammen, fusionierte mit zwei weiteren Betrieben im Umland und zog zur Finanzierung dieser Groß-LPG die neu hinzugekommenen Mitglieder maßgeblich heran, indem er so genannte Inventarbeiträge erhob. 1975 fand die politisch verordnete Trennung von Tier- und Pflanzenproduktion statt, d.h. eine Tierzucht-LPG mußte sämtliche landwirtschaftliche Flächen an benachbarte LPG-Pflanzenproduktionen abgeben. Die nochmalige Reduktion auf Läuferaufzucht (21.000 Jungschweine pro Jahr) und Schafstammzucht (7.500 Tiere) brachte der LPG wirtschaftliche Erfolge. Der monatliche Durchschnittsverdienst der Mitglieder lag bei ca. 1.200 Mark. Hinzu kamen Sozialleistungen, die einer zweiten Lohntüte vergleichbar waren und die Einkünfte aus Überschüssen der in der privaten Hauswirtschaft erzeugten Produkte, wie Eier, Geflügel, Schafwolle, Obst und Gemüse und sogar Schlachtschweine. Die LPG-Bauern in Merxleben waren in den achtziger Jahren relativ zufrieden mit ihrer ökonomischen Situation und hätten mit Industriearbeitern nicht tauschen wollen.
Die Schwierigkeiten während dieses Entwicklungsprozesses, die Rolle von Partei und Staat bei der Durchsetzung politischer Vorgaben und die angewendeten Zwangsmaßnahmen, schließlich die »eigensinnigen«8 Reaktionen der Betroffenen, ihre Anpassungsleistungen und ihr Widerstand gehören ebenfalls zur Alltagsgeschichte von Merxleben. Informationen auch darüber zu erhalten, war meine Aufgabe.
Neue Planung des Forschungsdesigns
Ich beschloß, meine Forschungsplanung umzustellen. Vorwissen zum Dorf und seiner Geschichte seit 1945 erschien mir sinnvoll. Ich begann mich in den örtlichen Archiven durch die Ortsgeschichte unter Berücksichtigung der agrarpolitischen Ereignisse hindurchzuarbeiten. »Die Angst des Forschers vor dem Feld«9 war wohl eine der Triebfedern. Die Einschätzung eines Insiders (des oben genannten Ortshistorikers), dass in örtlichen Archiven zu DDR-Zeiten nur »affirmationstaugliches Material«, (d.h. Material, das der Zustimmung von »oben« sicher sein konnte) archiviert worden sei, während politisch problematische Akten in den Partei- oder Stasi-Archiven verschwanden, war mir Anlaß, mich um Zugang zu den genannten Archiven zu bemühen. Die Parteiarchivakten waren dem Thüringischen Hauptstaatsarchiv überstellt worden, und Einsichtnahme bedurfte in den 1990er Jahren noch der Genehmigung der PDS auf Landesebene und des Thüringischen Kultusministeriums. Von einem Staatssekretär dieses Ministeriums (damals FDP) mußte ich mir sagen lassen, dass es für die Bürger des Landes schwer nachvollziehbar sei, »dass man aus München kommen muß, um uns unsere LPG-Geschichte aufzuarbeiten!« So wörtlich! Von den Materialien des örtlichen Stasi-Archivs der Kreisstadt – das erfuhr ich von der Außenstelle der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) in Erfurt – hätten nur etwa 5% der Bestände die Behörde erreicht. In beiden Archiven sah ich die Akten zum Untersuchungsdorf durch – soweit sie zugänglich waren. Die Akten mit den so genannten »Stimmungsberichten« zum Dorf und der LPG, obwohl sie in den Findbüchern des Pareiarchivs aufgeführt waren, blieben verschwunden.
Aufgrund der Ergebnisse der Expertengespräche und den Informationen aus den Archiven entschied ich mich, das Thema »Alltagskultur« in Richtung »Alltagsleben« zu erweitern. Außerdem erkannte ich, dass das Unterfangen eine politische Dimension erhalten würde, deren Ausmaß sich erst im Verlauf der Interviews herausstellen würde.
Nach Voruntersuchungen wurde die Methode biographischer Interviews verworfen; der thematisch stark auf Alltagskultur ausgerichtete Interview-Leitfaden wurde korrigiert und erweitert. Er orientierte sich jetzt an den Ereignissen der jüngeren Dorfgeschichte, wie Bodenreform, Flüchtlinge, Kollektivierungsbeginn, Erfolge und Mißerfolge der LPG, Rolle der neuen Eliten im Dorf, Sozialstrukturwandel. Mir war klar geworden, dass die LPG als wichtigster Arbeitgeber mit politischer Leitbildfunktion das Dorf dominiert hatte.
Durch das archivalische Vorwissen bedingt, bot sich die Methode fokussierter Interviews an, die leitfadengestützt und basierend auf gemeinsamen Vorkenntnissen »dem Befragten die Chance [....] geben, auch nicht antizipierte Gesichtspunkte zur Geltung zu bringen«.10 Die behandelten Themen waren den Befragten und dem Interviewer bekannt. Eine sehr zurückhaltende nicht-direkte Geprächsführung konnte mit dem Interesse an sehr spezifischen Informationen verbunden werden. Das erhaltene Datenmaterial bot die Möglichkeit der Gegenstandsanalyse, kombiniert mit der Analyse subjektiver Bedeutungen.
Interessant war eine weitere Beobachtung: Interviewpartner mit einer positiven Einstellung zur Geschichte des »Aufbaus des Sozialismus« und der PDS nahestehend, nahmen den Forschungsansatz »Alltagskultur« sehr viel wohlwollender auf als die dem politischen System der DDR kritisch gegenüberstehenden Dorfbewohner. Eine ehemalige Großbäuerin, zwangsweise der LPG beigetreten – faßte es so zusammen: sie wundere sich darüber, dass westdeutsche Wissenschaftler ins Dorf kommen – nachdem Ostdeutschland gerade eine friedliche Revolution hinter sich gebracht habe und die Menschen vierzig Jahre unter kommunistischem Terror gelitten hatten – nach deren Lebensgewohnheiten und dem Alltag zu fragen, anstatt sich für die politische Entwicklung im Ort zu interessieren.
Der Zugang zum Feld
Ich entschied mich aufgrund der besonderen Situation im Dorf – verfeindete Gruppen, eine aufgelassene LPG »in Liquidation«, ein Nachfolgebetrieb als Industrieunternehmen, erneuter Sozialstrukturwandel nach der »Wende« – für einen Feldzugang von oben. Beim Ortsbürgermeister (damals CDU) stellte ich mich vor, wies mich als Wissenschaftlerin von der Münchener Universität aus, schilderte ihm unser Projektanliegen und bat um Vermittlung von Interview-Partnern. Etwas ratlos – weil er eine solche Forschung wie die angesagte nicht ins politische Spektrum seines Dorfes einordnen konnte – empfahl er mich an den Liquidator der LPG weiter, seinerzeit Mitgeschäftsführer des LPG-Nachfolgebetriebes. Von ihm wurde ich in einer mehr als einstündigen Sitzung auf Herz und Nieren geprüft und offensichtlich für harmlos befunden, denn er stellte mich anderen Dorfbewohnern vor, die zu DDR-Zeiten wichtige Funktionsträger waren. Mit deren Hilfe wiederum hoffte ich an die Materialien des sogenannten »Traditionskabinetts« heranzukommen, eine Art Betriebsarchiv der LPG, dessen Bestände teilweise in Privatbesitz übergegangen waren, teilweise in der Nachfolge-Firma eingelagert sind. Welche Genehmigungshürden ich bei einem solchen »Privatarchiv« zu überwinden hatte, wußte ich damals noch nicht.
Von meinen neuen Interview-Partnern, die der PDS zumindest sehr nahe standen – so mußte ich annehmen –, konnte ich nur »pro-sozialistische« Informationen über die Vergangenheit des Dorfes erhalten, die sich von denen aus den Ortsarchiven kaum unterschieden. Da half mir auch das Schneeball-System nicht weiter. Ich fürchtete daher, im Dorf abgestempelt zu sein als »linke« Forscherin, die nur am »Sozialismus-Modell« des Dorfes interessiert ist. Wo waren die Prozeßgegner des Nachfolgebetriebes? Auch in einem »sozialistischen Dorf« mußte es doch so etwas wie eine heimliche Opposition gegeben haben. In Erinnerung an die Expertengepräche mit den Pfarrern wandte ich mich an den Dorfpfarrer unmittelbar vor einem Gottesdienst, an dem ich teilnahm. Ich bat ihn, mir potentielle Gesprächspartner zu nennen, die seiner Meinung nach nicht zu den kommunistischen Funktionsträgern des Dorfes gehört hatten und vielleicht bereit wären, mit mir zu sprechen. Die Vermittlung funktionierte. Der Pfarrer stellte mich nach dem Gottesdienst den anwesenden Gemeindegliedern vor – vorwiegend ehemalige Mittel- und Großbauern –, informierte sie über meine Arbeit und bat sie, mir für Gespräche über die Vergangenheit des Dorfes zur Verfügung zu stehen. Einige sagten zu, andere verweigerten sich. Mein Hinweis darauf, dass ich nur an der Vergangenheit, nicht aber an den augenblicklichen innerdörflichen Auseinandersetzungen interessiert sei, sollte ihre Befürchtungen zerstreuen. Das Gegenteil war der Fall. Eine ehemals gutsituierte Mittelbäuerin sagte mir, wenn sie gegenüber einer westdeutschen Forscherin Negatives über die Vergangenheit verlauten ließe und die mit der »Wende« entmachteten Funktionäre davon erführen, könne das ihrer Familie zum Nachteil gereichen, denn die »alten Seilschaften« seien gerade wieder dabei, sich neu zu formieren.
Spätestens danach wurde mir klar, dass ich bei meinen Forschungen auf dünnem Eis ging und auf der Hut sein mußte. Wie stark die Rivalitäten zwischen den Dorfbewohnern sind, wurde auch durch die Bemerkung einer anderen Bäuerin offenbar, die mir sagte, wenn man im Dorf wüßte, dass ich bei ihr in der Stube säße, würde mir manch andere Tür im Dorf verschlossen bleiben. In dieser Situation bewährte sich das Fahrrad als Beförderungsmittel statt eines PKW mit Münchener Nummer. Ein Fahrrad ist schnell hinter einem Stall oder Schuppen abgestellt, unauffällig selbst für Nachbarn. Und die abendlichen Interviewtermine nach hereinbrechender Dunkelheit – wenn es sich machen ließ – bewährten sich ebenfalls. In einem Fall ließ ich besondere Vorsicht walten. Die Adressenliste meiner Interviewpartner belegte, dass zwei Familien aus ideologisch gegnerischen Lagern Tür an Tür in unmittelbarer Nachbarschaft wohnen. Da ich nicht riskieren wollte, von einem der beiden (den ich schon im Betrieb interviewt hatte und der mich daher kannte) dabei gesehen zu werden, wie ich bei der anderen Familie das Haus betrat, vergewisserte ich mich telefonisch davon, dass derjenige nicht zu Hause war. Die Informationen, die ich in diesem Hause im Interview erhielt und bis heute nicht zu veröffentlichen wage, bestätigten mir, dass ich nicht hysterisch oder übervorsichtig gewesen bin.
Die Interviews – Interviewer und Befragte
Die Interviews fanden in der Regel nach Voranmeldung bei den ausgewählten Personen zu Hause statt. Die Auswahl kam vor allem durch Empfehlungen zustande. Einige wenige Interviewpartner konnte ich auf der Dorfstraße oder im Dorfgasthaus zu einem Interview überreden.
Die meisten der Interviews wurden auf Band mitgeschnitten und später transkribiert. Wenn die Befragten das Mitlaufen des Bandgeräts nicht zuließen, wurden Mitschriften angefertigt bzw. unmittelbar nach Ende des Interviews ein Gedächtnisprotokoll angefertigt. Lebensdaten, beruflicher Werdegang und momentane berufliche Situation wurden mit abgefragt, Wohnumfeld oder besondere Auffälligkeiten der Interviewsituation wurden ebenfalls schriftlich festgehalten.
Ich habe versucht, Interviewpartner aus den verschiedenen sozialen Schichten zu gewinnen, die ungefähr das soziale Gefüge des Dorfes repräsentieren. Die Länge der Interviews sollte eineinhalb Stunden nicht überschreiten.
Charakteristisch für einen Großteil der Interviewpartner war ihr anfängliches Mißtrauen, was wohl auch meiner Herkunft als westdeutsche Wissenschaftlerin geschuldet war. Sie schilderten die Zustände und politischen Ereignisse im Dorf mit großer Zurückhaltung, eher positiv als negativ, Nestbeschmutzerängste könnte man es nennen. Häufig wurde gefragt, was denn der Nachbar gesagt habe. Erst bei wiederholten Befragungen – und wir waren in der glücklichen Lage, Zweitinterviews machen zu können – wuchs das Vertrauen, und es wurden auch Vorkommnisse geschildert, über die es keinerlei Archivberichte gab, die in der DDR unter der Sammelbezeichnung »Klassenkampf« relativiert worden waren. Um solche brisanten Informationen verifizieren zu können blieb mir nur die Methode des Vergleichs, indem ich verschiedene Personen nach den gleichen Sachverhalten fragte. Absolute Wahrheiten, sind natürlich bei solchen Befragungen nicht zu erwarten. Die »menschliche Erinnerung ist keine einfache Abbildung vergangener ›Realität‹ – so Marry Fulbrook – sondern deren auswählende Re-Interpretation«.11 Aber die Problemsicht der Befragten, ihre Version von Wirklichkeit und ihre Empfindungen sind für die Forschung ebenfalls von hohem Wert.
Die methodische Empfehlung, das Interview so zu gestalten, dass es »einer ›natürlichen‹ Gesprächssituation möglichst nahe kommt, ohne zugleich auch die Regeln der Alltgagskommunikation zu übernehmen«12 ließ sich in Merxleben nicht ohne weiteres realisieren, denn zwischen den Befragten und der Fragenden gab es nicht nur das normale Statusgefälle der Interviewsituation, sondern zusätzlich das Ost-West-Gefälle. Letzteres durch Vorspiegelung einer ganz normalen Alltagskommunikation abbauen zu wollen, erwies sich allein schon aufgrund der zahlreichen, mir fremden Abkürzungen im alltäglichen Sprachgebrauch als unmöglich. In Anlehnung an die Erfahrungen des Ethnopsychoanalytikers Fritz Morgenthaler13 ging ich den umgekehrten Weg: ich betonte meine Fremdheit, verzichtete auf Anbiederungsversuche, fragte nach und bat um Erklärungen. Ich signalisierte den Wunsch, das Fremde zu verstehen und wurde in dieser Rolle akzeptiert. Meine Gelegenheiten zu teilnehmender Beobachtung waren daher auch begrenzt. Ich war die »Wissenschaftlerin aus dem Westen«, der man einen kleinen Einblick ins Dorfgeschehen der Vergangenheit gestattete, war eine Fremde und sollte es bleiben.
In Merxleben wurden im Verlauf des Projekts 48 Interviews gemacht, in Privatwohnungen, mit Einzelpersonen, Ehepaaren, auch kleineren Gruppen, wie dem Landfrauenverein. 25 Interviews wurden mit weiblichen Interviewpartnern gemacht, 23 mit männlichen, im Alter zwischen Mitte zwanzig bis Anfang achtzig. Vier Personen ließen nur Mitschriften zu, nicht aber Bandaufnahme.
Auswertung der erhaltenen Daten, Fertigstellung und Ergebnis
Die auf Band aufgezeichneten Interviews wurden transkribiert, ohne allerdings dialektale Besonderheiten zu berücksichtigen. Die inhaltlichen Informationen standen im Mittelpunkt des Interesses, auf Textanalyse im Sinne von Interpretation sprachlicher Gestaltung, Erzählstruktur oder ähnliches wurde verzichtet.
Die Gewichtung einzelner Themenbereiche durch die Interviewten, wie sie aus einer Vielzahl von Interviews hervorging, bedingte eine ständige Überarbeitung des Interview-Leitfadens.
Vor der Veröffentlichung des erhobenen Materials, der Zusammenführung mit der Ortsgeschichte und der Agrarpolitik der DDR wurde das Problem der Identität der Probanden mit den Projekt-Mitarbeitern diskutiert und eine Anonymisierung der Personennamen beschlossen, nicht aber des Ortsnamens.
Da in der Publikation Schikanen von Parteiseite während der DDR-Zeit ebenso schonungslos dargestellt werden, wie Unregelmäßigkeiten beim Kapitaltransfer mit der »Wende« – wie in einer örtlichen Tageszeitung berichtet wurde – bestand die Befürchtung, Ressentiments ausgesetzt zu sein. Kritiker der Nachwende-Praktiken einflußreicher Ortsansässiger wurden mit anonymen Anrufen bedroht. Der Journalist der oben genannten Tageszeitung hat nach der Veröffentlichung seines Artikels die örtliche Redaktion fluchtartig verlassen und ist nach Westdeutschland gegangen. Nach einer Lesung aus meinem Buch in kleinerem Kreise, wobei auch ehemalige Agrarfunktionäre anwesend waren, gab es erregte Diskussionen. Ein ehemaliger Leitungskader einer benachbarten LPG erhob Vorwürfe gegen meine Darstellung privatbäuerlicher Praktiken von LPG-Vorsitzenden. Einer der Anwesenden, seinerzeit in einer Führungsposition der LPG, heute als privater Landwirt wieder Herr auf dem eigenen Hof, entkräftete die Vorwürfe und besorgte die Richtigstellung, die mich entlastete. Eine weitere Lesung anläßlich der 1200-Jahrfeier des Dorfes war gekennzeichnet durch zahlreiche positive Diskussionsbeiträge jüngerer Dorfbewohner, die durch die Lektüre des Buches erstmals mit der Geschichte des Dorfes und der »sozialistischen Vergangenheit« konfrontiert worden waren.
Vor Ressentiments bin ich bisher verschont geblieben. Ob ich allerdings noch einmal ins »Feld« hinausziehe, wie es mir von mehreren Wissenschaftlern geraten wurde, die an der weiteren Entwicklung dieses einstmals sozialistischen Dorfes interessiert sind – bleibt dahingestellt. Ich fürchte, der Boden wird zu heiß für eine westdeutsche Forscherin. Neue Probleme mit skrupellosen Großagrariern sind wohl eine Nummer zu groß für mich.
Insgesamt aber hat sich der angewandte Methodenpluralismus bewährt. Zahlreiche Informationen, die ich in Interviews erhielt, hätte ich im Archiv nicht finden können. Für vergleichende Analysen ist das erhobene Material wie auch die Ergebnisse der Arbeit von Bedeutung, nicht nur für die Volkskunde, sondern auch für die Historiographie.
Barbara Schier, Dr. phil., Filmstudium in Potsdam-Babelsberg; Studium der Volkskunde / Europäische Ethnologie, Soziologie und Sozialpsychologie in München; freischaffende wissenschaftliche Tätigkeit. Schwerpunktthemen: Volkskunde und Nationalsozialismus, Alltagsleben im Sozialismus, Ländliche Gesellschaft.
* Vorliegender Aufsatz basiert auf einem Vortrag, der in Wustrow vor der »Volkskundlichen Kommission Niedersachsen« im April 2006 gehalten wurde.
1 Schmidt-Lauber, Brigitta: Das qualitative Interview oder: Die Kunst des Reden-Lassens. In: Götsch, Silke / Lehmann, Albrecht (Hg.): Methoden der Volkskunde. Positionen, Quellen, Arbeitsweisen der Europäischen Ethnologie. Berlin 2001, S. 165-186, hier 165.
2 Doering-Manteuffel, Sabine: Volkskunde. In: Andreas Wirsching (Hg.): Neueste Zeit. München 2006, S. 343-349, hier S. 348. Bendix, Regina und Eggeling, Tatjana (Hgg.): Namen und was sie bedeuten. Zur Namensdebatte im Fach Volkskunde. (= Beiträge zur Volkskunde in Niedersachsen, Bd. 19), Göttingen 2004.
3 S. Anm. 2, S. 167.
4 S. Anm. 2, S.167.
5 Jeggle, Utz: Zur Geschichte der Feldforschung in der Volkskunde. In: Ders. (Hg.): Feldforschung. Qualitative Methoden der Kulturanalyse. 2.Aufl., Tübingen 1984, S.11-58, hier 13.
6 S. Anm. 2, S. 167.
7 Ergebnis der Projektarbeit ist die überarbeitete Fassung einer Dissertation mit dem Titel: Alltagsleben im »Sozialistischen Dorf«. Merxleben und seine LPG im Spannungsfeld der SED-Agrarpolitik 1945-1990. München 2001.
8 Lüdtke, Alf: Geschichte und Eigensinn. In: Berliner Geschichtswerkstatt (Hg.): Alltagskultur, Subjektivität und Geschichte. Zur Theorie und Praxis von Alltagsgeschichte. Münster 1994, S.139-153.
9 Lindner, Rolf: Die Angst des Forschers vor dem Feld. Überlegungen zur teilnehmenden Beobachtung als Interaktionsprozeß. In: Zeitschrift für Volkskunde 77 (1981). S.51-66.
10 Hopf, Christel: Qualitative Interviews in der Sozialforschung. Ein Überblick. In: Flick, Uwe u.a. (Hgg.): Handbuch Qualitative Sozialforschung. München 1971. S.177-182, hier S. 179.
11 Fulbrook, Marry: Methodische Überlegungen zu einer Gesellschaftsgeschichte der DDR. In: Richard Bessel und Ralph Jessen (Hgg.): Die Grenzen der Diktatur. Staat und Gesellschaft in der DDR. Göttingen 1996, S.274-297, hier 275/276.
12 Hopf, Christel, wie Anm. 11, S.97.
13 Morgenthaler, Fritz u.a.: Gespräche am sterbenden Fluß. Ethnopsychoanalyse bei den Iatmul in Papua-Neuguinea. Frankfurt am Main 1984, S. 10 und 13. Morgenthaler beschreibt die Wirkung des Satzes »Look, I am a foreigner« als den eines Zauberwortes, das nicht nur für fremde Kulturen (im ethnologischen Sinne) gelte. »Das Zauberwort belebte in zahlreichen Situationen meinen Kontakt zu den Fremden. Ich erhielt Informationen, die ich sonst nie bekommen hätte. [...] Diese Abgrenzung war keine Abwehr, sondern Mittel zur emotionalen Öffnung,«
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