Heft 54/2006 | Zeitzeugen und Historiker | Seite 16 - 19
Jochen Staadt
Es darf gefragt werden
Eine Oral-History-Reise in die DDR und zurück
In der westdeutschen Bundesrepublik erblühte in den achtziger Jahren am Baum der historiographischen Erkenntnis ein neuer Zweig: »Barfußhistoriker« aus »Geschichtswerkstätten« und einige professionell eingestellte Professoren machten sich auf den Weg in die Tiefe der von den Menschen erlebten »Alltagsgeschichte«. Aufzuspüren waren historische »Erfahrungen und Lebensweisen«1. Heftig umstritten war unter den Hohen Priestern der Geschichtswissenschaft zunächst die Legitimität des neuen Sprosses. Engagierte Alltagshistoriker hingegen bestanden gegenüber der Zunft darauf, ihre Forschung werde einen Zuwachs an Erkenntnissen und durch die Einbeziehung von außeruniversitären Freizeitforschern eine produktive Durchmischung des sterilen Wissenschaftsbetriebes bringen. »Alltagsgeschichte erweitert die Chancen für bisher verkannte oder abgedrängte Stimmen, die ›eigene‹ Geschichte zur Sprache zu bringen.«2 Für den empirischen Grundstock der Alltagsgeschichtsschreibung sorgte Oral History, die, wie der Name schon sagt, ihren Ursprung im angel-sächsischen Raum hatte.3 Lebensgeschichtlich angelegte Interviews mit Zeitzeugen gehörten dort schon länger als in Deutschland zum Ensemble der Geschichtsforschung. In Großbritannien und den Vereinigten Staaten begannen in den sechziger Jahren unabhängige und Universitätsarchive mit der systematischen Sammlung lebensgeschichtlicher Interviews.
Auch in der DDR wurde Oral History recht früh heimisch, allerdings hinter verschlossenen Türen. Das Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (IML) etwa führte über Jahre Befragungen von alten Kämpfern durch, die dabei manches aus den bewegten Zeiten des deutschen Kommunismus zum Besten gaben, was in der DDR-Geschichtswissenschaft nie öffentlich zur Sprache kommen durfte.4 In der westdeutschen Alltagsforschung über die Zeit des Nationalsozialismus ist bis 1989 beachtliches geleistet worden. Um so erstaunlicher ist, welcher Blickverengung einer der führenden Vertreter dieser Richtung, Lutz Niethammer, unterlag, als er sich 1987 mit Genehmigung von allerhöchster Seite »auf der Suche nach der volkseigenen Erfahrung in der Industrieprovinz der DDR« aufhielt. Ob das an Kommunikationsstörungen beim deutsch-deutschen Hörensagen oder an der politischen Verortung des Vorhabens lag – »eine sozialrevolutionäre Übergangsgesellschaft«5 sollte unter die Lupe des Alltagsforschers genommen werden –, wird zu betrachten sein. Der Anspruch Niethammers, einen »bescheidenen Beitrag« zur Überwindung einer Außenwahrnehmung der DDR zu leisten, »die häufig so schablonisiert ist, daß sie für die Lebenswirklichkeit der Menschen in der DDR blind bleibt, ihre Grunderfahrungen und Spielräume verkennt«, weist zumindest auf eine gewisse politische Voreingenommenheit des Alltagsforschers hin.6 Es erstaunt wohl kaum, daß Lutz Niethammer, als er jüngst den Empfehlungen der Sabrow-Kommission Flankenschutz zu bieten hatte, voller Zustimmung die erneute Orientierung auf »Grunderfahrungen und Spielräume« in der »Lebenswirklichkeit« der DDR-Menschen begrüßte. Vermutlich sollen Sabrows Kenner des DDR-Alltags jetzt nacharbeiten, was Niethammer 1987 bei seiner Besuchstour in den DDR-Alltag vergessen hat. Die Härten der Diktatur etwa.
Trotz vieler hochinteressanter Detailbeobachtungen und -interpretationen landete Niethammer bei profunden Fehleinschätzungen. Nachdem er sechsunddreißig »überwiegend Einheimische in Industrieorten am Rande des Erzgebirges« ausführlich befragt hatte, kam der Alltagsforscher zu dem Ergebnis, es müsse nach dem Abtritt der Aufbaugeneration zu einem kulturellen Aufbruch in der DDR kommen, der allerdings in seinen »inhaltlichen Konsequenzen von außen nicht übersehbar« sei. »Nach der Verankerung im Basiskonsens zu urteilen«, wäre es »aber unwahrscheinlich«, daß dieser Aufbruch »an vier Pfeilern der Gesellschaft rüttelte: an ihrer Tendenz zu einer relativ egalitären Leistungsgesellschaft, an ihrer Voraussetzung in der Vergesellschaftung der Industrie, an der Respektierung der aus dem Zweiten Weltkrieg entstandenen ›Großwetterlage‹ und an ihrem Wunsch nach Frieden.«7 Kaum gedruckt, war das auch schon Makulatur. Wenige Wochen nach Erscheinen der ersten Beobachtungen Niethammers über die Haltungen seiner Gesprächspartner aus der «sozialrevolutionären Übergangsgesellschaft«, sorgte die friedliche Revolution für den Übergang von der SED-Diktatur zur Demokratie.8
Das Ende der »aus dem Zweiten Weltkrieg entstandenen ›Großwetterlage‹» gab Niethammer nicht zu denken. Er würdigte die Ergebnisse seiner DDR-Alltagsforschungen aus dem Jahre 1987 auch noch nach dem Ende der Sowjetunion als beispielhaft und sprach Empfehlungen aus, wie man künftig die »Geschichte der Gesellschaft der DDR« zu schreiben habe: »Die historische Suche nach der anderen Kultur muß Umwege gehen und beim Spurenlesen bereits eine Ahnung von ihr haben.« Das von der SED und ihren Institutionen hinterlassene Archivgut sei nur die Hinterlassenschaft einer »wirklichkeitsfremden Bürokratie«. Aus diesen Akten lasse sich nicht »ohne Umstände eine intelligible Sicht der historischen Wirklichkeit nachzeichnen«.9 Ungeachtet dessen fand der inzwischen in Jena mit dem Lehrstuhl für Neue und Neueste Geschichte betraute Alltagsforscher mit Hilfe von »wirklichkeitsfremden« Akten aus dem Zentralen Parteiarchiv des SED heraus, daß kommunistische Häftlinge im Konzentrationslager Buchenwald »ein arbeitsteiliges Überlebenskollektiv« der KPD gebildet hatten, das zum eigenen »Kaderschutz« über Leichen ging und zum eigenen Schutz »weitgehende Mitverantwortung für die innere Ordnung des Lagers übernahm«.10 Ob er davon 1987 bei seinen Interviews eine »Ahnung« hatte, als ihm ausgewählte Zeitzeugen über ihre Erlebnisse in Konzentrationslagern berichteten? Als er später noch einmal auf seine Alltagsforschungen in der DDR zurückkam, spekulierte Niethammer etwas wirklichkeitsfremd, ob sich die SED-Führung nicht derart »von der Wirklichkeit im eigenen Lande abgeschnitten gefühlt« habe, daß sie ihm 1987 eine Befragung von DDR-Bürgern als »begrenztes Experiment mit freier Forschung« gestattete, um ihre »Neugier auf das wahre Denken der Bevölkerung« zu befriedigen.11
Wie aber kam es überhaupt dazu, daß dem westdeutschen Alltagsforscher gestattet wurde, sich 1987 auf die »Suche nach der volkseigenen Erfahrung in der Industrieprovinz der DDR« zu begeben? Niethammer selbst ergriff dazu 1985 mit einem Schreiben an Erich Honecker die Initiative. Er habe es übernommen, den Abschlußband der »Propyläen Geschichte Deutschlands« zu verfassen und darin die »Entstehung der beiden Staaten, Gesellschaftsordnungen und Kulturen in Deutschland« darzustellen. »Dabei möchte ich«, schrieb Niethammer, »insbesondere auch die Sozialgeschichte und die persönlichen Erfahrungen der arbeitenden Menschen, zu deren Erforschung wir im Ruhrgebiet ein größeres Forschungsprojekt durch geführt haben, berücksichtigen.« Dies könne aber nur glaubwürdig geschehen, wenn er auch in der DDR »historisches Quellenmaterial benutzen und vor allem lebensgeschichtliche Interviews durchführen könne«. Niethammer bat Honecker darum, »bei den zuständigen Stellen ein Wort für mein Vorhaben einzulegen«. Die DDR-Historiker Rolf Badstübner und Olaf Groehler (AdW) sowie Günter Benser (IML) seien bereit, gegebenenfalls über seine »zeitgeschichtliche Arbeit in den letzten beiden Jahrzehnten Auskunft zu geben«. Man kenne sich aus dem gemeinsamen Treffen »zwischen Nachkriegshistorikern der DDR und der Bundesrepublik, zu dem ich Ende vorigen Jahres nach Hagen eingeladen hatte.« Er habe damals auch ein Gespräch der DDR-Historiker mit dem nordrheinwestfälischen Ministerpräsidenten Johannes Rau arrangiert. Mittlerweile habe in der DDR ein weiteres deutsch-deutsches Historikertreffen stattgefunden. Am Ende seines Schreibens berief sich Niethammer nochmals auf Johannes Rau, der eine unterstützende »Stellungnahme zu meinem Antrag an den Ständigen Vertreter der DDR in der Bundesrepublik gerichtet hat«. Erich Honecker zeichnete das Schreiben am 9. Januar 1986 ab und gab es »Genossen K. Hager zur Prüfung« weiter.
Kurt Hager veranlaßte nach Erhalt der Honecker-Notiz eine Prüfung des lebensgeschichtlichen Forschungsanliegens von Lutz Niethammer. Mit Datum vom 10. Februar 1986 erhielt er von Hannes Hörnig, Leiter der Abteilung Wissenschaften des ZK, folgende Einschätzung: »Niethammer zählte zu den Mitbegründern jener Richtung in der Geschichtsschreibung in der BRD, die entgegen dem vorherrschenden und dominierenden Einfluß eines auf den kalten Krieg fixierten Zeitgeschichtsbildes auf Alternativen zurückgriff, die Anleihen aus dem Antifaschismus, der Arbeiterbewegung und einem pluralistisch aufgefaßten Marxismus machten. Als Verfechter einer sogenannten Basisdemokratie, angelehnt an bestimmte sozialdemokratische und gewerkschaftliche Leitvorstellungen, propagiert Niethammer – in enger Zusammenarbeit namentlich mit Peter Brandt und Ulrich Borsdorf – einen dritten Weg zwischen retauriertem Kapitalismus in der BRD und dem realen Sozialismus in der DDR.« In Zusammenarbeit mit den genannten sei das Buch »Arbeiterinitiative 1945« entstanden. »Die ersten Arbeiten Niethammers, Brandts und Borsdorfs wurden in einem Verlag veröffentlicht, dessen Eigentümer seinerzeit Johannes Rau war.« Seit den frühen siebziger Jahren unterhalte Niethammer »enge Beziehungen sowohl zum DGB als auch zur nordrheinwestfälischen Sozialdemokratie, obgleich er nach eigenen Angaben nicht Mitglied der SPD« sei. Seit 1983 unterhalte Niethammer zu einigen Historikern der DDR Kontakte, die auf ein von der Historikergesellschaft der DDR veranstaltetesn Kolloquium zurückgehen. Niethammer sei Initiator der »Kolloquien zur Zeitgeschichte zwischen Historikern aus der BRD, die zumeist der SPD und dem DGB nahestehen oder auf Positionen entspannungsbereiter bürgerlicher Politik stehen, und der DDR«.
In den Gesprächen mit DDR-Historikern 1984 in Hagen und 1985 in Schloß Reinhardsbrunn habe Niethammer eine Position eingenommen, »die erkennen ließ, daß er fest auf dem Boden der kapitalistischen Gesellschaftsordnung der BRD steht. Er ist jedoch bemüht – trotz grundlegender politischer und ideologischer Unterschiede und deutlich artikulierter Gegensätze –, einen konstruktiven Dialog mit den Historikern der DDR herzustellen, um damit nach seinen eigenen Worten einen Beitrag zur Friedenssicherung zu leisten. Von Niethammer kann unterstellt werden, daß er zu denjenigen BRD-Historikern gehört, von denen am ehesten erwartet werden kann, von bestimmten Klischeebildern über KPD, SED und DDR abzurücken. Er vertritt den Standpunkt, daß den elementaren, spontanen Aktivitäten der Arbeiterbewegung im historischen Prozeß die entscheidende Bedeutung zukommt, demgegenüber negiert er die Notwendigkeit der marxistisch-leninistischen Vorhut für die Emanzipation der Werktätigen.« Seinem Wunsch nach Interviews könne, obwohl dies ein Präzedenzfall sei, entsprochen werden. »Unsererseits besteht Interesse, daß Niethammer von 1 - 2 DDR-Historikern begleitet wird, die ebenfalls Bürger interviewen. Die Ergebnisse dieser Befragung könnten für die wissenschaftliche und geschichtspropagandistische Arbeit von Bedeutung sein.« Dem Wunsch Niethammers auf Archivbenutzung könne nach Auffassung der ZK-Abteilung Sicherheitsfragen nicht entsprochen werden. »Die von ihm erwünschten Akten betreffen Forschungsthemen, die politisch brisant sind. Die Materialien darüber sind auch für Wissenschaftler aus sozialistischen Ländern noch nicht freigegeben. Selbst unseren Historikern waren und sind die dafür betreffenden Quellen nur in beschränktem Maße zugänglich.« Im Falle eines positiven Entscheids zu den Befragungen müsse das Vorhaben auf DDR-Seite gut vorbereitet werden. »Die betreffenden Bezirksleitungen müßten informiert und um Hilfe gebeten werden.« Es sei zu entscheiden, ob für die Angelegenheit ein Sekretariatsbeschluß notwendig ist. Kurt Hager befürwortet auf dieser Grundlage das Vorhaben mit der Begründung »a) daß er Verbindungen zu J. Rau hat, der sich an Genossen Moldt wenden will; b) daß er in Reinhardtsbrunn war, unsere Historiker ihn also kennen müssen; c) daß Befragungen dieser Art keinen Schaden für uns bringen werden.«12 So geschah es denn auch. Ausgewählte Zeitzeugen bezeugten gegenüber den ausgewählten westdeutschen Alltagsforschern, was erwartet wurde. Niethammers engster Begleiter war Olaf Groehler. Die Anwendung einer Untersuchungsmethode, deren besonderer Erkenntniswert gerade aus der ergebnisoffenen und möglichst sogar repräsentativen Auswahl der zu befragenden Bekenntnisträger resultiert, kam gar nicht zum Tragen. Befragt wurde eine zum Teil legendengestählte Falschspielerauswahl, deren Antworten dem damals offiziell Gewünschten überwiegend entsprachen.
Die Zusammensetzung der erwähnten Historikertreffen ist übrigens auch aus heutiger Perspektive noch durchaus von Belang.13 Vom 9. bis 13. Dezember 1985 trafen sich SED-Dogmatiker vom Schlage Badstübner, Benser und Groehler mit ausgesuchten »fortschrittlichen« West-Historikern, um sich im Schloß Reinhardsbrunn über das Jahr 1947 auszutauschen. Aus Westdeutschland reisten an: Hans-Jürgen Schröder (Gießen), Ludolf Herbst (München IfZ), Othmar Nikola Haberl (Essen), Christoph Kleßmann (Bielefeld), Lutz Niethammer (Hagen), Hans-Dietrich Geyer (Tübingen), Dietrich Staritz (Mannheim), Wilfried Loth (Münster), Wolfgang Benz (IfZ München), Ulrich Borsdorf (Essen), Ulrich Herbert (Hagen).14 Das MfS hatte Beobachter wie Olaf Groeler (IM der HVA) direkt im Spiel, erhielt aber auch auf Umwegen Informationen über die Eindrücke westdeutscher Teilnehmer. Durch Berichte von IM »Robert« alias Jochen Staritz, der über dementsprechende Gespräche mit seinem Bruder Dietrich Staritz berichtete.
In den folgenden Jahren folgten weitere Zusammenkünfte des illustren Kreises, immer begleitet von der huldvollen Zuneigung der Herrschenden und auf allen Ebenen gut vorbereitet. Im Juli 1988 gab das ZK-Sekretariat zum vorletzten Mal sein Plazet: »3. Geschichtswissenschaftliches Kolloquium von Zeithistorikern aus der DDR und der BRD in Bad Stuer (5. - 9. Dezember 1988) zum Thema: ›Kultur und Wissenschaft im Kampf gegen Krieg und zur Überwindung des Faschismus‹. Die Vorlage wird bestätigt.« Die Vorlage hatten ausgearbeitet: Prof. Dr. Olaf Groehler, Stellv. Direktor des Zentralinstituts für Geschichte und Dr. Evemarie Badstübner-Peters, Forschungsgruppenleiterin im Wissenschaftsbereich Kulturgeschichte-Volkskunde des Zentralinstituts für Geschichte. Im Text des Beschlusses heißt es:
»1. Das Sekretariat des ZK stimmt der Durchführung des Kolloquiums zwischen Zeithistorikern aus der DDR und der BRD zu, das eine Fortsetzung der 1984 in Hagen (BRD) begonnen und in Reinhardsbrunn (1985) sowie in Bad Homburg (1987) weitergeführten Diskussionen darstellt.
2. Der DDR-Delegation gehören 15 Historiker an. Die Zusammensetzung der DDR-Delegation ist mit der Abteilung Wissenschaften abzustimmen. Delegationsleiter ist Gen. Prof. Dr. Olaf Groehler.
3. Aus der BRD nehmen auf Einladung 10 Historiker teil. Leiter der BRD-Delegation ist Prof. Dr. Lutz Niethammer von der Fernuniversität Hagen.«
Zur Begründung der Konferenz hieß es: »Probleme der Kultur und der Lebensweise der Volksmassen geraten immer stärker in das Spannungsfeld der Dialogpolitik und des Wettstreits der Systeme. Daher soll das geplante Kolloquium von kulturpolitischen Aktivitäten deutscher Antifaschisten im Kampf gegen Faschismus, Krieg und Kriegsfolgen ins Blickfeld rücken und die Bedeutung dieses wichtigen kulturellen Erbes für die Kämpfe der Gegenwart erörtern. Zugleich wird es dazu dienen, die kulturellen Traditionen der revolutionären deutschen Arbeiterbewegung darzulegen sowie die kulturpolitischen Erfahrungen und kulturellen Errungenschaften der DDR zu verdeutlichen, die – eingebettet in die revolutionäre Umgestaltung der gesamten Macht- und Besitzverhältnisse – als Ergebnis der antifaschistisch-demokratischen Erneuerung der deutschen Kultur entstanden. Diese tiefgreifenden kulturellen Umwälzungen schufen die Grundlage dafür, daß Antifaschismus und Antimilitarismus unverrückbare Bestandteile der sozialistischen Kultur der DDR bilden.«15
Der ehemalige Kampfgruppenkommandeur Olaf Groehler durfte nach dem Ende der DDR noch eine Weile im Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung arbeiten. Er saß im Kuratorium der Gedenkstätte Buchenwald, wo er mit Ulrich Herbert den 1984 begonnen fruchtbaren Dialog fortsetzen konnte.16 Erst als durch Mitglieder des Unabhängigen Historikerverbandes seine frühere Zusammenarbeit mit dem MfS bekannt gemacht wurde, endete die Postwendekarriere Groehlers. Sein ehemaliger Schützling Niethammer beobachtete die Entwicklung nach 1990 voller Mißmut. Ganz im Sinne seiner früheren Kooperationspartner aus der SED-Historikerzunft klagte er, daß »die ostdeutsche Gesellschaft vom Einzug des westlichen Wirtschaftssystems rasiert wird«.17 Es versteht sich von selbst, daß Lutz Niethammer (in der taz) und Ulrich Herbert (im Tagesspiegel) zu den vehementesten Befürwortern der neuesten Arbeitsbeschaffungsmaßnahme in Sachen »ostdeutsche Gesellschaft« – vorgetragen durch die »Sabrow-Kommission« – gehörten. Rasiert oder unrasiert, aus der Erforschung des DDR-Alltags läßt sich noch viel Kapital schlagen, »Paradigmenwechsel« samt »neuer Narrative« inklusive. Nur zu dumm, daß sich die meisten Interviewpartner Niethammers aus dem Jahre 1987 nach dem Ende der »sozialrevolutionären Übergangsgesellschaft« nicht mehr befragen lassen wollten. Man wird neue finden, keine Frage.
Jochen Staadt, Dr. phil., geb. 1950 in Bad Kreuznach. 1968 Studienbeginn an der Freien Universität Berlin. 1977 Dissertation über Romane der DDR. Diverse Veröffentlichungen über die westdeutsche Studentenbewegung von 1968, zur DDR und über deutsch-deutsche Beziehungsgeschichten, Projektleiter im Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin.
1 Vgl. Lüdtke, Alf (Hg.): Alltagsgeschichte. Zur Rekonstruktion historischer Erfahrungen und Lebensweisen, Frankfurt/New York 1989.
2 Ders.: Was ist und wer treibt Alltagsgeschichte, ebd. S. 37.
3 Der Verfasser verweist auf seine Mitarbeit an einem Oral History-Projekt, das 1986/87 mit einem Wissenschaftlerteam aus Frankreich, Italien, Großbritannien und den Vereinigten Staaten eine vergleichende Untersuchung zur »Generation 68« erarbeitet hat. Vgl.: Fraser, Ronald: 1968. A Student Generation in Revolt, New York und London 1988. Editor Ronald Fraser war mit seiner Untersuchung über den spanischen Bürgerkrieg (Blood of Spain) einer der Väter der britischen Oral History. Zur DDR-Alltagsforschung: Staadt, Jochen: Eingaben. Die institutionalisierte Meckerkultur in der DDR, Berlin 1996.
4 Vgl. BArch SgY 30. Diese Sammlung aus dem ehemaligen IML enthält rund 2.000 Lebenserinnerungen und Erinnerungen v. a. an Persönlichkeiten und Ereignisse der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung, zum Widerstand gegen das NS-Regime, zur deutschen Emigration vor und während des Zweiten Weltkrieges und zur Entwicklung in der SBZ und DDR.
5 Niethammer, Lutz: Annäherung an den Wandel. Auf der Suche nach der volkseigenen Erfahrung in der Industrieprovinz der DDR, in: Lüdtke (Hg.): Alltagsgeschichte, S. 332.
6 Ebd., S. 285.
7 Ebd., S. 335.
8 Erst nach der Wiedervereinigung erschien dann Niethammer, Lutz: Die volkseigene Erfahrung. Eine Archäologie des Lebens in der Industrieprovinz der DDR, Berlin 1991. Das Buch entstand unter Mitarbeit von Dorothee Wierling und Alexander von Plato.
9 Niethammer, Lutz: Prolegomena zu einer Geschichte der Gesellschaft der DDR, in: Kaelble, Hartmut; Kocka, Jürgen und Zwahr, Hartmut (Hgg.): Sozialgeschichte der DDR, Stuttgart 1994, S. 96 u. 97.
10 Niethammer, Lutz (Hg.): Der »gesäuberte« Antifaschismus. Die SED und die roten Kapos von Buchenwald, Berlin 1994, S. 58.
11 Ders.: Biographie und Biokratie. Nachgedanken zu einem westdeutschen Oral History-Projekt in der DDR fünf Jahre nach der deutschen Vereinigung, in: Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen Forschung Nr. 37, Februar 1996, S. 372 f.
12 Der Schriftwechsel zur Vorabstimmung des Oral History-Projektes findet sich SAPMO-BArch, ZPA, vorl. SED 40128, Bestand Büro Kurt Hager.
13 Vgl. hierzu auch: Schroeder, Klaus u. Staadt, Jochen: Der diskrete Charme des Status quo: DDR-Forschung in der Ära der Entspannungspolitik, Berlin 1993. Dies.: Die Kunst des Aussitzens, Berlin 1994; Dies.: Zeitgeschichte in Deutschland vor und nach 1989, APuZ v. 20. Juni 1997.
14 Vgl. BStU, ZA, AIM 9297/91 II/1, IM-Unterlagen zu Jochen Staritz. Der bespitzelte Bruder Dietrich war von 1960 bis 1973 selbst als IM »Erich« für das MfS im Westen aktiv.
15 Sekretariat des ZK der SED: Protokoll Nr. 81 des Sekretariats des ZK der SED vom 19. Juli 1988. SAPMO-BArch, DY 30, IPA, IV 2/3A/4715.
16 Vgl. Herbert, Ulrich u. Groehler, Olaf: Zweierlei Bewältigung. Vier Beiträge über den Umgang mit der NS-Vergangenheit in den beiden deutschen Staaten. Hamburg 1992. Zu Ehren des inzwischen verstorbenen DDR-Historikers Groehler sei auf seine späteren Veröffentlichungen hingewiesen, in denen er sich kritisch mit den Konsequenzen des Antizionismus seiner ehemaligen Partei SED auseinandersetzte. Vgl. Groehler, Olaf u. Kessler, Mario: Die SED-Politik, der Antifaschismus und die Juden in der SBZ und der frühen DDR, Berlin 1995.
17 Niethammer: Prolegomena, S. 96.
Anmerkung der Redaktion:
Über sein Oral History-Projekt in der DDR hat sich Lutz Niethammer in mehreren Arbeiten kritisch geäußert, wobei auch Recherchen in der BStU und im Bundesarchiv Berlin mit eingeflossen sind: Niethammer, Lutz: Biografie und Biokratie. Nachgedanken zu einem westdeutschen Oral History-Projekt in der DDR fünf Jahre nach der deutschen Vereinigung, in: Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen Forschung 19, Heft 37, 1996; Vorwärts und nicht vergessen – Nach dem Ende der Gewißheit. 56 Texte für Dietrich Mühlberg zum 60., S. 370 - 387; und: Ders.: Ego-Histoire? und andere Erinnerungs-Versuche S. 17 ff. sowie Anm. 10, S. 281ff.
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